Locke

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Teil der Serie: 2
Originaltitel: Locke (Portland Wildfire, #2)
Übersetzung: Paula Baker
Location: USAPortland
Buchtyp: Roman
Veröffentlichung: 10/2026
Preis eBook: 8,99 € (D)
Preis Print: 16,90 € (D)
ISBN eBook: 978-3-86495-878-6
ISBN Print: 978-3-86495-877-9
Inhaltsangabe

Er ist der gefährlichste Enforcer der Liga. Sie ist die Spezialistin, die herausfinden soll, ob er zu kaputt ist, um noch gerettet zu werden. Keiner von beiden ist darauf vorbereitet, was passiert, als die Wahrheit zurückschlägt.

Donovan Locke hat sich seinen brutalen Ruf mit Blut und Strafminuten verdient. Er ist ein wütender, unnahbarer Einzelgänger, der härter kämpft als alle anderen und niemanden an sich heranlässt. Die Portland Wildfire haben ihn nur verpflichtet, weil ihn sonst niemand wollte, und Locke scheint fest entschlossen, jedes Gerücht über ihn zu bestätigen. Teamkameradschaft ist ein Fremdwort für ihn. Er führt keine Beziehungen. Er führt kaum Gespräche.

Dr. Livia Cross ist ruhig und beherrscht. Offiziell ist sie die neue Leistungsberaterin der Mannschaft, doch inoffiziell wurde sie von der Liga eingeschleust, um einen bestimmten Spieler zu beurteilen.

Ein Risiko.
Locke.

Ihre Aufgabe ist einfach: ihn beobachten, ihn testen und herausfinden, ob er sicher genug ist, um weiter auf dem Eis zu stehen – oder zu unberechenbar, um noch spielen zu dürfen. Doch der Mann, den sie hinter der finsteren Miene entdeckt, ist nicht der, den sie erwartet hat. Er ist scharfsinnig, wachsam und hat nicht grundlos Mauern um sich errichtet. Und als dort Funken entstehen, wo eigentlich nur Professionalität sein sollte, beginnen Livias sorgfältig errichtete Grenzen zu bröckeln.

Locke vertraut niemandem leicht – und doch lässt er Livia näher an sich heran, als er je beabsichtigt hatte, lange bevor er erfährt, dass sie nicht die ist, für die er sie hält. Und als die Wahrheit ans Licht kommt, wird sie nicht nur ihre fragile Verbindung zerstören … sie könnte auch seine Karriere beenden.

Emotional und voller elektrisierender Slow-Burn-Chemie erzählt „Locke“ eine fesselnde Workplace Romance zwischen einem verschlossenen Enforcer und der Frau, die den Auftrag hat, ihn zu beurteilen – bis die Grenzen zwischen Loyalität und Liebe unkenntlich verschwimmen.

 

Locke

Der Lärm in der Arena ist ohrenbetäubend. Die Fans der Calgary Wild drehen komplett durch, weil ihr Team gerade mit zwei Toren in Führung gegangen ist und nur noch neun Minuten zu spielen sind. Ihre Verteidigung war dermaßen undurchlässig, dass es beinahe so wirkte, als bräuchten wir eine komplizierte mathematische Formel, um diese Mauer niederzureißen.
Ich sitze noch auf der Bank, einen Ellbogen auf dem Knie abgestützt, und den anderen Arm um meinen Schläger gelegt. Während ich darauf warte, dass meine Line an der Reihe ist, beobachte ich das Spiel auf dem Eis.
Adam sitzt ebenfalls auf ihrer Bank, aber ich ignoriere ihn so gut wie möglich. Es stellt sich als nicht so einfach heraus, da wir nun mal gegnerischen Teams angehören, die hier heute auf dem Eis aufeinandertreffen.
Das Warm-up war der erste Test. Wir waren zur selben Zeit auf dem Spielfeld, beide Teams nutzten die Eisfläche für ihre Rituale vor dem eigentlichen Spiel. Meine Vorbereitung sah so aus wie immer: Schutzmauer hochfahren und fest verankern. Dann lief und schoss ich mich warm. Ohne mich ablenken zu lassen, konzentrierte ich mich ausschließlich auf meine Performance auf dem Eis.
Es fällt mir tatsächlich nicht schwer, andere Menschen komplett zu ignorieren. Außerdem habe ich genug Übung darin, immerhin spiele ich seit neun Jahren in jeder Saison mehrmals gegen das Team von Adam. Es ist beinahe so, als würden wir im Leben des anderen einfach nicht mehr existieren. Außer ein Puck gerät zwischen uns.
Leider kann ich seine Anwesenheit trotzdem immer spüren. Er war ein wesentlicher Teil meines vorherigen Lebens, und ich kann die Wut in meinem Bauch nicht einfach abstellen, nur weil ich ihn nicht ansehe.
Bei meinem allerersten Einsatz in diesem Spiel schaffte ich es gerade einmal bis zur blauen Linie, bis ich wahrnahm, dass er mit mir auf dem Eis war.
Ich spürte es, bevor ich es sah.
Es sind so viele Jahre vergangen, aber mein Nervensystem reagiert auf ihn immer noch wie auf eine Bedrohung. In solchen Momenten rede ich mir ein, dass er nur eine Bedrohung für den Sieg ist. Er ist einfach nur ein gegnerischer Spieler, wie alle anderen vom Calgary-Team. Ich hoffe jedoch sehr, dass mir die Sicherungen nicht durchbrennen.
Das Spiel ist hart, aber so ist Eishockey nun mal. Calgary setzt auf lange Pässe, aggressives Forechecking und harte Kämpfe an der Bande. Sie bauen darauf, dass die gegnerische Mannschaft so aus Erschöpfung oder Frustration irgendwann einen Fehler macht.
Jedes Mal, wenn meine Line gegen Adam antritt, wirkt es so, als würden einfach nur zwei Verteidiger ihren Job machen. Körper pressen sich gegen die Bande, Schläger kämpfen um den Puck.
Und es herrscht Schweigen.
Wir sprechen kein Wort miteinander. In den neun Jahren, die wir in dieser Liga nun gegeneinander spielen, haben wir auf dem Eis nicht ein einziges Wort gewechselt.
Nicht ein einziges.
Keine Ahnung, ob es seine Entscheidung war oder meine. Wahrscheinlich sind wir einfach gleichzeitig zum selben Schluss gekommen, und nun ist es eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen uns.
Ich beobachte, wie die Calgary Wilds einen Konter starten und auf Crosby im Tor zustürmen. Sein Blick wandert konzentriert über das Eis, und ich schaue völlig erstaunt zu, wie er einen rasanten Schuss direkt aus der Luft abwehrt. Rowe hat vieles richtig gemacht, als er dieses Team zusammengestellt hat, aber die Anwerbung von Crosby Hale als Goalie steht ganz oben auf der Liste. Als Expansion Team nimmt man uns dieses Jahr noch nicht als Bedrohung wahr, aber wir haben gute Chancen, uns einen Namen zu machen.
Natürlich nur, wenn man die momentane Niederlage ausklammert.
Ich nehme im Augenwinkel eine Bewegung wahr, und obwohl ich eigentlich nicht hinsehen möchte, tue ich es. Livia Cross steht ein paar Meter entfernt von mir. Ihr Tablet presst sie unter den überkreuzten Armen an ihren Körper. Die Intensität, mit der sie das Spiel beobachtet, zeigt ganz klar, dass sie sich mehr auf die einzelnen Spieler konzentriert als auf das Spiel selbst.
Angeblich ist sie hier, um die Leistungen der Spieler zu verbessern, aber das kaufe ich ihnen nicht ab.
Die übrigen Teammitglieder allerdings … die sind an Bord. Ich habe gehört, wie sie sich darüber unterhalten haben. Natürlich gab es auch das typische Gerede in der Umkleidekabine, darüber, wie heiß sie ist. Als hätte einer von denen auch nur den Hauch einer Chance bei ihr. Die meisten der Jungs sind aber wirklich nur neugierig, was sie draufhat. Eine Handvoll hat sich auch schon mit ihr getroffen. Arch Hewitt hat mich sogar mitten im Flur aufgehalten, um mir von den Erfolgen der Zusammenarbeit mit Livia zu erzählen. Anscheinend haben ihm ihre Visualisierungsmethoden vor dem Spiel so geholfen, dass er sich in den letzten beiden Saisons nie besser gefühlt hat.
Diese Art von Begeisterung nervt mich. Nicht weil ich denke, dass sie unrecht haben, sondern weil Livia Cross auch begeistert von der Idee scheint, mich zu retten. Und den Glauben daran habe ich schon vor Ewigkeiten verloren.
Mein Blick wandert über ihren Körper. Sie trägt von Kopf bis Fuß Wildfire-Kleidung, und ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie beobachtet das Geschehen mit voller Konzentration. Diesen Ausdruck in ihrem Gesicht habe ich schon vor ein paar Tagen in dem Hotelgym in San Diego bemerkt. Es war verdammt noch mal fünf vor sechs Uhr morgens, und sie wollte wissen, ob das Buch über Eisenhower gut ist. Irgendwie hat sich daraus ein Gespräch über das römische Imperium entwickelt. Ich muss gestehen, dass es mir gefallen hat, und ich diese Art von harmloser Plauderei sogar genossen habe. Es war einfach nur ein Gespräch zwischen zwei Menschen, und es ging dabei weder um meine Penaltyminuten, mein Verhalten oder die Frage, ob ich ein Gewinn oder eine Belastung für das Team bin.
Bis sie diese eine Frage gestellt hat.
Ich verschloss mich sofort, und die Mauer, die ich unmittelbar hochzog, glich einer Festung.
Das ist mittlerweile zwei Tage her, und ich hasse es, dass ich seither schier ununterbrochen über ihre Frage nachdenke. Es geht mir nicht darum eine Antwort darauf zu finden, sondern um den Umstand, dass sie mir nah genug kam, um sie zu stellen. Das nagt an mir, und ich kann dieses Gefühl einfach nicht abschütteln.
Ich zwinge meinen Blick wieder auf das Eis, weil es mich zu sehr ablenkt, sie anzusehen und dabei an dieses Gespräch zu denken. Im Moment kann ich das nicht gebrauchen, immerhin sind wir nur acht Minuten davon entfernt, dieses Spiel zu verlieren.
Mein Blick wandert zur Calgary-Bank und schließlich zu Adam. Er ist kräftiger, als er mit siebzehn gewesen war. Das sind wir beide.
In meiner Erinnerung taucht der Junge auf, der mir vor Spielen dauernd meine Proteinriegel geklaut hat. Der Junge, der mich an meinen schlechtesten Tagen allein durch seine Anwesenheit zum Lachen gebracht hat. Er war die einzige Person, die mir nicht das Gefühl gegeben hat, lediglich die zweite Wahl zu sein. Meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, ihnen irgendetwas zu bedeuten.
Wir waren die allerbesten Freunde. Verdammt, eigentlich war Adam meine einzige richtige Familie.
Bis zu diesem Gesichtsausdruck an jenem Tag.
Noch sieben Minuten bis Spielende. Meine Line muss bald wieder aufs Eis, und möglicherweise treffe ich dort auf Adam. Ob wir es wollen oder nicht, wir werden uns in Kürze wieder auf denselben paar Quadratmetern befinden.
„Donovan.“
Ich bin auf dem Spielfeld, bevor Coach Monahan meinen Namen gänzlich aussprechen kann.
Die Einsatzphase beginnt reibungslos. Ich übernehme meine Aufgabe als Verteidiger, sehe mich laufend nach den optimalen Möglichkeiten zur Deckung um und mache meinen Job gut. In solchen Momenten fühlt sich alles richtig an. Mein Körper weiß genau, was er zu tun hat, wenn ein Spiel läuft. Das Gedankenchaos in meinem Kopf beruhigt sich, weil einfach kein Platz dafür ist. Adam Belleau steht nun seit dreiundfünfzig Minuten mit mir auf dem Eis und ich habe währenddessen solides, kontrolliertes und professionelles Eishockey gespielt.
Es sind nur noch knapp sechs Minuten zu spielen. Das schaffe ich.
Ich sehe ihn nicht kommen, aber plötzlich befinden Adam und ich uns im selben Eck. Wir kämpfen beide um den Puck, der immer wieder gegen die Bande prallt, unsere Schläger treffen aufeinander. Seine Schulter prallt gegen meine, meine Hüften gegen seine, wir ringen verzweifelt um die Scheibe. Ich versuche, den Puck die Bande entlangzuschieben, Adam fährt mit seinem Schläger dazwischen, kesselt mich ein, blockiert mich. Wir beide kämpfen mit voller Kraft, keiner gibt auch nur eine Nuance nach.
Das ist normal.
Es ist einfach nur normales Eishockey.
„Verpiss dich, du verdammter Verräter“, zischt Adam frustriert.
Ich spüre plötzlich diesen Druck auf meiner Brust und mir gefriert das Blut in den Adern.
Das sind seine ersten Worte seit beinahe zehn Jahren.
Verdammter Verräter.
Er ist die einzige Person auf der ganzen Welt, die diese Worte wählen und sie genau so meinen könnte. Er spricht eine Wahrheit aus, die seit einem Jahrzehnt zwischen uns steht. An einem Ort, an dem ich nicht flüchten kann.
Und obwohl ich in seinen Augen tatsächlich ein Verräter bin, kann ich die aufkommende Wut nicht bremsen, weil er genau diesen Moment wählt, um es mir vor die Füße zu spucken. Die Wut brodelt. Und ich habe keine Chance, sie zu kontrollieren.
Es ist verdammte zehn Jahre her, und er wählt diese Situation, um die Tür zur Vergangenheit aufzustoßen.
Ich ramme ihn heftig.
Es ist nicht die Art von Rammen, die man im Eishockey gewohnt ist. Weder ein Bodycheck noch eine andere strategische Bewegung oder irgendeine andere der hundert Arten von Körperkontakt, die einfach zu diesem Spiel gehören. Ich stoße ihm mit Wucht mit beiden Händen gegen die Brust. Er soll mir gefälligst in die Augen sehen. Der Stoß scheint heftig genug zu sein, dass er nicht nur zwei Schritte nach hinten stolpert, sondern mich auch endlich anblickt.
Er wirkt überrascht.
Gut.
Dann geht er auf mich los, und ich lächle durch meinen Mundschutz. Es freut mich, dass er sich darauf einlässt. Während die Schiedsrichter bereits pfeifen, heizt sich die Stimmung in der Menge auf, weil zwei Spieler nicht mehr um den Puck kämpfen, sondern gegeneinander. Wir stehen uns gegenüber und atmen beide schwer.
Dann stürzen wir uns gleichzeitig aufeinander.
Simultan landen unsere Handschuhe auf dem Eis. Egal ob er es zugeben will oder nicht: Auch Adam hat diesen Moment herbeigesehnt.
Es ist nicht mit der Schlägerei gegen Morrow in Portland zu vergleichen. Damals suchte ich willkürlich ein Ziel für meine Wut. Dieses Mal schwingen Jahre an Bedauern, Schuldgefühlen, blinder Wut und Verrat bei jedem Faustschlag mit. In diesen Momenten des Zorns auf dem Eis fühle ich mich wie ich selbst.
Adam kann kämpfen, das war schon immer so. Wir sind damit aufgewachsen, uns aus Spaß zu prügeln, entweder auf dem Eis oder eben danach in den Umkleidekabinen. Wir trainierten miteinander, weil wir uns zu hundert Prozent vertrauten. Adam und ich spielten lange genug miteinander, um uns in- und auswendig zu kennen, unsere Handlungen vorhersagen zu können. Aus diesem Grund wirken die ersten Sekunden unserer Schlägerei beinahe einstudiert.
Aber ich bin mittlerweile kräftiger.
Und wütender.
All die Gefühle von Schuld und Schmerz habe ich in Zorn umgewandelt. Seit Jahren trage ich diesen Mist nun schon mit mir herum, suche erfolglos nach einem Ventil, das diese Wut endlich befriedigt.
Meine Fingerknöchel treffen auf Adams Kinn, die Wucht schleudert seinen Kopf nach hinten. Ich packe ihn an seinem Trikot, schlage einmal, zweimal, dreimal hart zu. Er sackt zusammen.
Ich sollte ihn einfach fallen lassen, aber ich weigere mich. Stattdessen ziehe ich ihn wieder hoch, will ihn wieder und wieder mit meiner Faust treffen. Die Schiedsrichter stürmen auf uns zu und reißen uns voneinander los.
Jemand zerrt von hinten an meinem Trikot, ein anderer packt mich am Arm, um zu verhindern, dass ich noch einen letzten heftigen Schlag landen kann.
Leider schaffen sie es, mich wegzuziehen, was mich fuchsteufelswild macht – vor allem angesichts der Tatsache, dass Adam wieder auf den Beinen zu sein scheint. Anscheinend habe ich ihn heftig am Kinn getroffen, es blutet stark. Er würgt, ringt nach Luft und fixiert mich mit seinem Blick, während einer der Trainer an ihn herantritt und ihm ein Handtuch reicht.
Ich drehe mich weg, aber Adam ist noch nicht fertig mit mir. „Du mieser Verräter“, brüllt er. Obwohl ich heftig zusammenzucke, blicke ich mich nicht mehr um. Alle auf der Bank haben es gehört. Und mit Sicherheit auch die Schiedsrichter. Die Fans jubeln begeistert, während Adam und ich zu unseren jeweiligen Strafbänken gepfiffen werden.
Adam reißt dem Trainer das Handtuch aus der Hand, presst es sich ans Kinn und lehnt mit einer eindeutigen Handbewegung jede weitere Hilfe ab. Er skatet langsam zu seiner Strafbank, für ihn scheint der Streit beendet zu sein.
Für mich ist er jedoch alles andere als vorbei.
Verräter.
Er hat verdammt noch mal Nerven, mich so zu nennen. Es ist an der Zeit, ihm eine Lektion zu erteilen.
Ich skate wieder in seine Richtung, bevor jemand auch nur erahnen kann, was ich vorhabe. Dann stürze ich mich ohne Vorwarnung auf ihn und schaffe es, noch einen Faustschlag gegen seinen Helm zu platzieren. Ich treffe ihn hart genug, dass er zu Boden geht.
Die Linienrichter stürmen auf mich zu, jeder packt mich an einem Arm.
„Wer ist hier der Verräter?“, brülle ich Adam an, während er wieder auf die Beine kommt.
Er starrt mich an und verzieht sein Gesicht, doch es liegt kein echter Zorn in seinem Blick, sondern etwas viel Abscheulicheres und Komplizierteres. Ich bin mir beinahe sicher, dass es dem Gefühl ähnelt, das seit Jahren in meiner Brust weilt.
„Das wird eine Disziplinarstrafe für Fehlverhalten nach sich ziehen, Donovan“, sagt der Schiedsrichter, als er neben mir zum Stehen kommt. „Das wars für dich.“
Ja, das wars für mich. Ich werde zwar nicht wie letzte Woche komplett aus dem Spiel genommen, muss aber zehn Minuten absitzen, und bis dahin wird das Spiel schon beendet sein. Als ich das Eis verlasse, buht mich die Menge aus, aber mich beschleicht ein unbekanntes Gefühl.
Das erste Mal in all den Jahren folgt nach einer Schlägerei auf den Wutausbruch nicht die altbekannte Leere. Heute erfüllt mich nicht das unangenehme Gefühl, dass mein Team den Preis dafür zahlen muss. Es fühlt sich anders an. Beinahe erlösend. Dieser Druck, der sich seit ich siebzehn war, in mir aufgebaut hat, scheint endlich ein Ablassventil gefunden zu haben, und zumindest ein Bruchstück davon hat sich verabschiedet.
Ich bin nicht geheilt. Der Druck ist nicht weg. Davon bin ich weit entfernt.
Aber ich fühle mich irgendwie ein bisschen leichter. So als würde ein Gewicht von mir abfallen, das mich unbewusst die ganze Zeit belastet hat.
Bevor ich das Eis verlasse, werfe ich noch einen Blick zu Livia. Sie beobachtet mich. Nicht mit ihrem professionellen, analytischen Gesichtsausdruck, sondern auf eine skeptische Art und Weise, so als würde sie hinterfragen, von welch kuriosem Geschehen sie gerade Zeugin geworden ist. Ich kann in ihren Augen lesen, dass sie instinktiv verstanden hat, wie tiefgründig der Hintergrund dieser Auseinandersetzung sein muss.
Ich bin sicher, dass sie gehört hat, wie er mich einen Verräter genannt hat.
Dass sie meinen Gesichtsausdruck gelesen hat, als er mir dieses Wort ins Gesicht geschleudert hat.
Ich denke an unsere Begegnung im Fitnessstudio vor zwei Tagen. An unser Gespräch über Eisenhower, Imperien und darüber, was es kostet, das Richtige zu tun. An die Frage, die ich immer noch nicht beantwortet habe.
Ob die Richtigkeit einer Sache je wichtig genug sein kann, um mit einem Teil von sich selbst dafür zu bezahlen.
Wir beide wenden den Blick nicht ab. Einige Herzschläge lang starren wir uns über das Eis und über die tosende Arena hinweg an. Zwischen uns stehen offenen Fragen und Antworten, die keiner von uns preisgeben will.
Ich bin es, der schlussendlich den Blickkontakt unterbricht und sich auf den Weg zu den Umkleidekabinen macht.

Livia

Janine arbeitet als Assistentin von Patrick Rowe mit höchster Effizienz. Ihre E-Mail erreichte mich heute Morgen um sechs Uhr achtundfünfzig. Sie kam schnell auf den Punkt. Wenn der Eigentümer der Wildfire ein Anliegen äußert, dann bedarf es keinerlei Ausschmückungen.

Mr. Rowe bittet um Ihre Anwesenheit in seinem Büro um acht Uhr vormittags. Bitte erscheinen Sie pünktlich.

Mir fiel auf, dass diese E-Mail nicht nur an mich gerichtet war. Im Verteiler waren auch Coach Monahan, der General Manager Oliver Kemp und Van Turner. Klingt nach einer seltsamen Runde.
Im Eingangsbereich zu seinem Büro ist es betriebsam, aber das wundert mich nicht. Patrick Rowe ist ein Arbeitstier. Es würde mich also nicht wundern, wenn sein gesamtes Personal ihm darin in nichts nachsteht.
Janine sitzt an ihrem Tisch direkt hinter der doppelflügeligen Mahagonitür. Sie wirkt gelassen, professionell und hat aber immer ein herzliches Lächeln auf den Lippen.
„Guten Morgen, Livia“, begrüßt sie mich strahlend. „Sie können einfach reingehen.“
„Danke, Janine“, antworte ich, während ich in Richtung Büro spaziere. Plötzlich bleibe ich ruckartig stehen. Locke sitzt in dem kleinen Wartebereich. Er hockt auf einem der Sessel an der Wand, seine Arme liegen auf den Lehnen, er wirkt absolut entspannt. Mir fällt auf, dass er Alltagskleidung trägt. Dunkle Jeans, ein marineblaues Shirt mit halber Knopfleiste am Kragen. Seine Haare sind aus der Stirn gekämmt. Locke blickt mich aus seinen blassblauen Augen an.
„Bist du auch wegen des Meetings hier?“, frage ich.
Ich registriere den kurzen Hauch von Sorge in seinem Gesicht, vielleicht ist es jedoch auch nur Verärgerung. „Nicht dass ich wüsste. Ich wurde hierher beordert und wurde dann gebeten, Platz zu nehmen.“
Er wird also aufgefordert, hier zu warten, während eine Tür weiter seinetwegen eine Besprechung stattfindet. Das sagt doch einiges über die Bedeutung dieser Situation aus, oder?
Wenn Ausgrenzung vor meinen Augen stattfindet, erkenne ich diese auch als solche. Und ich kenne Locke mittlerweile gut genug, dass mir klar ist, dass er genau weiß, was hier gerade vor sich geht. Ich kann an seinem nüchternen Tonfall hören, dass ihm bewusst ist, dass dieses Meeting seinetwegen einberufen wurde.
Im Moment kann ich nicht mehr für ihn tun, als ihm verständnisvoll zuzunicken, bevor ich weiter zu Patricks Büro gehe.
Ich klopfe an und trete dann ein.
Patrick sitzt hinter seinem Schreibtisch und ist mitten in einem Gespräch mit Coach Monahan, der links von ihm sitzt und eine Tasse Kaffee in der Hand hält. Am Ende des Tisches steht Oliver und beugt sich über einen Ordner mit Dokumenten. Van lehnt lässig an einem der raumhohen Fenster, die den Blick auf die Eisfläche freigeben.
Patrick schenkt mir ein Lächeln und deutet auf einen leeren Sessel. „Danke fürs Kommen, Livia.“
„Guten Morgen“, sage ich in die Runde, während alle mich anlächeln.
„Ich will gleich zur Sache kommen“, beginnt Patrick, sobald ich Platz genommen habe. „Wir sind heute hier zusammengekommen, um über Locke Donovan zu sprechen. Wir müssen uns darüber unterhalten, ob diese Organisation es sich erlauben kann, ihn weiterhin im Kader zu behalten.“
Das Wort weiterhin trägt ganz schön viel Gewicht innerhalb dieses Satzes. Mein Gesichtsausdruck bleibt neutral, auch wenn ich mir meine Meinung über dieses Thema schon gebildet habe.
Kemp zieht ein Blatt Papier aus dem Ordner. Er ist Ende dreißig, groß, sportlich und hat Lachfältchen, die seinem sonst eher kantigen Gesicht schmeicheln. Oliver Kemp sieht gut aus, aber das tun alle Männer in diesem Raum. Ich frage mich, ob das im Anforderungsprofil für Neueinstellungen steht.
„Zwei Vorfälle in nur elf Tagen“, sagt er. „Beim Spiel gegen Nashville Fehlverhalten dem Schiedsrichter gegenüber und eine von ihm angezettelte Schlägerei, beim Spiel gegen Calgary Fehlverhalten. Er hat einen gegnerischen Spieler erneut attackiert, nachdem die beiden bereits getrennt worden sind.“ Er blickt von dem Dokument hoch. „Heimspiel und Auswärtsspiel, beides live im TV, sodass es die ganze Welt sehen konnte. Ich denke, wir sollten in Betracht ziehen, ihn freizustellen.“
Sein Vorschlag ist sehr allgemein formuliert. Ich arbeite lange genug im professionellen Sport, dass ich weiß, dass Verträge so ausgehandelt sind, dass man einen Spieler nicht einfach feuern kann. Es gibt jedoch einige Möglichkeiten, ihn vom Eis fernzuhalten.
„Ich würde lieber zuerst die Hintergründe verstehen, bevor wir vorschnelle Entscheidungen treffen“, entgegnet Coach Monahan.
„Die Hintergründe verändern die Außenwirkung nicht, Colter.“
„Die Hintergründe könnten jedoch das Gesamtbild verändern.“
Kemp scheint Monahans Aussage zu verarbeiten. Er scheint sie nicht grundlegend abzulehnen, aber definitiv auch nicht zu akzeptieren. „Donovans Vertrag läuft noch bis zum Ende dieser Saison mit der Option einer Verlängerung um zwei Jahre für sechs Komma vier Millionen Dollar pro Jahr. Würden wir ihn jetzt freistellen, müssten wir nur den Rest seines Gehaltes für diese Saison übernehmen, ungefähr drei Komma acht Millionen Dollar. Wenn wir von der Option auf Verlängerung Gebrauch machen, kostet uns das zwölf Komma acht Millionen Dollar und eine nicht vorhersehbare Bilanz an Disziplinarstrafen, die wir vor der Liga mit jedem neuen Eintrag noch schwieriger rechtfertigen können.“ Er klappt den Ordner zu. „Die Liga hat sich bereits nach ihm erkundigt. Er ist unter Beobachtung.“
Jede einzelne Person im Raum lässt diese Worte auf sich wirken. Dieser Umstand verschärft die Situation.
„Es gäbe jedoch noch eine andere Möglichkeit“, erklärt Oliver. „Wie könnten ihn aus dem Kader streichen und ihm Geldstrafen auferlegen.“
Das ist eine geläufige Vorgehensweise, um einzelnen Spielern eine klare Botschaft zukommen zu lassen. Jedes Team hat dreiundzwanzig Spieler im Kader, aber nur zwanzig dürfen schlussendlich aufs Eis. Locke würde also nur noch am Rand sitzen, und ein anderer seinen Platz einnehmen.
„Wie groß wäre der Verlust auf dem Spielfeld?“, fragt Patrick, während er sich nachdenklich mit den Fingern ans Kinn tippt und dabei Colter anblickt.
Der Coach stellt seinen Kaffee ab. „Im Bereich der Zonenverteidigung rangiert er unter den Top drei der Liga. Im Bereich der abgewehrten gegnerischen Schüsse Top fünf. Kein anderer Spieler in diesem Kader verbringt mehr Spielzeit in entscheidenden Verteidigungssituationen und keinem vertraue ich in diesen Situationen mehr als Locke Donovan. Sobald er auf dem Eis ist und auch sein Fokus nur dort liegt, sinken die Gefahren für ein Gegentor deutlich.“ Er hält kurz inne. „Ihn freizustellen, bedeutet gleichzeitig, jemanden aus dem Nachwuchsteam einzusetzen.“ Dann wandert sein Blick zu Oliver. „Das würde sich in der Tabelle niederschlagen.“
„So wie sich auch Donovans Disziplinarstrafen in der Tabelle niederschlagen“, entgegnet Oliver. „Seinetwegen haben wir das Spiel gegen Nashville verloren.“
„Das ist ein berechtigter Einwand“, antwortet Colter mit zur Seite geneigtem Kopf.
Im Raum wird es mucksmäuschenstill. Alle scheinen die Informationen zu verarbeiten. Alle haben in gewisser Weise recht.
Van hat noch kein einziges Wort gesagt. Er steht immer noch am Fenster, sein Blick ist auf das Spielfeld gerichtet. Ich habe genug Zeit in seiner Nähe verbracht, um zu wissen, dass seine Schweigsamkeit seine eigene Art von Beitrag zu dieser Diskussion ist. Er hört allen zu, und der Umstand, dass er immer noch nichts sagt, liegt daran, dass er noch nicht das gehört hat, was er hören muss.
„Livia.“ Patrick wendet sich mir zu. „Konnten Sie bei ihm irgendwelche Fortschritte erzielen?“
Was soll ich in diesem Moment erzählen und was nicht? Von der Unterhaltung über das Römische Reich in einem Hotelgym in San Diego, die vielleicht gar nicht stattfinden hätte sollen? Von der einen Frage, die ihn so abrupt zum Schweigen gebracht hat, dass ich regelrecht spüren konnte, wie die Atmosphäre im Raum plötzlich eisig wurde? Von dem Wort, das auf der Calgary-Bank gefallen ist? Ich habe noch niemandem davon erzählt und werde es auch jetzt nicht tun. Was immer damit gemeint war, geht nur Locke etwas an und sonst niemanden in diesem Meeting.
„Wir hatten noch keine richtige Sitzung miteinander“, antworte ich vorsichtig. „Er blockt ab. Jeder in diesem Gebäude merkt das, und ich werde auch nicht so tun, als wäre es anders.“ Ich halte kurz inne, um sicherzugehen, dass sie mir alle aufmerksam zuhören. Auch Van hat sich mir zugewendet. „Was ich jedoch sagen kann: Meiner professionellen Erfahrung nach verrät uns dieses Verhalten etwas. Jemand, der seine eigene Schutzmauer mit so viel Engagement aufrecht hält, verbirgt etwas hinter dieser Mauer.“ Dann sehe ich Patrick direkt in die Augen. „Ich wünsche mir eine richtige Chance, mit ihm zu arbeiten, bevor die Organisation eine endgültige Entscheidung trifft.“
„Wir haben ihm schon mehrere Chancen gegeben“, sagt Kemp, ohne unfreundlich zu klingen. Ihm geht es nur um das Wohl des gesamten Teams. „Er hat auch seinen früheren Teams Probleme bereitet.“
„Und trotzdem hat ihn diese Organisation im Expansion Draft angeworben. Ich nehme an, die Gründe dafür sind dieselben, die der Coach vorhin angesprochen hat. Locke Donovan ist von entscheidender Bedeutung für dieses Team. Sie haben ihn zwar verwarnt, aber niemand hat auch nur versucht, den Grund für sein Verhalten herauszufinden.“ Mein Tonfall bleibt sachlich, nüchtern und professionell, so als würde ich einen Vortrag halten. „Und das ist der Grund, warum Sie mich eingestellt haben.“
Patrick legt seinen Kopf mit einem neugierigen Blick zur Seite. „Sie denken also, dass es eine Ursache für dieses Verhalten gibt?“
„Ich habe genug gesehen, um es für sinnvoll zu erachten, tiefer zu graben“, antworte ich, ohne zu viel versprechen zu wollen.
Schweigen erfüllt den Raum.
Dann ergreift Van das erste Mal das Wort.
„Meiner Meinung nach hat Locke eine Chance verdient.“ Van ist ruhig, seine unaufgeregte Art zu antworten lässt vermuten, dass er gründlich nachgedacht hat. „Ich kenne beide Seiten. Auch in meiner Karriere als aktiver Spieler gab es so eine Phase, als mein Vater ohne mein Einverständnis sein Buch veröffentlicht hat, als so viele Dinge über mein Privatleben plötzlich offen ausgebreitet wurden.“ Er hält einen Moment inne. „Damals habe ich es wirklich allen um mich herum schwer gemacht. Ich habe Entscheidungen getroffen, die nichts mit dem Eishockey zu tun hatten, sondern mit unterdrückten Gefühlen, die ich nicht anders zu verarbeiten vermochte.“ Sein Blick landet auf mir. „Ich frage mich, wie viel einfacher alles gewesen wäre, wenn jemand mit deiner Erfahrung mir damals geholfen hätte.“ Oliver konzentriert sich stirnrunzelnd wieder auf den Ordner, während Colter mit einem nachdenklichen Blick einen Schluck von seinem Kaffee nimmt.
„Ich danke Ihnen allen“, sagt Patrick, als er sich erhebt. „Ich werde mich nun mit Locke unterhalten und dann eine Entscheidung treffen.“
Die anderen Männer gehen zur Tür, und auch ich stehe auf und sammle meine Unterlagen zusammen, um ihnen zu folgen. Patrick ruft mich jedoch zurück. „Livia. Bleiben Sie bitte.“
Ich setze mich wieder.
Oliver verlässt als Letzter den Raum und zieht hinter sich die Tür zu.
Patrick sieht mich an. „Sind Sie sicher, dass er den Aufwand wert ist?“
„Der Coach ist der Meinung, dass die Statistiken das beweisen“, antworte ich.
„Nein, ich meine, was auch immer das ist …“ Er macht eine Geste in der Luft. „Dieses Problem in ihm. Kann er es überwinden?“
„Ich weiß es nicht“, antworte ich ehrlich. „Ich weiß nur, dass wir es versuchen sollten.“
Das scheint ihm zu reichen. Patrick beugt sich nach vorne und drückt einen Knopf auf seinem Telefon. „Janine, schick Locke bitte herein.“
Einen Moment später öffnet sich die Tür erneut. Locke Donovan betritt den Raum, lässt seinen Blick umherschweifen und schiebt trotzig seinen Kiefer vor. Er bleibt mitten im Büro stehen, lässt seine Arme locker hängen und blickt zwischen uns hin und her. Es scheint, als wolle er an unseren Gesichtsausdrücken und unserem Schweigen ablesen, was ihn erwartet.
„Setz dich, Locke.“ Rowe lehnt sich wieder in seinem Sessel zurück.
Locke lässt sich in den Sessel neben mir fallen, sein Blick bleibt fest auf den Eigentümer der Wildfire gerichtet.
„Ich möchte ganz offen mit dir sein.“ Er macht eine Pause und die beiden starren sich gegenseitig an. Als Patrick sich der ungeteilten Aufmerksamkeit Lockes sicher ist, fährt er fort. „Unsere Organisation ist kurz davor, die Geduld zu verlieren. Ich bin kurz davor, die Geduld zu verlieren. Zwei unangebrachte Vorfälle innerhalb von elf Tagen kann man schon beinahe als Muster bezeichnen. Und auch der Liga reißt langsam der Geduldsfaden.“ Er gibt Locke einen gefühlt unendlichen Moment lang Zeit, das zu verarbeiten. „Es muss sich etwas ändern. Und zwar jetzt.“
Locke sagt kein Wort. Die einzige Gefühlsregung kann ich daran erkennen, dass er seinen Kiefer anspannt und die Zähne aufeinander mahlt.
Patrick nickt in meine Richtung. „Du wirst mit Livia arbeiten. Das ist kein Vorschlag. Das ist keine Empfehlung. Es ist eine Bedingung für deinen weiteren Verbleib in dieser Organisation. Du wirst dich voll und ganz auf sie einlassen und deinen Teil dazu beitragen, sonst kannst du deine Sachen packen.“ Er hält einen Moment inne. Seine sonst so warmen Augen strotzen vor Machtdemonstration. „Haben wir uns verstanden?“
Die darauffolgende Stille ist ohrenbetäubend. Man kann beinahe hören, wie Lockes Gedanken sich überschlagen. Wie würde sein Leben ohne Eishockey aussehen? Er kalkuliert merklich das Risiko, alles aufzugeben, um sein früheres Leben weiterhin hinter verschlossenen Türen zu halten. Ihm ist bewusst, dass seine Vergangenheit seine Leistung beeinflusst.
„Verstanden“, presst Locke zwischen seinen Zähnen hervor. Er spuckt das Wort beinahe aus, als würde es einen bitteren Geschmack in seinem Mund zurücklassen.
„Gut.“ Dann wendet Patrick sich mir zu. „Vereinbaren wir gleich einen Termin, damit ich sichergehen kann, dass wir Fortschritte machen.“
Ich blinzle aufgrund dieser Demonstration von Kontrolle, aber wahrscheinlich ist es so das Beste. Locke würde mich wahrscheinlich bei der nächstbesten Gelegenheit einfach wieder vertrösten. Ich ziehe mein Telefon aus meiner Tasche, aber Locke bleibt regungslos sitzen.
Patrick dreht den Kopf in seine Richtung und starrt ihn an, bis Locke schließlich auch sein Handy hervorholt. Es macht den Anschein, als würde sich jeder Muskel seines Körpers dieser Bewegung widersetzen.
„Ich glaube, das Team hat am Samstag frei“, eröffnet Patrick freundlich.
„Samstag ginge auch bei mir“, sage ich. Mich kümmert es nicht, ob Wochenende ist. Dieser Job hat keine klassischen Arbeitszeiten.
Patrick wendet sich an Locke. „Passt Samstag für dich?“
Er nickt trotzig. „Okay.“
„Gut.“ Patrick erhebt sich. Das Meeting ist somit beendet. Locke und ich stehen auf und gehen zur Tür, während Patrick hinter seinem Schreibtisch sitzen bleibt und bereits nach dem Telefonhörer greift. Er scheint bereits zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen.
Locke bleibt kurz stehen, als er an der Tür ankommt. Er wirft mir einen Blick zu, den ich irgendwo zwischen Resignation und Argwohn einordnen würde.
„In deinem Büro?“, fragt er. „Samstag.“
„Nein“, antworte ich, während ich mir in Gedanken schnell einen Plan zurechtlege. „Ich schreibe dir, wo wir uns treffen.“
Er starrt mich an.
„Zwiebellook wäre gut“, füge ich freundlich hinzu.
Bevor er weitere Frage stellen kann, spaziere ich an ihm vorbei in den Flur. Erst als ich weit genug entfernt bin, schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht.

Locke

Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Livia hat mir eine Adresse geschickt, die sich als Weingut in Newberg herausstellt, etwa vierzig Kilometer südwestlich von Portland.
Sie hat mir einfach nur den Treffpunkt und eine Uhrzeit geschickt, keine Erklärung oder Einzelheiten. Ich habe keinen blassen Schimmer, was auf mich zukommt. Und dieses Gefühl der Unsicherheit mag ich nicht. Ich bevorzuge eine ausreichende Menge an Informationen, um zu entschieden, wie ich mich verhalten soll, bevor ich irgendwo ankomme. Livia bringt mich in eine ungewisse Situation, bevor der Tag überhaupt richtig gestartet ist, deswegen ist meine Laune eher mies, als ich auf den Parkplatz biege.
Das Weingut Arvendale liegt auf einer kleinen Anhöhe, hinter der sich das Tal in beide Richtungen ausbreitet. Die Reben ruhen Reihe an Reihe in klaren Linien auf den sanften Hügeln und sind der Jahreszeit entsprechend in Bernstein- und Rosttönen gefärbt. Das Hauptgebäude wirkt von vorne unscheinbar, ist aus altem Holz und dunklem Stein gefertigt. Ein handgemaltes Schild hängt über der Tür und auf der überdachten Veranda stehen zwei leere Stühle, die geradezu dazu einladen, sich niederzulassen, wäre da nicht die kühle Novemberluft. Es hat gerade einmal zwölf Grad und das ist ehrlich gesagt ziemlich frisch.
Ich steige aus und drehe mich im Kreis, weil ich nicht sicher bin, wo wir uns treffen. Auf dem Parkplatz stehen vereinzelt Fahrzeuge, aber ich weiß nicht, ob sie schon hier ist. Bevor ich jedoch näher darüber nachdenken kann, öffnet sich die Eingangstür des Hauptgebäudes.
Livia hält einen Weidenkorb in der Hand. Sie trägt dunkle Jeans, Stiefel, ein marineblau-beiges Flanellhemd und darüber eine Steppweste.
Sie wirkt völlig entspannt, was mich noch misstrauischer macht.
Hinter ihr erscheint eine Frau in der Tür. Sie ist klein, hat einen kurzen, feuerroten Bob, und gefühlt jeder Zentimeter ihres Gesichts ist mit Sommersprossen übersät.
„Du hast hergefunden“, begrüßt mich Livia mit einem strahlenden Lächeln.
„GPS scheint zu funktionieren.“
„Ich hatte vollstes Vertrauen“, erwidert sie, bevor sie die Frau herbeiwinkt. „Locke Donovan, das ist meine Freundin Sena Vail.“ Sie deutet auf die Rothaarige, die mir in dem Moment ihre Hand entgegenstreckt. „Sie betreibt das Weingut.“
„Hey“, sage ich, bevor ich kurz ihre Hand schüttle, um dann wieder einen Schritt zurückzutreten und meine Fäuste in meinen Hosentaschen zu vergraben.
Sena lächelt mich freundlich an, während sie ihren Kopf zur Seite neigt. „Genießt die Zeit im Tal“, sagt sie zu mir, bevor sie Livia am Arm berührt. „Es war schön, dich zu sehen. Willkommen zu Hause.“
Dann dreht sich die Frau um und geht wieder. Die Begegnung war kurz, aber trotzdem ist meine Neugier ein bisschen geweckt. „Willkommen zu Hause?“, frage ich, während mein Blick zu der Tür wandert, durch die Sena gerade verschwunden ist.
„Sie meint Willkommen zurück in Portland. Wir waren zusammen in der Highschool.“
Interessant. Trotzdem weigere ich mich, die Dutzenden Folgefragen zu stellen, die mir durch den Kopf gehen. Ich möchte mich nicht für diese Frau interessieren.
Mein Blick fällt auf den Korb. „Soll das ein Date werden?“, frage ich trocken.
Sie lässt sich keine Sekunde aus der Ruhe bringen und lacht stattdessen über meine Aussage. „Nein. Wäre das ein Date, dann hätte wünschenswerterweise ein Kerl das hier für mich arrangiert.“ Sie hält mir ohne viel Aufhebens den Korb hin und erwartet offensichtlich, dass ich ihn nehme, also greife ich danach. „Komm.“
Sie führt mich hinters Haus zu einem Pfad, der die Weinreben entlang führt. Ich folge ihr mit dem Korb in der Hand, weil mir nichts anderes übrig zu bleiben scheint. Der Kies knirscht unter meinen Stiefeln. Es ist frisch, aber die Sonne strahlt aus voller Kraft und taucht das Tal in goldenes Licht.
In alle Richtungen erstrecken sich sanfte Hügel, der Talboden zwischen den Bergrücken ist breit und flach. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Ort hier überhaupt existiert.
Wir spazieren fünf Minuten lang, ohne ein Wort zu sagen. Ich weiß es zu schätzen, dass sie nicht mit Gewalt versucht, die Stille zu füllen. Das scheint zu bedeuten, dass sie sich mit dieser Distanz zwischen uns wohlfühlt, und ich muss widerwillig zugeben, dass diese Eigenschaft sehr attraktiv ist. Der Pfad mündet in eine ebene Lichtung zwischen zwei Reihen der herbstlichen Reben. Jemand scheint dort bereits eine dunkelgrüne Wolldecke ausgebreitet zu haben. Die Ecken sind mit glatten Steinen beschwert. Auf der Decke liegt ein kleines Holzbrett mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern.
Ich bleibe abrupt stehen, die Szenerie verunsichert mich. „Hast du das bereits im Vorhinein vorbereitet?“
„Sena hat sich darum gekümmert.“ Livia nimmt mir den Korb aus der Hand, setzt sich auf die Decke und winkelt eines ihrer Beine an. Dann packt sie den Korb aus, als wäre all das hier ganz normal. Mein Blick wandert umher. Was zur Hölle geht hier gerade vor sich? „Komm, setz dich, Locke.“
Ich zucke zusammen, mein Blick landet wieder auf ihr. Könnte ich all die Unsicherheit einfach ausblenden und einfach nur das Bild vor mir genießen, würde man es für einen Lotteriegewinn halten: Eine wunderschöne Frau sitzt hier in der frühen Nachmittagssonne und lächelt mich herzlich und aufrichtig an. Aber so ist es leider nicht.
Als ich mich mit ausgestreckten Beinen auf der Decke niederlasse, spüre ich die Kälte des Bodens durch die Decke. Doch wir sitzen in der prallen Sonne, was die Lufttemperatur deutlich abmildert. Nun verstehe ich auch, warum sie mir den Zwiebellook empfohlen hat. In spätestens zehn Minuten wird mir hier zu warm sein.
Livia stellt Boxen voll mit Käse, Fleisch, Oliven und getrockneten Früchten vor mir ab.
„Was ist das?“, frage ich schließlich, weil ich diese Unsicherheit nicht mehr aushalte. Ich brauche dringend Klarheit.
„Ein Picknick.“
Ich kann mir nicht verkneifen, mit den Augen zu rollen. „Das sehe ich. Aber ich verstehe es nicht.“
Sie schenkt mir einen kurzen Blick, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf die Weinflasche richtet. „Ich wollte für unser erstes Gespräch einen neutralen Treffpunkt finden.“ Sie blickt sich um und genießt den prachtvollen Ausblick. „Und na ja, du musst doch zugeben, dass es hier um einiges netter ist als in meinem Büro.“
„Stimmt“, grummele ich.
„Sena hat große Freude daran, so etwas herzurichten, und ich liebe das Willamettetal, also schien es mir ein geeigneter Ort zu sein.“ Geübt entkorkt sie den Wein, bevor sie zwei Gläser einschenkt und mir eines hinhält.
Ich nehme es entgegen.
„Trinkst du Wein?“, fragt sie.
„Nicht oft.“
Sie nippt an ihrem Glas und summt anerkennend. Dann sagt sie: „Und das sagst du mir, nachdem ich dir ein Glas eingeschenkt habe?“
„Du hast nicht gefragt, bevor du es mir gereicht hast.“
Ihr Mundwinkel hebt sich. „Wahr. Was trinkst du üblicherweise?“
„Hauptsächlich Craftbeer.“
„Irgendein spezielles?“
Ich starre sie an. Wieso interessiert sie sich für meine Alkoholvorlieben? „Kommt auf die Jahreszeit an. Momentan stehe ich auf Pacific Northwest India Pale Ale Kick. In Steeplejack gibt es eine Brauerei, die ein zweifach trockengehopftes Bier braut, das ich mag.“ Plötzlich halte ich inne. Seit wann labere ich wie ein Wasserfall? „Also, ja, ich bevorzuge Bier, trinke aber auch Wein.“
Sie hält ihr Weinglas hoch und betrachtet es eingehend. „Okay. Da du kein Weinliebhaber bist, erzähle ich dir zumindest, was du hier gerade in der Hand hältst.“
Ich werfe einen Blick in mein Glas. Dunkler Rubin, in der Mitte, wo das Licht auftrifft, ist die Flüssigkeit beinahe granatfarben.
„Das ist ein Arvendale Estate Pinot Noir. Das Willamettetal ist eine der weltweit besten Regionen für Pinot. Das Klima hier in der Gegend ähnelt dem von Burgund in Frankreich. Kühl und trocken, die Früchte haben lange Zeit, um zu wachsen. Pinot Noir ist eine anspruchsvolle Traubensorte. Empfindlich, launenhaft, die Bedingungen müssen perfekt stimmen.“ Sie schwenkt vorsichtig ihr Glas. „Die Reben arbeiten unter stressigen Bedingungen nicht sonderlich gut.“
Ich erkenne die Metapher in ihrer Aussage, reagiere aber nicht darauf.
Dann beäuge ich misstrauisch mein Glas. „Was sollte ich schmecken?“
„Probier ihn zuerst. Dann erzähle ich es dir.“
Ich nippe daran. Die Geschmeidigkeit überrascht mich. Ich könnte die versteckten Qualitäten jedoch nicht näher beschreiben.
„Nicht schlecht.“
„Welch großes Lob.“
„Ich bin kein Weinkritiker.“
„Was schmeckst du?“
Ich nehme noch einen Schluck. Anscheinend ziehe ich diese Sache hier gerade durch. „Er wirkt … dunkel. Fruchtig, aber nicht süß.“ Ich denke darüber nach. „Irgendwie schmeckt er nach getrockneten Kirschen mit einer erdigen Note.“
Sie lächelt mich amüsiert an. „Du hast einen ganz schön poetischen Wortschatz“, sagt sie. „Und du liegst richtig. Kirsche mit einem Hauch Pflaume. Und das, was du erdig nennst, ist wahrscheinlich das Waldbodenaroma. Es ist charakteristisch für die Pinots aus dem Willamettetal. Das ist das Erdreich, das man wahrnimmt.“
„Also Dreck mit anderen Worten, hm?“, frage ich höflich, bevor ich noch einen Schluck trinke. Ich werde zwar bei meinem Craftbeer bleiben, aber der Wein schmeckt ganz akzeptabel.
„Der Poet nennt es erdig, der Eishockeyspieler Dreck. Aber im Prinzip handelt es sich um dasselbe, oder?“ Sie lacht über ihren eigenen Witz und ich merke, wie meine Mundwinkel nach oben wandern wollen, aber ich wehre ihre Versuche ab.
„Was die Wurzeln der Weinrebe aus der Erde ziehen, zeigt sich im Glas“, sagt sie sachlich, während sie nach einem Stück Käse greift.
Ich denke über ihre Worte nach. Und über das Misstrauen, das in mir aufkommt, wenn ich sie höre. Entweder will sie mich erneut anhand einer Metapher analysieren oder sie kennt sich einfach nur gut mit Wein aus.
„Nimm dir etwas zu essen“, sagt sie, während sie nach einer Olive langt.
Für eine Weile essen wir schweigend. Im Tal ist es ruhig und eine leichte Brise kommt auf, die die Wärme der Sonne abmildert. Der Ausblick ist atemberaubend. Ich bin noch nicht lange in Portland, aber ich habe schon viele Wanderungen unternommen, und es gibt keinen einzigen Ort ohne einen wunderbaren Ausblick.
Es ist ganz passabel hier.
Livia füllt, ohne zu fragen, unsere beiden Gläser wieder auf, und ich halte sie nicht davon ab.
„Okay.“ Ihr Tonfall verändert sich. Nicht dramatisch, aber genug, um mir die Kursänderung zu verdeutlichen. Es scheint nun vorbei zu sein mit den Höflichkeiten. „Wir sollten uns über unsere Zusammenarbeit unterhalten.“
Es geht also los. Ich stelle mein Glas auf dem Holzbrett ab und warte.
„Wir werden nur drei Sitzungen abhalten“, fährt sie fort. Ich öffne den Mund, um Einwände zu erheben, aber sie streckt mir nur ihre Handfläche entgegen, also schließe ich meine Lippen wieder. „Sei lieber dankbar, dass es nur drei sind und nicht zehn. Ich werde dich in diesen drei Sitzungen nicht nach deiner Vergangenheit fragen. Du musst über nichts sprechen, zu dem du dich nicht bereit fühlst. Keine Couch, keine bohrenden Fragen, nichts, was einer klinischen Untersuchung ähnelt.“ Sie hält meinem Blick stand. „Du musst einfach nur erscheinen.“
Ich mustere sie, während das Misstrauen mich in Wellen überkommt. „Das ist alles?“
„Das ist noch nicht alles. Es gibt eine Bedingung.“
Ich wusste es und seltsamerweise enttäuscht es mich. Langsam hatte ich begonnen, zu denken, dass sie anders ist. „Wie lautet die Bedingung?“
„Du erinnerst dich an dieses eine Wort, das beim Spiel gegen Calgary gerufen wurde.“ Sie sagt es ganz unverblümt, wie eine Feststellung, in demselben Tonfall, in dem sie vorhin den Wein beschrieben hat. Ich erstarre. „Ich habe es gehört. Und ich weiß, dass es bei dir einen Nerv getroffen hat. Ich werde dich nicht fragen, was es bedeutet oder wie es dazu gekommen ist, aber ich weiß, dass dich irgendetwas von innen zerfrisst, Locke. Und nicht erst seit dieser Saison und nicht erst, seit du in diesem Team bist. Es bereitet dir Probleme, und ich hoffe, dass du mir eines Tages genug vertraust, um mir davon zu erzählen. Aber bis dahin verspreche ich dir persönlich, dass ich dich nie dazu drängen werden.“
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Sie hat es angesprochen. Sie spricht dieses eine Thema an, das ich seit Jahren mit mir herumtrage, nur um dann nicht weiter nachzubohren, sondern einen Schritt zurückzugehen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich hatte damit gerechnet, dass sie nachbohrt. Ich war auf dieses Verhör gefasst.
Und nun erzählt sie mir, dass es nie dazu kommen wird. Sie nimmt sich völlig gelassen eine getrocknete Aprikose. Anscheinend hat sie keine Ahnung, dass ich ihretwegen gerade kurz vor einem Herzinfarkt stand, bevor sie meine Angst dann im selben Atemzug wieder zerstreut hat.
„Was ich mir von dir wünsche, ist Freundschaft“, fährt sie fort.
Ich sammle mich einen Moment und blicke sie dann verwirrt an. „Freundschaft?“
„Du pflegst mit keinem einzigen deiner Teammitglieder eine Beziehung. Zumindest keine richtige. Jeder andere Spieler im Kader hat irgendeine Art von persönlicher Beziehung mit den Menschen, mit denen er auf dem Spielfeld steht. Du nicht.“ Sie ist kein bisschen unfreundlich und trifft dabei den Nagel auf den Kopf. „Das muss sich ändern.“
„Ich mache meinen Job.“
„Und das wirklich großartig. Bis du es wieder versaust.“
Autsch. Ich blinzle und bin kurz fassungslos über die Direktheit, mit der sie meine Fehler anspricht. Aber sie hat auch dieses Mal wieder recht.
„Du erledigst deinen Job im Alleingang, aber Eishockey ist ein Teamsport. Und zwischen diesen Dingen gibt es einen Zusammenhang.“ Sie trinkt einen Schluck von ihrem Wein. „Es ist Teil unserer Vereinbarung, dass du dich merklich bemühen musst, Zeit mit dem Team zu verbringen. Abseits des Eises. Teamevents, Zusammenkünfte. Was immer sich ergibt, du zeigst dich dort und bemühst dich.“ Sie neigt ihren Kopf leicht zur Seite. „Wenn du das für mich tust, darf deine Vergangenheit dort bleiben, wo du sie gern hättest. Wir halten drei Sitzungen ab, und diese werden sich wie versprochen nicht nach Therapie anfühlen, und danach bringe ich Patrick Rowe dazu, dich in Ruhe zu lassen.“
Ich blicke sie an und wäge ihre Bedingungen ab.
Sie bietet mir etwas an, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Sie bietet mir eine Möglichkeit, mich einzubringen, ohne irgendetwas preisgeben zu müssen. Wir erfüllen den Auftrag von Patrick Rowe. Sie bekommt, was auch immer sie anstrebt, und ich muss nichts von Bedeutung offenbaren.
Aber ich frage mich, ob es einen Haken gibt. Nichts das so gut klingt, ist wirklich so gut. „Warum ist der Teamgedanke überhaupt wichtig?“
„Weil ein Mann, der alles zu verlieren hat, anders spielt, als einer, der nichts zu verlieren hat“, antwortet sie, ohne zu zögern, und als hätte sie darüber gründlich nachgedacht. „Im Moment spielst du wie jemand, den es kein bisschen schert, was auf dem Eis mit ihm passiert. Das ist gefährlich für dich und das ist auch gefährlich für die Menschen um dich herum. Wenn dir die Männer wichtig sind, mit denen du spielst – also wirklich wichtig, so wichtig wie dir Menschen waren, bevor diese eine Sache in deinem Leben passiert ist –, dann wirst du zweimal nachdenken, bevor du etwas tust, das ihnen schaden könnte.“
Ich nehme mein Weinglas wieder hoch. „Drei Sitzungen?“
„Drei Sitzungen und du wirst dich aktiv dafür einsetzen, auch zwischenmenschlich Teil des Teams zu werden. Ich erwarte, dass du bei der Thanksgiving-Feier des Teams erscheinst.“
„Und meine Vergangenheit wird kein Thema sein?“
„Kein bisschen. Versprich mir, dass du zur Feier kommst.“
„Warum?“, brumme ich. „Ich feiere Thanksgiving nicht einmal.“
„Das spielt keine Rolle. Es geht darum, Bindungen aufzubauen, und das ist Teil unserer Vereinbarung.“
„In Ordnung“, raune ich.
„Und ich weiß auch bereits, wo unsere erste Sitzung stattfinden wird“, sagt sie vorsichtig, so als hätte mich die bisherige Unterhaltung darauf vorbereiten sollen. Ich blicke sie an und hebe argwöhnisch eine Braue. „Komm zu einem richtigen Thanksgiving-Abendessen zu meinen Eltern nach Hause. Auf der Party bei Miller gibt es nur Häppchen.“
Ich runzele die Stirn und verenge die Augen. „Warum?“
„Weil ich gern in einer gemütlichen, entspannten Atmosphäre Zeit mit dir verbringen würde. So lernt man sich am besten kennen, und mit dir habe ich eine Menge Arbeit vor mir.“
„Du willst mich also mit einem Familienessen weichklopfen?“
„Möglicherweise.“
„Okay. Dann besteht unsere erste Sitzung aus einem Abendessen bei deinen Eltern.“
„Großartig“, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln. „Siehst du, wie einfach das war?“
Ich nehme einen Schluck und lasse meinen Blick über das Tal schweifen. Livia sitzt ruhig neben mir und konzentriert sich darauf, das Holzbrett wieder mit Essen aufzufüllen. Sie gibt mir Raum, über unsere Vereinbarung nachzudenken.
Die Strategie ist gut, das muss ich ihr lassen.
Sie macht keine große Sache aus dem Deal, den wir gerade geschlossen habe. Livia hebt einfach nur ihr Glas hoch und macht eine zarte Anstoßbewegung in meine Richtung.
„Erzähl mir mehr über Craftbeer“, sagt sie. „Ich mag Bier, aber ich bin kein großer Fan von India Pale Ales. Zu bitter. Aber ich bin aufgeschlossen.“
Und da es hier im Tal ruhig ist, der Wein besser als erwartet, und sie es irgendwie geschafft hat, dass es gerade nichts gibt, gegen das ich ankämpfen muss, beginne ich zu erzählen.

Sawyer Bennett
Seit ihrem Debütroman im Jahr 2013 hat Sawyer Bennett zahlreiche Bücher von New Adult bis Erotic Romance veröffentlicht und es wiederholt auf die Bestsellerlisten der New York Times und USA Today geschafft. Sawyer nutzt ihre Erfahrungen als ehemalige Strafverteidigerin in North Carolina, um mitreißende und sexy Geschichten zu schreiben. [...]
Sawyer Bennett
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