Kings of Retribution MC: Kiwi

Über­set­zer: Paula Baker

Er­schie­nen: 01/2025
Serie: Kings of Re­tri­bu­ti­on MC
Teil der Serie: 15

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Motor­cy­cle Club Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Loui­sia­na, New Or­leans


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-746-8
ebook: 978-3-86495-747-5

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Kings of Retribution MC: Kiwi

,

In­halts­an­ga­be

Er hat viele Namen – aber im Kings of Re­tri­bu­ti­on MC nen­nen sie ihn Kiwi, ihren kom­pro­miss­lo­sen Road Cap­tain und un­er­schüt­ter­li­chen Club­bru­der. Als jun­ger Mann ver­ließ Kiwi Neu­see­land, um in Las Vegas nach sei­nem leib­li­chen Vater zu su­chen – und fand sich mit­ten im Sumpf der Un­ter­welt von Sin City wie­der. Der Mo­ment, als er einem Frem­den na­mens Riggs ver­trau­te, än­der­te alles und führ­te ihn di­rekt in die Arme des MC, aus dem er nie wie­der ent­kom­men woll­te.

Doch dann kehrt Piper LeBlanc nach Hause zu­rück. Die Toch­ter des Club-En­forcers ist längst nicht mehr das Mäd­chen von frü­her – sie ist eine selbst­be­wuss­te, atem­be­rau­bend heiße Frau, die eine ge­fähr­li­che An­zie­hungs­kraft auf Kiwi aus­übt. Kiwi weiß, dass sie ver­bo­ten ist. Sie ist zu jung, die Toch­ter sei­nes Club­bru­ders und somit voll­kom­men tabu. Aber die hit­zi­ge Lei­den­schaft zwi­schen ihnen ist un­ver­meid­lich – und Kiwi wird alles ris­kie­ren, um sie zu er­obern.

Piper kennt das raue, ge­fähr­li­che Leben der Biker nur zu gut. Auf­ge­wach­sen mit einem al­lein­er­zie­hen­den Vater, hatte sie nie etwas an­de­res ge­wollt – bis ihre Mut­ter, die als Old Lady eines an­de­ren MC-Prä­si­den­ten zu­rück­kehrt, wie­der in ihr Leben tritt. Piper ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen dem Hass auf die Frau, die sie vor vie­len Jah­ren ver­las­sen hat, und der Sehn­sucht nach der Mut­ter, die sie nie hatte.

Als Piper nach einem Jahr Col­le­ge nach Hause zu­rück­kehrt, ist sie nicht nur äu­ßer­lich ver­än­dert – auch Kiwi sieht sie plötz­lich mit völ­lig an­de­ren Augen. Der Blick, den er ihr zu­wirft, lässt ihr Herz hef­tig schla­gen. Sie soll­te sich fern­hal­ten, doch die An­zie­hungs­kraft zwi­schen ihnen wird immer stär­ker, bis sie nicht mehr zu leug­nen ist.

Was als ver­bo­te­ne Lei­den­schaft be­ginnt, wird schnell zu einem ge­fähr­li­chen Spiel ums Über­le­ben. Als Piper plötz­lich spur­los ver­schwin­det, ist der Kings of Re­tri­bu­ti­on MC ent­schlos­sen, Ver­gel­tung zu üben. In einem Wett­lauf gegen die Zeit kämpft Kiwi nicht nur um Rache, son­dern auch darum, Piper le­ben­dig und heil zu­rück­zu­brin­gen – koste es, was es wolle.

Über die Au­to­rin

Crys­tal Da­ni­els und Sandy Al­va­rez sind ein Schwes­tern-Duo und die USA To­day-Best­sel­ler­au­to­rin­nen der be­lieb­ten "Kings of Re­tri­bu­ti­on MC"-Se­rie.
Seit 2017 hat das Duo zahl­rei­che Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Ihre ge­mein­sa­me Lei­den­schaft für Bü­cher und das Ge­schich­ten­er­zäh­len führ­te sie auf eine auf­re­gen­de Reise,...

Crys­tal Da­ni­els und Sandy Al­va­rez sind ein Schwes­tern-Duo und die USA To­day-Best­sel­ler­au­to­rin­nen der be­lieb­ten "Kings of Re­tri­bu­ti­on MC"-Se­rie.
Seit 2017 hat das Duo zahl­rei­che Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Ihre ge­mein­sa­me Lei­den­schaft für Bü­cher und das Ge­schich­ten­er­zäh­len führ­te sie auf eine auf­re­gen­de Reise,...

Wei­te­re Teile der Kings of Re­tri­bu­ti­on MC Serie

Le­se­pro­be

Piper

Als ich am nächs­ten Mor­gen die Küche be­tre­te, steht Pro­mi­se am Kü­chen­t­re­sen und be­rei­tet Eier zu. Mein Dad sitzt neben Jax­son, der in sei­nem Hoch­sitz thront. „Guten Mor­gen, Dad.“ Ich küsse ihn auf den Kopf.
„Mor­gen, Bean“, sagt er, bevor er an sei­nem Kaf­fee nippt.
„Du siehst mi­se­ra­bel aus. Ich bin über­rascht, dass du schon wach bist, da ich dich erst nach Son­nen­auf­gang heim­kom­men ge­hört habe. Weißt du, Dad, du wirst alt. Du soll­test nicht bis in die Mor­gen­stun­den mit den Jungs Party ma­chen.“ Ich ki­che­re, und er fun­kelt mich über den Rand sei­ner Tasse weg an.
„Ich bin nicht...

...​alt.“ Er reibt sich mit der Hand übers Ge­sicht. „Und nur so ne­ben­bei: Ich hab nicht mit mei­nen Jungs einen drauf­ge­macht, son­dern mich ums Ge­schäft ge­küm­mert.“
Als mein Dad das Ge­schäft­li­che er­wähnt, weiß ich, dass das Thema ab­ge­hakt ist. Ich gehe durch die Küche und schnap­pe mir selbst eine Tasse Kaf­fee.
„Also, Piper, hast du ir­gend­wel­che Pläne für heute?“, fragt Pro­mi­se. „Ich dach­te mir, wir könn­ten Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen, um uns ge­gen­sei­tig auf den neu­es­ten Stand zu brin­gen. Ich woll­te mit Jax­son ein Pick­nick im Park ma­chen.“
Wäh­rend ich mich an den Tisch setze, lehne ich mich vor und kitz­le den Bauch mei­nes Bru­ders, was ihn quie­ken lässt. „Ich würde lie­bend gerne Zeit mit euch ver­brin­gen. Was ist mit dir, Dad? Be­glei­test du uns in den Park?“
Er schüt­telt den Kopf. „Ich tref­fe mich heute mit Kiwi. Er ist fast fer­tig mit dem Bike, an dem er in sei­ner Scheu­ne ge­ra­de schraubt, und ich will es mir an­se­hen. Ein Kum­pel von mir möch­te es ihm viel­leicht ab­kau­fen.“
Bei der Er­wäh­nung von Tai flat­tern die Schmet­ter­lin­ge in mei­nem Bauch. Es war hart, ges­tern in sei­ner Nähe zu sein. All die Ge­füh­le, die ich ein Jahr lang ver­sucht habe zu be­gra­ben, ström­ten so­fort wie­der auf mich ein.
„Aber keine Sorge.“ Dad steht auf und stellt seine Tasse ins Wasch­be­cken. „Ich werde in ein paar Stun­den zu­rück sein und möch­te Zeit mit mei­nem Ba­by­girl ver­brin­gen, um alle Neu­ig­kei­ten zu er­fah­ren. Ich will alles über das Col­le­ge­le­ben wis­sen.“ Er küsst mich auf den Kopf und macht das Glei­che bei Jax­son. Dann geht er rüber zu Pro­mi­se, zieht sie in eine Um­ar­mung und flüs­tert ihr etwas ins Ohr, wor­auf­hin sie er­rö­tet. Ich liebe es, die bei­den zu­sam­men zu sehen. Ich liebe es, mei­nen Dad so glück­lich zu sehen.

Un­ge­fähr eine Stun­de spä­ter sit­zen Pro­mi­se und ich auf einer Decke unter einer gro­ßen Eiche im Park und be­ob­ach­ten Jax­son, wie er einem Ball hin­ter­her­krab­belt. „Ich habe das Ge­fühl, so viel ver­passt zu haben im ver­gan­ge­nen Jahr. Jax­son ist so groß ge­wor­den. Ich hasse es, dass ich ein paar sei­ner ers­ten Mei­len­stei­ne ver­passt habe.“ Ich seuf­ze. Nach sei­ner Ge­burt war ich kurz zu Hause und auch ei­ni­ge Male seit­her. Aber das ist nicht das­sel­be. „Gäbe es kein Fa­ce­Time, wüss­te mein Bru­der nicht ein­mal, wer ich bin.“ Ich zupfe an den Gras­hal­men vor mir herum. Pro­mi­se sagt nichts, sie nickt nur und brummt. „Ich denke dar­über nach, wie­der nach Hause zu zie­hen.“
„Ist es das, was du willst? Geht es dabei nur um dei­nen Bru­der, oder gibt es da noch etwas an­de­res?“
Ich rich­te mei­nen Blick auf sie und sage ver­är­gert: „Seit wann geht es nicht um mehr?“ Pro­mi­se und ich ste­hen uns nahe, seit sie in das Leben mei­nes Dads ge­kom­men ist. Wir haben über viele Dinge ge­spro­chen, und sie hat mög­li­cher­wei­se ein ziem­lich gutes Bauch­ge­fühl und er­ahnt die Grün­de, warum ich New Or­leans ver­las­sen woll­te. Sie hat mich nur ein­fach nie dar­auf an­ge­spro­chen.
„Darf ich ehr­lich zu dir sein, Piper?“
„Ich möch­te, dass du immer ehr­lich zu mir bist, Pro­mi­se.“
„Ich ver­ste­he, dass man manch­mal allem ent­flie­hen will, dass man manch­mal weg­muss, um den Kopf frei­zu­be­kom­men. Du hast in dei­nem Leben viel durch­ge­macht. Teil des Clubs zu sein, ist nicht immer ein­fach. Und dann auch noch deine Mut­ter, die nach so vie­len Jah­ren wie­der auf­taucht. Das hat dich aus der Bahn ge­wor­fen. Ich möch­te nicht be­haup­ten, dass ich weiß, was du durch­machst, Lie­bes, aber all die­sen Schmerz zu ver­drän­gen und diese The­men nicht auf­zu­ar­bei­ten, wird nur dafür sor­gen, dass es wei­ter in dir bro­delt. Wenn du dich dazu ent­schei­dest, nach Hause zu kom­men, musst du es für dich tun. Tu es, weil es das ist, was du brauchst, und weil du be­reit bist, dich dei­nen Ängs­ten zu stel­len, damit du end­lich wie­der dei­nen Weg gehen kannst. Wenn du zu viel Zeit ver­ge­hen lässt, wirst du ir­gend­wann mit einer Ver­gan­gen­heit vol­ler ‚Was-wä­re-wenn‘ enden.“ Pro­mi­se hört auf zu spre­chen, und auch ich sage nichts mehr. Wir sit­zen ne­ben­ein­an­der, be­ob­ach­ten Jax­son beim Spie­len, und ich lasse mir ihre Worte durch den Kopf gehen.
Die nächs­ten zwei Stun­den ver­brin­ge ich damit, jede Se­kun­de mit mei­nem Bru­der in mich auf­zu­sau­gen. Wir sau­sen ge­mein­sam die Rut­sche hin­un­ter, wäh­rend ich ihn eng an meine Brust drü­cke, ich schub­se ihn auf der Schau­kel an und lau­sche sei­nem La­chen. Bald dar­auf be­kommt Jax­son je­doch schlech­te Laune. „Zeit für sein Schläf­chen. Was hältst du davon, wenn wir zu­sam­men­pa­cken und nach Hause fah­ren?“, schlägt Pro­mi­se vor, und ich helfe ihr, die Reste von un­se­rem Mit­tag­es­sen zu­sam­men­zu­räu­men und die Decke vom Boden auf­zu­he­ben.
„Klingt gut. Ich woll­te bei der Kli­nik vor­bei­schau­en und Dr. Chan­ning be­su­chen.“
Wäh­rend Pro­mi­se Jax­son in sei­nen Au­to­sitz bug­siert, öffne ich den Kof­fer­raum­de­ckel und ver­staue unser Zeug. Plötz­lich be­schleicht mich das ko­mi­sche Ge­fühl, be­ob­ach­tet zu wer­den. Ich bli­cke über meine Schul­ter, und am an­de­ren Ende des Park­plat­zes sehe ich eine ver­trau­te weiße Li­mou­si­ne. Es ist meine Mut­ter.
„Ist das …?“
„Ja“, sage ich und un­ter­bre­che Pro­mi­se, als sie in die Rich­tung schaut, in die mein Blick ge­rich­tet ist. „Sie muss mit­be­kom­men haben, dass ich wie­der in der Stadt bin. Auch wenn ich mir nicht er­klä­ren kann, wie sie es her­aus­fin­den konn­te.“
„Möch­test du hin­über­ge­hen und mit ihr spre­chen oder dei­nen Dad an­ru­fen?“, fragt Pro­mi­se.
Ich schütt­le den Kopf. „Nein. Sie kommt nie näher. Sie taucht immer ein­fach nur zu­fäl­lig auf, wenn ich ir­gend­wo un­ter­wegs bin. Wie da­mals bei mei­ner Ab­schluss­fei­er und ein paar Mal letz­ten Som­mer oder wenn ich zu Hause zu Be­such war.“
Pro­mi­se sieht mir in die Augen. „Du weißt davon?“
„Ja.“
„Warum hast du nichts ge­sagt? Dein Dad und ich haben sie an die­sem Tag auch ge­se­hen, wir dach­ten aber, du hät­test es nicht be­merkt.“
Ich zucke mit den Schul­tern. „Sie mein­te zu Dad, dass sie war­ten möch­te, bis ich be­reit dazu bin, auf sie zu­zu­kom­men. Es mag blöd klin­gen, aber ir­gend­wie mag ich den Ge­dan­ken, dass sie nach mir sieht.“
„Das klingt über­haupt nicht blöd, Piper.“
Ich rich­te meine Auf­merk­sam­keit wie­der zu­rück auf meine Mut­ter und komme nicht umhin, den hoff­nungs­vol­len Aus­druck in ihrem Ge­sicht zu be­mer­ken. Die­ser Blick wirkt je­doch schnell nie­der­ge­schla­gen, als ich mich um­dre­he und ge­gen­über von Pro­mi­se ins Auto klet­te­re.
Zum Glück sagt Pro­mi­se auf der Heim­fahrt kein Wort. Mein Kopf ist mit einem ab­so­lu­ten Durch­ein­an­der an wi­der­sprüch­li­chen Ge­füh­len be­schäf­tigt. Ich möch­te un­be­dingt Ant­wor­ten auf so viele Fra­gen. Warum hat sie be­schlos­sen, mich zu ver­las­sen? Gleich­zei­tig möch­te ich ein­fach nur, dass die Dinge wie­der so sind, wie sie waren, bevor sie er­neut in mein Leben ge­tre­ten ist. So­viel ich von Dads Er­zäh­lun­gen weiß, haben die Hell’s Pu­nis­hers und die Kings kei­nen Kon­flikt und ver­hal­ten sich ein­an­der ge­gen­über re­spekt­voll. Regel Num­mer eins von mei­nem Dad lau­tet, dass weder meine Mut­ter noch sonst je­mand vom Club mir zu nahe kom­men darf.
Heute ist sie das erste Mal al­lein auf­ge­taucht. Bei all den bis­he­ri­gen Ge­le­gen­hei­ten, bei denen sie mich aus der Ferne be­ob­ach­tet hatte, war sie von Crow be­glei­tet wor­den. Das erste Mal war auf der Ab­schluss­fei­er von der High­school ge­we­sen, da­nach noch ei­ni­ge Male wäh­rend des Som­mers, bevor ich nach Texas ging. Manch­mal war ich mit Freun­din­nen ge­ra­de beim Mit­tag­es­sen, als ich das Dröh­nen einer Har­ley hörte. Ich weiß, dass sie gute Ab­sich­ten hat. Der Club würde ihr oder den Hell's Pu­nis­hers sonst nicht er­lau­ben, auch nur einen Fuß nach New Or­leans zu set­zen. Ich würde mein letz­tes Hemd dar­auf ver­wet­ten, dass mein Dad von jedem ein­zel­nen Mal weiß, das sie in der Stadt ge­we­sen waren. In New Or­leans pas­siert nichts, ohne dass der Club davon weiß.
In Ge­dan­ken ver­sun­ken be­kom­me ich von der Heim­fahrt nichts mit, bis wir ir­gend­wann in die Ga­ra­ge ein­bie­gen.
„Möch­test du immer noch in der Kli­nik vor­bei­schau­en?“, fragt Pro­mi­se.
„Ja. Ich ver­mis­se die­sen Ort.“ Ich läch­le. „Ich werde bis zum Abend­es­sen zu­rück sein. Dad hat ge­meint, er macht heute seine be­rühm­ten Zwie­bel­rin­ge im Bier­teig mit ge­grill­ten Steaks. Das lasse ich mir nicht ent­ge­hen.“
„Okay, Süße. Bis spä­ter.“ Pro­mi­se hebt den schla­fen­den Jax­son vom Rück­sitz, wäh­rend ich mir meine Hand­ta­sche schnap­pe, mich auf den Weg zu mei­nem Auto mache und ein­stei­ge. Auf dem Weg zur Kli­nik komme ich am Out­door-Shop des Clubs vor­bei und ent­de­cke mei­nen Dad, der vor der Tür steht und mit Fen­der spricht. Mit einem Lä­cheln im Ge­sicht biege ich auf den Park­platz ab. Mein Dad er­wi­dert das Lä­cheln, so­bald ich aus dem Wagen stei­ge. „Was hast du vor, Bean?“
Ich schlin­ge meine Arme um seine Tail­le. „Ich bin auf dem Weg zur Kli­nik und habe euch hier drau­ßen ge­se­hen. Da woll­te ich an­hal­ten und Hallo sagen.“ Mein Blick wan­dert von Dad zu Fen­der. „Hi, Fen­der.“
„Wie gehts, Dar­ling?“
„Gut. Bin froh, zu Hause zu sein.“
Dad drückt mich. „Und wir sind ver­dammt froh, dich zu Hause zu haben.“
Ich öffne ge­ra­de mei­nen Mund, um zu ant­wor­ten, als Tai aus dem Vor­der­ein­gang des Out­door-Shops schlen­dert. Ich ziehe scharf die Luft ein, als ich ihn er­bli­cke. Tai ist einen Meter neun­zig groß und hat brau­nes Haar, das ein biss­chen län­ger ge­wor­den ist, seit wir uns zu­letzt ge­se­hen haben. Er sieht aus, als hätte er sich seit einer Woche nicht ra­siert, und hat die wun­der­schöns­ten grü­nen Augen, die ich bei einem Mann je ge­se­hen habe. Heute trägt er aus­ge­wa­sche­ne Jeans, ein grau­es T-Shirt, das sich an sei­ner mus­ku­lö­sen Brust spannt, und schwar­ze Mo­tor­rad­stie­fel. Hin­ter ihm kommt eine Frau in Po­li­zei­uni­form aus dem Laden. Ich habe sie noch nie ge­se­hen, sie muss also neu bei der Ein­heit sein. Sie sieht aus, als wäre sie in den spä­ten Zwan­zi­gern oder frü­hen Drei­ßi­gern. Sie ist groß und trägt ihr brau­nes Haar zu einem Pfer­de­schwanz ge­bun­den – und jetzt ge­ra­de ist sie dabei, Tai schö­ne Augen zu ma­chen.
Ein un­an­ge­neh­mes Ge­fühl brei­tet sich in mei­nem Bauch aus. Ich muss mir auf die Zunge bei­ßen, um mich davon ab­zu­hal­ten, etwas zu sagen. Das Letz­te, was ich jetzt ge­brau­chen kann, ist ein Auf­tritt des grün­äu­gi­gen Mons­ters na­mens Ei­fer­sucht. Das Ein­zi­ge, was die­ses wilde Tier in mir zähmt, ist der Um­stand, dass Tai die Frau of­fen­sicht­lich igno­riert. In Wahr­heit kann ich spü­ren, wie sein Blick di­rekt auf mich ge­rich­tet ist. Ich gebe mein Bes­tes, nie­man­den diese Ge­nug­tu­ung spü­ren zu las­sen, indem ich meine Augen auf den Boden ge­rich­tet halte.
„Also sehen wir uns am Diens­tag?“ Beim Klang der sinn­li­chen Stim­me der Po­li­zis­tin schnellt mein Blick nach oben und ich sehe, wie sie für Tai mit den Augen klim­pert. Er wen­det sich von mir ab und der Frau zu.
„Fen­der küm­mert sich um die Be­stel­lun­gen“, sagt er in einem neu­tra­len Ton­fall.
„Oh, okay, ich dach­te nur …“
Tai un­ter­bricht sie. „Dach­test was?“
Die Frau tut mir bei­na­he leid, als sie plötz­lich ent­täuscht wirkt und über ihre ei­ge­nen Worte stol­pert. „Oh, gut, okay. Dann komme ich am Diens­tag wie­der, um meine Be­stel­lung ab­zu­ho­len.“
So­bald die Frau weg­geht, rich­tet sich Tais Auf­merk­sam­keit wie­der auf un­se­re Grup­pe, und die hüb­sche, neue Po­li­zis­tin ist nur noch eine Er­in­ne­rung.
„Ver­dammt, Bru­der.“ Fen­der klopft Tai auf den Rü­cken und lacht. „Muss­test du dich wie ein Arsch ver­hal­ten? Ich meine, die Neue ist ein biss­chen zu be­müht, aber sie ist ganz schön an­zu­se­hen.“
Tai zuckt mit den Schul­tern, zieht eine Zi­ga­ret­te aus sei­ner Kutte und zün­det sie an.
Ich be­schlie­ße, mich zu ver­ab­schie­den, und stup­se mei­nen Dad an. „Ich haue ab. Bin bis zum Abend­es­sen zu Hause. Steht das An­ge­bot noch, dass du kochst?“
„Ja. Ich habe dir Zwie­bel­rin­ge und Steaks ver­spro­chen, also be­kommst du das auch.“
Dad deu­tet mit sei­nem Kinn zu Fen­der und Tai. „Wollt ihr beide spä­ter auch zum Essen vor­bei­kom­men?“
„Ich wünsch­te, ich könn­te, Bru­der, aber ich habe schon etwas vor. Eines der Kin­der vom Frei­zeit­zen­trum muss ab­ge­holt wer­den. Sa­wy­ers Mom muss län­ger ar­bei­ten, und ich helfe ihr.“
Dad nickt und blickt Tai an. „Was ist mit dir?“
Tai nimmt einen Zug von sei­ner Zi­ga­ret­te und sein Blick wan­dert in meine Rich­tung, bevor er sich wie­der zu mei­nem Dad um­dreht. „Ja, Bru­der. Ich komme gerne vor­bei.“

Fünf­zehn Mi­nu­ten spä­ter komme ich in der Kli­nik an und be­mer­ke, dass meine Nach­fol­ge­rin Erica nicht hin­ter dem Emp­fangs­t­re­sen sitzt. Ich höre ein Bel­len aus den hin­te­ren Räu­men, ge­folgt von der Stim­me von Dr. Chan­ning, die ruft: „Ich bin gleich bei Ihnen!“
Eine Se­kun­de spä­ter eilt sie um die Ecke und sieht ein biss­chen ent­nervt und sehr er­schöpft aus. Dr. Chan­ning ist Ende fünf­zig und un­ge­fähr zehn Zen­ti­me­ter klei­ner als ich. Sie hat dun­kel­brau­nes Haar, das mit grau­en Sträh­nen ge­spren­kelt und zu einem kur­zen Bob fri­siert ist, und sie ist einer der liebs­ten Men­schen, die ich kenne.
„Piper! Oh mein Gott! Was machst du denn hier?“ Sie kommt näher und zieht mich in eine feste Um­ar­mung.
„Ich bin über den Som­mer zu Hause und woll­te Sie be­su­chen. Wie läuft es bei Ihnen? Und wo ist Erica?“
Dr. Chan­ning stemmt die Hände in die Hüf­ten. „Sie hat letz­te Woche ge­kün­digt. Ohne Vor­an­kün­di­gung.“
„Ist das Ihr Ernst? Ein­fach so?“
„Ja. Nicht, dass es etwas än­dert. Sie war eine schreck­li­che Emp­fangs­da­me. Ehr­lich, ich woll­te sie schon ent­las­sen, bevor sie selbst ge­kün­digt hat. Mein Ter­min­ka­len­der ist ein Chaos. Die­ses arme Mäd­chen hatte kei­nen blas­sen Schim­mer von ir­gend­was.“
Ich ki­che­re. „Soll ich Sie un­ter­stüt­zen? Ich habe nicht viel vor, wäh­rend ich den Som­mer hier ver­brin­ge.“
„Piper, spiel keine Spiel­chen mit mir. Meinst du das ernst?“
„Ja. Ich würde sehr gerne zu­rück­kom­men. Die­ser Ort hier fehlt mir.“
„Oh, Piper, du hast mir auch ge­fehlt. Diese Kli­nik ist nicht die glei­che ohne dich. Ich würde dich nur an den Vor­mit­ta­gen brau­chen – bis un­ge­fähr zwei Uhr nach­mit­tags. Ich habe die­sen net­ten Jun­gen ein­ge­stellt. Er ist Schü­ler an der High­school und be­sucht die Som­mer­schu­le. Er kommt nach dem Un­ter­richt vor­bei.“
„Das klingt per­fekt. Wie wärs, wenn ich gleich an­fan­ge? Soll ich mir Ihren Ka­len­der ge­nau­er an­se­hen und das Chaos lich­ten?“
„Sehr gerne. Danke dir, Piper.“
„Gerne, Dr. Chan­ning. Aber darf ich vor­her nach hin­ten gehen und die Fell­ba­bys be­grü­ßen?“
„Na­tür­lich. Ich habe ge­ra­de Rocky nach drau­ßen ge­las­sen.“
Rocky ist eine Eng­li­sche Bull­dog­ge, die ver­gan­ge­nen Som­mer neben dem High­way ge­fun­den wurde. Wir den­ken, dass er mit Ab­sicht aus­ge­setzt wor­den war, und er muss­te dort in der Hitze lei­den. Er war le­bens­be­droh­lich de­hy­driert und hatte Ver­bren­nun­gen an den Un­ter­sei­ten sei­ner Pfo­ten auf­grund der hohen Tem­pe­ra­tu­ren des Asphalts. Rocky ist auch schon ein alter Hund und fasst nicht ge­ra­de schnell und leicht Ver­trau­en zu Men­schen, was dafür ge­sorgt hat, dass er schwer zu ver­mit­teln ist. Es wun­dert mich nicht, dass er noch hier ist.
Als ich mich auf den Weg zu den Hun­de­zwin­gern mache, führt mich mein Weg ohne Um­schwei­fe di­rekt zum größ­ten Zwin­ger, wo Chan­ce ge­hal­ten wird. Chan­ce ist ein Bea­gle und wurde vor einem Jahr aus einem Mas­sen­zucht­be­trieb ge­ret­tet. Viele der mehr als hun­dert Tiere konn­ten mitt­ler­wei­le in ein neues Zu­hau­se ein­zie­hen, aber lei­der muss­ten ei­ni­ge auch ein­ge­schlä­fert wer­den. Einer, der bei­na­he ein­ge­schlä­fert wer­den muss­te, war Chan­ce, weil seine Hin­ter­pfo­ten ge­lähmt sind. Als Dr. Chan­ning von sei­ner Si­tua­ti­on hörte, eilte sie her­bei und nahm sich sei­ner an. Sie kennt einen Mann in Mis­sis­sip­pi, der Roll­stüh­le für Hunde baut, und er zö­ger­te nicht, zu hel­fen. Ich liebe Chan­ce und habe seit mei­nem ers­ten Ar­beits­tag hier eine tiefe Ver­bin­dung mit ihm. Es war schreck­lich, ihn zu­rück­las­sen zu müs­sen, als ich nach Texas ging. Wäre das Stu­di­um nicht, würde ich ihn selbst ad­op­tie­ren.
Ich finde sei­nen Zwin­ger nur leer vor. Ich suche die an­de­ren ab und drehe mich dann zu Dr. Chan­ning um. „Ist Chan­ce mit Rocky drau­ßen?“, frage ich und mache mich auf den Weg zu der Tür, die in den klei­nen Gar­ten hin­ter der Kli­nik führt.
„Nein“, ant­wor­tet sie mit Freu­de in der Stim­me. „Er wurde ad­op­tiert.“
„Was?“, frage ich ein biss­chen ent­täuscht.
„Chan­ce wurde ab­ge­holt, kurz nach­dem du nach Texas ge­gan­gen bist. Ein Typ kam vor­bei und frag­te ex­pli­zit nach ihm.“
Ich hebe eine Au­gen­braue und denke nach, wer genug über Chan­ce wis­sen könn­te, um nach ihm zu fra­gen und ihn zu ad­op­tie­ren.
Dr. Chan­ning kann mei­nen Ge­sichts­aus­druck lesen. „Oh, Piper. Ich ver­si­che­re dir, dass Chan­ce in ein groß­ar­ti­ges Zu­hau­se zie­hen durf­te und sehr glück­lich ist. Sonst hätte ich ihn nie gehen las­sen.“
„Ich weiß. Ich ver­traue Ihrem Ur­teil. Es wäre nur schön ge­we­sen, wenn ich ihn hätte neh­men kön­nen.“
„Das glau­be ich dir, Lie­bes, aber ich ver­spre­che dir, dass er einen guten Platz be­kom­men hat. Au­ßer­dem bringt ihn sein neuer Be­sit­zer nächs­te Woche zu den jähr­li­chen Auf­fri­schungs­imp­fun­gen vor­bei. Dann kannst du ihn sehen und sei­nen neuen Be­sit­zer ken­nen­ler­nen.“
Ei­ni­ge Stun­den spä­ter, nach­dem ich den Ka­len­der der Tier­kli­nik von Eri­cas Chaos be­freit habe, muss ich immer noch über Chan­ce nach­den­ken und frage mich, wer ihn wohl ad­op­tiert hat. Sich um einen be­hin­der­ten Hund zu küm­mern, braucht viel Zeit und Hin­ga­be. Nicht, dass ich mich nicht für ihn freue. Er ver­dient es, ein Zu­hau­se zu haben und seine Tage nicht hier ver­brin­gen zu müs­sen. Und wie Dr. Chan­ning mein­te – ich kann den neuen Be­sit­zer von Chan­ce nächs­te Woche ken­nen­ler­nen.
Als ich meine Ar­beit er­le­digt habe, logge ich mich aus dem Com­pu­ter aus, schnap­pe mir meine Hand­ta­sche aus dem Schrank neben mir und schwin­ge sie mir über die Schul­ter, wäh­rend ich zum Büro von Dr. Chan­ning spa­zie­re. Ich ste­cke mei­nen Kopf durch die Tür. „Hey. Ich bin fer­tig. Der Ka­len­der ist wie­der auf dem ak­tu­ells­ten Stand, und Sie haben mor­gen nach dem Mit­tag­es­sen drei freie Stun­den. Erica hat es ge­schafft, ei­ni­ge Ter­mi­ne dop­pelt zu bu­chen. Ich habe die Du­pli­ka­te ge­löscht und ein paar Dinge ver­scho­ben, damit Sie wie­der in ge­ord­ne­te Bah­nen kom­men kön­nen.“
Dr. Chan­ning blickt von der Schreib­tisch­ar­beit vor sich auf und strahlt. „Du bist ein Engel, Piper. Danke.“
„Gern ge­sche­hen. Wir sehen uns mor­gen früh.“


Kiwi

Ich schlie­ße den Out­door-Shop heute frü­her. Nach­dem ich vor dem Ab­schlie­ßen meine üb­li­che Runde ge­dreht habe, räume ich gründ­lich auf und schnap­pe mir zwei Säcke voll mit Müll, bevor ich das Ge­bäu­de durch die Vor­der­tür ver­las­se. Da­nach lege ich die Plas­tik­sä­cke neben mir auf den Boden, schlie­ße die Tür ab und stel­le die Alarm­an­la­ge scharf. Ich nehme den Müll mit um die Ecke des Hau­ses, wo mein Bike steht, und schmei­ße die Säcke auf dem Weg dort­hin schnell in einen Con­tai­ner. Es ist fast sie­ben Uhr abends. Mit mei­nen Schlüs­seln in der Hand schwin­ge ich mein Bein über meine 1997 He­ri­ta­ge Sof­tail Har­ley. Die un­ter­ge­hen­de Som­mer­son­ne brennt mir auf den Rü­cken, als ich in die Stra­ße lenke, und der Tag endet, wie er be­gon­nen hat – heiß. Ich be­schlie­ße, dass ich mich zu Hause etwas frisch ma­chen soll­te, bevor ich zu Nova fahre.
Drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter biege ich mit mei­nem Bike auf einen un­be­fes­tig­ten Feld­weg ab, der von alten Pe­kan­nuss­bäu­men ge­säumt ist. Ich kann es immer noch kaum glau­ben, dass ich den Sprung ge­wagt habe und ein Stück Land mit einem Haus ge­kauft habe. Um ehr­lich zu sein: Es war nie Teil mei­nes Plans ge­we­sen, so lange in den Staa­ten zu blei­ben. Ich hatte nur mit ei­ni­gen we­ni­gen Jah­ren ge­rech­net, nach­dem Riggs mir einen Zu­fluchts­ort an­ge­bo­ten hatte. Meine Schul­tern span­nen sich an, wenn ich daran zu­rück­den­ke, warum ich in ers­ter Linie nach Loui­sia­na ge­kom­men war.
Bis heute denke ich dar­über nach, wel­che Rolle ich un­wis­sent­lich im Un­ter­grun­dim­pe­ri­um mei­nes leib­li­chen Va­ters ge­spielt hatte. Der Um­stand, dass die­ser jäm­mer­li­che Wich­ser ir­gend­wo in der An­ony­mi­tät noch am Leben ist, bringt mein Blut zum Ko­chen. Wir kön­nen uns immer noch nicht er­klä­ren, wie er es ge­schafft hat, Riggs und sei­nem Team in der Nacht da­mals, in der sie den Club ge­stürmt haben, zu ent­wi­schen. Ein paar Tage spä­ter brach die Hölle los, FBI-Be­am­te durch­such­ten sein Bü­ro­ge­bäu­de und sein Pent­house.
Ich lasse mein Bike aus­rol­len, stel­le es ab und gehe zur Vor­der­tür. So­bald ich sie öffne, werde ich von einem glück­li­chen Heu­len von Chan­ce be­grüßt. „Was geht ab, Kum­pel?“ Ich knie mich auf den Boden und krau­le ihn hin­ter den Ohren. Seine Zunge hängt ihm seit­lich aus dem Maul. „Wer ist ein guter Junge?“ Ich stehe auf, klop­fe seit­lich an mei­nen Ober­schen­kel und gehe in Rich­tung Küche. Chan­ce mag seine Hin­ter­bei­ne nicht be­nut­zen kön­nen, aber er hält trotz­dem meine Ge­schwin­dig­keit. Ich schmei­ße meine Schlüs­sel auf den Tre­sen und öffne das Glas mit den Le­cker­li, um gleich dar­auf einen Erd­nuss­but­ter­hun­de­keks in die Luft zu wer­fen. Chan­ce schnappt ihn sich und folgt mir dann ins Schlaf­zim­mer. Er trägt seine Beute in sein Hun­de­bett und ver­steckt sie unter einem alten Fla­nell­hemd, das er in sei­ner ers­ten Woche bei mir für sich be­schlag­nahmt hat.
Nach den ers­ten zwei Wo­chen al­lein in die­sem Haus hatte ich be­schlos­sen, dass ich einen Hund brau­che. Lange genug hatte ich meine Näch­te im Club­haus ver­bracht. Für all die Jahre, die ich bis dahin in New Or­leans ge­lebt hatte, war es mein Zu­hau­se ge­we­sen, und mit den Ladys, die dort leben, und den Jungs, die immer kom­men und gehen, war ich an Ge­sell­schaft ge­wöhnt.
Ich er­in­ner­te mich an die Tier­ärz­tin, für die Piper ge­ar­bei­tet hatte, bevor sie ge­gan­gen war, und ent­schied mich dafür, sie zu fra­gen, bevor ich den Weg ins re­gio­na­le Tier­heim neh­men würde. Piper hatte mehr­mals er­wähnt, dass Dr. Chan­ning immer wie­der Streu­ner bei sich auf­nimmt. Ich muss la­chen, wenn ich daran zu­rück­den­ke, wie oft Piper ver­sucht hat, Nova oder einen der an­de­ren Jungs dazu zu über­re­den, eines der Tiere auf­zu­neh­men. Piper hat ein für­sorg­li­ches Herz. Von dem Mo­ment an, als sie in der Kli­nik zu ar­bei­ten be­gann, hatte Piper eine Mis­si­on. Vögel, Hunde, Kat­zen, Schild­krö­ten – egal was, sie war ent­schlos­sen, ihnen zu hel­fen und für alle ein Zu­hau­se zu fin­den. Chan­ce be­ob­ach­tet jede mei­ner Be­we­gun­gen, als ich mich aus den schweiß­ge­tränk­ten Kla­mot­ten schä­le.
Als Dr. Chan­ning mich und Chan­ce ein­an­der vor­stell­te, wuss­te ich so­fort, dass ich ihn mit­neh­men werde. Auf­grund sei­ner Läh­mung war es sehr schwie­rig, ein Zu­hau­se für ihn zu fin­den. We­ni­ge Men­schen sind be­reit dazu, einen Hund mit be­son­de­ren An­for­de­run­gen zu ad­op­tie­ren. Ich kann das nicht ver­ste­hen. Die Be­hin­de­rung scheint Chan­ce nicht ein­zu­schrän­ken. Seine lie­bens­wer­te Natur und seine Be­harr­lich­keit waren alles, was ich sah, und ich könn­te mir kei­nen bes­se­ren Freund wün­schen, der am Ende eines Tages zu Hause auf mich war­ten würde.
Ich gehe in mein klei­nes Ba­de­zim­mer und grei­fe in die Du­sche, um das Was­ser an­zu­stel­len. Es dau­ert nicht lange, bis der Dampf den Raum er­füllt und der Spie­gel über dem Wasch­be­cken an­läuft. Chan­ce rollt sich auf dem Ba­de­vor­le­ger zu­sam­men, wäh­rend ich in die Wanne stei­ge. Es ist drau­ßen heiß wie in der Hölle, aber die Wärme des Was­sers, das über meine Haut rinnt, fühlt sich gut an und sorgt dafür, dass sich meine Mus­keln ent­span­nen. Warum habe ich zu­ge­sagt, zum Abend­es­sen zu kom­men? Warum zö­ge­re ich aus­ge­rech­net heute, am Tisch mei­nes Bru­ders Platz zu neh­men, ob­wohl ich doch schon so viele Male dort war? Mög­li­cher­wei­se, weil ich an nichts an­de­res als an sie den­ken kann, seit Piper als er­wach­se­ne Frau diese Bar be­tre­ten hat.
Noch nie in mei­nem Leben habe ich mich nach einer Frau ver­zehrt. Und auch wenn ich mir immer wie­der sage, dass Piper eine Frau ist, be­schäf­tigt mich der Um­stand, dass ich sie auf­wach­sen sehen habe – von einem Kind zu der Frau, die sie heute ist. Um nicht vor allem zu er­wäh­nen, dass Nova mein Bru­der und sie somit tabu ist. Was­ser­trop­fen rin­nen über mein Ge­sicht, wäh­rend ich mich daran er­in­ne­re, wie sie mich an­ge­se­hen und wie sich ihr Kör­per an mei­nem an­ge­fühlt hat, als wir uns vor ein paar Näch­ten um­armt haben. Ich schwö­re – noch nie hat sich etwas so rich­tig an­ge­fühlt. Ich rolle mei­nen Kopf von einer Seite zur an­de­ren, um die Ver­span­nun­gen aus mei­nem Na­cken und den Schul­tern zu lösen.
Wäh­rend ich mit mei­nen Ge­füh­len kämp­fe, kom­men mir die Worte mei­ner Mom in den Sinn: „Jeden er­war­tet ein an­de­rer Weg. Manch­mal ist der Pfad ein lan­ger – manch­mal nicht. Ir­gend­wann kom­men wir dort an, wo wir hin­ge­hö­ren, und mit der Per­son, wel­che für uns be­stimmt ist. Dafür, dass wir das Leben ge­mein­sam ver­brin­gen. Ver­trau dem Weg, auch wenn er nicht die Rich­tung wählt, die du für rich­tig hältst. Selbst wenn es schmerzt – das Ge­heim­nis ist, nie­mals auf­zu­ge­ben.“
Meine Seele giert heute mehr nach die­sen Wor­ten als je zuvor. In einer per­fek­ten Welt wäre es so ein­fach wie ein sim­pler Atem­zug, Piper nicht nur zu wol­len, son­dern sie als die Meine auch an mei­ner Seite zu haben. Aber Per­fek­ti­on ist nicht meine Rea­li­tät. Hin­ter Piper her zu sein, hat Kon­se­quen­zen. Ich schie­be diese Ge­dan­ken zur Seite, du­sche zu Ende, sorge schnell für Ord­nung im Haus und stei­ge dann aufs Bike, um los­zu­fah­ren.
Kurze Zeit spä­ter fahre ich bei Novas Zu­hau­se vor. Der Duft von Ge­grill­tem weht mir schon ent­ge­gen, als ich mein Bike ab­stel­le. Ich schie­be meine Schlüs­sel in die Ho­sen­ta­sche und laufe ums Haus herum, von wo mir schon La­chen und Musik ent­ge­gen­schla­gen. Nova legt ge­ra­de Steaks auf den Grill, wäh­rend Pro­mi­se unter einem Son­nen­schirm am Ter­ras­sen­tisch sitzt und ihren Sohn Jax­son auf dem Schoß wippt. Piper schwimmt Bah­nen im Pool, den Nova vor ein paar Mo­na­ten ge­baut hat. Ich zwin­ge mich, weg­zu­se­hen.
„Hey, Bru­der. Ich hab schon be­fürch­tet, du hast be­schlos­sen, uns heute Abend zu ver­set­zen.“ Nova blickt mich an, wäh­rend ich auf die Ter­ras­se spa­zie­re. Er bückt sich, öff­net die Kühl­box zu sei­nen Füßen und zieht ein kal­tes Bier aus dem Eis.
„Seit wann lasse ich mir ein kos­ten­lo­ses Essen ent­ge­hen?“ Ich grin­se, wäh­rend Nova mir die lang­hal­si­ge Fla­sche reicht. „Danke, Kum­pel.“ Ich schnip­pe mit mei­nem Ring den De­ckel vom Bier und nehme einen gro­ßen Schluck.
„Kiwi.“ Beim Klang von Pi­pers Stim­me, wie sie mei­nen Namen sagt, drehe ich mei­nen Kopf. Sie winkt mir zu und lä­chelt, wäh­rend sie aus dem Pool steigt. Piper trägt einen dun­kel­ro­ten Bi­ki­ni, der alle ihre Kur­ven zeigt. Sie schnappt sich ein Hand­tuch von einer Liege und kommt in meine Rich­tung.
Ich kann kaum schlu­cken, gebe alles, um neben mei­nem Bru­der cool zu blei­ben. „Wie gehts?“, ant­wor­te ich Piper.
„Ich dach­te schon, du wür­dest nicht mehr kom­men.“ Piper wie­der­holt, was ihr Vater ge­ra­de ge­sagt hat, und lässt sich in einen Ses­sel neben Pro­mi­se fal­len. Ihr Ba­by­bru­der streckt seine Hände so­fort nach ihr aus, und sie nimmt ihn freu­dig ent­ge­gen.
„Ich hatte bei mir im Haus noch etwas zu er­le­di­gen.“
Piper sieht mich an, und ihr fällt die Kinn­la­de her­un­ter. „Hast du ge­ra­de Haus ge­sagt?“
Ich grin­se. „Ja klar, das habe ich.“
„Du hast nie er­wähnt, dass du ein Haus ge­kauft hast.“ Sie scheint scho­ckiert und auch ein biss­chen ver­letzt, weil ich ihr nie davon er­zählt habe. Nicht ein­mal, als sie bei ihrem Vater zu Be­such war, hatte ich ihr davon er­zählt. Ich meine, sie steckt mit­ten im Col­le­ge-Le­ben. Ein Haus zu kau­fen, ist keine große Sache.
„Ich habe es un­ge­fähr einen Monat, nach­dem du zum Col­le­ge ge­gan­gen bist, ge­fun­den“, er­zäh­le ich.
„Wie kommst du mit dem Re­no­vie­ren voran?“, fragt Nova.
Ich nehme einen Schluck von mei­nem Bier. „Lang­sam. Ich schwö­re, ich hab keine Ah­nung, was ich mir dabei ge­dacht habe, auf die­ses Grund­stück zu bie­ten.“ Immer wie­der werfe ich ver­stoh­le­ne Bli­cke auf Piper und sauge die Kur­ven ihrer Brüs­te be­gie­rig in mich auf.
„Piper, könn­test du mir mit Jax­son hel­fen, wäh­rend ich den Tisch fürs Essen decke?“, fragt Pro­mi­se. Piper, die mich an­starrt, löst ihren Blick und dreht sich weg, um zu ant­wor­ten.
„Si­cher“, sie lä­chelt Pro­mi­se matt an. Mit ihrem Bru­der im Arm folgt Piper Pro­mi­se ins Haus.

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