Pittsburgh Titans: Coen

Ori­gi­nal­ti­tel: Coen: A Pitts­burgh Ti­tans Novel
Über­set­zer: Joy Fra­ser

Er­schie­nen: 05/2023
Serie: Pitts­burgh Ti­tans
Teil der Serie: 4

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Sport Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Pitts­burgh


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-620-1
ebook: 978-3-86495-621-8

Preis:
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ebook: 6,99 €[D]

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Pittsburgh Titans: Coen


In­halts­an­ga­be

Coen Highs­mith war ein Li­ga­star, aber er ver­lor mehr als sein Team an dem Tag, an dem das Flug­zeug der Pitts­burgh Ti­tans ab­stürz­te. Kann er aus sei­ner Ab­wärts­spi­ra­le aus Schuld und Be­dau­ern ge­ret­tet wer­den, um der Mann zu wer­den, der er ein­mal war?

Ich hatte alles – eine er­folg­rei­che Eis­ho­ckey­kar­rie­re, den Re­spekt und die Be­wun­de­rung der Fans und viele schö­ne Frau­en, die mein Bett wärm­ten. Aber das än­der­te sich an dem Tag, an dem das Team­flug­zeug ab­stürz­te. Jetzt bleibt mir nur die täg­li­che Er­in­ne­rung an all meine Feh­ler.

Meine neuen Team­kol­le­gen haben meine schlech­te Ein­stel­lung satt und nach mei­ner Sus­pen­die­rung ver­krie­che ich mich in einer Berg­hüt­te, um dem gan­zen Tru­bel zu ent­flie­hen. Die Iso­la­ti­on ist genau das, was ich brau­che, und ich könn­te mit die­ser Stil­le für immer zu­frie­den sein.

Til­lie Mar­shall ist nicht der Typ Frau, der nor­ma­ler­wei­se meine Auf­merk­sam­keit er­re­gen würde - aber sie schafft es aus den fal­schen Grün­den. Die schrul­li­ge Künst­le­rin fällt näm­lich die Bäume zwi­schen un­se­ren Grund­stü­cken, damit sie ein Töp­fer­stu­dio er­öff­nen kann. Wenn sie Krieg mit mir will, kann sie ihn be­kom­men!  

Lei­der er­zeugt diese nerv­tö­ten­de Nach­ba­rin noch ein ganz an­de­res Ge­fühl in mir. Und als der Funke erst ein­mal über­ge­sprun­gen ist, zeigt Til­lie ein Ver­trau­en in mich, an das ich zum ers­ten Mal seit dem Un­fall ver­zwei­felt glau­ben möch­te. Jetzt ist es an der Zeit für mich, ein bes­se­rer Mann zu wer­den, als ich es einst war. 

Über die Au­to­rin

Seit ihrem De­büt­ro­man im Jahr 2013 hat Sa­wy­er Ben­nett zahl­rei­che Bü­cher von New Adult bis Ero­tic Ro­mance ver­öf­fent­licht und es wie­der­holt auf die Best­sel­ler­lis­ten der New York Times und USA Today ge­schafft.
Sa­wy­er nutzt ihre Er­fah­run­gen als ehe­ma­li­ge Straf­ver­tei­di­ge­rin in...

Wei­te­re Teile der Pitts­burgh Ti­tans Serie

Le­se­pro­be

Til­lie

Ich schmol­le den gan­zen Heim­weg über und frage mich, wie viel Rechts­an­spruch die­ser Mann hat, mein Nut­zungs­recht zu stop­pen. Ich habe alles nach Vor­schrift ge­macht. Ich habe das Grund­stück für eine kom­mer­zi­el­le Nut­zung um­ge­wan­delt, was hier im länd­li­chen West-Penn­syl­va­nia für die meis­ten Men­schen nicht in­fra­ge käme. Ich habe zwar vor, in mei­nem Stu­dio Kunst zu ver­kau­fen, aber es ist vor allem ein Ort, an dem an­de­re an­ge­hen­de Künst­ler ar­bei­ten und ler­nen kön­nen. Es wird kein be­leb­tes kom­mer­zi­el­les Ein­kaufs­zen­trum sein.
Als ich um eine Ecke biege, kommt meine ei­gent­li­che Ein­fahrt immer näher. Nur noch eine Kurve, und dann er­rei­che ich hun­dert...

...​Meter wei­ter Coen Highs­miths Ein­fahrt.
Ich frage mich, ob ich ihn zur Ver­nunft brin­gen könn­te.
Viel­leicht könn­te ich sogar seine Ko­ope­ra­ti­on kau­fen, denn mit dem Geld aus den Le­bens­ver­si­che­run­gen mei­ner El­tern bin ich so aus­ge­stat­tet, dass ich im Grun­de ge­nom­men in mei­nem Leben kei­nen Tag mehr ar­bei­ten muss, wenn ich nicht will. Ich lebe ein­fach, ohne viel Schnick­schnack oder Luxus. Ich habe die­ses Grund­stück ge­kauft. Ich werde mein klei­nes Kunst­stu­dio mit einer Zu­fahrt bauen und immer noch über an­dert­halb Mil­lio­nen Dol­lar übrig haben, um meine Le­bens­hal­tungs­kos­ten über Jahre hin­weg zu de­cken. Na­tür­lich hoffe ich, mit mei­nem Stu­dio auch Ge­win­ne zu er­zie­len, aber ich brau­che wirk­lich nicht viel. Ich kann auf jeden Fall etwas Geld ent­beh­ren, um die­ses Arsch­loch zu be­ste­chen, damit es mir meine Zu­fahrt er­laubt.
Ja, ich muss ver­su­chen, mit ihm zu reden.
Ich fahre an mei­ner Ein­fahrt vor­bei und biege statt­des­sen in seine ein. Ob­wohl un­se­re Grund­stü­cke an­ein­an­der­gren­zen, stößt die Rück­sei­te sei­nes Grund­stücks auf­grund der Tat­sa­che, dass er um eine Kurve wohnt, an die Seite mei­nes Grund­stücks. Ich habe sei­nem Block­haus nie wirk­lich Auf­merk­sam­keit ge­schenkt, da es tief in dem Wald­ge­biet liegt.
Als ich auf das Haus zu­fah­re, be­mer­ke ich einen gro­ßen sil­ber­nen Ge­län­de­wa­gen, der unter einem Car­port steht, was wohl be­deu­tet, dass er zu Hause ist. Mein Herz­schlag be­schleu­nigt sich, denn ich mag keine Kon­fron­ta­tio­nen, aber ich lasse mich von mei­nen Träu­men lei­ten. Ich bin in die­sem Pro­zess schon zu weit ge­kom­men und habe zu viel von mei­nem Her­zen in­ves­tiert, um auf­zu­ge­ben und mich von Mr. Highs­mith über­rum­peln zu las­sen.
Es ist still, als ich die Stu­fen zur Ve­ran­da hin­auf­stei­ge. Sein Haus ist ein ech­tes Block­haus, bei dem die Stäm­me waa­ge­recht ge­sta­pelt und mit Ein­ker­bun­gen ge­si­chert wer­den. Da diese Ein­ker­bun­gen von Hand ge­macht wer­den, sind diese Häu­ser nicht ge­ra­de bil­lig.
Die Tür scheint aus dem glei­chen Ze­dern­holz zu sein wie das Haus und hat ein gro­ßes, ab­ge­schräg­tes und mat­tier­tes Gla­so­val in der Mitte, das den Stil auf die frü­hen Neun­zi­ger­jah­re da­tiert, also auf die Zeit, in der das Haus ver­mut­lich ge­baut wurde.
Ich drü­cke auf die Klin­gel und sehe mich um, wäh­rend ich dar­auf warte, dass er öff­net. Als ich seine schwe­ren Schrit­te höre, be­schleu­nigt sich mein Puls, und dann sehe ich seine Ge­stalt durch das ovale Glas auf mich zu­kom­men.
Die Tür schwingt auf und sein Ge­sicht ist zu einer har­ten Maske der Gleich­gül­tig­keit er­starrt. Er sagt kein Wort, son­dern sieht mich nur an.
„Ähm … ich dach­te, wir könn­ten viel­leicht reden“, sage ich und merke, wie lahm das klingt. „Über die Zu­fahrt.“
„Da gibt es nichts zu reden“, sagt er und be­ginnt, die Tür zu schlie­ßen.
„Warte!“ Ich stre­cke den Arm aus, um mich da­ge­gen­zu­stem­men. „Nur fünf Mi­nu­ten.“
„Drei­ßig Se­kun­den“, ent­geg­net er, und ich weiß, dass die Uhr be­reits tickt.
Ich stam­me­le drauf­los, ohne dass meine Worte einen Zu­sam­men­hang haben. Nach fünf­zehn Se­kun­den merke ich, dass ich einen Feh­ler ge­macht habe, als ich ihn auf die Recht­mä­ßig­keit des Nut­zungs­rechts hin­wies, denn sein Ge­sichts­aus­druck ver­rät, dass er sich einen Dreck um die Recht­mä­ßig­keit schert. Es ist Zeit, die Tak­tik zu än­dern, und viel­leicht bin ich nicht der­je­ni­ge, der die ganze Zeit reden muss. Ich atme tief durch. „Viel­leicht könn­test du mir ein­fach sagen, warum du etwas gegen die ge­mein­sa­me Zu­fahrt hast.“
„Ich dach­te, die Ant­wort wäre of­fen­sicht­lich. Ich mag meine Pri­vat­sphä­re, Lady. Ich will dein Stu­dio nicht sehen und ich will kei­nen Ver­kehr dort hin­ten.“
„Wenn wir viel­leicht einen Zaun er­rich­ten wür­den …“
Er knurrt. „Ich will kei­nen blö­den Zaun.“
„Warum?“, frage ich rat­los.
Der Mann fuch­telt über­trie­ben dra­ma­tisch mit den Hän­den herum. „Ich bin ein Na­tur­freund. Ich ziehe Kraft und Ruhe aus Mut­ter Natur. Ich bin ein ver­damm­tes mo­der­nes Schnee­witt­chen, das mit allen Wald­be­woh­nern kom­mu­ni­ziert und nicht will, dass ihr Le­bens­raum zer­stört wird.“
Ich run­ze­le skep­tisch die Stirn. „Wirk­lich?“
„Nein, nicht wirk­lich“, sagt er mit einem Au­gen­rol­len. „Ich mag ein­fach meine Pri­vat­sphä­re, okay? Ende der Ge­schich­te.“
„Nun, es ist ja nicht so, dass ich alle Bäume fäl­len würde. Wenn du mich las­sen wür­dest …“
„Die Zeit ist um“, ver­kün­det er und be­ginnt, die Tür wie­der zu­zu­schie­ben.
„Warte!“ Ich stoße mit der Schul­ter gegen die Holz­tür. „Ich ver­ste­he nicht, warum du dich mit mir strei­ten musst, und ich ver­ste­he nicht, warum du dich von An­fang an wie ein Arsch­loch be­nimmst und mich ver­klagst.“
„Weil ich ein Arsch­loch bin.“
Er kommt mir zu nah und drängt mich von sei­ner Tür auf die Ve­ran­da zu­rück. Er hört nicht auf, mich zu­rück­zu­schie­ben, und ob­wohl ich keine Angst habe, dass er mir etwas antut, wei­che ich lie­ber zu­rück.
„Wie hal­ten es deine Freun­de mit dir aus?“, frage ich, zum Teil, um ihn zu är­gern, zum Teil aber auch, weil ich neu­gie­rig bin. Ich habe noch nie je­man­den ge­trof­fen, der so kon­se­quent un­höf­lich ist.
„Ich habe keine Freun­de“, sagt er und bleibt ste­hen.
Noch ein Schritt rück­wärts und ich werde von sei­ner Ve­ran­da fal­len. „Scho­ckie­rend“, mur­me­le ich und bohre wei­ter. „Deine Fa­mi­lie muss über dein Ver­hal­ten ent­setzt sein.“
„Ich habe keine Fa­mi­lie, die von Be­deu­tung ist.“ Er beugt sich vor und sieht mich an. „Ich bin kein net­ter Mann, also mach dir nicht die Mühe, mich durch­schau­en zu wol­len. Das Beste, was du tun kannst, ist, von mei­ner Ve­ran­da zu ver­schwin­den, bevor du be­reust, her­ge­kom­men zu sein.“
Auf den ers­ten Blick sind das ziem­lich be­droh­li­che Worte. Wenn man dann noch be­denkt, dass er ein Riese ist, der mich über­ragt, soll­te ich ei­gent­lich Angst be­kom­men und auf mei­nen Selbst­er­hal­tungs­trieb hören.
Aber ich habe keine Angst.
Wenn über­haupt, dann bin ich wü­tend.
An­statt die Trep­pe hin­un­ter­zu­ge­hen, komme ich ihm noch näher, Kinn hoch, Brust raus, als wäre ich selbst ein har­ter Kerl.
Er blin­zelt über­rascht.
„Ich kenne Typen wie dich, Highs­mith. Du glaubst, du kannst die Leute al­lein durch deine schie­re Größe und dein fie­ses Wesen ein­schüch­tern und schi­ka­nie­ren. Aber ich bin schon von Leu­ten her­um­ge­schubst wor­den, die eine Mil­li­on Mal bös­ar­ti­ger waren als du, und du machst mir nicht die ge­rings­te Angst.“
Wenn er wirk­lich ein böser Mensch wäre, würde er mich an die­ser Stel­le von der Ve­ran­da sto­ßen. Mög­li­cher­wei­se sogar schla­gen.
Statt­des­sen zie­hen sich seine Au­gen­brau­en zu­sam­men, als könn­te er nicht be­grei­fen, dass ich nicht mit ein­ge­zo­ge­nem Schwanz da­von­ren­ne. Er be­trach­tet mich lange, bevor er etwas Un­ver­ständ­li­ches mur­melt. Ich ver­mu­te, es ist ein Fluch, doch er dreht sich um und geht zu­rück in sein Haus, wobei er die Tür hin­ter sich zu­schlägt.
Ich balle die Fäus­te und stamp­fe frus­triert mit dem Fuß auf.
Arsch­loch de luxe!
Ich stür­me die Trep­pe hin­un­ter und mar­schie­re ziel­stre­big zu mei­nem Auto. „Ich bin ein Na­tur­freund. Ein mo­der­nes Schnee­witt­chen“, äffe ich ihn nach, nur mit einer hohen, wei­ner­li­chen Stim­me, bevor ich zu mei­ner nor­ma­len Stim­me zu­rück­keh­re. „Der Trot­tel muss sich nur um drei­hun­dert­sech­zig Grad dre­hen, dann sieht er, dass er mit­ten im Wald ist. Was will er denn noch?“
Ich rüt­te­le am Griff mei­ner Au­to­tür, doch dann er­star­re ich, als mir eine Idee kommt.
Ein mo­der­nes Schnee­witt­chen, ja? Eine völ­lig lä­cher­li­che Be­haup­tung, aber viel­leicht kann ich ihn auf die Probe stel­len.
Ich glei­te auf den Sitz, hole mein Handy her­aus und schi­cke eine Grup­pen­nach­richt an Ann Marie, Hay­ley und Erica. Ich brau­che eure Hilfe. Helft mir, das Arsch­loch zu be­sie­gen.
Ich drü­cke auf Sen­den. Kei­ner von ihnen wird eine Ah­nung haben, was das be­deu­tet, weil ich noch nie­man­dem von mei­nem neuen Drama mit die­sem Kerl er­zählt habe. Mein Te­le­fon summt mit Ant­wor­ten, in denen alle wis­sen wol­len, wer das Arsch­loch ist, gegen das sie in die Schlacht zie­hen sol­len.
Grin­send ant­wor­te ich der Grup­pe. Seid um acht bei mir zu Hause. Wir haben Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen.

 

Coen

Wenn man be­trun­ken ist, trifft man dumme Ent­schei­dun­gen. Das ist die ein­zi­ge plau­si­ble Aus­re­de. Und doch bin ich in den Tie­fen mei­nes Ver­stan­des immer noch ra­tio­nal genug, um zu wis­sen, dass Be­trun­ken­sein keine Ent­schul­di­gung ist.
Es kann keine Aus­re­de geben, wenn ich das durch­zie­he. Es ist falsch, ganz ein­fach.
Es spielt keine Rolle, dass ich un­deut­lich spre­che oder dass ich nicht ge­ra­de ste­hen kann, ohne mit der Hand den Tür­rah­men zu um­klam­mern. Es spielt keine Rolle, dass Darcy ein Kleid trägt, das so tief aus­ge­schnit­ten ist, dass man prak­tisch ihren Bauch­na­bel sehen kann, und dass ihre Brüs­te so ent­blößt sind, dass ich die ro­si­ge Fär­bung um ihre Brust­war­zen herum deut­lich er­ken­nen kann. Es spielt auch keine Rolle, dass sie vor mir auf den Knien liegt und meine Hose öff­net, um mei­nen ver­rä­te­ri­schen Schwanz her­aus­zu­zie­hen, der er­staun­lich hart ist, ob­wohl ich so ka­putt bin.
Das Ein­zi­ge, was eine Rolle spie­len soll­te – und ich weiß, dass ich es nicht be­ach­ten werde –, ist, dass Darcy zu mei­nem Team­kol­le­gen Kyle Rals­ton ge­hört.
Oder bes­ser ge­sagt, sie ge­hör­te frü­her zu ihm. Sie haben sich ge­trennt, aber das spielt keine Rolle, wenn es um Freun­de und Mann­schafts­ka­me­ra­den geht. Man geht nicht dort­hin, wo ein an­de­rer schon ein­mal war.
Nie­mals.
Egal, wie be­trun­ken man ist.
Das ist der Bro-Code, und es gibt kei­nen stär­ke­ren Kodex als den zwi­schen mir und mei­nen Team­ka­me­ra­den.
Dar­cys schlan­ke Hand legt sich um mei­nen Schwanz, und kein ein­zi­ges ver­damm­tes Ge­fühl wird durch den gan­zen Wodka ge­dämpft, den ich heute Abend ge­trun­ken habe. Ich star­re sie mit ver­schwom­me­nem Blick an, und ich glau­be, sie lä­chelt. Ein An­fall von Ge­wis­sens­bis­sen bringt mich fast dazu, mich zu­rück­zu­zie­hen, aber dann ist ihr Mund auf mir und er ist heiß und feucht und sie saugt hart.
Ich rede mir ein, dass sie und Kyle sich ge­trennt haben, also spielt es keine Rolle. Ver­dammt, sie waren so­wie­so nur ein paar Wo­chen zu­sam­men, also wie ernst kann es wirk­lich ge­we­sen sein?
Das sage ich mir immer und immer wie­der, selbst als meine Hüf­ten Stoß­be­we­gun­gen ma­chen. Es fühlt sich gut an. De­fi­ni­tiv zu gut, um auf­zu­hö­ren, aber je län­ger es dau­ert und je mehr ich mir Ge­dan­ken über die Moral hin­sicht­lich die­ser Sache mache, desto dump­fer wer­den die Emp­fin­dun­gen.
Und als sie mir schließ­lich einen Or­gas­mus ab­ringt, ist er glanz­los. Ich ziehe mich von ihr zu­rück, stop­fe mei­nen er­schöpf­ten Schwanz zu­rück in die Jeans, gehe zwei Schrit­te und falle dann mit dem Ge­sicht voran auf mein Bett.
Bevor ich ein­schla­fe, bete ich, dass ich mich am nächs­ten Tag nicht mehr daran er­in­nern kann.
Das Klin­geln des Te­le­fons holt mich aus mei­nem Traum, als hätte man mir einen Eimer Eis­was­ser ins Ge­sicht ge­schüt­tet. Ich ver­mu­te, ich werde so schnell aus dem Schlum­mer ge­ris­sen, weil es kein Traum war, son­dern ein wie­der­keh­ren­der Alb­traum, der mich nur allzu oft heim­sucht.
Stöh­nend reibe ich mir mit einer Hand über das Ge­sicht und rolle mich zum Nacht­tisch hin­über. Ich ver­zie­he das Ge­sicht, als ich sehe, dass mein Vater an­ruft, und über­le­ge kurz, ob ich ran­ge­hen soll. Un­se­re Ge­sprä­che ver­lau­fen nie gut, und es ist ein­fa­cher, ihn zu igno­rie­ren.
Aber als ich aus die­sem Alb­traum er­wa­che, der eher eine ver­schwom­me­ne, aber sehr prä­zi­se Er­in­ne­rung ist, bin ich wü­tend auf mich selbst und streit­lus­tig. Ich schwin­ge meine Beine über die Bett­kan­te und nehme den Anruf an. „Ja.“
„Coen, hier ist dein Vater.“
Ich weiß nicht, warum, aber ich muss an die Szene aus Das Im­pe­ri­um schlägt zu­rück den­ken, als Darth Vader zu Luke sagt: „Ich bin dein Vater“. Nicht wegen der Ähn­lich­keit der Worte, son­dern weil mein Vater dem bösen Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen äh­nelt.
„Ja. Das sehe ich an der An­ru­fer-ID.“
„Sei nicht so re­spekt­los“, knurrt er, und ich kann ihn fast vor mir sehen, wie er in sei­nem ita­lie­ni­schen Maß­an­zug, mit Tau­send-Dol­lar-Kra­wat­te und gol­de­nen Man­schet­ten­knöp­fen an sei­nem Schreib­tisch sitzt. „Ich habe dich bes­ser er­zo­gen.“
„Du hast mich über­haupt nicht er­zo­gen“, sage ich ohne einen Fun­ken Groll. Es in­ter­es­siert mich ein­fach nicht mehr, wie ver­korkst meine Kind­heit war.
„Him­mel noch mal!“ Mein Vater schlägt mit der Faust auf ir­gend­et­was, wahr­schein­lich auf sei­nen Schreib­tisch. „Warum musst du immer so ag­gres­siv sein? Warum kannst du die Mög­lich­kei­ten, die wir dir ge­ge­ben haben, nicht zu schät­zen wis­sen? Du zeigst über­haupt keine Dank­bar­keit.“
Ich beiße mir auf die In­nen­sei­te der Wange, denn die Wut, die in mir bro­delt, möch­te ihm sagen, dass ich nur ein Pro­dukt sei­ner Er­zie­hung bin. Aber wenn meine El­tern mir als Kind auch nur ein biss­chen Auf­merk­sam­keit ge­schenkt hät­ten, wüss­ten sie das. Sie müss­ten es nicht erst er­ra­ten.
Ich atme tief ein und lang­sam aus. „Was willst du?“, frage ich.
Einen Mo­ment ist es still, und ich bin si­cher, dass mein Vater ver­wirrt ist, dass ich nicht mit ät­zen­den Wor­ten auf ihn los­ge­he, um ihn zu ver­let­zen. Er hüs­telt, und ich stel­le mir vor, wie er an sei­ner Kra­wat­te zupft. „Ich habe einen An­walt ge­fun­den, der dir hel­fen kann, die An­kla­ge in New York los­zu­wer­den. Ein alter Stu­di­en­kol­le­ge von mir, der den Rich­ter dort gut kennt.“
„Ich brau­che deine Hilfe nicht.“
„Es ist mir scheiß­egal, ob du sie brauchst oder nicht. Du wirst die­ses An­ge­bot an­neh­men, weil du keine Ver­ur­tei­lung ge­brau­chen kannst. Es wäre für mich und deine Mut­ter ir­re­pa­ra­bel pein­lich, also werde ich diese Schei­ße in Ord­nung brin­gen.“
Wenn ich mich mit mei­nem Vater strei­te – meine Mut­ter hat keine Lust, sich mit mir aus­ein­an­der­zu­set­zen –, kann ich die meis­ten sei­ner lä­cher­li­chen An­schul­di­gun­gen weg­la­chen. Das liegt daran, dass ich trotz ihrer Un­fä­hig­keit, eine lie­be­vol­le Be­zie­hung zu ihrem ein­zi­gen Sohn zu haben, Liebe, Ak­zep­tanz, Freund­schaft und Ka­me­rad­schaft beim Eis­ho­ckey ge­fun­den habe. Seit ich sechs Jahre alt war, stand ich auf Schlitt­schu­hen und bekam eine an­de­re Art von Fa­mi­lie.
Ich wurde von Kin­der­mäd­chen auf­ge­zo­gen, die sich ge­nau­so wenig um mich ge­küm­mert haben wie meine El­tern, aber we­nigs­tens brach­ten sie mich pünkt­lich zum Trai­ning. Als ich vier­zehn war, ging ich auf ein Eis­ho­ckey-In­ter­nat und hass­te die Som­mer, in denen ich nach Hause muss­te.
Als ich für immer von zu Hause weg­ging, führ­te ich ein glück­li­ches und er­füll­tes Leben. Meine Moral und meine Per­sön­lich­keit wur­den zum Glück von Mann­schafts­ka­me­ra­den, Trai­nern und Gast­fa­mi­li­en ge­formt. Das waren die Bin­dun­gen, die ich über alle Maßen ge­schätzt habe.
Der ein­zi­ge Be­weis dafür, dass ein Teil mei­nes Va­ters in mir wohnt, ist, dass ich seit dem Un­glück of­fen­bar die Arsch­loch-DNA mei­nes Va­ters ab­ru­fe und mich mehr wie mein Vater ver­hal­te als wie ich selbst.
Ich soll­te auf­le­gen und ihm keine Er­leich­te­rung gön­nen. Ich bin si­cher, er und meine Mut­ter haben Angst, dass ich wegen der Ver­haf­tung in New York wie­der in die Schlag­zei­len ge­ra­te. Aber ehr­lich ge­sagt bin ich des Kämp­fens müde. Die Ti­tans habe ich hin­ter mir ge­las­sen und meine El­tern werde ich auch hin­ter mir las­sen. Ich habe nicht mehr die nö­ti­ge Ge­duld für die­sen Stress.
„Ich habe mich schon selbst darum ge­küm­mert“, sage ich mei­nem Vater. „Ich habe einen An­walt be­auf­tragt, und die An­kla­ge wurde fal­len ge­las­sen.“
„Oh“, sagt mein Vater er­staunt. „Nun … das ist sehr … er­wach­sen von dir. Das hätte ich nicht er­war­tet.“
„Na­tür­lich nicht“, un­ter­bre­che ich ihn. Er weiß nicht, wie man ein ech­tes Kom­pli­ment macht oder Stolz zeigt, was iro­nisch ist, weil er es frü­her ge­liebt hat, jedem, der zu­hör­te, von mir zu er­zäh­len, als ich ein hei­ßer Eis­ho­ckey­star war. Seit ich sus­pen­diert wurde, ist er schwer ent­täuscht. Und das ist di­rekt aus sei­nem Mund ge­kom­men.
„Hör mal“, sagt er steif, „ich habe einen Ter­min, zu dem ich muss, aber deine Mut­ter und ich wer­den nächs­ten Monat an einer Spen­den­ak­ti­on in Pitts­burgh teil­neh­men. Viel­leicht kön­nen wir uns zum Abend­es­sen tref­fen.“
„Ich bin nicht in Pitts­burgh.“
„Wo bist du dann?“, fragt er.
„Nicht in Pitts­burgh. War sonst noch was?“
„Ich denke nicht. So­lan­ge die An­kla­ge fal­len ge­las­sen wurde, ist das alles, was mich in­ter­es­siert.“
Das war ein ge­ziel­ter Schlag und ich lasse ihn an mir ab­pral­len. „Ja, ich weiß“, ant­wor­te ich.
Dann lege ich auf.
Ich stehe auf, stre­cke mei­nen Rü­cken und ver­zie­he das Ge­sicht wegen des lei­sen Kna­ckens in mei­ner Wir­bel­säu­le. Die Ma­trat­ze in die­sem Bett ist schei­ße. Ich habe eine neue be­stellt, aber bis sie ein­trifft, werde ich wei­ter­knir­schen und -kna­cken.
Ich ziehe ein T-Shirt und Shorts an und gehe in die Küche, um Kaf­fee zu ko­chen. Es ist ein gutes Ge­fühl, kei­nen fes­ten Ta­ges­ab­lauf zu haben. Keine Ver­pflich­tun­gen oder Orte, an denen ich zu einer be­stimm­ten Zeit sein muss. Mein Plan für heute ist, alle Sträu­cher vor dem Haus aus­zu­gra­ben, denn die Hälf­te von ihnen ist ab­ge­stor­ben. Ich weiß nicht, was ich an ihre Stel­le set­zen werde. Viel­leicht nichts. Aber ich mag die kör­per­li­che An­stren­gung.
Dann gehe ich spä­ter auf den Wegen jog­gen, und ich bin ge­spannt, ob ich die Wild­kat­ze von ne­ben­an wie­der tref­fe.
Ein Teil von mir hofft dar­auf.
Ich habe es ge­nos­sen, als sie ges­tern vor mei­ner Tür auf­tauch­te und ver­such­te, einen Weg zu fin­den, mei­nen Ein­spruch zu um­ge­hen. Zu­erst war sie furcht­bar nied­lich, aber dann wurde sie feu­rig und ließ sich nicht ein­schüch­tern. Ich ver­such­te mein Bes­tes, sie zu ver­scheu­chen, aber sie plus­ter­te sich nur auf und starr­te mich an. Es war be­ein­dru­ckend und ehr­lich ge­sagt die größ­te Ab­wechs­lung, die ich seit mei­nem Umzug hier­her er­lebt habe.
Zu­ge­ge­ben, sie hat mich neu­gie­rig ge­macht. Na­tür­lich auch sauer, aber sie ist ir­gend­wie heiß.
Auf eine merk­wür­di­ge Art.
Ich gehe zur Kaf­fee­ma­schi­ne und werfe einen Blick durch das Kü­chen­fens­ter, bevor ich die Kanne her­aus­zie­he, um sie mit Was­ser zu fül­len. Ich muss zwei­mal hin­schau­en, als ich mei­nen Gar­ten sehe.
Ich lasse die Kanne ste­hen und gehe zur Schie­be­tür, die auf die Ter­ras­se führt, weil ich si­cher bin, dass ich durch das Fens­ter nicht alles rich­tig er­kannt haben muss. Ich werde eines Bes­se­ren be­lehrt.
Auf mei­ner Ter­ras­se lie­gen Hun­der­te von Erd­nüs­sen mit Scha­le ver­streut. Und in der gan­zen Ge­gend wim­melt es von Na­ge­tie­ren. Eich­hörn­chen und Strei­fen­hörn­chen lau­fen fröh­lich herum, stop­fen sich die Nüsse ins Maul und ren­nen davon, nur um von wei­te­ren Tie­ren ab­ge­löst zu wer­den. Um das Ge­län­der herum ste­hen meh­re­re Scha­len mit Vo­gel­fut­ter, und alle mög­li­chen ge­flü­gel­ten Krea­tu­ren lan­den zum Fres­sen. Eine Menge Kör­ner sind auf die Ter­ras­se ge­fal­len und über­all liegt Vo­gel­ka­cke.
Und ver­dammt … ein Wasch­bä­ren­pär­chen sitzt am Fuß der Trep­pe und frisst etwas aus einer Plas­tik­scha­le, das aus­sieht wie Hun­de­fut­ter.
Wei­ter hin­ten im Gar­ten ste­hen wahr­schein­lich fünf­zehn Rehe mit zu Boden ge­beug­ten Köp­fen, und als ich ge­nau­er hin­se­he, sieht es so aus, als hät­ten sie sich um Salz­blö­cke oder Hau­fen von ir­gend­ei­nem Fut­ter ver­sam­melt.
Und da­hin­ter, viel­leicht fünf Meter vor der Baum­gren­ze, hän­gen Dut­zen­de von bunt be­mal­ten Vo­gel­fut­ter­häus­chen an den Ästen. Und wenn ich Bunt sage, meine ich Ne­on­far­ben. Vögel flie­gen rein und raus und kämp­fen um Sitz­stan­gen, und ei­ni­ge sit­zen am Boden und pi­cken nach her­un­ter­ge­fal­le­nen Kör­nern.
Mein Gar­ten sieht aus wie ein ver­damm­ter Zoo.
„Jesus“, brum­me ich und schie­be meine Füße in die Stie­fel, die in der Nähe ste­hen. Ich reiße die Tür auf, in der Er­war­tung, dass der Lärm alle Vie­cher auf der Ter­ras­se ver­scheucht. Doch er ver­an­lasst le­dig­lich die Eich­hörn­chen und Strei­fen­hörn­chen, ein paar Meter von mir weg zu hu­schen. Die Vögel flie­gen in die Luft, aber sie lan­den ge­nau­so schnell wie­der.
Ich be­ob­ach­te die Wasch­bä­ren am Fuß der Trep­pe. Sie er­schre­cken mich ein wenig, aber zum Glück sind sie ver­nünf­tig genug, um unter die Holz­ter­ras­se zu flüch­ten, als ich die Stu­fen hin­un­ter­ge­he.
Die Rehe heben ihre Köpfe, als ich in den Gar­ten trete, und be­ob­ach­ten mich mit zu­cken­den Schwän­zen. Als ich näher komme, flüch­ten sie in den Wald.
Ich nä­he­re mich dem ers­ten wei­ßen Block und beuge mich vor, um ihn zu un­ter­su­chen. Es ist ein­deu­tig Salz, und ich kann sehen, dass es auf einem Spi­ral­pfahl be­fes­tigt und in den Boden ge­rammt wor­den ist. Es gibt meh­re­re Hau­fen mit ir­gend­ei­nem Fut­ter, das wie eine Mi­schung aus Mais und Son­nen­blu­men­ker­nen aus­sieht.
„Ver­damm­te Schei­ße.“ Ich schrau­be den ers­ten Pfahl ab. Es dau­ert eine gute Mi­nu­te, bis ich ihn ganz her­aus­ge­zo­gen habe, und ich un­ter­su­che ihn sorg­fäl­tig. Ich be­zwei­fe­le ir­gend­wie, dass Salz auf Pfäh­len her­ge­stellt wird, die man im Boden be­fes­tigt. Die meis­ten, die ich ge­se­hen habe, sind auf er­höh­ten Pfäh­len. Ich be­zwei­fe­le nicht, dass diese hier selbst ge­baut sind.
Ich werfe einen Blick auf die leuch­ten­den Ne­on-Vo­gel­fut­ter­häus­chen. Ich habe auch kei­nen Zwei­fel, dass diese kürz­lich von einer be­stimm­ten Künst­le­rin be­malt wur­den, die in der Ge­gend lebt.
Als ich mich wie­der mei­ner Ter­ras­se zu­wen­de, sehe ich, dass die Wasch­bä­ren wie­der an der Schüs­sel sit­zen und dass meine Ter­ras­se immer noch von Na­ge­tie­ren und Vö­geln be­völ­kert ist. Mein Gott, es wird ewig dau­ern, bis ich die­sen Mist auf­ge­räumt habe.
Ich halte inne.
Scheiß drauf. Ich werde das nicht auf­räu­men.
Ich lasse den Salzleck­stein auf den Boden fal­len und gehe in den Wald, der un­se­re Grund­stü­cke von­ein­an­der trennt, durch die Bäume, die mit ne­on­far­be­nen Vo­gel­fut­ter­häus­chen ge­schmückt sind, deren Kör­ner auf dem Boden ver­streut sind, bis ich schließ­lich an der Seite ihres Gar­tens her­aus­kom­me. Ihre Hütte liegt fünf­zig Meter ent­fernt.
Til­den Mar­shall wird es noch be­reu­en, sich mit mir an­ge­legt zu haben.
Ich schrei­te wü­tend durch den Gar­ten, der noch vom Mor­gen­tau nass ist; die Luft ist schwer von Feuch­tig­keit. Heute wird es heiß wer­den, und ich glau­be, dass es ihr ei­ni­ges ab­ver­lan­gen wird, ihr Werk auf­zu­räu­men.
Ich er­klim­me die Ve­ran­da zwei Stu­fen auf ein­mal neh­mend, igno­rie­re die Klin­gel und klop­fe an ihre Tür.
Wenn die Frau schlau ist, wird sie sich hin­ten ver­ste­cken, bis ich weg bin. Statt­des­sen schwingt die Tür auf und sie steht da, mit einem selbst­ge­fäl­li­gen Lä­cheln.
„Guten Mor­gen“, sagt sie strah­lend.
Sie muss letz­te Nacht furcht­bar lange auf ge­we­sen sein, um mein Grund­stück zu prä­pa­rie­ren, aber sie sieht frisch und gut aus. Sie trägt Jeans­shorts, die am Saum aus­ge­franst sind, aber nicht sehr hoch an den Bei­nen sit­zen, ein sen­f­far­be­nes T-Shirt, das mit ge­trock­ne­ter Farbe be­schmiert ist, und ein rotes Tuch, das sie in einem alt­mo­di­schen Drei­eck auf dem Kopf hat. Ihr lo­cki­ges blon­des Haar fällt ihr in Kas­ka­den über den Rü­cken.
Wie bis­her immer ist ihr Ge­sicht un­ge­schminkt, was die Som­mer­spros­sen über ihrer Nase un­glaub­lich ab­len­kend macht.
„Du hast un­ge­fähr fünf Mi­nu­ten Zeit, dei­nen Arsch in mei­nen Gar­ten zu be­we­gen und dei­nen Scheiß weg­zu­räu­men.“
Sie legt den Kopf schief und lä­chelt ver­wun­dert. „Sorry, aber warum soll­te ich das tun?“
„Stell dich nicht dumm, Til­den.“ Ich be­to­ne ihren Namen, damit klar ist, dass wir keine Freun­de sind. „Du weißt ver­dammt gut, dass du mei­nen Gar­ten in einen Zoo ver­wan­delt hast.“
Sie run­zelt die Stirn, die Un­ter­lip­pe steht ein wenig her­vor. „Ich ver­ste­he nicht“, sagt sie sanft. „Du hast ge­sagt, dass du ein Na­tur­freund bist. Wie hast du dich noch mal ge­nannt? Ein mo­der­nes Schnee­witt­chen? Es würde mich nicht wun­dern, wenn jeden Mo­ment ein blau­er Vogel auf dei­ner Schul­ter lan­den würde.“
„Fuck“, sage ich, drehe mich frus­triert von ihr weg und gleich wie­der um. Ich trete näher und zeige mit einem Fin­ger auf sie, was wahr­schein­lich der Gip­fel der Un­höf­lich­keit ist, aber das ist mir egal. „Du bist die ner­vigs­te, wenn nicht sogar die ver­rück­tes­te Frau, die ich je ge­trof­fen habe. Du hast kei­nen Re­spekt vor an­de­ren Men­schen, bist ego­zen­trisch und zi­ckig. Wahr­schein­lich bist du nicht ein­mal eine gute Künst­le­rin, also ist es Geld­ver­schwen­dung, das Stu­dio zu bauen. Du trägst Oma-Schlüp­fer, und das Kopf­tuch sieht be­scheu­ert aus. Du denkst, die Welt schul­det dir was, und es ist dir egal …“
Til­den legt eine Hand auf meine Brust, und ich stüt­ze mich ab, in der Er­war­tung, dass sie mich rück­wärts von der Ve­ran­da sto­ßen will. Statt­des­sen kral­len sich ihre Fin­ger in mein T-Shirt und sie zerrt mich vor­wärts. Nor­ma­ler­wei­se könn­te ein klei­nes Ding wie sie kei­nen Berg wie mich be­we­gen, aber ich habe mich nach vorn ge­beugt, wäh­rend ich sie be­schimpft und ver­sucht habe, sie ein­zu­schüch­tern. Dabei bin ich aus dem Gleich­ge­wicht ge­ra­ten.
Bevor ich mei­nen Schwung stop­pen kann, ist sie auf den Ze­hen­spit­zen und presst ihren Mund mit einem über­ra­schen­den Kuss auf mei­nen. In mei­nem Kopf dreht sich alles.
Ich stoße mich grob ab und schla­ge ihre Hände von mei­nem Shirt. „Was zum Teu­fel soll das?“
Sie zuckt mit den Schul­tern und steckt ihre Hände läs­sig in ihre Ta­schen. „Ich dach­te, das wäre der beste Weg, um dich zum Schwei­gen zu brin­gen und deine lä­cher­li­che Ti­ra­de zu be­en­den.“
Gott, sie ist selt­sam, und warum krib­beln meine Lip­pen?
Meine Re­fle­xe sind blitz­schnell, das kann jeder in der Eis­ho­ckey-Pro­fi­li­ga be­stä­ti­gen, und meine Hände schie­ßen vor, um ihre Wan­gen zu um­fas­sen. Mit den Dau­men unter ihrem Kinn ziehe ich sie zu mir heran und bin zu­frie­den, als ich sehe, wie ihre Augen vor Schreck und Er­re­gung auf­fla­ckern. Ich ziehe sie hoch, so­dass sich un­se­re Nasen fast be­rüh­ren und un­se­re Lip­pen eben­falls.
Ihr Atem streicht über mei­nen Mund und dann atmet sie wie­der ein.
„Til­den?“, flüs­te­re ich und wun­de­re mich, dass ihre Augen auf Halb­mast gehen. Mein Gott. Macht sie das an? Mein Schwanz zuckt. Ir­gend­et­was pas­siert hier ge­ra­de.
„Ja?“, wis­pert sie, als wäre sie in einem Bann ge­fan­gen.
Ich beuge mich vor, be­rüh­re ihre Lip­pen mit nicht mehr Kraft, als würde ein Schmet­ter­ling auf ihrem üp­pi­gen Mund lan­den. Ein stot­tern­der Atem ent­weicht ihr, und das ist ver­dammt sexy. Es fällt mir schwer, mei­nen Mund nicht auf den ihren zu pres­sen, aber ich blei­be stand­haft.
„Du hast den gan­zen Tag Zeit, mei­nen Gar­ten auf­zu­räu­men. An­dern­falls rufe ich die Po­li­zei.“
Die Er­kennt­nis, dass ich sie nicht küsse, son­dern be­dro­he, setzt ein, und ihre Hände sind wie­der an mei­ner Brust, dies­mal drü­cken sie fest da­ge­gen.
Ich bin vor­be­rei­tet und rühre mich nicht von der Stel­le.
Je­den­falls nicht für ei­ni­ge Se­kun­den. Ich halte sie fest, un­se­re Lip­pen noch immer leicht an­ein­an­der, bevor ich meine Hände fal­len lasse. Ich trete zu­rück, lä­che­le und deute einen Salut an, weil ich die Kon­trol­le über die­ses Spiel zu­rück­er­obert habe.
„Bis heute Abend“, er­in­ne­re ich sie. „Aber wenn du nicht willst, werde ich zu­se­hen, wie sie dich ver­haf­ten. Ich wette, Hand­schel­len ste­hen dir gut.“
Ja, der letz­te Satz mag eine An­spie­lung ge­we­sen sein, aber ich meine es auch tod­ernst. Sie soll­te bes­ser auf­hö­ren, mich zu ver­ar­schen, denn ob­wohl sie mich schon jetzt für ein Arsch­loch hält, hat sie meine wahre Seite noch nicht ge­se­hen.
Und doch merke ich beim Weg­ge­hen, dass mir die Sache nicht ge­fällt. Nicht die Dro­hung, die Po­li­zei zu rufen; dazu stehe ich, denn ich will, dass mein Gar­ten auf­ge­räumt wird. Und ich habe etwas über Til­den Mar­shall ge­lernt. Sie ist ver­schla­gen und stur und wird es nicht frei­wil­lig tun. Ich brau­che die Po­li­zei als Druck­mit­tel, um sie zum Ein­len­ken zu be­we­gen.
Aber die­ser Kuss ist mir nicht ge­heu­er.
Es braucht viel, um mich zu über­rum­peln. Es braucht noch mehr, um mich zu über­ra­schen. Aber die Tat­sa­che, dass sie mich ge­packt hat …
Sie hat mich zu­erst ge­küsst.
Sie hat einen ver­dammt mu­ti­gen Schritt ge­macht, und das macht mich neu­gie­rig. Neu­gie­rig auf die Frau, die so viel Selbst­ver­trau­en hat. Dass mein Kör­per auf sie re­agiert hat, ist rät­sel­haft, denn sie ist nor­ma­ler­wei­se nicht mein Typ. Su­per­mo­del-ähn­li­che Frau­en in knap­pen Kla­mot­ten sind eher mein Ding. Wenn man dann noch be­denkt, dass sie mich zu Tode nervt, macht sie mich noch neu­gie­ri­ger. Was mich am meis­ten stört, ist, dass es mir schwer­ge­fal­len ist, ihren Kuss nicht zu er­wi­dern. Dass ich tat­säch­lich damit rang, mein Druck­mit­tel und meine Dro­hun­gen auf­zu­ge­ben, nur um zu sehen, wie sie wirk­lich schmeckt.
Das macht mir Angst. Es ist das erste Mal, dass ich einen Blick auf den alten Coen Highs­mith er­ha­schen kann. Der Mann, der vor dem Un­glück exis­tier­te. Er ist der­je­ni­ge, der über eine Frau ge­lacht hätte, die sei­nen Gar­ten in ein Na­tur­schutz­ge­biet ver­wan­delt und ne­on­far­be­ne Vo­gel­fut­ter­häus­chen in seine Bäume ge­hängt hat. Der Mann, der ich ein­mal war, hätte sie ver­dammt noch mal ge­küsst und wäre auf der Stel­le mit ihr ins Bett ge­gan­gen, wenn sie ge­willt ge­we­sen wäre.
Als ich zu­rück in Rich­tung der Baum­grup­pe gehe, die mein Grund­stück von ihrem trennt, be­un­ru­higt mich vor allem die Tat­sa­che, dass ich immer noch damit kämp­fe, mich nicht um­zu­dre­hen und zu ihr zu­rück­zu­ge­hen.

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