Jameson Force Security Group: Codename: Ghost

Ori­gi­nal­ti­tel: Code Name: Ghost
Über­set­zer: Joy Fra­ser

Er­schie­nen: 04/2021
Serie: Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group
Teil der Serie: 5

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Pitts­burgh




Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

Er­hält­lich bei u.a.:

und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Jameson Force Security Group: Codename: Ghost


In­halts­an­ga­be

Ich war mir über die Ri­si­ken mei­ner Ar­beit be­wusst, als ich den Job bei der Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group an­nahm. Ich dach­te, dass meine Zeit als Ma­ri­ne mich auf die Ge­fahr vor­be­rei­ten würde, der ich mich zu stel­len hatte. Aber kein Trai­ning hätte mich je­mals auf die Hilf­lo­sig­keit vor­be­rei­ten kön­nen, meine Team­kol­le­gen ster­ben zu sehen, den qual­vol­len men­ta­len und phy­si­schen Schmerz der Fol­ter oder die Ver­zweif­lung wäh­rend der Ge­fan­gen­schaft.

Als ich nach einer fehl­ge­schla­ge­nen Mis­si­on nach Pitts­burgh zu­rück­keh­re, bin ich vol­ler Schuld­ge­füh­le und werde von Alb­träu­men heim­ge­sucht. Ich ver­brin­ge meine Tage damit, den Teil von mir wie­der­zu­fin­den, den ich in der Wüste ver­lo­ren habe. Der Teil, der mich zu dem Malik Four­nier ge­macht hat, der ich ein­mal war.

Wäh­rend die kör­per­li­chen Aus­wir­kun­gen der Fol­ter nach­las­sen, er­wei­sen sich die emo­tio­na­len als viel hart­nä­cki­ger. Trost finde ich aus­ge­rech­net bei der Per­son, bei der ich nie­mals Mit­ge­fühl su­chen soll­te, denn Anna Tate hat durch diese Mis­si­on noch mehr ver­lo­ren als ich. Nun ist Anna Witwe und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter einer Toch­ter, die sie kurz nach dem Tod ihres Man­nes zur Welt ge­bracht hat.

Sie bie­tet mir Trost, den ich nicht ver­die­ne. Wäh­rend meine Ge­füh­le für Anna wach­sen, mache ich mir Sor­gen, dass sie mich ver­lässt, so­bald sie die Wahr­heit über das, was wirk­lich pas­siert ist, er­fährt. Ich ziehe Anna ge­nau­so fest an mich heran, wie ich sie von mir weg­schie­be. Die Hoff­nung auf diese ver­bo­te­ne Liebe wird mich vor dem Geist ret­ten, zu dem ich ge­wor­den bin.

Teil 5 der Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group-Rei­he von New York Times-Best­sel­ler­au­to­rin Sa­wy­er Ben­nett.

Über die Au­to­rin

Seit ihrem De­büt­ro­man im Jahr 2013 hat Sa­wy­er Ben­nett zahl­rei­che Bü­cher von New Adult bis Ero­tic Ro­mance ver­öf­fent­licht und es wie­der­holt auf die Best­sel­ler­lis­ten der New York Times und USA Today ge­schafft.
Sa­wy­er nutzt ihre Er­fah­run­gen als ehe­ma­li­ge Straf­ver­tei­di­ge­rin in...

Wei­te­re Teile der Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group Serie

Le­se­pro­be

Cruce sieht mich an. „Wie geht’s der Klei­nen? Wächst und ge­deiht?“
„Ja.“ So­fort hole ich mein Handy aus der Hand­ta­sche und zeige ihm Fotos.
„Die musst du un­be­dingt Bar­rett schi­cken“, sagt er und lacht. „Sie ist im Ba­by­fie­ber.“
„Wirk­lich?“ Ich hebe die Au­gen­brau­en. „Ver­sucht ihr beide es?“
„Ja, wenn wir mal auf der­sel­ben Seite des Kon­ti­nents sind“, über­treibt er bit­ter.
Malik wirkt ver­wirrt, also kläre ich ihn auf. „Bar­rett reist stän­dig nach Ka­li­for­ni­en, wo sie einem pri­va­ten For­schungs­kon­sor­ti­um hilft, einen Re­ak­tor für Fu­si­ons­ener­gie zu ent­wi­ckeln.“
Malik blin­zelt ein paar­mal. „Klingt nach einer klu­gen Frau.“
„Dop­pel­ter Dok­tor­ti­tel als Elek­tro­in­ge­nieu­rin und Phy­si­ke­rin“,...

...​antwortet Cruce laut­stark und wölbt stolz die Brust. Dann geht er dich­ter an Malik heran, sieht sich kurz um, ob je­mand lauscht. „Aber davon darf man sich nicht blen­den las­sen. Sie ist au­ßer­dem noch ver­dammt heiß.“
Ich schnau­be und Malik lacht auf. „Zur Kennt­nis ge­nom­men.“
Wir fül­len uns die Tel­ler mit Rin­der­len­de mit schar­fer Meer­ret­tich­krus­te, Shrimps mit Ca­jun-Ge­würz, gla­sier­ten Ka­rot­ten, Nu­del­sa­lat, Teig­ta­schen und Auf­schnitt von einer Wurst- und Schin­ken­plat­te. Die Por­tio­nen auf mei­nem Tel­ler sind klein und ge­ord­net, wäh­rend Ma­liks Tel­ler mit einem hohen Berg be­la­den ist.
Cruce setzt sich mit uns an einen Tisch, an dem sich be­reits Ladd Mc­Der­mott und Jack­son Gale be­fin­den. Beide wur­den erst ein­ge­stellt, als Malik in Ge­fan­gen­schaft war, also stel­le ich die Män­ner ein­an­der vor. Die bei­den sind ent­spann­te Typen und hei­ßen Malik so­fort will­kom­men. Mit ein­und­vier­zig ist Ladd einer un­se­rer äl­tes­ten Agen­ten. Seine Haare sind vor­zei­tig sil­bern ge­wor­den und er trägt sie kurz und nach vorn ge­kämmt. Seine ste­chen­den blau­en Augen wirk­ten erst eisig, doch er ist ein net­ter Kerl, wie ich bei un­se­rem we­ni­gen Kon­takt be­reits fest­stel­len konn­te. Kynan hat mir ge­sagt, dass er frü­her beim CIA war, also hat er be­stimmt eine Menge coole Ge­schich­ten auf Lager.
Jack­son ist un­ge­fähr in Ma­liks Alter und ein frü­he­rer Navy SEAL. Cage hat ihn vor ein paar Mo­na­ten zu Ja­me­son ge­bracht. Ob­wohl er erst Mitte zwan­zig ist, hat er die Aus­strah­lung eines äl­te­ren Man­nes. Na­tür­lich nicht kör­per­lich, son­dern geis­tig. Es scheint, als hätte er schon Dinge ge­se­hen, die er nicht ge­se­hen haben soll­te, und als hätte er da­durch eine Weis­heit er­langt, die an­de­re in sei­nem Alter noch nicht haben.
„Wo ist Cage?“, fragt Jack­son.
„In San Fran­cis­co“, ant­wor­te ich und schnei­de in mein Fleisch. „Er und Ra­chel hal­ten die ganze Woche auf einer Si­cher­heits­kon­fe­renz Vor­trä­ge.“
Ra­chel ist Kyn­ans Stell­ver­tre­te­rin und führt das Büro in Vegas. Ich habe sie noch nicht per­sön­lich ken­nen­ge­lernt, aber schon oft mit ihr te­le­fo­niert und über Skype ge­spro­chen. Sie ist un­glaub­lich cool. Das ist einer der vie­len Grün­de, warum ich so gern bei Ja­me­son ar­bei­te und Kynan als Boss habe. Er gibt Frau­en lei­ten­de Po­si­tio­nen und glaubt nicht daran, dass ihr Ge­schlecht ein Hin­der­nis ist.
Ich denke oft dar­über nach, ob ich auch ein­mal in eine bes­se­re Po­si­ti­on rut­schen kann. Im­mer­hin habe ich eine mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Ich bin mutig und aben­teu­er­lus­tig und scheue nicht vor Her­aus­for­de­run­gen zu­rück. Ob­wohl ich gut als Kyn­ans As­sis­ten­tin bin, weiß ich doch, dass ich noch mehr zu bie­ten habe.
„Ich würde heute gern noch ins The Bas­e­ment gehen“, sagt Jack­son zu Malik. „Kommst du mit?“
Zu mei­ner Über­ra­schung sieht Malik mich an. Ob­wohl sein Aus­druck neu­tral bleibt, kann ich die Frage in sei­nen Augen lesen.
Soll ich?
Er fragt das nicht aus Be­sitz­an­spruchs­grün­den mei­ner­seits, son­dern weil er wis­sen will, ob ich ihn für be­reit halte, sich mit sei­nen neuen Kol­le­gen ins Nacht­le­ben zu stür­zen.
„Dann soll­te man bes­ser alle un­ge­bun­de­nen Frau­en da drau­ßen war­nen“, sage ich mit einem Zwin­kern.
Malik fasst das als meine Zu­stim­mung auf. Ja, ich glau­be, das würde ihm gut­tun. Au­ßer­dem soll­te er Be­zie­hun­gen mit sei­nen Team­mit­glie­dern auf­bau­en.
„Und was ist mit dir?“, fragt er Ladd.
Der schüt­telt den Kopf. „Sorry, habe schon etwas an­de­res vor, aber viel­leicht ein an­der­mal. Die haben da die­ses neue Axt­wer­fen, und das klingt ganz nach mei­nem Ge­schmack.“
„Komm doch auch mit, Anna“, sagt Malik, als ich mich zu ihm drehe.
Wie­der ist sei­nem Aus­druck nichts ab­zu­le­sen und sein Ton­fall ist auch neu­tral, und es klingt nicht nach rei­ner Höf­lich­keit, son­dern es scheint ihm eher wich­tig zu sein, dass ich mit­kom­me.
So­fort schlägt Jack­son in die­sel­be Kerbe und kor­ri­giert seine Ein­la­dung. „Na­tür­lich, Anna. Du kannst auch mit­kom­men. Ich woll­te dich nicht aus­schlie­ßen. Ich habe nur an­ge­nom­men, dass du zu Avery nach Hause musst.“
„Meine Mom hat sie heute“, ant­wor­te ich mit einem ver­ständ­nis­vol­len Lä­cheln. Den­noch ist mir klar, dass die Ein­la­dung teil­wei­se doch ex­klu­siv war, und zwar nicht, weil Jack­son ein blö­der Kerl ist. Son­dern weil ich nicht wirk­lich zu die­sem Team ge­hö­re. Ich bin nur Kyn­ans As­sis­ten­tin, was kein Ver­gleich ist zu der Be­zie­hung, die die Agen­ten un­ter­ein­an­der haben, die ge­mein­sam bei Ope­ra­tio­nen ihr Leben aufs Spiel set­zen.
Viel­leicht soll­te ich mit Kynan über eine Be­för­de­rung spre­chen. Ich bin si­cher, dass ich im Team dien­li­cher wäre, auch wenn Jimmy sich im Grab um­dre­hen würde, wenn ich an so etwas auch nur denke.
Lie­ber werde ich vor­her mit Malik dar­über reden und mal ab­war­ten, was er davon hält.
Plötz­lich wird mir klar, dass Malik zu mei­ner Ver­trau­ens­per­son ge­wor­den ist, an die ich mich wende, wenn es um le­bens­ent­schei­den­de Ent­schlüs­se geht.
Jimmy ist nicht mehr für mich da.
Mom würde nur sagen, dass ich Blöd­sinn rede.
Meine beste Freun­din würde es nicht ver­ste­hen.
Cage ist zu sehr mit sei­ner neuen Liebe be­schäf­tigt.
Aber Malik wird mich ver­ste­hen. Er lässt mich dar­über reden. Viel­leicht wird er nicht zu­stim­men, aber er würde trotz­dem alles in Be­we­gung set­zen, damit ich meine Ziele er­rei­che. Mir fällt auf, dass es eine Menge Ver­trau­en ist, das ich in ihn setze, doch das än­dert nichts an der Tat­sa­che.


Malik

Anna beugt den Arm, ver­engt kon­zen­triert die Augen und ihre Zun­gen­spit­ze lugt seit­lich ein Stück aus ihrem Mund her­aus, was ab­so­lut be­zau­bernd ist. Sie hält inne, vi­siert das Ziel an und lässt die Axt flie­gen. Mü­he­los se­gelt diese durch die Luft und trifft mit­ten ins Zen­trum, ins Bull­seye.
„Ver­dammt“, brummt Jack­son ge­schla­gen und kippt sein Bier ab. „So was habe ich noch nie er­lebt.“
Anna dreht sich uns zu. In ihren Augen glän­zen Tri­umph und Al­ko­hol. Ich halte meine Hand hoch und sie gibt mir ein hef­ti­ges High Five. Wi­der­wil­lig macht Jack­son die­sel­be Geste. Seit fünf Spie­len tritt Anna uns nun schon in den Hin­tern. Auch wenn mein männ­li­ches Ego lang­sam Del­len be­kommt, ge­nie­ße ich es umso mehr, wie Anna sich amü­siert. Am Wo­chen­en­de, als ich bei ihr war, um das Er­satz­teil in den Ge­schirr­spü­ler ein­zu­bau­en, hat sie zu­ge­ge­ben, sich manch­mal schul­dig zu füh­len, wenn sie fröh­li­che Mo­men­te hat. Ich kenne das Ge­fühl. Es fällt einem schwer, sich sein Glück zu er­lau­ben, wenn gute Men­schen wie Jimmy und Sal das nicht mehr kön­nen. Ich habe ihr dazu etwas ge­sagt und hoffe, dass sie sich noch lange daran er­in­nern wird.
„Jimmy würde wol­len, dass du glück­lich bist.“
Jack­son nimmt sein Handy von dem Steh­tisch, um den wir ver­sam­melt sind, und ist eine Weile dar­auf kon­zen­triert. „Ich muss jetzt gehen“, ver­kün­det er dann.
„Hei­ßes Date?“, neckt ihn Anna, nimmt ihr Bier in die Hand und trinkt einen Schluck.
Sie trinkt jetzt lang­sa­mer, hat aber trotz­dem schon ein paar intus. Was ihre Ziel­si­cher­heit beim Axt­wurf umso er­staun­li­cher macht.
„Du bist eine Lady“, neckt er sie im Ge­gen­zug. „Also ja … nen­nen wir es ein Date.“
Anna schnaubt und stößt mir leicht in die Rip­pen. „Er meint eine Er­obe­rung.“
„Ja, habe ich ka­piert“, ant­wor­te ich mit einem La­chen.
Eine Kell­ne­rin kommt vor­bei und fragt uns, ob wir noch eine Runde wol­len. Aus Rück­sicht auf Anna lehne ich ab, denn sie hat si­cher­lich be­reits genug, und ich möch­te nicht, dass sie sich mor­gen die Seele aus dem Leib kotzt. Über mich selbst mache ich mir nor­ma­ler­wei­se keine sol­chen Ge­dan­ken, aber da ich noch um die zehn Kilo zu­neh­men muss und seit Mo­na­ten kei­nen Al­ko­hol mehr hatte, ist es auch für mich Zeit, auf­zu­hö­ren.
Wir be­zah­len un­se­re Rech­nung und Jack­son ver­ab­schie­det sich und ver­spricht Anna eine bal­di­ge Re­van­che. Wir gehen durch den Nacht­club. Die meis­ten Leute kom­men zum Trin­ken und Tan­zen her und wir wegen des neuen Un­ter­hal­tungs­be­reichs, wie zum Bei­spiel dem be­lieb­ten Axt­wer­fen.
Als wir in die kalte De­zem­ber­luft tre­ten, ma­chen wir die Reiß­ver­schlüs­se un­se­rer Ja­cken zu. Auch wenn es heute viel käl­ter ist, als die Näch­te in Sy­ri­en waren, emp­fand ich es dort viel fros­ti­ger, weil ich kei­nen Schutz da­ge­gen hatte. Ich würde sogar so weit gehen, zu be­haup­ten, dass Ein­sam­keit und Iso­la­ti­on einen noch käl­ter füh­len las­sen.
Anna öff­net die Uber-App in ihrem Handy und be­stellt einen Fah­rer.
„Ich fahre mit dir und dann wei­ter zu Ja­me­son.“
„Das musst du nicht. Es ist nur eine kurze Stre­cke.“
„Und du könn­test dir ver­se­hent­lich Jef­frey Dah­mer als Fah­rer be­stel­len“, gebe ich zu be­den­ken.
Anna schnaubt. „Der ist ho­mo­se­xu­ell. Ich glau­be nicht, dass ich sei­nen Ge­schmack tref­fe.“
Ich sehe sie streng an. „Der Punkt ist, dass du ir­gend­je­man­des Ge­schmack tref­fen könn­test. Ich fahre mit dir, das ist mein letz­tes Wort.“
„Na gut“, gibt sie leicht be­ne­belt grin­send nach. „Du bist so ein Höh­len­mensch.“
„Pass auf, dass ich dir nicht eins über den Schä­del schla­ge und dich an den Haa­ren in meine Höhle zerre.“
Anna lacht, steckt ihr Handy weg und hakt sich bei mir unter. Sie lehnt sich an mich und drückt mei­nen Arm. „Mit dir macht es echt viel Spaß, Malik.“
„Dito“, hau­che ich. Ich er­ken­ne die kras­se Wahr­heit darin, was mich immer noch ir­gend­wie be­schämt. Doch ich habe mich ent­schlos­sen, mich ein­fach trei­ben zu las­sen, denn das Leben ist ver­flucht kom­pli­ziert.
Unser Fah­rer ist ein ver­pi­ckel­ter Ju­gend­li­cher, der die ganze Zeit plap­pert. Er stu­diert an der Du­ques­ne Uni und hat ge­ra­de erst als Uber-Fah­rer an­ge­fan­gen, um sich etwas da­zu­zu­ver­die­nen. Anna trifft nicht viele frem­de Men­schen und plau­dert lo­cker mit. Ich ver­su­che, zu igno­rie­ren, dass sie beim Ein­stei­gen nicht ganz rü­ber­ge­rutscht ist, so­dass sich un­se­re Arme und Beine be­rüh­ren. Das ist ganz un­schul­dig, den­noch habe ich das Ge­fühl, als ob sich ihre Hitze durch mei­nen Parka brennt. Ich ver­su­che, es zu igno­rie­ren, und schie­be diese Ge­dan­ken auf den Al­ko­hol, den ich intus habe.
Der Wagen fährt vor Annas Haus vor, und ich öffne die Tür, weil ich auf der rech­ten Seite sitze. Bevor ich aus­stei­ge, in­for­mie­re ich den Fah­rer, dass ich noch eine Meile wei­ter­fah­ren muss.
„Sorry, Mann“, ant­wor­tet er. „Ich hab schon wie­der den nächs­ten Auf­trag.“
„Kein Pro­blem.“ Ich stei­ge aus und rei­che Anna die Hand. Auf leicht wa­cke­li­gen Bei­nen steigt sie auf den Geh­weg. Ich halte sie fes­ter, um sie zu sta­bi­li­sie­ren, und dann lasse ich sie wie­der los.
So­bald ich die Tür zu­ge­wor­fen habe, fährt der Fah­rer wie­der los. Anna holt ihr Handy her­vor und ad­diert in der App noch ein Trink­geld für ihn dazu. Ich grei­fe nach mei­nem Handy, um mir einen ei­ge­nes Uber zu be­stel­len, doch Anna packt mich am Hand­ge­lenk.
„Du kannst gern bei mir war­ten, wo es warm ist.“
„Ich weiß nicht so recht …“
„Ach, komm schon. Ich habe ges­tern einen Ku­chen ge­ba­cken und noch genau zwei Stück­chen übrig.“
Ich be­trach­te Anna. Ihre Wan­gen sind rosa von der Kälte und das Haar wallt ihr über die Schul­tern. In dem wei­chen Licht der Haus­be­leuch­tung er­schei­nen ihre Augen mehr blau als grau und sie fun­keln vor guter Laune und Al­ko­hol.
Ich soll­te Nein sagen, aber ich glau­be nicht, dass das in mei­ner Macht steht, denn ich möch­te nicht, dass der Abend schon endet. Ich ge­nie­ße es viel zu sehr, bei ihr zu sein. Wie sie mich er­füllt, fin­det meine ge­schun­de­ne Seele ein­fach viel zu schön, um es auf­zu­ge­ben.
„Gut“, knur­re ich und biete ihr mei­nen Arm an. Sie hakt sich wie­der bei mir unter und wir gehen zur Haus­tür. „Ich kann ja mal deine Back­küns­te tes­ten.“
„Ehr­lich ge­sagt“, flüs­tert sie ver­schwö­re­risch, „kann ich gar nicht gut ba­cken, aber es ist Scho­ko­la­de drin, also ist es ess­bar.“
„Ich bin aben­teu­er­lus­tig, los geht’s.“
Wir gehen nach oben zu Annas Apart­ment, und ich ver­su­che, das na­gen­de Ge­fühl zu ver­drän­gen, dass das hier ein Feh­ler ist. Wenn ich nor­ma­ler­wei­se nach einem feucht­fröh­li­chen Abend in das Apart­ment einer Frau gehe, denke ich nur an eins. Sex.
Und daran denke ich ge­ra­de über­haupt nicht.
Ich schwö­re es.
Ich denke auf viele un­an­ge­brach­te Arten an Anna. Wie gern ich bei ihr bin und dass sie die schöns­te Frau ist, die ich je ge­se­hen habe, doch kein ein­zi­ges Mal habe ich es mir ge­stat­tet, auf se­xu­el­le Weise an sie zu den­ken.
Aber jetzt denke ich daran.
Fuck!
Als Anna ihre Tür auf­schließt, werde ich von mas­si­ven Zwei­feln über­rollt. „Weißt du was … viel­leicht be­stel­le ich doch lie­ber den Fah­rer.“
„Ach, sei kein Baby.“ Sie lacht und schiebt mich durch die Tür. „Ich schwö­re, dass dich mein Ku­chen nicht ver­gif­ten wird.“
Sie geht durchs Wohn­zim­mer in die Küche. Hilf­los folge ich ihr, denn ich will ver­dammt noch mal nicht, dass der Abend schon vor­bei ist.
„Willst du Sahne auf dem Ku­chen?“, fragt Anna, als ich in die Küche komme.
Der Ku­chen steht vor ihr und mit der Sprüh­sah­ne in der Hand holt sie ein Mes­ser aus der Schub­la­de. Sie hat ihre Jacke schon aus­ge­zo­gen, also werfe ich meine über ihre auf dem Kü­chen­stuhl.
„Gern.“ Ich gehe an den Kühl­schrank und hole Was­ser­fla­schen her­aus.
„Da ist auch Bier, falls du eins möch­test.“
„Ich glau­be, ich hatte für heute genug Bier.“ Ich lache und halte die zwei Was­ser­fla­schen hoch.
„Oh Gott, ich auch.“ Anna stöhnt auf. „Die Kopf­schmer­zen fan­gen schon an.“
Ich schlie­ße den Kühl­schrank und stel­le Anna eine Fla­sche auf die Ar­beits­plat­te. „Trink die hier leer und vor dem Schla­fen­ge­hen noch eine.“
Anna ver­dreht die Augen. „Ja, Papa.“
Ich öffne mein Was­ser und sehe zu, wie sie den Ku­chen in zwei Stü­cke schnei­det, ihn auf zwei Tel­ler ver­teilt und die Sahne in die Hand nimmt. Sie schüt­telt die Sprüh­sah­ne hef­tig und zielt auf ein Stück Ku­chen. Ich werde wohl nie er­fah­ren, ob die Dose de­fekt war oder ein­fach zu viel Druck hatte, aber als Anna sie be­tä­tigt, spritzt der cre­mi­ge Schaum über­all hin, und das meis­te davon auf mei­nen Arm.
„Hei­li­ge Schei­ße!“, ruft Anna und lacht un­ter­drückt, stellt die Dose ab und wischt auf mei­nem Arm herum. „Das tut mir echt leid.“
„Nein, tut es nicht“, knur­re ich ne­ckend und grei­fe nach einem Kü­chen­hand­tuch.
Anna lacht wei­ter, wäh­rend ich die Sahne von mei­nem Fla­nell­hemd wi­sche. „Stimmt, es tut mir nicht leid.“
Sie blickt von mei­nem Arm zu mir hoch und lä­chelt amü­siert und vol­ler Al­bern­heit. Ohne Zwei­fel ist sie das schöns­te Wesen, das ich je ge­se­hen habe. Ich bin fas­zi­niert er­starrt, als sie mit dem Fin­ger an mei­nem Hals ent­lang wischt.
„Da ist auch etwas ge­lan­det.“
Die ir­ra­tio­na­le Vor­stel­lung, dass sie gleich den Fin­ger mit dem kaum sicht­ba­ren Sah­ne­klecks auf ihre Zunge legt und ihn ge­nüss­lich ab­leckt, über­kommt mich. So­fort fühle ich mich wie ein Arsch, das auch nur zu den­ken, doch Anna nimmt mir nur das Hand­tuch ab und wischt sich den Fin­ger damit sau­ber.
Ir­gend­wann werde ich an die­sen Mo­ment zu­rück­den­ken und mich fra­gen, ob ich in der Ge­fan­gen­schaft viel­leicht ver­rückt ge­wor­den bin, doch meine Hand be­wegt sich von ganz al­lein und schnappt sich Annas. Mit er­staun­tem Blick sieht sie mich an, und ich freue mich, keine Angst in ihren Augen zu sehen.
Nur Neu­gier.
Das Herz häm­mert mir in der Brust. Kein neues Ge­fühl, denn das hatte ich oft in Sy­ri­en. Als die Ge­wehr­ku­geln flo­gen, als ich ge­fol­tert wurde, als sie mich in das Loch war­fen. Immer aus Angst. Auch jetzt ist es Angst, als ich diese Frau an­se­he, die mir nach so kur­zer Zeit schon so viel be­deu­tet, und ich ver­ste­he kein biss­chen, was ich ver­dammt noch mal hier tue.
„Ich will etwas“, sage ich, ohne den Blick von ihr zu neh­men.
Anna neigt leicht den Kopf zur Seite und fragt mich stumm: Was?
Meine Ge­dan­ken rasen, su­chen nach einer Ant­wort. Es ist nicht fair, etwas von ihr zu wol­len, doch mein Mund spricht die Worte aus, bevor ich sie zu­rück­hal­ten kann. „Einen Kuss.“
Er­staunt blin­zelt sie. „Oh“, sagt sie leise.
„Sag mir, dass ich aus dei­nem Apart­ment ver­schwin­den soll“, ver­lan­ge ich ein biss­chen zu barsch, doch ich ver­su­che, sie zur Ver­nunft zu brin­gen, weil ich keine habe.
Ver­flucht und zu­ge­näht, aber sie kommt noch näher und schüt­telt den Kopf. „Das werde ich nicht tun.“
„Sag mir, dass ich etwas Dum­mes will.“ Dies­mal klingt es wie ein Bet­teln.
„Nie­mals“, ver­spricht sie mit dem Hauch eines Flüs­terns.
„Sag mir, dass es falsch ist.“ Ich neige den Kopf und sehe auf ihren Mund. „Bitte stoß mich weg und sag mir, dass es falsch ist.“
Doch statt­des­sen geht Anna auf die Ze­hen­spit­zen und be­wegt sich mit dem Mund auf mich zu. Fest um­fasst sie meine Hand, ohne mich sonst noch ir­gend­wo an­zu­fas­sen, und presst ihre Lip­pen auf meine. Plötz­lich wird mir klar, dass mein Leben nie wie­der das­sel­be sein wird.
Alles um uns herum ver­schwin­det. Die Küche, der Ku­chen, die Last der Welt. Da ist nur noch Anna, der Duft ihres Sham­poos und des Biers in ihrem Atem. Ihr Mund ist ein Dieb, raubt mir den Atem, und ich wuss­te nicht, dass sich etwas so gut und gleich­zei­tig so schmerz­haft an­füh­len kann.
„Ich muss gehen“, mur­me­le ich und ziehe mich ab­rupt von ihr zu­rück. Ich wir­be­le herum, schnap­pe mir meine Jacke und eile zur Tür.
„Warte“, ruft Anna, und ich höre, wie sie mir nach­kommt. „Bitte geh nicht.“
Ich habe die Tür­klin­ke in der Hand und be­we­ge sie, aber dann wird mir klar, dass ich Anna mehr schul­de als das. Als ich mich um­dre­he, steht sie mit schmerz­li­chem Ge­sichts­aus­druck vor mir. Man sehe sich das an … schon nach einem Fünf-Se­kun­den-Kuss habe ich es ge­schafft, sie zu ver­let­zen.
„Das ist nicht rich­tig“, sage ich. „Du … ich … es tut mir leid.“
Sie legt eine Hand auf mei­nen Arm und zieht an mir, bis ich sie wie­der di­rekt an­se­he. Schwe­ren Her­zens tue ich es, dar­auf vor­be­rei­tet, ihr zu sagen, dass ich das alles nicht ver­die­ne.
Aber wir reden nicht, son­dern ihr Mund ist schon wie­der auf mei­nem. Mit ihren klei­nen Hän­den um­fasst sie mein Ge­sicht und presst ihren Kör­per an mich.
Da drau­ßen in der kal­ten Wüste gab es eine Zeit, in der ich ster­ben woll­te, aber in die­sem Mo­ment fühle ich nichts als Leben. Wärme, Elek­tri­sie­rung, Freu­de, Er­fül­lung. All das durch ihren Kuss, ihre Lip­pen auf mei­nem Mund, die aus­drü­cken, was sie ge­ra­de fühlt.
Anna zieht sich zu­rück, um­fasst aber wei­ter­hin meine Wan­gen und sieht mir di­rekt in die Augen. „An uns bei­den ist nichts Fal­sches.“
Ich sage nichts.
„Gar nichts“, sagt sie, lässt mein Ge­sicht los und tritt einen Schritt zu­rück. „Aber wir haben beide zu viel ge­trun­ken, und ich will ver­dammt sein, wenn wir es dar­auf schie­ben müss­ten.“
„Anna“, sage ich, doch schlie­ße schnell den Mund. Ich habe keine Ah­nung, was zum Geier ich sagen soll.
„Gute Nacht, Malik“, sagt sie, greift an mir vor­bei und öff­net die Tür.
Ich seuf­ze, ziehe die Jacke an und trete in den Flur. Es fühlt sich an, als hätte ich alles ver­dor­ben, also be­trach­te ich sie noch ein­mal gründ­lich, weil es viel­leicht das letz­te Mal sein wird.
Anna lä­chelt, kommt an die Tür­schwel­le und greift nach mei­ner Hand. Sie legt ihre war­men Fin­ger um meine und drückt leicht zu. „Ich hoffe, du wirst mich wie­der küs­sen, wenn ich nüch­tern bin. Und dann kön­nen wir dar­über dis­ku­tie­ren, ob es rich­tig oder falsch ist.“
Scho­ckiert blin­ze­le ich, als ihre Worte ein­sin­ken und meine Ge­dan­ken zum Ka­rus­sell ma­chen.
Dann ist ihre Hand ver­schwun­den und sie schließt die Tür vor mei­ner Nase.
Ich habe keine Ah­nung, was zur Hölle so­eben pas­siert ist.