Inhaltsangabe
Penn Navarro ist der Star der Liga – auf dem Eis eine unaufhaltsame Macht, abseits davon ein Mann aus Eis und Schweigen. Doch sobald das Stadionlicht erlischt, verstummen auch die Jubelrufe. Kein Tor, kein Triumph ist stark genug, um die Dämonen in seinem Inneren zum Schweigen zu bringen.
Eishockey ist mein Herzschlag. Dafür wurde ich geboren. Ich habe alles gegeben, um an die Spitze zu kommen. Jahre voller Disziplin, Schmerz und Kampf haben mich dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Aber kein Talent der Welt kann meine Fehler ungeschehen machen. Kein Sieg kann überdecken, welchen Schaden ich angerichtet habe. Deshalb halte ich alle auf Abstand – denn wer niemanden an sich heranlässt, kann auch niemanden verlieren. Das ist zumindest die Lüge, an die ich mich festklammere.
Mila Brennan verkörpert das dunkelste Kapitel meiner Vergangenheit. Die Erinnerung an sie habe ich verzweifelt zu begraben versucht. Als sie plötzlich in Pittsburgh auftaucht und nach mir sucht, weiß ich, dass meine sorgfältig errichtete Welt ins Wanken geraten wird. Denn Sünden verschwinden nicht. Sie bleiben – tief, brennend, lauernd. Und Milas Rückkehr bedeutet, dass meine Zeit abgelaufen ist.
Die Vergangenheit klopft nicht an meine Tür, sie tritt sie ein. Und mit ihr stürzen die Mauern, die mich schützen sollten, in sich zusammen. Als die Gefahr Mila und mich erreicht, bleibt mir keine Wahl: Ich muss das tun, wovor ich mein ganzes Leben lang davongelaufen bin.
Ich lasse Mila in mein Herz – und riskiere damit alles.
Ein intensiver, spannungsgeladener Second Chance-Romance von New York Times-Bestsellerautorin Sawyer Bennett.
Leseprobe
Mila
Die unerbittliche Kälte, die sich durch kein noch so starkes Zittern vertreiben lässt, geht mir bis ins Mark. Ich komme aus Minnesota, aber seit ich vor zehn Jahren nach Florida gezogen bin, kann ich den Winter nicht mehr ertragen. Ich lebe nicht nur in Florida … ich habe diesen Staat seither nicht verlassen. Kein einziges Mal bin ich nach Minnesota zurückgekehrt, um meine Eltern oder Freunde zu besuchen. Seit ich weggegangen bin, habe ich nie zurückgeschaut.
Mein Auto steht ein Stück die Straße entlang, schon teilweise eingeschneit, obwohl der Schneefall erst vor ganz kurzer Zeit begonnen hat, aber ich steige nicht ein. Ich bleibe vor dem schweren Eisentor von Penns festungsartigem Haus stehen. Als ich nach Pittsburgh kam, habe ich mir die notwendige Winterausrüstung gekauft, und meine behandschuhten Finger krallen sich in den Stoff meines Mantels, während mir der Wind schneidend ins Gesicht weht.
Ich schaue zu der Überwachungskamera auf der Steinsäule hoch und frage mich, ob Penn mich hier stehen sieht. Er bekommt offensichtlich Benachrichtigungen, wie mein erster Versuch gestern Nacht gezeigt hat, auch wenn er heute noch nichts über den Lautsprecher gesagt hat. Mir ist klar, dass er aktuell nicht zu Hause ist, da die Titans ein Auswärtsspiel in Detroit hatten und ich zufällig weiß, dass das Team direkt danach zurückfliegt. Diese Details sind leicht zu finden, genauso wie die Info, dass das Mannschaftsflugzeug vor etwa einer Stunde gelandet ist. Ich gehe davon aus, dass er jeden Augenblick vorfahren wird.
Ich mache mich ganz klein, um die Kälte besser zu ertragen, wische mir vereinzelte Schneeflocken von den Wangen und frage mich erneut, warum ich das für eine gute Idee gehalten habe. Eigentlich hatte ich gehofft, dass meine Verzweiflung stärker sein würde als mein Stolz, aber jetzt, da ich hier stehe, mein Körper vor Kälte schmerzt und die Erschöpfung langsam grenzwertig wird, wird mir klar, wie töricht das war.
Natürlich wird Penn Navarro mir nicht helfen. Das hat er mir schon deutlich gemacht, indem er sich bei meinem letzten Besuch hier geweigert hat, mit mir zu sprechen, aber ich schätze, ich bin masochistisch veranlagt. Ich weiß nur zu gut, wie sich Einsamkeit anfühlt.
Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass ich gehen sollte, aber ich habe niemanden sonst, an den ich mich wenden könnte. Penn ist der einzige Mensch auf der Welt, der versteht, was ich durchmache, und ich muss weiter versuchen, es ihm in seinen Dickschädel zu hämmern.
Mein Puls beschleunigt sich, als ich das entfernte Dröhnen eines nahenden Autos höre. Die Scheinwerfer des Fahrzeugs durchdringen den wirbelnden Schnee und beleuchten die lange, von Bäumen gesäumte Auffahrt, die zum Haus führt. Ein weißer SUV bremst ab, als er näherkommt, und hält kurz vor dem Tor an. Ich erkenne den Mercedes-Stern auf dem Kühlergrill, aber sonst nicht viel, weil mich die Scheinwerfer blenden. Also halte ich eine Hand vor die Augen und mache ein paar zögerliche Schritte zur Seite, um das Fahrerfenster sehen zu können.
Es senkt sich langsam, und zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt sehe ich Penn von Angesicht zu Angesicht. Ich habe seine Karriere über all die Jahre verfolgt und ihn im Fernsehen aufwachsen sehen, und ich weiß nicht, was ich nach zehn Jahren erwartet hatte, aber das hier ganz sicher nicht.
Penn war schon immer ein krasser Typ – ein wenig zu ernst, ein wenig zu eigenwillig für einen Siebzehnjährigen –, aber der Mann, der jetzt vor mir sitzt, ist eine ganz andere Nummer.
Damals war er schlanker, sein Gesicht trug noch Spuren von Babyspeck. Er war immer glattrasiert, sein Haar immer ein bisschen zu lang, als würde er einfach keinen Gedanken daran verschwenden. Seine haselnussbraunen Augen waren strahlender, leichter zu lesen, selbst wenn er versuchte, so zu tun, als würde ihn nichts berühren.
Von diesem Jungen ist nichts mehr übrig.
Der Penn Navarro vor mir ist voller harter Kanten und Stärke, ein Mann, der aussieht, als wäre er aus Stein gemeißelt, und weigere sich, jemanden zu nahe an sich heranzulassen. Sein Kinn ist kantig genug, um sich daran zu schneiden, und mit gerade genug Bartstoppeln bedeckt, um ihn sowohl gepflegt als auch ungezähmt wirken zu lassen. Sein dunkelbraunes Haar ist kürzer und so gestylt, als würde er jetzt durchaus den einen oder anderen Gedanken daran verschwenden, aber es hat immer noch diese charakteristische Unordentlichkeit, als wäre er kurz vor dem Hinausgehen mit den Fingern durchgefahren.
Seine grünbraunen Augen sind nicht mehr gütig – sie sind dunkler, als hätte er gelernt, seine Gefühle hinter einer undurchdringlichen Mauer zu verbergen. Er hat jetzt etwas Bedrohliches an sich, etwas, das vorher nicht da war. Schon früher hielt ich Penn für stoisch, aber das hier? Das ist eine Nummer krasser. Es ist nicht nur Emotionslosigkeit, die sich in seinem ausdruckslosen Gesicht widerspiegelt. Er wirkt, als wäre er nicht mehr in der Lage, überhaupt etwas zu fühlen.
Penn spricht nicht sofort. Er betrachtet mich nur. Seine Miene ist unlesbar, aber sein Blick ist scharf und streift mich von Kopf bis Fuß. Er lässt keinen Schock, keine Verwirrung erkennen – er mustert mich lediglich schweigend.
Ich zwinge mich, seinem Blick standzuhalten, auch wenn meine Zähne vor Kälte klappern.
Er runzelt die Stirn. „Wie lange stehst du schon hier draußen?“
Ich zögere, bevor ich mit kaum hörbarer Stimme antworte: „Eine Weile.“
Penn schnaubt und sieht an mir vorbei zu meinem Auto, das zehn Meter entfernt steht. Seine Finger gleiten über das Armaturenbrett, und das Tor summt leise, als sich die Schlösser entriegeln.
„Steig in dein Auto“, murmelt er, eher genervt als besorgt. „Fahr mir nach.“
Ich verschwende keine Zeit mit Rückfragen, sondern renne zurück zu meinem Auto, fummle mit tauben Fingern an den Knöpfen herum und drehe die Heizung auf volle Leistung, aber es kommt nur kalte Luft heraus. Während ich seinem SUV die lange, kurvige Auffahrt hinauf folge, streifen meine Scheinwerfer über das Haus – wenn man es überhaupt so nennen kann.
Es ist gigantisch.
Ein mehrstöckiges, modernes Bauwerk aus Glas und Stein, das wie ein Wächter vor dem dunklen Himmel thront. Scheinwerfer von oben und Bodenleuchten von unten werfen Schatten an die Mauern, und als ich näher komme, entdecke ich weitere Kameras entlang der Dachkante, deren blinkende rote Lichter jede Bewegung verfolgen.
Das überrascht mich nicht. Wenn jemand einen Grund hat, sich die Welt vom Leib halten zu wollen, dann ist es Penn.
Er fährt in einen Stellplatz der Garage, und ich parke direkt hinter dem Rolltor. Ich schnappe mir mein Handy und meine Handtasche, steige aus und schließe die Türen ab, damit ich ihm folgen kann. Er gibt einen Code in ein Sicherheitspanel neben einer Pforte ein, die ins Haus führt, und das Garagentor rollt langsam herunter. Da bemerke ich, dass Penns Blick darauf fixiert ist und er ihn nicht abwendet, bis es fest auf dem Boden aufliegt. Ich begreife, dass er sicherstellen will, dass ihm niemand folgt.
Er betritt einen Vorraum, der sich in eine wunderschöne Küche öffnet. Ich seufze, als mich Wärme umhüllt. In der Luft liegen ein Hauch von Zedernholz und schwache Spuren von Reinigungsmitteln. Ich sehe mich um. In einem so prächtigen Haus war ich noch nie. Es ist ein bisschen verwirrend.
Penn zieht seine Jacke aus und wirft sie achtlos über einen Stuhl. „Willst du etwas trinken?“
Ich zögere, ehe ich antworte. Meine Zähne klappern immer noch. „Kakao?“
Seine Miene verändert sich kaum, aber ich bemerke es – das leichte Zucken an seinem Kiefer, als hätte ich ihn irgendwie verärgert. Dennoch geht er zum Schrank und holt eine Tasse heraus. Er hat mich nicht eingeladen, länger zu bleiben, aber ich ziehe Mantel, Mütze und Handschuhe aus und lege sie über einen der hohen Küchenstühle.
Ich stehe nervös mit vor der Brust verschränkten Armen da und beobachte, wie er mir Kakao zubereitet. Es ist kein Instant-Pulver, er arbeitet mit Milch, Kakaopulver und Zucker. Er holt sogar ein Gewürzglas aus dem Schrank und fügt eine winzige Prise Cayennepfeffer hinzu, um die heiße Schokolade aufzupeppen. Penn ist sehr still, während er die Flüssigkeit mit bedächtigen Bewegungen rührt, bis sie kocht, ein quälend langsamer Prozess.
Millionenfach habe ich mir überlegt, was ich sagen will, und ich weiß, dass ich jetzt den Mund aufmachen sollte. Ich sollte erklären, warum ich hier bin und die unangenehme Stille füllen, aber Gott, es ist schwer zu wissen, wo ich anfangen soll.
Penn rührt schweigend weiter, aber ich spüre seine Anspannung, sehe, wie sich seine Finger um den Löffel verkrampfen, wie steif seine Schultern sind.
Ich hole tief Luft und beruhige mich. „Seit ein paar Monaten bekomme ich Nachrichten“, sage ich leise. „Zuerst waren es SMS – immer von einer unbekannten Handynummer. Anfangs nur vage Drohungen. Es wird dir noch leidtun, was du getan hast. Du hast alles kaputt gemacht. Ich habe sie ignoriert und gedacht, es sei vielleicht nur irgendein Loser aus meiner Heimat, der mir Angst machen will. Aber dann wurden die Drohungen schlimmer. Konkreter. Jetzt kriege ich auch E-Mails.“
Penn sieht mich immer noch nicht an, aber ich weiß, dass er mir zuhört.
„Der Absender hat Nathan erwähnt“, fahre ich fort. Meine Stimme stockt bei seinem Namen. „Und dich.“ Ich grabe die Finger in meine Ärmel und umklammere sie wie eine Rettungsleine. „Die Botschaften wurden immer heftiger. Der Absender schrieb, er würde mich für damals bezahlen lassen, und ich würde es nicht kommen sehen. Es wurde … deutlicher. Detaillierter.“ Ich schlucke. „Keine Ahnung, wer sie schickt, aber ich habe eine ziemlich gute Vermutung.“
Penn sieht mich endlich über die Schulter hinweg an, fixiert mich mit seinen dunklen Augen. „Natürlich dein Bruder.“
Ich nicke. „Er kommt am Freitag aus dem Knast.“ Meine Antwort klingt dünn in der Stille seiner großen Küche. „Jace ist seit über einem Jahr draußen, aber erst in den letzten Monaten haben diese Nachrichten angefangen. Ich glaube, er hätte schon früher etwas unternommen.“
Penn schnaubt wieder und wendet seine Aufmerksamkeit erneut dem Topf zu. Die Milch dampft, und kleine Dampfschwaden steigen von der Oberfläche auf.
Wenn ich jetzt aufhöre, könnte ich den Mut verlieren, also rede ich weiter. „Ich glaube nicht, dass das nur leere Drohungen sind. Sie werden das nicht einfach so hinnehmen.“ Ich lecke mir die Lippen, meine Kehle ist trocken. „Auf dich haben sie es bestimmt auch abgesehen.“
Er reagiert nicht, rührt nur mit langsamen, kontrollierten Bewegungen weiter. Die Stille zwischen uns dehnt sich aus, bis ich es nicht mehr ertrage.
„Sag etwas“, verlange ich frustriert.
Er schaltet den Herd aus und sieht mich mit ausdruckslosem Gesicht an. „Was geht mich das an?“
Ich starre ihn an. Mein Magen verkrampft sich. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe – vielleicht keine echte Besorgnis, aber zumindest eine gewisse Anerkennung, dass dies nicht nur mein Problem ist.
Statt zu antworten, greife ich nach meinem Handy, das auf der Arbeitsplatte liegt, und entsperre es mit zitternden Fingern. „Schau“, murmle ich und schiebe es ihm zu.
Er nimmt es, und während er liest, versteift sich sein ganzer Körper. Ich beobachte, wie sich seine Miene von Desinteresse zu etwas viel Dunklerem wandelt.
Du denkst, du bist sicher? Du denkst, du kannst dich verstecken? Ich werde dich leiden lassen, dich auf eine Weise erniedrigen, die du dir nicht einmal vorstellen kannst. Du wirst um den Tod flehen, ehe wir mit dir fertig sind. Genau wie Nathan. Genau wie Penn. Du wirst es nicht kommen sehen.
Er umklammert das Handy fester. „Herrgott“, brummt er und schaut zu mir auf. „Wer auch immer das geschrieben hat, sagt, dass er dich vergewaltigen wird.“ Seine Augen blitzen gefährlich. „Dein Bruder würde dir das nicht antun.“
Ich lache trocken. „Mein Bruder hat unseretwegen gerade zehn Jahre im Gefängnis verbracht. Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas gibt, was er nicht tun würde, um mir wehzutun. Er hasst mich mehr als dich, und selbst wenn er das nicht tun würde, ist seine Drohung genauso furchterregend. Genau das versucht er zu erreichen Er will mir Panik einjagen, und es funktioniert.“
Penn gibt mir mein Handy zurück, gießt dann den dampfenden Kakao in die Tasse und schiebt sie mir über den Küchentresen zu. „Ich verstehe immer noch nicht, warum du hier bist, Mila. Warum du glaubst, ich könnte dir helfen.“
Ich nehme die Tasse, atme den süßen, delikaten Duft ein und trinke vorsichtig einen Schluck. Der Cayennepfeffer wärmt mich auf der Stelle. „Weil ich nicht weiß, an wen ich mich sonst wenden soll. Ich habe sonst niemanden. Es ist ein Rätsel, und du bist darin verwickelt. Zwei Köpfe sind schließlich besser als einer.“
Penns Blick wird schärfer. „Was ist denn mit deinen Eltern?“
Ein bitteres Lachen entfährt mir, ehe ich es unterdrücken kann. „Wir sprechen nicht mehr miteinander.“
Das löst eine Reaktion aus. Er hebt leicht den Kopf und runzelt wieder die Stirn. „Warum?“
Ich atme langsam aus und starre auf die Marmorarbeitsplatte. „Sie haben mir nie verziehen. Meine Eltern wollten einfach nicht glauben, dass Peter so etwas tun könnte.“ Ich hebe den Blick, um Penn in die Augen zu sehen. „Selbst nachdem er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft gemacht hatte, gaben sie mir die Schuld.“
Penn schüttelt den Kopf, seine Verärgerung weicht Ungläubigkeit. „Er hat verdammt noch mal gestanden.“
„Das war ihnen egal.“ Ich zwinge mich, die Achseln zu zucken, obwohl sich die Geste irgendwie hohl anfühlt. „Sie schämten sich mehr für mich, weil ich die Familie verraten hatte, als für Peter wegen seiner Tat.“
Penn ballt die Faust. „Das ist total irre.“
Ich nicke und schlucke. „Meine Tante hat mich dann aufgenommen. Dorene – sie ist die Schwester meiner Mutter. Sie hat mich zu sich nach Florida geholt und mir geholfen, die Schule fertig zu machen.“ Ich seufze tief.
Penn mustert mich, sein Groll weicht kurz etwas anderem. Etwas, das eher Empathie ist.
„Was hast du in den letzten zehn Jahren gemacht?“, erkundigt er sich leise.
Ich blinzele überrascht angesichts dieser unerwarteten Frage.
„Studiert“, sage ich, verwirrt von dem jähen Themenwechsel. „An der University of Central Florida. Ich habe einen Abschluss in Grafikdesign. Da ich remote arbeite, kann ich überall leben.“ Ich zwinge mich zu einem kleinen, kraftlosen Lächeln. „Es hat sich erwiesen, dass man für das Design von Buchcovern nicht viel soziale Interaktion braucht.“
Penn erwidert mein Lächeln nicht. „Klingt, als hättest du dein Leben auf die Reihe gekriegt.“
Ich zögere, bevor ich antworte: „Nun, ich dachte es zumindest.“
Eine schwere, erstickende Stille breitet sich zwischen uns aus. Penn stützt sich mit verschränkten Armen auf den Küchentresen.
„Ich habe dir gesagt, du sollst dich da raushalten“, meint er schließlich. Seine Stimme ist monoton, aber es schwingt eine gewisse Schärfe darin mit.
Eine Schuldzuweisung.
Ich erstarre. „Penn, ich hatte keine Wahl.“
Seine Augen blitzen. „Unsinn. Du hättest abhauen können. Oder den Mund halten. Dann wärst du jetzt nicht in dieser Lage.“
Zorn lodert in meiner Brust und verdrängt die kalte Angst, die mich bedrückt hat. „Dann wäre Nathan keine Gerechtigkeit widerfahren“, schnauze ich ihn an. „Wenn ich nichts getan hätte, wären sie ungestraft davongekommen.“
Penn wendet den Blick ab. Er hat die Zähne zusammengebissen.
Sanfter fahre ich fort: „Du bist zuerst zur Polizei gegangen. Du hast ihnen erzählt, was du gehört hast. Aber sie konnten erst etwas unternehmen, als ich deine Geschichte untermauert habe.“
Hätte ich seine Aussage nicht bestätigt, hätte die Polizei nicht genug in der Hand gehabt, um weiterzumachen. Aber das bedeutete, dass die Mannschaft Bescheid wusste. Peter und Jace hatten dafür gesorgt. Sie erzählten jedem, der es hören wollte, dass Penn und ich ihr Leben zerstört hatten.
Deshalb verpasste man uns beiden das gleiche Etikett.
Verräter.
Ich richte mich auf und greife nach der Kante des Küchentresens. „Ich kann nirgendwo anders hin.“ Weil ich will, dass er sieht, dass ich die Wahrheit sage, halte ich seinem Blick stand. „Ich will meine Tante nicht in Gefahr bringen, und du …“ Ich deute auf das Haus. „Du lebst in einer gottverdammten Festung.“
Penn keucht auf und fährt sich mit der Hand übers Gesicht. „Mila …“
„Lass mich bleiben … nur für eine Weile“, dränge ich ihn. „Ich bitte dich. Bis wir das mit den Drohungen geklärt haben. Es betrifft doch auch dich, oder?“
Er schweigt so lange, dass ich glaube, er werde mich gleich wegschicken. Penn gibt weder zu noch bestreitet er, dass die Drohungen auch ihm gelten.
Dann murmelt er mit einem langsamen, widerwilligen Seufzen: „Nun gut.“
Erleichterung durchströmt mich und lässt meine Knie weich werden.
„Aber nur, bis wir das geklärt haben“, warnt er mich vor. „Das ist keine Dauerlösung.“
Ich nicke rasch. „Klar.“
Penn weist mit dem Kinn in Richtung Garage. „Holen wir dein Gepäck und fahren dein Auto in eine der Parkbuchten. Dann zeige ich dir ein Gästezimmer.“
Ich widerspreche nicht.
Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich mich nicht mehr ganz allein.
Penn
Das leise Summen des Kühlschranks erfüllt die Küche und durchbricht die drückende Stille der frühen Morgenstunde. Ich habe ein paar Stunden geschlafen, war aber zu aufgeregt wegen Milas Ankunft, der Dinge, die ich erfahren hatte, und meiner Einladung an sie, bei mir zu wohnen. Das Haus fühlt sich anders an, wenn noch jemand anwesend ist. Es ist lange her, dass ich mit jemandem zusammengewohnt habe – das letzte Mal in meiner Zeit als Junior-League-Eishockeyspieler –, und obwohl Mila die einzige weitere Person auf 10 000 Quadratmetern ist, fühlt es sich erstickend an.
Es hat aber keinen Sinn, jetzt darüber zu jammern. Sie hat mich gebeten, bleiben zu dürfen, und ich habe zugestimmt. Also werde ich zu meinem Wort stehen. So bin ich nun mal. Anscheinend bin ich außerdem sentimental, denn als ich hörte, dass Milas Familie sie verstoßen und sich auf Peters Seite gestellt hatte, wusste ich, dass ich sie nicht allein lassen konnte. Doch am meisten hat mich wachgehalten, wie Mila gestern Abend an meinem Tor gestanden hatte, halb erfroren, verzweifelt und verängstigt.
Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare, klappe meinen Laptop auf dem Küchentresen auf und lasse mich auf einen Barhocker mit hoher Rückenlehne sinken. Dampf steigt aus der Tasse neben mir auf, und die Bitterkeit des Kaffees breitet sich auf meiner Zunge aus, als ich langsam einen Schluck nehme.
Was nun? Ich brauche mehr Informationen, denn in Wissen liegt Macht.
Also öffne ich meinen Browser, und nach ein paar gezielten Suchanfragen erscheinen eine Handvoll Artikel. Ich überfliege sie, konzentriere mich auf das, was ich brauche, und das bestätigt, was Mila mir erzählt hat. Peter Brennans Haft in der Justizvollzugsanstalt Stillwater endet am 20. Januar.
Das ist in fünf Tagen.
Diese Information verursacht Verspannungen in meinen Schultern, und ich drehe den Kopf, um meinen Nacken etwas zu lockern. Ich lehne mich auf meinem Barhocker zurück und klicke auf ein anderes Suchergebnis. Wenn Peter bald wieder auf freiem Fuß ist, muss ich wissen, wo die anderen sind.
Zuerst Jace Holloway.
Ich suche nach seinem Namen und scrolle durch die Ergebnisse. Er ist seit über einem Jahr wieder auf freiem Fuß, aber es gibt kaum aktuelle Informationen über ihn. Keine aktiven Social-Media-Accounts, keine Erwähnungen in den Nachrichten. Nur ein paar alte Fotos – eines aus der Zeit, als er für die Wraiths spielte, voller Jugend und Lebensfreude. Ein anderes ist das genaue Gegenteil – ein Fahndungsfoto, mit leerem Blick und ausdruckslosem Gesicht.
Keine Informationen darüber, wo er sich derzeit aufhält, was bedeutet, er könnte überall sein. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, woher er ursprünglich stammt.
Mein nächster Suchbegriff lautet „Ryan DeLuca“.
Obwohl er einer strafrechtlichen Verfolgung entgangen ist, war seine Eishockeykarriere ruiniert. Der letzte Artikel, den ich über ihn finde, ist fast acht Jahre alt: Die Minor League hat den früheren Kapitän der Muskogee Wraiths, Ryan DeLuca, aus ihrem Kader gestrichen. DeLuca kämpft darum, seinen Status zurückzugewinnen.
Ich bedauere kein bisschen, dass sein Leben den Bach runtergegangen ist. Ryan hat es verdient.
Als Nächstes suche ich nach Colton Briggs.
Das Ergebnis ist dasselbe. Keine strafrechtlichen Konsequenzen, aber auch keine Karriere. Sein Name taucht in einigen College-Eishockey-Artikeln auf, und irgendwann verschwindet er von der Bildfläche.
Dann ist da noch Jacob McLendon. Ich weiß, wo er ist, und wir hatten im Laufe unserer Jahre in der Profiliga einige Auseinandersetzungen. Er genießt eine erfolgreiche Karriere bei den Winnipeg Rebels, aber da wir in verschiedenen Ligen spielen, beschränken sich unsere Begegnungen auf wenige Spiele pro Jahr. Ich war immer derjenige, der auf dem Eis hasserfüllte Blicke und harte Schläge von diesem Arschloch abbekommen hat, aber er hat noch nie so unfair gespielt wie letzten Monat, als die Rebels hier gegen uns angetreten sind. Er hat mich ungerechtfertigt mit dem Schläger in den Rücken gecheckt, eine Aktion, die mir das Genick hätte brechen können, wenn ich sie nicht hätte kommen sehen. So hat sie King – meinen Verteidiger – und mich total aus der Fassung gebracht; King hat schließlich die Handschuhe ausgezogen und dem Kerl als Vergeltung eine blutige Nase verpasst.
Ich rufe McLendons Profil auf der Website seiner Mannschaft auf. Er ist Verteidiger. Bei den Wraiths haben wir in derselben Line gespielt. Er ist kein Spitzenspieler, aber er ist nach wie vor in der Liga und macht sich gut. Jacob hatte nichts mit dem zu tun, was Nathan passiert ist, aber er hasst mich dafür, dass ich das Kartenhaus zum Einsturz gebracht und unser Team ruiniert habe.
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ihn anzurufen. Wenn jemand noch Kontakt zu den anderen Jungs hat, dann wahrscheinlich McLendon. Aber wenn ich diesen Weg gehe, muss ich auf jede Reaktion vorbereitet sein.
Darüber werde ich ein andermal eingehender nachdenken.
Ich reibe mir den Nacken und fühle mich, als wäre ich eine Million Jahre alt. Geistesabwesend trinke ich noch einen Schluck Kaffee und starre auf den Computerbildschirm. Mir ist danach, mir meine eigenen Fehler vor Augen zu halten, und ich beschließe, mich auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben. Ich muss mich neu verorten, muss mich daran erinnern, was mich dazu getrieben hat, das zu tun, was ich getan habe und was mich – und Mila – in genau diese Lage gebracht hat. Würde ich heute wieder genauso handeln?
Ich beuge mich vor und tippe auf die Tasten, um nach dem Artikel zu suchen, den ich vor vielen Jahren zuletzt gelesen habe. Nachdem sich die Presse auf Nathans Tod gestürzt hatte, war dies der letzte Artikel – an dem Tag, an dem alles vorbei war und einem toten Jungen Gerechtigkeit widerfuhr.
Meine Finger schweben einen Moment lang über dem Touchpad, bevor ich darauf klicke.
Eishockey-Community erschüttert: Geständnisse im Mobbing-Skandal
14. März – Muskogee, MN
Ein Vorfall von Mobbing innerhalb des Eishockey-Nachwuchsprogramms der Muskogee Wraiths hat zu strafrechtlichen Verurteilungen geführt und die Eishockey-Community in dieser Angelegenheit tief gespalten.
Peter Brennan und Jace Holloway, beide siebzehn Jahre alt, bekannten sich der Körperverletzung mit Todesfolge und der vorsätzlichen Gefährdung schuldig. Im Rahmen eines Deals mit der Staatsanwaltschaft gaben beide zu, im betrunkenen Zustand an einem Ritual beteiligt gewesen zu sein, das zum Tod des fünfzehnjährigen Nathan Gentry geführt hatte, eines Spielers im ersten Jahr bei den Wraiths.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben die Beklagten Gentry betrunken gemacht, misshandelt und dann, nachdem er Anzeichen einer schweren Alkoholvergiftung gezeigt hatte, unbeaufsichtigt in der Trainingsanlage des Teams zurückgelassen. Am nächsten Morgen fand man das Opfer leblos auf. Die Ärzte erklärten Gentry später im Krankenhaus für tot.
Zwei namentlich nicht genannte Zeugen, zum Zeitpunkt der Tat beide minderjährig, machten entscheidende Aussagen, die zum Schuldbekenntnis der Angeklagten führten. Das Gericht gibt ihre Identität auch weiterhin nicht bekannt, um Belästigungen oder Einschüchterungen zu verhindern, obwohl Quellen innerhalb der Mannschaft angaben, dass sie ihren ehemaligen Teamkollegen bekannt waren.
Die Beweise zeigten, dass Brennan der Haupttäter war. Das Gericht verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft in der Justizvollzugsanstalt Stillwater mit der Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung bei guter Führung. Jace Holloway, der angeblich nicht an den körperlichen Misshandlungen beteiligt war, verurteilte das Gericht zu neun Jahren Haft in einem Staatsgefängnis, ebenfalls mit der Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.
Die Folgen der Tat reichen über Brennan und Holloway hinaus. Die Teambesitzer und der Vorstand beschlossen einstimmig, die Spieler Ryan DeLuca und Colton Briggs aus dem Team der Wraiths auszuschließen, da sie ebenfalls in die Schikanen verwickelt waren, die Beweise jedoch für strafrechtliche Konsequenzen nicht ausreichten. Auch die United States Youth Hockey League hat sie dauerhaft ausgeschlossen. Trainer Mark Brennan, Peters Vater, wurde nach dem Versäumnis, frühere Mobbingvorfälle anzuzeigen, aus seinem Amt entlassen und mit einem Trainerverbot der USYHL belegt.
Die Reaktionen in der Eishockey-Community sind weiterhin geteilt. Einige halten das Urteil für zu hart und glauben, der Vorfall sei eher ein tragischer Unfall als ein Verbrechen gewesen, andere sind der Meinung, nun sei der Gerechtigkeit Genüge getan.
Ich lehne mich zurück und starre auf den Bildschirm, auf dem der schwarz-weiße Text leicht verschwimmt. Nichts Neues. Ich war ja dabei. Aber wenn ich es schwarz auf weiß in nüchternen Sätzen vor mir sehe, trifft es mich immer noch tief.
Letztlich gingen damals Leben in die Brüche. Peter und Jace kamen in Haft. Ryan und Colton verloren jegliche Hoffnung auf eine professionelle Eishockeykarriere. Mark Brennan durfte nicht mehr als Trainer arbeiten. Mila und mich hat man wie Ausgestoßene behandelt, und die Muskogee Wraiths brauchten Jahre, um sich von dem Skandal zu erholen. Die Mannschaft verlor ihre besten Talente und schaffte es drei Jahre in Folge nicht in die Playoffs.
Ich umklammere meine Kaffeetasse.
Aber Nathan Gentry verlor am meisten – sein Leben.
Mir dreht sich der Magen um, wenn ich daran denke, was diese Jungs ihm angetan haben. Die Ermittlungen der Polizei brachten grausame Details ans Licht, die ich lieber nicht gewusst hätte. Der arme Junge, dessen einzige Sünde, die ihm die Feindschaft der älteren Teammitglieder eingebracht hatte, ein paar verpasste Pässe in einem Spiel waren, das wir deshalb verloren hatten. Peter und Jace wollten ihn bestrafen, um sicherzustellen, dass sich so etwas nicht wiederholte.
Ich war nicht dabei, aber ich habe in jener Nacht alles darüber erfahren. Jace, Peter, Ryan, Colton, ich … wir hingen alle bei Peter zu Hause ab. Während die anderen Spieler bei Gastfamilien wohnten, war Peters Vater der Trainer, und sie hatten einen riesigen Freizeitraum, in dem sich die älteren Spieler meistens aufhielten.
Verdammt, sie waren grausam und lachten darüber, wie sie Nathan überfallen, ihn ausgezogen und ihn gezwungen hatten, Alkohol zu trinken, bis er sich erbrechen musste. Sie schlugen ihn mit Gummischläuchen und Paddeln, und ich hätte mich fast übergeben, als Jace prahlte: „Wir haben ihm sogar die Haare abrasiert. Das wird ihm eine Lehre sein.“
Für sie war das alles Spaß und Spiel gewesen, und ich bezweifle nicht, dass keiner von ihnen geglaubt hat, er würde sterben. Ich weiß, dass das nicht ihre Absicht war, aber es war ihre Schuld.
Keine Ahnung, ob Nathan sich gewehrt hat, weil sie davon nie etwas gesagt haben, aber in meinen Albträumen flehte er sie an, aufzuhören. Ich stelle mir vor, dass er geweint hat, verzweifelt darauf hoffend, dass die Folter endlich aufhört.
Als er zu betrunken war, um noch stehen zu können, und schließlich das Bewusstsein verlor, war der Spaß vorbei, aber sie lachten noch herzlich darüber, dass sie ihn nackt auf dem Boden des Umkleideraums zurückgelassen hatten, wohl wissend, dass er von den Schlägen Schmerzen haben und am nächsten Tag mit einem schweren Kater zum Training erscheinen würde.
Leider erstickte Nathan an seinem eigenen Erbrochenen und war tot, als der Hausmeister am Morgen kam, um die Anlage zu öffnen.
Ich klappe meinen Laptop zu, aber nur weil ich den Artikel nicht mehr sehe, werde ich das schleimige Gefühl der Selbstverachtung nicht los. Ich habe nicht widersprochen. Ich habe sie nicht für ihre Verhaltensweise getadelt. Verdammt, ich habe sogar mitgelacht, obwohl mir beim Gedanken an ihre Grausamkeit schlecht war.
Peter Brennan hat zehn Jahre seiner zwölfjährigen Haft verbüßt. Mila und ich sind der Grund, warum er in den Knast gekommen ist. Jetzt kommt er frei, und wenn diese Drohungen von ihm stammen, dann habe ich keinen Zweifel – er wird sein Racheversprechen wahr machen.
Ich habe keine verdammte Ahnung, was ich dagegen tun soll.
Das Geräusch von Schritten auf der Treppe lässt mich zusammenzucken. Mila kommt herunter. Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass es fast acht ist. Als ich mich umdrehe, steht sie vor mir. Frisch geduscht, das lange schwarze Haar fällt ihr in lockeren Wellen über die Schultern.
Mein Gott, sie sieht sagenhaft aus.
Ich habe sie noch nie so gesehen. Damals war sie nur Peters kleine Schwester, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das in Nathan verliebt war. Für mich war sie nur ein Kind, das manchmal in der Eishalle herumhing und uns beim Spielen zusah.
Aber jetzt … jetzt ist sie etwas ganz anderes.
Ihre großen blauen Augen können einem Mann den Atem nehmen – auffällig, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern und makelloser Haut. Ihre vollen Lippen sind in einem dezenten Rosa geschminkt, ihre hohen Wangenknochen verleihen ihr fast elfengleiche Züge. Der Pullover, den sie trägt, weich und figurbetont, lässt zarte Kurven erahnen, die mir zuvor nie aufgefallen waren.
Ich zwinge mich, ihr ins Gesicht zu sehen, und unterdrücke die unwillkommene Anziehungskraft, die sie auf mich ausübt.
Mila betritt zögernd die Küche, die Arme vor der Brust verschränkt, als wäre sie sich unsicher, ob sie hier willkommen ist. Sie verlagert leicht das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, was ihre Nervosität verrät, und für einen Moment fühle ich mich genauso unsicher, wie sie aussieht.
Was zum Teufel soll ich mit ihr anstellen?
Ich räuspere mich, schiebe meinen Barhocker zurück und stehe auf. „Möchtest du Kaffee?“
Sie blinzelt und nickt. „Ja, gern. Mit Milch, wenn du welche hast.“
Ich gehe zur Kaffeemaschine und bin dankbar, dass ich etwas zu tun habe, meine Hände beschäftigen kann. Während ich eine frische Tasse zubereite, bemerke ich, wie ihr Blick durch die Küche schweift und ihre Finger leicht über die Kante der Marmorarbeitsplatte streichen.
„Dieses Haus ist unglaublich“, flüstert sie.
Ich gebe etwas Milch in die Tasse und reiche sie ihr. „Für irgendetwas muss ich mein Geld ja ausgeben.“
Sie schenkt mir ein angedeutetes Lächeln und umschließt die Tasse mit beiden Händen, als wolle sie die Wärme in sich aufsaugen. „Ich habe deine Karriere verfolgt“, gesteht sie leise. „Mir deine Spiele angeschaut. Ich bin wirklich stolz auf dich.“
Ich setze mich wieder, rutsche unbehaglich auf meinem Barhocker hin und her und trinke langsam einen Schluck von meinem eigenen Kaffee.
„Du hast den Erfolg mehr als verdient“, fährt sie fort. „Du hast ihn dir nämlich erarbeitet. Vor allem nach dem, was du damals getan hast. Nachdem du zur Polizei gegangen bist.“
Ich atme tief aus und stelle meine Tasse etwas nachdrücklicher ab als nötig. „An manchen Tagen habe ich das Gefühl, nicht das Richtige getan zu haben.“
Mila schnaubt und schüttelt den Kopf. „Nathans Eltern sehen das anders. Ich sehe das anders.“ Ihr Blick wird scharf, sie ist offensichtlich sehr überzeugt von dem, was sie sagt. „Wir haben seinen Tod gerächt.“
Ihre Worte lösen etwas in mir aus. Zorn. Gewissensbisse. Den Wunsch, sie zu beschützen. All das verbindet sich in meiner Brust zu einem Wust von Gefühlen.
„Du hättest dich da raushalten sollen“, brumme ich.
Mila versteift sich. „Was wäre die Konsequenz gewesen? Hätten wir diese Schweine damit davonkommen lassen sollen?“
Ich halte mich am Küchentresen fest. Plötzlich bin ich extrem angespannt. „Zumindest hättest du dann noch deine Familie.“
Sie beißt die Zähne zusammen. „Glaubst du, das ist mir wichtig?“ Ihre Stimme wird etwas lauter, und ihre Empörung ist nicht zu überhören. „Glaubst du, ich hätte unter ihrem Dach bleiben können, obwohl sie Peters Tat stillschweigend gutgeheißen haben? Obwohl sie gesagt haben, es sei nur harmloser Spaß gewesen, der aus dem Ruder gelaufen ist?“ Sie verzieht angeekelt das Gesicht. „Ich habe keinerlei Respekt mehr vor ihnen. Ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Außerdem hätte die Polizei ohne meine Aussage nicht genug in der Hand gehabt. Ich musste aussagen.“
Mühsam versuche ich, meine Frustration zu unterdrücken. Ich schäme mich zuzugeben, dass ein Teil meiner Wut darüber, dass Mila sich eingemischt hat, daher rührt, dass ihre Aussage letztlich diese Verurteilungen in Gang gesetzt und das Team auseinandergerissen hat. Hätte es nur meine Aussage gegeben, wäre nichts passiert. Ich hätte gewusst, dass ich das Richtige getan hatte. Dass ich alles getan hatte, was ich konnte, aber mein Team hätte weiter bestanden. Mila war wirklich der Sargnagel der Mannschaft, und dafür habe ich sie bisher immer verachtet.
Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, was ich empfinde.
Mila strafft die Schultern, aber ich sehe das leichte Zittern in ihren Fingern, als sie ihre Kaffeetasse an die Lippen hebt. Sie trinkt einen kleinen Schluck und stellt die Tasse dann wieder ab. „Hör zu, ich bin nicht hier, um die Vergangenheit wieder aufzuwärmen.“ Ihre Worte klingen zögerlich. „Ich bin hier, weil ich nicht wusste, an wen ich mich sonst wenden sollte.“
Mein Blick wandert zu meinem Laptop, mit dem ich gerade den Morgen damit verbracht habe, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Ich deute auf die Barhocker neben meinem, und sie setzt sich. Dann lehne ich mich gegen den Küchentresen. „Fang noch mal von vorn an. Erzähl mir alles.“
Mila zögert. „Die Drohnachrichten begannen vor ein paar Monaten. Zuerst waren es nur SMS – von einer mir unbekannten Nummer, nicht zurückverfolgbar. Zunächst alle paar Tage, aber das eskalierte schnell. Dann kamen E-Mails.“ Sie fröstelt leicht und schlingt die Arme um sich. „Die waren detaillierter. Brutaler.“
Ich nicke, denn ich weiß bereits, welche Art von Nachrichten sie erhalten hat – die E-Mail, die sie mir gestern Abend gezeigt hat, ist ein Anhaltspunkt.
„Ich bin zur Polizei in Florida gegangen“, berichtet sie weiter. „Ich habe denen alles gezeigt. Die SMS und die E-Mails. Aber sie konnten nicht herausfinden, woher sie stammten. Sie sagten, solange es keinen Beweis dafür gäbe, dass jemand mir tatsächlich etwas antun wolle, seien ihnen die Hände gebunden.“
Natürlich. „Du glaubst also, sie stammen von Peter?“
Ihr Kehlkopf bewegt sich. „Von wem sonst?“
Ich trommle mit den Fingern auf meinen Oberarm. „Von Jace, und ich sage das nur, weil Peters Möglichkeiten, E-Mails und SMS zu verschicken, begrenzt sind.“ Ich denke darüber nach. Meine Gedanken überschlagen sich. „Oder sie könnten von Ryan oder Colton stammen, die ihm geholfen haben. Verdammt, sie könnten sogar von allen zusammen stammen.“
Mila runzelt die Stirn. „Aber was soll das? Wollen die mir Angst einjagen? Oder sind sie auf Rache aus?“
Ich habe keine Antwort darauf, aber ich brumme: „Ich habe auch etwas.“
Mila blinzelt. „Wie meinst du das?“
Ich nicke, die Lippen zu einem grimmigen Grinsen zusammengepresst, und erinnere mich an das Geschenk, das ich vor kurzem in der Umkleidekabine bekommen habe. „Ich habe einen Teddy mit einer Karte erhalten, auf der stand: Ich erinnere mich. Erinnerst du dich?“
Mila erbleicht. „Ich habe genau diese Nachricht auch bekommen. Aber per SMS.“
Sie zögert. „Ich habe deinen Zusammenstoß mit McLendon im Fernsehen gesehen. Er hat dich ziemlich brutal gecheckt.“
„Ja, er hat mich ganz schön erwischt. Er hegt offensichtlich immer noch einen Groll.“
Ihre blauen Augen halten meinen Blick fest. „Es gibt immer noch so viele Leute, die uns dafür hassen, dass wir das Richtige getan haben.“
Nach einer langen Pause sage ich: „Ryan DeLuca war bei einem meiner Spiele. Er hat eine Flasche nach mir geworfen und mich einen Verräter genannt.“
Mila umklammert ihre Tasse noch fester.
„Ja“, sage ich. „Es gibt immer noch sehr viele Leute, die uns verdammt noch mal hassen.“
Mila seufzt: „Was nun?“
Ich zögere und wäge meine Optionen ab. Auch wenn es das Letzte ist, was ich tun möchte – so entschlossen bin ich, meine Mannschaft nicht an mich heranzulassen –, aber ich kann die anderen nicht im Unklaren lassen. „Ich glaube, ich muss meine Mannschaft informieren, was los ist. Zumindest die Führungsebene.“
Mila hebt leicht die Augenbrauen. „Vertraust du denen?“
Ich antworte nicht sofort. Denn die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass sich die Lage, was auch immer gerade passiert, verschlimmert, und ich kann das nicht länger ignorieren. Ich stoße mich vom Küchentresen ab und schnappe mir meine Schlüssel. „Mila, ich muss zum Training. Danach werde ich versuchen, mit unserer Geschäftsführung zu sprechen.“
Mila rutscht auf ihrem Barhocker hin und her und sieht zögerlich aus. „Was soll ich in der Zwischenzeit tun?“
Ich sehe sie an. „Mach es dir einfach bequem. Ich bin heute Nachmittag wieder da.“
Sie nickt, aber ihre Haltung verrät immer noch Unbehagen.
Ehe ich gehe halte ich an der Tür inne und drehe mich um. „Geh nirgendwo alleine hin.“
Mila runzelt die Stirn. „Warum das denn?“
Ich erwidere ihren Blick. „Weil ich das Gefühl habe, dass du in Gefahr bist.“
Die Worte hängen schwerer, als wir beide zugeben möchten, zwischen uns in der Luft.
Dann drehe ich mich um und gehe.












