Inhaltsangabe
Sie baut Wolkenkratzer.
Er kämpft um seinen Platz bei den Sons of Devil.
Maxim Cooper lebt nach den Gesetzen des Sons of Devil MC: Loyalität. Familie. Vergeltung. Nachdem das Clubhaus des Motorradclubs in Schutt und Asche gelegt wurde, soll aus den Trümmern etwas Neues entstehen. Als eines der jüngsten Vollmitglieder der Sons of Devil erhält Maxim den wichtigsten Auftrag seines Lebens: Er soll die renommierte Stararchitektin Skylar Bennett für den Wiederaufbau des Clubhauses gewinnen. Ein Scheitern kommt nicht infrage, denn zum ersten Mal setzt der Präsident des Clubs sein volles Vertrauen in ihn.
Skylar hat sich ihren Platz an der Spitze einer Männerdomäne hart erkämpft. Sie entwirft Wahrzeichen für die Reichen und Mächtigen. Ein Auftrag für einen berüchtigten Motorradclub könnte alles zerstören, wofür sie gearbeitet hat. Ein Motorradclub passt nicht in ihre Welt aus Luxusprojekten, Politikern und Millionären. Und Männer wie Maxim Cooper schon gar nicht.
Sie sagt Nein.
Doch Maxim kennt keine Niederlagen.
Je öfter sich ihre Wege kreuzen, desto gefährlicher wird das Knistern zwischen ihnen. Skylars Überzeugungen geraten ins Wanken, denn hinter den Tätowierungen, der Lederkutte und den dunklen Geheimnissen verbirgt sich ein Mann, dessen Loyalität grenzenlos ist. Einer, der niemals loslässt, wenn ihm etwas wichtig ist. Maxim wiederum trifft auf eine Frau, die ihm die Stirn bietet wie keine zuvor.
Als eine dunkle Bedrohung aus Skylars Umfeld sie ins Visier nimmt, geraten beide in einen Strudel aus Gewalt, Verrat und tödlichen Entscheidungen.
Sein Auftrag war klar.
Sich in Skylar zu verlieben, gehörte nie dazu.
Band 6 der erfolgreichen Sons of Devil MC-Reihe – voller Leidenschaft, Loyalität und tödlicher Gefahren.
Leseprobe
Skylar
Er prostet mir zu, dann wird unser Essen serviert. Das Essen auf den Tellern dampft, das Licht der Deckenlampen spiegelt sich auf dem polierten Be-steck wider.
Owen greift sofort zu Messer und Gabel. „Sieht doch gut aus, nicht wahr?“
Ich betrachte in Ruhe meinen Lachs, dann nehme auch ich das Besteck zur Hand. „Ja“, bestätige ich. „Ich wünsche dir einen guten Appetit.“
„Danke, gleichfalls, Darling.“
Ich koste einen Bissen. Der Fisch ist auf den Punkt gegart, zart und überaus aromatisch. Doch während ich kaue, wird mir immer klarer, wieso aus Owen und mir nie ein Paar werden kann. Aber es fühlt sich nicht richtig an. Wie der Lachs auf mei-nem Teller, den ich mir niemals bestellt hätte.
Während des Dinners sprechen wir über Ober-flächlichkeiten. Das Wetter, das Fernsehprogramm, den Aktienmarkt und Golf. Tiefgründiger wird es nicht, und das geht für mich völlig in Ordnung. Mit den Gedanken bin ich sowieso nicht wirklich bei der Sache. Ich grüble die ganze Zeit darüber, wie ich ihm nett und freundlich den Laufpass geben kann.
Nachdem Owen die Rechnung beglichen hat, führt er mich aus dem Restaurant. Ich bin froh dar-über, dass er keinen Nachtisch bestellen wollte, denn das Date war zäher als eine Schuhsohle.
Draußen auf dem Gehsteig atme ich die kühle Abendluft ein, während die Straßenlaternen das Pflaster in ein warmes Licht tauchen. Auf der ge-genüberliegenden Seite entdecke ich ein Motorrad, und mein Herz gerät ins Stolpern, da ich sofort an Maxim denken muss. Eine Verabredung mit ihm wäre bestimmt alles andere als langweilig. Wahr-scheinlich wäre sie aufregend und geheimnisvoll.
Schnell schüttle ich diesen Gedanken wieder ab, während der Parkservice den Wagen vorfährt. Owen lässt dem Mann ein großzügiges Trinkgeld zukommen und umrundet anschließend das Auto, mit der Absicht, die Beifahrertür für mich zu öff-nen.
„Ich mache das schon“, höre ich plötzlich eine raue Stimme neben mir. Ich drehe den Kopf zur Seite.
Maxim?
Hier auf dem Gehsteig?
Wo ist der denn auf einmal hergekommen? Was will er hier?
In meinem Magen breitet sich ein Kribbeln aus, und für einen Moment vergesse ich, dass ich in Begleitung bin. Ich habe nur Augen für den in Le-der gehüllten Mann.
„Wagen Sie es ja nicht, mit Ihren schmutzigen Fingern mein Auto zu berühren“, knurrt Owen.
„Dein Date ist überaus reizend“, witzelt Maxim. „Wieso gehen Frauen stets mit Arschlöchern aus?“
„Du … du kennst diesen Kerl, Skylar?“, fragt Owen ungläubig, sein Gesicht hat sich vor Wut rot gefärbt.
„Ja, ich kenne ihn. Owen, darf ich vorstellen? Das ist Mr. Cooper“, erwidere ich ruhig, obwohl mir mein Herz bis zum Hals schlägt.
„Wenn Mr. Cooper nichts dagegen hat, wir wollen jetzt los“, zischt Owen.
Maxim verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mir geradewegs in die Augen. „Wenn Skylar das wünscht.“
Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Sein Blick trifft mich so unvorbereitet, so direkt, so unver-blümt und herausfordernd, dass ich schlucken muss.
„Ja … ähm … wir sollten fahren, Owen. Ich wün-sche dir noch einen schönen Abend, Maxim.“
„Dito. Wir sehen uns, Skylar“, entgegnet Maxim und tritt einen Schritt zurück, woraufhin Owen mir sofort die Wagentür öffnet. Schnell steige ich ein, schnalle mich an und atme tief durch.
„Seit wann verkehrst du mit Abschaum?“, will Owen wissen, kaum dass er im Wagen sitzt, startet den Motor und fährt los. „Weiß dein Dad davon?“
Ich spüre, wie die Wut langsam in mir empor-steigt. „Ich verkehre nicht mit Maxim, sondern hatte beruflich mit ihm zu tun, was dich eigentlich überhaupt nichts angeht. Genauso wenig wie mei-nen Vater, da ich erwachsen bin, Owen.“
„Erwachsen vielleicht, aber dümmer als ich dach-te“, zischt er. „Vögelst du diesen Biker?“
Ich starre ihn fassungslos an. „Wie bitte?“
„War meine Frage missverständlich formuliert?“, fährt er mich an. „Ich will wissen, ob du dich von ihm ficken lässt.“
„Halt sofort an!“, schreie ich. „Ich will ausstei-gen.“
„Mach dich nicht lächerlich, Skylar“, gibt er zu-rück, ohne den Blick von der Straße oder den Fuß vom Gas zu nehmen. „Ich will nur, dass die Fron-ten geklärt sind, da wir … da du … da ich …“, stammelt er.
Was will er von mir? Weshalb druckst er so rum?
„Wofür geklärte Fronten? Wir sind kein Paar, Owen. Dementsprechend bin ich dir keinerlei Re-chenschaft schuldig. Aber damit du keinen Herzin-farkt bekommst und das Auto in die Leitplanke lenkst: Wir haben nichts miteinander. Er ist zu mir ins Büro gekommen, hat mir einen Auftrag angebo-ten und ich habe abgelehnt. Ende der Geschichte.“
Seine Hände krallen sich fester um das Lenkrad. „Dein Vater sieht das anders.“
„Worauf willst du hinaus?“
Für einen Moment antwortet er nicht. Der Blinker tickt noch, obwohl er längst die Spur gewechselt hat. Dieses Geräusch macht mich wahnsinnig.
„Dein Dad wünscht, dass wir zusammenkommen, Skylar. Dass wir heiraten und eine Familie gründen. Unsere Eltern haben bereits darüber gesprochen und sind sich einig, dass ich die beste Wahl für dich bin, und ich teile ihre Meinung. Aber ich werde keine Frau heiraten, die es mit einem Biker treibt.“
Mir klappt die Kinnlade hinunter.
Für einen Sekundenbruchteil bin ich zu ge-schockt, zu perplex, um zu reagieren. Seine Worte hängen zwischen uns, ehe mir die Wut heiß und unaufhaltsam durch die Adern schießt.
„Entschuldigung, was?“ Meine Stimme über-schlägt sich fast, und ich kann nicht verhindern, dass ich ihn anstarre, als hätte er den Verstand ver-loren. „Meine Zukunft oder mein Leben sind kein verdammtes Geschäft zwischen unseren Eltern. Ich gehöre niemandem, schon gar nicht dir. Aus dieser irrsinnigen Idee wird nichts, Owen. Ich emp-finde rein gar nichts für dich und fühle mich in kei-ner Weise zu dir hingezogen.“
Owen zuckt mit den Schultern, als wären meine Worte irrelevant. „Das stört mich nicht, denn du bist auch nicht unbedingt mein Typ. Eigentlich bevorzuge ich Brünette. Aber keine Sorge, wir werden uns schon aneinander gewöhnen und arran-gieren. Die Geschäftswelt wird von uns, dem Er-folgspärchen, völlig hin und weg sein.“
Meine Finger krallen sich um den Griff der Tür. „Du bist wahnsinnig, Owen. Vollkommen irre.“
„Ach, Skylar, mir gefällt es, wenn du auf stur schaltest. Das ist irgendwie sexy.“ Owen lacht. „Unsere Hochzeit ist beschlossene Sache. Es gibt kein Zurück. Sorry, Darling, aber schon bald wirst du Ms. Lautner sein. Ruf deinen Vater an, wenn du mir nicht glaubst.“
Wer ist diese Version von Owen?
Wohin ist der langweilige Kerl verschwunden, der stundenlang über Aktienkurse philosophieren kann, der Tierdokus spannender als Krimis findet, der in Ohnmacht fällt, wenn er Blut sieht?
Ich habe das Gefühl, ihn nicht zu kennen. Oder schlimmer: Ich glaube, in den letzten Wochen ei-nen ganz anderen Mann gedatet zu haben.
Hat er eine multiple Persönlichkeitsstörung? Ist er größenwahnsinnig? Wurde er durch seinen bösen Zwilling ausgetauscht?
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Was soll das Gefasel von Hochzeit und Kindern? Habe ich ihm falsche Signale gesendet? Bin ich im falschen Film?
Mir dreht sich der Magen um und ich presse die Lippen fest aufeinander.
„Halt sofort den Wagen an. Ich steige aus, und zwar jetzt.“
Er ignoriert mich, als wäre mein Protest nichts wert. Deshalb weiß ich, dass ich handeln muss, um dieser Farce ein Ende zu setzen. Bei voller Fahrt öffne ich die Tür einen Spalt, um ihm zu signalisie-ren, wie ernst ich meine vorausgegangenen Worte gemeint habe.
„Wenn du nicht sofort den Wagen anhältst, sprin-ge ich raus. Mir ist nicht zum Spaßen zumute, Owen.“
Keine Ahnung, ob er Angst um meine Sicherheit oder um seine Autotür hat, aber er lenkt das Fahr-zeug an den Straßenrand und schaltet den Motor aus.
Während ich die Tür aufreiße und meine Beine aus dem Auto schwinge, schlägt mein Herz wie verrückt. Die kühle Abendluft trifft mich diesmal wie ein Schlag, und für einen Moment muss ich mich am Wagen festhalten, um nicht die Balance zu verlieren.
„Hast du dich wieder beruhigt? Können wir jetzt weiterfahren?“, fragt er, als wäre nichts gewesen.
Ich rümpfe die Nase. „Nein, ich habe mich nicht beruhigt, und das wird so schnell auch nicht passie-ren. Fahr nach Hause, Owen. Allein. Ich gehe zu Fuß weiter.“
Er kommt auf mich zu. Sein Blick ist ungewohnt hart. „Mach dich nicht lächerlich, Skylar, und steig in den verfickten Wagen, oder ich mache dir Bei-ne.“
„Drohst du mir?“, fauche ich.
„Drohungen sind nur etwas für Schwächlinge“, knurrt er. „Ich bin ein Macher. Einer, der sich nimmt, was er will.“
Ein trockenes Lachen entweicht mir, ehe ich es stoppen kann. „Ein Macher? Was hast du denn schon erreicht, außer Daddys Kohle zu verprassen? Wenn du so ein Macher bist, wie du behauptest, wo sind dann deine Erfolge?“
Sein Grinsen wird schmaler, aber es verschwindet nicht. Im Gegenteil, es kippt in etwas Selbstgefälli-ges. „Mein größter Erfolg wird es sein, dich zur Frau zu nehmen. Diese Ehe ermöglicht mir alles, wovon ich geträumt habe.“
Meine Kiefermuskeln spannen sich an. „Zu dumm, dass dein Traum ausgeträumt ist. Du und ich? Das kannst du vergessen.“
Anstatt mit Worten zu antworten, holt Owen blitzschnell aus und schlägt mir mit der flachen Hand brutal ins Gesicht. Ich stehe wie versteinert da, weil ich diese Reaktion nicht habe kommen sehen. Ein beißender Schmerz breitet sich auf mei-ner Wange aus.
Owen legt mir eine Hand fest um den Hals. „Ich lasse dir dieses Verhalten noch einmal durchgehen, Darling. Aber wenn du weißt, was gut für dich ist, wirst du dich zukünftig unterordnen und schnell zur Vernunft kommen.“
Bevor ich ihm antworten kann, vernehme ich das Knattern eines Motorrads. Die Maschine hält ne-ben uns an, und ein Mann springt vom Fahrzeug. Es ist Maxim. Das erkenne ich sofort, trotz der Tränen, die mir in den Augen brennen und meine Sicht verschwimmen lassen.
„Nimm sofort deine Finger von ihr, du Wichser“, knurrt er gefährlich und kommt auf uns zu.
Tatsächlich lässt Owen von mir ab. Im nächsten Moment schiebt sich Maxim zwischen uns, breit und unbeweglich, wie eine Mauer.
„Misch dich nicht in Angelegenheiten ein, die dich nichts angehen. Das hier ist eine Sache zwi-schen mir und meiner Verlobten“, motzt Owen.
„Es ist mir scheißegal, in welchem Verhältnis ihr zueinander steht“, gibt Maxim zurück. „Niemand legt Hand an eine Frau.“
„Wer bist du? Mutter Teresa? Dass das ausge-rechnet ein Kerl sagt, dessen Vorstrafenregister wahrscheinlich länger ist als die Chinesische Mau-er“, entgegnet Owen lachend.
„Noch habe ich eine blütenweiße Weste, aber das könnte sich ändern, wenn du dich nicht sofort ver-pisst“, erwidert Maxim kalt. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hebt er sein Shirt leicht an, woraufhin eine Waffe zum Vorschein kommt, die in einem Holster an seinem Hosenbund steckt.
Mit einem Mal geht alles ganz schnell. Owen stürmt auf Maxim los, um ihn zu Boden zu ringen. Ich nutze die Gunst des Moments, drehe mich um und renne davon.
Ich bin mir sicher, dass Maxim meine Hilfe nicht braucht. Männer wie Owen frisst er bestimmt zum Frühstück. Ich hingegen will einfach nur weg. Weg von Owen, weg von diesem Abend, weg von alle-dem, was in den letzten Minuten passiert ist.
Ich ignoriere Owens wütende Stimme hinter mei-nem Rücken. Blende aus, wie er mich als Hure beleidigt, wie er Maxim mit strafrechtlichen Kon-sequenzen droht, sollte er nur einen Kratzer davon-tragen.
Es rauscht in meinen Ohren. Ich höre kaum noch etwas. Nur meinen Herzschlag und meinen Atem.
Die Tränen kullern mir ungehindert über mein Gesicht. Ich wische sie jedoch nicht weg, weil mir dafür gerade die Kraft fehlt.
Ich biege um die nächste Ecke, dann um noch ei-ne. Erst als ich Seitenstechen habe und um Atem ringe, bleibe ich stehen. Meine Finger zittern, mei-ne Wange schmerzt und mein ganzer Körper steht unter Strom.
Ich beuge mich nach vorne, stütze meine Hände auf den Oberschenkeln ab und versuche, wieder zu Atem zu kommen.
Langsam, ganz langsam, nehme ich meine Umwelt wieder wahr. Die Geräusche um mich herum, die Lichter, die Realität. Und damit einhergehend ge-winne ich folgende Erkenntnis: Nichts ist mehr so, wie es noch vor ein paar Stunden gewesen war.
Ich richte mich keuchend wieder auf und blicke die leere Straße entlang.
Maxim ist gefährlich. Unberechenbar. Jemand, der eine Schusswaffe bei sich trägt. Jemand, von dem ich mich fernhalten sollte. Und doch ist er der Mann, der mich vor Owen gerettet hat.
Nun schulde ich ihm bestimmt etwas, und ich bin mir sicher, dass er seinen Gefallen einfordern wird.
Maxim
Fast hätte ich diesen Hurensohn abgeknallt.
Ihren verdammten Verlobten.
Diesen geschniegelten Lackaffen in der maßge-schneiderten, viel zu engen Chinohose.
Einen verschissenen Frauenschläger.
Ich spüre noch immer den Aufprall meiner Faust in seinem Gesicht. Höre das satte, dumpfe Ge-räusch, als meine Knochen auf seine getroffen sind. Ich habe noch immer sein Keuchen – dieses er-bärmliche, panische Luftschnappen – in den Oh-ren, als hätte ich ihm nicht nur einen Kinnhaken verpasst, sondern ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt.
Er hätte weit mehr als das verdient, aber als er wie ein Baby um Gnade gefleht hat, habe ich mich von ihm abgewandt, um nach Skylar zu sehen.
Doch sie war spurlos verschwunden.
Fuck.
Also habe ich mich auf meine Maschine ge-schwungen und die Straßen nach ihr abgesucht – ohne Erfolg.
Nach etwa einer Stunde stelle ich die Suche nach ihr ein, fahre auf den Parkplatz eines Supermarkts und zücke mein Handy, um unseren IT-Experten anzurufen, der nach dem zweiten Klingeln rangeht.
„Jo, Kumpel, du musst mir einen Gefallen tun“, sage ich ohne Umschweife.
„Lass hören“, entgegnet unser Spezialist.
„Finde für mich heraus, wo Skylar Bennett, die Architektin, wohnt. Online ist nichts zu finden.“
„Das ist eine meiner leichtesten Übungen“, meint unser Computergenie. „Gib mir eine Minute.“
Ich ziehe meine Zigarettenschachtel und ein Feu-erzeug aus meiner Kutte. „Auch zwei“, brumme ich und zünde mir eine Kippe an.
Der erste Zug brennt angenehm in meiner Lunge. Ich halte den Rauch einen Moment in ihr, ehe ich ihn langsam wieder ausstoße.
Nachdem ein paar Augenblicke verstrichen sind, höre ich unseren Computernerd pfeifen. „Was willst du denn von der Schnecke? Ist die nicht eine Nummer zu groß für dich?“
Ich verdrehe die Augen. „Hast du etwas herausge-funden oder willst du nur labern?“
Er lacht kurz auf. „Deine Kleine wohnt an der Gold Coast.“
Die Gold Coast – das Viertel der Schwerreichen. Der Unantastbaren. Menschen, die mehr Geld be-sitzen, als sie in einem Leben ausgeben können.
Historische Villen, Luxusbuden, eine perfekte Sicht auf den Lake Michigan.
Und mitten in all dem Protz: Skylar Bennett.
„Ich schicke dir die Adresse“, fährt er fort.
Keine zwei Sekunden später vibriert mein Handy bereits.
„Danke, Kumpel, du hast was gut bei mir.“
„Darauf werde ich bestimmt zurückkommen“, meint er und legt auf.
Ich rauche in aller Ruhe meine Zigarette zu Ende, werfe anschließend den Stummel zu Boden und trete sie aus. Dann steige ich wieder auf meine Ma-schine und starte den Motor, um zu Skylar zu fah-ren.
Hoffentlich hat sie sich ein Taxi oder ein Uber ge-rufen und ist nach Hause gefahren.
Dieser Gedanke wiederholt sich in meinem Kopf, während ich durch die Stadt jage. Denn ich muss mich vergewissern, dass es ihr gut geht. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich will, dass sie für uns arbeitet.
Es ist mir ein Anliegen.
Ich brauche etwa zwanzig Minuten, bis ich ihre Adresse erreiche.
Skylar wohnt in einer kleinen, schicken Villa mit einer langen Zufahrt, die von Bäumen gesäumt ist. Der Kiesbelag knirscht unter den Reifen, während ich den Weg entlangfahre.
Ich parke mittig auf dem großen Hof, stelle den Motor ab und schwinge mich von der Maschine. Geradewegs marschiere ich auf die Haustür zu und drücke auf den Klingelknopf.
Während ich darauf warte, dass sie mir öffnet, be-trachte ich ihr Haus. Die Fassade ist in einem warmen, hellen Ton gehalten – irgendetwas zwi-schen Creme und Sand. Große Fenster ziehen sich über die Front, bodentief im Erdgeschoss, mit dunklen Rahmen, die einen harten Kontrast setzen. Ich sehe keine Vorhänge, nur leicht getönte Fens-terscheiben.
Ein schmaler Balkon zieht sich über den mittleren Teil des oberen Stockwerks, mit schmiedeeisernem Geländer. Die Eingangstür ist massiv, aus dunklem Holz. Daneben befinden sich zwei Lampen, die selbst im ausgeschalteten Zustand nach Geld aus-sehen.
„Wer ist da?“, höre ich nach einer Weile ihre be-legte Stimme durch die Gegensprechanlage.
„Ich bins, Maxim“, antworte ich.
Ein paar Sekunden lang ist es still.
„Was willst du hier?“
„Sehen, ob es dir gut geht.“
„Bei mir ist alles bestens“, erwidert sie.
Das ist eine fette Lüge.
Ich höre es, ich spüre es.
„Mach die Tür auf, Skylar.“
„Nein.“
„Komm schon, ich will dir nichts Böses“, schwöre ich. „Lass mich sehen, dass du okay bist, dann bist du mich schon wieder los. Ich bleibe so lange hier stehen, bis du mir geöffnet hast. Und wenn das die ganze Nacht dauert.“
Stille.
Nur mein eigener Atem, der in der kühlen Abend-luft sichtbar wird.
Dann höre ich sie seufzen. Ein leises, erschöpftes Geräusch. Doch schließlich öffnet sie mir.
Skylar hat geheult. Das sehe ich sofort. Ihre Au-gen sind gerötet, ihre Wimpern noch feucht. Und ihre Wange …
Mein Kiefer spannt sich an.
Ihre Wange ist rot und deutlich geschwollen.
Der Wichser hat sie nicht nur gewürgt, er muss sie zudem geschlagen haben.
In dieser Sekunde fuckt es mich tierisch ab, dass ich ihm bloß einen läppischen Kinnhaken verpasst habe. Er hätte so viel mehr verdient. Ich hätte ihn erschießen sollen.
Wenn es eine Sache gibt, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann, dann ist es Gewalt gegen Frauen. Wer einer Lady gegenüber handgreiflich wird, ist für mich kein Mann, sondern ein ver-dammter Schlappschwanz. Eine lächerliche Pussy.
Klar, die Sons of Devil sind keine Unschulds-lämmer. Viele würden uns als Arschlöcher und Kriminelle betiteln. Und wahrscheinlich hätten sie damit nicht ganz unrecht.
Wir leben nun mal nach unseren eigenen Regeln. Wir brechen Gesetze, wenn es sein muss. Auch zögern wir nicht, Gewalt anzuwenden, wenn es nötig ist.
Aber es gibt Grenzen, und eine davon ist glasklar – für jeden von uns: Wir rühren niemals eine Frau an.
Ich zwinge mich dazu, den Blick von ihrem lä-dierten Gesicht zu lösen, obwohl mir das schwer-fällt. „Du solltest dir ein Kühlpack auf die Wange legen, wenn du morgen halbwegs vorzeigbar sein willst“, sage ich.
„Danke für den Tipp“, entgegnet sie sarkastisch. „Wie du siehst … mir geht es blendend. Du kannst also wieder fahren.“ Mit dem Kinn deutet sie auf mein Bike.
Ich starre sie an. „Dir geht es gut?“ Mir entweicht ein trockenes Lachen. „Du siehst beschissen aus, Baby. Wem willst du hier etwas vormachen?“
Sie seufzt. „Was soll das, Maxim? Was interessiert es dich, wie es mir geht?“
Gute Frage.
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
Das ist die Wahrheit.
Ich verstehe mich selbst nicht.
Eigentlich sollte sie mir egal sein. Ihre Beziehung, ihre Probleme, ihr Leben. Nicht mein Ding. Aber bei ihr … ist das irgendwie anders, und ich habe keine Idee, wieso.
Für einen Moment schweigen wir.
Mir fällt auf, wie sich etwas in ihrem Gesicht ver-ändert. Die Härte schwindet ein Stück.
„Ich bin dir dankbar dafür, dass du mir geholfen hast, Maxim“, sagt sie schließlich. „Wer weiß, was Owen getan hätte, wenn du nicht eingeschritten wärst. Ich schulde dir was.“
„Du schuldest mir überhaupt nichts“, kommt es mir wie aus der Pistole geschossen über die Lippen. „Vielleicht solltest du die Beziehung zu deinem Verlobten überdenken. Er ist ein riesiger Arsch.“
„Owen ist nicht mein Verlobter.“
„Nicht?“
Sie schüttelt den Kopf. „Wir sind ein paarmal miteinander ausgegangen und nun ist er davon überzeugt, dass wir heiraten werden. Oder meine Eltern haben ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Vorhin, im Auto, da ha-be ich ihm gesagt, dass es kein Uns geben wird. Und wie er das aufgenommen hat, weißt du ja.“
„Da scheint jemand nicht sonderlich gut mit ei-nem Korb umgehen zu können“, brumme ich.
Meine Stimme klingt erstaunlich ruhig, fast ge-langweilt, obwohl es in mir brodelt.
„Nun, da kenne ich noch so jemanden“, entgegnet sie und deutet mit dem Finger auf mich.
Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe und ver-schränke grinsend die Arme vor der Brust. „Nur mit beruflichen Abfuhren“, stelle ich klar. „Aber deswegen setze ich keine Gewalt ein.“
Sie mustert mich. So richtig. Nicht nur mit einem flüchtigen Blick – nein, sie nimmt sich Zeit. Ihre Augen gleiten über mein Gesicht, als würde sie versuchen, einen Blick hinter meine Fassade zu erhaschen.
Plötzlich schüttelt sie den Kopf. „Danke, dass du nach mir gesehen hast, aber ich komme ab hier allein zurecht. Ich sollte wieder reingehen und meine Wange kühlen, denn ich habe morgen einen wichtigen Termin.“
Ihre gerötete Wange zieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Zufällig mit den Sons of Devil? Um ihnen zu sagen, dass du deine Meinung geän-dert hast?“
„Nein, tut mir leid.“
„Hast du nicht vorhin gesagt, du würdest mir jetzt etwas schulden? Ich glaube, ich muss den Gefallen nun doch einfordern.“
Sie grinst schief. „Und hast du nicht behauptet, dass dem nicht so sei?“
„Ich habe meine Meinung anscheinend geändert.“
„Das war ja klar“, meint sie.
„Wie wäre es mit einem Kompromiss?“, schlage ich vor. „Du schenkst uns eine Stunde deiner wert-vollen Zeit und hörst dir an, was wir anzubieten haben. Und solltest du hinterher immer noch der festen Überzeugung sein, dass du uns nicht helfen willst, gebe ich Ruhe. Dann siehst du mich nie wieder. Das verspreche ich dir.“
Der letzte Teil ist gelogen. Oder zumindest eine Halbwahrheit. Wenn sie ablehnt, müssen wir das akzeptieren, aber sie nie wieder sehen? Ganz be-stimmt nicht.
„Vorher wirst du wahrscheinlich sowieso nicht aufgeben, oder?“
Ich zucke mit den Schultern. „Völlig richtig, Ba-by.“
Sie zieht die Nase kraus und legt ihre Stirn in Fal-ten. Ich sehe förmlich, wie es in ihrem hübschen Köpfchen rattert. Sie wägt die Optionen ab. Die Risiken, den Nutzen, mögliche Konsequenzen.
Ich lasse ihr Zeit, ich dränge sie nicht. Druck bringt nichts – sie würde sich wahrscheinlich nur zurückziehen.
„Okay, wann und wo?“
Innerlich reiße ich die Arme in die Luft und ma-che vor Freude einen Salto.
Jackpot.
Äußerlich gebe ich mich gespielt cool. „Du ent-scheidest. Dein Terminkalender ist bestimmt voller als unserer.“
„Übermorgen am Abend? Bei euch?“, fragt sie vorsichtig. „Ich glaube, es würde zu viel Aufsehen erregen, wenn eine Gruppe Motorradfahrer in mein Büro einfällt.“
Ich muss mir ein Grinsen verkneifen. „Klingt fair.“
Sie nickt und teilt mir ihre Handynummer mit, damit ich ihr Adresse und Uhrzeit schicken kann. Schnell tippe ich die Ziffern in mein Telefon ein, speichere sie ab und rufe sie an, damit sie auch meine Nummer hat.
„Ich freue mich schon jetzt auf die Zusammenar-beit“, verkünde ich.
„Moment, freue dich nicht zu früh. Ich habe bloß eingewilligt, mir eure Ideen anzuhören. Das heißt nicht automatisch, dass ich das Projekt überneh-me.“
Da ist sie wieder – diese professionelle Distanz, die sie vor ein paar Minuten noch abgelegt hatte. Eine klare Linie. Keine falschen Versprechungen.
Ich nicke. „Aber das ist schon wesentlich mehr als vor zwei Tagen, wo du mich hochkant aus dei-nem Büro geschmissen hast.“
Sie lacht. „Stimmt.“
„Bist du dir sicher, dass du ab hier allein klar-kommst?“
„Ja, bin ich. Danke, Maxim.“
Ich zögere einen kurzen Moment. Etwas in mir sträubt sich, wegzufahren.
Vielleicht wegen des Kerls von vorhin, diesem Owen. Vielleicht aber auch, weil ich es genieße, mich mit ihr zu unterhalten.
„Okay, aber falls etwas sein sollte, ruf mich an. Du hast ja jetzt meine Telefonnummer. Ich meine das todernst, Skylar. Sollte dieses Arschloch Stress machen, melde dich.“
„Ich glaube nicht, dass das passieren wird, aber trotzdem danke“, sagt sie. „Wir sehen uns in zwei Tagen.“
„Wir sehen uns“, wiederhole ich.
Noch bevor sie die Tür wieder schließt, drehe ich mich um, gehe zu meinem Bike und schwinge mich drauf. Ich starte den Motor, lege den Gang ein und fahre vom Hof, doch meine Gedanken bleiben noch bei ihr.
Bei Skylar.













