Inhaltsangabe
Zwischen Heimkehr, Herzklopfen und alten Wunden …
Nach vier Jahren in Toronto kehrt Amelie als frisch ausgebildete Tierärztin nach Crystal Lake zurück. Eigentlich sollte sie stolz sein – doch je näher sie den vertrauten Rocky Mountains kommt, desto lauter werden die Zweifel. In ihrer Heimat wartet nicht nur ihre Familie auf sie, sondern auch der Mann, dessen Herz sie einst mit ihrer Entscheidung für ein Stipendium gebrochen hat – und den auch sie nie vergessen konnte.
William Anderson hat gelernt, ohne Amelie zu leben. Zwischen Autowerkstatt, seinen Brüdern und dem Anderson Pub hat er sich ein neues Leben aufgebaut und verbirgt seine Gefühle hinter einer kühlen Fassade. Doch als Amelie plötzlich wieder vor ihm steht, brechen seine mühsam errichteten Mauern schneller, als ihm lieb ist, und die Erinnerung an das, was sie verloren haben, kehrt mit voller Wucht zurück.
Crystal Lake ist klein – ein Ausweichen unmöglich. Zwischen zufälligen Begegnungen, hitzigen Wortgefechten und Blicken voller Knistern, die viel zu lange dauern, flammt eine Anziehung auf, die nie ganz verschwunden war. Als sie ausgerechnet gemeinsam ein traditionsreiches Stadtfest organisieren müssen, werden alte Wunden wieder aufgerissen – und neue Hoffnungen geweckt.
Während Amelie zwischen dem Traum einer eigenen Praxis, familiären Erwartungen und ihrem Herzen hin- und hergerissen ist, steht William vor der Frage, ob Vertrauen ein zweites Mal möglich ist.
Denn manchmal entscheidet nicht die Vergangenheit darüber, wohin man gehört – sondern der Mut, für seine Zukunft zu kämpfen.
Leseprobe
Der Wind zerrte an seinen Haaren, während er den Kickstarter seines Motorrads weiter durchdrückte. Die Geschwindigkeit, in der er über die endlose Straße raste, ließ die Schwere in seiner Brust leichter werden. Endlich konnte er wieder befreit atmen. Er wollte sich leicht fühlen, seine Sorgen und Ängste abschütteln. Das gelang ihm nur hier draußen, mit 150 PS unter sich und dem Dröhnen des Motors in den Ohren.
Diese Lösung hatte er nach Amelies Verschwinden gefunden. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, den Kopf freizubekommen, ohne von seinen eigenen Emotionen erdrückt zu werden. Wenn seine Brüder wüssten, mit welcher Geschwindigkeit er unterwegs war, würden sie ihm den Kopf abreißen. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Wäre er vernünftig, würde er langsamer fahren.
Er drosselte die Geschwindigkeit, und sofort schob sich Amelies Gesicht wieder in den Vordergrund seiner Gedanken. Mit bitterer Klarheit wurde ihm bewusst, dass sie es sogar geschafft hatte, in den einzigen Bereich einzudringen, der bisher ihm allein gehört hatte. Die Gedanken an sie holten ihn überall ein.
Mit zusammengebissenen Zähnen bog er von der Hauptstraße ab und hielt vor einem Blockhaus an. Hundegebell hallte über den Hof. In den Zwingern sprangen die Huskys aufgeregt auf und ab, sobald sie ihn bemerkten.
Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er stieg ab, zog die Handschuhe aus und ging zu den Zwingern. Die Hunde drückten die Nasen gegen das Gitter, schnupperten hektisch.
„Na, ihr Racker. Habt ihr mich vermisst?“
Er kniete sich hin, schob die Hand durch den Zaun und ließ sich von kalten Nasen und warmen Zungen begrüßen.
„Du bist lebensmüde! Wenn Noah sieht, dass du ohne Helm gefahren bist, bringt er dich um.“
Er drehte sich um. Sophie kam auf ihn zu, die Hände in den Hüften abgestützt, ein wissendes Funkeln in den Augen.
William senkte den Blick wieder zu den drei Huskys, die sich fast überschlugen, um an ihn heranzukommen. Das Bellen war leiser geworden und einem freudigen Jaulen gewichen.
„Wenn du mich nicht verrätst, erfährt er nie etwas davon“, sagte er und stand auf. Er deutete mit dem Daumen auf die Zwingeranlage. „Kann ich zu ihnen rein? Sonst nehmen sie gleich den Zaun auseinander.“
Sophie stieß ein lautes Seufzen aus. „Von mir aus. Die drehen immer durch, wenn du einmal im Monat hier auftauchst. Du musst sie also wieder runterbringen.“
„Also bin ich heute offiziell der Huskyflüsterer.“
„Nenn es, wie du willst“, murmelte sie, doch ihre Mundwinkel zuckten.
William ging zu der kleinen Tür, die vom Haus aus in den Innenbereich der Hundezwinger führte. In der Hundeküche roch es nach Trockenfutter, feuchter Erde und Fell. Kaum hatte er den Innenraum betreten, stürmten Falko, Stella und Cocky auf ihn zu. Lucky, Momo und Summer drängten sich dicht dahinter. Nur Chico, der alte Rüde, und Sky blieben in ihren Körben liegen und beobachteten aufmerksam die Szene.
„Schon gut, ich habe nur zwei Hände“, sagte William lachend und versuchte, alle nacheinander zu streicheln. Cocky stellte sich auf die Hinterbeine und leckte ihm quer über die Wange. William prustete und drückte den Rüden sanft weg.
Die Unruhe in seinem Innern ebbte ein wenig ab. Die Hunde waren einfach nur Hunde. Sie stellten keine Fragen, wühlten nicht in seiner Vergangenheit. Sie freuten sich, weil er da war. So simpel konnte die Welt sein.
Summer schnappte sich ein quietschendes Huhn und drehte sich damit im Kreis. Das schrille Geräusch brachte Sophie dazu, den Kopf zu schütteln.
„Ich hätte schwören können, ich hätte dieses Ding weggeräumt“, murmelte sie und kraulte Sky hinter den Ohren.
William ließ sich auf dem Holzboden nieder. Cocky umrundete ihn schwanzwedelnd, Stella legte sich neben ihn und legte ihm den Kopf auf den Oberschenkel. Warmes Fell, ruhiger Atem. Er strich ihr über den Kopf und spürte, wie er sich entspannte.
„Ich habe Amelie vor ein paar Tagen im Büchercafé getroffen“, sagte Sophie schließlich etwas zögerlich. „Sie scheint sehr nett zu sein.“
Seine Schultern spannten sich an. „Ich möchte nicht über sie reden.“
Er konzentrierte sich auf Stellas Fell zwischen seinen Fingern. Das weiche Unterfell, die kräftigen Muskeln. Alles war ihm lieber als Sophies prüfender Blick.
„Warum bist du dann hier?“ Die ruhige Stimme seines Bruders ertönte hinter ihm.
William sah auf. Noah stand in der Tür, die Hände an den Türrahmen gelehnt. Stella trottete zu ihm, wedelte, aber nicht halb so überschwänglich wie bei William. Kein Wunder. Noah war täglich hier. William kam nur, wenn er das Gefühl hatte, an seinen Emotionen zu ersticken.
Sophie räusperte sich. „Wie wäre es mit einem Spaziergang? Ihr nehmt Momo und Sky mit, dann kommst du auf andere Gedanken.“
Noah legte ihr kurz die Hand auf den Rücken und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Gute Idee.“
Ein paar Minuten später machten sie sich zu viert auf den Weg. Noah und William gingen Seite an Seite, während Momo und Sky frei um sie herumliefen und mit gesenkten Nasen den Boden absuchten. Der schmale Pfad zog sich in weichen Kurven durch den Wald, und zwischen den Stämmen tanzten helle Lichtflecken auf dem moosigen Boden.
„Ich habe nichts dagegen, dass du uns besuchst“, begann Noah, als sie etwas Abstand zum Hof hatten. „Aber ist ohne Helm zu fahren und dann zu uns zu flüchten wirklich das, was dir guttut?“
William steckte die Hände in die Hosentaschen und beobachtete die Hunde. Momo schnupperte an einem Strauch, Sky hob den Kopf und lauschte.
„Es beruhigt mich, hier zu sein“, antwortete William schließlich. „Außerdem war ich viel zu lange nicht mehr da.“
Eine Weile schwiegen sie. Zweige knackten unter ihren Stiefeln. Vogelrufe und das Rauschen der Blätter waren zu hören.
„Ich hatte gehofft, es würde dir besser gehen“, sagte Noah leise. „Glaub mir, ich weiß ziemlich genau, wie sich das anfühlt. Nach dem Unfall von Mom und Dad bin ich auch nur noch mit den Hunden los und habe alle anderen ausgesperrt.“
William verzog den Mund. „Du hattest Sophie. Das hat vieles verändert.“
Noah lächelte kurz. „Ja. Aber bevor sie mich wachgerüttelt hat, war ich ein ziemliches Wrack. Ich habe gedacht, wenn ich niemanden an mich ranlasse, kann mich auch keiner verlieren. Oder ich niemanden.“
William ballte die Hände in den Taschen zu Fäusten. Noah verstand ihn besser als alle anderen. Die anderen Brüder wollten ihn aufheitern, Witze machen, ihn wieder mehr im Pub sehen. Noah ließ ihn einfach sein, bohrte aber genau dort nach, wo er am verletzlichsten war.
„Ich will, dass sie zugibt, genauso gelitten zu haben wie ich“, sagte William. „Aber ich traue mich nicht, ihr die Frage zu stellen. Was, wenn sie komplett über mich hinweg ist? Vielleicht hatte sie die letzten Jahre eine Beziehung nach der anderen.“
Er fuhr sich durchs Haar und merkte, dass es nun noch wilder abstand. Es war ihm egal.
Noah blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu ihm um. „Selbst wenn es so wäre, musst du damit klarkommen. Die Frage ist nicht, was sie in Toronto gemacht hat, sondern wo du jetzt stehst. Hast du mit ihr gesprochen? Ich meine wirklich gesprochen. Über damals. Über deine Gefühle für sie, die Mine, das Stipendium. Über das, was euch auseinandergebracht hat.“
William knirschte mit den Zähnen. „Nein.“
Noah pfiff, und die Hunde kehrten zu ihm zurück. Dann setzte er sich wieder in Bewegung, diesmal in Richtung Hof. William folgte ihm.
„Dann fang damit an“, sagte Noah. „Sprich mit ihr. Sag ihr, wie es dir ging. Hör dir an, wie es für sie war. Vielleicht ist es für sie genauso schwer, wieder hier zu sein und dir ständig zu begegnen.“
Williams Schritte stockten kurz. Bisher hatte er sich nur ausgemalt, wie leicht sie es in Toronto gehabt haben musste. Neues Leben, neue Leute, neue Möglichkeiten. Er hatte sich nicht gefragt, ob es wirklich so gewesen war.
Er erinnerte sich daran, dass sie nie gern über ihre eigenen Probleme geredet hatte. Er war derjenige gewesen, der mit Sorgen zu ihr kam. Sie hatte zugehört, ihn aufgefangen. Wenn sie selbst etwas belastet hatte, musste er ihr die Worte praktisch aus der Nase ziehen.
„Meinst du wirklich, es würde danach leichter werden?“ Seine Stimme klang rau.
Noah warf ihm einen kurzen Blick zu. „Es wird anders“, sagte er. „Egal, was sie sagt. Du musst irgendwann einen Schlussstrich ziehen. Entweder ihr findet einen neuen Weg für euch oder du lässt sie los. Aber so wie jetzt könnt ihr nicht ewig umeinander herumkreisen.“
William starrte auf die Pfotenabdrücke der Hunde im Waldboden. Für ihn klang das viel zu einfach. Ein Gespräch, ein paar Tränen, und alles wäre gut. So lief das nicht. Aber irgendwo tief in ihm regte sich ein Rest Hoffnung, den er am liebsten zertreten hätte. Zu diesem Funken gesellte sich eine andere Vorstellung, die er genauso ungern zuließ: Wie es wäre, wenn sie wieder zusammen wären. Wenn die vier Jahre dazwischen wie eine Lücke in einer Geschichte wären, die wieder aufgenommen wurde. Allein dieser Gedanke ließ sein Herz schneller schlagen.
Seufzend schloss er zu Noah auf. Er konnte tun, was sein Bruder sagte, oder weiter vor allem davonlaufen. So richtig glücklich war er damit in den letzten vier Jahren aber nicht geworden.
Am Haus verabschiedete er sich von Sophie und den Hunden. Noah begleitete ihn zum Motorrad.
„Danke für deinen Rat“, sagte William „Ich treffe mich heute wieder mit Amelie im Rathaus.“
Noah verschränkte die Arme und lehnte sich gegen einen Zaunpfahl, während William aufstieg. „Und? Hast du dir überlegt, wie du das Gespräch anfängst?“
William zögerte. „Noch nicht. Ich dachte, ich lasse es auf mich zukommen.“
„Großartiger Plan“, kommentierte Noah trocken. Dann trat er einen Schritt näher. „Pass auf dich auf, Kleiner. Und wenn du das nächste Mal ohne Helm fährst, erzähle ich Charlie und Dave davon.“
William verzog das Gesicht. „Du würdest mich wirklich verpetzen.“
„Mit Vergnügen“, erwiderte Noah. „Charlie würde dir dann einen moralischen Vortrag halten, und Dave würde dir ungefähr zwanzig verschiedene Arten aufzählen, wie man sich beim Motorradfahren umbringen kann. Das wird ein Spaß.“
Noah grinste, klopfte ihm auf den Rücken und ging zurück zum Haus.
William schnaubte, setzte sich und startete den Motor. Beim Gedanken an ein intensives Treffen mit seinen Brüdern lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Also hielt er sich diesmal an die Regeln und fuhr langsamer nach Crystal Lake. Das Gespräch mit Noah hatte ihn mehr aufgerüttelt, als er sich eingestehen wollte. Zum ersten Mal seit Amelies Rückkehr hatte er so etwas wie einen Plan. Halbwegs. Vielleicht war es an der Zeit, sich der Sache zu stellen, anstatt nur dagegen anzukämpfen.
Pünktlich um vierzehn Uhr parkte er vor dem Rathaus. Amelie stand bereits auf dem Platz, den Blick auf die Holzskulpturen gerichtet, die Joshua für den letzten Kreativmarkt geschnitzt hatte. Sie strich mit den Fingern über eine Bärenskulptur, schien ganz in Gedanken versunken.
Vor seinem inneren Auge tauchte das Bild von damals auf. Sie beide auf dem Kreativmarkt, Zuckerwatte in der einen, geröstete Mandeln in der anderen Hand. Ihre kinnlangen Haare steckten unter einer viel zu großen Baseballcap, die er ihr ständig vom Kopf geklaut hatte.
Jetzt fielen ihre rotbraunen Locken bis auf die Schultern. Sie trug eine zitronengelbe Bluse, deren Ausschnitt ihre Brüste betonte, dazu einen knielangen Rock und hochhackige Sandalen. Eine blaue Handtasche hing über ihrer Schulter. Äußerlich war sie eine andere geworden. Trotzdem war sie ihm vertraut wie niemand sonst.
Amelie drehte sich um und entdeckte ihn. Ihre Augen weiteten sich kurz, dann glitt ein vorsichtiges Lächeln über ihr Gesicht. William spürte, wie sich seine Schultern unwillkürlich anspannten.
Was zum Teufel hatte sie an sich, dass sein Herz immer noch stolperte, wenn sie ihn ansah? Sie war diejenige, die gegangen war.
Als sie näher trat, erreichte ihn ein zarter, süßlicher Duft. Sie hatte sich geschminkt, der Gloss ließ ihre Lippen glänzen. Diese Frau hatte mit dem Mädchen von damals nicht mehr viel gemein. Und doch war es dieselbe Person, das spürte er bis in jede seiner Zellen.
„Du hast eine neue Maschine“, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über den Tank. „Sieht schnell aus.“
„Seit zwei Jahren“, erwiderte er so neutral wie möglich.
„Sie ist schön.“ Ihre Hand glitt über den Lack. „Deine alte hat immer gestreikt, wenn wir irgendwo hinwollten. Weißt du noch, als sie direkt vor dem See den Geist aufgegeben hat und wir den ganzen Weg zurücklaufen mussten?“
Natürlich erinnerte er sich. An den warmen Abend, an das Wasser, an den Kuss, den sie ihm damals gestohlen hatte. Er presste die Lippen zusammen.
„Die alte war in Ordnung“, murmelte er.
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Du warst schon immer schlecht darin, Komplimente anzunehmen.“
Er schluckte. Verdammt, sie wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste. Es reichte, wie sie ihn ansah, und sein Herz schlug schneller. Er zwang sich, an die Aufgaben zu denken.
„Wir haben viel zu tun.“ Er stieg ab und ging auf das Rathaus zu. „Kommst du?“
Sie nickte, und als sie an ihm vorbeiging, nahm er ihren Duft tiefer wahr. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen, was er sofort verdrängte.
Im Foyer begrüßte Ms. Fitsch sie, die hinter dem Tresen saß.
„Wir wollen heute auf den Dachboden“, erklärte William. „Charlie meinte, dort oben könnten noch Verkleidungssachen und Dekoration liegen.“
„Eine hervorragende Idee“, antwortete die Sekretärin. „Ich bin seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Passen Sie nur auf, dass Sie da oben nicht stolpern. Bei meinem letzten Besuch war der Raum sehr vollgestellt.“
„Wir geben unser Bestes“, sagte William.
Er führte Amelie durch den Korridor nach hinten zu einer kleinen Abstellkammer. In der Decke befand sich eine Bodenluke mit einer Schnur. Er zog daran, und eine Holzleiter klappte mit einem Quietschen herunter. Eine Staubwolke löste sich von den Sprossen.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nach Ihnen, Miss Carter. Passen Sie auf, dass Sie den Staub der letzten hundert Jahre nicht einatmen.“
Ihre Augen blitzten kurz auf. „Du hättest gestern ruhig erwähnen können, dass wir auf einen staubigen Dachboden klettern. Dann hätte ich mir etwas anderes angezogen.“
Sie trat dicht an ihm vorbei, um zur Leiter zu gelangen. Ihre Hüfte streifte seine Hand, und für einen Moment nahm er die Wärme ihres Körpers deutlicher wahr, als ihm lieb war.
„Wo bliebe da der Spaß für mich?“, erwiderte er. „Ein bisschen Leiden steht dir gut.“
Sie drehte den Kopf halb zu ihm, so, dass er ihren Atem auf seiner Wange spürte. „Gut zu wissen, dass du es amüsant findest, mir beim Leiden zuzusehen“, flüsterte sie. „Ich hatte kurz gehofft, du hättest ein kleines Stück Mitgefühl behalten.“
Das kurze Aufflackern von Verletztheit in ihren Augen traf ihn unvorbereitet. Bevor er etwas erwidern konnte, begann sie den Aufstieg. Ihre nackten Beine waren direkt in seinem Blickfeld. Er zwang sich, auf ihre Hände zu schauen, die sich an den Sprossen festhielten.
Die Idee mit dem Dachboden war ihm spontan gekommen. Ein Teil von ihm hatte gewollt, dass sie sich unwohl fühlt. Dass sie ein bisschen von dem spürte, was ihn seit vier Jahren begleitete. Noahs Worte schoben sich dazwischen, leise, aber hartnäckig. Er schob sie zur Seite und folgte Amelie nach oben.
Oben war es dunkel. Als er blinzelte, klickte Amelie neben ihm auf einen Schalter. Die Lampen über ihnen flackerten und gingen an. Das Licht war schwach, reichte aber, um Staubpartikel in der Luft glitzern zu lassen. Möbel standen kreuz und quer. Zwischen den alten Schränken und Kisten zog sich ein schmaler Gang hindurch.
„Ich hoffe, du hast keine Angst vor Fledermäusen“, sagte Amelie in auffällig beiläufigem Ton. Sie ließ den Blick über die Balken unter dem Dach schweifen.
William spürte, wie ihm heiß wurde. „Die fliegen schon nicht einfach auf uns zu“, murmelte er und sah sich schnell um, ob irgendwo etwas flatterte.
Sie hob eine Ecke eines weißen Lakens hoch. Darunter kamen ein Schreibtisch und ein paar Stühle zum Vorschein. „Also. Wir suchen Kisten mit Verkleidungssachen. Sonst noch Wünsche?“
„Charlie meinte, es könnte noch Krimskrams aus der Goldgräberzeit geben“, sagte William. „Irgendwelche alten Geräte. Wenn wir die finden, können wir sie später in der Werkstatt reinigen und fürs Fest benutzen.“
Er deutete absichtlich in die dunkelste Ecke ganz hinten. „Du kannst dahinten bei den Schränken anfangen. Ich schaue hier nach.“
Ein kaum merkliches Zucken ging über ihr Gesicht, doch sie sagte nichts. Ihre Augen funkelten kurz, dann ging sie nach hinten und öffnete die erste Kiste.
Die ersten vier Kisten, die William durchsuchte, entpuppten sich als Reinfall. Alte Ordner, kaputte Kabel, ein verbeulter Ventilator. Kein einziges Kostüm. Er hörte, wie Amelie weiter hinten eine Kiste nach der anderen öffnete.
„Ich habe etwas gefunden“, rief sie plötzlich, ihre Stimme klang gedämpft.
William richtete sich auf und sah sich um. Er konnte sie nicht erkennen. „Wo bist du?“
Er bahnte sich den Weg zwischen zwei Schränken hindurch nach hinten, doch der halbdunkle Bereich schluckte ihre Konturen. „Hör auf mit dem Versteckspiel, ich habe keine Lust auf …“
„Achtung, Fledermäuse!“
Etwas Schwarzes flog auf ihn zu. William riss die Arme hoch und schlug nach dem Ding, ein erschrockenes Geräusch blieb ihm in der Kehle stecken. Sein Herz raste, bis ihm das Lachen auffiel.
Amelie trat hinter einer Kommode hervor. In ihrer Hand hielt sie einen schwarzen Stofffetzen, der im Flug erstaunlich lebensecht gewirkt hatte.
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen“, keuchte sie vor Lachen. „Ich hätte ein Foto machen sollen. Das war unbezahlbar.“
William spürte, wie die Hitze von seinen Ohren bis in den Nacken kroch. Er bückte sich, hob den Stoff auf und ließ ihn wieder fallen.
„Sehr witzig“, knurrte er und marschierte zur Leiter zurück. Seine Hand legte sich um den Lichtschalter.
Amelie stemmte eine Hand in die Hüfte. „Na komm schon, das war ein kleiner Scherz. Aber offenbar sind Fledermäuse immer noch dein wunder Punkt.“
Er sah sie an. In seiner Brust mischte sich Beschämung mit verletztem Stolz und dem dumpfen Groll der letzten Jahre.
„Mal sehen, wie lustig du Dunkelheit findest“, sagte er und knipste das Licht aus.
Der Dachboden versank in Finsternis. Erst herrschte eine Sekunde Stille. Dann ein spitzer Schrei.
„William, mach sofort das Licht wieder an!“ Ihre Stimme klang höher, als er sie kannte. „Das ist nicht witzig. Hör auf!“
Etwas Polterndes ertönte, gefolgt von einem dumpfen Aufprall.
„Autsch! Verdammt. William!“
Er fluchte leise, tastete nach dem Schalter und knipste die Lampen wieder an.
Amelie stand hinten zwischen zwei Kisten, ein Stapel Kartons war umgekippt, eine Holzkiste lag seitlich auf dem Boden. Sie hielt sich das Schienbein und blinzelte gegen das Licht an. In ihren Augen glitzerten Tränen.
William setzte zu einem spöttischen Kommentar an und verstummte. Der Anblick traf ihn unvorbereitet.
„Ich weiß, dass du wütend auf mich bist“, fauchte sie, bevor er etwas sagen konnte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. „Aber dein Hass geht mir zu weit. Das hier habe ich nicht verdient.“
Sie machte einen Schritt an ihm vorbei, doch automatisch griff seine Hand nach ihrem Arm. Der Ruck ließ sie gegen seine Brust stolpern. Ihr Duft stieg ihm in die Nase, warm und vertraut.
„Amelie, warte“, brachte er hervor.
Sie blickte zu ihm auf, war so nah, dass er die einzelnen goldenen Sprenkel in ihren Augen erkennen konnte. Ihr Atem strich über seine Haut. Er spürte ihren Herzschlag, schnell und unregelmäßig, direkt dort, wo ihre Brust seine berührte.
Er wollte ihr sagen, wie sehr sie ihn verletzt hatte, wie viele Nächte er wach gelegen hatte, weil sie nicht gekommen war. Er wollte ihr jedes Wort an den Kopf werfen, das ihm seit Jahren auf der Zunge lag. Doch nichts davon kam über seine Lippen.
Stattdessen beugte er sich unwillkürlich ein Stück zu ihr. Ihre Lippen waren nur noch eine Handbreit von seinen entfernt. Sie atmete flach. Die Hände, eben noch zu Fäusten geballt, hielten sich an seinem Hemdkragen fest.
Wenn er sie jetzt küsste, würde er alles einreißen, was er sich mühsam aufgebaut hatte. Den Schutzwall aus Wut, den Abstand, der ihn halbwegs funktionstüchtig gemacht hatte.
Ihre Lippen öffneten sich leicht, eine stumme Einladung.
In diesem Moment wurde ihm schmerzhaft bewusst, dass all die Jahre nichts geändert hatten. Er war immer noch hoffnungslos in sie verliebt, trotz allem, was zwischen ihnen lag.
„Ich hasse dich nicht, Amy“, flüsterte er.
Der alte Kosename entwich ihm, bevor er ihn zurückhalten konnte. Röte schoss in ihre Wangen.
Er senkte den Kopf weiter, bis sein Atem ihre Haut streifte. In seinem Inneren rief die Stimme der Vernunft, dass das ein Fehler war. Gleichzeitig fühlte sich nichts richtiger an als dieser Moment.
„Sind Sie fündig geworden?“
Die Stimme von Ms. Fitsch hallte von unten zu ihnen hinauf. William fuhr zusammen, ließ Amelie los und machte hastig einen Schritt zurück. Die Luft zwischen ihnen kühlte spürbar ab.
Die Sekretärin tauchte keuchend auf der letzten Sprosse auf und hielt sich an der Luke fest. „Du liebe Zeit, diese Leiter bringt mich um“, schnaufte sie und betrachtete die beiden mit einem prüfenden Blick. „Ich dachte, ich schaue nach, ob Sie noch leben. Hier oben hat sich bestimmt seit Jahren niemand mehr blicken lassen.“
„Wir sind … ganz gut beschäftigt“, brachte William hervor und zwang seine Stimme zur Ruhe.
Amelie wandte den Blick ab, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und ging zu den Kisten, die sie vorher durchgesehen hatte.
„Ich glaube, dort drüben waren die Kostüme“, erklärte Ms. Fitsch und zeigte zu dem Bereich, in dem Amelie kurz zuvor gestanden hatte.
Gemeinsam suchten sie weiter. Schließlich fanden sie fünf Kisten voller Kostümstoffe und alter Kleidung. Amelie zog ein dunkelblaues Kleid heraus, in dessen Stoff kleine Löcher waren.
„Ein wahres Mottenparadies“, murmelte sie und hielt das Kleid gegen das Licht.
„Kein Wunder nach all den Jahren“, sagte Ms. Fitsch. „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich trommle meinen Nähclub zusammen. Die Damen freuen sich über eine Herausforderung. Endlich können die Kratzbürsten ihre Energie sinnvoll nutzen.“
Ihr schelmisches Grinsen ließ William kurz lachen.
Während die beiden Frauen die Kisten durchsuchten, entdeckte er im hinteren Teil des Dachbodens eine alte Holztruhe. Beim Öffnen knarrte das Scharnier. Darin lagen ein paar verrostete Siebe, Öllampen, ein alter Metallbehälter und mehrere Werkzeuge, deren Zweck er sich nur noch zusammenreimen konnte.
„Das hier sieht nach Originalteilen aus“, rief er.
Amelie trat neben ihn und beugte sich über die Truhe. „Perfekt für die Dekoration“, sagte sie leise. Diesmal sah sie ihn nicht an.
„Ich bringe die Sachen morgen in die Werkstatt und schaue sie mir genauer an“, sagte William.
„Und ich kümmere mich mit meiner Nähgruppe um die Kostüme“, ergänzte Ms. Fitsch zufrieden. „Das wird ein Spaß. Ich sehe schon, wie sie sich gegenseitig über die besten Nähte streiten.“
Sie begann vorsichtig den Abstieg. Jede Sprosse knarrte. Amelie stellte sich dicht an die Luke, die Hände leicht ausgestreckt, bereit, der älteren Frau notfalls zu helfen.
„Vorsicht, Ms. Fitsch“, rief sie. „Lassen Sie sich Zeit.“
„Danke, Liebes“, kam es von unten zurück.
William hob die erste Kiste mit Kostümen hoch und trug sie die Leiter hinunter. Das Gewicht drückte in seine Arme, doch die körperliche Anstrengung tat gut. Unten stapelte er die Kisten in der Kammer. Amelie folgte ihm.
Als sie schließlich wieder im Flur standen und er die Leiter hochklappte, herrschte einen Moment lang Schweigen zwischen ihnen. Staub hing in der Luft, durch das kleine Fenster im Gang fiel ein schmaler Lichtstreifen.
William klopfte sich die Hände an der Jeans ab. „Die Dekoration für das Fest lagere ich ab morgen in meiner Werkstatt. Da habe ich die Sachen besser im Blick.“
Amelie nickte. „Ich bringe die Kostümkisten morgen in die Bibliothek.“
Sie standen sich in der kleinen Kammer gegenüber. Die Luft war voll unausgesprochener Worte. Amelie öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sofort wieder. Ihre Finger spielten an dem Saum ihrer Bluse.
„Will“, begann sie schließlich leise. „Können wir nicht wenigstens einmal richtig …“
„Wir sehen uns morgen zur gleichen Zeit wieder hier“, fiel er ihr ins Wort. „Wir sollten zeitnah mit den Vorbereitungen für das Fest beginnen.“
Sie blinzelte, als hätte er ihr einen Stoß versetzt. „Schon klar“, flüsterte sie.
Er drehte sich um, bevor er etwas in ihrem Blick erkennen konnte, das seine Entschlossenheit ins Wanken bringen würde. Mit schnellen Schritten verließ er den Flur, nickte Ms. Fitsch im Vorbeigehen zu und trat auf den Rathausplatz hinaus.
Die kühle Luft schlug ihm entgegen. Er atmete tief durch, doch das Zittern in seinen Händen verriet ihn, als er den Motor startete. Auf dem Weg nach Hause ließ ihn ein Gedanke nicht los.
Vor vier Jahren war sie gegangen, ohne sich richtig zu verabschieden. Heute war er derjenige, der vor dem Gespräch floh. Die Ironie entging ihm nicht. Er wusste nur nicht, was er sich von ihr erhoffte. Oder doch. Ganz tief in ihm lag eine Antwort, die er nicht auszusprechen wagte.
Denn die Angst, noch einmal alles zu verlieren, war größer als jede Hoffnung.

















