Inhaltsangabe
Er hatte nichts mehr zu verlieren. Doch dann kam sie.
Blakes Vergangenheit ist ein Trümmerfeld aus Verrat, Tod und dunkler Schuld. Auf dem direkten Weg in den Abgrund kreuzt ausgerechnet Jake, Präsident des Kings of Retribution MC, seinen Weg – und rettet ihm das Leben. Der Club wird zu seiner Heimat, die Brüder zu seiner Familie. Für Blake zählt nur noch Loyalität. Disziplin. Kontrolle. Er glaubt, endlich Frieden gefunden zu haben.
Bis Ember auftaucht – wild, frei und völlig unberechenbar.
Ember hat ihr altes Leben hinter sich gelassen, mitsamt den goldenen Fesseln elterlicher Erwartungen. Sie will mehr als ein Leben nach Plan – sie will brennen, kämpfen, atmen. Als sie in eine bedrohliche Lage gerät, findet sie im Club Schutz – und eine neue Art von Familie. Doch mit Blake ist es anders: Er weckt in ihr eine Leidenschaft, die sie selbst nicht zähmen kann.
Als Blakes dunkle Vergangenheit zurückkehrt, wird aus Leidenschaft brutale Realität. Ein tödliches Spiel beginnt – und Ember gerät in die Hände des Feindes.
Für den Mann, der ihm alles genommen hat, kennt Blake nur eine Antwort: Blut.
Leseprobe
Ember
Stadtrat Phillip Rhoads gibt Kandidatur als Gouverneur von Georgia bekannt
Ich schließe den Laptop, ohne mich damit zu quälen, mehr als nur die Überschrift des Artikels zu lesen. Alles, was die Medien berichten, weiß ich bereits. Meine Schwester hat mir gestern eine Nachricht mit den Neuigkeiten geschrieben. Sie hat mir auch erzählt, dass sich der Reporter, der sie zu Hause besucht hat, um meinen Vater zu interviewen, auch nach der ältesten Rhoads-Tochter erkundigt hat. Laut Scarlett ist Dad der Frage wie immer ausgewichen. Meine Eltern sind seit einigen Jahren wahre Weltmeister im Lügen, wenn es um mich und den Verbleib ihrer Tochter geht. Die Öffentlichkeit weiß nur, dass Bailey Rhoads im Ausland lebt. Während eines ehrenamtlichen Auslandsaufenthaltes im Sommer soll ich mich in Europa verliebt haben und dortgeblieben sein. Was für ein verdammtes Klischee. Natürlich erwarte ich nicht, dass Phillip und Caroline Rhoads enthüllen, dass ihre Tochter derzeit in Montana bei einem berüchtigten Motorrad-Club wohnt.
Nicht einmal ihre engsten Freunde wissen davon. Würde herauskommen, dass Bailey Rhoads als Clubmädchen bei den Kings of Retribution lebt, und was das bedeutet, würde es den Ruf meiner Eltern und die politische Karriere meines Vaters ruinieren. Ich bin das gut versteckte schwarze Schaf der Familie. Als ich ein Kind war, hatten meine Eltern meine Zukunft bis ins Detail durchgeplant. Bailey Ember Rhoads war für Großes bestimmt. Aber ich wollte nie hoch hinaus. Ich wollte einfach nur ich selbst sein. Stattdessen war meine Kindheit geprägt von Einsamkeit, Privatschulen, Privatunterricht und genügend außerschulischen Aktivitäten, um jede einzelne Sekunde meiner Freizeit auszufüllen – von meinem siebten Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich beschloss, zu gehen.
Erst als ich Jake und den Club traf, lernte ich ein richtiges Familienleben kennen und lieben. Bei den Kings habe ich die Freiheit, zu sein, wer ich sein will. Das soll nicht heißen, dass ich mich nicht mit den Vorurteilen von außen herumschlagen muss. Für Außenstehende bin ich nicht mehr als eine Hure. Klar, andere Clubs nennen ihre Frauen Huren – aber nicht die Kings. Für sie bin ich ein Clubmädchen. Ich werde respektiert und immer liebevoll behandelt. Dasselbe gilt für das andere Clubmädchen – Raine. Das Wichtigste beim Leben im Club ist Loyalität.
Jake regiert seinen Club mit eiserner Faust und verlangt Respekt sowie Ergebenheit von allen, die einen Fuß in das Territorium der Kings setzen und von allen, die er in den Club aufnimmt. Über die Jahre haben einige versucht, ihre Grenzen auszutesten, doch sie mussten schneller gehen, als sie blinzeln konnten.
Zwei von ihnen waren ehemalige Clubmädchen. Jetzt sind nur noch Raine und ich übrig. Soviel ich weiß, hat Jake nicht vor, die Familie durch weitere Mädchen zu vergrößern. Alle Brüder außer Blake und Grey sind sesshaft geworden und verheiratet. Nachdem die Männer der Reihe nach die Liebe ihres Lebens gefunden hatten und Familien gründeten, begann ich, mir Sorgen über meine Rolle im Club zu machen. Ich habe schreckliche Angst, die Menschen zu verlieren, die ich als Familie ansehe. Grace, Bella, Alba, Mila, Emerson und Lelani akzeptierten Raine und mich von Anfang an. Für mich gibt es eine unausgesprochene Regel: Sobald eines der Clubmitglieder eine Frau findet, ist dieser Mann tabu für mich.
Kurze Zeit nachdem Austin Lelani in den Club gebracht hatte, erwischte mich Jake dabei, wie ich eines Nachmittags nach Wohnungen suchte.
„Was machst du, Süße?“ Ich sitze an der Bar, als Jake hinter mir auftaucht und über meine Schulter auf den Laptop blickt.
„Oh, ich suche nur nach Wohnungen.“ Dann versuche ich, unbekümmert mit den Schultern zu zucken. Jake erstarrt, dreht mich in meinem Stuhl um und nagelt mich mit seinem Blick regelrecht fest. „Was hast du gesagt?“
Ich versuche, Augenkontakt zu halten, aber ich kann nicht und rutsche in meinem Stuhl hin und her. Vor ein paar Tagen habe ich beschlossen, dass es Zeit ist, auszuziehen. Nicht mehr im Clubhaus zu wohnen, bricht mir das Herz, aber es ist an der Zeit.
„Schau mir in die Augen, Ember.“ Jakes Tonfall ist sanft, aber bestimmt. Er schweigt, als ich meinen Blick hebe. „In mein Büro, sofort.“ Jake geht davon, und ich springe vom Stuhl, um ihm zu folgen. Er umrundet seinen Schreibtisch und setzt sich. Inzwischen nehme ich auf einem der Stühle davor Platz. Ich warte, während er sich eine Zigarette anzündet, einen Zug nimmt und sich in seinem Stuhl zurücklehnt. „Willst du mir erzählen, warum du nach Wohnungen suchst?“
Ich reibe meine Handfläche über den Jeansstoff auf meinen Oberschenkeln. „Ich dachte mir, dass es langsam an der Zeit ist.“
Jake zieht noch einmal an seiner Zigarette. „Weil?“
„Na ja, weil … es gibt keinen Grund, zu bleiben. Du weißt schon.“
Der Stuhl quietscht unter seinem Gewicht, als er sich nach vorn lehnt. „Keinen Grund zu bleiben? Bist du hier nicht glücklich, Ember?“ Jetzt klingt er besorgt.
„Nein, nein! Ich war noch nie glücklicher. Ich liebe es, hier zu leben.“
Jake kneift die Augen zusammen. „Wo liegt dann das Problem?“
„Es gibt kein Problem.“ Mir schnürt sich die Kehle zu, und ich spüre Tränen aufsteigen, die sich jeden Moment ihren Weg bahnen werden.
„Darling, worum geht es hier?“, fragt Jake.
„Es ist nur … vielleicht ist es nicht mehr vertretbar, dass ich hier bin.“ Ich schniefe.
Jake geht ein Licht auf, und ich erkenne den Moment, in dem ihm dämmert, worüber ich spreche. Er drückt seine Zigarette aus, steht auf, geht um den Tisch herum und kniet sich vor mir hin. „Ember, du gehörst zur Familie.“
„Ich weiß, aber …“
Er unterbricht mich. „In den letzten Jahren hat sich die Dynamik im Club verändert, aber das Fundament bleibt bestehen, Süße. Wir sind eine Familie, und es wird nie ein Zeitpunkt kommen, an dem du hier nicht willkommen bist. Verstehst du mich?“
Ich nicke. „Ja.“
„Ich werde dir jetzt eine Frage stellen und ich will, dass du mir ehrlich antwortest.“
„Okay.“
„Möchtest du aus dem Clubhaus ausziehen?“
Ich schniefe erneut und schüttle den Kopf.
Jake steht auf. „Dann hätten wir das geklärt.“
Damit war das Gespräch über meinen Auszug zwischen Jake und mir beendet. Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, bringt das eine weitere Erinnerung zurück in mein Gedächtnis – den Streit zwischen Blake und mir, der später in dieser Nacht passierte. Er hatte Wind von meinen Plänen bekommen und ist ausgerastet. Ich schließe meine Augen, um die Erinnerung und alle anderen Gedanken an Blake abzuschütteln, weil alles zwischen uns kompliziert ist. Im Moment muss ich mich auf die bevorstehende Katastrophe konzentrieren: meine Eltern.
Ich nehme mein Telefon zur Hand und rufe meine Schwester an. Sie hebt beim zweiten Klingeln ab.
„Hey.“
Ich atme aus und lasse mich in mein Bett zurückplumpsen. „Ich habe die Bekanntmachung gerade gesehen.“
„Mom verlangt, dass ich nach Hause komme.“
Ich setze mich auf. „Aber du bist mitten im Semester.“
Scarlett stößt einen Atemzug aus. „Ich weiß. Sie sagt, dass sie und Dad mich brauchen.“
„Die wollen dich nur als Vorzeigetochter für Dads Kampagne.“
„Ich weiß, aber welche Wahl habe ich, Ember?“
„Du hast eine Wahl, Scar. Was sagt Keith dazu?“
Keith ist der Kerl, den meine Schwester heimlich datet. Er ist Mechaniker und fünf Jahre älter als sie. Die beiden sind bis über beide Ohren ineinander verliebt, und meine Schwester war noch nie glücklicher. Meine Eltern wären außer sich vor Wut, wenn sie von ihm wüssten.
„Es ist nicht so einfach, Schwesterherz. Und ich habe Keith noch nichts davon erzählt.“
„Scar.“
„Ich werde mir etwas überlegen. Mach dir keine Sorgen um mich.“
Scarlett ist in ihrem zweiten Semester an einem College in North Carolina. Meine kleine Schwester ist die schüchterne und zurückhaltende von uns beiden. Sie weiß nicht, wie man sich seinen Eltern gegenüber behauptet. Als ich fortging, war sie noch klein, und so hatte sie niemanden, der ihr zeigen konnte, wie man dem Druck und den Erwartungen unserer Eltern standhält. Ich fühle mich jeden einzelnen Tag schuldig, weil sie so unglücklich ist.
Nachdem ich gegangen war, machten unsere Eltern Scarlett den gleichen Druck wie mir, verlangten Perfektion. Sie wussten, dass sie nicht wie ich war – Scarlett leidet an Legasthenie, aber unsere Eltern weigern sich, das zu akzeptieren. Ich hatte nach meinem Wegzug drei Jahre lang keinen Kontakt zu meiner Schwester, weil meine Eltern es nicht erlaubten. Als sie dreizehn war, rief ich eines Tages ihre Privatschule an und gab vor, unsere Mutter zu sein. Ich werde nie das Gefühl vergessen, die Stimme meiner Schwester nach einer so langen Zeit wieder zu hören. Wir konnten lange genug miteinander sprechen, dass ich ihr meine Nummer geben konnte. Das war der Beginn unserer geheimen Beziehung. Alles lief gut – bis Mom das Geschenk fand, das ich ihr zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschickt hatte. Ich erinnere mich, als ein Anruf einging, und ich meine Schwester erwartete. Stattdessen hörte ich die verächtliche Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Leitung, die verlangte, dass ich nie wieder mit Scarlett sprechen sollte.
Danach nahmen sie meiner Schwester das Telefon weg. Fast einen Monat später erhielt ich mitten in der Nacht einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Es war Scarlett. Unsere Eltern hatten sie von der Privatschule genommen und in ein Internat geschickt. Sie bat eine andere Schülerin um ihr Telefon, damit sie mich anrufen konnte. Mittlerweile ist Scarlett älter, aber unsere Eltern bevormunden sie immer noch. Ich mache ihr deswegen aber keinen Vorwurf. Es ist die Schuld von Mom und Dad. Für meine Eltern hatten ihr Ruf und die Karriere meines Dads immer oberste Priorität. Was jedoch positiv ist: Meine kleine Schwester verändert sich, und dafür muss ich Keith danken. Seit sie mit ihm zusammen ist, blüht sie auf. Ich kann nur hoffen, dass meine Unterstützung und ihre Liebe zu Keith ausreichen, um sich irgendwann aus dem strengen Griff unserer Eltern zu befreien.
„Hör zu, ich treffe mich morgen mit Keith zum Mittagessen. Ich rufe dich danach an.“
„In Ordnung. Wir hören uns später. Ich liebe dich, Scar.“
„Ich liebe dich auch.“
Nachdem ich das Telefongespräch mit meiner Schwester beendet habe, schaue ich auf die Uhr. Es ist nach Mitternacht, aber ich weiß, dass mich all die Gedanken in meinem Kopf sowieso vom Schlafen abhalten werden, deswegen checke ich meine E-Mails. Ich schnappe mir meinen Laptop, überkreuze meine Beine und lege ihn in meinen Schoß. Wie erwartet habe ich eine Nachricht von Alice, die wissen möchte, wann sie mit meinem nächsten Manuskript rechnen kann. Ich tippe eine schnelle Antwort, um sie wissen zu lassen, dass sie es Ende der Woche erhalten wird – sechs Tage vor der Deadline. Ich lächle und schüttle den Kopf. Alice scheint genauso begierig auf den nächsten Band von Montana Nights zu sein wie meine Leserinnen.
In der nächsten Stunde checke ich alle meine Social-Media-Profile und beantworte ein paar Fragen von Leserinnen. Ich kann immer noch nicht glauben, in welche Richtung sich mein Leben in den letzten eineinhalb Jahren entwickelt hat. Bis Alba und Leah mich dazu überredet haben, ihrem Buchclub beizutreten, habe ich nie viel gelesen. Aber nach zwei Kapiteln des ersten Liebesromans war ich süchtig. Es dauerte nicht lange, bis ich meine eigenen Geschichten hervorzauberte. Eines Tages begann ich damit, meine Ideen niederzuschreiben und darüber nachzudenken, eventuell mein eigenes Buch zu schreiben. Eines Nachmittags setzte ich mich mit meinem Computer hin, und die Sätze sprudelten nur so aus mir heraus. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel getippt. Es war therapeutisch. Ich entdeckte etwas in mir selbst, das ich immer vermisst hatte.
Innerhalb weniger Wochen schrieb ich über dreihundert Seiten und beendete meinen ersten Entwurf. Ich benötigte Hilfe, um herauszufinden, was die nächsten Schritte sein sollten. Also trat ich mehreren Onlinegruppen zu dem Thema bei, und mit deren Hilfe fand ich die nötigen Werkzeuge, um meinen Roman im Selbstverlag herauszubringen. Das tat ich dann auch. Vor eineinhalb Jahren veröffentlichte ich den ersten Band der Serie Montana Nights – unter dem Pseudonym Ellise Brooks. Die Serie dreht sich um vier Cowboy-Brüder, die auf einer Ranch in einer Kleinstadt leben und nach zahlreichen Herausforderungen und Widrigkeiten ihre große Liebe finden.
Ich erinnere mich daran, wie nervös ich bei der Veröffentlichung meines ersten Buches war. Meine Erwartungen waren nicht groß. Es hätte mich bereits glücklich gemacht, wenn auch nur eine Person es gelesen und geliebt hätte. Und ich will nicht lügen – in den ersten paar Monaten begann ich, an mir und meinen Fähigkeiten zu zweifeln, eine gute Geschichte erzählen zu können. Bis ich eines Tages online ging und sah, dass die Buchverkäufe explodierten. Erfolg kann also tatsächlich über Nacht geschehen. Und jetzt bin ich gerade dabei, mein viertes Buch zu beenden. Die Krönung des Ganzen ist, dass keiner davon weiß. Ich meine, wirklich niemand. Nicht der Club, nicht meine Mädels, nicht einmal meine Schwester. Ehrlich gesagt ist es ein gottverdammtes Wunder, dass ich mich bei Alba und Leah noch nicht verplappert habe.
Ich kichere in mich hinein. Bailey Ember Rhoads, die mit dreizehn den Highschool-Abschluss gemacht hat und mit achtzehn zwei Collegeabschlüsse in Wirtschaft und Politikwissenschaften in der Tasche hatte, schreibt schmutzige Geschichten.
Blake
Ein lauter Knall reißt mich aus dem Schlaf. In meinem Zimmer ist es stockdunkel. Angst überkommt mich, als ich durch den kleinen, offenen Spalt in der Tür starre. Mom weiß, dass ich es mag, wenn sie nur angelehnt ist. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Mein Mund ist so trocken, dass ich nicht schlucken kann. Mein Großvater brüllt, aber ich kann nicht verstehen, was er sagt, weil mein Herzschlag so laut in meinen Ohren schlägt, als mich die Panik vollends in ihre Fänge nimmt. Plötzlich rauscht meine Mom in mein Zimmer. Der Duft ihres Lilien-Parfüms hüllt mich ein, als sie mich beschützend umarmt. „Alles wird gut“, flüstert sie und zieht mich aus dem Bett. Sie schiebt mich zum Kleiderschrank. „Ich möchte, dass du im Schrank bleibst, Vita Mia. Und egal, was du hörst, versprich mir, dass du dich nicht bewegst.“
„Warte. Wohin gehst du?“ Ich sitze in der hinteren Ecke des Schrankes, stehe bei ihren Worten aber wieder auf.
„Blake.“ Die Bestimmtheit in ihrer Stimme kann den verängstigten Unterton nicht überdecken. „Egal, was passiert. Versprich es mir.“
Obwohl ich erst zehn bin, weiß ich, dass etwas nicht stimmt – und dieses Etwas macht ihr Angst. „Ich verspreche es.“ Ich flüstere die Worte, um sie zu beruhigen, ohne das Ausmaß der Situation zu begreifen.
„Ich liebe dich, Blake. Und ich werde immer bei dir sein.“ Bevor ich ihr versichern kann, dass ich sie auch liebe, schließt Mom schnell die Tür, und ich sitze im Stockdunkeln. Ich höre nur noch meinen eigenen Atem.
Ein erneuter Knall durchbricht die Stille und ich realisiere, dass es ein Schuss war – dicht gefolgt von einem weiteren. Mein Herz donnert gegen meine Rippen, und meine Brust zieht sich zusammen. Das Atmen fällt mir schwer.
„Hudson, bitte. Ich flehe dich an, bitte tu das nicht!“, schreit meine Mom. Was macht mein Vater hier? Ich muss meine Mutter beschützen. In dem Moment, in dem ich realisiere, dass mein Vater im Haus ist, ist das der einzige Gedanke in meinem Kopf. Ich lange nach dem Türgriff, zögere aber. Ich habe es versprochen. Ein weiterer Schuss ertönt. Gefolgt von zwei markerschütternden Schreien von meiner Mutter und meiner Großmutter.
Ich breche mein Versprechen, stürme aus dem Schrank und aus meinem Zimmer. Bevor ich die Treppe ins Erdgeschoss erreiche, höre ich erneut einen Schuss. Meine Mom heult auf, ein rauer, kehliger Laut, den ich noch nie von ihr gehört habe, ertönt. „Bitte. Bitte. Tu das nicht.“ Ihre Stimme bricht mitten im Satz.
„Du hast mich bestohlen – den Club.“ Die Stimme meines Vaters klingt hart.
„Bitte, Hudson. Ich zahle dir jeden Penny zurück.“ Meine Mom bettelt mit erstickter Stimme weiter.
„Du gehörst mir“, spuckt mein Vater aus.
„Du liebst mich nicht, Hudson. Lass mich gehen!“, weint Mom.
Auf der letzten Stufe stolpere ich und lande brutal auf meinem Bauch. Ich kann gerade noch verhindern, dass mein Gesicht auf den harten Boden aufschlägt. Sofort nehme ich die Nässe unter mir wahr. Als ich meine Hand hebe, ist meine Handfläche mit einer dünnen Schicht roter Flüssigkeit bedeckt. Ich drücke mich hoch und starre auf Knien die Blutlache vor mir an. Mein Blick wandert umher, landet auf meinem Großvater und meiner Großmutter, die regungslos nebeneinanderliegen. Unmittelbar beginne ich, am ganzen Körper unkontrolliert zu zittern.
„Blake!“, schreit meine Mom, aber ihre Stimme scheint weit entfernt. „Blake, lauf“, brüllt sie, als ich grob zur Seite und auf die Füße gezerrt werde.
„Komm her, du kleines Stück Scheiße“, speit mein Vater mir entgegen, während er mich am Kragen meines Shirts packt. Plötzlich stehe ich vor meiner Mom, die auf ihren Knien ist.
Ich wehre mich gegen den Griff meines Vaters, schwinge die Fäuste und lande einen erfolglosen Hieb in seinen Bauch, bevor ich mich in die richtige Position bringen kann, um ihm wirkungsvoll in die Eier zu treten.
Mein Vater grunzt. „Du kleiner Bastard.“ Die Pistole in seiner anderen Hand drückt er nun seitlich an meinen Kopf.
„Nein, Hudson. Bitte.“ Moms Augen sind rot und verweint, und ihr Blick wandert zwischen mir und meinem Vater hin und her. Sie presst sich die Hände auf ihre Brust. „Blake hat nichts falsch gemacht. Es ist meine Schuld. Ich liebe dich. Ich habe mich gebessert – ich werde mich bessern“, fleht sie. Ihr Kopf schnellt zur Seite, sie richtet ihre Augen woandershin. Ich schaue in die Richtung, in die sie blickt, und erkenne ein weiteres Mitglied des Clubs.
Mein Vater schubst mich zu seinem Bruder. „Halte das Kind unter Kontrolle.“
Er ist viel größer als ich, und trotzdem kämpfe ich gegen ihn an. Die Schläge, die ich austeile, bringen mir eine mannsgroße Faust in den Bauch ein. Ich krümme mich vor Schmerzen und muss mich übergeben. Der Kerl lacht und zieht mich an den Haaren. „Wenn du dich noch einmal bewegst, bringe ich dich um.“ Er legt eine Klinge an meinen Nacken.
Mein Vater nähert sich meiner Mom, zielt mit seiner Waffe direkt in ihr Gesicht und sie schließt die Augen. „Ich bitte dich. Er ist dein Sohn, Hudson. Er hat noch sein ganzes Leben vor sich. Tu mit mir, was du willst, aber nimm ihm das nicht weg. Wenn du auch nur einen Funken Liebe für mich empfindest, beraube ihn nicht seiner Zukunft.“ Mein Magen zieht sich zusammen, weil es so klingt, als würde meine Mom aufgeben.
„Mom! Mom, wehr dich“, flehe ich.
Mein Vater blickt zu mir zurück, sieht mir direkt in die Augen und grinst. Sein Gesichtsausdruck wird härter, frei von jeglicher Emotion. Vor meinen Augen scheint er sich zu verwandeln – in etwas Böses. Er wendet sich wieder meiner Mom zu. „Ich verschone sein Leben“, sagt er zu ihr, und ihre Schultern sinken erleichtert.
Sie öffnet ihre Augen, blickt zu meinem Vater hoch. Dann dreht sie sich und schaut mich an. „Ich liebe dich, Vita Mia.“
Ihren Worten folgt ein Schuss.
Ich reiße meine Augen auf und schrecke in meinem Bett hoch. Kalter Schweiß bricht mir aus, ich bekomme keine Luft, und mein Herz rast. Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht und versuche, das Adrenalin und die nachklingenden Emotionen abzuschütteln. Um mich wieder in den Griff zu bekommen, atme ich tief ein, damit mein Herzschlag sich verlangsamt. Sobald die meisten Nachwirkungen meines Albtraums sich verflüchtigt haben, verlasse ich mein Bett und gehe ins Badezimmer, wo ich mich über das Waschbecken beuge, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Da ich weiß, dass ich nicht mehr zurück ins Bett gehen werde, ziehe ich mir ein T-Shirt über und laufe leise nach unten und in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen.
Mit einem Becher voll dampfender Flüssigkeit in der Hand trete ich nach draußen auf die hintere Veranda, schnappe mir einen Stuhl und blicke gen Osten. Ich nippe an meinem Kaffee, während ich die kühle Morgenluft einatme und auf den Sonnenaufgang warte. Die Tür hinter mir gleitet auf, und Ember gesellt sich zu mir. Sie hat eine Decke um ihren Körper gewickelt und hält eine Tasse Kaffee in ihrer Hand. Ich ziehe einen Stuhl heran, damit sie sich neben mich setzen kann.
„Kannst du nicht schlafen?“ Sie nimmt Platz und wickelt die Decke um ihre Beine.
„Albtraum“, gestehe ich, da sie es bestimmt sowieso ahnt.
„Möchtest du darüber sprechen?“
„Es ist schlimm genug, dass ich mit diesen beschissenen Erinnerungen leben muss, Babe. Ich teile sie nicht auch noch mit anderen.“ Ich fühle mich immer noch angespannt, und der letzte Schuss hallt in meinen Ohren nach.
Ember seufzt. „Manchmal hilft es, darüber zu reden.“
Ich starre in den Himmel, beobachte, wie der Horizont sich von einem dunklen Blau zu einem karminroten Leuchten wandelt. Ruhe überkommt mich. Ich atme noch einmal tief ein. Pinselstriche beginnen, sich über den Himmel zu ziehen – lila, orange und gelb. Ich linse zu Ember hinüber, betrachte ihr Profil, während sie den Anbruch des Tages bewundert. Der Wind bläst, und sie schließt ihre Augen, um zu fühlen, wie die Brise ihre Haut umschmeichelt. In der Wärme des Sonnenaufgangs küssen goldene Schattierungen ihr Gesicht. Sie raubt mir den Atem. Ganz früh am Morgen, mit zerzausten Haaren und nicht einmal einem winzigen Hauch Make-up, finde ich Ember am schönsten. Als sie sich zu mir dreht, blicke ich in den Himmel.
„Wenn du schon keine schlechten Erinnerungen teilen willst, wie wäre es dann mit den guten?“
Sofort kommen mir meine Großeltern in den Sinn. In den wenigen Monaten, in denen wir bei ihnen wohnten, erlebte ich einige der schönsten und sorglosesten Momente in meinem Leben. „Meine Großeltern lebten auf einer kleinen Farm außerhalb von San Bernardino. Mit einem großen Gemüsegarten und ein paar Kühen.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee. „Das Leben auf dem Land war anders. Auf eine gute Art und Weise.“ Ich lehne mich zurück und versinke in den guten Erinnerungen, die von den schlechten überschattet werden. „Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich Montana so mag.“ Momente mit meiner Mom und meiner Großmutter in der Küche kommen mir in den Sinn – wie sie aus Rahm Butter machten. „Jeden Sonntag stand meine Großmutter in der Küche und bereitete eine Unmenge an Gerichten zu: gegrilltes Gemüse, Zucchinilaibchen, Risotto und Rouladen. Ich lauschte den Geschichten, die mein Großvater und sie über ihre Kindheit auf kleinen Farmen in Italien erzählten. Sie waren ihre gegenseitige Jugendliebe und träumten davon, in Amerika zu leben. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit erfüllten sie sich diesen Traum.“ Als der Wind vorbeizieht, kann ich die Erinnerungen beinahe riechen.
„Sie haben nie nachgefragt, warum wir plötzlich bei ihnen auf der Matte standen – ohne einen Anruf oder eine Vorwarnung. Sie haben uns in ihre Arme geschlossen und ließen meine Mom, Viviana, einfach nur wissen, dass sie froh waren, dass sie wieder zu Hause war.“ Ich schweige für einen Moment, versuche, in der Gegenwart zu bleiben, aber ich kann spüren, wie ich in die bittere Wut über all das, was mir vor Jahren gestohlen wurde, abdrifte. Für einen – wenn auch kurzen – Moment durfte ich erfahren, was es bedeutet, ein normales Kind zu sein – ohne die Last der Welt auf den Schultern. Und noch viel wichtiger: Meine Mom war glücklich und frei, und so hatte ich sie seit einer sehr langen Zeit nicht gesehen. Ich schließe meine Augen und erinnere mich daran, wie schön meine Mom gewesen war. „Wenn ich die Zeit zurückdrehen und die Geschichte umschreiben könnte, würde ich es tun. Sie hatten es nicht verdient, zu sterben.“
„Erzähl mir von deiner Mom. Wie war sie?“
Beim Gedanken an sie muss ich lächeln und mir wird warm ums Herz. „Obwohl sie sich in meinen Vater verliebt hat, war sie eine gute Frau und eine großartige Mom. Die Liebe, die mir mein Vater immer verwehrt hat, bekam ich von ihr zehnfach. Sie liebte Pflanzen, und Rosen waren ihre Lieblingsblumen. Meine Mom hat immer hart gearbeitet. Sie hat in einem kleinen Diner ein paar Blocks von unserem Zuhause entfernt gekellnert. Wenn ich nicht in der Schule war, verbrachte ich dort meine Zeit.“ Ich kichere ein bisschen, als ich an die Besitzerin, Ms. Maggie, denken muss. „Wenn meine Mom nicht hingesehen hat, hat mir die süße alte Lady, Ms. Maggie, immer ein bisschen Geld zugesteckt. Üblicherweise fünf zusammengerollte Eindollarscheine, die sie in der Brusttasche ihrer Schürze parat hatte. Sie meinte immer, ich könnte mir im Laden gegenüber Limonade und Süßigkeiten holen. Falls meine Mutter es gewusst haben sollte, hat sie es sich nie anmerken lassen.“
Meine Stimme wird leiser, und Ember streckt ihre Hand aus. Sie legt sie auf meine, und wir verschränken unsere Finger ineinander. Ihre Berührung wird zu meinem Rettungsring, hält mich über Wasser. Sie sagt kein Wort. Wir sitzen einfach nur da – in der Stille eines neuen Tages. Ich kann mich nicht dagegen wehren, mehr zu wollen, und wünschte, ich könnte ihr mehr bieten als den Scherbenhaufen, der ich bin.
Der Tag geht zu Ende und wir alle sitzen hier in der Bar, genießen fettiges Essen, gute Musik und großartige Gesellschaft, während wir Charleys Geburtstag feiern.
Nachdem ich eine weitere Partie Billard gegen Grey gewonnen habe, trinke ich genüsslich ein Bier und lasse meinen Blick durch die Bar zu Ember schweifen. Sie hockt am Tresen und unterhält sich mit irgendeinem Fucker, den ich noch nie gesehen habe. Ich bekomme Schweißausbrüche, als ich beobachte, wie der Scheißkerl sich vorlehnt und ihr etwas ins Ohr flüstert, woraufhin Ember den Kopf in den Nacken wirft und laut lacht. Das gefällt mir nicht. Mein Griff um die Flasche wird fester.
Grey steht mit einem Bier in der Hand neben mir. „Wer hat dir in die Suppe gespuckt?“ Er folgt meinem Blick. „Sag ihr einfach, was du fühlst, Bruder.“
„Da gibt es nichts zu sagen“, lüge ich. Grey sieht mich misstrauisch an. „Das kannst du meiner Großmutter erzählen, Saftsack. Ich bin dein bester Freund, ich weiß Bescheid.“ Ich funkle ihn an und er wirft seine Hände in die Luft. „Ich weiß, wie der Hase läuft, aber sie wird nicht ewig auf dich warten, Bruder.“ Grey geht davon und lässt mich schmollend zurück.
Ich ziehe einen freien Stuhl unter dem Tisch neben mir heraus und setze mich, während mein Blick auf Ember gerichtet bleibt. Es gefällt mir nicht, eifersüchtig auf einen Fremden zu sein, aber ich bin es. Das leere Bier in meiner Hand ist eine hervorragende Entschuldigung, um mich an die Bar zu begeben. Ich schiebe mich hinter Ember an den Tresen, berühre mit meiner Schulter absichtlich die ihre, während ich Augenkontakt zu dem Kerl suche, der mit ihr spricht.
„Gibt es ein Problem?“ Der Typ starrt mich herausfordernd an, er wirkt sichtlich irritiert von meinem Auftreten. Der Wichser hat Eier in der Hose, das muss ich ihm lassen. Ich ignoriere ihn und halte meine leere Bierflasche ihn die Höhe, um Kingsley hinter der Bar zu signalisieren, dass ich noch eines möchte.
Der Arsch beugt sich zu Ember vor und legt seine Hand auf ihren nackten Oberschenkel. „Lass uns von hier abhauen.“
Mir wird ganz heiß, wenn ich daran denke, dass Ember mit diesem Scheißkerl mitgeht. Ich balle meine Faust auf dem Tresen der Bar, halte krampfhaft den Atem an und warte auf Embers Antwort.
„Da muss ich passen.“ Ember weist ihn ab, und ich entspanne meine Hände.
„Komm schon, du süßes Ding. Lass mich dir eine gute Zeit bescheren.“
„Sie hat Nein gesagt“, knurre ich.
Der Dreckskerl grinst hämisch. „Kümmere dich um deinen Kram, Bro.“
Ich stoße mich von der Bar ab.
„Blake.“ Ember rutscht von ihrem Barhocker und blickt mich an, aber ich starre an ihr vorbei. „Lass es.“
Ich schiebe Ember sanft, aber bestimmt aus dem Weg, packe den Bastard am Hinterkopf und knalle sein Gesicht auf die Theke. „Sie ist mein verdammter Kram. Sie gehört mir. Und ich bin nicht dein Bro.“ Ich weiche zurück, hoffe, dass er auf mich losgeht und mehr will.
„Ich sehe keinen Ring an der Hand dieser Schlampe.“ Er spuckt mir Blut vor die Füße und wischt sich dann mit dem Handrücken über seine aufgeplatzte Lippe. Er holt aus, und ich rühre mich nicht von der Stelle, um ihm den ersten Hieb zu überlassen. Seine Fingerknöchel schrammen mein Kinn entlang.
Ich lande meine Faust seitlich an seinem Kopf, und er strauchelt. Ohne ihm Zeit zu geben, sich wieder zu fangen, schlage ich erneut gegen seinen Schädel und er geht in die Knie. Ich höre nicht auf, trete ihm in die Rippen.
Starke Arme schlingen sich um mich und ziehen mich zurück. „Genug!“, faucht Gabriel und hält mich fest, während der Schwanzlutscher wieder auf die Füße kommt.
„Kein Weib ist diesen Ärger wert“, schnaubt das Arschloch und spuckt mir noch einmal vor die Füße, bevor er die Bar verlässt.
„Tja, was wäre ein Geburtstag ohne eine Kneipenschlägerei“, merkt Charley an. „Die Show ist vorbei, Leute. Weitertrinken und Geld ausgeben oder heimgehen.“
Gabriel lockert seinen Griff und klopft mir auf den Rücken, bevor er wieder zu seiner Frau zurückkehrt.
Ember nähert sich mir, ihr wunderschönes Gesicht ist vor Wut verzogen. „Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast. Und das auch noch an Charleys Geburtstag. Ich kann selbst auf mich aufpassen“, zischt sie.
„Der Fucker war nicht bereit, dein Nein zu akzeptieren.“
Ember überkreuzt die Arme und legt ihren Kopf schief. „Du bist eifersüchtig.“
„Ich wollte nur auf dich aufpassen.“
„Bullshit. Du hast auf dich selbst aufgepasst. Du besitzt mich nicht, Blake. Und bis du dich nicht dazu durchringen kannst, mich zu wollen, hast du nicht das Recht, dich so zu verhalten, als würde ich dir gehören.“ Sie stampft davon.
Eine Hand greift bestimmt nach meiner Schulter und hält mich davon ab, ihr zu folgen. „Komm“, befiehlt Jake, und ich füge mich. Er führt mich zu einer abgelegenen Ecke in der Bar, wo wir fernab von allen anderen an einem Tisch sitzen können.
„Willst du jetzt auch noch deinen Mist zu der Sache mit Ember dazugeben?“, sage ich und bereue sofort den scharfen Ton in meiner Stimme.
Jake ignoriert meinen Wutausbruch. „Sie ist nicht sauer, Sohn. Sie ist verletzt. Du musst damit aufhören, ihr dauernd widersprüchliche Signale zu senden. Entweder du sagst ihr, was du fühlst, oder du musst sie loslassen. Immer nur in diesem Zwischenstadium zu verharren, ist keine Art zu leben. Ihr beide verdient etwas Besseres.“
„So sehr ich Ember auch will, ich bin nicht gut für sie.“
Jake betrachtet mich für einen Moment eingehend. „Warum?“
„Ich bin abgefuckt, Prez. Wie kann ich Ember die Zukunft bieten, die sie verdient, wenn ich die Vergangenheit nicht hinter mir lassen kann? Mein Vater ist ständig in meinen Gedanken. Nur wenn ich Drogen nehme, höre ich nicht die ganze Zeit seine Stimme, die mich wissen lässt, was für ein wertloses Stück Dreck ich bin.“ Ich schüttle den Kopf. „Ember sollte diese Last nicht tragen.“
Jake blickt mich eindringlich an. „Hast du Probleme damit, clean zu bleiben?“
„Nein“, antworte ich schnell. „Du hast mein Wort.“
Der Prez nickt, er spürt die Aufrichtigkeit in meiner Stimme. „Niemand ist perfekt. Und scheiß auf deinen Vater. Der Bastard ist tot.“
Ich blicke ihm in die Augen. „Und ich habe ihn getötet“, murmle ich.
„Ja, das hast du. Aber mein Sohn, du kannst nicht ständig in der Vergangenheit leben – oder du wirst weiterhin verpassen, was sich direkt vor dir befindet.“
Jake verschränkt seine Arme vor der Brust. „Lass mich dich etwas fragen: Wärst du deinerseits bereit, Embers Bürden mitzutragen? Denn ich kann dir versichern, dass auch sie einiges durchgemacht hat, das ihr bis heute schwer zu schaffen macht.“
„Ich würde alles für Ember tun. Ich würde mir meinen verdammten Arm abschneiden, wenn sie mich darum bitten würde“, stelle ich vehement klar.
„Was lässt dich dann denken, dass sie nicht dasselbe für dich tun möchte? Klingt für mich so, als würdest du ihre Entscheidungen für sie treffen wollen.“
Als ich nichts darauf sage, fährt Jake fort: „Früher oder später wird Ember weiterziehen. Sie wird einen Mann finden, der bereit ist, ihr all das zu geben, was du ihr geben möchtest und wofür du Hosenscheißer einfach nicht die Eier zu haben scheinst.“
Bei dem Gedanken an Ember und einen anderen Mann spannt sich mein Kiefer an und ich balle meine Hände zu Fäusten.
„Das habe ich mir gedacht.“ Jake löst seine Arme und steht auf. „Ich denke, dass du jetzt die Antworten hast, die du brauchst, mein Sohn.“ Er klopft mir auf die Schulter und zieht sich in die gegenüberliegende Ecke des Raums zurück, um Grace Gesellschaft zu leisten.
Ich schaue mich in der Bar um. Alle wichtigen Menschen in meinem Leben genießen den restlichen Abend, trinken und lachen. Mein Blick bleibt an Ember hängen, die neben Bella und Alba sitzt und mit ihnen gemeinsam Logan und Gabriel bei einer Partie Billard beobachtet. Als könnte sie meine Aufmerksamkeit spüren, dreht Ember ihren Kopf und nimmt Augenkontakt mit mir auf. Ich forme Ich bin ein Idiot mit den Lippen, und auch wenn sie mich weiterhin wütend anfunkelt, merke ich, wie ihre Wut schwindet. Schließlich lächelt sie.
Jake hat recht. Ich muss den Arsch hochkriegen.














