NOLA Knights: His to Defend

Originaltitel: His to Defend (NOLA Knights #1)
Übersetzer: Jazz Winter

Erschienen: 10/2020
Serie: NOLA Knights
Teil der Serie: 1

Genre: Contemporary Romance, Mafia Romance
Zusätzlich: Dominanz & Unterwerfung

Location: USA, New Orleans


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-485-6
ebook: 978-3-86495-486-3

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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NOLA Knights: His to Defend


Inhaltsangabe

NOLA Knights - New Orleans, Louisiana: Ungezügeltes russisches Heißblut und dunkle Vergangenheit. Wenn diese rauen Männer der Bratva eine bestimmte Frau als ihr Ziel auserkoren haben, setzen sie alles daran, dass sie ihnen gehört. 

Seine Welt. Seine Regeln. Ihre Liebe.

Obwohl seine Methoden hart sind, beschützt Sergei Petrovyh das, was ihm gehört. Als Evette Labadie ihn um einen Job bittet, weiß er, dass er seine Finger von ihr lassen sollte. Aber etwas an ihr zieht ihn an - es brennt in ihm, sie für sich zu beanspruchen.

Natürlich ist Evette der mächtige Boss der Russenmafia aus der Ferne bekannt. Immerhin ist er so heiß wie sein Ruf gefährlich ist! Aber jeder Bewohner ihres schwierigen Viertels in New Orleans weiß, dass er der Mann ist, an den man sich in Notfällen wenden kann. Und nachdem sie gerade ihren Job verloren hat, ist sie in Not. Sie braucht dringend Geld, um ihrem hochbegabten kleinen Sohn die benötigte schulische Förderung zukommen lassen. Auch wenn es ihr widerstrebt, spielt Evette bald Aschenputtel für einen Mann, der trotz allem, was die Leute glauben, definitiv mehr Prinz als Verbrecher ist. Sie kann nicht anders, als sich jeden Tag immer mehr in ihn zu verlieben. 

Doch als ein Revierkampf zwischen Sergei und einem seiner Rivalen entbrennt und die Gewalt nicht vor ihrer Haustür haltmacht, muss Evette sich damit abfinden, einen Mann zu lieben, der vor nichts zurückschreckt, um sie zu verteidigen ...

Teil 1 der Spin-off-Serie der erfolgreichen "Haven Brotherhood"-Reihe.  

Über die Autorin

Die aus Oklahoma stammende Mutter zweier hübscher Töchtern ist attestierte Liebesromansüchtige. Ihr bisheriger Lebenslauf spiegelt ihre Leidenschaft für alles Neue wider: Rhenna Morgan arbeitete u.a. als Immobilienmaklerin, Projektmanagerin sowie beim Radio.

Wie bei den meisten Frauen ist ihr Alltag von morgens...

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Leseprobe

Hinter dem Tresen wandte Dorothy sich um und warf Sergei einen Blick zu, den man nur als Resignation bezeichnen konnte, und sagte dann etwas zu Evette, bevor sie sich in die Küche verzog.
Evette starrte ihn an. Ihre Arme waren überkreuzt und ihr Gesichtsausdruck hatte nichts mehr von der gewohnten Leichtigkeit. Was auch immer die feya auf dem Herzen hatte, es schien ernst zu sein.
Das gefiel ihm nicht.
Kein Stück.
Er zwang sich dazu, seine Aufmerksamkeit wieder auf Kir zu richten. „Übertreib es nicht. Etwas Kleines. Gerade genug, um eine Botschaft zu senden, aber nicht genug, um...

...einen Krieg anzuzetteln. Wir werden Alfonsi gegenübertreten, wenn die Zeit reif ist.“
Kir nickte nur einmal kurz und griff nach seiner Kaffeetasse.
Evette stieß sich vom hinteren Tresen ab, umrundete die Bar und kam mit langsamen, aber zielstrebigen Schritten näher. Ihr Weg führte sie direkt zu ihm. Er spürte den Drang, sich aufzurichten, doch bevor seine Muskeln in Aktion treten konnten, konzentrierte er sich darauf, sein Verhalten unbeeindruckt wirken zu lassen. Würde sich ein Mörder mit einer Waffe auf ihn zubewegen, wäre die Maske seine zweite Natur. Nur ein weiteres persönliches Gespräch mit dem Tod.
Aber als Evette auf ihn zukam, war es eine ganz andere Erfahrung. Hinter seinem Brustbein breitete sich ein unbekannter Druck aus. Ein Adrenalinschub machte seine Haut übersensibel und ließ die Umgebung bedeutungslos werden.
Beunruhigende Reaktionen.
Gefährlich für einen Mann wie ihn.
Romans tiefe Stimme drang kaum zu ihm durch, der russische Klang ihrer Muttersprache war wie ein beruhigendes Streicheln. „Zwei Audienzen an einem Tag. Und die hier ist mit einem Lamm.“
Kirs Mund zuckte. „Ich würde sie nicht unbedingt als Lamm bezeichnen. Aber das könnte interessant werden.“
„Nicht für euch beide“, sagte Sergei, als sie sich dem Tisch näherte. „Weil ihr nicht hier sein werdet.“
Dieses Mal machte sich Kir gar nicht erst die Mühe, sein Lächeln zu verbergen. Er wagte es sogar, zu lachen, während er aufstand und zu Roman sah, der bereits auf den Beinen war. „Wie ich schon sagte, nur eine Frage der Zeit.“
Evette blieb genau zwischen ihnen am Tisch stehen. So winzig, wie sie war, ließ sie Kir und Roman wie Riesen aussehen, aber sie beäugte die beiden mit einer bewundernswerten Furchtlosigkeit. „Unterbreche ich gerade etwas, das ich nicht unterbrechen sollte?“
Roman schenkte ihr etwas, das einem Lächeln bei ihm am nächsten kam, und bot ihr den Platz an, den er soeben frei gemacht hatte. „Nein, Madam. Bitte setzen Sie sich doch.“
Einige Sekunden lang inspizierte sie den ihr angebotenen Platz, die beiden Männer neben ihr und alle hinter ihr sitzenden Gäste. Dann, mit der gleichen Entschlossenheit, die er bereits während ihres Gesprächs mit Dorothy beobachtet hatte, straffte sie ihre Schultern und glitt auf den Platz rechts von ihm. „Danke.“
„Gerne.“ Roman neigte seinen Kopf Richtung Sergei und wechselte wieder ins Russische. „Viel Glück, moy brat.“
Kir imitierte die respektvolle Geste, doch seine Augen glänzten mit genug Heiterkeit, um zu versprechen, dass er später auf Details drängen würde. „Glücklicher Bastard.“ Er deutete mit dem Kinn Richtung Bürgersteig und wechselte zurück in die Landessprache. „Wir warten draußen.“
Sergei ignorierte den Spott und wandte seine Aufmerksamkeit Evette zu, nachdem die beiden davongeschlendert waren. „Ms. Labadie. Ihr Besuch an meinem Tisch kommt unerwartet.“
„Sie kennen meinen Namen?“
„Sie holen Ihren Sohn jeden Tag nach der Schule hier ab, besuchen Dorothy auch bei anderen Gelegenheiten häufig und manchmal arbeiten Sie sogar für sie. Es wäre nachlässig von mir, Ihre Patentante nicht nach dem Namen einer schönen Frau zu fragen, die ich so oft hier sehe.“
Sie verzog ihren Mund auf einer Seite, gerade mit gerade genug Verärgerung und Ironie, um zu beweisen, dass sie Sinn für Humor besaß. „Dorothy hat vergessen zu erwähnen, dass Sie charmant sind.“
Er war also das Thema ihres Gesprächs gewesen. Interessant. Er vermutete außerdem, dass dies wohl auch die Resignation auf Dorothys Gesicht erklärte, bevor sie in der Küche verschwunden war – seine feya brauchte etwas. Etwas, das wichtig genug war, um sich mit dem Teufel einzulassen, und ihre Patentante hatte nichts getan, um es zu verhindern. „Das kann ich durchaus sein.“ Aufzuzählen, was für Fähigkeiten ihm häufiger nachgesagt wurden, war unnötig. Es schwebte zwischen ihnen wie ein schwankender Sensenmann im Wind, der nur auf seinen nächsten Auftrag wartete.
Evette zappelte auf ihrem Sitz herum und schob Romans verlassene Kaffeetasse an den Tischrand. „Wissen Sie, meine Momma hat hier früher gearbeitet. Fast von dem Tag an, als Dorothy und ihr Ehemann das Diner eröffnet haben.“ Sie sah zu dem Tresen, an dem Emerson saß und nun seine Hausaufgaben erledigte. „Ich habe immer genau dort gesessen, wo Emerson jetzt ist, während ich darauf gewartet habe, dass sie ihre Schicht beendete. Wenn ich keine Hausaufgabe aufhatte, ließ Dorothy mich arbeiten, Salz- und Pfeffersteuer befüllen, Zuckerpäckchen auffüllen oder das Besteck in Servietten einrollen.“
Sie war ebenso ein Einzelkind und nun eine Alleinerziehende; wer Emersons Vater war, wusste nicht einmal Evette selbst. Sie lebte in einem heruntergekommenen Wohnhaus, das Sergei in den letzten drei Monaten zweimal zu kaufen versucht hatte, aber jetzt, wo er neben ihr saß – ihre Stimme hörte und ihrer unerschütterlichen Güte so nah war –, befeuerte das nur seine Motivation, alles zu bezahlen, was nötig war, um das Geschäft endlich abzuschließen. „Das weiß ich.“
Echte Überraschung erhellte ihr Gesicht. „Wirklich?“
„Dorothy hat Sie sehr gern. Sie hat mir viele Dinge erzählt. Auch, wie Ihre Mutter ihr nach dem Tod ihres Mannes beigestanden hat.“
Etwas von der Vorsicht, die sie mit an den Tisch gebracht hatte, verschwand und eine Düsterkeit legte sich über ihre haselnussbraunen Augen. Sie stützte ihre Unterarme auf den Tisch und zeichnete mit dem Zeigefinger die Linie ihres Fingernagels nach. „Das war eine schwierige Zeit. Es war ungefähr ein oder zwei Monate nach dem Hurrikan Katrina und alle waren nervös. Ich glaube, niemand hätte gedacht, dass es so schlimm werden würde, dass jemand für Essen erschossen werden würde.“
Aber Dorothys Mann war genau das passiert. Sergei hatte die Details dazu selbst nachgeschlagen. Nach Geschäftsschluss war ein Mann eingebrochen, der verzweifelt seine Familie ernähren wollte. Dorothys Ehemann war der Einzige, der zwischen dem Schützen und der von ihm begehrten Ware gestanden hatte. „Sie waren damals fünfzehn.“
Dieses detaillierte Wissen erregte ihre Aufmerksamkeit innerhalb eines einzigen Herzschlags, und eine hart erlernte Vorsicht machte sich in ihrem strahlenden Blick breit.
Ja, malen’kaya feya. Ich weiß alles über dich.
Er musste es nicht sagen. Sie fühlte es und respektierte die Gefahr, die es repräsentierte.
Umso besser für sie beide. Wenn sie eine Bitte hatte, war es klug, sich daran zu erinnern, mit wem und mit was sie es zu tun hatte, bevor sie die Anfrage stellte.
Für einen Moment ließ er die unangenehme Stille zwischen ihnen schwelen, dann gab er ihr einen verbalen Schubs. „Wollten Sie über etwas Bestimmtes mit mir sprechen, Ms. Labadie?“
Sie hielt seinem Blick stand. Ihre Augen waren ausdrucksstark, durchlässig für all die Emotionen, die sich dahinter regten. Angst. Vorsicht. Verzweiflung und Hoffnung.
Ihr Blick kehrte zurück zu Emerson, und als sie sprach, lag da eine gewisse Ehrfurcht in ihrer engelsgleichen Stimme. „Haben Sie Kinder?“
Ein unerwarteter Schmerz breitete sich zwischen seinen Rippen aus. „Nyet.“
Sie wandte sich ihm wieder zu. „Eine Ehefrau?“
„Nyet.“
„Eine Freundin?“
Eine interessante Wendung. Er hatte keine Ahnung, wohin sie damit wollte. Eine Frau wie Evette würde sich nicht für einen Mann wie ihn interessieren. Jedenfalls nicht auf die Weise, wie es ihre Befragung anzudeuten schien. Und doch war seine physische Reaktion sofort und eifrig bei der Idee dabei.
Sein Schweigen und seine Mimik mussten wohl die Richtung seiner Gedanken verraten haben, denn sie richtete sich auf und plapperte drauflos. „Ich versuche herauszufinden, ob Sie jemand Besonderes in ihrem Leben haben. Jemand, für den Sie sich ein Bein ausreißen würden.“
Ah, also war es Emerson, um den sie sich Sorgen machte. Das ergab Sinn. Jeder, der sie mit ihrem Sohn sah, wusste, dass sie Berge versetzen würde, um Emersons Leben dadurch besser zu machen. Auch wenn es bedeutete, sich auf einen Tanz mit dem Teufel einzulassen.
Er nickte und dachte dabei an die Frau, die er als Schwester betrachtete, Darya, und an Anton, den Mann, der mehr ein Vater als sein eigener für ihn gewesen war. „Es gibt da einige.“
Sie studierte sein Gesicht, konzentrierte sich darauf, als ob sie die Ehrlichkeit seiner Antwort einschätzen wollte. Was auch immer sie gesehen hatte, musste wohl ihren Mut befeuert haben, denn sie schluckte den letzten Rest ihrer Angst hinunter und fuhr fort. „Emerson ist mein Ein und Alles. Die einzige Familie, die ich noch habe.“
„Die Familie ist in der Tat wichtig.“ Er wartete. Wenn sie etwas wollte, musste sie darum bitten. Er hatte bereits genug auf dem Gewissen, um ihn für immer in die Hölle zu verbannen. Ihren Untergang würde er jedoch nicht auf dieser Liste ergänzen.
Sie fing erneut an, an ihren Fingernägeln herumzufummeln, während es so wirkte, als wäre ihre Aufmerksamkeit auf den Tisch gerichtet; dabei schien sie ganz woanders mit ihren Gedanken zu sein. „Die letzten Jahre waren hart für ihn. Es kommt mir vor, als wäre er über Nacht von einem Kind zu einem Erwachsenen geworden, der im Körper eines Jungen gefangen ist. Seine Lehrer sagen, es liege daran, dass er sich in der Schule langweilt. Oder unterfordert fühlt.“ Sie hob den Kopf und auf ihren Lippen zeichnete sich ein stolzes Lächeln ab. „Mein Emerson ist klug.“ Das Lächeln verrutschte. „Aber er hat es nicht leicht, und die Lehrer denken alle, wenn ich es schaffe, ihn in der Montessori-Schule im Stadtrand unterzubringen, würde ihm das helfen.“
Als hätte er gespürt, dass das Gespräch sich um ihn drehte, blickte Emerson von seinen Schulbüchern auf und erwiderte Sergeis Blick.
Schmerz.
Verwirrung.
Frustration.
Leere. Die Art, die entstand, wenn der wertvolle Teil im Leben eines Jungen fehlte.
Sergei kannte diese Leere, war den gleichen Weg voller Schmerz, Frustration und Verwirrung gegangen, bis Yefim ihn gefunden und Anton vorgestellt hatte. Evette konnte den Jungen in die beste Schule des Landes bringen, doch das würde nie die Lücke füllen, mit der ihr Sohn sich herumschlug. Er brauchte einen Mentor. Einen Mann, der ihn leitete, ihm half, sein Leben zu gestalten.
Es stand Sergei allerdings nicht zu, diese Weisheit mit ihr zu teilen. Ganz besonders, da es sich um ein Bedürfnis handelte, das Evette nicht erfüllen konnte. „Dann sollten Sie dieser Schule wohl eine Chance geben.“
„Das will ich. Ich werde es tun. Tatsächlich haben sie gerade einen Platz frei. Der Schulleiter sagte sogar, Emerson hätte gute Chancen, sich für ein Stipendium zu qualifizieren, allerdings muss ich das Geld für seinen Studiengebühren vorstrecken, um seinen Platz so lange zu halten.“
„Sie brauchen also Geld, um die Aufnahme zu sichern.“ Eine Bitte, die leicht zu erfüllen war und verhindern würde, dass sie die hässliche Seite seines Lebens sah.
„Nein. Keinen Kredit. Ich möchte Hilfe bei der Arbeitssuche. Eine Referenz oder einen Hinweis, wenn sie einen haben. Und je früher, desto besser.“
Interessant.
Wie oft waren die Menschen zu ihm gekommen und hatte ihn um Hilfe gebeten, aber nicht ein einziges Mal hatte jemand das Angebot von Geld abgelehnt.
Er beugte sich vor und legte wie sie die Unterarme auf dem Tisch ab. Während seine Hände ruhig und locker blieben, waren ihre immer noch zappelig miteinander beschäftigt. „Ein Job.“
„Ja.“
„Was für ein Job?“
Sie drehte sich in ihrem Sitz neben ihm so, dass sie ihm ihren Oberkörper zuwandte. Ihr Bein, das ihm am nächsten war, hatte sie angezogen; es lag ruhig auf dem Sitz. Es wirkte, als ob sie sich für ein normales Gespräch mit einem unschuldigen Mann statt mit einem bekannten Subjekt aus der kriminellen Unterwelt wappnete. „Nun ja, Sie wissen, dass ich in einem Laden wie diesem arbeiten könnte. Zumindest hier vorne. Ich war noch nie in einer Küche tätig, also wäre das schwer zu verkaufen. Mein letzter Job war bei einer Reinigungsfirma. Wir haben in Geschäftsgebäuden gearbeitet, hauptsächlich in Büros. Das hat gut funktioniert, denn es ist Tagarbeit und ich hatte kurz nach Emersons Schulschluss frei. Ich denke jedoch, dass es schwierig sein wird, so etwas wieder zu bekommen, wenn der neue Arbeitgeber eine Referenz von meinem ehemaligen verlangt.“
„Und warum?“
„Weil sie mich wegen einem Sicherheitsverstoß gefeuert haben.“
Alles in ihm wurde still. Seine Raubtierinstinkte wurden mit der gleichen Eindringlichkeit ausgelöst, die er gespürt hätte, wenn einer seiner meistgehassten Feinde durch die Türen des Diners gekommen wäre. „Erklären Sie mir das.“
Evettes Augen verengten sich und sie neigte ihren Kopf ein klein wenig. Als sie antwortete, tat sie das mit der Vorsicht einer Frau, die sich sehr bewusst war, dass sie gerade über eine Art Auslöser gestolpert war, sich jedoch nicht ganz sicher war, was der Auslöser tatsächlich war. „Ich habe wirklich keine Ahnung. Sie haben gesagt, mein Ausweis sei am vergangenen Samstag in einem Anwaltsbüro benutzt worden, aber ich weiß, dass das nicht stimmen kann. Mein Ausweis war zu Hause. Emerson und ich waren am Samstag nur zweimal unterwegs – auf dem Bauernmarkt und in der Kirche. Ich kann es auf keinen Fall gewesen sein.“
„Und das haben Sie ihnen gesagt?“
„Natürlich. Aber es stand mein Wort gegen ein computergestütztes Trackingsystem, also wollte mein Boss mir nicht zuhören.“
Er würde darauf wetten, dass er ihren Boss dazu bringen könnte, zuzuhören.
Und ihn leiden lassen.
Für eine ganze Weile.
Allerdings würde das, auf lange Sicht gesehen, nicht gut für sie funktionieren, und in seinem Kopf nahm eine verlockende, aber gefährliche Idee Gestalt an. Vorteilhaft für sie beide, doch reine Folter für ihn.
Er lehnte sich erneut zurück und studierte ihr Gesicht.
Sie starrte zurück. Ihre Augen, mit Blau und Grün durchsetzte Goldflecken, wurden durch diesen unbezähmbaren Geist, der darin tobte, noch viel faszinierender. Einer hoch angesehenen Frau wie Evette und ihrem Sohn zu helfen, würde ihm bei den Einheimischen viel Vertrauen, Respekt und Loyalität einbringen. Und je mehr Loyalität und Respekt er erntete, desto schneller würde er seine Ziele erreichen.
Ein Gewinn für sie und ein Gewinn für ihn.
Dafür könnte er sicherlich ein wenig Folter verkraften.
Nachdem er seine Entscheidung gefällt hatte, machte er sich eine geistige Notiz, den Namen der Firma, in der sie gearbeitet hatte, herauszufinden und den angeblichen Sicherheitsverstoß zu untersuchen. Er zog eine Visitenkarte aus seiner Tasche, schrieb eine Adresse auf die Rückseite und schob sie über den Tisch. „Seien Sie am Montag um neun Uhr morgens dort.“
Mit einer bezaubernden Kopfbewegung nahm sie die Karte in die Hand und begutachtete den formellen Druck auf der Vorderseite – ein einfacher Hinweis auf Bogatyr Industries mit einer Telefonnummer, bevor sie sie umdrehte. Evette runzelte ihre Stirn und schaute auf. „Die werden mir helfen, einen Job zu finden?“
„Nein, sie werden Ihnen einen Job geben.“
„Aber die kennen mich doch gar nicht.“
Da war es wieder. Diese Unschuld. Diese Güte, die auf wundersame Weise von dem harten Leben, das sie führte, unberührt geblieben waren. Aber sie hatte auch einen eisernen Willen, eine Stärke, die er nur bewundern konnte.
Wenn er das durchziehen würde – wenn sie die Unterstützung akzeptierte, die er ihr zu geben beabsichtigte –, wäre er wohl ständig der Verführung ausgesetzt.
Doch sie würde sehr davon profitieren. Vielleicht würde sie endlich den Halt finden, den sie brauchte, um ihre Karriere im Modegeschäft zu starten, die sie wegen ihrer plötzlichen Schwangerschaft mit Emerson aufgegeben hatte. Dorothy hatte ihm das erzählt.
Er rutschte aus der Sitzecke, richtete seine Anzugjacke und knöpfte sie zu. „Sie haben mich um Hilfe gebeten, Ms. Labadie. Seien Sie morgen früh um neun Uhr da und Sie werden sie erhalten.“
Sie starrte zu ihm empor, ihre hübschen rosafarbenen Lippen leicht geöffnet und ihre Augen vor Staunen weit aufgerissen. Als hätte sie gerade einen Ritter auf einem Einhorn durch das Diner reiten sehen. Nach ein paar Sekunden voller Verblüffung schüttelte sie ihre Benommenheit ab und stand ebenfalls auf. Sie streckte ihre Hand aus. „Danke.“
Bozhe, aber sie war winzig. Bei seiner Größe von einem Meter dreiundneunzig reichte ihr Scheitel kaum bis an seine Brust. Und dank des Staunens und der aufrichtigen Dankbarkeit in ihrem Gesicht, die ihn anstrahlten, fühlte er sich erst recht wie ein Riese. Sergei nahm ihre Hand in seine, wobei deren schiere Größe die ihrige vollständig verschlang.
Zieh sie näher.
Lass sie deine Kraft spüren.
Zeig ihr, wie sicher sie sich bei dir fühlen kann.
Er schüttelte die ungewollten Gedanken ab und löste seinen Griff. „Danken Sie mir noch nicht, malen’kaya feya.“ Er drehte sich um und ging auf die Tür zu und auf seine Männer, die draußen auf ihn warteten.
„Warten Sie.“
Beim Klang der Dringlichkeit in ihrer Stimme blieb er in der halb geöffneten Tür stehen und drehte sich zu ihr um.
Sie eilte zu ihm. „Was bedeutet das? Dieses feya-Ding.“
Emerson saß auf dem Barhocker; seine Hausaufgaben waren wegen der Interaktion zwischen Sergei und seiner Mutter längst vergessen.
Sergei richtete seinen Blick auf Evette, und zum ersten Mal seit langer Zeit, konnte er sich gegen ein Lächeln nicht wehren. „Malen’kaya feya bedeutet ‚kleine Fee‘.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, nickte er Emerson zu und ging nach draußen.
Umgehend flankierten seine Männer ihn rechts und links, und die drei machten sich gemeinsam auf den Weg zu dem marineblauen BMW, der am Ende des Blocks geparkt war.
Kir schaffte es bis zum Öffnen der Hintertür für Sergei, ehe seine Neugier siegte. „Und, was hat sie gewollt?“
„Einen Job. Sie braucht einen ab Montag.“ Sergei rutschte auf den Rücksitz, wohl wissend, dass er mit einer solch vagen Antwort niemals durchkommen würde. Sie waren zu lange zusammen, um Geheimnisse voreinander zu haben. Sie kämpften schon zu viele Jahre Seite an Seite, um nur mit dem absoluten Minimum an Antworten abgespeist zu werden.
Sobald Kir sich hinter das Lenkrad gesetzt hatte, torpedierte er ihn mit einer Nachfrage. „Wirst du einen für sie finden?“
„Das habe ich bereits.“
Kir und Roman wechselten einen Blick.
Roman drehte sich auf dem Beifahrersitz so weit, dass er Sergei über die Schulter hinweg ansehen konnte, und hob eine Augenbraue.
„Sie hat Erfahrung im Putzen“, sagte Sergei. „Sie ist kompetent und vertrauenswürdig, deshalb wird sie ab Montagmorgen mein Anwesen verwalten.“

Evette überprüfte einmal mehr die Adresse auf der Visitenkarte und dann die Hausnummer, die auf der coolen Plakette am schmiedeeisernen Zaun eingeätzt war.
Yep. Definitiv der richtige Ort.
Ihr Blick wanderte zurück zu dem massiven Plantagenhaus, das vor ihr stand. Mit seiner weißen Fassade und den klassischen runden Säulen gehörte es zum typischen Architekturstil, den jeder Besucher im Garden District von New Orleans erwartete. Die zweite Etage war wie eine Galerie aufgebaut, die sich perfekt dazu eignete, bei einem Mint Julep – einem Cocktail aus Bourbon, Minze und Zuckersirup – den Sonnenuntergang zu genießen.
Und es war riesig.
Wunderschön und atemberaubend in seiner majestätischen Schönheit.
Die Frage war, warum sie hier und nicht bei einem Geschäftsgebäude war. Ja, sie hatte schon vorher gewusst, dass die Adresse, die Sergei ihr gegeben hatte, im Garden District lag. Aber bis sie aus der historischen Saint-Charles-Straßenbahn ausgestiegen war, hatte sie nicht geahnt, dass die Adresse sie zu einem Haus führen würde.
Nein, kein Haus, Evie. Ein Haus war etwas für normale Leute. Das Ding hier war eine Villa, und ein Teil von ihr hatte Angst, überhaupt dort an der Haustür anzuklopfen.
Sie starrte hoch zu dem massiven Kronleuchter, der über der riesigen Eingangstür aus Mahagoni hing. Diese Tür war das Einzige, was zwischen ihr und einem Job stand. Sie konnte entweder auf dem Bürgersteig stehen bleiben und wie eine Touristin glotzen, oder den Mut aufbringen, es anzugehen.
„Nun, Ersteres wird dir nicht dabei helfen, dich um deinen Jungen zu kümmern“, murmelte sie leise. Sie presste die Lippen aufeinander und nahm die Schultern zurück. Toll gemacht, Evie. Sie haben wahrscheinlich überall Überwachungskameras, die direkt auf dich gerichtet sind. Lass sie ruhig sehen, dass du mit dir selbst laberst.
Sie ging mit der gleichen vorgetäuschten Zuversicht voran, die sie seit dem Tag, an dem sie mit Emerson aus dem Krankenhaus gekommen war, wie einen Panzer vor sich hertrug. Das war der Moment gewesen, in dem ihr klar geworden war, dass sie sich mehr aufgebürdet hatte, als sie tragen konnte. Es war allerdings etwas Wahres dran an der Phrase: Täusch es so lange vor, bis es tatsächlich klappt. Einen Tag nach dem anderen anzugehen und ihre unerbittliche Entschlossenheit hatten ihr geholfen, so weit zu kommen, und sie hatte nicht vor, jetzt zu kneifen.
Evie drückte auf die Klingel, und hinter der Tür ertönte ein Geräusch, das sich wie eine einzelne Kirchenglocke anhörte. Sie prüfte ein letztes Mal ihr Outfit, das aus einer engen schwarzen Hose mit Aufschlägen an den Knöcheln, einem ärmellosen, cremefarbenen Häkelshirt mit Herzausschnitt und unechten Perlenknöpfen bestand. Dazu trug sie einen passenden Blazer, der an den Unterarmen hochgerollt war, und elegante, allerdings nicht allzu hohe braune Pumps. Es waren alles qualitativ hochwertige Teile, die sie im Laufe der Jahre in Secondhandläden gekauft hatte, doch niemand außer ihr würde wissen, dass es gebrauchte Ware war. Zumindest nicht, wenn sie nicht gesehen hatten, wo sie wohnte. Sie hatte gedacht, der Look würde ihre wagemutige Ich-kann-das-Einstellung vermitteln, aber angesichts des Anwesens, vor dem sie nun stand, hätte sie vielleicht besser ein klassisches Kostüm wählen sollen.
Zu spät.
Sie war hier, und nach den schweren Schritten auf einer harten Oberfläche hinter der Tür zu urteilen, wurde es nun ernst.
Der Türknauf wurde gedreht.
Evie hob ihr Kinn an und strahlte mit ihrem Markenzeichenlächeln die Tür an.
Eine Sekunde später verblasste es. Der pure Schock, als Sergei auf sie herabblickte, wurde nur noch von der Tatsache übertroffen, dass er zum ersten Mal, seit er vor einem Jahr ins Diner gekommen war, ohne Anzugjacke vor ihr stand.
Heilige Mutter Gottes, war er ein schöner Anblick. Einige Männer brauchten einen Anzug, um mächtig auszusehen, aber nicht Sergei. Das Fehlen der Jacke und wie sich sein feines Hemd über diese breiten Schultern spannte, brachte seinen erstklassigen Oberkörper erst so richtig zur Geltung.
Heute bestand sein Outfit aus einem sehr hellen lavendelfarbenen Hemd, gepaart mit einer perfekt sitzenden grauen Hose. Obwohl er stets Anzüge bevorzugte, wenn sie ihn gesehen hatte, trug er nur selten Krawatten. Auch heute machte er da keine Ausnahme. Sein Anblick verlockte eine Frau dazu, ihre Finger unter den Stoff des Hemdes zu schieben, um herauszufinden, ob er eher eine beharrte oder glatt rasierte Brust hatte.
„Ms. Labadie.“
Die Amüsiertheit in seiner Stimme brachte sie dazu, ihre Augen von seiner Brust loszureißen und seinen Blick zu erwidern. Hatte sie gestarrt?
Ähm, hallo? Natürlich hast du das. Das tust du doch immer.
Richtig. Und nun standen ihre Wangen in Flammen und sie glotzte ihn schon wieder an. Sie räusperte sich. „Ich habe nicht erwartet, Sie hier zu sehen.“ Sie drehte sich und blickte zu den anderen Häusern, die die Straße säumten. „Eigentlich habe ich nicht erwartet, überhaupt hier zu sein. Ich dachte eher, ich würde zu einem Geschäftsgebäude gehen.“
„Ein Geschäftsgebäude?“
„Ja. Sie wissen schon. Eine Vermittlungsagentur oder so etwas in der Art.“
Er trat zurück, winkte sie herein und schüttelte den Kopf. Angesichts des Grinsens auf seinem Gesicht war sie sich ziemlich sicher, dass sein Kopfschütteln mehr humorvoll als ablehnend gemeint war wegen ihrer Vermutung. „Ich fürchte, nein.“
Wow.
Der Eingang präsentierte alles, was an diesen Plantagenhäusern so wundervoll war. Er war nicht so anmaßend und verschwenderisch wie bei einigen riesigen Luxusvillen, die sie online gesehen hatte, aber dennoch so anspruchsvoll im Detail, dass er augenblicklich einen enormen Eindruck vermittelte. Die Wände waren in einem beruhigenden Buttergelb gehalten. Die weißen Fuß- und Sockelleisten waren mindestens acht Zentimeter hoch und enthielten Details, die einen Tischlermeister ins Schwärmen versetzen könnten. Eine etwa fünfzehn Zentimeter breite Bordüre aus herrlichem Hartholz umrahmten kleine achteckige, elfenbeinfarbene Kacheln, die wie ein altmodisches Kreuzstichmuster angelegt waren. „Dieses Haus ist wunderschön.“
„Es ist ein Wahrzeichen.“ Sergei schloss die Tür hinter ihr und ging voraus. „Soweit ich weiß, wurde bei der Renovierung und den Details darauf geachtet, dass sie bemerkenswert nah an der ursprünglichen Bauweise von 1867 blieben.“
Sie stoppte neben einem massiven Gemälde mit verziertem Goldrahmen – dasselbe Haus, das sie eben erst betreten hatte, aber in einer anderen Epoche angesiedelt. Irgendetwas daran beruhigte sie. Als ob alle technologischen Fortschritte der Gegenwart in einem einzigen Moment ausgelöscht worden wären und das Chaos des Sofortzugriffs auf die Welt mit sich gerissen hätte.
„Kommen Sie“, sagte er, während er neben der geschwungenen Treppe stand. „Ich führe Sie herum.“
Es gab nicht viele Dinge, die Evie die Sprache verschlugen. Nicht einmal einige der schickeren Häuser, die sie besucht hatte. Doch die Details dieser Villa ließen sie förmlich dahinschweben und erinnerten sie an all die entzückenden Bilder aus vergangenen Zeiten.
Verzierte Kristallkronleuchter. Handgeknüpfte Teppiche. Elegante Vorhänge, die vor den großen Fenstern hingen und am Boden geschmackvoll drapiert waren. All das erinnerte sie an die französischen Paläste, die sie sich einmal online angesehen hatte, nur mit einem kreolischen Flair.
„Es handelt sich um sieben Schlafzimmer und acht Bäder“, sagte er, als er aus dem Aufzug in die Küche trat. „Diese Räume erfordern regelmäßige Reinigung, ebenso wie der Ballsaal und die Wohnräume. Es gibt einen Hausmeister und eine Köchin, deren Aufgaben Sie koordinieren müssen.“
Sie würde was?
Sie blieb hinter ihm stehen. „Mr. Petrovyh.“
„Sergei.“
Sie nickte. „Sergei.“ Evie betrachtete die erstklassigen Granitarbeitsflächen mit den hochwertigen Edelstahlgeräten. Allmählich ließ die Faszination nach, die sie bisher so in den Bann gezogen hatte. Jedenfalls so weit, dass sie endlich wieder das Ruder in die Hand nehmen konnte. „Warum bin ich hier?“
„Ich zeige Ihnen das Haus und teile Ihnen meine Erwartungen mit.“
So, wie er das sagte, lag da ein gewisser Unterton in seiner Stimme, der besagte: Sei nicht dumm! Dennoch konnte sie den riesigen Elefanten im Raum beim besten Willen nicht sehen. „Und das tun Sie, weil …?“
Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, während in seinen Augen die Herausforderung schimmerte. „Sie wollten einen Job, Evette. Seit einer Viertelstunde sind dieses Anwesen und alles, was damit zu tun hat, offiziell genau das.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte er sich um und schlenderte zur Hintertür der Küche. „Kommen Sie hier entlang, ich zeige Ihnen das restliche Gelände und den Pool.“
Sie folgte ihm, ohne einen einzelnen klaren Gedanken zustande zu bringen, zu fassungslos über seine beiläufige Erklärung, um auch nur darauf zu kommen, Einspruch einzulegen. In der Sekunde, als sie den hinteren Gartenbereich sah, setzte ihr Gehirn vollkommen aus, und sie akzeptierte die Tatsache, dass nichts mehr einen Sinn machen würde. Zumindest nicht, bis sie die Gelegenheit hätte, sich hinzusetzen und ihrem Verstand Zeit zu geben, das alles zu verarbeiten.
Perfekt getrimmte Hecken formten eine klassische Begrenzung um den kristallklaren Pool, und das Gras, das sich über die gesamte Rückseite erstreckte, war golfplatzwürdig. Eine Balustrade trennte die erhöhte Steinterrasse von einem geschwungenen Plattenweg aus Sandstein zum Pool. Marmorstatuen, die wahrscheinlich aus Italien importiert worden waren, schmückten die vielen bunten Blumenbeete, die wirklich alles – von Chinesischer Kräuselmyrte bis zu Rosenbüschen – beherbergten.
Sergei beendete seine Litanei an Instruktionen, von denen sie kein einziges Wort gehört hatte, stemmte seine Hände in die Hüften und blieb ihr gegenüber stehen. „Irgendwelche Fragen?“
Könnten Sie das alles noch mal wiederholen?
Besonders den Teil, bei dem ich dieses Anweisen hier leite?
Das wäre sicherlich nicht die cleverste Antwort, wenn man die sich bietende Gelegenheit betrachtete. Ehrlichkeit war ja gut und schön, aber manchmal brauchte ein Mädchen etwas Zeit, um aus der Realität schlau zu werden. „Ich habe eine Tonne von Fragen, es wird allerdings wohl eine Weile dauern, bis sie Gestalt annehmen.“
Er nickte einmal kurz, als wäre ihre Erwiderung nicht nur akzeptabel, sondern als hätte er nichts anderes erwartet. Sergei drehte sich um und ging auf ein Gebäude zu, das auf der anderen Seite des Gartens und am Ende der Einfahrt lag. „Gut, dann folgen Sie mir und wir werden über Ihr Gehalt reden.“
Für einen kurzen Moment machte sich ihr praktischer Verstand für die Verhandlungen bereit, wurde aber schnell von ihrer Neugier beiseitegeschoben, als sie sich dem allein stehenden Gebäude näherte. „Was ist hier drin?“
„Es ist das Kutscherhaus.“ Er öffnete die malerisch gestaltete Hollandtür, die als Haupteingang diente, und ging ihr voraus. Im Gegensatz zum Haupthaus hatte sich der ehemalige Besitzer hier einige Freiheiten herausgenommen. Es besaß immer noch den gleichen Charme wie alles andere, aber mit wesentlich mehr modernen Details.
Wunderschön.
Absolut atemberaubend.
Versiegelte Holzböden. Weiß getünchte Wände. Eine opulente Holztreppe mit schmiedeeisernen Details im Geländer. All dies wurde mit Geräten, die auf dem neusten Stand der Technik waren, und rustikalen Akzenten unterstrichen. Es wirkte wie ein Landhaus, das sich gegen die Moderne gewehrt hatte.
Sie schlenderte durch den Wohn- und Essbereich mit seinen hohen Decken und blieb an einem langen Esstisch mit einer Sitzbank auf einer Seite stehen. Evie blickte hinauf zur offenen Galerie, von der aus zwei Schlafzimmer abzweigten. „Wer wohnt hier?“
„Sie wohnen hier, Ms. Labadie.“ Er nahm einen großen braunen Umschlag vom Tisch und schüttete den Inhalt aus – einen kleinen Stapel Papiere, die an einer Ecke zusammengetackert waren, einen dicken weißen Briefumschlag, einen Satz Schlüssel und einen Kugelschreiber. Sergei hob den dicken Umschlag auf und reichte ihn ihr. „Sie erhalten natürlich einen Bonus für die Unterzeichnung des Vertrages und Zeit, sich um die Schulanmeldung für Emerson zu kümmern. Danach werden meine Männer Ihnen beim Umzug helfen.“
Evie hörte die Worte. Sie wusste tief im Innern, dass sie sich endlich zusammenreißen musste, um das alles zu verarbeiten, allerdings war sie zu nichts anderem im Stande, als die Schlüssel auf dem Tisch vor ihr anzustarren.
„Ich soll hier wohnen?“
„Eine Bedingung des Jobs. Nicht verhandelbar.“
Ein Platz zum Wohnen.
Ein wirklich absolut verflucht schöner dazu.
Einer, bei dem sie sich nicht ständig darüber Sorgen machen musste, dass Emerson auf dem Weg von der Schule nach Hause getötet oder rekrutiert wurde, sich einer Gang anzuschließen.
Sie war geneigt, nach den Schlüsseln zu greifen, doch stattdessen zog sie den Stapel Papiere zu sich.
Ein Vertrag.
Zahlen und Details zeichneten sich zwischen der Juristensprache ab. Eintausend Dollar pro Woche. Miete und Nebenkosten als Teil des Pakets inklusive. Drei Wochen Urlaub. Krankenversicherung.
Und alles, was sie dafür tun musste, war, das Haus sauber zu halten und die Arbeiten der anderen Dienstleister zu koordinieren.
Das war großartig.
Genau die Veränderung, die sie brauchte, um Emerson das Leben ermöglichen zu können, das er verdient hatte, und ihre Karriere wieder in die Spur zu bringen.
„Mr. Petrovyh …“ Sie leckte sich über die Unterlippe und blickte auf den Vertrag. Es gab Geschäfte, die einfach zu gut waren, um wahr zu sein, und sie wäre verflucht naiv, wenn sie nicht ihren Teil dazu beitragen würde, herauszufinden, ob dieses hier eins davon war. Sie zwang sich, ihn direkt anzusehen. „Wessen Haus ist das hier?“
Sein Grinsen war das eines Wolfes. Eines hungrigen, gerissenen und vernichtend schönen Wolfes. „Meins.“
Dieses Eingeständnis hätte sie eigentlich erschrecken müssen. Es hätte sie direkt aus der Tür jagen müssen und zurück zur Straßenbahn, mit der sie hergekommen war. Stattdessen blieb sie wie versteinert, wo sie war, und schickte ein Gebet um Verständnis gen Himmel.
„Ist das ein Problem, Ms. Labadie?“
Für einen russischen Mafioso zu arbeiten?
Mit ihm zu leben?
Nun, nicht mit ihm. Jedenfalls nicht ganz. Doch bei näherer Betrachtung musste sie sich die Frage stellen, wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit von umherfliegenden Kugeln und Entführung sein könnte. Sie schob den Vertrag vor sich hin und her. „Ich wusste nur nicht … Ich wusste nicht, dass eine Unterkunft inbegriffen ist. Oder dass ich für Sie arbeiten würde.“
Er pirschte sich von seiner Seite des Tisches bis zum Ende heran, umrundete ihn und kam direkt auf sie zu. Die Art, wie er sie dabei mit diesen tiefblauen Augen ansah, machte ihr klar, warum die Beute eines Raubtieres nicht flüchten konnte. Sie war zu fasziniert, von der Schönheit des Jägers vollkommen gefangen, um sich selbst zu schützen. „Ich bin ein sehr anspruchsvoller Arbeitgeber, Ms. Labadie. Ich erwarte viel von denjenigen, die für mich arbeiten. Als Gegenleistung für ihre Fähigkeiten und Loyalität biete ich eine ausgezeichnete Vergütung. Aber missverstehen Sie eins nicht …“ Er schob ihr den Vertrag wieder hin. Tätowierungen zierten die Spitzen seiner Finger – seltsame Symbole, die für sie keinen Sinn ergaben, und komplizierte Muster, die sich um seine Handgelenke schlangen, bevor sie unter den Hemdärmeln verschwanden. „Dies hier ist meine Welt und Sie werden nach meinen Regeln spielen.“
Da war es. Eine Warnung und ein Ultimatum, alles in einem. Das Angebot war großzügig. Mehr als das. Wenn sie es annehmen würde, hätte sie endlich einen Ausweg aus den nicht enden wollenden Problemen, die sie selbst verursacht hatte, als sie voller Trauer um ihre Mutter vom Weg abgekommen und schwanger geworden war.
Aber dafür würde sie einem sehr gefährlichen Mann eine Menge schulden. Mehr als das, sie würde nicht nur dem Teufel etwas schulden. Sie würde mit ihm zusammenleben. Und damit ging auch eine gewisse Gefahr einher. „Ich habe einen Sohn. Ich habe die Verantwortung für ihn. Ich kann nicht …“ Sie schluckte hart, versuchte, einen Weg zu finden, ihren Bedenken Ausdruck zu verleihen, ohne ihn zu beleidigen.
Keine leichte Aufgabe, wenn allein der Gedanke daran, was sie gerade in Erwägung zog, sie zu Tode erschreckte.
Offensichtlich stand ihr diese Angst förmlich ins Gesicht geschrieben, denn er beantwortete die unausgesprochene Frage dennoch. „Ihnen wird kein Leid zugefügt. Auch nicht Emerson. Diejenigen, die für mich arbeiten, sind unantastbar.“
Unantastbar.
Ausgesprochen mit absoluter Überzeugung.
Eine unzerbrechliche Endgültigkeit, die mit der Subtilität eines Richterhammers durch den schönen Raum hallte.
Die Logik sagte ihr, dass er das gar nicht garantieren konnte. Aber wenn sie die Entschlossenheit in seinen Gesichtszügen betrachtete und die Art, wie unerbittlich er seinen eindrucksvollen Körper positionierte, kam ihr in den Sinn, dass selbst das Schicksal es sich wohl lieber zweimal überlegen würde, sich mit ihm anzulegen.
Mit zittrigen Händen hob sie den Vertrag an und begann, ihn zu lesen, zwang sich diesmal dazu, jedes einzelne Detail davon zu verinnerlichen.
Sergei verhielt sich vollkommen ruhig. Keine unausgesprochenen oder ausgesprochenen Versuche, sie zu einer Entscheidung zu drängen. Er wirkte nur wie ein geduldiger Jäger, der auf seine aufgestellte Falle vertraute.
Der Bonus für die Vertragsunterzeichnung würde mehr als reichen, um Emersons Platz an der Schule zu garantieren. Am Ende jeder Woche hätte sie sogar genug Geld übrig, um ihre eigene Schulbildung zu finanzieren. Emerson wäre in der Lage, in einer sicheren Gegend zur Schule zu gehen, und sie hätte abends Zeit, mehr als einen Kurs pro Semester zu besuchen.
Ein Flattern breitete sich in ihrem Magen aus, und ihre Arme fühlten sich so leicht an, dass sie tatsächlich prickelten.
Hoffnung.
Es war Jahre her, seit sie sie gefühlt hatte. Sie hatten den Glauben daran schon aufgegeben, dass eine solche Chance jemals auf sie zukommen würde. Aber die Chance war jetzt hier, wenn sie mutig genug war, sie anzunehmen.
Dorothy hatte ihm vertraut und Sergei hatte all seine Versprechen gehalten. Er hatte die Schläger ausradiert, die ihr Diner überrannt und sie täglich bedroht hatten.
Ihr Blick glitt zu dem Kugelschreiber, der auf dem Tisch lag. Es war kein gewöhnlicher Stift. Eher eines dieser silbernen Dinger, die wahrscheinlich Hunderte von Dollar kosteten. Sie nahm ihn auf und das Metall fühlte sich herrlich kühl an ihren Fingern an. Das Knistern der Papiere, als sie auf die letzte Seite blätterte, war im offenen Raum in dem ansonsten stillen Moment überdeutlich zu hören. Ehe sie sich versah, starrte sie auf ihre Unterschrift.
Evette Labadie.
Jede Linie elegant und gut geübt. Eine Unterschrift, von der sie einmal geschworen hatte, sie dazu zu nutzen, um große Dinge zu vereinbaren.
Damit hatte sie nicht falschgelegen. Sie hatte sich nur nicht vorgestellt, dass es bei einem Geschäft sein würde, das sie alles kosten könnte.
Beim Aufstehen blätterte sie die Papiere wieder zurück und überreicht sie dann Sergei.
Er nahm sie entgegen, und sein ruhiges Durchblättern ließ ihn wirken wie einen zufriedenen Mann, der gerade genau das, was er wollte, in Zement gegossen hatte. „Eine kluge Wahl, Ms. Labadie.“ Er neigte seinen Kopf auf eine Art, die sich wie ein formales Ritual anfühlte, behielt dabei jedoch stets den Augenkontakt zu ihr. Sobald er sich wieder aufgerichtet hatte, war der angespannte Moment vorbei und wurde ersetzt durch seine anmaßende Selbstsicherheit, die er bereits den gesamten Morgen über zur Schau getragen hatte.
Er ging zur Tür, während er sein erstes Kommando als Arbeitgeber an sie richtete. „Gehen Sie. Kümmern Sie sich um Ihren Sohn und seine Schule. Sie haben heute Zeit, umzuziehen; meine Männer stehen Ihnen zur Verfügung. Morgen beginnen Sie mit Ihren regulären Aufgaben.“
In der geöffneten Tür hielt er inne, musterte sie von Kopf bis Fuß, hob eine Augenbraue und grinste. „Das ist eine große Aufgabe, Ms. Labadie. Ich schlage vor, Sie machen sich besser an die Arbeit.“

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