Family Affairs: Heiße Sehnsucht

Erschienen: 01/2014
Serie: Family Affairs
Teil der Serie: 3

Genre: Contemporary Romance

Location: England, London

Seitenanzahl: 232 (Übergröße)

Buchtrailer: Ansehen

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-077-3
ebook: 978-3-86495-078-0

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Family Affairs: Heiße Sehnsucht


Inhaltsangabe

Quinn St. Clair und die süße Beth arbeiten eng zusammen, doch während der smarte Frauenheld ihr nur freundschaftliche Gefühle entgegenbringt, ist sie unsterblich verliebt. Sie glaubt selbst nicht daran, ihn jemals erobern zu können, bis er eines Abends vor ihrer Wohnung steht und Trost in ihren Armen sucht. Sie verbringen leidenschaftliche Stunden miteinander, doch schon am nächsten Morgen folgt das böse Erwachen und sie trifft eine folgenschwere Entscheidung.
Unterdessen kämpft Leanne Carter wie eine Löwin um die Vergebung von Ross Turner. Er will die Scheidung, um frei zu sein für seine neue Freundin Madeline, doch Lee nutzt ihre weiblichen Reize und bringt Ross vor Leidenschaft fast um den Verstand.
Zwei Frauen und ihr Kampf um die ganz große Liebe.

Über die Autorin

Die Autorin wurde 1977 in einer schwäbischen Kleinstadt geboren und lebt heute glücklich mit Mann und Kind in einem idyllischen Dörfchen nahe der Donau. Lange Jahre arbeitete sie als Erstkraft in der Parfümerie einer Einzelhandelskette. Ein Beruf, den sie für...

Weitere Teile der Family Affairs Serie

Leseprobe

„Ich kann nur hoffen, dass er im Büro ist, ich habe keine Lust, mir noch weiter die Finger wund zu wählen.“
Beth stöhnte unterdrückt auf, als sie die eisige Stimme von Winnifred St. Clair hinter der nur leicht angelehnten Bürotür hörte. Energische Schritte näherten sich, untermalt vom rhythmischen Klick-klack hoher Absätze. Jeden Augenblick würde Quinns Mutter in das Vorzimmer rauschen und sie wieder mit diesem stechenden Blick durchbohren, den Beth fürchten gelernt hatte. Es war kein großes Geheimnis, dass Lady St. Clair sie auf den Tod nicht leiden konnte. Da sie den Grund für diese Abneigung kannte, brachte sie sogar...

...so was wie Mitleid für sie auf, auch wenn die ständigen Anfeindungen mehr als unangenehm waren.
Quinns verstorbener Vater hatte bis zu seinem Tod eine außereheliche Beziehung zu einer gewissen Cassandra Wilcox unterhalten. Beth hatte das Pech, dieser Frau optisch sehr zu ähneln. Klein, rothaarig und kurvig. Ihr bloßer Anblick erinnerte Winnifred jedes Mal aufs Neue an die Untreue ihres verstorbenen Gatten, und da Quinns Vater und Miss Wilcox leider nicht mehr unter den Lebenden weilten, entlud sich Lady St. Clairs ganze Wut ungerechterweise auf Beth.
Die Affäre kam raus, als die beiden gemeinsam bei einem Autounfall starben, und die hiesige Presse war natürlich pietätlos genug, um diesen Skandal bis ins letzte peinliche Detail auszuschlachten. Der verheiratete und gut beleumundete Inhaber von Thayet Jewels war jahrelang fremdgegangen, und das nicht, wie es so oft der Fall war, mit einer glamourösen Schönheit, sondern mit einer Frau, die völlig normal aussah. So wie Beth eben auch. Offenbar hatte Jonathan St. Clair in den Armen der anderen etwas gefunden, das ihm seine Ehefrau nicht geben konnte, und immerhin – auch wenn das sein Verhalten nicht entschuldigte – war er bis zu seinem Tod sehr diskret gewesen. Ohne den Unfall wäre die Affäre wohl nie herausgekommen, auch wenn Beth vermutete, dass Winnifred St. Clair davon gewusst hatte. Quinns Mutter verfügte über einen außerordentlich wachen Verstand. So eine Frau führte man nicht jahrelang hinters Licht, ohne dass sie es merkte. Doch es war eine Sache, dem Gatten und seiner Freundin im Privaten zu grollen, eine andere jedoch, vor aller Welt als betrogene Ehefrau dazustehen. Diese Demütigung musste für diese stolze Frau unvorstellbar gewesen sein. Beth konnte sich daher durchaus vorstellen, dass Winnifred ihren Anblick aufgrund der Ähnlichkeit zu Cassandra nur schwer ertragen konnte. Mittlerweile waren aber drei Jahre vergangen. Nach so einer langen Zeitspanne musste es doch möglich sein, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, und nicht eine unbeteiligte Person – also sie – für das Fehlverhalten ihres Mannes zu bestrafen. Es war nämlich alles andere als angenehm, völlig grundlos wie eine Aussätzige behandelt zu werden.
In diesem Augenblick tauchte Lady St. Clair wie Medusa persönlich an der Türschwelle auf und verschwendete keine Zeit mit Höflichkeiten, als sich ihre Blicke trafen.
„Ist er hier?“, fragte sie knapp. Oh ja, sie kam wie üblich gleich zur Sache.
Beth versuchte Zeit zu schinden.
„Lady St. Clair, wie schön, Sie wiederzusehen“, grüßte sie und überlegte, wie sie dieser Frau schonend beibringen sollte, dass Quinn heute niemanden sprechen wollte. Sie krümmte sich innerlich unter den eisigen Blicken seiner Mutter. Puh, wenn diese Augen töten könnten, wäre sie schon längst zu Staub zerfallen! Nicht den leisesten Hauch an Freundlichkeit konnte sie auf den aristokratischen Zügen entdecken, und Beth hätte ihren Hintern verwettet, dass dieses beinahe faltenlose Antlitz in tausend Teile zerspringen würde, sollte sie sich jemals dazu herablassen, die Mundwinkel für eine Proletariergöre aus dem unfeinen East End anzuheben.
„Ms. Summers, hätten Sie vielleicht die Güte, mir zu antworten, wenn ich Ihnen eine Frage stelle?“, fragte Quinns Mutter spitz. „Oder sind Sie etwa schwerhörig?“
„Doch, doch, ich habe jedes Wort verstanden“, erklärte Beth eilig und spürte förmlich, wie die Raumtemperatur gefühlte zehn Grad nach unten sank. „Es ist nur so …“
Ein ungeduldiges Schnauben unterbrach ihren angefangenen Satz. „Herrgott, warum drucksen Sie nur so rum? Es ist kaum zu fassen, dass Calista und Sie Schwestern sind. Aber es gibt wohl immer ein schwarzes Schaf in einer Familie“, komplettierte sie ihre Gemeinheit.
Ihre Stiefschwester Calista, oder Callie für Freunde und Familie, war ihr wunder Punkt. Seit einigen Wochen ging sie mit Quinn aus, und obwohl die Beziehung der beiden noch keinen offiziellen Charakter besaß, schien für Winnifred schon jetzt festzustehen, dass sie eines Tages ihre Schwiegertochter sein würde. Eigentlich hätte Beth jede Wette gehalten, dass die verwandtschaftliche Beziehung zu ihr Callie als mögliche Kandidatin ausschloss, doch offenbar konnte Quinns Mutter in diesem Fall großzügig darüber hinwegsehen. Das bestärkte Beth noch mehr in dem Gefühl, niemals vor den kritischen Augen Lady St. Clairs bestehen zu können. Zu allem Übel wurde auch Quinn in letzter Zeit immer einsilbiger – zumindest ihr gegenüber. Manchmal ertappte sie ihn dabei, wie er sie ganz merkwürdig anstarrte. Das weckte natürlich die Angst, er könnte sie vielleicht doch feuern, damit seine quengelnde Mutter endlich Ruhe gab.
Dir würde es bestimmt gefallen, wenn er mich rausschmeißt, dachte Beth mürrisch und betrachtete betont nüchtern die elegante Frau mit der perfekten dunkelblonden Kurzhaarfrisur. Klar, dass sie Callie so toll fand. Auch ihre Stiefschwester war eine blonde Schönheit, und seit sie für Winnifreds engste Freundin Charlotte Fitzroy arbeitete und deren uneingeschränkte Protektion genoss, war Callie sowieso über jeden Zweifel erhaben.
„Ms. Summers, ich habe heute wirklich keine Geduld und will wissen, wo mein Sohn ist! Ich versuche schon seit gestern Vormittag, ihn zu erreichen.“
Wenn dir das mal nicht zu denken gibt, dachte Beth nicht ohne eine gewisse Schadenfreude. Lady St. Clair trat nun ganz in den Raum. Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube sah Beth ihre Erzfeindin an, als sie auf den Schreibtisch zulief und sich dabei ihre schwarzen Lederhandschuhe von den Fingern zupfte. Das wirkte so wahnsinnig selbstsicher, dass sich Beth noch armseliger in ihrer Gegenwart vorkam. Dabei hielt sie sich nicht für ein schüchternes Mauerblümchen und besaß ein gesundes Selbstbewusstsein, genährt durch ein liebevolles Elternhaus und gute Freunde. Es waren die St. Clairs an sich, die eine einschüchternde Wirkung auf sie hatten, doch während Quinn ihr regelmäßig Herzrasen bescherte, verspürte sie bei Winnifred nichts als akute Fluchtgedanken. Jetzt stand sie direkt vor ihrem Schreibtisch, die Augenbrauen so weit nach oben gezogen, dass sie fast ihren Haaransatz berührten. „Nun?“
Beth holte tief Luft: „Er ist hier, allerdings hat er angeordnet, dass er von niemandem, von wirklich niemandem, gestört werden möchte. Auch nicht von Ihnen.“
Winnifred lachte ungläubig. „Würden Sie das bitte wiederholen? Ich glaube, ich habe mich eben verhört“, meinte sie in einem Ton, der Beth das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Sie haben schon richtig verstanden“, erwiderte sie gefasst und lächelte Lady St. Clair gespielt bedauernd an. „Es tut mir wirklich leid, aber ich befolge nur seine Anweisungen.“
„Und im Befolgen von Anweisungen sind sie ganz besonders gut, nicht wahr?“
Diese Bemerkung klang dermaßen geringschätzig, dass Beth getroffen zusammenzuckte. Langsam wurde die Sache unschön, und noch während sie fieberhaft nach einer passenden Antwort suchte, meldete sich eine weitere Person zu Wort.
„Wer hätte gedacht, dass Ms. Summers so rigoros die Wünsche deines Sohnes verteidigt.“
Beth drehte den Kopf zurück zu Tür. Dort stand eine schlanke Blondine in einem schicken schwarzen Hosenanzug und steckte just in diesem Augenblick ihr Handy ein. Anschließend lehnte sie sich gleichmütig lächelnd gegen den Türrahmen. Charlotte Fitzroy. War ja klar, dass sie nicht weit war, wenn Winnifred ihren Sohn besuchte. Quinns Mutter war allein schon kaum zu ertragen, doch zusammen mit dieser intriganten Natter bildeten sie ein absolutes Horrorgespann.
„Sie lassen mich also nicht zu ihm.“
Es war keine wirkliche Frage, sondern eher eine Feststellung, die Winnifred gerade in den Raum stellte. Beth löste den Blick von den beinahe hypnotisch hellen Augen Charlottes und wandte sich widerstrebend wieder um. „Es tut mir wirklich leid, Lady St. Clair, aber er hat ausdrücklich …“
„Es ist mir egal, was er gesagt hat, und noch viel gleichgültiger ist mir, was Sie mir zu sagen haben“, zischte Winnifred so hasserfüllt, dass Beth sich fragte, ob in dieser Frau eventuell die tief sitzende Angst wohnte, die Geschichte könnte sich mit Quinn und ihr wiederholen. Eine zweite Cassandra Wilcox, die ihr den Sohn wegnahm.
Da kann ich dich beruhigen, dachte Beth müde, man könnte mich deinem Sohn nackt auf den Bauch binden und er würde mich nicht als Frau wahrnehmen.
Für Quinn war sie ein geschlechtsloses Neutrum, allerdings eines, das er aus unerfindlichen Gründen sehr ins Herz geschlossen hatte. Quinn mochte sie und zeigte das auch ganz unverhohlen, was ihr ein wenig über die zahllosen einsamen Nächte hinweghalf, in denen sie sich umsonst nach ihm verzehrte. Sie war seine engste Vertraute. Ein Status, den sie sich in den letzten drei Jahren schwer erkämpft hatte, denn er neigte dazu, den Menschen grundsätzlich zu misstrauen, weil viele nur den reichen Goldesel in ihm sahen. Ihre Schwärmerei für Quinn war somit harmlos und ziemlich einseitig, es bestand also kein Grund für Mrs. Hochwohlgeboren, sich dermaßen über ihre Existenz aufzuregen. Trotzdem verwandelte sie sich bei jedem Aufeinandertreffen in einen feuerspeienden Drachen, der Beths Ego in ein Häufchen nutzloser Asche verwandelte. Aber nicht heute. Entschlossen, sich weder von ihr noch von Charlotte einschüchtern zu lassen, straffte sie die Schultern.
„Lady St. Clair, ich kann Sie nur bitten, ein andermal wiederzukommen oder ihn heute Abend noch mal zu kontaktieren. Ich werde ihm sagen, dass Sie hier waren, und er wird sich ganz sicher bei Ihnen melden.“
Charlotte Fitzroy stieß nach dieser Bemerkung ein spöttisches Kichern aus.
„Mein Gott, was für ein impertinentes Geschöpf.“
Beth hörte gar nicht hin, sondern dachte nur noch daran, ihm diese beiden Hyänen vorerst vom Leib zu halten. Seit Tagen wirkte er angeschlagen, in sich gekehrt, und seine Laune war meistens unterirdisch. Vielleicht hatte er ja Streit mit ihrer Stiefschwester? Beth kannte Callies impulsives Temperament, zusammen mit Quinns ungeduldiger Ader ergab das eine brisante Mischung. Sobald sie an ihre Stiefschwester dachte, die erst vor wenigen Monaten ihre Modelkarriere beendet hatte und für immer nach London zurückgekehrt war, wurde ihr ganz anders zumute. Die wunderschöne Calista. Beth unterdrückte ein Seufzen. Ausgerechnet mit ihr hatte er sich einlassen müssen. Von allen Frauen …
„Meine liebe Ms. Summers“, unterbrach Winnifred ihre düsteren Gedanken, „sollten Sie weiterhin für Thayet Jewels und für meinen Sohn arbeiten wollen, dann sollten Sie lernen, dass man mich nicht einfach vor der Tür stehen lässt. Ich“, sie wies mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst, „bin keineswegs niemand, und ich rate Ihnen dringend, mich mit dem Respekt zu behandeln, den ich verdiene. Sonst sorge ich höchstpersönlich dafür, dass Sie diesen Schreibtisch räumen müssen, und ich schwöre Ihnen, danach kriegen Sie höchstens noch einen Job als Toilettenfrau.“
Sprachlos vor Entsetzen fragte sich Beth, was sie auf so eine Drohung noch antworten sollte.
„Ob du Respekt verdienst oder nicht, solltest du andere beurteilen lassen, Mutter. Findest du nicht auch?“ Als Beth Quinns eisige Stimme hörte, fühlte sie eine riesige Welle der Erleichterung, die über sie hinwegrollte. Dankbar für sein Eingreifen drehte sie sich auf dem Stuhl sitzend nach hinten um. Er stand vor seinem Büro und maß seine Mutter mit wütenden Blicken. Beth wusste von seiner durchwachsenen Beziehung zu Winnifred. Sie war geprägt von Machtkämpfen und kleineren und größeren Streitereien. Eine liebevolle Bindung zwischen Mutter und Sohn sah wirklich anders aus. Aber so offen wie heute zeigte er seine Gefühle normalerweise nicht, und sie fragte sich erneut, was in letzter Zeit mit ihm los war.
Winnifred lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihren Sohn. „Quinn, endlich … Ich habe mit dir zu reden, und deine unfähige Sekretärin hat mich doch tatsächlich vor der Tür stehen lassen wie einen Lakaien“, ereiferte sie sich und warf Beth einen Blick zu, unter dem sie unwillkürlich zusammenzuckte. „Ich habe lediglich versucht, ihr begreiflich zu machen, dass ich mir so ein Verhalten nicht bieten lasse. Es war sozusagen … ein gut gemeinter Rat.“
Sie lächelte blasiert, Quinn kräuselte grimmig die Lippen.
„Ich gebe dir einen guten Rat, wenn du selbst schon so großzügig welche verteilst“, fuhr er fort. „Sollte ich jemals wieder mitbekommen, dass du Beth drohst, dann wirst du dir hinterher wünschen, du hättest es nicht an Achtung mangeln lassen. Sie macht nur ihre Arbeit und das sehr gut. Lass sie verdammt noch mal in Frieden.“
Eine eindeutigere Stellungnahme war kaum möglich. Beth wurde das Herz weit, und sie hätte ihn am liebsten auf der Stelle umarmt. Er war ihr Held, ihre große Liebe. Mochten andere ihn auch für einen leichtlebigen Frauenhelden ohne Substanz und ohne Durchhaltevermögen halten, sie kannte ihn besser. Und während er so in der Tür stand und sie vor seiner Mutter in Schutz nahm, wuchs ihre Liebe zu ihm ins Unendliche. Endlich sah er kurz zu ihr rüber. Beth formte mit den Lippen ein stummes Danke und erntete ein flüchtiges Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte. Dazu war er zu aufgebracht.
Lady St. Clair Mutter ließ sich davon keineswegs beeindrucken und hielt es auch nicht für nötig, sich zu entschuldigen. Stattdessen schlenderte sie völlig gelassen zu ihrem Sohn und blieb einen knappen Meter vor ihm stehen. Winnifred war eine große Frau, mit ihren hohen Schuhen war sie nur unwesentlich kleiner als Quinn, und sie musste noch nicht mal den Kopf heben, um sich mit ihm zu unterhalten.
„Ich habe keine Lust, mich mit dir über dein Personal zu unterhalten oder mein Verhalten zu rechtfertigen. Ich habe wichtige Dinge mit dir zu bereden. Und zwar umgehend!“
Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Trotzdem glaubte Beth für einen Augenblick, er würde sich weigern, ehe er ein tiefes Seufzen ausstieß und mit dem Kopf ins Innere seines Büros wies.
„Bitte … nach dir, liebste Mutter.“
Den sarkastischen Unterton konnte man beim besten Willen nicht ignorieren. Winnifred bedachte ihn mit einem strafenden Blick, ehe sie an ihm vorbeirauschte. Er folgte ihr umgehend, doch bevor er die Tür schloss, schenkte er Beth noch ein aufmunterndes Augenzwinkern, dann war sie mit Mrs. Fitzroy allein. Unbehaglich richtete sie den Blick auf die ungewohnt schweigsame Blondine und fragte sich, was in deren Kopf so vor sich ging.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen?“, fragte sie höflich und tat so, als wäre alles in bester Ordnung. Mit der Hand wies sie auf die kleine Besucherecke, ausgestattet mit einem schwarzen Ledersessel und einem kleinen Beistelltisch. Zeitschriften zur Zerstreuung stapelten sich auf der Oberfläche, daneben stand ein kleines Väschen mit importierten Pfingströschen.
„Danke, das werde ich wohl tun.“ Mrs. Fitzroy nickte hoheitsvoll und ließ sich in die Polster sinken. Dann öffnete sie ihre riesige Umhängetasche, auf deren Vorderseite riesengroß ein Logo mit zwei ineinander verschlungenen Cs prangte, und holte ihr Smartphone hervor. „Machen Sie mir eine Tasse Kaffee“, befahl sie ohne aufzusehen. „Schwarz, ohne Zucker.“
„Natürlich, wie Sie wünschen“, antwortete Beth süßlich und zog eine Grimasse, weil Mrs. Fitzroy sie behandelte wie eines ihrer Dienstmädchen.
Sie servierte dieser falschen Schlange den gewünschten Kaffee, ehe sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte. Das Schreiben an den Diamantenhändler in Amsterdam musste heute noch raus, und durch den unangemeldeten Besuch lag sie in ihrem Zeitplan zurück. Mit gerunzelter Stirn las sie den letzten Abschnitt des Textes noch mal durch, in der Hoffnung, den verlorenen Faden wiederzufinden. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, weil andauend gedämpfte Wortfetzen aus Quinns Büro drangen. Nach einigen Minuten ging die Tür auf, und Lady St. Clair kam mit versteinerter Miene aus dem Raum gerauscht, dicht gefolgt von ihrem Sohn. Beth biss sich verzagt auf die Unterlippe. Sein Gesichtsausdruck war furchterregend! Nackte Wut spiegelte sich in seinen Augen wider. Meine Güte …
„Das kannst du nicht machen!“, brüllte er seiner Mutter hinterher.
Winnifred St. Clair blieb abrupt stehen und drehte sich auf dem Absatz um.
„Oh doch, mein Junge, ich kann und ich werde“, antwortete sie harsch. „Denk über meine Worte nach und entscheide weise. Ansonsten musst du mit den Konsequenzen leben.“
Sein dunkelbraunes Haar hing ihm wirr in die Stirn, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Es war das erste Mal, dass Beth ihn so aufgebracht erlebte. Normalerweise war er eher der gelassene Typ, hatte immer einen Scherz auf den Lippen, doch heute schienen ihn Zorn und Verbitterung von innen aufzufressen. Auch an seiner Mutter ging dieser Streit nicht spurlos vorbei. Feine Linien gruben sich links und rechts neben ihren Mundwinkeln in die Haut und gaben ihrem klassisch schönen Gesicht eine unzufriedene, fast schon mürrische Note.
„Ich werde jetzt gehen, dann kannst du in Ruhe überlegen, was du tun wirst. Sei aber um Gottes Willen nicht so impulsiv wie dein Vater. Triffst du die falsche Entscheidung, wird sie dein ganzes weiteres Leben beeinflussen.“
Er lächelte dünn, in seinen amethystfarbenen Augen herrschte erschreckende Leere.
„Das brauchst du mir nicht zu sagen. Immerhin bist du ja der Meinung, ich sei der Meister der falschen Entscheidungen. Nicht wahr?“
Winnifred lächelte und hatte so rein gar nichts Mütterliches an sich, während sie ihren Sohn von unten bis oben mit abschätzenden Blicken maß. „Das hast du selbst gesagt, leg mir keine Worte in den Mund“, erwiderte sie hochmütig.
Steif nickte sie ihm zum Abschied zu, nur um dann zusammen mit Charlotte das Büro zu verlassen. Als die beiden weg waren, entspannte sich die Atmosphäre schlagartig. Endlich konnte Beth wieder richtig durchatmen, doch das Entsetzen über das Verhalten seiner Mutter konnte sie nicht so einfach abschütteln. Sie hatte ja gewusst, dass Winnifred herrschsüchtig und gemein sein konnte, immerhin war sie selbst seit drei Jahren ihre bevorzugte Zielscheibe, aber dass sie auch ihrem Sohn so zusetzte, schockte sie nun doch. Vorsichtig erhob sie sich von ihrem Bürostuhl und näherte sich ihm. Sein Blick war starr auf das Fenster gerichtet, er schien sie gar nicht zu bemerken, bis sie direkt neben ihm stehen blieb und sanft eine Hand auf seinem Oberarm ablegte. Er drehte den Kopf, sah sie an. Sein flackernder Blick wurde von tiefer Resignation geprägt, und sie bekam es mit der Angst zu tun. Was erwartete seine verrückte Mutter nur von ihm? Ihr kam ein unschöner Gedanke.
„Quinn, ihr habt doch nicht etwa meinetwegen gestritten? Ich meine … weil ich sie nicht zu dir gelassen habe?“
„Nein.“ Quinn schüttelte den Kopf, erneut fiel ihm das Haar ins Gesicht, und er strich es ungeduldig nach hinten. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen, ehe er wieder ihrem besorgten Blick begegnete. „Mach dir keine Sorgen, es ging nicht um dich. Der Streit hatte ganz andere Gründe.“
„Aber …“
„Bitte vergiss einfach, was du heute gesehen und gehört hast. Okay?“
Sie nickte, traurig, weil er sich ihr nicht anvertrauen wollte, doch sie konnte es auch verstehen. Manche Dinge waren wohl einfach zu intim, um sie mit seiner Sekretärin zu besprechen, und wieder einmal wurde ihr bewusst, dass sie zwar Freunde, aber nicht wirklich eng verbunden waren. Sie räusperte sich hörbar und straffte ihre Haltung, als könnte sie auf diese Weise ihre durcheinandergeratene Wahrnehmung geraderücken. „Entschuldige meine Neugier, ich wollte nicht aufdringlich sein.“
„Beth, warte“, sagte er, als sie sich abwenden wollte.
Sie blieb, wo sie war. Quinn trat näher an sie heran, nur wenige Zentimeter trennten sie noch voneinander, und ihr Puls beschleunigte sich, als er vorsichtig ihr Kinn anhob. In seinem Lächeln lag Zuneigung, beinahe Zärtlichkeit, und das verwirrte sie vollkommen. Er war in den letzten Wochen ohnehin so komisch gewesen. Insgeheim hatte sie sogar befürchtet, er würde nach einem Weg suchen, sie loszuwerden. Unter seiner liebevollen Musterung löste sich diese Angst in Nichts auf, doch die heutigen Ereignisse warfen eine Menge neuer Fragen auf.
„Was gibt es denn noch?“, fragte sie ihn leise, weil er nach seiner Aufforderung zu bleiben kein Wort mehr gesagt hatte. Seine Hand glitt von ihrem Kinn und blieb auf ihrer Schulter liegen. Sie spürte das Gewicht und die Wärme durch die Bluse und konnte kaum noch an sich halten. Wie gern hätte sie den Kopf an seine Brust gelegt und seine Nähe genossen. Da es ihr unmöglich erschien, seinem eindringlichen Blick standzuhalten, starrte sie lieber auf sein weißes Hemd und die durchgeknöpfte dunkelgraue Weste, die sich perfekt an seinen Oberkörper schmiegte. Beth hatte das Gefühl, nur noch aus vibrierenden Nervenenden zu bestehen. Er war ihr nach drei Jahren so vertraut, und doch gab es noch viele Dinge, über die sie gern mehr erfahren hätte. Was fühlte er, wenn er sie ansah? Freundschaft oder einfach nur amüsierte Nachtsicht für ihre Schwärmerei, die ihm sicher nicht verborgen geblieben war?
„Bist du sauer, weil ich nicht mit dir über meine Mutter reden will?“, wollte er unvermittelt von ihr wissen.
Überrascht blinzelte sie ihn an. Dass er sie so direkt darauf ansprach, machte sie verlegen.
„Ein bisschen schon“, gestand sie dann ehrlich ein. „Ich weiß, das ist privat, und ich bin nur deine Sekretärin. Du musst mir auch nicht erzählen, was …“
Quinn machte etwas, das sie total überraschte und ihren Redeschwall stoppte. Er legte einen Finger auf ihre Lippen. Ihr Herz machte einen gewaltigen Satz, und als er mit der Fingerkuppe über ihre Unterlippe strich, war sie felsenfest davon überzeugt, dass es komplett stehen blieb. Oh mein Gott! Er berührte sie. Das war kein harmloses Schulterklopfen, keine flüchtige Berührung ihres Oberarms, wenn er sich über ihren Stuhl beugte, um einen Blick auf ihren Bildschirm zu werfen. Es war eine ganz bewusste Berührung und viel zu intim für einen Chef und seine Angestellte. Sie konnte die sanfte Reibung auf ihrer Haut voll spüren, da sie selten Lippenstift auftrug und auch heute darauf verzichtet hatte.
„So weich …“, flüsterte er auf einmal und schien gar nicht genug davon zu bekommen, ihren Mund zu berühren. Jedes Streicheln fuhr ihr wie ein heißer Stromstoß zwischen die Beine, sie konnte fühlen, wie feucht sie wurde, und presste die Schenkel aneinander in der Hoffnung, den unerträglichen Druck loszuwerden. Es half überhaupt nichts. Beth war den verräterischen Reaktionen ihres Körpers hilflos ausgeliefert. Quinn hingegen machte einen völlig versunkenen Eindruck, bis ihm wohl aufging, was er hier veranstaltete. Er blinzelte hektisch und trat energisch zurück.
„Entschuldige, das war gerade ein bisschen unpassend.“
Sie wollte augenblicklich zum Protest ansetzen, als er noch etwas hinzusetzte, das sie vollends von ihrer Wolke purzeln ließ.
„Erzähl Callie nichts davon“, bat er, und sie erstarrte zu einem 1,62-Meter-großen Eisklumpen. Lieber Himmel, die hatte sie völlig vergessen! Dass er sich mit ihrer Schwester traf, fühlte sich noch immer so unwirklich an, dass sie gar keinen Gedanken an sie verschwendet hatte. Beth bekam Gewissensbisse. Auch wenn die Eifersucht auf Callie sie auffraß, gab ihr das noch lange nicht das Recht, sich auf intime Spielereien mit ihrem Freund einzulassen.
„Keine Sorge, meine Lippen sind versiegelt, außerdem gibt es nichts zu erzählen“, erwiderte sie würdevoll. Auch wenn sie sich nach außen hin gefasst gab, tobte tief in ihr wilder Schmerz. Quinn sorgte sich darum, was Callie denken konnte. Das bedeutete, dass ihm etwas an ihr lag, was wiederum den Schluss zuließ, dass sich diese Affäre ernster entwickelte als bislang angenommen. Beth war bisher davon überzeugt gewesen, die Geschichte würde nur von kurzer Dauer sein, eine flüchtige Anziehung, die sich irgendwann wieder auflöste. So wie es mit all den anderen Frauen zuvor auch gewesen war. Und davon hatte es weiß Gott viele gegeben. Offenbar hatte sie sich verschätzt, und Lady St. Clair machte sich zurecht Hoffnungen auf eine baldige Hochzeit.
„Beth, ist alles okay? Du sieht ein bisschen blass aus.“
Sie schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln, auch wenn ihr eher nach Heulen zumute war. „Ja, alles klar. Mach dir keinen Kopf, mir geht es prima.“
„Gut, ich will auf gar keinen Fall, dass du dich unwohl fühlst.“
Ein leichtes Lächeln, dann neigte er den Kopf und hauchte ihr nach kurzem Zögern einen zuckersüßen Kuss auf die Stirn. So zart die Berührung auch war, sie erschütterte Beths bis ins Mark. Alles kribbelte und zog sich in verzweifelter Sehnsucht nach ihm zusammen. Als er sich wieder von ihr löste, fühlte sie erneut seinen eindringlichen Blick auf sich ruhen. Er musste merken, was gerade mit ihr passierte. Quinn war ein erfahrener Mann, er konnte zwischen freundschaftlichen und begehrlichen Blicken durchaus unterscheiden. Überfordert schloss sie die Augen und leckte sich über die trocken gewordenen Lippen. Sie hatte einen schönen Mund, das wusste sie, und sein zischendes Einatmen war ein Indiz dafür, dass er das wohl ähnlich sah. Beth schlug umgehend die Lider wieder auf und fühlte sich schwindelig, als sie seinen verschleierten Blick wie eine Liebkosung auf ihren Lippen spürte. Ganz langsam neigte er den Kopf und kam näher. Beth wartete auf den unvermeidlichen Kuss, auf die Erfüllung all ihrer Träume. Sie hoffte und betete. Nur noch weniger Zentimeter, gleich, gleich …
Das laute Klingeln des Telefons brach den Bann und sie fuhren erschrocken auseinander. Quinn drehte sich halb von ihr weg und wies mit der Hand auf das Telefon.
„Du solltest rangehen“, riet er mit rauer Stimme, dann sah er sie wieder an und hielt ihren Blick gefangen. Der sinnliche Nebel hatte sich aus seinen Augen zurückgezogen, er wirkte vielmehr schockiert über das, was beinahe passiert wäre.
Wäre es so schlimm gewesen, mich zu küssen?, fragte sie sich mit wachsender Mutlosigkeit. Schwankend zwischen Entrüstung und Hoffnungslosigkeit, ging sie wieder zur Tagesordnung über. Es blieb ihr ja nichts anderes übrig.
„Bist du ab jetzt wieder zu sprechen, oder soll ich die Anrufer weiterhin abwimmeln?“, fragte sie und konnte den verletzten Unterton nicht aus ihrer Stimme filtern.
„Keine Störung bis auf Weiteres, es sei denn, es ist deine Schwester“, erwiderte er distanziert. Es kam ihr beinahe so vor, als müsste er ihr und sich selbst versichern, dass ihre Schwester noch immer die Nummer eins in seinem Leben war.
„Sollte sie anrufen, werde ich sie zu dir durchstellen“, erklärte sie in geschäftsmäßigem Ton. Wieder klingelte es durchdringend, und sie beeilte sich zum Telefon zu sprinten, ehe der Anrufer frustriert aufgab. Beth hörte hinter ihrem Rücken Schritte, als er wieder in seinem Büro verschwand. Entschlossen nahm sie den Hörer ab, und nachdem sie den Anrufer, wie all die anderen zuvor, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet hatte, setzte sie sich wieder an ihren Schreibtisch und wünschte sich, sie wäre heute Morgen einfach im Bett geblieben.