Mitternachts-Reihe: Mitternachtserwachen

Erschienen: 11/2013
Serie: Mitternachts-Reihe
Teil der Serie: 2

Genre: Fantasy Romance
Zusätzlich: Dominanz & Unterwerfung

Location: Großbritannien

Seitenanzahl: 204

Buchtrailer: Ansehen

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-074-2
ebook: 978-3-86495-075-9

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Mitternachts-Reihe: Mitternachtserwachen


Inhaltsangabe

Die Jägerinnen der Marbhadair wurden dazu erschaffen, die Gerechtigkeit auf der Erde sicherzustellen, doch sie wurden vom Wahnsinn befallen. Auf ihrem grauenvollen Kreuzzug löschten sie Liors Familie aus.
Die Andersartigen hatten keine andere Wahl, als sie vom Angesicht der Erde zu wischen.
Nach all den Jahrhunderten geschieht das Unmögliche: Lior spürt die Präsenz einer Jägerin. Er hat nur noch das Ziel, sie zu finden und zu töten.
Zudem wird die paranormale Welt von Morden erschüttert. Jemand macht Jagd auf die Vampire des Lichts und schreckt auch nicht davor zurück, die Vampire der Dunkelheit auszuweiden, denn ihre Knochen sind von unvorstellbarem Wert.
Sämtliche Spuren führen zu Aileen McBride, die die Essenz einer Marbhadair in sich trägt.
Lior findet Aileen, und anstatt sie zu beseitigen, sträubt sich alles in ihm, sie zu verletzen. Stattdessen schleicht sie sich in sein Herz. Kann er ihr vertrauen? Oder verfolgt sie eigene Absichten?
Allerdings können sich Lior und Aileen nicht gegen ihr Schicksal wehren, das längst die Karten für sie gemischt hat ...

Über die Autorin

Linda Mignani wurde in Kirkcaldy (Schottland) geboren und lebt glücklich verheiratet im Ruhrgebiet. Schreiben und Malen zählen zu ihren Leidenschaften und beides hat erstaunlich viel gemeinsam. Frauenuntypisch besitzt sie nur eine Handtasche aber unzählige Turnschuhe und noch mehr Wanderschuhe, die...

Weitere Teile der Mitternachts-Reihe Serie

Leseprobe

Aileen hielt auf dem kleinen Parkplatz in Kinghorn in der Nähe der Kinghorn Parish Church of Scotland an, die auch stolz den Titel The Kirk by The Sea trug. Sie spielte mit dem Gedanken hineinzugehen. Aileen hatte heute Böses gesehen und fühlte sich beschmutzt. Vielleicht würde sie im Inneren eine Antwort auf ihre Erlebnisse finden. Aileen mochte die friedliche Atmosphäre und wäre sogar bereit, den Priester anzusprechen. Was sollte sie ihm erzählen? Er würde sie für verrückt halten, selbst wenn er zu höflich wäre, es ihr ins Gesicht zu sagen. Und er würde ihr wohl kaum ein Kreuz überlassen, sodass...

...sie sich gegen Vampire zu schützen vermochte. Außerdem war nicht der Blutsauger das Böse gewesen, sondern etwas Schlimmeres. Aber dennoch …
Sie schlug den Weg zur Kirche ein, stoppte jedoch unentschlossen. Sie müsste Togo draußen allein anbinden oder zurück zum Auto bringen, weil Hunde im Inneren nicht erlaubt waren. Ihre Haut prickelte bei der Erinnerung an die Vision. Der Vampir war chancenlos gewesen. Wer immer ihn auch ausgeweidet hatte, war mächtiger als eine Kreatur der Nacht. Und wie er sie angesehen hatte! Als wäre es gerade in dem Moment geschehen und sie hätte ihm helfen können. Wenn sie nur den Angreifer besser hätte erkennen können, doch sein Gesicht war die gesamte Zeit verborgen gewesen, wie hinter einem Schleier. Sie starrte auf die blauen Türen der Kirche. In den Steinen oberhalb war 1894 eingraviert. Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Dort würde sie keine Hilfe finden, und sie war noch niemals der Kirche als Institution zugetan gewesen. Sobald sie daran dachte, wie viele arme unschuldige Frauen zu Tode gefoltert worden waren oder den Feuertod gefunden hatten, nur weil sie den Kirchenmännern im Wege standen, wurde ihr schlecht. Wenn es einen Gott gab, würde er seine Kreationen alle lieben und nicht eine dazu benutzen, Religionen zu erfinden, die es zum Ziel hatten, die weibliche Hälfte zu unterdrücken und auszubeuten.
Sie träumte oft, dass sie lebendig verbrannt wurde. Allerdings hatte sie auch davon geträumt, dass sie ein Date mit George Clooney hatte, der allerlei unanständige Dinge mit ihr getrieben hatte.
Aileen erlaubte sich ein leichtes Lächeln, als sie an den Sextraum dachte. Sie war im Schlaf gekommen, war aufgewacht und hatte sich gestreichelt, bis sie einen erneuten Orgasmus erreicht hatte. Aber wirklich erfüllend war es nicht gewesen.
Ihr fiel ein, dass es auf der östlichen Seite noch die Ruinen der alten Kirche gab. Die Steine waren alt genug, dass sie bestimmt allerlei Eigenartiges erlebt hatten. Sie hatte den Ort schon immer als magisch empfunden. Auf dem Weg dorthin kamen sie an den alten verwitterten Grabsteinen vorbei. Ihr stellten sich die Nackenhaare auf, und Togo blieb wie festgewurzelt stehen. Ein tiefes Grollen kam aus seiner Kehle, und er zog die Lefzen hoch, was ihm sein welpenhaftes Aussehen raubte. Er sah auf einmal gefährlich und bedrohlich aus. Das reichte! Von unheimlichen Ereignissen hatte sie für heute genug. Aileen drehte sich entschlossen in die andere Richtung und rannte beinahe zu dem Laden, begleitet von Togo, der fröhlich neben ihr hertrabte und gar keine Ähnlichkeit mehr mit Cujo aufwies. Ein paar der Passanten lächelten ihr und dem Hund zu. Es war schwer, dem Charme des Vierbeiners zu widerstehen, der oft über seine Pfoten stolperte und die Angewohnheit hatte, ständig seine Augenbrauen hochzuziehen. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um, weil sie sich einbildete, dass jemand sie verfolgte. Das war absurd.
Aileen erledigte die Einkäufe und sah Togo drohend an. „Wenn du dich erneut an der Klobürste vergreifst, ziehe ich dir die Bratpfanne über dein pelziges Haupt.“
Er schenkte ihr ein Hundegrinsen, wusste er doch genau, dass sie ihn niemals mit etwas Härterem schlagen würde als mit einer zusammengerollten Zeitschrift, die er kaum durch das dicke Fell spürte.
Sie verstaute die Besorgungen im Lada und ließ Togo am Strand frei. Er sprang sofort in die eiskalte Nordsee und rannte anschließend bellend an der Uferlinie entlang. Er liebte Wasser und jagte den Wellen hinterher. Der Wind sowie der Geruch nach Salz und Meer verfehlten nicht ihre befreiende Wirkung. Dennoch beschlich sie erneut dieses unbehagliche Gefühl, angestarrt zu werden. In der Ferne sah sie lediglich eine Familie, die am Strand spazieren ging und einen einsamen Jogger. Eigenartigerweise wirkte es, als beobachtete sie jemand vom Wasser aus. Doch kein Boot war zu sehen.
Es musste eine logische Erklärung für ihr Erlebnis geben. Wahrscheinlich war sie bewusstlos geworden und hatte halluziniert, weil es ihr zugesetzt hatte, das Mordzimmer zu betreten. Sie war gerade dabei, aus dem tiefen Loch der Trauer zu klettern, und hatte sich einfach zu viel zugemutet. Aileen wurde in diesem Moment bewusst, dass sie sich sehr einsam fühlte, die starken Arme eines Mannes nicht nur vermisste, sondern dringend brauchte.
Den Anflug von schlechtem Gewissen verbannte sie. Sie konnte nicht für den Rest ihres Daseins Ralph hinterhertrauern und niemanden an sich heranlassen. Sie sollte vielmehr das Gefühl begrüßen, denn es war ein Indiz, dass sie bereit war, ins Leben zurückzukehren.
Togo rannte auf sie zu und bellte sie erwartungsvoll an. Was würde sie nur ohne ihre Tiere tun? Sie zog den Wurfball aus der Tasche, warf ihn, bis sie beide erschöpft zum Lieferwagen zurückkehrten.
Shit! Sie hatte vollkommen die Zeit vergessen. Die Dämmerung brach ein. Aileen hasste es, im Dunklen zu fahren, und die Kinghorn Road war oft verlassen. Jedes Mal hatte sie Angst, das altersschwache Gefährt würde ausgerechnet auf dieser Strecke seinen letzten Motorzug nehmen. Selbst im Zeitalter der Mobiltelefone konnte sie sich etwas Angenehmeres vorstellen, als mutterseelenallein auf der verwaisten Straße zu stehen, um auf Hilfe zu warten, gefangen in einem Funkloch.
Sie sicherte Togo mit dem Gurt und startete fröstelnd den Motor. Im Cottage würde sie sich ein heißes Bad gönnen und danach die Pizza verschlingen, die sie vor dem Fernseher essen könnte. Sie seufzte, weil es zu einer schlechten Angewohnheit geworden war, aber sie ertrug es einfach nicht, allein zu speisen.
Sie schob ihre Lieblings-CD von Chris Isaak in den Player. Die Klänge von Wicked Game umschwebten sie.
I’d never dreamed that I’d losed somebody like you.
Bei der Zeile kämpfte sie mit den Tränen. Es war ihr Lied gewesen, Ralph hatte ihr die CD zu ihrem Achtjährigen geschenkt.
What a wicked thing to do, to make me dream of you.
Was war los mit ihr? Sie erlebte heute sämtliche Emotionen in Höchstform: Freude, Angst und Trauer, die zuerst auf der Oberfläche lagen, dann eindrangen, um sie ganz zu erfassen, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.
Sie hasste es wirklich, in der Dunkelheit zu fahren, obendrein fing es an, aus Kübeln zu gießen. Donner hallte durch die Nacht, gefolgt von blendenden Blitzen. Die Scheibenwischer besaßen beinahe etwas Hypnotisches, als sie quietschend über die Windschutzscheibe schabten, und sie blinzelte, um besser sehen zu können. Sie reduzierte die Geschwindigkeit, da die Sicht keine fünf Meter weit reichte.
Aus den Augenwinkeln erfasste sie eine Bewegung, trat auf die Bremse, und der Lada brach auf den schlammigen Seitenstreifen aus. Sie schrie, während sie versuchte, die Gewalt über den Wagen wiederzuerlangen. Schlingernd kam er halb auf einem Feld zum Stillstand. Sie stieß die Tür auf. Von der Frau war nichts mehr zu erkennen, doch sie hörte Schreie.
Und die Gestalt, die ihr hinterhergejagt war!
Togo hatte sich irgendwie aus dem Gurt befreit und raste über das Feld. Er reagierte nicht auf ihr Rufen. Wenn sie nur eine Waffe hätte! Sie packte die Bratpfanne und die Toilettenbürste und nahm die Verfolgung auf.
Es war ihr egal, dass sie lieber die Polizei hätte benachrichtigen sollen. Bis sie eintrafen, wären die Frau und Togo sehr wahrscheinlich tot, ermordet von dem vermummten Grauen, das sie vorhin in der Vision gesehen hatte und das gerade die Frau verfolgte. Und wenn sie sich alles nur einbildete?
Der Regen erwies sich als eine undurchdringliche Wand, die mit jedem Meter schwärzer wurde. Sie vermochte kaum drei Schritte weit zu sehen, aber die gellenden Hilferufe wiesen ihr den Weg. Sie lief so schnell sie es wagte. Falls sie sich den Knöchel verdrehte, war niemandem geholfen. Der Sturzregen verwandelte die Weide in einen sumpfigen Morast, dennoch beschleunigte sie. Vor ihr ragte ein Heuschober auf. Blitze erhellten den Himmel in raschen Abständen. Sie stürzte hinein, und die Frau lag auf der Erde. Der Angreifer stand über ihr gebeugt und richtete sich auf. Das Gesicht war halb verborgen, aber der Hass in dem Blick fuhr ihr durch die Glieder, lähmte sie, und sie taumelte zurück. Und da war wieder dieses Gefühl, dass diese Kreatur ihr vertraut war. Togo bellte das Monster an, wagte sich zum Glück nicht näher. Das Ding schien über dem Boden zu schweben. Plötzlich drehte es den Kopf, als höre es etwas, und bewegte sich rasend schnell auf Aileen zu. Zum Schutz hob sie die Bratpfanne, doch es raste an ihr vorbei und in die Nacht hinaus. Togo machte einen Satz nach vorn, stand winselnd neben der Frau und stupste sie vorsichtig gegen die Schläfe. In ihrem Bauch steckte ein rötlich leuchtendes Messer. Aileen kniete sich zu ihr, wusste nicht, was sie tun sollte, um ihr zu helfen. Sie umfasste ihre Wangen, hoffte, dass ihr die Berührung wenigstens das Gefühl gab, dass sie nicht allein starb. Überall war Blut. Die Lippen der Frau bewegten sich.
Sie flüsterte: „Tuatha de Danann“, dann erlosch das Leben in ihr. Die silbrigen Augen verloren ihr Licht und starrten grau und leblos nach oben. Aileen versuchte, nicht in Tränen auszubrechen, die Nerven zu behalten und erinnerte sich an ihr Mobiltelefon. Sie kramte es hervor, wählte die Nummer des Notrufes, allerdings knisterte es nur in der Leitung, bevor es verstummte.
Das durfte doch nicht wahr sein!
„Bitte, bitte, sei nicht tot.“ Aileen schüttelte sie an den Schultern, legte das Ohr auf ihren Brustkorb, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war. Niemand überlebte solch eine Wunde. Dennoch versuchte sie es, presste ihre Hände überkreuz auf den Brustkorb der Frau und gab schlussendlich auf. Aileen strich ihr die dunklen Haare aus der Stirn, und Tränen tropften ihre Wangen hinunter. Sie musste zum Wagen zurück. Vielleicht hatte sie von dort aus Empfang, und irgendwann würde ein Auto die Straße entlangfahren, das sie anhalten konnte. Und wenn dieses unheimliche Ding draußen lauerte?
Togo brach in Knurren aus, und plötzlich verschwand das wenige Licht aus dem Schuppen. Absolute Schwärze umgab sie wie öliges Wasser.
Der Mörder kehrte zurück.
„Marbhadair!“
Killerin?
Niemals in ihrem Dasein hatte sie eine bedrohlichere Stimme gehört. Sie wirkte wie der Tod, der ihr über die Haut raspelte. Sie packte die Bratpfanne und die Toilettenbürste. Drei unglaublich große Kerle ragten in dem Tor des Schuppens auf, und ein wenig Licht kehrte zurück. Ehe sie auch nur die Zeit bekam, einen Atemzug in ihre zugeschnürten Lungen zu nehmen, hielt einer von ihnen ihre Kehle umfangen, hob sie von den Füßen, während Togo versuchte, in sein Bein zu beißen. Seine Augen waren von einem unnatürlichen Eisblau und erhellten die scharfen Gesichtszüge. Sie schlug ihn mit der Bratpfanne gegen die Schulter, doch er schüttelte sich nur, drückte unerbittlich zu, bis sie die Pfanne losließ. Blitze und Donner erfüllten den Nachthimmel, tauchten das Wesen, das es nicht geben durfte, in ein unheimliches Licht. Der Vampir bleckte die Zähne, und sie stellte konfus fest, dass sie schwarz waren, während seine eisigen Augen sich in ihre Seele fraßen. Das Leben schwand aus ihr.
„Du hast den letzten Mord begangen, du widerliche Schlampe. Du wirst dir später noch wünschen, dass du schnell gestorben wärst.“
Der Halt um ihren Hals lockerte sich. Er grinste sie an – es war das Grinsen eines eiskalten Monsters. „Du wirst langsam sterben, bis endlose Pein sich in dir ausbreitet und du das Ende herbeisehnst.“
„Lass sie los, Exodus!“
Exodus gab ihr einen Stoß, sodass sie gegen die Wand krachte und dann auf den Boden fiel. Schock dämmte den Schmerz ein. Aileen klammerte sich an der Toilettenbürste fest, während die Welt sich um sie drehte. Die Männer dachten, sie hätte die Frau getötet.
Die beiden anderen Typen hielten Schwerter in den Händen, der erste blond, der zweite dunkelhaarig, so viel erkannte sie in dem immer wieder auftretenden Blitzen. Der Blonde hatte gesprochen. So wie es aussah, würde sie nicht lebend aus dem Heuschober herauskommen, würde keiner Menschenseele davon erzählen können, dass es überirdische Wesen gab. Aber diese Geschichte hätte ihr sowieso niemand geglaubt.
Das Scheunentor füllte sich mit weiteren Gestalten, die dem Arschloch namens Exodus ähnelten.
Ihr Retter ragte vor ihr auf, sah aus einer Höhe auf sie herab, die nicht möglich sein konnte. So groß waren Männer nicht. Er hatte scharf geschnittene Gesichtszüge, und sein Gesicht wäre schön gewesen, wenn es nicht vor eiskalter Wut verzogen wäre. Röchelnd hustete sie, und die Bürste landete auf der festgetretenen Erde. Enge Hosen und Bikerjacken aus Leder kleideten die Kerle von Kopf bis Fuß.
Der Vampir hatte Togo auf dem Arm, der sich nicht rührte. Er hielt den Vierbeiner beschützend und streichelte ihm über den Rücken, während er etwas in einer Sprache murmelte, die sie nicht verstand. Sie wusste nicht, vor wem sie mehr Angst haben sollte.
„Sie ähnelt einer Vollstreckerin in keiner Weise“, sagte der blonde Typ, der vor ihr stand. Seine Stimme war wie eine Winternacht, auf eine eisige Art klangvoll und ausgewogen.
Ihr Beschützer legte seine riesige Hand unter ihr Kinn und traf ihren Blick. Nackter Hass schimmerte in seinen Augen, dermaßen stark, dass sie nach der Toilettenbürste tastete.
Er schnaubte amüsiert.
„Du willst einen Lugus mit einer Klobürste abwehren? Oder mit einer Bratpfanne? Was bist du für eine seltsame Jägerin?“
Er ergriff ihr Handgelenk, drückte zu, bis sie die Bürste losließ. Der Kerl, der gut zwei Meter groß war, presste sie an die Wand, und sie glaubte, ihr Herz würde ihr gleich einem Alien aus dem Brustkorb springen.
„Du hast Angst“, sagte er erstaunt. „Du wirkst nicht, als könntest du jemanden ausweiden und seine Knochen verkaufen. Du bist menschlich. Doch da ist was in dir …“ Er runzelte die Stirn.
Ausweiden? Wie in ihrer Vision?
„Lior, erledige den Abschaum, sonst tue ich es. Linia ist tot. Die Vampire des Lichts werden Genugtuung verlangen. Und lass dir Zeit“, sagte Exodus.
Lior schien zu überlegen, ob er die Worte von Exodus in die Tat umsetzen sollte. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie denken, dass sie ihn verwirrte.
Sag was.
„Ich habe sie nicht getötet. Ich wollte ihr helfen.“
Aileen versuchte, aus seinem Griff zu brechen, aber er schenkte ihrem Gestrampel keinerlei Beachtung. Er umfasste ihre Kehle, und sie dachte, er würde sie erwürgen, genauso leicht, wie man eine Fliege erschlug. Doch er führte keinen Druck aus, während er sie musterte, dermaßen intensiv, dass sie glaubte, sie spüre ihn in ihrem Gehirn.
Aileen suchte in ihrer Jackentasche nach dem Stofftier eines Waschbären, das Ralph ihr geschenkt hatte.
„Halt still. Hast du noch weitere Waffen?“
„Außer der Klobürste?“, flüsterte sie mit panischer Stimme.
Seine Mundwinkel zuckten, es raubte ihm dennoch nicht die bedrohliche Ausstrahlung.
Er packte sie und drehte sie mit dem Gesicht zur Scheunenwand. „Hände flach an die Wand.“
Instinktiv gehorchte sie, denn sie ahnte, falls sie nicht nachgab, würde er sie mit Gewalt zwingen. Er umfasste ihre Schultern, strich an ihrem Rücken entlang und fasste nach vorn. Empört keuchte sie auf, weil seine Hände genau auf ihrem Busen lagen, kniff die Augenlider zu und hoffte, er würde ihr nicht noch mehr antun, als sie zu töten. Er ließ sich Zeit, bis er sie fortnahm. Sie glaubte, die Hitze seiner Handflächen durch die Softshell-Jacke zu spüren, was unmöglich war.
„Dein Herz schlägt wie verrückt. Deine Angst ist nicht gespielt.“
Erleichtert atmete sie aus, weil er mit den Händen nach unten strich, über Bauch und Hüften, ihren Po ausgiebig begrapschte, das perverse Schwein. Er kickte ihre Füße auseinander und ging hinter ihr in die Hocke, tastete ihre Beine von unten nach oben ab, und seine Berührung wandelte sich von geschäftlich in etwas Persönliches. Er richtete sich auf, packte ihr Haar und hob es an. Er stand so dicht bei ihr, dass sein warmer Atem ihren eiskalten Nacken berührte. Unvermittelt legte er einen Arm um ihren Hals und fasste zwischen ihre Schenkel.
„Fertig, du ekliges Monster?“ Selbst in ihrer Todesangst wollte sie wenigstens einen Anflug von Rückgrat zeigen.
„Noch lange nicht, Aileen.“
Er kannte ihren Namen! Woher? Und was hatte er vor mit ihr? Lior griff in ihre Jackentasche und lockerte den Halt, schnaubte amüsiert, da er die vermeintliche Waffe als einen Stofftierwaschbären enttarnte. Hoffentlich nahm er ihn ihr nicht fort, er war das letzte Geschenk von Ralph gewesen. Er fasste Aileen an den Oberarmen und drehte sie um.
Sein intensiver Blick machte sie nervös, denn er sah sie längst nicht mehr so hasserfüllt an. Er reichte ihr den Waschbären, und sie griff danach, als wenn er ihr Schutz bot.
„Wir töten sie nicht. Nosferat will sie verhören“, sagte Lior. „Ich glaube, sie ist unschuldig.“ Er klang, als misstraue er den eigenen Worten.
Sie konnte nicht glauben, dass es real war. Sie hatte nicht wirklich eine Vampirin gefunden, die den letzten Atemzug in ihren Armen genommen hatte, stand nicht mit den angsteinflößendsten Kerlen, die sie jemals gesehen hatte, in einer Scheune. Ihr leerer Magen krampfte sich zusammen, und Dunkelheit drohte sie zu verschlingen.
„Mädchen, bleib bei uns“, sagte Lior. Alles drehte sich, und sein Blick wurde sanfter. Er legte ihr eine Handfläche gegen die Schläfe und nahm eine ihrer Tränen mit der Fingerspitze auf. Ein beruhigendes Pulsieren ging von seiner Haut aus.
Plötzlich ließ er sie los, und die Kerle wirbelten herum und starrten auf das Tor.
Eine Armada aus Schatten füllte den Eingang. Aileen sackte zu Boden, robbte auf ein Loch in der Scheunenwand zu. Sie wollte nur noch weg von diesem Ort, zu ihrem Auto flüchten und sich in die Sicherheit ihres Cottages retten. Den Anruf bei der Polizei würde sie sich sparen, denn das hier war zu verrückt. Die Silhouetten nahmen Konturen an, hatten Flügel und waren engelsgleich schön in dem Licht der gleißenden Blitze. Sie riss sich von dem Anblick los und kroch den letzten Meter.
Aileen hörte, wie Schwerter aufeinanderschlugen, und zwängte sich durch die Öffnung. Sie schlug einen Bogen zur Straße, versuchte, nicht daran zu denken, dass sie Togo seinem Schicksal überlassen hatte.
Sollte sie umkehren?
Zuerst glaubte sie, ihre Sinne würden ihr einen Streich spielen, doch ein Pferd tauchte aus dem Nichts auf, im Sattel eine überirdisch schöne Reiterin.
Sie streckte ihre Hand aus.
„Wenn du leben willst, steig auf, Aileen. Ich bin Rovella.“
Aileen sah zur Scheune. Sie konnte Togo nicht seinem Schicksal überlassen.
„Keine Angst, sie werden dem Hund kein Leid antun.“
Rovella riss sie förmlich von den Füßen, und sie landete hinter ihr auf dem Rücken des riesigen Rappen. Sie konnte sich gerade noch an der Taille der Frau festklammern, da setzte sich das Tier in Bewegung, und sie überquerten die Felder in einer unglaublichen Geschwindigkeit.

So ein verdammter Mist!
Die Engel der Finsternis lösten sich aus den Schatten und erlangten flimmernd Gestalt. Es waren keine Handlanger, sondern hochrangige Kämpfer der Angelus, die sich nicht mit Floskeln aufhielten, stattdessen sofort angriffen.
Sie wollten die Marbhadair, die keine war, und mit ihnen zu diskutieren wäre überflüssig. Sie töteten zuerst und stellten hinterher Fragen.
Lior konnte sich Aileens Existenz nicht erklären. Sie war eine Jägerin, und doch glich sie einer Killerin so viel wie eine Banane einer Tomate. Die Kleine hatte vor Angst gezittert und mit den Tränen gekämpft. Weder äußerlich noch innerlich ähnelte sie den Bestien. Jemand trieb ein perfides Spiel mit ihnen, und Aileen war geradewegs in die Falle getappt.
Exodus stand rechts neben Lior, in der Hand das gezückte Schwert. Die linke Seite von ihm schirmte Kendrick ab.
Die Todesengel waren in der Mehrzahl und fielen über sie her wie eine Welle aus flüssigem Stahl.
Doch die Vampire der Dunkelheit zeigten sich den Kreaturen überlegen und metzelten einen nach dem anderen nieder. Die Angelus waren eine Gruppe Abtrünniger, die sich von Baodan, ihrem König, losgesagt hatten.
Lior nutzte die Gelegenheit und drehte sich um, aber die Kleine war verschwunden. Er würde es sich nicht verzeihen, wenn sie den Tod gefunden hätte.
Er hatte sie doch selbst töten wollen. Oder nicht?
Lior drängte einen der Engel in die Ecke, mit dem Ziel, ihn lebend zu fangen.
Wie immer veranstalteten sie ihr eigenes durchtriebenes Spiel. Sogar das grausame Lächeln verunstaltete das perfekte Antlitz nicht.
Er trug die weißen Haare kurz, die kobaltblauen Augen leuchteten in der Finsternis des Schuppens. Mit zwei langen Dolchen griff er an. Lior war ihm körperlich weit überlegen, doch der Engel glich die fehlende Kraft durch Schnelligkeit und Entschlossenheit aus. Er war noch jung. Lior wusste, er würde den Tod vorziehen, anstatt den Lugus in die Hände zu fallen. So kämpfte er auch, furchtlos und mit der Grazie eines Nachtpanthers. Kendrick eilte Lior zu Hilfe, sodass sie ihn lebendig fassen konnten. Gemeinsam gelang es ihnen, ihn zu Boden zu drücken. Erst mit Exodus’ Hinzutun vermochten sie ihn zu fixieren. Der Ring aus Platin umschloss seinen Hals. Die Handschellen verbanden sie mit den Ösen an dem Halsband. Nur ein Lugus konnte die Fessel lösen.
„Dein Name?“, fragte Kendrick.
Der Engel der Finsternis wirkte, als bevorzuge er ein Bad in Säure, ehe er ein Wort sagte. Schlussendlich würde er reden, und er wusste es.
„Gebt ihn uns.“ Exodus setzte an, ihn zu packen, als Nosferat aus dem Nichts auftauchte. Wo war er die ganze Zeit über gewesen?
„Diesmal nicht, mein Freund, wir verhören ihn.“
Die beiden tauschten einen vielsagenden Blick aus, und Exodus hob die Hände. Kendrick sah Lior in die Augen, und der dunkle Söldner wirkte, als ob er plane, Nosferat zu schütteln. Lior verstand ihn zu gut. Er und Kendrick wurden gerade auf L-Vier geschoben, Schachfiguren, deren Bestimmung nur Nosferat kannte. Doch wenn er eins über die Jahrhunderte gelernt hatte, dann war es, dass er dem Obersten der Lugus vorbehaltlos vertrauen konnte. Kendrick wusste es auch. Dennoch missfiel es ihm, dass jemand an seinen Fäden zog.
Lior begriff nicht, wieso er selbst eingeschritten war und die Kleine gerettet hatte. Exodus hätte Aileen mit Freuden die Haut vom Körper gezogen, ihr Schmerzen zugefügt, sodass sie gefügiger bei einem Verhör wäre. Vernünftig wäre es, ebenso zu fühlen. Stattdessen hatte sie seinen Beschützerinstinkt geweckt, mit ihrer kleinen überaus weiblichen Figur. Sein Schwanz hatte auf sie reagiert, als er ihre Brüste und ihren Arsch berührt hatte, obwohl er sie widerlich finden wollte. Aber auch der Vampir war unsicher gewesen, denn wenn er wirklich von ihrer Schuld überzeugt gewesen wäre, könnte ihn niemand aufhalten, zu tun, was er für das Richtige erachtete.
Nosferat trat dicht an den Angelus heran. „Ich kehre mit dem Gefangenen auf die Isle of Lugus zurück, wo wir herausfinden werden, ob sie etwas mit den Morden zu tun haben.“
„Wir haben niemanden ermordet!“, stieß der Angelus überraschend hervor. „Jemand schlachtet uns ab, und das Miststück ist dafür verantwortlich.“
Nosferat kommentierte die Äußerung des Engels der Finsternis nicht, sondern richtete seine Aufmerksamkeit auf Lior. „Du begibst dich zu ihrem Cottage und bewachst Aileen. Rovella ist auf dem Weg dorthin. Sie hat die Kleine aufgelesen.“
Lior zuckte innerlich zusammen. Die Herrin der Ainmhidh hatte ihm gerade noch gefehlt. Nosferats grimmiger Ausdruck stoppte seinen Protest, noch ehe er ihn in Worte fassen konnte. Ausgerechnet er sollte die Marbhadair bewachen! Das war ein zum Himmel stinkender Scherz!
Mühsam riss Lior sich zusammen, betrachtete stattdessen die toten Angelus, die alle ein kleines Schriftzeichen hinter ihrem Ohr tätowiert hatten, welches sie als eine Splittergruppe kennzeichnete.
Es wäre zu einfach, wenn die Engel der Finsternis die Mörder wären. Sie waren zwar von den Geldzuwendungen von Baodan abgeschnitten, doch die Abtrünnigen finanzierten sich durch menschliche Frauen, die sie in die Prostitution zwangen. Sie hatten Aileen gewollt und waren zu der Scheune gelockt worden. Lior sah den Obersten mit einem Ausdruck an, der Nosferat ein Grinsen entlockte.
„Niemand kann so sehr ‚du Arschloch‘ mit seinen Augen sagen, wie du es vermagst.“
Der Tonfall wirkte nonchalant, doch es war eine Rüge, der er sich nicht widersetzen konnte.
„Nimm das Ainmhidh. Er heißt Bolero und wartet vor der Scheune auf dich. Er bringt dich zu ihrem Auto. Ich verlasse mich darauf, dass du das Richtige mit der Kleinen tust.“
Nosferat schlug ihm hart auf den Rücken, sodass Lior beinahe kopfüber in die Wand gekracht wäre. Was war das nur für ein Scheißtag, der mit jeder Sekunde schlimmer wurde!
„Du bleibst bei ihr, bis du von mir hörst. Wir positionieren Wachen um ihr Cottage.“
Großartig! Er sollte das bewachen, was er seit Hunderten von Jahren mit Inbrunst hasste.
Wieso brachen sie Aileen nicht auf die Isle of Lugus? Dort wäre sie viel sicherer aufgehoben, und sie hatten die richtigen Räumlichkeiten, um sie zu verhören und zu foltern. Er versuchte sich vorzustellen, wie er sie auspeitschte, es genoss, ihr Schmerzen zuzufügen, doch der bloße Gedanke weckte pures Entsetzen in ihm.
Nosferat nickte den Lugus zu, die ihn begleiteten, und rammte seine Faust in die Visage des widerspenstigen Angelus. Zwei Lugus packten ihn und schleiften ihn hinter sich her. Ihr Oberster war angepisst!
„Gib mir den Hund“, sagte Exodus. „Ich will mich überzeugen, dass er nicht schwer verletzt ist.“
Die Vampire der Dunkelheit liebten Hunde. Es war eine unerklärliche Anziehungskraft, und Exodus besaß ein Rudel Vierbeiner. Er hob den vermeintlichen Labrador hoch, der das Blut eines Madadh Allaidh in sich trug, eines Wolfes aus der alten Welt. Er war noch ein Welpe, und er legte benommen den Kopf auf Exodus’ Schulter und winselte herzerweichend.
Madadh Allaidh suchten sich keine bösen Kreaturen aus, um bei ihnen ihr Leben zu verbringen.
Der Vampir der Dunkelheit wechselte mit ihm einen verdrießlichen Blick. Lior verstand ihn, wäre sie eine Marbhadair, könnte es einen fatalen Fehler bedeuten, sie am Leben zu lassen. Lior war hin- und hergerissen zwischen Hass und Vernunft.
Doch wenn Lior noch etwas über die Jahrhunderte gelernt hatte, dann war es, dass er seinen Instinkten vertrauen konnte.