Mitternachts-Reihe: Mitternachtsspuren

Erschienen: 08/2011
Serie: Mitternachts-Reihe
Teil der Serie: 1

Genre: Fantasy Romance
Zusätzlich: Dominanz & Unterwerfung, Vanilla

Location: Großbritannien

Seitenanzahl: 212


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3938281857
ebook: 978-3-93828-190-1

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Mitternachts-Reihe: Mitternachtsspuren


Inhaltsangabe

Jäger der Finsternis ...
Kendrick, ein Söldner der Dunkelheit, ist im Einklang mit seiner finsteren Seite, kennt weder Mitleid noch Liebe. Als Verfluchter jagt er Abschaum, menschlichen und nicht-menschlichen. Ein Biest lauert in Kendrick, das nur durch Lustschmerz, den er anderen zufügt, Erfüllung findet.
Dann begegnet ihm Morven, die ins Visier übernatürlicher Wesen geraten ist und beinahe von den Angelus, den Engeln der Finsternis, getötet wird. Morven stellt eine unwiderstehliche Droge für die Angelus dar, zudem ist sie eine mächtige Armanach, eine Rüstungsschmiedin – wovon Morven selbst allerdings nichts ahnt.
Ausgerechnet der Killer Kendrick soll Morven beschützen. Lang vergessene Gefühle brechen an die Oberfläche, Kendrick hat nur noch im Sinn, Morven zu besitzen, ihr Schmerz zuzufügen.
Obwohl sich alles in Morven sträubt, Kendrick zu vertrauen, verfällt sie ihm. Doch Morven schwebt in Gefahr, von dem Urchaid, dem Bösen, das Morvens Mutter einst aus dessen versiegelten Gefäß befreite, verschlungen zu werden …

Link zur Hörprobe bei "Erotic Morning Lounge": [Mitternachtsspuren - gelesen von Rena Larf]

Über die Autorin

Linda Mignani wurde in Kirkcaldy (Schottland) geboren und lebt glücklich verheiratet im Ruhrgebiet. Schreiben und Malen zählen zu ihren Leidenschaften und beides hat erstaunlich viel gemeinsam. Frauenuntypisch besitzt sie nur eine Handtasche aber unzählige Turnschuhe und noch mehr Wanderschuhe, die...

Weitere Teile der Mitternachts-Reihe Serie

Leseprobe

Kendrick kämpfte gegen die Fesseln an, die ihn auf dem Altar hielten. Sie brannten kalt auf seiner Haut. Runen glitzerten auf den Seilen aus Dämonenhaar. Allein Chara konnte sie lösen. Die Dämonin betrachtete seine vergeblichen Bemühungen und ein hartes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Hass loderte in ihrem fein geschnittenen Gesicht. „Spar dir die Mühe, Söldner der Dunkelheit.“
Ihr langer Fingernagel fuhr über seinen Schenkel und hinterließ eine blutige Spur. Schwer atmend leckte sie an dem Finger entlang, kostete sein Blut. Sie beugte sich hinab, ihre Zunge verbrannte sein Fleisch, bis sie sein Geschlecht berührte. Für einen Moment befürchtete...

...er, sie würde ihrem Zorn nachgeben, dann wäre es vorbei. Ihre türkisfarbenen Augen loderten und hinter der Feindseligkeit sah er einen Schatten entsetzlichen Schmerzes, der tief in seine Seele biss.
„Unsere Verbundenheit währt ewig, Söldner. Leiden wird ein Teil deiner Existenz.“
Sogar jetzt lauschte er dem Nachklang der ausgewogenen Stimme. Sie wirkte bereit, zuzuschlagen, aber ein schneller Tod wäre unwürdig, ihren Rachedurst zu befriedigen. Gnade war das Letzte, wonach ihr der Sinn stand.
Der Knebel erstickte seine Schreie. Hilflos sah er grünen Rauch aus ihren Fingerspitzen quellen, der den Weg zu seinem nackten Leib fand, ihn bedeckte und jegliche Wärme aus seinem Fleisch saugte. Unnachgiebig nahm er von ihm Besitz, hinterließ Leere und Angst.
Seine Haut absorbierte den Dunst. Das Schimmern hörte nach wenigen Wimpernschlägen auf. Äußerlich blieb nichts von dem Fluch übrig, jedoch spürte Kendrick, wie sich das Wüten ausbreitete, seinen Körper und Verstand übernahm. Zuerst still, mehr ein kühles und sanftes Wispern.
Die Dämonin verschwand in der Nacht, lediglich der Geruch nach Lilien verblieb in der frostigen Luft.
Nach einigen Augenblicken ließen ihn die Seile aus ihrer Umklammerung. Er krümmte sich zusammen. Hunger erwachte, ungewohnt schrill, fordernd, alles andere auslöschend. Er konnte ihm nicht standhalten. Halt suchend stützte er sich an dem Altar ab. Das Wispern wandelte sich zu einem Tosen, eisig, grausam und riss ihn fort.

Reines Silber ersetzte das Blau seiner Augen. Er stellte sich ihren unheimlichen Glanz vor, während er sein Opfer fixierte, das kalte Lächeln, das die Frau ängstlich wimmernd zurückweichen ließ. Es gab keinen Ausweg. Sie sank auf den Boden. Fast zärtlich zog er sie hoch, bevor er ihr Gewand zerriss, sie fesselte und seine Gier an ihrem Schmerz stillte.

Kapitel 1

Kendrick sah dem Flüchtenden hinterher, betrachtete für einen Moment die hagere Gestalt, die über den Maschendrahtzaun kletterte.
Lior nickte ihm zu. Er kümmerte sich um die Frau, die mehr tot als lebendig in seinen Armen hing.
Daingit!
Sie war kaum erwachsen genug, um Auto zu fahren.
Musste das sein? Er hatte gerade gegessen, wollte ins Sugar and Chili, um seinen sexuellen Appetit zu stillen und die Bestie zu besänftigen. Gelangweilt nahm er die Verfolgung auf, überwand den Zaun mit einem Satz. Der Typ floh, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her, und verschwand zwischen den Bäumen des angrenzenden Southerton Gardens. Kendrick konnte es ihm nicht verdenken, der Abschaum war bereits tot, sie beide wussten es.
Er beschleunigte, um ihn noch vor der Boglily Road zu erreichen, weil die B925 in den Abendstunden stärker frequentiert war. Er hatte keine Lust, sich um Zeugen zu kümmern.
Mühelos verkleinerte er den Abstand. Der röchelnde Atem des Fliehenden hörte sich an, als nähme er gleich den letzten Atemzug. Kendrick gönnte es ihm nicht. Einen schnellen Tod hatte er mit seinen Handlungen verwirkt.
Der Zuhälter beging den Fehler, nach hinten zu blicken. Das taten sie immer. Ein Laut puren Horrors löste sich aus der Kehle, da Kendrick nur wenige Schritte entfernt war. Dennoch wollte er nicht aufgeben und schlug einen Haken. Kendrick fiel zurück, umfasste das perfekt ausbalancierte Wurfmesser und zielte auf den Oberschenkel, bedacht, den Muskel zu treffen.
Die Waffe landete punktgenau.
Der Abschaum schrie wie das Schwein, das er war, und ging zu Boden. Kendrick trat ohne Eile heran und ließ ihm Zeit, sich auf den Rücken zu drehen. Er sollte sehen, wie der Schrecken an ihn herantrat. Er versuchte zurückzuweichen, heulte auf, denn die Klinge bewegte sich in seinem Fleisch. Seine Schreie würden gleich ansteigen, doch niemand würde sie hören.
Kendrick hockte sich zu ihm, drehte ihn mühelos auf den Bauch und knebelte ihn mit einem Tuch, schließlich wollte er nicht die ganze Nachbarschaft in Panik versetzen. Die Angelegenheit war privat.
Langsam zog er das Messer aus dem Bein im Wissen, dass die gewellte Klinge beim Herausziehen größeren Schmerz verursachte als beim Eindringen. Der Zuhälter schrie aus Leibeskräften, doch es nutzte ihm wenig. Durch den Knebel verlor sich die Lautstärke, zudem drückte Kendrick seine Visage in die Erde. Die Opfer des Kerls hatten sich auch die Seele aus dem Leib geschrien.
Mit gezügelter Kraft trat er ihm in die Rippen, denn sie sollten nur brechen und nicht die Lunge zerstören.
„Dreh dich um, ich will dir in die Augen sehen.“
Der Zuhälter presste sich wimmernd auf den Boden. Kendrick rollte mit den Augen. Früher hatte es mehr Spaß gemacht, Abschaum zur Strecke zu bringen. Die moderne Welt verwandelte menschliche Männer in Wattebäusche.
Alles musste man selbst erledigen. Er packte ihn, drehte ihn grob auf den Rücken, umfasste den Nacken und strich ihm die strähnigen Haare aus der Stirn. Die Augäpfel sprangen fast aus den Höhlen - eine normale Reaktion. Sanftheit versetzte sie stets in größere Panik.
„Du hast dich mit Mächten eingelassen, die dein Können übersteigen.“ Er lächelte.
Das Arschloch zappelte wimmernd unter seinem Griff, erahnte die Pein, die ihn erwartete, doch in Wahrheit hatte er keine Ahnung. Sein Gehirn war unfähig, es sich auszumalen.
„Das allein wäre ausreichend, um dich zu töten.“ Mit der Messerspitze zertrennte er das schwarze T-Shirt. Eine blasse, in Schweiß getränkte Brust kam zum Vorschein. „Aber du musstest dich noch an kleinen Frauen vergreifen und versuchen, sie an Dämonen zu verkaufen.“ Er beugte sich tiefer. „Du hast sie geschlagen, vergewaltigt. Und du hast meinen freien Abend ruiniert.“ Mit einer Hand packte er die Kehle, drückte zu und ließ ihm gerade genug Luft, um nicht zu sterben. Mit der anderen zog er die Klingenspitze über die Haut. Er nahm sich Zeit.
Als es getan war, zog er einen Sack aus seiner Lederjacke. Glyphen glitzerten auf der Oberfläche, die das Material verstärkten. Er verstaute die Überreste, streute Bannpulver auf den Boden, beobachtete einen Moment, wie sich das Blut aus dem Waldboden löste und der leichte Wind es fortwehte.
Jetzt musste er den Scheißkerl zu seinem Wagen schleppen. Besonders viel Vergnügen hatte es nicht bereitet, den Typ zu töten. Es ging zu einfach. Ihn dürstete nach einer Herausforderung.
Sein Mobiltelefon vibrierte. Eine Nachricht von Nosferat, dem Obersten der Lugus. Er betrachtete sie seufzend. Der Abend war noch immer nicht vorbei. Seine Bedürfnisse mussten warten.

Morven versuchte vergeblich, ein Kichern zu unterdrücken. Es entfaltete sich zu lautem Lachen. Sie saß auf dem Fahrersitz ihres Minis und nur mit Mühe gelang es ihr, sich zusammenzureißen. Sie drehte sich dem Beifahrersitz zu und dort stand er, der rote Koffer. Schnaubend wischte sie sich Tränen aus den Augenwinkeln.
Die Zeit drängte, die Ladys warteten auf sie.
Noch immer fasste sie es nicht, dass sie sich zu dieser Party hatte überreden lassen.
„Gib dir einen Ruck“, hatte ihre Freundin heute Morgen gebettelt. „Ich weiß, dass du das Geld benötigst.“ Betty hatte sie mit einer Mimik bedacht, der ein hartgesottener Klingone nicht hätte widerstehen können. Sie putzte sich lautstark die Nase und lag ermattet auf der Couch.
Sie saß in der Falle und der Rotschopf wusste es. Morven hatte vor ein paar Wochen ihre Arbeit in der Buchhandlung aufgegeben. Zurzeit wandelte Morven ihre Leidenschaft in eine Einnahmequelle. Schon als Jugendliche hatte sie Kleidung entworfen und jetzt endlich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Allerdings fürchtete sie sich vor dem eigenen Mut, bekämpfte die Emotion aber entschlossen.
Ihr Laden und das Modelabel sollten Kit Out heißen. Sie hieß jeden zusätzlichen Penny willkommen, denn ihre Ersparnisse waren fast aufgebraucht.
„Eine reine Frauenparty.“ Sie hatte Betty einen eindringlichen Blick zugeworfen. „Du versprichst es!“
Ihre Freundin hatte mit den braunen Augen gerollt und sich kraftlos die Haare von der verschwitzten Stirn gestrichen. Vor ihrem inneren Auge sah sie erneut, wie ihre Pupillen für den Bruchteil einer Sekunde die Farbe zu verändern schienen. Sie wirkten violett. Und seit wann besaß Betty derart volle Lippen? Sie hatte das Gesicht intensiv angesehen und die vertrauten Gesichtszüge ließen sie lächeln. Wahrscheinlich hatte das dämmrige Licht ihre Wahrnehmung getrübt.
„Highlander-Ehrenwort. Du verklemmte Nudel.“ Hitze stieg in ihren Kopf bei dem Gedanken an den Fachjargon, der nicht das Geringste ausließ, weder die Körperteile noch die dazu gehörigen Gefühle.
„Du schaffst das, und wag es nicht, das Wort Rosenblüte zu benutzen.“ Ein bohrender Blick hatte sie getroffen. „Außerdem wolltest du deine Schüchternheit besiegen. Das stellt die ideale Gelegenheit dar. Unternehmerinnen müssen stahlhart sein.“
Das war nicht die einzige Baustelle in Morvens Leben. Sie versuchte, ihre Gutmütigkeit in strenge Zielstrebigkeit zu verwandeln, hatte sich viel vorgenommen, und ihr zerbrochenes Herz zu kitten besaß oberste Priorität.
Morven drehte den Rückspiegel, begutachtete kritisch ihr Gesicht und sah dann an sich hinab. Zu ihrem Imagewechsel gehörte es, ihre Kurven nicht länger unter weiter Kleidung zu verstecken. Stretchhose und Jerseyshirt umschmiegten ihren Körper.
„Stahlhart.“ Beinahe hätte sie gelacht wegen des Vergleichs, den Betty vorhin gezogen hatte.
Wenn man sie ansah, dachte niemand an Metall, eher an Plüsch. Die Kleidungsstücke entstammten ihrer eigenen Kreation. Sexy, nicht zu freizügig und das Grün eine Nuance dunkler als ihre Augen. Endlich fasste sie sich ein Herz und stieg aus, trat prompt in eine Pfütze und schnaubte.
Großartig!
Plötzlich sträubten sich die Härchen in ihrem Nacken und ein beängstigendes Gefühl rann über ihren Rücken, gleich einer eisigen Hand, die an ihrer Wirbelsäule entlangstrich. Sie sah sich hastig um. Ihre Nerven spielten verrückt. Entschlossen öffnete sie die Beifahrertür und griff nach dem Koffer.
Verflucht, er wog eine Tonne. Bettys Nachbar hatte ihn in den Wagen getragen. Tom maß Hobbitgröße. Vielleicht hätte sie dem Gekeuche doch mehr Beachtung schenken sollen.
Morven richtete sich auf und stieß sich den Kopf am Türrahmen. Nicht das erste Mal in dieser Woche, Tollpatsch war ihr zweiter Name. Blaue Flecken zierten ständig ihren Körper. Vor sich hinmurmelnd rieb sie die Stelle, die begann, eine Beule zu formen.
Nicht einmal Rollen besaß das blöde Ding. Sie schimpfte, dass sie nicht vor der Tür parken konnte. Parkplätze verfügten über eindeutig männliche Attribute, waren unauffindbar, wenn man einen brauchte.
Das beängstigende Gefühl erfasste sie erneut und schien ihren Nacken zu umklammern. Sie drehte sich um und zuckte vor Schmerz zusammen, weil sie sich den Knöchel verdrehte.
Verdammt! Was war das?
Die Mill Street lag menschenleer vor ihr. Gleich angrenzend lag der Kirkcaldy Golf Club. Anscheinend traute sich heute Abend niemand vor die Tür, denn ein kalter Wind begleitete den Nieselregen, der von der Rasenfläche herüberwehte.
Die Dämmerung verabschiedete sich und mit blitzartiger Endgültigkeit überwältigte Finsternis die Umgebung. Sie musste von hier verschwinden.
Morven hievte den Hartschalenkoffer hoch und eilte auf Kellys Haus zu. Von irgendwo erklang ein irritierendes Geräusch saugender, nasser Socken und vermittelte ein bedrohliches Gefühl, das sie erfolglos zu ignorieren versuchte. Abrupt blieb sie stehen und schaute zurück. Sie blinzelte, um sicher zu sein, dass die schwarzen Schatten nicht ihrer Einbildung entsprangen. Sie kamen vom Golfplatz. Kreaturen der Dunkelheit, die es nicht geben konnte, rasten auf sie zu.
Das durfte nicht wahr sein. Sie spurtete nach vorn, sah wiederholt nach hinten und stolperte. Der Koffer segelte aus ihren Händen, schlug auf der Straße auf und der Inhalt verteilte sich auf dem Boden.
Morven erreichte den Asphalt nicht, weil starke Arme ihren Fall auffingen. Ein frischer Geruch aus den Tiefen eines sonnigen Waldes stieg ihr in die Nase.
Mühelos hielt ein Mann sie. Wo kam der denn her? Sie unterdrückte einen hysterischen Aufschrei.
Unglaublich intensive Augen schauten auf sie herunter und verunsicherten sie mit ihrer Eindringlichkeit.
Noch nie hatte ein Mann sie berührt, der maskuliner ausgesehen hätte. Nicht hübsch oder schön, vielmehr eine dunkle Testosteronbombe. Ihre Hormone gerieten in Aufruhr, doch sie verpasste ihnen einen Dämpfer. Er war verführerisch, gleich einem heimtückischen Schokoladenriegel, einer Erfindung des Teufels, die sich auf Hüften und Oberschenkel setzte, um dort für die Ewigkeit zu verweilen.
Sie starrte ihn an. So auszusehen gehörte verboten. Schwarze Haare umrahmten ein aztekisches Gesicht, ohne Stupsnase und Schmollmund, nicht ein Badboy, sondern ein Badman. Er überragte sie. Ein verdammt großer Kerl.
Yummie.
Seine Augenbrauen schossen nach oben. Mühevoll riss sie sich von dem Anblick los.
„Danke“, stammelte sie. Sie schaute zu dem Golfplatz. Keine Schemen weit und breit, sie mussten ihrer Einbildung entsprungen sein. Offenbar hatte sie sich den Kopf fester gestoßen als gedacht.
Er löste seine Hände von ihren Oberarmen und sie spürte die Wärme seiner Berührung einen Moment auf der Haut, begleitet von einem starken Kribbeln.
Oh nein, der Kofferinhalt. So sehr sie es wünschte, der Inhalt verschwand nicht.
Amüsiert betrachtete er die Utensilien. Bevor sie reagieren konnte, hob er Mr. Noodles auf. Er bestand aus gelbem Silikon und stellte männliche Geschlechtsteile mit seiner Größe in den Schatten.
Sie versuchte, ihm den Vibrator zu entreißen, doch er hob die Arme und brachte ihn aus ihrer Reichweite.
Außerordentlich witzig.
Er schaltete ihn ein. Mr. Noodles vibrierte nicht nur, er besaß einen rotierenden Aufsatz, der für die empfindlichste Stelle der weiblichen Anatomie gedacht war. Klitoris, ermahnte sie sich, denn ausweichende Worte waren verboten. Wie er sie anstarrte, sich vergnügte, sich an ihrem Unbehagen weidete, als stellte er sich vor, den Vibrator bei ihr auszuprobieren.
„Gib das her.“
Sie hegte den Wunsch, sofort zu sterben, im Boden zu versinken und sich dabei am besten noch aufzulösen.

Er betrachtete ihn grinsend. Musste das verdammte Ding auch noch leuchten? Sein amüsierter Blick traf sie, als er ihr das Sextoy in die Hände drückte. Sie warf es in den Koffer, ohne es auszuschalten. Sie durfte nicht in Lachen ausbrechen. Wenn sie damit anfing, gelang es ihr nie mehr, aufzuhören. Wie damals, als sie die Schulaufführung von Sleeping Beauty sabotiert hatte. Noch immer sah sie die gummiartigen Lippen von Charles vor sich, der sie küssen wollte. Sie hatte wiehernd in dem Sarg gelegen und war mit der ganzen Konstruktion auf die Bühne gefallen.
Sie musste die restlichen Vibratoren, Dildos und anderen Gerätschaften, die man in unaussprechliche Körperteile steckte, schnellstmöglich verschwinden lassen.
Er kam ihr zuvor und hob den Beglücker des Nordens auf. Betty hatte ihr erklärt, dass es eine Menge Frauen gab, die Analverkehr mochten.
Sie hatte Betty angesehen, als wäre sie verrückt. Aber ihre Freundin musste es wissen, denn sie verdiente nicht schlecht mit den Sextoys. Wer auch die Namen erfand, verfügte über einen eigenartigen Sinn für Humor. Der Schokotrüffel in Leder drückte den Schalter und das gewellte Utensil erwachte mit kraftvollen Bewegungen zum Leben. Er betrachtete es ausgiebig und sah sie provozierend an. Sie erwiderte den Augenkontakt, doch es kostete sie viel, nicht wegzusehen.
Sie würde Betty umbringen, langsam, qualvoll, ohne Bedauern, zwei Mal, um sicher zu sein.
Sein spöttischer Gesichtsausdruck gab ihr den Rest.
„Interessant.“
Seine unglaublich tiefe Stimme vibrierte als Bass eines Rocksongs ihre Haut entlang. Funktionierte das, eine Stimme körperlich zu spüren?
Sie errötete, da sie den Text abänderte. He will, he will fuck you.
Er kam näher. Automatisch trat sie einen Schritt zurück. Mist, er bemerkte es. Seine Körperhaltung erinnerte an einen Krieger, der bereit war zuzuschlagen. Er wirkte präsenter, dominanter. Als hätte er es nötig. Er kannte seine Wirkung, sie merkte es deutlich.
Er drückte ihr das brummende, stoßende Ding in die Hände. Anzüglich grinsend hob er eine Peitsche mit mehreren weichen Riemen auf. Sie schluckte. Plötzlich füllte ein Bild ihren Kopf, wie sie nackt und in Fesseln vor ihm hing, während er sie auspeitschte, ihr Lustschmerz zufügte, bis sie wimmerte und ihn anbettelte, sie zu nehmen. Was für eine grauenvolle Vorstellung, die sie gleichzeitig reizte. Ahnte er, was in ihrem Gehirn vorging? Sein Wangenmuskel zuckte. Die Intensität seiner Augen gehörte ihr allein.
Aus seiner Linken baumelten Handschellen, überzogen mit pinkfarbenem Plüsch.
Bitte nicht die Nippelklemmen. Er hob sie auf und sah von ihrem Busen zu den Klemmen, malte sich offensichtlich aus, sie anzuwenden.
Was für eine Frechheit!
Was für eine verlockende Idee!
„Ich glaube, das gehört dir.“ Seine Fingerspitzen berührten ihre. Die Berührung lief prickelnd wie Kohlensäure ihren Arm hinauf und schürte den Wunsch nach Flucht.
Er traf ihren Blick, schon wieder. Für Sekunden ertrank sie in seinen Augen und ein wissendes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Wahrscheinlich verspeiste er Frauen zum Frühstück, nachdem er sich die ganze Nacht mit ihren Körpern beschäftigt hatte. Seine enge Lederhose zeigte deutlich, er benötigte nicht Mr. Noodles, um die Aufgabe zu bewältigen.
Jesus, hatte er sich Socken in die Hose gestopft? Seine Lippen zuckten. Sie wusste, dass sie von ihm weg musste, sonst würde sie sich gleich wimmernd in seine Arme werfen. Sie hatte genug von Männern und dieser repräsentierte den Inbegriff von Treulosigkeit. Einer, der die Herzen seiner Zerflossenen nicht nur zerbrach, sondern monatelang auf ihnen herumtrampelte.
Wieso grinste er jetzt noch breiter? Schließlich standen die Gedanken nicht auf ihrer Stirn.
Sie gab sich keine Mühe, die Sachen an die vorgesehenen Plätze zu legen. Schnellstmöglich stopfte sie alles in den Koffer. Vergeblich versuchte sie, den Deckel zu schließen und keuchte frustriert.
„Soll ich dir helfen?“ Spöttisch hochgezogene Mundwinkel trugen zu der Ausstrahlung bei.
Musste er ständig in ihre Augen sehen?
Unfähig zu sprechen, starrte sie Löcher in seinen Brustkorb. Er legte seine Hände auf ihre.
Verdammt, verdammt, verdammt.
Ein machtvolles Kribbeln lief über ihren Körper, als wäre sein Aussehen nicht genug, um sie umzuwerfen. Rasch zog sie die Hände zurück.
„Warum so nervös?“
Nervöser könnte sie nicht sein, wenn ein Raptor vor ihr auftauchte. Mühelos schloss er den Koffer und hob ihn hoch, als wäre er federleicht.
„Ich kann ihn allein tragen.“
Er ignorierte sie und ging schnellen Schrittes in Richtung des Backsteinhauses. Selbst sein Gang strahlte Gefahr aus. Ein Typ, vor dem man sich in Acht nahm. Er stellte ihn vor der Tür ab. Sie schluckte hart, denn sie genoss seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Du hast etwas vergessen. Nicht, dass du es nötig hättest.“ Er betrachtete ihre Brüste, die sich unter dem Jersey abzeichneten. Dass sie fror, war deutlich zu sehen.
Er reichte ihr den Boob-Buster.
Sie warf ihm einen Blick purer Entrüstung zu und entriss ihm die Tube.
Er grinste dunkel und trat näher. Die Hauswand verhinderte ein Zurückweichen. Sie spürte, dass sie zitterte, ob vor Furcht oder Erregung, sie wusste es nicht.
Er lehnte beide Hände neben ihren Kopf, beugte sich herunter und unterbrach den Blickkontakt nicht für eine Sekunde. Sie sah ihm an, dass er sie genau dort hatte, wo er wollte.
Das wagte er nicht!
Bevor sie weiterdachte, lagen seine Lippen auf ihren. Er küsste sie. Nicht zaghaft, sondern seinem Aussehen entsprechend dominant und hart. Kompromisslos eroberte er ihren Mund. Genauso kompromisslos öffnete sie willig die Lippen und schmeckte ihn. Halt suchend drückte sie den Rücken an die Wand. Jede Körperzelle warnte sie vor der Gefahr, dennoch genoss sie den Kuss viel zu sehr.
Er presste sich weiter an sie, berührte ihre Nippel, die sich durch den Stoff gegen seine Fingerspitzen drängten. Feuchtigkeit und Hitze schossen in ihre Scham.
Seine Wärme löste sich von ihr, ehe sie ihm eine verpassen konnte. Ein Keuchen war alles, was sie über die Lippen brachte.
„Ich werde deine Fantasie eines Tages erfüllen.“ Ein sinnliches Lächeln traf sie, das sie schlucken ließ. „Nicht mit einer Spielzeugpeitsche.“
Was?
Die Worte klangen in ihr nach. Nach wenigen Schritten verschwand er in der Dunkelheit wie ein verdammter Geist.
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und eine langgliedrige blonde Frau stand im Türrahmen.
„Endlich. Wir warten seit einer halben Ewigkeit. Ich bin Kelly.“
Gerötete Wangen und das Kichern verrieten, dass sie reichlich Sekt getrunken hatte. Morven verspürte das Bedürfnis, eine Flasche Sekt in einem Zug auszutrinken. Sie konnte den Kerl auf ihren Lippen schmecken, seinen Geruch auf ihrer Haut riechen. Sogar die Hitze seiner Berührung war noch spürbar. Ihre Nippel pochten, dabei hatte er sie kaum berührt.
Morvens Füße klebten am Boden. Nur langsam gewann sie die Gewalt über ihre Glieder zurück und ihre Atmung beruhigte sich.
Woher hatte er gewusst, wo sie hinwollte? Was war das für ein seltsamer Abend? Er fügte sich nahtlos in die Vorkommnisse der vergangenen Zeit ein.
„Möchtest du nicht reinkommen?“ Die Blondine umarmte sie. „Du zitterst, komm schnell in die Wärme.“
Morven wusste es besser, sie zitterte nicht vor Kälte. Der Typ hatte sie aus den Socken gehauen. Das aus dem Haus hallende weibliche Gelächter holte sie in die Realität zurück.
Sie griff nach dem Koffer, aus dem vibrierende Geräusche tönten, folgte der Gastgeberin und beschloss, den Zwischenfall für den Moment zu ignorieren. Schließlich hatte sie die Aufgabe, viele Mr. Noodles zu verkaufen. Sie kicherte leise, denn der Vibrator war harmlos, verglichen mit den anderen Utensilien.

Kapitel 2

Kendrick traf Liors Blick und sie brachen in lautes Gewieher aus. Es war ein unvergesslicher, unvergleichbarer Anblick gewesen, sogar für ihn, der gemessen in Menschenjahren, sechs Mal lebte. Kendrick versuchte zu vergessen, wie beschämt Morven ausgesehen hatte, gleich einem Hitzedämon. Die Hitze auf ihrem Gesicht hatte rot geschimmert. Emotionen zu sehen war eine Eigenschaft, über die er als Söldner der Lugus verfügte, ein Vollstrecker, der menschlichen Abschaum jagte und auch solchen, der nicht zu der Gattung Mensch gehörte.
Ihre unüberhörbaren Gedanken hatte er wie ein offenes Buch gelesen. Ihr Wesen war gegensätzlich. Sie träumte von Peitschen, wobei ihr Widerwille ihm nicht verborgen geblieben war. Ausprobiert hatte sie lustvollen Schmerz noch nie.
Ohne lästige Emotionen wie Zuneigung oder Liebe könnte er ihr eine Erfüllung bieten, die sie nie erlebt hatte, die sie nie erleben wollte. Sie wusste nicht, in wessen Antlitz sie gestarrt hatte. Bei der leisesten Ahnung hätte sie schreiend die Flucht ergriffen.
Er würde vor sich wegrennen, wenn er könnte.
Kendrick benutzte Frauen, wie es ihm beliebte. Jemanden zu lieben barg Gefahr. Der tragische Verlust seiner Gefährtin Katha lebte als dumpfer Laut in seiner Erinnerung. Er hatte sie getötet. Zwar stieß er sie nicht mit den eigenen Händen in die Tiefe, aber als der Fluch ihn überwältigt hatte, widerstand er nicht. Er hatte ihr Schmerz zugefügt, bis sie beide zusammenbrachen. Sie erwachte zuerst. Der Anblick ihres zerschmetterten Körpers am Grund der Klippen brannte anfangs wie Säure in seinem Kopf. Sie ertrug das Monster nicht, zu dem der Fluch ihn zwang. Mittlerweile hatte er gelernt, mit der Verdammnis umzugehen. Der Segen der modernen Welt ließ ihn willige, trainierte Opfer mit Leichtigkeit finden. Er war mit sich im Reinen und dieser Zustand sollte bleiben. Solange er nicht liebte, bestand keine Gefahr.
„Du hast sie geküsst.“ Lior starrte ihn vorwurfsvoll an. „Ich dachte, in letzter Zeit stehst du mehr auf dünne Frauen. Diese mageren Neuzeithühner ohne Busen und nennenswerten Hintern, die rauchen, anstatt zu essen.“ Liors Vorliebe für Üppigkeit stellte kein Geheimnis dar. Morven wirkte wie ein saftiger Bissen auf ihn. Er wäre viel besser geeignet, über sie zu wachen, aber aus einem unerfindlichen Grund hatte Nosferat Kendrick befohlen, es zu tun.
Ein stählerner Blick hatte ihn vorhin getroffen, ehe er protestierte. Nur ein Volltrottel beanstandete Befehle von Nosferat, dem Ersten der Lugus und seine Einwände blieben ungesagt. Er hatte sie runtergeschluckt wie rostige Nägel. Ihre Lebendigkeit und Weichheit hatten ihn gereizt, zu sehr, um zu widerstehen. Nur ein Mal wollte er weiche Lippen fühlen, die frei von Furcht waren. Sogar bei dem kurzen Kuss begehrte das Monster in ihm auf. Wie schnell ihr Herz geschlagen und wie sie mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn zu treten. Da musste sie mit mehr aufwarten, um ihn abzuwehren.
Zum Glück hatte sie es nicht getan, denn er wusste nicht, wie er darauf reagiert hätte.
Er lachte zynisch. Ein Schwert würde sie nicht vor ihm retten.
Lior, die rechte Hand von Nosferat, berührte die Spuren auf dem nassen Boden. „Drei Angelus. Meine Zweifel, dass sie nicht diejenige ist, haben sich gerade in Luft aufgelöst.“ Der blonde Lugus observierte die Gegend. Seine Körperhaltung verriet Anspannung.
„Sie haben die Fährte aufgenommen und werden Morven nicht freiwillig aufgeben. Gewissheit erlangen wir erst, wenn sie Morven überwältigen und dabei ihre Kräfte wecken.“ Auf Liors Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. „Wir werden ihnen eine Falle stellen und die Situation kontrollieren.“ Aus seiner Stimme tropfte die Verachtung, die er für die Kreaturen empfand.
Wieso hatte Nosferat vorhin eingegriffen? Alles wäre geschehen und hätte es ihm erspart, den Babysitter zu spielen. Er sah in die seegrünen Augen seines Freundes. Liors neutrale Mimik entfachte sein Misstrauen. Er wusste, was vor sich ging und versuchte, es vor ihm geheim zu halten. Wahrscheinlich steckte er mit Nosferat unter einer Decke. Die beiden hatten irgendeinen perfiden Plan ausgeheckt und er spielte eine Rolle darin.
Es gefiel ihm nicht und sein Gesicht musste es deutlich zeigen, denn Lior grinste ihn an.
Seine eigenen Empfindungen ließen ihn hämisch auflachen. Morven stellte eine wichtige Schachfigur dar. Dennoch hatte sie bis vor zehn Minuten Leere in ihm erweckt. Jetzt behagte ihm die Idee nicht, dass ihr etwas geschehen könnte. Wenn es nicht dermaßen traurig wäre, würde er lachen. Bislang war sie ein wehrloser Mensch. Es sollte ihm gleichgültig sein, solche weichgespülten Gefühle durfte er nicht zulassen.
„Sie haben ihre Spur zeitgleich mit uns gefunden. Ein seltsamer Zufall.“ Lior sprach seine Gedanken aus.
Die Ereignisse erlangten eine unerwartete Wendung. Sie suchten nach Beweisen, um die Angelus zu überführen. Eine Mordwelle brandete über Schottland und Wales mit grausam verstümmelten, zerfetzten Opfern, zum Teil blutleer. In aller Öffentlichkeit ließen sie die Überreste zurück. Die Morde waren nicht charakteristisch für die Angelus, denn sie töteten leise und unbemerkt im Hintergrund.
Er verspürte deutliches Unbehagen, sein Instinkt sagte, dass sie die falsche Fährte verfolgten, zumindest, was die Tötungen anging. Dennoch mussten sie verhindern, dass die Angelus Hand an Morven legten und sie mit in ihr Reich nahmen.
„Diesen Umstand sollten wir nutzen.“ Sein Entschluss stand fest. „Ich wache in der Gestalt eines Madras über sie.“
Lior bedachte ihn mit einem amüsierten Blick. „Eine gute Idee. Hoffentlich zieht sie keine Katzen vor.“ Er lachte laut. „Du solltest aufpassen, dass sie dir nicht auf den Schwanz tritt. Sie erscheint mir ein wenig tollpatschig.“
Als Lior ging, fiel ihm auf, dass der Gesichtsausdruck seines Freundes dem eines Löwen ähnelte, der die Antilope in die Ecke gedrängt hatte. Es missfiel ihm, sich wie eine Antilope zu fühlen.

Morven und Kelly verweilten gekrümmt in dem kleinen Flur.
„Mein Bauch schmerzt vor Lachen“, prustete die Blondine, „Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal dermaßen viel Spaß hatte.“
Morven genoss jeden Moment, stellte doch die Ladys Party eine willkommene Unterbrechung ihrer entsetzlichen Einsamkeit dar. Bei sämtlichen unanständigen Worten waren die Damen zusammen mit ihr in Gelächter ausgebrochen.
Sie glaubte es kaum. Nicht nur Mr. Noodles hatte sich hervorragend verkauft, Heather Monroe erwarb den Beglücker. Sie schüttelte sich bei der Vorstellung, dieses Utensil zu benutzen. Dann grinste sie. Woher wollte sie es wissen, wenn sie es nicht probierte? Die Peitsche fand reißenden Absatz, nicht dazu gedacht, starken Schmerz zuzufügen, sondern ein Accessoire für das Liebesspiel. Bei dem Gedanken an das Spielzeug fiel ihr das Intermezzo mit Mr. Superkerl ein.
Er würde ihre Fantasie real werden lassen. Was hatte ihn veranlasst, diese Worte zu sagen? Er hatte sie überrumpelt, was ihr die passende Erklärung lieferte, wieso sie ihn nicht getreten hatte, als er sie frech küsste. Der Kerl konnte küssen, das gab sie zu. Und wie sich seine Hände angefühlt hatten, rau und zielstrebig.
Wahrscheinlich würde sie noch in zehn Jahren erröten, wenn sie an diesen Vorfall dachte. Nur an seine gefährliche Ausstrahlung zu denken, ließ ihr Herz stürmischer schlagen.
Ausgerechnet sie, die jedem Risiko aus dem Weg ging. Sie verkörperte eine typische Jungfrau, überlegte es sich gründlich, bevor sie zur Tat schritt. Nicht, dass sie an Sternzeichen glaubte. Männer bereiteten ihr im Moment genauso viel Vergnügen wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung. Zu tief saß der Schmerz, den Brian ihr zugefügt hatte. Sie packte den Gedanken an ihn in ihren virtuellen Papierkorb. Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie jemandem vertraut. Das passierte nicht so schnell wieder, vielleicht niemals.
Sie verabschiedete sich von den kichernden Frauen. Die Schottinnen von heute waren erfrischend verdorben und aufgeschlossen für die Errungenschaften der Wissenschaft und der neuesten Technologie.

Morven schleppte den Koffer auf den Mini zu, versuchte, nicht an die Angst zu denken, die sie vorhin gespürt hatte. Starker Regen prasselte auf sie herab und sie Idiotin trug keine Jacke. Nach wenigen Metern glich sie einem ertrunkenen Waschbären.
Sie sah zu ihrem Auto und erfasste einen großen Umriss, der die Fahrertür bedeckte. Abrupt verharrte sie in der Bewegung. Es gab weder Bären noch Riesenwölfe in Schottland. Aufatmend erkannte sie, dass es ein Hund war.
„Gott, hast du mich erschreckt.“ Vorsichtig trat sie näher. Er sah nicht bösartig aus. Ihre Einschätzung bekräftigte sich, denn er stand heftig mit dem Schwanz wedelnd auf. Das Fell des Rüden klebte an seinem Körper. Ein schwarzer Schäferhund, der ganze Kühe zum Mittagessen verspeiste. Mitleiderregend sah er sie an, wie nur Vierbeiner es taten. Sie liebte Hunde, doch ihre Berufstätigkeit hatte es nicht zugelassen, einen zu besitzen.
„Bist du weggelaufen?“
Sie hockte sich zu ihm und legte die Hände um sein dunkles Haupt. Er stellte beide Ohren auf, eines knickte in der Hälfte um. Seiner niedlichen, hilflosen Ausstrahlung könnte nur Darth Vader widerstehen. Ein Zittern lief durch seinen Leib. Er winselte und platzierte seinen Kopf auf ihrer Schulter, atmete leicht in ihre Halsbeuge.
Beklemmung durchdrang die Nacht und Kälte kroch in ihre Glieder. Sie wollte dem Gefühl entkommen.
Seine Augen schimmerten eigenartig auf eine vertraute Weise. Irgendwo hatte sie das schon einmal gesehen. Ein absurder Gedanke.
Das dämmerige Licht verhinderte, Genaueres zu erkennen.
Ein Niesen begleitete das erneute leise Winseln. Ihr Entschluss stand fest. Nur ein Unmensch würde ihn in der eisigen Dunkelheit zurücklassen. Sie breitete eine Decke auf der Rücksitzbank aus. Sein tropfnasses Fell erinnerte an einen vollgesogenen Teppich. Der arme Kerl sprang auf den Rücksitz und füllte ihn vollständig aus.
Sie strich ihm lachend über den Kopf. „Keine Angst. Du bleibst bei mir, wenigstens heute Nacht.“
Sie sicherte ihn mit einem Gurt, verstaute den Koffer auf dem Beifahrersitz, und endlich saß sie im Trockenen. Kopfschüttelnd sah sie ein letztes Mal zum Golfplatz. Monster fand man nur, wenn man danach suchte.
Nie war ihr eine Fahrt dermaßen lang vorgekommen. Ihr Blick streifte die vertraute Fassade ihres Cottages am Rande des Raith Estate. Sie liebte die Abgeschiedenheit und dankte im Stillen ihrer vor ein paar Monaten verstorbenen Tante Una, die ihr das gemütliche Haus vererbt hatte. Eine schrullige Frau, wie die Nachbarn aus der weiteren Umgebung erzählten. Im Mittelalter wäre sie als Hexe verbrannt worden, erklärte Mrs. Birch und sah sie dabei an, als plante sie, Morven eigenhändig auf den nächstbesten Scheiterhaufen zu stellen.
Sie seufzte. So unähnlich war sie Una nicht. Sie zog Einsamkeit vor, hasste Menschenmengen und Partys. Unter Fremden fühlte sie sich unwohl. Das war eindeutig absonderlich und bot nicht die besten Voraussetzungen, um in die Selbstständigkeit zu treten. Stück für Stück arbeitete sie seit Wochen daran, ihre Verhaltensweisen zu ändern, ohne bislang große Fortschritte zu erzielen. Kürzlich hatte sie freiwillig eine Party besucht und sich halb zu Tode gelangweilt.
Sie drückte die Haustür hinter sich zu. Wärme umfloss sie und sie seufzte auf, genoss das Gefühl der Sicherheit, das sich immer einstellte, sobald sie über die Türschwelle trat. Es war nicht nur Einbildung, sie spürte es körperlich, denn ihr Herzschlag verlangsamte sich.
Mit Stolz betrachtete sie den frisch geschliffenen und gewachsten Parkettboden. Ohne jegliche Hilfe hatte sie die Renovierung bewältigt. Sein goldener Ton beruhigte ihre Nerven, genauso wie die Orangetöne, die einige der Wände zierten.
„Warte.“ Sie begutachtete den Hund im Licht der Lampe. Augen von einem intensiven Kobaltblau sahen sie an. Sehr ungewöhnlich für einen Hund, sogar für einen Menschen. Sein Blick strahlte Intelligenz aus.
Sie trocknete ihn mit einem Handtuch ab, und weil er noch zitterte, föhnte sie ihn. Sein unglaublich weiches Fell schimmerte blau-schwarz. Mitternachtsblau. Sie streichelte darüber und genoss das seidige Gefühl an den Fingerspitzen. Es gefiel ihm, denn er drehte sich von einer Seite zur anderen.

Er begleitete sie in ihr Schlafzimmer und ließ sie nicht aus dem Blickfeld. Sie zögerte einen Moment, bevor sie die Kleidung ablegte, und rief sich zur Ordnung. Lächerlich, Scham vor einem Vierbeiner zu verspüren, auch wenn er vor ihr saß und genau beobachtete, was sie tat.
Sie zog sich aus und ging in das Badezimmer. Der Hund folgte ihr auf den Fersen und sein Blick klebte an ihrem Po.
So ein Lustmolch.
Misstrauisch sah sie ihn an. Seine Größe beeindruckte, denn der Rücken reichte bis zu ihrer Hüfte. Seine tollpatschigen Bewegungen verrieten, dass er noch nicht ausgewachsen war. Etwas höher und sie könnte auf ihm reiten.
Sie schloss die Badezimmertür vor seiner Nase. Zum Glück hatte sie eine frisch renovierte Nasszelle geerbt. Eine Renovierung hätte ihre finanziellen Möglichkeiten gesprengt. Nachdenklich betrachtete sie die apfelgrünen und weißen Bodenfliesen, die ein kompliziertes Muster formten. Sie vermutete, dass es Runen darstellte. Überhaupt zierten Runen zahlreiche Stellen im Haus und um das Cottage, sei es auf der Einfahrt oder auf dem kleinen Weg, der durch den Vorgarten führte.
Das heiße Wasser in der offenen Dusche half, ihre Gedanken zu sortieren. Den Vorfall auf dem Golfplatz musste sie sich eingebildet haben. Es gab keine Schatten, die Kreaturen mit Engelsflügeln ähnelten. Engel entsprangen dem Guten. Wenn sie existierten, wären ihre Umrisse nicht bedrohlich. Das, was sie gesehen hatte, wirkte wie Engel der Finsternis. Sie dachte an die Unruhe, die sie in letzter Zeit plagte. Oft beschlich sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Gedächtnislücken suchten sie heim.
Sie lief an dem Spiegel vorbei und versuchte, nicht hinzusehen, tat es aber dennoch. Zurzeit durchlief sie eine Ich-bin-fett-und-hässlich-Phase.
Unter ihren Brüsten konnte sie einen Bleistift einklemmen. Sie hatte es gestern ausprobiert und war in Tränen ausgebrochen. Warum entsprach sie nicht einer anmutigen, hochgewachsenen Elfe, die nicht im Schnee versank? Sie gehörte zu den Dunkelhobbits, war grüblerisch mit ihrer Unergründlichkeit. Oder eine Bauchtänzerin. Zu diesem Zweck besaß sie die perfekte Figur. Ob sie sich in einem Kursus anmelden sollte? Sie seufzte. Ihr fehlte die Zeit. Spielerisch bewegte sie die Hüften und grinste ihr Spiegelbild an. Ganz so grässlich sah sie nicht aus, wenn sie ehrlich war.
Der Hund saß noch an der gleichen Stelle.
„Du brauchst einen Namen, auch wenn ich dich nicht behalten kann. Jemand will dich zurückhaben.“ Das gefiel ihr nicht. Welcher Name passte zu ihm?
„Gefällt dir Tumble?“ Er zuckte mit den Ohren und starrte sie intensiv an. Sie beschloss, es als Einverständnis zu werten.
Sie zog den froschgrünen Morgenmantel enger um den Körper. Tumble betrachtete ihre roten Noppensocken mit einem Ausdruck von Belustigung. Sie blinzelte und ein normaler Hundeausdruck sah zurück.
„Ich weiß zwar nicht, wie es dir geht, aber ich verhungere.“ Soviel dazu, dass sie heute auf das Abendessen verzichten wollte. Sie überschlug die Kalorien und Kohlenhydrate und das Ergebnis ließ sie seufzen. Die kurze Joggingrunde reichte morgen nicht. Um sicher zu sein, musste sie abends noch Rad fahren. Es war ihre Kohlenhydratwoche. Die beiden nächsten Wochen waren für kohlenhydratarme Nahrung reserviert. Wenn sie den strengen Essensplan nicht einhielt, nahm Mr. Waage fürchterliche Rache.
Mistkerl!
Tumble folgte ihr bellend in die Küche. Es verriet seine Größe. Mit ihm im Haus gehörte die Angst vor Einbrechern der Vergangenheit an. Er wäre die perfekte Begleitung bei ihren Läufen. Mehrmals war sie in den letzten Wochen auf unflätige Teenager getroffen. Ihre hüpfenden Brüste, die auch nicht mit einem Sport-BH in den Stillstand gezwungen werden konnten, schienen die Gehirne von Männern, gleich welchen Alters in den Zustand von Höhlenmenschen zu versetzen. Irgendwie vermehrten sie sich von Jahr zu Jahr. Oder wurde sie einfach alt? Laut Werbung und diversen Frauenmagazinen sollten Frauen über neunundzwanzig sich am besten einschläfern lassen.
„Magst du Nudelauflauf mit Thunfisch?“
Sie hatte gestern genug für drei Tage gekocht und erhitzte eine Portion in der Mikrowelle. Ihm stellte sie einen Teller mit dem kalten Auflauf vor die Nase.
Er schnaubte missmutig und stupste ihren Teller an. Ein Ausdruck puren Vorwurfs lag auf dem Gesicht und er zog sogar die Nase kraus.
„Du möchtest warmes Essen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich bereue es jetzt schon. Dir wird übel.“
Zu ihrem Erstaunen wurde ihm nicht schlecht und er fraß den gesamten Rest. Anschließend trank er eine Schüssel Wasser, obwohl er verlangend auf ihr Glas Orangensaft sah.
„Offensichtlich hast du keine Figurprobleme.“ Er legte seinen Kopf auf ihre Knie und sie streichelte das glänzende Fell. Die Wärme seines Körpers wirkte beruhigend. Sein Geruch nach sonnigem Wald rief eine Erinnerung wach, die sie nicht deuten konnte.
Anstatt in der Küche zu sitzen, sollte sie sich ihren Entwürfen widmen. Sie hatte eine Menge zu erledigen. Morven traf Tumbles Blick.
„Komm, ich zeige dir meine Designs.“
Sie sprach mit einem Hund, aber immer noch besser, als Selbstgespräche zu führen, so wie im Supermarkt. Und ausgerechnet Mrs. Birch hatte sie dabei beobachtet.
Das Atelier lag angrenzend an das Wohnzimmer. Sie arbeite hart daran, das Kit Out zu öffnen. Die normale Schottin stellte eine Marktlücke dar.
Viele Frauen hassten es, ihre Körper in Hüftjeans zu quetschen und ein Oberteil anzuziehen, das mit Mühe ihre Bauchnabel bedeckte. Der Erfinder der Hüfthose gehörte aufgespürt und aus der Stadt gejagt, war er doch ein Frauenhasser mit einer Knabenfigur, der seine Mutter ausgestopft im Keller aufbewahrte. Und mit Sicherheit war er schwul.
Morven entwarf Kleidung für die durchschnittlich gebaute Frau, die die weiblichen Formen unterstrich. Die Trägerin sollte sich sexy fühlen, wenn sie es wünschte und sich nicht schämen, dass ihre Figur nicht auf dem Stand einer Zwölfjährigen stehen geblieben war.
Tumble folgte ihr und berührte sie wiederholt mit der Nase. Der Raum war nicht annähernd geräumig genug, aber mit allem ausgestattet, was sie brauchte. Ein Zuschneidetisch, Nähmaschinen und Kleiderstangen, gefüllt mit fertigen Entwürfen. Die Schneiderpuppe hieß Mrs. Tough und trug ein rotes, knielanges Kleid. Morven musste den Saum abstecken und den Ausschnitt mit einem Beleg versehen. Lange hatte sie nach einer Schneiderpuppe gesucht, die nicht wie Twiggy aussah. Fündig wurde sie in Buckhaven. In dem kleinen Laden hatte sie mehr Geld gelassen als geplant. Er führte die ungewöhnlichsten Accessoires in seinem Sortiment. Sie nahm einen der glänzenden perlmuttfarbenen Knöpfe in die Hand. Sie hatte noch immer nicht herausgefunden, was es für ein Material war. Kunststoff sah anders aus. Es absorbierte ihre Körperwärme und veränderte die Farbe in ein schimmerndes Grün, das ihrer Augenfarbe glich. Seltsam.
Kopfschüttelnd griff sie nach einer Kreation, die herausstach. Dieses Teil passte keiner Schottin, außer, sie wäre Hulk. In diese Lederjacke passte ein breitschultriger Mann. Das Material schien eine schützende Aura auszustrahlen und sie schmunzelte wegen ihrer abstrusen Gedanken. Sie wusste nicht, wieso sie so fühlte, doch jedes Mal, wenn sie das Kleidungsstück berührte, hatte sie das Gefühl, eine Membran legte sich über ihren Körper wie ein Schutzschild.
Aus heiterem Himmel hatte sie die hüftlange Jacke entworfen und tagelang sämtliche Geschäfte nach dem richtigen Material durchkämmt. Letztlich landete sie in einer Gerberei in Glenrothes, in der Nähe von Loch Leven. Der Einkauf war eigenartig verlaufen. Sie hatte kaum den kleinen Laden betreten, da zog der Besitzer eine Lederhaut aus einem Stapel, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Nur ungenau konnte sie sich ins Gedächtnis rufen, wie er ausgesehen hatte. Seine Hautfarbe war fast schwarz, die Augen leuchtend grün. Sie sah vor ihrem inneren Auge vage ein Tattoo auf seiner Wange, ein seltsames Schriftzeichen, doch wenn sie versuchte, sich daran zu erinnern, schmerzte ihr Kopf.
Auf alle Fälle hatte sie genau das angebotene Material gesucht. Die Haut besaß eine unglaubliche Textur. Obwohl sie dick war, hatte Morven nie ein weicheres und flexibleres Leder berührt. Je nach Lichteinfall schimmerte es schwarz oder mitternachtsblau wie Tumbles Fell. Die Größe der Haut hatte sie beeindruckt. Von welchem Tier mochte sie stammen? Von einer Kuh jedenfalls nicht. Ihre Zweifel, dass die Nähmaschine das Leder nicht bewältigen könnte, erwiesen sich als grundlos. Schon das Zuschneiden erwies sich als mühelos, denn die Schere zerschnitt das Material wie Seide.
Der Besitzer hatte sie mit ihrem Namen angesprochen, als sie bezahlte. Jetzt realisierte sie, dass er es getan hatte, bevor er auf ihre Kreditkarte sah.
Fast besessen hatte sie an dem Teil genäht und war erst zufrieden, als sie das dunkelrote Futter einnähte. Auch das Futter hatte sie in der Gerberei gekauft. Es passte perfekt. Ihr gefielen die seltsamen Schriftzeichen, die in die Oberfläche gewebt waren. Sie berührte sie und ein leichtes Kribbeln umfloss warm ihre Fingerspitzen. Eigenartig.
Bis vorhin hatte sie niemanden gekannt, der in die Kreation hineinpasste.
Trüffel würde sie mühelos ausfüllen.
Sie musste aufhören, an ihn zu denken. Er würde sie keines zweiten Blickes würdigen und war mehr der Typ für langbeinige Superweibchen. Dann lachte sie. Er hatte durchaus Interesse gezeigt.
Bei dem Gedanken an die Begegnung mit dem Unbekannten stieg ihre Körpertemperatur. Sie spürte seine Lippen auf ihren, die Härte seines Körpers. Ungewollt trat ein Bild vor ihre Augen, wie er sie peitschte.
Verdammt! Jetzt reichte es. Die Fantasie verursachte Übelkeit. Dennoch ... sie verspürte einen Anflug von Neugierde. Wie fühlte es sich an, wenn so ein Kerl sich einfach nahm, was er wollte und sie zwang, ihm zu Willen zu sein? Woher kamen diese Einfälle? Sie passten nicht zu ihr. Brian hatte sich nie etwas genommen. Er hatte sie mit Zärtlichkeiten überhäuft, die sie aufsog wie eine Wüste, dankbar für jede Gefühlsregung, die er zeigte. Sie hatte die Kälte in ihrem Wesen vertrieben, bis der letzte Stein ihrer Schutzmauer zerbrach. Danach hatte sie sie erneut aufgebaut, stärker, dicker und entschlossener.
Sie blieb vor der Overlockmaschine stehen, ihrer persönlichen Nemesis. Einen ganzen Tag hatte sie benötigt, bis sie endlich herausfand, wie sie das Garn einfädeln musste, weil die Gebrauchsanweisung fehlte. Sie hatte wertvolle Ersparnisse in den Kauf gesteckt.
Vielleicht ergab sich ein weiteres Standbein durch den Verkauf von Sextoys? Sie könnte eine Geschäftsbeziehung mit Betty eingehen und auf den Partys ihre Kleidung anbieten. Die Idee gefiel ihr. Lingerie in ihr Sortiment aufzunehmen versprach lukrative Möglichkeiten.
Tumble stupste sie an, verlangte, dass sie ihn streichelte.
„Weißt du was? Wir gehen ins Bett. Ich bin viel zu erschöpft, um mich auf die Arbeit zu konzentrieren.“ Plötzlich erschien ihr die Einsamkeit des Cottages erdrückend. Die Nachwirkung des Grusels vor den Schatten ließ sich nicht verdrängen und sie rieb sich fröstelnd über die Oberarme.
Sie schlug die Decke des Doppelbettes zurück und schaute zu Tumble. Heute nahm sie die Hundehaare auf dem Laken in Kauf, denn seine Nähe wirkte beruhigend.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sprang er auf die Seite, auf der Brian immer gelegen hatte, als sie noch in seiner Wohnung lebten. Sie schluckte bei der Erinnerung, wütende Trauer wollte sie erfassen, doch sie schüttelte die Empfindung energisch ab. Hinein damit in den Papierkorb.
Der Morgenmantel landete auf dem Boden. Sie schlüpfte ins Bett und genoss das Gefühl eines Lebewesens neben sich. Lächelnd legte sie Tumble eine Hand auf den Kopf und schlief kurz darauf ein.

Kendrick atmete so schnell, dass sein Bauch einem Blasebalg glich. Ihr Duft füllte seine Nase. Verdammt, sie roch köstlich nach Äpfeln, Wind und Sonne.
Sie schlief nackt. Ihr herrlicher Körper besaß ausgewogene Rundungen, zudem lud er dazu ein, ihr den Arsch zu versohlen und die Nippelklemmen anzubringen.
Er spürte eine sinnliche Hitze in ihr, ahnte, dass sie Sex mochte und für Experimente aufgeschlossen war.
Brillant.
Schlaf rückte in weite Ferne. Die Verlockung schien unerträglich.
Morven träumte intensiv. Von ihm!
Er versuchte in keiner Weise, ihren Traum zu ignorieren, spielte er doch die Hauptrolle.
„Komm her.“
Er grinste, denn er trug nichts außer einem offenen weißen Hemd und enge schwarze Boxershorts, die gut ausgestattet waren. So also stellte sie sich sein bestes Stück vor. Von wegen Größe sei unwichtig.
Sie stand in ihrem Schlafzimmer, bekleidet mit einem durchsichtigen roten Negligé und wich vor ihm zurück. Furcht und Erregung glommen in ihren Augen.
„Gehorche mir oder ich bestrafe dich.“
Kendrick schmunzelte. Sah er derart bedrohlich aus?
„Das wagst du nicht“, hauchte sie und erwiderte herausfordernd seinen Blick, wollte sie doch, dass er genau das tat.
Er erreichte sie mit zwei Schritten, packte sie an der Taille und setzte sich auf den Bettrand. Ihr strampelnder Körper lag über seinen Knien und der pralle Po schimmerte durch den Stoff. Um sie zu fixieren, zog er einen Kabelbinder aus der Hemdtasche und zurrte ihn um ihre Handgelenke.
Er schüttelte den Kopf, denn er benutzte lederne Handschellen. Die Plastikstrippen verursachten Verletzungen. Seine Opfer erlangten Wunden ausschließlich durch Gerte oder Peitsche.
Er schob den dünnen Stoff nach oben, sodass er ihren blanken Po begutachten konnte.
Ihre Erregung kitzelte in seiner Nase, nicht nur in dem Traum. Das Monster in ihm hob sein hässliches Haupt, aber er widerstand, war nicht bereit, sich aus ihrer Fantasie zu lösen.
„Du forderst es heraus.“ Seine Stimme glich einer sinnlichen Versuchung und der Gesichtsausdruck dem eines Marathonläufers, der ein Weizenbier entdeckte.
Mit der Handfläche berührte er die seidige Haut und prüfte die Festigkeit der Pobacke, ehe er zuschlug. Inzwischen hatte er sie mit einem Seidentuch geknebelt.
Kendrick grinste, denn er knebelte seine Gespielinnen nicht, zu sehr genoss das Biest die Schreie, das Wimmern, die Begierde. Und nicht nur das Biest.
Im Traum keuchte sie ihre Empörung in den Knebel. Lust benetzte die Innenseiten ihrer Schenkel, er roch es und unterdrückte mühsam das Verlangen, sich zu nehmen, was sie ihm anbot.
Sie seufzte unter den Schlägen, die sein virtuelles Ich sanft ausführte.
So stellte sie sich das vor. Er würde dieses Spiel höchstens zur Einleitung benutzen.
In der Hand hielt er den albernen gelben Vibrator. Er führte ihn an ihre Klitoris und brachte sie nach wenigen Sekunden zum Orgasmus.
Nicht nur im Traum.
Dieser hörte auf, wo es bei ihm erst anfing. Er begnügte sich nicht mit einem rosigen Po.
Er sprang aus dem Bett und die Krallen klickten auf dem Parkettboden. Richtung Badezimmer änderten sie sich in das Geräusch von Füßen. Kendrick drehte das kalte Wasser auf.
Nagend und brennend forderte der Hunger Befriedigung. Ein Besuch im Sugar and Chili stand aus, dort erwarteten ihn ausgebildete Partnerinnen, die ertrugen, was er tun musste. Die Dämonin, die ihn verflucht hatte, konnte nicht wissen, dass sich die Welt freizügig weiterentwickelte. Wenigstens löste er keine Suizide mehr aus. Eine normale Beziehung befand sich allerdings außerhalb seiner Reichweite. Daran zu denken war verschwendete Energie.
Verdammter Mist! Was stimmte mit ihm nicht? Er brauchte einen harten Schlag in die Eingeweide. Lior schuldete ihm einen Gefallen und war imstande, es durchzuführen.
Die Angelus hätten Morven beinahe entführt. Der Gedanke verursachte Übelkeit. Es war reines Glück, das die Lugus sie observiert hatten. Morven war vor wenigen Tagen aus dem Nichts auf ihrem Radar erschienen, was eigentlich unmöglich war. Oder hatte Nosferat es gewusst und ihn absichtlich in die Irre geführt? Plante er, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? Die Engel der Finsternis stellten eine Pest dar. Lange hatten sie sich im Hintergrund gehalten, doch in letzter Zeit kamen sie an die Oberfläche und suchten die offene Konfrontation. Sie verlangten mehr Macht, wollten sich in keiner Weise von den Lugus vorschreiben lassen, wie sie ihre Bedürfnisse befriedigten.
Sie forderten die Lugus heraus, die Lugus schlugen sie zurück. Alle paar Wochen fand eine Wiederholung des Spiels statt. Die Morde waren neu. Sie fingen urplötzlich vor einigen Monaten an. Noch ahnte die Menschheit nicht, was da zwischen ihnen weilte und so sollte es auch bleiben. In Büchern und Filmen zeigte sich die menschliche Rasse aufgeschlossen. Dort genossen sie das Grauen mit einem Schauder auf dem Rücken. Es am eigenen Leib zu erleben, dazu waren sie nicht bereit.
Die Angelus konnten jederzeit erneut zuschlagen. Morven zog sie an wie eine unwiderstehliche Droge. Sie würden sie skrupellos quälen, um die Droge zu bekommen, sie jahrzehntelang am Leben erhalten und ihren Körper plündern, bis er aufgab. Sie würde bei vollem Bewusstsein außerordentlich langsam und extrem grausam sterben.
Die Engel der Finsternis zielten auf ihr Blut und die Silbertränen ab. Die Lugus vermuteten, dass Morven eine Armanach war, keine Rüstungsschmiedin, sondern die Rüstungsschmiedin. In den falschen Händen gab sie eine mächtige Waffe ab.
Sobald die Angelus ihr Blut schmeckten, würden sie wissen, welche Werte sie barg. Den Angreifer würde es das Dasein kosten, weil seine Physis nicht in der Lage war, ihre Energie zu überstehen. Sie konnten Morven nur tröpfchenweise genießen.
In ihrem jetzigen Zustand besaß sie allerdings keine Chance, die Kräfte schlummerten unbemerkt in ihr. Einzig die Anwesenheit der Lugus hatte die Kreaturen in die Flucht geschlagen. Die Lugus traten geballt auf und Nosferat überwachte die Operation. Kendrick war ein Jüngling verglichen mit Nosferat und Lior.
Ihre Handtasche lockte ihn, denn sie verriet viel über die Besitzerin. Eine braune Umhängetasche. Fünf Lippenstifte, Geldbörse, Kamm, Kugelschreiber, Ibuprofen, Pfefferspray, Valium mit Fischgeschmack. Was zum Teufel wollte sie damit?
Er trat an das Bett und zog die Decke herunter. Sie schlief auf der Seite, mit angewinkelten Beinen. Er berührte ihren Po. Seidig und fest, gleichzeitig prall, eine verführerische Kombination. Diesen Arsch zu bearbeiten versprach eine Menge Spaß, doch er versagte sich ihn. Er könnte sie sofort an das Bett binden, die alberne Spielzeugpeitsche holen, und sich mit ihr vergnügen. Sie würde gar nicht wissen, wie ihr geschah. Doch er verspürte Skrupel, denn sie war nicht ausgebildet und das, was er tun musste, wäre zu viel für sie. Und da war das fremde Gefühl, das er im entferntesten Winkel seines Bewusstseins spürte, das ihn ängstigte wie der Rachen eines Eisdrachens.
Er wandelte sich in die Gestalt des Madras zurück. Der Duft ihrer Erregung war noch deutlich wahrnehmbar.
Daingit!
Der Effekt der kalten Dusche löste sich auf. Schlaflos verbrachte er die Nacht und kämpfte wiederholt die Bestie nieder, die in ihm wütete. Er verfluchte den Obersten der Lugus, verfluchte den Tag, an dem er Charas Gefährten getötet hatte. Liebe befand sich außerhalb seiner Reichweite.
Monster empfanden Hass, nur auf diese Weise überlebten sie.