Inhaltsangabe
Als Investigativjournalistin ist Tessa Ward brisante Enthüllungen gewohnt. Doch diesmal hat sie sich mit den Falschen angelegt: Ein mächtiger Immobilienmogul steht im Verdacht, hinter einer Serie verheerender Waldbrände im Nordwesten der USA zu stecken und Tessas Informant bezahlt dieses Wissen mit dem Leben. Plötzlich wird aus einer Story ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit.
Der einzige Mensch, dem Tessa jetzt noch vertrauen kann, ist ausgerechnet der Mann, den sie nie wiedersehen wollte.
Nach Jahren bei den Special Forces und als Spezialist für Waldbrände sucht Cole Mercer nach einer neuen Aufgabe. Diese findet er bei der renommierten Sicherheitsfirma Jameson Force Security Group, die gerade einen neuen Standort in Seattle eröffnet. Doch statt eines ruhigen Neuanfangs steht plötzlich die Frau vor ihm, die ihm einst das Herz gebrochen hat.
Als klar wird, dass Tessa gejagt wird, bleibt Cole keine Wahl: Er muss sie beschützen. Während sie gemeinsam einer Spur aus Korruption, Brandstiftung und Mord folgen, geraten sie immer tiefer in ein gefährliches Netz aus Lügen – und näher zueinander, als sie es je wieder wollten, denn manche Feuer lassen sich nicht löschen …
Doch je näher sie der Wahrheit kommen, desto gefährlicher wird das Spiel – und ein einziger Fehltritt könnte sie beide das Leben kosten.
Mit diesem actiongeladenen ersten Teil kehrt Sawyer Bennett zurück in die gefährliche Welt der Jameson Force Security Group – voller Gefahr, Leidenschaft und Helden, die alles riskieren.
Leseprobe
Tessa
Das Parkhaus ist ruhig, nur etwa zur Hälfte mit Autos gefüllt. Obwohl der Regen vor ungefähr einer Stunde aufgehört hat, tropft Wasser aus den Deckenfugen, pocht auf die Motorhauben und sammelt sich entlang der Markierungen.
Nachdem ich die zwei Blocks von meinem Büro hierher gelaufen bin, nehme ich die Rampe statt des Aufzugs. Meine Stiefel erzeugen bei meinen bedächtigen Schritten ein dumpfes Echo, während ich zur nächsten Etage hinaufsteige. Ich habe Pfefferspray in der Jackentasche und scanne ständig meine Umgebung nach Gefahren.
Als ich um die Ecke biege, lasse ich den Blick über die letzte Rampe zum zweiten Parkdeck schweifen. Etwa zehn Fahrzeuge parken am nächsten zum Treppenhaus, und ein Mann steht neben einem Betonpfeiler. Ich erkenne Erik von den Bildern, die ich bei meinen Recherchen gefunden habe.
Der Mann ist schmal, vielleicht Anfang dreißig, und ich merke, wie sein Blick nervös umherschweift, als ich mich ihm nähere. Sein Anorak hängt locker an ihm, die Hände steckt er in die Taschen, die Schultern sind leicht gebeugt, als wolle er sich kleiner oder unauffälliger machen.
Er beißt die Zähne zusammen, als ich näher komme, und er verlagert sein Gewicht, als würde er überlegen, ob er die Flucht ergreifen soll.
„Erik?“, frage ich zögernd, und er nickt.
„Bist du allein?“, will er mit drängender, leicht rauer Stimme wissen.
„Ja“, sage ich langsam und zeige ihm meine Hände. „Du auch?“
Er schaut wieder an mir vorbei zur Rampe und schüttelt dann den Kopf. „Ja, ich bin allein. Ich kann sonst niemandem trauen.“
Ruhig und sanft komme ich zum Punkt. „Du hast gesagt, du hast Beweise für mich.“
Er nickt, lässt seinen Blick umherschweifen und weigert sich, mich anzusehen. „Glaubst du, RainVest hat absichtlich Brände gelegt, um Land billig zu erwerben?“
„Ich glaube, dass sie definitiv von dem Preisverfall bei den Grundstücken profitiert haben, die sie erworben haben, nachdem Waldbrände den Baumbestand zerstört hatten. Brandstiftung sehe ich aber nicht.“
„Das Feuer in Oregon vor zwei Monaten.“ Er richtet seinen Blick endlich auf mich. Dann zieht er eine Hand aus der Jackentasche und hält einen USB-Stick darin. „Das, bei dem zwei Camper ums Leben kamen. Ich wusste, dass ich danach nicht mehr schweigen konnte.“
Das war der Grund, warum er sich überhaupt an mich gewandt hat. Er wusste, dass sein Arbeitgeber Waldbrände legte, um günstig an Land zu kommen, aber als bei einem dieser Brände Menschen ums Leben kamen … konnte er das nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren.
Mein Blick fällt auf den angeblichen Beweis in seiner Hand. „Was ist da drauf?“
Er reicht mir den Stick, und ich nehme ihn. „Alles, was du brauchst, um zu beweisen, dass es Brandstiftung war und der Befehl von ganz oben kam.“
Daraufhin stecke ich den USB-Stick in die Brusttasche. „Ich muss erst überprüfen, was da drauf ist, aber …“
Sein Blick richtet sich auf etwas hinter meiner Schulter, und er erbleicht. „Oh, Scheiße.“
„Was ist?“ Ich drehe mich um und lasse den Blick durch die Garage schweifen.
Zwischen den Betonpfeilern sehe ich einen schwarzen SUV die Rampe vom Erdgeschoss herauffahren.
Mein Blick fällt wieder auf Erik, der jetzt bleich wie ein Geist ist. „Die haben mich gefunden.“
Ich bin misstrauisch, aber seine Angst scheint echt zu sein. „Woher weißt du …“
Er dreht sich zu mir um, sein Blick ist hart. „Folge den Brandspuren, dann wirst du sehen, dass ich die Wahrheit sage. Ich muss weg, aber ich melde mich.“
„Erik, warte …“
Doch er weicht bereits zurück, erst einen Schritt, dann noch einen. Er geht geradeaus und versucht, selbstbewusst die Rampe hinaufzuschlendern, die zum dritten Parkdeck führt. Der SUV biegt um die Ecke, und seine Scheinwerfer leuchten Erik an. Der wird schneller, und mein Herzschlag passt sich seinen Schritten an. Instinktiv trete ich in den Schatten, genau zwischen eine dreiviertelhohe Betonwand und die Tür zum Treppenhaus. Ich halte den Atem an, während der SUV langsam und bedächtig heranrollt. Die Reifen flüstern über den nassen Asphalt.
Nicht aggressiv, vielleicht sucht er nur einen Parkplatz.
Dann brüllt ohne Vorwarnung der Motor auf.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als Erik wie angewurzelt stehenbleibt und das Scheinwerferlicht die quälende Angst in seinen Augen offenbart. Der SUV schießt mit brüllendem Motor vorwärts, und Erik steht einfach nur da, als wären seine Füße am Beton festgewachsen.
Ich möchte ihn anschreien, er solle weglaufen, aber auch ich bin wie erstarrt. Die Worte bleiben mir im Hals stecken.
Dann geht alles ganz schnell. Die vordere Stoßstange trifft ihn so hart, dass er vom Boden abhebt, und das abscheuliche Knacken von Knochen hallt von den Betonwänden wider. Ich gehe in die Hocke und husche seitwärts hinter das Heck einer dunklen Limousine. Erik fliegt durch die Luft und landet sechs Meter von meinem Versteck entfernt. Ich gehe auf Hände und Knie, möchte nichts lieber, als mich flach auf den Boden zu drücken, damit man mich nicht findet, weiß aber auch, dass ich, falls notwendig, springen und rennen können muss.
Ich recke den Hals, um unter das Auto und an den Vorderrädern vorbeizuspähen. Dort liegt Erik wie eine schlaffe Stoffpuppe. Sein Kopf ist von mir abgewandt, aber an der völligen Regungslosigkeit erkenne ich, dass er tot ist.
Der SUV kommt quietschend zum Stehen. Mein Kopf ist wie leergefegt. Soll ich fliehen? Oder soll ich versuchen, Erik zu helfen? Meine Beine wollen sich nicht bewegen, und mein Herz hämmert so heftig, dass ich den Puls in meinen Trommelfellen spüre.
Die Fahrertür öffnet sich, und eine Gestalt steigt aus. Ich sehe den Saum eines dunklen Mantels und schwarze Halbschuhe. Der Mann geht zu Eriks Leichnam, stößt ihn mit dem Fuß an und geht dann in die Hocke. Ich kann das Gesicht des Mannes nicht sehen, nur seinen Oberkörper von der Mitte des Rückens abwärts. Er drückt zwei Finger auf Eriks Kehle, und ich weiß, dass er sich überzeugt, dass dieser nicht mehr lebt und niemanden mehr verraten kann.
Der Mann steht auf, und jetzt sehe ich ihn nur noch von den Knien abwärts, aber ich kann erkennen, dass er groß ist. Weil er gerade einen Mann brutal ermordet hat, ist mir klar, dass er kein Gewissen hat.
Einen Herzschlag lang wartet der Killer, und ich stelle mir vor, dass er sich vergewissert, dass es keine Zeugen gibt, vielleicht den Kopf geneigt und auf jedes Geräusch lauschend. Ich halte den Atem an und hoffe inständig, dass er wieder in den SUV steigt und verschwindet.
Der Mann dreht sich langsam in meine Richtung. Er kommt ein paar Schritte auf mich zu, einen nach dem anderen, wobei die Ledersohlen seiner Schuhe über den Beton kratzen wie Fingernägel über eine Kreidetafel.
Ich halte den Atem an, bis meine Lunge brennt.
Ein Stockwerk höher betreten zwei Menschen lachend das Parkdeck. Das Geräusch lässt den Mann mitten im Schritt erstarren, und er wendet sich ab, wieder in Richtung Erik.
Ich nutze den Moment, in dem sich seine Aufmerksamkeit verlagert, und renne los. Tief geduckt eile ich hinter drei Autos, die vor einer offenen Tür zum Treppenhaus stehen, etwa drei Meter entfernt, und bete, dass der Mörder nicht in meine Richtung zurückschaut.
Ich husche durch die Tür, dankbar, dass meine Stiefel nicht so laut sind, dass sie mich verraten. Auf Zehenspitzen schleiche ich eine Treppe hinunter und presse eine zitternde Hand auf meinen Mund, um den Drang zu schluchzen zu unterdrücken. Mein Herz hämmert so heftig, dass es sich anfühlt, als wäre es hörbar. Ich zwinge mich, durch die Nase zu atmen, langsam und leise, aber jeder Atemzug lässt mich erbeben.
Denk nach, Tessa.
Wähl den Notruf.
Hau ab.
Nein, bleib in deinem Versteck.
Meine Finger schweben in der Manteltasche über meinem Smartphone, aber ich hole es nicht heraus. Das Geräusch einer Vibration könnte mich verraten. Schließlich könnte er direkt vor der Tür stehen und lauschen.
Ein Augenblick der Stille, zwei, dann … wieder Schritte, aber sie kommen nicht näher. Schuhsohlen schaben über Beton. Das Geräusch wird leiser, und Sekunden später schlägt eine Autotür mit einem dumpfen Knall zu.
Der Motor brüllt auf, und die Reifen quietschen kurz auf dem nassen Asphalt. Das Geräusch des sich entfernenden SUVs verhallt in der Nacht.
Ich rühre mich nicht von der Stelle.
Jedenfalls nicht sofort.
Ich bin immer noch auf den Einschlag einer Kugel vorbereitet, jeder Muskel ist angespannt. Neonlicht flackert über mir, irgendwo unter mir knallt eine Tür zu, und jemand lacht, ohne etwas zu ahnen.
Endlich atme ich zitternd aus.
Mein Informant ist tot. Dieser Kerl hat ihn vor meinen Augen ermordet.
Ich stecke die Hand in die Tasche und schließe meine Finger um den USB-Stick. Was auch immer darauf ist, war brisant genug, um Erik umzubringen, was bedeutet, dass es wahr ist.
Jetzt verfüge ich über Wissen, das mir das gleiche Schicksal bescheren könnte.
Eine vernünftige Bürgerin, die gerade einen Mord beobachtet hat, würde die Polizei rufen. Aber dann müsste ich meinen Namen nennen. Ich wäre eine Zeugin und damit eine Zielscheibe. Wenn RainVest dahintersteckt, wie ich vermute, schrecken sie augenscheinlich nicht davor zurück, Zeugen zu töten.
„Es tut mir leid“, murmele ich, und entschuldige mich bei Erik dafür, dass ich in diesem Moment nichts für ihn tun kann, falls er aus dem Jenseits zuhört.
Aber ich kann dafür sorgen, dass er nicht umsonst gestorben ist.
Als ich endlich daheim bin, zittere ich noch stärker. Ich lasse meine Handtasche fallen, verriegle alle Schlösser und lasse mich auf die Couch sinken. Der USB-Stick liegt in meiner Hand, kaltes Metall auf schweißnasser Haut.
Folge den Brandspuren.
Ich habe keine Ahnung, was Erik damit gemeint hat. Also stecke ich den Stick in meinen Laptop und durchsuche Dutzende Dateien.
Excel-Tabellen. Kaufbelege. Umweltgutachten. Mein Atem verlangsamt sich, während ich sie durchklicke. Einiges davon kenne ich, das meiste dagegen nicht. Es handelt sich nicht um öffentlich zugängliche Informationen.
Grundstücksverkäufe nur Tage nach dem Ende der Brände. Briefkastenfirmen mit banalen Namen, die sich aber alle zu RainVest zurückverfolgen lassen.
Jede Datei lässt sich auf denselben Bauträger zurückführen. Jeder verbrannte Hektar, jede „Naturkatastrophe“, jede Kommune, die sich nie wieder erholt hat.
Ich werfe einen Blick auf Mails, interne Memos und Anrufprotokolle. Tausende und Abertausende von Seiten, die ich durchgehen muss.
Erik sagte, der Beweis sei hier drin, und jetzt muss ich ihn ausgraben.
Ich habe Magenkrämpfe. Dies ist die Story meiner Karriere, aber ich kann nur an Eriks Gesicht in dieser Garage denken, an die Angst in seiner Stimme … an das widerliche Knacken seiner Knochen.
Mein Puls pocht in meiner Kehle, und ich erhebe mich voller nervöser Energie von der Couch. Mein Instinkt schreit danach, die Geschichte schnell zu bringen, denn wenn ich sie veröffentliche, wird mir das ein gewisses Maß an Sicherheit verschaffen. Aber der rationale Teil meiner Selbst weiß es besser. Wenn RainVest Erik wirklich ermordet hat, um zu verhindern, dass die Sache weitergeht, bin ich so gut wie tot, sobald das Unternehmen meinen Namen kennt.
Das bedeutet, ich muss sicherstellen, dass die Beweise gut genug sind, um Strafanzeige gegen den zu erstatten, der hinter all dem steckt. Ich werde tiefer graben müssen, und ich weiß, dass ich das nicht alleine schaffen werde.
Ich greife nach meinem Smartphone und scrolle durch meine Kontakte: ehemalige Kollegen, Polizeiquellen, Anwälte. Niemand von diesen Leuten kann mir helfen. Keiner kennt sich so gut mit Feuer aus wie …
Mein Daumen schwebt zögernd über einem Namen. Ich habe mich geweigert, ihn aus meinen Kontakten zu löschen, als wir uns vor fünf Jahren trennten, weil ich den Gedanken nicht ertrug, ihn zu vergessen.
Cole Mercer.
Ich sollte weiter scrollen. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, bluteten wir beide aus Wunden, die wir immer wieder aufrissen. Cole war meine erste und meine einzig wahre Liebe.
Mein erster Verlust.
Cole hat mit mir Schluss gemacht, weil er es nicht ertrug, zuzusehen, wie ich mein Leben für Geschichten wie diese riskiere. Ich habe es zugelassen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, das aufzugeben.
Dennoch – wenn meine Welt in Flammen aufgeht, ist er der einzige Mensch, an den ich denke.
Meine Hand zittert, als sie über dem Kontakt schwebt. Ich habe ihn nie losgelassen. Auch nach all der Zeit ist die Erinnerung an ihn nicht verblasst. Ich träume häufiger von ihm, als ich zugeben möchte.
Ich habe kein Recht, Cole um Hilfe zu bitten, zumal dies genau der Aspekt meines Berufs ist, den er gehasst hat.
Aber ich habe Angst. Ich habe schon gefährliche Geschichten recherchiert, aber ich war noch nie Zeugin eines kaltblütigen Mordes. Das kann ich nicht einfach so stehen lassen, und selbst wenn ich es könnte, habe ich die erdrückenden Beweise in meinen Händen.
Ich brauche Hilfe.
Mit der Fingerspitze drücke ich die Taste, und es klingelt. Einmal. Ein zweites Mal.
Meine Nerven kribbeln vor Nervosität, und ich lege fast auf.
Dann meldet sich eine sonore, besonnene Stimme. Eine Stimme, die mich früher mal zum Schmelzen brachte. „Mercer.“
Für einen Herzschlag vergesse ich zu atmen. Diese Stimme ist Charakterstärke und Geborgenheit und tausend Nächte, die ich zu vergessen versucht habe.
„Hey“, bringe ich mühsam hervor. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. „Ich bin’s.“
Es entsteht eine Pause. Ich höre beinahe, wie er blinzelt. „Tessa, bist du das?“
„Ja. Ich brauche deine Hilfe, Cole.“
Cole
Der Regenguss, der zuvor über uns hinweggefegt ist, hat sich verzogen und eine saubere, frische Luft hinterlassen. Der Asphalt in Fremont ist noch nass. Ich lenke meinen Pickup langsam in eine schmale Seitenstraße abseits der Hauptstraße. Diese Gegend kenne ich so gut, dass ich sie mit geschlossenen Augen befahren könnte. Die Gebäude hier sind Bungalows aus der Zeit um die Jahrhundertwende im Craftsman-Stil. Sie haben tiefe Veranden mit Holzgeländern und sich verjüngenden quadratischen Säulen.
Tessas Haus liegt in der Mitte des Blocks. Es ist ein kompakter Bungalow aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, der früher moosgrün war, jetzt aber in einem gedämpften Blaugrau mit weißen Zierleisten gestrichen ist. Ich nehme an, das ist nur eine von vielen Umgestaltungen, die ich sehen werde.
Der Garten ist bescheiden, mit niedrigem, straff geschnittenem Heckenwerk und einem schmalen Weg aus Pflastersteinen, den ich ihr eines Sommers verlegt habe und der vom Bürgersteig zur Haustür führt.
Es ist die Art von Haus, die man kauft, wenn man entschlossen ist, ein Nest zu bauen, und es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dies würde auch mein Zuhause für immer sein.
Je näher ich der Einfahrt komme, desto mehr zieht sich meine Brust zusammen. Es sind nun fünf Jahre ohne ihre Stimme vergangen, und ich dachte, ich hätte sie hinter mir gelassen. Wenn mein Unbehagen darüber, sie wiederzusehen, ein Anzeichen dafür ist, dann wohl eher nicht.
Ich hätte nicht herkommen sollen.
Das ist mir klar.
Aber in dem Augenblick, als sie sagte, sie brauche Hilfe, handelte mein Körper, bevor mein Verstand widersprechen konnte. Es wurde noch dringlicher durch die Tatsache, dass Tessa nie um Hilfe bittet, also weiß ich, dass es schlimm ist.
Ich parke parallel zum Bordstein, stelle den Motor ab und sitze einen Moment da, um zu überlegen, wie ich das angehen soll. Dabei umklammere ich mit schwitzenden Handflächen das Lenkrad, als wäre es das Einzige, was mich noch am Boden hält.
Es ist einfach lächerlich.
Ich habe Feuergefechte und flammende Infernos überlebt und Brüder in zwei verschiedenen Uniformen verloren. Das hat äußere und innere Narben hinterlassen, die ich überwunden habe, und doch versetzt mich der Gedanke, Tessa Ward wiederzusehen, in eine größere Anspannung als jedes Schlachtfeld.
Ich steige trotzdem aus und stecke meine Schlüssel ein, nachdem ich die Türen abgeschlossen habe.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich daran denke, wie verängstigt sie am Telefon klang, und ich schleppe mich die Eingangstreppe hinauf und frage mich, was um alles in der Welt eine Frau erschrecken könnte, die so furchtlos ist wie keine andere.
Ich habe es nicht einmal bis zur obersten Stufe geschafft, als sich die Haustür öffnet.
Da steht sie.
Ich lasse den Blick über sie schweifen, sauge gierig ihre Schönheit und vorsichtig ihren Schmerz in mich auf. Sie sieht völlig zerstört aus.
Sie ist trotzdem umwerfend genug, um mir den Atem zu rauben, aber unter den Sommersprossen bleich. Ihr langes kastanienbraunes Haar ist unfrisiert, und obwohl ihre himmelblauen Augen scharf und wachsam sind, liegen darunter Augenringe, die von ihrer Erschöpfung zeugen.
Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Hey.“
Jede Erinnerung, die ich begraben hatte, kämpft sich wieder nach oben – ihr Lächeln, als sie das erste Mal in meinen Wagen stieg, der Klang ihres Lachens in der Nacht, die Art, wie wir Händchen hielten, als wir gemeinsam am Küchentisch unseren Morgenkaffee tranken.
„Hey“, antworte ich, während ich den Blick erneut über sie schweifen lasse, um all die kleinen Veränderungen in mich aufzunehmen, die fünf Jahre vielleicht bewirkt haben. Soweit ich sehe, gibt es keine. Tessa ist dieselbe, nicht mal zusätzliche Lachfalten, aber da ist Müdigkeit.
Sie tritt zurück. „Komm doch rein.“
Das Haus fühlt sich in dem Augenblick, als ich eintrete, genauso an wie früher. Es riecht nach Lavendel, ihrem Lieblingsduft in den Duftlampen, die überall verteilt sind. Ein Geruch, den ich lieben gelernt habe.
Der Eingangsbereich mündet in das kleine Wohnzimmer mit seinem originalen Parkettboden, der zwar leicht zerkratzt, aber poliert ist. Einbau-Bücherregale, bei deren Anbringung ich geholfen habe, flankieren einen gemauerten Kamin, der zu dieser Jahreszeit eher dekorativ als praktisch ist, obwohl wir ihn in den kälteren Monaten immer angezündet hatten. Ein niedriges, schiefergraues Sofa steht genau dort, wo es schon immer stand, und ist zum Couchtisch statt zum Fernseher ausgerichtet, denn Tessa konnte noch nie lange genug still sitzen, um fernzusehen. Ein gewebter Teppich macht den Raum gemütlicher, und eine Stehlampe in der Ecke verbreitet warmes, gleichmäßiges Licht.
Aber die Wände sind anders.
Die Bilderrahmen sind noch da – aus schwarzem Metall, klar in der Form –, aber die Fotos haben sich verändert. Wo einst Aufnahmen von uns an der Küste Oregons hingen, sie lachend im Wind, mein Arm um ihre Taille, sind jetzt Landschaften zu sehen. Eine Stadtsilhouette mit einem Waldbrand, die sie wohl von einem Bergrücken aus fotografiert hat. Ein Schwarz-Weiß-Foto der Uferpromenade von Seattle im Nebel. Eine Nahaufnahme alter Ziegel am Pioneer Square.
Keine Spur von mir, aber ich habe auch nichts anderes erwartet. All meine gerahmten Fotos von ihr habe ich weggeworfen, als wir unsere Beziehung beendeten, aber aus irgendeinem Grund habe ich die digitalen Bilder nie gelöscht. Die sind immer noch in einem Ordner auf meinem Handy.
Tessa geht schweigend und mit hängenden Schultern in die Küche, wo sie die Kaffeemaschine bedient. Hier hat sich im Gegensatz zum Wohnzimmer nichts verändert. Dieselben weißen Schränke und Arbeitsplatten aus Massivholz, ein schmaler Küchentresen, der gleichzeitig als weitere Arbeitsfläche und Esstisch dient. Ich habe um Mitternacht mit ihr dort gestanden, beide gebeugt über Take-away-Verpackungen, während sie auf einem Notizblock eine Geschichte skizzierte.
Heute Abend ist dieser Küchentresen mit Papier bedeckt.
Ich schaue hin und sehe topografische Karten, die mit roter Tinte markiert sind. Ohne zu zögern blättere ich die Unterlagen durch und sehe gedruckte Grundbuchauszüge, die zu ordentlichen Stapeln zusammengeheftet sind. Ein Block, von Rand zu Rand mit ihrer kleinen Handschrift bedeckt. Ihr Laptop leuchtet an einem Ende des Küchentresens, der Bildschirm ist geteilt zwischen Tabellenkalkulationen und etwas, das wie eine Immobiliendatenbank aussieht. Daneben liegt ein kleiner, silberner USB-Stick und sieht bedrohlich wichtig aus.
Ich schaue zu Tessa auf, und sie beobachtet mich, während der Kaffee durchläuft. „Ich wusste nicht, wen ich sonst anrufen sollte“, flüstert sie.
„Erzähl.“
Sie kommt von der anderen Seite des Küchentresens auf mich zu, ihr Blick huscht zu den Papierstapeln und wieder zurück zu mir. „Ich recherchiere an einer großen Story, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so gefährlich werden würde.“ Sie wartet einen Augenblick, um meine Reaktion einzuschätzen, denn genau diese Gefahr war es, die uns endgültig entzweit hat. „Ich hätte nicht gedacht, dass jemand sterben würde“, wispert sie.
Das lässt mich zusammenzucken, als hätte mich ein Stromschlag getroffen, gefolgt von einer hohlen Kälte, die mich durchdringt. „Jemand ist tot?“
Tessa nickt. „Seit heute Nacht. Ein Whistleblower.“ Ihre Stimme bricht, und sie verschränkt die Arme vor der Brust, als wolle sie sich zusammenreißen. „Er hieß Erik Lanning und arbeitete für eine Firma namens RainVest Holdings. Er hat mich vor etwa einer Woche kontaktiert und mir von seinem Chef erzählt, einem großen Bauunternehmer, der über Briefkastenfirmen brandgeschädigtes Land zu stark herabgesetzten Preisen aufkaufte.“
„Ich nehme an, das ist gängige Praxis“, stelle ich fest.
Tessa hält den silbernen USB-Stick hoch. „Mag sein … aber Erik sagte, er habe Beweise dafür, dass RainVest die Brände tatsächlich selbst gelegt hat.“
Ich hebe die Brauen, denn das ist eine ziemlich kühne Behauptung.
„Die Beweise sind auf diesem Stick?“
Sie nickt und legt ihn zurück auf den Stapel. „Ja, und das sind all die anderen amtlichen Unterlagen, die ich gesammelt habe. Erik hat ihn mir heute Abend in einem Parkhaus gegeben.“
Ein dunkles Parkhaus. Das ist wieder mal typisch Tessa. „Was ist dann passiert?“
Tessas Augen glänzen. „Ich habe ihn sterben sehen.“ Sie holt keuchend Luft, während sie sich am Rand des Küchentresens festhält. „Ein SUV hat ihn überfahren. Ich war drei Meter entfernt, und das Geräusch, als er getroffen wurde …“ Tessa schaudert am ganzen Körper, und ich muss den Instinkt unterdrücken, sie tröstend in die Arme zu nehmen. Das steht mir nicht mehr zu, und deshalb hat sie mich auch nicht kontaktiert.
„Könnte es ein Unfall gewesen sein?“, frage ich in der verzweifelten Hoffnung, dass es nur das war, damit ich sie beruhigen und gehen kann.
Sie schüttelt den Kopf, und eine Strähne ihres prächtigen rotbraunen Haars fällt ihr ins Gesicht. „Ich habe gesehen, wie der Fahrer ausgestiegen ist. Er hat Eriks Puls gefühlt.“ Ihre Stimme ist jetzt nur noch ein Flüstern. „Er hätte mich beinahe gesehen. Ich bin ziemlich sicher, dass er wusste, dass ich da war, aber dann kamen andere Leute in die Garage, und ich glaube, das hat ihn verscheucht.“
Ein Hitzeschwall durchströmt mich – Zorn, scharf und heftig –, gefolgt von einem Anflug von Angst. Tessa neigt nicht zu Hysterie und Übertreibung. Wenn sie das Gefühl hat, in Gefahr gewesen zu sein, dann war sie das.
Ich gehe einen Schritt auf sie zu. „Mein Gott, Tessa. Du hättest auf der Stelle die Polizei rufen sollen.“
Sie lacht traurig. „Was hätte ich denn sagen sollen? Dass ein milliardenschweres Unternehmen Brandstiftung inszeniert, um billiges Land zu kaufen, und einen Whistleblower überfahren hat? Man hätte mich gekreuzigt, weil ich jemanden ohne Beweise beschuldigt habe.“
„Du hast doch Beweise.“ Ich tippe auf den silbernen USB-Stick. „Das ist weit mehr als bloße Spekulation. Veröffentliche es und bring alles ans Licht.“
„Dafür reicht es nicht. Wir befinden uns immer noch im Bereich der Spekulation.“
Ich schnappe mir den USB-Stick, gehe um den Tresen herum und halte ihn ihr vors Gesicht. „Das ist der Beweis, und wir gehen jetzt auf der Stelle zur Polizei.“
Sie entreißt mir das kleine silberne Ding, ihr Gesicht ist vor Wut gerötet. „Ich gehe nicht zur Polizei. Sobald ich mich als Zeugin zu erkennen gebe, werden die hinter mir her sein.“
„Die Polizei wird dich beschützen …“
Tessa stößt ein so lautes Lachen aus, dass mir das nächste Wort im Hals stecken bleibt. „Sag mir bitte, dass du nicht so naiv bist. Herrgott, Cole … du arbeitest für eine Sicherheitsagentur, die sich auf diesen Dreck spezialisiert hat. Bei so einer Summe, die auf dem Spiel steht? Ich garantiere dir, dass RainVest Cops besticht.“
Dem kann ich nicht widersprechen. Auch wenn fast die gesamte Polizei von Seattle mit den Besten der Besten besetzt ist, weiß ich, dass es ein oder zwei schwarze Schafe gibt, wie Bradys verdeckte Ermittlungen zeigen.
„Dann lass es“, sage ich und stecke die Hände in die Taschen. „Gib die Ermittlungen auf, dann gerätst du nicht in Gefahr.“
Sie hebt das Kinn, und der alte Trotz blitzt auf. „Da haben wir es. Die gleiche Auseinandersetzung. Der gleiche gottverdammte Streit wie zuvor.“
Ich beiße die Zähne zusammen. „Darum geht es hier überhaupt nicht.“
„Ach nein?“, gibt sie zurück. „Denn es klingt genau so, als würdest du mir sagen, mein Job sei zu gefährlich, und ich müsse mich zurückziehen.“
Ich wende den Blick ab und kämpfe gegen meine Wut an. Als ich ihr wieder in die Augen sehe, antworte ich mit zusammengebissenen Zähnen: „Nein. Ich sage, dass dich vielleicht jemand umbringen will und du endlich mal kapieren solltest, dass es Zeit ist, dich zurückzuziehen.“
Wir starren einander an, in genau derselben Situation, in der wir schon unzählige Male zuvor waren. Ich bereite mich auf die Argumente vor, die ich schon dutzende Male gehört habe.
„Das ist nun mal meine Leidenschaft.“
„Wenn ich die Wahrheit nicht ans Licht bringe, wer dann?“
„Ich würde dich nie bitten, deine Karriere aufzugeben.“
Tessa seufzt und legt den USB-Stick zurück auf den Küchentresen, ehe sie ins Wohnzimmer geht. Sie setzt sich auf die Kante des Sofas und reibt sich die Stirn. „Hör zu, Cole … ich will weder deine Belehrungen noch deine Zustimmung. Ich brauche dein Fachwissen. Ja, ich brauche Hilfe, und ich habe niemanden sonst, der so viel von Feuer versteht wie du.“
Von Feuer?
Das Wort windet sich in mir wie Rauch und umhüllt all die alten Wunden.
Sie sieht mir in die Augen, ihre Stimme ist eindringlich. „Kannst du mir bitte helfen? Oder mir sagen, wer das sonst kann? Ich habe ein bisschen Erspartes, womit ich dich bezahlen könnte …“
„Ich will dein verdammtes Geld nicht“, schreie ich, während ich in dem winzigen Bereich zwischen ihrer Küche und dem Wohnzimmer auf und ab gehe.
Dabei wäge ich mein Dilemma ab. Tessa und ich haben uns im Guten getrennt. Es war einvernehmlich, und obwohl es schmerzhaft war, habe ich ihr nie etwas übel genommen. Nicht mal, als sie sich weigerte, ihren gefährlichen Job aufzugeben, um unsere Beziehung zu retten. Ich wollte immer nur, dass sie glücklich ist – und am Leben. Ich will, dass sie lebt.
Einen Augenblick lang kann ich nichts anderes tun, als sie anzusehen – die Frau, die ich liebte, die Frau, die ich verlor, die Frau vor mir, gezeichnet von einer Angst, die sie nicht wahrhaben will, und ich weiß, dass ich sie nicht alleinlassen kann.
Ich stecke jetzt mit drin.
Also gehe ich zur Couch und setze mich neben sie, das Polster zwischen uns gibt nach. „Einverstanden, ich werde dir helfen.“ Erleichterung spiegelt sich in ihren Zügen, doch sie verbirgt sie schnell. „Aber du agierst nach meinen Bedingungen.“
Tessa hebt eine Augenbraue, Skepsis in ihrer Stimme. „Wie lauten deine Bedingungen?“
„Ich helfe dir beim Verfolgen der Brandspuren, aber du wirst Schutz brauchen. Du hast mich augenscheinlich im Auge behalten, weil du meinen derzeitigen Arbeitgeber erwähnt hast.“ Tessa errötet. „Nun, genau das tut Jameson. Wir beschützen Menschen.“
„Ich kann mir das nicht leisten …“
„Das Geld ist mir scheißegal“, knurre ich und stehe vom Sofa auf. „Du hast mich da reingezogen, also wirst du die Dinge auf meine Art machen. Das fängt damit an, dass du packst. Du kommst mit mir nach Hause, wo ich ein Auge auf dich haben kann.“
Die Veränderung überkommt sie blitzartig, als sie sich aufrappelt. Ein harter Glanz in den Augen, das Kinn hochgereckt, der Rücken kerzengerade. „Ich werde mich nicht von dir in einer kleinen Wohnung einsperren lassen, nur weil du denkst, dass ich dort sicherer bin.“
„Ich wohne nicht in einer kleinen Wohnung“, weise ich sie zurecht und gehe zurück in die Küche, wo ich all die herumliegenden Papiere einsammle. „Jetzt geh und pack deine Koffer.“
„Nein.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich werde mein Leben nicht auf den Kopf stellen, nur um deine Empörung darüber zu besänftigen, dass ich das durchziehe. Ich gehöre nicht mehr zu denen, um die du dich sorgen musst.“
Das trifft mich tief, aber es stimmt. Sie gehört mir nicht, doch meine Sorge ist ein echtes Problem. „Tessa“, versuche ich es in einem vernünftigen, leicht flehenden Ton. „Ich habe einzigartige Ressourcen, um dir zu helfen, und kann dir ein Maß an Schutz bieten, während du das durchziehst.“
„Aber zu welchem Preis? Kostet mich das meine Unabhängigkeit? Meine Autonomie? Beides gebe ich nicht auf. Außerdem ist wohl davon auszugehen, dass keine unmittelbare Gefahr besteht. Niemand wusste, dass ich letzte Nacht in diesem Parkhaus war.“
„Noch nicht“, blaffe ich.
„Immerhin“, entgegnet sie.
Ich seufze frustriert und fahre mir mit der Hand durch die Haare. „Na gut“, lenke ich ein und breite die Arme aus. „Aber ich will, dass du mir erlaubst, deine Sicherheitsvorkehrungen hier zu verbessern.“
„Einverstanden“, sagt sie knapp.
„Bis ich das jedoch tun kann, will ich, dass du bei mir bleibst. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass dich niemand gesehen hat, und bis ich dein Haus morgen gesichert habe, bleibst du nicht hier.“
Tessa hebt das Kinn ein wenig höher. „Nur heute Nacht.“
„Bis ich dein Haus gesichert habe, aber ich glaube, das schaffen wir morgen.“
Als sich unsere Blicke treffen, geschieht etwas – alter Schmerz, alte Sehnsucht, alte Leidenschaft. Tessa starrt mich mit diesen großen blauen Augen an, deren Blick gequält, aber ungebrochen ist. „Okay … ich packe eine Reisetasche.“
Tessa geht den Flur entlang in ihr Schlafzimmer, und ich seufze erneut tief. Ich stütze mich auf die Kante der Kücheninsel und lasse den Kopf für einen Moment sinken, während ich auf die ausgebreiteten Karten und Verträge starre, als würden sie sich von selbst zu einer einfacheren Lösung ordnen, wenn ich ihnen nur genug Zeit lasse.
Doch das werden sie nicht.
Genauso wenig wie diese ganze Situation hier.
Am Ende des Flurs höre ich das gedämpfte Gleiten von Kommodenschubladen, das leise Klappern einer Schranktür. Ich stecke den USB-Stick ein und sammle die Dokumente zusammen. Wenn RainVest so gewissenlos ist, wie es aussieht, ist dieses Haus kein neutraler Boden mehr.
Als ich das letzte Mal in dieser Küche stand, stritten wir über Risiken und Kompromisse. Darüber, wie viel Gefahr in einer Beziehung akzeptabel ist. Ich hatte eine klare Grenze gezogen. Sie weigerte sich, sie zu akzeptieren und mit mir zusammen diesseits dieser roten Linie zu bleiben. Wir taten beide so, als ginge es um Prinzipien statt um Angst.
Jetzt stehen wir wieder auf entgegengesetzten Seiten, und diesmal ist es schlimmer.
Denn diesmal ist die Gefahr nicht abstrakt. Genauer gesagt: Es ist Gefahr in Gestalt eines Fahrzeugs.
Ich versuche, den aufwallenden Urinstinkt zu unterdrücken, der sagt: Löse das Problem, kontrolliere das Umfeld, schalte die Bedrohung aus. Dieser Teil von mir ist simpel. Taktisch.
Der Rest ist es nicht.
Als Tessa mit einer Reisetasche über der Schulter den Flur entlangkommt, wirkt ihr Gesichtsausdruck gefasster als noch vorhin, als ich hereinkam. Immer noch erschüttert und blass. Aber entschlossen.
Wir halten den Blickkontakt etwas länger als nötig.
„Das ist nur vorübergehend“, wiederholt sie, als müsse sie sich selbst daran erinnern.
„Ja“, entgegne ich.
Ich nehme ihr die Reisetasche von der Schulter und gehe zur Tür, wobei ich unterwegs das Licht ausschalte. Das Licht der Veranda erhellt die beschauliche Fremont Street, als ich die Tür öffne. Die Luft ist jetzt kühler, die Gegend wirkt friedlich.
Ich trete beiseite, damit Tessa die Tür hinter uns abschließen kann, und beobachte, wie sich ihre Hände beruhigen, bevor sie den Riegel einrastet.
Was auch immer das hier ist – ob unvollendete Angelegenheiten, Kollateralschäden oder eine Art zweite Chance –, es wird gleich ziemlich chaotisch werden.













