Billy-Joe

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Teil der Serie: 5
Originaltitel: –
Übersetzung: –
Location: USA, Chicago
Buchtyp: Roman
Veröffentlichung: 06/2026
Preis eBook: 7,99 € (D)
Preis Print: 16,90 € (D)
ISBN eBook: 978-3-86495-858-8
ISBN Print: 978-3-86495-857-1
Inhaltsangabe

Billy-Joe Jenkins lebt für seinen Club. Die Sons of Devil sind für ihn weit mehr als ein MC, sie sind Familie.

Seit der Übernahme der Geschäfte eines ehemaligen Rivalen kämpfen die Devils an mehreren Fronten. Ihre Mission: jene Frauen zu befreien, die von ihrem einstigen Feind in eine Hölle aus Gewalt und Zwang verdammt worden sind.

Tegan Livingstone weiß nur zu gut, wie sich Hoffnungslosigkeit anfühlt. Sie hat dem falschen Mann ihr Herz geschenkt und dafür einen hohen Preis bezahlt. Als eines Nachts bewaffnete Männer das Bordell stürmen, in dem sie zur Prostitution gezwungen wird, glaubt sie zunächst, dass ein weiterer Albtraum beginnt.

Doch der bärtige Fremde mit den faszinierenden Augen, den vielen Tattoos und den breiten Schultern bringt keine neuen Ketten. Vielleicht ist er ihr Ticket in die Freiheit.

Vom ersten Moment an ist Billy-Joe von der verletzlichen Frau fasziniert, die niemanden mehr hat, dem sie vertrauen kann. Ohne zu zögern stellt er Tegan unter seinen Schutz – nicht ahnend, dass sie schon bald sein Herz berühren wird.

Zwischen ihnen wächst eine leidenschaftliche Liebe, die beiden neue Hoffnung schenkt.

Doch das Schicksal schlägt zurück, denn jemand glaubt, Anspruch auf Tegan zu haben. Und er ist bereit, alles zu tun, um sein „Eigentum“ zurückzubekommen.

Billy-Joe

„Jeder weiß, was er zu tun hat, richtig?“, erkundigt sich Cole und lässt abermals seinen Blick durch die Runde schweifen. Einige der Jungs nicken, andere brummen zustimmend. „Denkt dran, kein Blutvergießen. Schusswaffengebrauch nur im äußersten Notfall. Lasst uns die Mädchen schnell, sauber und möglichst unauffällig da rausholen. Ich habe keine Lust auf eine weitere Unterhaltung mit den Cops.“
Zwar lassen uns die Bullen gerade in Ruhe, aber das heißt nicht, dass sie uns alles durchgehen lassen. Bei der letzten Befreiungsmission ist einer meiner Brüder ausgerastet, weil er einen Freier dabei erwischt hat, wie er eins der Mädchen mit einem Baseballschläger anal vergewaltigt hat. Da ist bei ihm eine Sicherung durchgeknallt. Er hat seine Knarre gezückt und dem Mistkerl eine Kugel in den Kopf gejagt.
Der Schuss hat natürlich die Nachbarschaft aufgeweckt. Die Sirenen waren schneller zu hören, als uns lieb war. Wir mussten unsere Mission abbrechen, alles stehen und liegen lassen und in Windeseile Beweise vernichten und die Leiche verschwinden lassen. Mord bleibt Mord, auch wenn es den Richtigen erwischt hat.
„Diese Wichser hätten es aber verdient, dass wir ihnen die Schwänze abschneiden“, mosert Trevor, ein jüngerer Bruder.
„Sehe ich genauso“, pflichtet Maxim, ebenfalls ein blutjunger Devil, seinem Kumpel bei. „Frauen so respektlos zu behandeln, geht mir gegen den Strich. Scheiße, ich bin so angewidert, dass ich gar nicht so viel fressen könnte, wie ich kotzen will.“
„Und genau das ist der Grund, wieso du nicht mit uns reingehst und stattdessen hier draußen Schmiere stehst, Maxim“, sagt Cole. „Sobald die Mädchen frei sind, fährst du sie im Van zum Safehouse. Unsere Frauen sind bereits vor Ort und warten mit warmem Essen, Kleidung und Betten auf sie.“
Maxim beißt sich auf die Lippe. Es ist ihm anzusehen, dass es in ihm arbeitet. Coles Befehl fuckt ihn ab. Am liebsten würde er sich ein Sturmgewehr schnappen, alles niederschießen, was ihm vor die Flinte kommt, und die Frauen im Alleingang retten.
Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Dein Part ist genauso wichtig, Bruder.“
Er schnaubt. „Wer‘s glaubt.“
„Billy-Joe, du gehst mit mir“, verfügt Cole. „Landon und Matt bilden ein Team sowie Anson und Paxton. Trevor sichert den Hinterausgang, während Maxim vom Van aus den Haupteingang im Auge behält.“
„Geht klar“, brumme ich und straffe meine Schultern. Mein Herz schlägt langsam und gleichmäßig. Mental beginne ich damit, mich auf die bevorstehende Aufgabe zu fokussieren.
„Laut meinen Recherchen befinden sich heute Nacht sechs Freier und zehn Mädchen im Gebäude. Wenn alles nach Plan läuft, sollten wir in einer Viertelstunde hier fertig sein“, meint Landon.
„Und was, wenn es mehr sind? Wie vertrauenswürdig ist deine Analyse?“, will Anson wissen.
Landon zuckt mit den Schultern. „Sollten wir ihnen wider Erwarten zahlenmäßig unterlegen sein, so hoffe ich, dass ihr nicht vergessen habt, wie man sich im Chaos zurechtfindet“, entgegnet er grinsend.
„Alle Unklarheiten beseitigt?“, will Cole wissen. „Dann los!“
Ein zustimmendes Raunen geht durch die Gruppe. Jeder Devil weiß, was er zu tun hat. Wir sind gut vorbereitet, und es ist schließlich nicht das erste Bordell, das wir hochnehmen. Und leider auch lange noch nicht das letzte.
Coles und Landons Recherchen zufolge hat Raul etwa dreihundert Mädchen in die Sexarbeit gezwungen. Weitere fünfhundert Frauen hat er über Jahre hinweg auf kranken Auktionen als Sexsklavinnen an perverse Wichser verschachert.
Schnell verdränge ich diesen Gedanken jedoch wieder und marschiere mit Cole auf den Eingang des Gebäudes zu, während Matt und Landon in Richtung Hintereingang davoneilen. Anson und Paxton wollen sich durch ein Fenster Zutritt verschaffen.
Als Cole mir das vereinbarte Handzeichen gibt, trete ich mit einem gezielten Kick die Vordertür ein, und wir stürmen Seite an Seite ins Gebäude.
Im Flur angekommen vernehme ich Musik, die aus einem der hinteren Zimmer dringt. Dumpfe Beats, ein verdammt mieser Clubremix. Kurz darauf höre ich jemanden lachen – laut und anzüglich –, dann erklingt der gequälte Laut einer Frau. Cole hebt die Hand, um mir zu signalisieren, dass wir nach rechts abbiegen werden. Mit dem Kopf deutet er auf eine Tür, die ich umgehend aufreiße. Der Raum ist verwaist. Ich sehe lediglich ein Bett, zerwühlte Laken und leere Wodkaflaschen, die auf dem Fußboden verstreut liegen.
Im nächsten Raum sind wir erfolgreicher.
Zwei Männer und eine Frau halten sich in diesem auf. Das Mädchen kniet nackt auf dem Bett, mit dem Gesicht zu uns. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie zittert am ganzen Leib. Einer der Bastarde fickt sie von hinten, während der andere über einen Tisch gebeugt ist, auf dem ein Spiegel voll mit weißem Pulver liegt. Ganz bestimmt Koks.
„Einen wunderschönen guten Abend, die Herren. Ich hoffe, wir kommen nicht ungelegen?“, begrüße ich die Wichser, woraufhin diese mich mit offen stehenden Mündern anstarren.
Mit einem gezielten Tritt gegen die Brust befördere ich die Koksnase gegen die Wand. Wie ein nasser Sack sinkt dieser in sich zusammen. Das andere Arschloch zieht schnell seinen mickrigen Schwanz aus der Pussy des Mädchens und versucht, nach etwas zu greifen, das auf dem Fußboden liegt. Vermutlich nach einer Knarre. Cole stürmt geistesgegenwärtig auf ihn zu und platziert präzise seinen Ellenbogen auf dem Kehlkopf des Kerls. Röchelnd lässt sich dieser auf den Rücken fallen.
Die kniende Frau blickt mich geschockt an. Ihre Augen wirken viel zu groß für ihr schmales, eingefallenes Gesicht. Sie hat panische Angst, soviel steht für mich fest. Sowohl ihre Blicke als auch ihre Körpersprache verraten mir das.
Langsam gehe ich auf sie zu. „Hey, Kleines, hab keine Angst, ja? Ich bin Billy-Joe. Wir sind gekommen, um dich hier rauszuholen. Du bist jetzt in Sicherheit.“
Sie nickt ungläubig, und Tränen strömen ihr über die Wangen, allerdings rührt sie sich nicht einen Millimeter vom Fleck.
„Wo sind deine Klamotten? Kannst du dir etwas überziehen, bevor ich dich hier rausschaffe?“, frage ich sie.
Ehe sie mir eine Antwort geben kann, höre ich im hinteren Bereich des Bordells einen Schuss fallen. Kurz darauf folgt ein zweiter.
„Fuck“, zischt Cole und stürmt umgehend aus dem Raum.
Das Mädchen, das noch immer keine Anstalten macht, aus dem Bett zu steigen, wickle ich kurzerhand in die Bettdecke ein, hebe sie auf meine Arme und trage sie aus dem Raum nach draußen, um sie an Maxim zu übergeben. Zwei Frauen befinden sich bereits in unserem Transporter. Bevor ich mich zum Gehen abwende, wirft sie mir einen skeptischen Blick zu.
„Alles wird gut. Das verspreche ich dir. Du musst mir vertrauen. Du bist jetzt frei“, versichere ich ihr, wende mich von ihr ab und eile wieder ins Gebäude. Im Flur kommt mir Cole entgegen.
„Nur noch ein Zimmer, die anderen sind gesichert“, informiert er mich.
„Und die Schüsse? Gibt es Verletzte oder Tote?“
Er schüttelt den Kopf. „Es waren nur Warnschüsse. Niemand wurde durch eine Kugel verletzt“, gibt er zurück. „Allerdings sind zwei Wichser bewusstlos. Matt hat sie ein bisschen zu hart angefasst.“ Er zuckt mit den Schultern. „Ein weiterer blutet wie ein abgestochenes Schwein. Ich tippe auf einen Nasenbeinbruch. Du kennst ja Matt. Er macht nie halbe Sachen.“
Ich nicke zustimmend.
Gemeinsam mit dem Prez mache ich mich auf den Weg zum letzten Zimmer. Als ich die Hand auf die Türklinke lege und diese herunterdrücken will, muss ich feststellen, dass die Tür abgeschlossen ist. Ich atme tief durch, trete sie ein und marschiere in den Raum.
Auf den ersten Blick entdecke ich nichts Ungewöhnliches. Ein ganz normaler Raum mit einem Bett, einer Kommode und Vorhängen vor den Fenstern. Doch dann entdecke ich sie.
Ein junges Mädchen hockt in der Ecke des Zimmers und hat ihre Arme um ihre Knie geschlungen. Sie macht sich so klein, als wolle sie unsichtbar sein. Mir fällt sofort auf, wie blass ihre Haut ist, dass auf ihrer Lippe eine blutige Kruste und dass ihr rechtes Auge zugeschwollen ist. Langsam, um sie nicht noch mehr zu verängstigen, mache ich einen Schritt auf sie zu.
„Nein, nein, ich will nicht. Ich kann nicht mehr“, fleht sie mit brüchiger Stimme.
Sofort bleibe ich stehen und recke beide Hände in die Höhe, um ihr zu signalisieren, dass ich keine Bedrohung für sie darstelle. „Alles ist gut, Kleines. Ich bin Billy-Joe. Mein Kumpel und ich sind gekommen, um dich hier rauszuholen. Vor uns brauchst du keine Angst zu haben.“
„Ich … ich … kann das nicht mehr. Ich bin nicht dein Eigentum“, faselt sie und vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen.
Ich habe keine Ahnung, was sie mir damit sagen will, und trotzdem zieht sich mein verdammtes Herz zusammen. Wut brennt mir in dieser Sekunde heiß durch die Kehle. Was auch immer die Kleine durchgemacht haben muss, es muss brutal gewesen sein.
Ich bewege mich weiter auf sie zu und knie mich neben sie. Sie weicht zwar nicht vor mir zurück, doch sie macht auf mich den Eindruck, als stünde sie nur einen Atemzug davor, in sich zusammenzufallen.
„Du gehörst niemandem, außer dir selbst“, sage ich ruhig. „Du bist jetzt in Sicherheit.“
Sie beginnt zu weinen – leise, ohne einen Laut von sich zu geben. Ihre Tränen rinnen ihr unaufhaltsam über die blassen Wangen.
Ich bleibe einfach neben ihr hocken und warte ab. Es dauert eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hat.
„Ich werde dich nun hier rausbringen“, informiere ich sie. „Die anderen Mädchen sind bereits in Sicherheit. Du bist die Letzte.“
Sie hebt den Blick. Der Ausdruck in ihren Augen, so verletzt und trotzdem klar, lässt mir kurz den Atem stocken. Die Angst scheint sich wie ein schwerer, durchnässter Mantel, über ihr Gesicht zu legen. „Wohin?“, ist alles, was sie erwidert.
„Ich bringe dich an einen sicheren Ort, wo euch niemand mehr Leid zufügen kann.“
Sie nickt.
„Kannst du aufstehen und gehen, oder brauchst du Hilfe?“, erkundige ich mich.
„Ich … ich … weiß es nicht“, stammelt sie.
„Dann lass es uns doch herausfinden.“ Ich stelle mich hin und strecke ihr meine Hand entgegen, die sie nach einem Moment des Zögerns ergreift.
Ich helfe ihr auf die Beine. Die junge Frau wirkt zerbrechlich neben mir und beginnt zu schwanken. Kaum dass sie versucht, einen Fuß vor den anderen zu setzen, gerät sie ins Wanken und stolpert gegen meine Brust.
Ich reagiere intuitiv und schließe meine Arme um ihren schlanken Körper. Alles in mir – mein Instinkt, mein Sein – schreit: Beschütze sie! Meine Sinne explodieren. Auch wenn das hier so was von der falsche Moment ist, um so etwas zu fühlen oder zu denken, kann ich nicht anders, als mir einzugestehen, wie abartig gut es ist, sie zu halten.
Das Mädchen in meinen Armen ist zwei Köpfe kleiner als ich, weshalb ich sie auf einen Meter sechzig schätzen würde, hat hellblondes, langes Haar und wunderschöne grüne Augen. Für meinen Geschmack ist sie ein wenig zu dünn. Ist ja klar, dass sie so dürr ist, bei der Geschichte, die sie hinter sich hat. Sie muss unbedingt ein paar Pfund zunehmen, dann würde sie in meinen Augen fantastisch aussehen.
Ihre Haut ist warm und weich, auch wenn diese, soweit ich das sehen kann, mit etlichen Blessuren übersät ist. Zudem riecht sie gut – nach einer Mischung aus Rosenblättern und Sommerregen. Wäre die Situation nicht so abgefuckt, könnte ich sie ewig halten.
Cole räuspert sich hinter mir. „Sorry, Billy, aber wir müssen hier weg. Jemand scheint aufgrund der Schüsse die Bullen alarmiert zu haben.“
Kaum dass er den Satz beendet hat, höre ich sie: die leisen Sirenen in der Ferne.
Ich spüre, wie sie in meinen Armen bibbert, und erst da nehme ich so richtig wahr, dass sie nur einen BH und einen Slip trägt. Entschlossen hebe ich sie auf meine Arme und trage sie aus dem Raum. Ich durchquere den Flur, lasse den schrecklichen Ort hinter mir und trete hinaus ins Freie. Wie ein kleines Äffchen klammert sie sich an mich, und was soll ich sagen?
Keine Ahnung, wieso, aber ich genieße es, wie sie ihren Kopf auf meiner Schulter abgelegt und ihre Beine um meine Hüften geschlungen hat.
Kopfschüttelnd marschiere ich auf den Van zu. Als ich sie im Inneren des Wagens absetzen will, verstärkt sich ihr Klammergriff.
„Bitte bleib bei mir. Ich habe Angst“, wispert sie mir zu. Ihre Stimme ist kaum lauter als ein Hauchen.
Mir bleibt kurz das Herz stehen.
„Ich bleibe bei dir“, antworte ich, ohne darüber nachzudenken, nehme mit ihr in den Armen auf der Sitzbank Platz und drücke sie enger gegen meinen Körper, um sie zu wärmen.
Irritiert starrt Cole mich an, kommentiert mein Handeln jedoch nicht. Während er die Türen des Transporters schließt, streiche ich ihr beruhigend über den Rücken.
Mir ist absolut schleierhaft, weshalb dieses Mädchen mich dermaßen aus dem Konzept bringt. Insbesondere, weil man mir nachsagt, nicht unbedingt der Einfühlsamste zu sein. Und in Teilen stimmt das vielleicht auch.
Nähe? Ist nichts für mich.
Empathie? Fällt mir schwer.
Ich musste lernen, hart zu sein, weil Schwäche in unserem Leben schnell dein Ende besiegeln kann.
Wir haben mittlerweile schon einige Bordelle hochgenommen. Viele Frauen taten mir leid, klar, aber keine hat etwas in mir berührt. Nicht wie sie. Bei ihr ist irgendetwas anders, und ich kann nicht erklären, was.
Und jetzt hocke ich hier in diesem Van, während mein Bike, mein geliebtes Baby, allein zurückbleibt. Das ist so gar nicht meine Art. Mein Motorrad ist mir heilig, es ist mein Herz und meine Seele. Aber ich glaube, dass die Kleine mich gerade dringend braucht. Sobald ich sie im Safehouse abgegeben habe, werde ich mir mein Baby holen.
Während der Wagen über die Straßen rollt, senke ich den Blick und betrachte die Frau in meinen Armen genauer.
Wie viele Narben sie wohl auf ihrer Haut, auf ihrer Seele trägt? Wie viel Unrecht hat sie erfahren?
Zudem frage ich mich, wie sie überhaupt im Bordell gelandet ist. Na ja, das Wie ist mir klar. Raul. Aber wie ist sie an diesen Wichser geraten? Niemand stolpert einfach so in seine Welt, ohne vorher falsch abgebogen zu sein. Hatte sie Schulden bei ihm, die sie abarbeiten musste? Oder hatte er irgendetwas gegen sie in der Hand?
Was mir aber genauso wenig Ruhe lässt: Wer führt die Läden jetzt weiter? Raul ist tot, aber solche Geschäfte sterben nicht mit einem Mann. Irgendwer zieht im Hintergrund die Fäden, kassiert die Kohle, hält die Mädels kurz. Die Bordelle laufen nicht von allein. Also wer sitzt auf dem Thron, den Raul hinterlassen hat?
„Wie heißt du?“, erkundige ich mich, nachdem ich die Gedanken abgeschüttelt habe.
„Vor langer Zeit hieß ich Tegan, doch auf der Arbeit hat man mich Diamond genannt“, entgegnet sie stockend.
„Tegan“, wiederhole ich. „Ein schöner Name.“
„Danke.“
Da sie wie Espenlaub zittert, wickele ich meine Arme noch eine Spur fester um sie. Ich versuche, ihr Schutzschild, ihre warme Decke zu sein. Tegan ist so dürr, dass sie fast in meinen Armen verschwindet.
Dass sie immer noch weint, registriere ich erst, als mein Shirt durchnässt ist.
Während der Transporter über die Straßen Chicagos rast, halte ich die Kleine fest an mich gedrückt. Ihre Haut ist kalt, ihre Atmung zittrig, doch mit jeder Meile, die wir zurücklegen, wird der Griff ihrer Finger etwas lockerer. Ganz bestimmt nicht, weil sie mir vertraut, sondern weil sie erschöpft ist.
Als wir das Industriegebiet außerhalb der Stadt erreichen, in dem sich unser Safehouse befindet, wird der Lärm des Großstadttrubels allmählich leiser. Nur noch das Grollen der Reifen auf dem Asphalt und das entfernte Bellen von streunenden Hunden sind zu hören.
Der Van biegt in die Zielstraße ein. Das Gebäude ist von einer unscheinbaren Backsteinfassade umgeben, abgeriegelt und überwacht. Seit Jahren ist dieses Haus unser geheimer Rückzugsort.
Als der Transporter auf dem Hof zum Stehen kommt, leuchtet der Mond hell am Himmel. Der Motor verstummt mit einem allerletzten Brummen, die Reifen knirschen auf dem Schotterplatz.
Erneut werfe ich einen Blick auf Tegan, die noch immer auf meinem Schoß sitzt. Sie wirkt so verdammt zerbrechlich. So, als würde ein falsches Wort ausreichen, um sie kaputtgehen zu lassen.
Ich räuspere mich. „Wir sind da.“
„Was bedeutet das?“ Ihre Frage ist kaum mehr als ein Flüstern, trotzdem höre ich sie deutlich und klar.
Kurz atme ich durch. „Wir sind die Sons of Devil, ein Motorradclub, der er sich zur Aufgabe gemacht hat, die Dinge wieder geradezubiegen, die Raul verkackt hat.“
Bei der Erwähnung seines Namens spannt sich Tegans gesamter Körper an. Ihre kleinen Finger krallen sich wieder fester in mein Shirt, als hätte ich einen Dämon heraufbeschworen.
„Entspann dich, Kleines. Der Hurensohn ist Geschichte. Er kann dir nie wieder wehtun. Jetzt bist du in Sicherheit. In unserem Safehouse warten ganz wundervolle Frauen auf dich, um dich wieder auf die Beine zu bringen. Und sobald du bei Kräften bist, bringen wir dich zu deiner Familie zurück.“
Sie nickt, doch mit einem Mal wirkt ihr Blick leer, völlig emotionslos. „Er kann mir vielleicht nichts mehr anhaben, aber …“ Sie verstummt mitten im Satz.
„Aber?“, hake ich nach.
„Schon gut“, entgegnet sie schnell. „Ich habe bloß laut gedacht. Vergiss mein Gebrabbel.“
Nun bin ich derjenige, der nickt, auch wenn ich aus ihren Worten nicht schlau werde. Vermutlich ist sie einfach verwirrt. Die Situation ist ja auch nicht gerade leicht. Allerdings werde ich sie zu nichts drängen. Frauen wie Tegan, die durch die Höllen gegangen sind, verdienen Geduld. Vertrauen wächst nicht auf Bäumen, man muss es sich erarbeiten.
Die Türen des Transporters werden geöffnet, und frische, kühle Nachtluft dringt ins Innere des Wagens. Leise Stimmen, ein paar Schritte auf dem kieseligen Untergrund und sanftes Frauenlachen sind zu vernehmen. Unsere Old Ladys stehen mit Decken, Suppe und Tee parat. Sie verkörpern all das, was wir Kerle mit unseren tätowierten Körpern nicht ausstrahlen: Herzlichkeit, Wärme, Sicherheit und Empathie.
„Du musst mich jetzt loslassen“, sage ich zu Tegan, da die anderen Mädchen bereits ausgestiegen sind.
Ihre Augen weiten sich. „Dich … dich loslassen? Kommst du nicht mit mir?“
„Ich steige noch mit dir aus, aber danach muss ich los“, antworte ich. „Aber wie gesagt, es warten ganz wundervolle Frauen auf dich, die sich um dich kümmern werden. Bei ihnen bist du in den besten Händen.“
Sie schluckt hörbar, ihre Lippen beben. „Kann … kann … ich vielleicht mit dir kommen? Bitte, bitte, lass mich nicht allein zurück.“
Fuck!
Ich spüre, wie sich meine Brust zusammenzieht. Dieses Mädchen, das kaum die Kraft hat, auf ihren eigenen Beinen zu stehen, das Angst hat, mit unseren Frauen allein zu sein, weil sie vermutlich schon lange niemandem mehr vertrauen konnte, sieht in mir ihren Anker.
Ausgerechnet in mir?
In mir, Billy-Joe Jenkins, der es nicht einmal schaffen würde, ein verdammtes Meerschweinchen am Leben zu halten.
„Das geht nicht“, erwidere ich ruhig, fast ein wenig bedauernd. „Aber ich verspreche dir, dass ich morgen vorbeikommen und nach dir sehen werde.“
„Okay“, haucht sie geknickt.
Ihr Tonfall verbirgt ihre Enttäuschung nicht, und mir fällt auf, wie kindlich sie in Wahrheit noch ist.
Dieses leise Okay setzt mir zudem härter zu, als es sollte. Ich bin nicht ihr Ritter in edler Rüstung. Ich bin ein Devil, der mehr Blut an seinen Händen kleben hat, als er je wieder abwaschen könnte. Ich bin kein guter Kerl, ich bin ein Arschloch. Aber in diesem Moment will ich aus irgendeinem Grund, der sich mir selbst nicht erschließt, genau das sein: ihr Retter.
Kopfschüttelnd helfe ich Tegan dabei, aus dem Transporter zu steigen. Die Old Ladys sind bereits in ihrem Element und umsorgen die befreiten Mädchen. Charleen ist die Erste, die auf uns zukommt. Sie spricht mit sanfter Stimme zu Tegan und schließt sie in ihre Arme, als wäre sie eine verlorene Schwester und keine Fremde.
Ich bleibe noch einen Augenblick auf dem Hof stehen und sehe dabei zu, wie Charleen Tegan in Richtung Gebäude führt. Bevor die Frauen über die Schwelle treten, dreht Tegan sich noch einmal zu mir um, woraufhin sich unsere Blicke treffen.
Kein Lächeln.
Kein Abschied.
Fluchend nehme ich meine Zigarettenschachtel aus der Innenseite meiner Kutte und zünde mir eine Kippe mit meinem Zippo an. Während ich den Rauch in meine Lungen inhaliere, schwöre ich mir, dass ich mein Versprechen halten und morgen zurückkommen werde.
Arschloch hin oder her.
Ein Devil hält immer Wort.

 

Tegan

Aber ich verspreche dir, dass ich morgen vorbeikommen und nach dir sehen werde. Seine Worte hallen wie ein Mantra durch meinen Kopf. Wieder und wieder. So leise, dass ich sie kaum wahrnehme, jedoch laut genug, dass sie mich von den ganzen Gedanken, die in meinem Hirn Verwirrung stiften, ablenken.
Ich habe keinerlei Erklärung dafür, weshalb mir dieser Satz so wichtig ist. Vielleicht, weil ich seit langer Zeit keine Hoffnung mehr hatte? Vielleicht, weil ich schon so ewig nichts anderes mehr kenne als Dunkelheit, sodass mir selbst das kleinste Licht wie ein Sonnenaufgang erscheint?
Gott, ich weiß bloß, dass ich mich in seiner Nähe, in Billy-Joes Nähe, irgendwie sicher und geborgen gefühlt habe – und dass, obwohl sein Erscheinungsbild alles andere als Sicherheit verkörpert.
Billy-Joe ist ein Hüne von einem Mann. Er ist wirklich riesig. Vermutlich um die zwei Meter. Zudem hat er ein Kreuz, das breiter ist als ein Scheunentor. Seine Oberarme sehen aus, als könne er damit Mauern zum Einstürzen bringen. Tätowierungen bedecken fast jede sichtbare Stelle seines Körpers: Hals, Arme, Hände, Fingerknöchel. Düstere Symbole, Totenköpfe, Flammen und Tribals. Seine Hände gleichen Pranken und sie sind rau und vernarbt. Wie die eines Mannes, der mehr als einmal zugeschlagen hat.
Und trotzdem … diese Augen.
Seine Augen sind wunderschön. Hellgrün, warm, fast ein wenig melancholisch.
Als er in das kleine Zimmer gestürmt kam, in dem Maurice mich eingesperrt hatte, dachte ich, er wäre einer von ihnen. Ein weiterer Freier. Ein neues Arschloch, das glaubt, mich zu besitzen, weil er für ein paar Stunden mit mir bezahlt hat.
Maurice, so heißt der Kerl, der das Bordell leitet und das ich zwangsweise mein Zuhause nennen musste. Er hat ständig damit gedroht, mich zu töten, sollte ich mich einem Kunden widersetzen. Maurice hat leicht reden, denn er war nicht derjenige, der sich von widerwärtigen Männern, die teilweise doppelt so alt waren wie ich, in sämtliche Körperöffnungen ficken lassen musste. Maurice musste sich nicht schlagen und demütigen lassen, musste nicht ihr Sperma schlucken und hinterher beteuern, dass das das Geilste war, was er je getan hat. Nein, er hat bloß abkassiert und dafür gesorgt, dass wir spuren.
Mit Schlägen und Strafen.
Dass er nicht zögern würde, mich umzubringen, daran habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt. Maurice fackelt nicht lange. Er hat kein Gewissen. Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, dann handelt er – schnell, brutal und ohne Skrupel. Ich habe das öfter miterlebt, als mir lieb ist. Jede von uns hat es mitbekommen.

Arizona Moore
Arizona Moore ist das Pseudonym einer deutschsprachigen Autorin und steht für Liebe, Herzschmerz, Drama und einen Hauch erotischem Prickeln. Bücher sind und waren schon immer ihre größte Leidenschaft. Anfänglich hat sie ihre Geschichten nur für sich selbst zu Papier gebracht, um einen Ausgleich zum stressigen Berufsalltag zu schaffen. Wer kennt das nicht, einfach mal alles hinter sich lassen zu wollen und zu träumen? [...]
Arizona Moore
Arizona Moore ist das Pseudonym einer deutschsprachigen Autorin und steht für Liebe, Herzschmerz, Drama und einen Hauch erotischem Prickeln. Bücher sind und waren schon immer ihre größte Leidenschaft. Anfänglich hat sie ihre Geschichten nur für sich selbst zu Papier gebracht, um einen Ausgleich zum stressigen Berufsalltag zu schaffen. Wer kennt das nicht, einfach mal alles hinter sich lassen zu wollen und zu träumen? [...]

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