Pittsburgh Titans: Gage

Ori­gi­nal­ti­tel: Gage: A Pitts­burgh Ti­tans Novel
Er­schie­nen: 05/2023
Serie: Pitts­burgh Ti­tans
Teil der Serie: 3

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Sport Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Pitts­burgh


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-618-8
ebook: 978-3-86495-619-5

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

Er­hält­lich bei u.a.:

und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Pittsburgh Titans: Gage


In­halts­an­ga­be

Der er­fah­re­ne Spie­ler Gage Heyward zog sich nach einer er­folg­rei­chen Kar­rie­re aus der Liga zu­rück. Jetzt brau­chen die Ti­tans ihn, aber hat er das Zeug dazu, aufs Eis zu­rück­zu­keh­ren und die­ses trau­ma­ti­sier­te Team zu ver­ei­nen?

Nach­dem ich alle Ziele er­reicht hatte, die ich mir ge­setzt hatte, be­en­de­te ich meine Eis­ho­ckey­kar­rie­re. Es war eine schwe­re Ent­schei­dung, aber da­mals die rich­ti­ge. Als die Ti­tans nach dem ver­hee­ren­den Flug­zeug­ab­sturz meine Hilfe brau­chen, emp­fin­de ich eine Lei­den­schaft und einen Wett­kampf­geist, den ich seit Jah­ren nicht mehr ge­spürt habe. Ohne wei­te­res Nach­den­ken mache ich mich auf den Weg nach Pitts­burgh. 

Auch Jenna Hol­land ist eine neue Mit­ar­bei­te­rin der Ti­tans. Ihre Ver­gan­gen­heit hat Nar­ben hin­ter­las­sen – so­wohl kör­per­lich als auch emo­tio­nal – und sie ver­traut an­de­ren nur lang­sam. Aber je mehr ich über Jenna er­fah­re, desto mehr will ich wis­sen. Denn die Blon­di­ne mit den ho­nig­gol­de­nen Augen und einer Mauer um ihr Herz fas­zi­niert mich.

Mein Spiel auf dem Eis ist so gut wie nie zuvor, aber mo­men­tan kon­zen­trie­re ich mich auf mein Spiel au­ßer­halb des Eises. Denn wäh­rend Jenna viel­leicht noch nicht be­reit ist, ein Ri­si­ko ein­zu­ge­hen, weiß ich, dass das Po­ten­zi­al für etwas Gro­ßes zwi­schen uns vor­han­den ist. Etwas Le­bens­ver­än­dern­des.

Jetzt muss ich sie nur noch davon über­zeu­gen, es ge­mein­sam zu wagen.

Über die Au­to­rin

Seit ihrem De­büt­ro­man im Jahr 2013 hat Sa­wy­er Ben­nett zahl­rei­che Bü­cher von New Adult bis Ero­tic Ro­mance ver­öf­fent­licht und es wie­der­holt auf die Best­sel­ler­lis­ten der New York Times und USA Today ge­schafft.
Sa­wy­er nutzt ihre Er­fah­run­gen als ehe­ma­li­ge Straf­ver­tei­di­ge­rin in...

Wei­te­re Teile der Pitts­burgh Ti­tans Serie

Le­se­pro­be

Gage

Als ich nä­her­kom­me, sehe ich So­phie am hin­te­ren Teil des Last­wa­gens ste­hen, das Roll­tor ist offen und der Lkw ist mit Mö­beln und Kis­ten ge­füllt. Die­ser Ab­schnitt der North Ave­nue ist eine Ein­bahn­stra­ße mit par­al­le­len Park­plät­zen auf bei­den Sei­ten, die alle be­setzt sind. Ich halte an und lasse mein Fens­ter her­un­ter. So­phie grinst, als sie mich sieht.
„Stehst du Wache?“, frage ich sie und nicke in Rich­tung des Trucks.
„Um uns vor einem Straf­zet­tel zu schüt­zen“, ant­wor­tet sie grin­send, wäh­rend sie auf mein Auto zu­kommt und sich zu mir beugt. „Auf der an­de­ren Seite ist ein Hy­drant, des­halb muss ich...

...​jederzeit weg­fah­ren kön­nen, falls ein Bulle kommt. Baden hat ge­ra­de den Bett­rah­men hoch­ge­tra­gen – in der Sei­ten­gas­se ist ein Park­platz.“
„Ver­stan­den“, ant­wor­te ich und hebe den Dau­men.
Nach­dem ich ge­parkt und mein Auto ab­ge­schlos­sen habe, gehe ich um den Block, und So­phie zeigt mir den Weg zur Tür. „Ers­tes Ober­ge­schoss. Die zwei­te Woh­nung.“
Ich trabe die Trep­pe hin­auf und ver­zie­he an­ge­sichts des engen, U-för­mi­gen Trep­pen­hau­ses das Ge­sicht. Es wird schwie­rig, die Couch hoch­zu­tra­gen, die ich im Um­zugs­wa­gen ge­se­hen habe. Ich finde die Woh­nungs­tür mit der Num­mer zwei, sie ist an­ge­lehnt und ich schie­be sie auf. Vor mir liegt ein Wohn­zim­mer­chen mit schö­nem Licht und einem Bal­kon, hin­ter dem ich ge­ra­de noch die Spit­zen der Ge­bäu­de in der In­nen­stadt aus­ma­chen kann. Der Fuß­bo­den ist neu – hell­grau –, und die Küche ist ganz in Weiß ge­hal­ten, wo­durch der klei­ne Raum hell und offen wirkt. Es gibt kei­nen nen­nens­wer­ten Flur, nur einen wei­te­ren Raum mit einer ge­schlos­se­nen Tür, und von dort höre ich das Sur­ren einer Bohr­ma­schi­ne.
In der Küche steht eine Frau mit lan­gem blon­den Haar, das ihr bis zur Mitte des Rü­ckens fällt, auf einem Tritt­sche­mel. Etwas un­si­cher ba­lan­cie­rend sta­pelt sie Tel­ler aus einem of­fe­nen Kar­ton auf der Ar­beits­flä­che in einen Schrank. Sie trägt schwar­ze Trai­nings­legg­ins, ein lan­gär­me­li­ges Shirt und Lauf­schu­he.
Ich stehe immer noch auf der Schwel­le und klop­fe mit den Fin­ger­knö­cheln an die Tür, um ihre Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen. „Hallo.“
Sie wirft mir über die linke Schul­ter einen Blick zu, und ich grin­se. „Ich hoffe, du bist Jenna, sonst wäre das jetzt sehr pein­lich, weil ich dann die fal­sche Woh­nung be­tre­ten habe.“
Die Frau lä­chelt zu­rück, einen klei­nen Sta­pel Sa­lat­tel­ler in der Hand. „Ich bin Jenna. Du musst Gage sein. Komm doch rein.“
„Schul­dig im Sinne der An­kla­ge“, ent­geg­ne ich, wäh­rend ich ein­tre­te und die Tür wie­der in die glei­che Po­si­ti­on brin­ge, in der ich sie vor­ge­fun­den habe.
Jenna wen­det sich wie­der dem Schrank zu, als ich mich zum Hän­de­schüt­teln in die Küche be­ge­be. Sie stellt die Tel­ler hin­ein und steigt vom Tritt­sche­mel.
Als ich sie an­se­he, die Sonne im Rü­cken, be­mer­ke ich ver­blüfft ihre Augen. Ein so hel­les Braun, dass es fast wie Ho­nig­gold wirkt. In Se­kun­den­schnel­le fällt mir auch auf, dass sie in der rech­ten Ge­sichts­hälf­te in der Nähe ihres Kie­fers eine Narbe hat. Sie ist nicht groß, aber sie ist rosa, hebt sich von der rest­li­chen Haut ab und ist kaum zu über­se­hen. Sie ver­schwin­det vorne in dem, wie ich jetzt sehe, Roll­kra­gens­hirt, das eng an ihrem Kör­per an­liegt.
Mein Blick wan­dert zu­rück zu ihren Augen, um noch mehr von die­ser er­staun­li­chen Farbe auf­zu­neh­men, aber sie sieht mich nicht mehr di­rekt an, son­dern wen­det den Blick ab. Ich be­mer­ke auch, dass sie sich mit einer Hand über den Bauch fährt und mit der an­de­ren am Kra­gen des Roll­kra­gens her­um­fum­melt und ver­sucht, ihn höher über ihre Narbe zu zie­hen.
Mist.
Habe ich sie ver­le­gen ge­macht, als ich die ver­narb­te Haut be­merkt habe? Das war keine Ab­sicht, aber ich bin si­cher, dass es sie trotz­dem stört. Ob­wohl ihr Shirt ihren wun­der­schö­nen, kur­vi­gen Kör­per um­schmei­chelt, ver­mu­te ich, dass sie es trägt, um ihre Nar­ben zu ver­de­cken.
Die Hal­tung ihrer Arme und Hände ist ab­weh­rend, und die Tat­sa­che, dass sie mich nicht an­schaut, deu­tet dar­auf hin, dass ich sie in die De­fen­si­ve ge­drängt habe.
Ich schre­cke je­doch nicht vor die­ser un­an­ge­neh­men Si­tua­ti­on zu­rück, son­dern er­öff­ne ein Ge­spräch, damit sie mich an­se­hen muss. „Wie war die Reise von Ari­zo­na hier­her? Du bist mit dei­ner Schwes­ter ge­kom­men, oder?“
Sie sieht mir wie­der in die Augen und setzt ein mat­tes Lä­cheln auf. Dann nickt sie in Rich­tung der Tür, die ich vom Wohn­be­reich aus ge­se­hen habe, und sagt: „Ja. Emory ist mit Baden im Schlaf­zim­mer und ver­sucht, das Bett zu­sam­men­zu­bau­en, falls du rein­ge­hen willst.“
Ich ent­schei­de mich, zu blei­ben und mich zu un­ter­hal­ten. „Wie war denn nun die Reise?“, frage ich, um sie daran zu er­in­nern, dass sie meine erste Frage nicht be­ant­wor­tet hat. „Das ist eine ganz schön lange Stre­cke.“
„Wir haben sie auf drei Tage auf­ge­teilt“, ent­geg­net sie leise, lässt die Hände sin­ken und ver­rückt den Tritt­sche­mel. Sie steigt wie­der dar­auf, greift in den Kar­ton und holt einen wei­te­ren Sta­pel Tel­ler her­aus, ohne wei­ter dar­auf ein­zu­ge­hen.
Das wirkt re­ser­viert, und ich möch­te nicht, dass sie sich un­wohl fühlt. „Ich werde mal sehen, was Baden von mir will. Wir wer­den die Sa­chen im Hand­um­dre­hen hier oben haben.“
„Danke“, flüs­tert sie und stellt mit dem Rü­cken zu mir wei­te­re Tel­ler in den Schrank. „Ich weiß das sehr zu schät­zen.“
Mein Ton­fall ist lo­cker. „Gar kein Pro­blem.“
Das ist es tat­säch­lich nicht. Ich helfe gerne, denn sie ist Ba­dens Freun­din, und eine Freun­din Ba­dens ist auch eine von mir.
Im Schlaf­zim­mer finde ich be­sag­ten Freund, der ge­ra­de mit einem Ak­ku­schrau­ber ein Kopf­teil am Me­tall­rah­men an­bringt. Er hebt den Kopf und grinst mich an. „Du hast es ge­schafft.“
„Ich habe es ge­schafft“, be­stä­ti­ge ich und wende mich an die Frau, die Jen­nas Schwes­ter sein muss. Zum Gruß stre­cke ich der Schön­heit mit dem pech­schwar­zen Haar und den blau­en Augen die Hand ent­ge­gen – sie ist das ge­naue Ge­gen­teil ihrer Schwes­ter, vom Haar über die Haut bis zu den Augen. „Du musst Emory sein. Freut mich.“
Emory steht von ihrem Platz neben Baden auf, und wir schüt­teln ein­an­der die Hand. „Ich freue mich auch, dich ken­nen­zu­ler­nen. Danke für deine Hilfe.“
Wir hal­ten uns nicht wei­ter mit Small­talk auf. Baden und ich ma­chen uns daran, den Lkw aus­zu­la­den, und ar­bei­ten uns, stark wie wir sind, Schritt für Schritt voran. Es sind nicht viele Möbel. Nur eine Schlaf­zim­mer­gar­ni­tur, be­ste­hend aus einem Bett, einer Kom­mo­de und zwei Nacht­ti­schen, sowie eine Couch, die in der Tat schwer die Trep­pe hoch­zu­krie­gen ist. Der Rest sind Kis­ten mit Klei­dung und Kü­che­nu­ten­si­li­en – vie­les davon neu in Ari­zo­na ge­kauft und in den Lkw ge­la­den, damit sie nicht hier ein­kau­fen muss. Baden er­klärt, dass die Schlaf­zim­mer­gar­ni­tur und die Couch aus Emo­rys Haus stam­men, und dass Jenna on­line zu­sätz­li­che Wohn­zim­mer­mö­bel ge­kauft hat, die in ein paar Wo­chen kom­men sol­len.
Bis dahin sind die ein­zi­gen an­de­ren Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de ein klapp­ba­rer Kar­ten­tisch mit zwei Me­tall­stüh­len. Ein spar­ta­ni­sches Leben, aber ich bin si­cher, sie wird bald ein schö­nes Zu­hau­se haben.
Baden und ich holen die letz­ten Kis­ten aus dem Lkw, wäh­rend die Hol­land-Schwes­tern sich daran ma­chen, den Berg von Kar­tons aus­zu­pa­cken, den wir be­reits aus­ge­la­den haben.
Ehe wir uns den letz­ten Sta­pel schnap­pen, lege ich ihm eine Hand auf die Schul­ter. „Ich muss dich etwas fra­gen.“
Baden wen­det sich zu mir. „Was denn?“
„Ich bin mir ziem­lich si­cher, dass ich Jenna ir­gend­wie ver­letzt habe, als ich hier ankam“, sage ich und är­ge­re mich dar­über, dass ich schon fast zwei Stun­den hier bin und sie mich weder an­sieht noch sich mit mir be­schäf­tigt. Dann er­klä­re ich, was bei mei­ner An­kunft pas­siert ist. „Ich schwö­re, Mann … ich habe keine Re­ak­ti­on auf die Nar­ben ge­zeigt, nur kurz hin­ge­schaut und dann gleich wie­der weg, aber da­nach hat sie sich völ­lig in sich zu­rück­ge­zo­gen.“
„Ja ... mir ist auf­ge­fal­len, dass sie sich in dei­ner Nähe selt­sam ver­hält.“
„Sie will mir nicht mal in die Augen sehen“, brum­me ich frus­triert. „Du weißt, dass ich nie ab­sicht­lich etwas tun würde, um sie zu ver­let­zen …“
Baden un­ter­bricht mich mit einem sanf­ten Schlag auf die Schul­ter. „Ver­giss es, Kum­pel. Jenna ist eine wun­der­ba­re Frau, und ich bete sie an, aber ich weiß auch, was für ein Mann du bist. Du wür­dest nie etwas tun, damit sich je­mand schlecht fühlt.“
„Ich muss das in Ord­nung brin­gen“, ant­wor­te ich, ent­schlos­sen, die Dinge rich­tig zu stel­len.
„Du hast nichts falsch ge­macht“, sagt Baden, und ich weiß seine An­stren­gun­gen zu schät­zen, mich auf­zu­mun­tern. „Sie hat in ihrem Leben eine Menge üble Dinge er­lebt, und das hat sie sen­si­bel ge­macht.“
Man hat auch mich schon häu­fi­ger als sen­si­blen Kerl be­zeich­net, was mich nicht stört, und der leich­te Stich, den mir seine Worte ver­set­zen, be­weist, dass es stimmt. „Ich habe das Ge­fühl, du sprichst von mehr als nur ihren Nar­ben.“
„Sie war in einem schlim­men Feuer. Jenna hat viel mehr Nar­ben als die paar, die man sieht – emo­tio­na­le und kör­per­li­che. Es fällt ihr schwer, sich zu öff­nen, weil viele Leute sie wäh­rend ihrer Ge­ne­sung im Stich ge­las­sen haben. Die ganze Sache ist viel kom­ple­xer, als sie auf den ers­ten Blick scheint.“
Ich hebe die Hand, um ihn zu un­ter­bre­chen. Er soll nicht ihre Ge­heim­nis­se aus­plau­dern. Ich brau­che auch nicht mehr zu hören, um zu wis­sen, dass ich ihr ohne Zwei­fel sagen muss, dass ich ihr nichts Böses woll­te, als ich ihre Nar­ben sah.
„Sorg dafür, dass ich ein paar Mi­nu­ten mit ihr al­lein sein kann“, bitte ich, wäh­rend ich ihm helfe, die letz­ten bei­den Kis­ten vom Lkw zu holen.
Er nickt und nimmt den Sta­pel. „Bleib kurz hier. Ich schi­cke sie mal run­ter.“
Ich lehne mich an die Seite des Lkws, die Hände in die Ta­schen ge­steckt, und in­ner­halb von drei­ßig Se­kun­den kommt Jenna mit den Last­wa­gen­schlüs­seln in der Hand aus der Tür. Sie sieht mich an, als mich vom Las­ter löse, hält mir aber die Schlüs­sel hin, als wolle sie sie am liebs­ten weg­wer­fen und in die an­de­re Rich­tung lau­fen. „Baden sagte, du bräuch­test die Schlüs­sel, damit du den Lkw vom Hy­dran­ten weg­fah­ren kannst.“
Ich nehme sie ihr ab, werde ihr al­ler­dings nicht sagen, dass dies ein ab­ge­kar­te­tes Spiel war, damit ich etwas Zeit mit ihr al­lein habe.
Jenna macht sich auf den Weg zu­rück ins Haus, aber ich rufe ihr nach: „Warte.“
Sie bleibt ste­hen, dreht sich aber nur halb nach links um, um mich wie­der an­zu­se­hen. Es ist eine Ge­wohn­heit – das merke ich –, die ein­deu­tig dar­auf ab­zielt, nur den un­ver­sehr­ten Teil ihres Ge­sichts in mein Blick­feld zu dre­hen.
Ich kenne diese Frau über­haupt nicht, und ich weiß nicht, ob ich sie nach heute je wie­der­se­hen werde. Aber ich weiß auch, dass ich jetzt kei­nen Rück­zie­her ma­chen werde, und das werde ich auch ihr nicht ge­stat­ten.
Also trete ich auf den Geh­steig und gehe um sie herum, so dass sie ge­zwun­gen ist, sich mir zu­zu­wen­den. Zu mei­ner Freu­de sehe ich, dass sie ohne zu zö­gern den Kopf in den Na­cken legt, um mir in die Augen zu sehen, und in die­sem Mo­ment scheint ihr Mut durch­zu­schim­mern.
„Tut mir leid, wenn du dich un­wohl ge­fühlt hast, als ich vor­hin rein­ge­kom­men bin“, sage ich.
Sie er­rö­tet leicht, hält aber mei­nem Blick stand. „Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Doch, das weißt du“, wi­der­spre­che ich freund­lich. „Du ver­hältst dich ab­wei­send, seit wir uns ken­nen­ge­lernt haben, und ich kann den Mo­ment genau be­stim­men. Das war, als ich die Nar­ben an dei­nem Kie­fer ge­se­hen habe.“ Ich un­ter­strei­che meine Worte mit einem Blick, und sie greift zu ihrem Roll­kra­gen, um ihn hoch­zu­zie­hen.
Ohne nach­zu­den­ken, er­grei­fe ich ihre Hand und hin­de­re sie daran.
Ich ziehe ihre Hand nach unten und sage: „Ver­steck dich nicht.“
Sie blin­zelt mich er­staunt an, aber ich spüre, wie sie sich ent­spannt. Ich lasse ihre Hand los.
„Es tut mir leid. Ge­wohn­heit, denke ich“, brummt sie.
„Das ver­ste­he ich“, ant­wor­te ich lä­chelnd. „Aber ganz ehr­lich, das ist nicht das, was mir zu­erst auf­ge­fal­len ist. Deine Augen und die Art, wie das Licht sich in ihnen brach, haben mich mehr über­rascht als deine Nar­ben. Also ja … mein Blick ist viel­leicht auf dei­nen Kie­fer ge­fal­len, als ich dich das erste Mal ge­se­hen habe, aber wenn du dich zu­rück­er­in­nerst … er ist di­rekt wie­der zu dei­nen Augen ge­wan­dert. Sie sind be­zau­bernd.“
Jenna legt den Kopf schief, die Au­gen­brau­en in of­fen­sicht­li­cher Skep­sis leicht hoch­ge­zo­gen.
„Wenn du dich wegen der Nar­ben un­wohl ge­fühlt hast, dann war das nicht be­ab­sich­tigt. Ich würde dir gerne sagen, dass sie kaum auf­fal­len, aber das wäre ge­lo­gen.“ Jenna zuckt zu­sam­men, aber ich bin noch nicht ganz fer­tig. „Tat­säch­lich sind sie zwar auf­fäl­lig, aber sie sind nicht das, was meine Auf­merk­sam­keit zu­erst er­regt oder ge­fes­selt hat. Deine Augen stel­len die Nar­ben kom­plett in den Schat­ten.“
Wie eine Eule blin­zelt sie mich mit gro­ßen Augen an, als hätte man ihr noch nie ein Kom­pli­ment ge­macht. Ich könn­te noch wei­ter­ma­chen, denn sie ist eine um­wer­fen­de Frau. Ihr Ge­sicht ist wun­der­schön, mit hohen Wan­gen­kno­chen, vol­len Lip­pen und gol­de­nem Haar, das un­end­lich lang in sei­di­gen Wel­len über ihren Rü­cken fließt. Ihre Haut ist ge­bräunt, als wäre Son­nen­schein schon immer ihr stän­di­ger Be­glei­ter ge­we­sen.
Aber vor allem von ihren Augen kann ich den Blick nicht wen­den.
Schließ­lich wird ihre Miene wei­cher, und sie schüt­telt den Kopf. „Tut mir leid. Ich hätte das nicht an mich her­an­las­sen dür­fen.“
„Du musst dich für nichts ent­schul­di­gen“, ver­si­che­re ich ihr.
„Doch“, sagt sie mit einem tie­fen Seuf­zer. „Ich ar­bei­te hart daran, of­fe­ner zu sein und den Men­schen eine Chan­ce zu geben, mir ge­gen­über ehr­lich zu sein. Ich hätte dir einen Ver­trau­ens­vor­schuss geben sol­len. Du bist schließ­lich ziem­lich ein­deu­tig ein net­ter Kerl.“
„Ich bin ein total net­ter Kerl“, be­stä­ti­ge ich und brei­te die Arme aus. „Jetzt kannst du sagen, dass du dei­nen ers­ten Freund in Pitts­burgh ge­fun­den hast.“
Jenna reicht mir schmun­zelnd die Hand. „War schön, dich ken­nen­zu­ler­nen, Gage.“
Ich nehme wie­der ihre wei­che, zarte Hand. „Hat mich auch ge­freut, Jenna, und wenn du mich je­mals dabei er­wischst, wie ich dich an­star­re, kannst du dir si­cher sein, dass es aus­schließ­lich an dei­nen Augen liegt.“
Das soll­te nicht wie ein Flirt rü­ber­kom­men, aber ver­dammt, in mei­nen Ohren klingt es so. Of­fen­sicht­lich auch in Jen­nas – sie er­rö­tet, schafft es aber, einen Scherz zu ma­chen. „Viel­leicht trage ich zu­künf­tig in dei­ner Nähe eine ver­spie­gel­te Pi­lo­ten­bril­le. Ich will ja nicht, dass du gegen Wände rennst oder so.“
Ich lege den Kopf in den Na­cken und lache. Dann drü­cke ich ihre Hand, bevor ich sie los­las­se, und lasse die Schlüs­sel klim­pern. „Ich fahre den Wagen weg und helfe dann aus­pa­cken.“
„Das musst du nicht“, sagt sie, als ich mich an ihr vor­beidrän­ge, um den Lkw zu um­run­den. „Du hast doch si­cher etwas Bes­se­res vor.“
„Es gibt nichts Bes­se­res zu tun, als einer hüb­schen Freun­din zu hel­fen“, ver­si­che­re ich ihr, und es ge­fällt mir, dass ich sie damit wie­der zum Er­rö­ten brin­ge.


Jenna

„Hörst du mir über­haupt zu?“, fragt Emory.
„Klar“, er­wi­de­re ich, ob­wohl ich keine Ah­nung habe, was sie ge­ra­de ge­sagt hat. Zu­min­dest nicht, bevor sie mich dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass ich mit mei­nen Ge­dan­ken ganz wo­an­ders bin.
Wie­der mal bei Gage.
Er ist vor ein paar Stun­den zu­sam­men mit Baden und So­phie ge­gan­gen, nach­dem er mir ge­hol­fen hat, das meis­te aus­zu­pa­cken. Jetzt müs­sen Emory und ich nur noch mein Schlaf­zim­mer ein­rich­ten, was be­deu­tet, ich muss meine Klei­dung aus­pa­cken und das Bett ma­chen. Zum Abend­es­sen haben wir uns Sand­wi­ches lie­fern las­sen, die wir essen wer­den, so­bald wir hier fer­tig sind. Dann wer­den wir auch den Wein auf­ma­chen, den Baden und So­phie als Ein­zugs­ge­schenk mit­ge­bracht haben.
Emory fliegt mor­gen früh zu­rück nach Pho­enix. Sie ist Vi­ze­prä­si­den­tin des Be­reichs di­gi­ta­les Mar­ke­ting und Ana­ly­tik beim Pro­fi-Eis­ho­ckey­team Ari­zo­na Ven­ge­an­ce. Jetzt, wo ich auch für ein pro­fes­sio­nel­les Eis­ho­ckey­team ar­bei­te, geben un­se­re El­tern bei jedem, der es hören will, damit an, und wir fin­den das zum Tot­la­chen.
„Ich sagte ge­ra­de“, wie­der­holt Emory über­trie­ben deut­lich, „dass das Ein­zi­ge, was mir ein gutes Ge­fühl gibt, wenn ich dich mor­gen ver­las­se, ist, dass du an­schei­nend di­rekt ein paar Freun­de ge­fun­den hast, die sich um dich küm­mern wer­den.“
„Aha“, murm­le ich, wäh­rend ich einen Kar­ton mit Des­sous öffne. Alles hüb­sche Sei­den- und Spit­zen­wä­sche, die ich frü­her gerne ge­tra­gen habe, aber jetzt ganz hin­ten in eine Schub­la­de räume. Heute trage ich be­que­me Baum­woll­slips und -BHs. Des­sous sind dazu da, den Kör­per zu zei­gen, und das tue ich nicht mehr.
Tat­säch­lich soll­te ich sie aus­ran­gie­ren. Ich werde sie nie wie­der an­ha­ben.
Statt­des­sen ge­winnt die Nost­al­gie die Ober­hand, und ich be­schlie­ße, das Zeug zu be­hal­ten, weil es mich an etwas er­in­nert, das ich ein­mal hatte und von dem ich dach­te, es sei echt, das sich aber als die größ­te Lüge mei­nes Le­bens her­aus­stell­te.
„Was ist los?“, fragt Emory be­sorgt und be­rührt meine Schul­ter, um mich zu zwin­gen, sie an­zu­schau­en.
Ich schütt­le ihre Hand ab. „Es ist alles in Ord­nung.“ Emory kann manch­mal über­für­sorg­lich sein und wird ner­vös, wenn ich zu still bin.
Aber manch­mal ziehe ich es vor, mit mei­nen Ge­dan­ken al­lein zu sein.
An­de­rer­seits ver­ste­he ich sie. Sie macht sich Sor­gen, dass meine un­aus­ge­spro­che­nen Ge­dan­ken im Au­gen­blick düs­ter sind. Sie hat mo­na­te­lang mit mir gegen eine ge­fähr­li­che Dun­kel­heit ge­kämpft, die von mir Be­sitz er­grif­fen hatte. Emory wird sich immer Sor­gen ma­chen, dass ich dort­hin zu­rück­keh­re, und ich weiß nicht, wie ich sie be­ru­hi­gen kann, denn ich weiß selbst nicht, ob ich davor ge­feit bin.
Aber die Wahr­heit ist, dass sich meine Ge­dan­ken um Gage dre­hen, und die sind ganz si­cher nicht düs­ter oder grüb­le­risch.
Heute war eine wich­ti­ge Lern­er­fah­rung.
Ich habe es ver­säumt, dem Mann einen Ver­trau­ens­vor­schuss zu­zu­ge­ste­hen, ob­wohl ich mir das ver­spro­chen habe. Es ist Teil der neuen Jenna 2.0, einer Frau, die auf­hö­ren wird, nur das Schlech­te in ihren Mit­men­schen und in ihrem Leben im All­ge­mei­nen zu sehen.
Nach­dem Gage mich mit mei­ner Re­ak­ti­on dar­auf kon­fron­tiert hatte, dass er meine Nar­ben be­merkt hatte, fiel mir eine große Last von den Schul­tern. Er hatte völ­lig recht – als sein Blick auf mei­nen Kie­fer und mei­nen Hals fiel, habe ich nichts an­de­res mehr ge­se­hen. Ich nahm an, dass er be­stürzt und an­ge­wi­dert war und nie wie­der etwas an­de­res an mir sehen würde.
Aber ver­dammt noch mal, die­ser Mann hat mich genau mit die­sem Vor­ur­teil kon­fron­tiert. Ab­ge­se­hen von mei­ner Schwes­ter und mei­nen El­tern hat noch nie je­mand so un­ver­blümt mit mir über meine Nar­ben ge­spro­chen, und es kam so echt rüber, dass ich keine an­de­re Wahl hatte, als ihm zu glau­ben.
Doch wenn ich ganz ehr­lich bin, ist das nicht das, was mich be­schäf­tigt. Ich kann nicht auf­hö­ren, über die Tat­sa­che nach­zu­den­ken, dass er von mei­nen Augen fas­zi­niert zu sein scheint. Ich habe sie noch nie für etwas Be­son­de­res ge­hal­ten, aber er sagt, er sieht etwas darin, und es ist schon ver­dammt lange her, dass je­mand etwas Schö­nes in mir ge­se­hen hat.
Emory seufzt und greift in einen Kar­ton, um einen Sta­pel Sport­sa­chen her­aus­zu­ho­len. Ich habe beim Ein­pa­cken nicht ge­ra­de die beste Ar­beit ge­leis­tet, also fängt sie an, meine Sa­chen neu zu fal­ten.
„Bist du auf­ge­regt, weil du mor­gen dei­nen neuen Job an­trittst?“, fragt sie, um als gute Schwes­ter das Thema zu wech­seln.
Ich liebe sie dafür, denn sie lernt lang­sam, sich nicht mehr so sehr um mich zu sor­gen und nicht mehr zu ver­su­chen, all meine Pro­ble­me zu lösen. Sie ahnt gar nicht, wie sehr ich das zu schät­zen weiß. Vor allem, weil sie so be­sorgt dar­über war, dass ich nach Pitts­burgh ziehe.
Sie hatte Angst, ich würde ohne sie an mei­ner Seite nicht klar­kom­men. Au­ßer­dem hatte sie die Be­fürch­tung, dass ich mich noch mehr in mich selbst zu­rück­zie­hen würde, wenn sie nicht da wäre, um mich an­zu­trei­ben.
Ich bin wild ent­schlos­sen, ihr das Ge­gen­teil zu be­wei­sen.
„Ja“, gebe ich zu, wäh­rend ich einen Klei­der­sack vol­ler Out­fits öffne, die auf einen Bügel ge­hö­ren. Ei­ni­ge hat mir Emory über­las­sen, da ich kaum bü­rot­aug­li­che Klei­dung be­sit­ze, weil ich die letz­ten Jahre nicht mehr ge­ar­bei­tet habe. „Ich bin ver­dammt ner­vös. Keine Ah­nung, ob ich für den Job qua­li­fi­ziert bin.“
Emory schnaubt. „Ich be­zweif­le ernst­haft, dass Bri­en­ne Nor­cross dich ein­ge­stellt hätte, wenn du nicht qua­li­fi­ziert wärst.“
„Das ist wahr­schein­lich wahr“, sage ich la­chend.
Ich denke an unser Zoom-Be­wer­bungs­ge­spräch zu­rück und bin er­staunt, wie leicht es war, mit Bri­en­ne zu reden.
„Nen­nen Sie mich Bri­en­ne, nicht Miss Nor­cross“, hat sie gleich zu Be­ginn ge­be­ten. „Mir graust es vor förm­li­chen An­re­den.“
Ich habe schon häu­fi­ger er­lebt, dass Ar­beit­ge­ber das sag­ten und es nicht so mein­ten, aber ir­gend­wie glaub­te ich ihr.
Das Vor­stel­lungs­ge­spräch dau­er­te acht­zig Mi­nu­ten, aber es fühl­te sich an, als wären es nur etwa fünf ge­we­sen. Es war so ein­fach, mit ihr zu reden, ob­wohl sie schwie­ri­ge Fra­gen stell­te. Sie sto­cher­te in mei­ner bis­he­ri­gen be­ruf­li­chen Lauf­bahn herum, um meine Stär­ken und Schwä­chen auf­zu­spü­ren. Es war klar, dass sie mich nicht an­heu­ern würde, nur weil Baden sie um einen Ge­fal­len ge­be­ten hatte. Sie über­prüf­te mich gründ­lich.
Ich war etwas re­ser­viert, als sie mir die Auf­ga­be ge­nau­er er­klär­te. Sie woll­te mich als Kon­takt­per­son für die Me­di­en ein­stel­len, als Ver­mitt­le­rin zwi­schen dem Ver­ein und den Me­di­en in all ihren ver­schie­de­nen For­men. Das kön­nen die so­zia­len Me­di­en, Print­me­di­en oder auch die Nach­rich­ten­sen­der sein.
In die­sem Au­gen­blick muss­te ich mit ei­ni­gen per­sön­li­chen Wahr­hei­ten her­aus­rü­cken.
„Ich muss doch nicht vor der Ka­me­ra ste­hen, oder?“, frag­te ich zö­gernd.
Bri­en­ne Nor­cross ist wun­der­schön, wie ein Su­per­mo­del, mit fast ma­kel­lo­ser Haut, aber ihre Stirn legte sich in tiefe Fal­ten. „Warum fra­gen Sie? Sie wir­ken nicht schüch­tern.“
Ich hatte einen Roll­kra­gen­pull­over an … ob­wohl es in Pho­enix Fe­bru­ar war und ein biss­chen zu warm, trug ich die Din­ger, wann immer ich konn­te. Wenn ich kei­nen zur Hand hatte, trug ich einen Schal.
Ner­vös zupf­te ich an mei­nem Kra­gen. „Es ist nur … ich bin ein biss­chen scheu wegen mei­ner Nar­ben.“
Baden hatte ihr ei­ni­ge grund­le­gen­de In­for­ma­tio­nen über mich ge­ge­ben, auch über meine Ver­let­zun­gen, de­ret­we­gen ich lange Zeit nicht ge­ar­bei­tet habe. Aber das war bis zu die­sem Zeit­punkt nicht zur Spra­che ge­kom­men, und ich be­zwei­fel­te, dass sie es er­wähnt hätte, wenn ich es nicht getan hätte. „Ich ver­ste­he Ihre Angst.“ Bri­en­nes Ton­fall war sach­lich. „Aber es ist nicht meine Ab­sicht, Sie vor Ka­me­ras zu stel­len. Ich habe einen Pres­se­spre­cher, aber die meis­ten Me­di­en­auf­trit­te mache ich selbst.“
Ich seufz­te er­leich­tert, auch wenn ich wuss­te, dass ich mich trotz­dem in Szene würde set­zen müs­sen. Auch wenn ich nicht vor der Ka­me­ra ste­hen muss­te, be­deu­te­te die Ar­beit als Me­di­en­kon­takt­frau, dass ich mit Men­schen zu tun haben würde.
Aber ich konn­te mich nicht hin­ter dem Rech­ner ver­ste­cken wie das ganze letz­te Jahr, als ich bei Emory lebte und als Re­dak­teu­rin ar­bei­te­te.
Das war alles Teil des Jen­na-2.0-Wie­der­auf­bau­plans.
Mich mit der Welt da drau­ßen zu kon­fron­tie­ren.
Ich muss ler­nen, wie­der ein Teil der Ge­sell­schaft zu sein, denn ganz ehr­lich … es ist ein­sam, sich zu ver­ste­cken.
„Du wirst das ganz toll ma­chen, und ich bin so stolz auf dich“, sagt Emory, wäh­rend sie ein wei­te­res T-Shirt fal­tet und es auf einen Sta­pel auf dem Bett legt.
„Dass du immer an mich ge­glaubt hast, hat mir Mut ge­macht“, ant­wor­te ich un­be­schwert.
Emory ist di­rekt nach mei­ner Ver­let­zung und wäh­rend mei­ner Re­kon­va­les­zenz an mei­ner Seite ge­blie­ben und hat mich dazu ge­drängt, nach Pho­enix zu zie­hen, um aus mei­ner Kom­fort­zo­ne her­aus­zu­kom­men. Ohne sie würde ich mich immer noch im Haus un­se­rer El­tern ver­ste­cken, wo ich nach mei­ner Ent­las­sung aus der Reha ge­lan­det bin.
Das scheint eine Ewig­keit her zu sein.
Die­ses Feuer hat alles in mei­nem Leben ver­än­dert. Ich hatte eine er­staun­li­che Kar­rie­re und die per­fek­te Be­zie­hung zu einem Mann, den ich an­be­te­te, sowie zu sei­ner Toch­ter Chel­sea, die mein Ein und Alles war. Wir leb­ten als Fa­mi­lie zu­sam­men, er teil­te sich das Sor­ge­recht für Chel­sea mit sei­ner Ex-Frau. Sogar über eine Ehe hat­ten wir ge­spro­chen, und ich wuss­te, dass ein An­trag be­vor­stand.
Dann brach das Feuer aus, und ich hatte Glück, dass ich mit dem Leben da­von­kam. Meine Ge­ne­sungs­zeit war bru­tal. Wo­chen im künst­li­chen Koma, Dut­zen­de schmerz­haf­te Haut­trans­plan­ta­tio­nen, in­ten­si­ve Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men, wei­te­re Ope­ra­tio­nen und die psy­chi­sche Be­las­tung, mit mei­ner Ent­stel­lung fer­tig zu wer­den. Die Welt sieht die Nar­ben an mei­nem Kie­fer und mei­nem Hals, aber das Schlimms­te sehen sie nicht – die an mei­nen Schul­tern und am ge­sam­ten Rü­cken, am Hin­tern und an Tei­len mei­ner Beine. Ro­sa­far­be­ne, von blas­sen, wei­ßen Li­ni­en durch­zo­ge­ne Haut, die ich nur un­gern im Spie­gel be­trach­te.
Aber was ich nicht sehen will, muss ich füh­len. Beim Baden muss ich mit den Fin­gern über die ver­här­te­te Haut fah­ren, die die Schön­heits­chir­ur­gen bei allem Ge­schick nicht in Ord­nung brin­gen konn­ten.
Das ist der Teil von mir, den nie­mand je­mals sehen wird, und zwar nicht, weil ich mich von Natur aus für mich schä­me – meine El­tern haben mir bei­ge­bracht, selbst­be­wusst zu sein und zu wis­sen, dass Äu­ßer­lich­kei­ten zweit­ran­gig sind.
Nein, mein Freund Paul hat mein Selbst­wert­ge­fühl zer­stört, weil er mich da­nach kaum noch an­se­hen konn­te. Er konn­te mich nicht be­rüh­ren.
Schließ­lich ver­ließ er mich.
Nur wegen mei­nes Aus­se­hens.
Das war eine un­schö­ne Lek­ti­on, die ich ler­nen muss­te, … dass unser Wert, den wir in den Augen an­de­rer haben, mit un­se­rer kör­per­li­chen Er­schei­nung ver­bun­den ist.
Es tat zwar weh, dass Paul nicht über meine Ent­stel­lung hin­weg­se­hen konn­te, aber noch mehr schmerz­te es, dass er Chel­sea aus mei­nem Leben riss.
Ich habe in­zwi­schen ver­stan­den, dass er ein Feig­ling war. Er ver­such­te, sich ein Dut­zend ver­schie­de­ner Grün­de ein­fal­len zu las­sen, die alle ver­lo­gen klan­gen. Aber am Ende gab er zu, dass meine Ver­bren­nun­gen zu viel für ihn waren. Das war etwas, was ich ihm ir­gend­wann ver­zieh, aber ich kam nicht dar­über hin­weg, dass er mir Chel­sea vor­ent­hielt. Zwei Jahre lang hatte ich an ihrem Leben teil­ge­nom­men, und als ich mich so weit er­holt hatte, dass ich die Kli­nik ver­las­sen konn­te, ließ er mich nicht zu ihr.
Wie­der wan­dern meine Ge­dan­ken zu Gage. Ich weiß, dass es daran liegt, dass er der erste Mann seit dem Feuer ist, der mir ein Kom­pli­ment ge­macht hat. Es tut weh zu mer­ken, wie sehr meine Ei­tel­keit dar­auf an­springt.
Ich glau­be, er hat tat­säch­lich mit mir ge­flir­tet.
Oder er woll­te mich durch den Flirt auf­hei­tern, also war es viel­leicht nicht echt.
Nein, ich glau­be, es war echt.
Er wirkt auf­rich­tig.
„Okay“, sagt Emory ge­nervt. Ich drehe mich zu ihr um und sehe sie mit hoch­ge­zo­ge­nen Brau­en an. „Was ist los? Du bist still und in dich ge­kehrt. Na gut, das ist total Jen­na-mä­ßig. Aber du hast dabei die­ses selt­sa­me Lä­cheln im Ge­sicht, und das macht mir Angst.“
Ich lache, bei dem Ge­dan­ken daran, dass es ihr Angst macht, dass ich gleich­zei­tig still bin und läch­le. So etwas hat sie schon lange nicht mehr ge­se­hen.
Emory ist der ein­zi­ge Mensch, zu dem ich immer ehr­lich sein kann, auch wenn es mir ein wenig pein­lich ist, das zu­zu­ge­ben: „Ich habe an Gage ge­dacht.“
„Ach, wirk­lich?“, sagt sie ge­dehnt und wirft das T-Shirt in ihrer Hand zu­rück in den Kar­ton. Sie setzt sich auf die Bett­kan­te und starrt mich ge­spannt an. „Er­zähl mir mehr.“
Ich schütt­le den Kopf und lache wie­der. „Nein, es ist nicht, was du denkst. Zu­min­dest glau­be ich das nicht. Aber ich hatte einen Mo­ment mit ihm … einen ech­ten Mo­ment. Es war selt­sam und gut, und ich kann nicht auf­hö­ren, dar­über nach­zu­den­ken.“
Emory beugt sich ge­bannt vor. Ich setze mich neben sie, und wir ste­cken die Köpfe zu­sam­men, un­se­re Knie be­rüh­ren sich. „Als er das erste Mal die Woh­nung be­trat, wan­der­te sein Blick dort­hin, wohin die Bli­cke aller Men­schen wan­dern.“
Emory nickt wis­send. „Da hast du dich zu­rück­ge­zo­gen und dicht ge­macht. Bla, bla, bla. Ich habe diese Ge­schich­te schon zu oft ge­hört und er­lebt.“
Of­fen­bar hat meine Schwes­ter in den letz­ten Mo­na­ten ei­ni­ges an Frus­tra­ti­on mit mir er­lebt, wäh­rend ich daran ge­ar­bei­tet habe, mein Selbst­ver­trau­en wie­der­zu­er­lan­gen. Doch ich igno­rie­re ihre Spit­ze. „Aber … er hat da­nach drau­ßen total ehr­lich mit mir ge­re­det. Er hat zu­ge­ge­ben, dass er meine Nar­ben ge­se­hen hat, aber er hat be­haup­tet, das sei nicht das Erste ge­we­sen, was ihm auf­ge­fal­len ist.“
Emory beugt sich noch wei­ter vor. „Son­dern?“
„Meine Augen.“ Ich seuf­ze leise. „Er hat ge­sagt, meine Augen hät­ten ihn mehr ge­fes­selt als die Nar­ben.“
Emo­rys Mund bleibt leicht ge­öff­net. „Das hat Gage ge­sagt?“
Ich nicke über­schwäng­lich und freue mich, dass ich das mit mei­ner Schwes­ter tei­len kann. „Das hat nichts zu be­deu­ten … aber ja, ein ech­tes Kom­pli­ment, und er hat bru­tal offen zu­ge­ge­ben, dass er meine Nar­ben ge­se­hen hat. Die meis­ten Men­schen wen­den sich ver­le­gen ab und wol­len ihre Exis­tenz unter den Tep­pich keh­ren. Aber er hat sie als Teil von mir ge­se­hen, und sie haben ihm nichts aus­ge­macht. Sie waren nicht das Wich­tigs­te, was er sah. Son­dern meine Augen.“
Emory sieht mich ein paar Se­kun­den lang nach­denk­lich an, dann grinst sie. „Er ist ein net­ter Kerl, das muss ich zu­ge­ben. Baden hat nur Gutes über ihn zu be­rich­ten, und … er ist un­glaub­lich gut­aus­se­hend.“
Ich zucke die Ach­seln, als ob ich das nicht be­merkt hätte.
Aber es ist mir sehr wohl auf­ge­fal­len.
Er ist groß, gut ge­baut, und apro­pos Augen … seine sind auch un­glaub­lich. Er trägt sein dunk­les Haar ak­ku­rat ge­stutzt und ge­schei­telt und hat sehr helle ha­sel­nuss­brau­ne Augen, die fast über­ir­disch strah­len. Als er drau­ßen stand und sich ent­schul­dig­te, konn­te ich nicht umhin, sie zu be­trach­ten. Als er mir ein Kom­pli­ment für meine Augen mach­te, woll­te ich her­aus­plat­zen, dass seine auch wun­der­schön sind, aber dann wäre ich auf der Stel­le vor Scham ge­stor­ben.
„Er sagte, er sei jetzt of­fi­zi­ell mein ers­ter neuer Freund hier in Pitts­burgh“, fahre ich fort und ver­su­che, die Auf­merk­sam­keit von der Tat­sa­che ab­zu­len­ken, dass ich von einem Mann, der mir ein Kom­pli­ment ge­macht hat, völ­lig er­grif­fen war. Es be­deu­tet nur, dass er ein sehr net­ter Kerl ist.
„Das glau­be ich“, sagt Emory lä­chelnd und um­armt mich. „Du ver­dienst alle Freun­de, die du krie­gen kannst, und alles Glück.“
Als sie mich wie­der los­lässt, legt sie die Hände auf meine Schul­tern und sieht mich an. „Aber weißt du, wenn das hier nicht klappt, kannst du je­der­zeit zu mir nach Hause kom­men, nach Pho­enix. An mei­ner Seite ist immer ein Platz für dich.“
„Ich weiß“, ant­wor­te ich leise und lege die Hände auf ihre, „und dafür liebe ich dich. So wie ich dich dafür liebe, dass du mir diese Chan­ce gibst, meine Flü­gel aus­zu­brei­ten.“

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.