Liebe steht über dem Gesetz

Ori­gi­nal­ti­tel: Love Above Law
Über­set­zer: Paula Baker

Er­schie­nen: 04/2024

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Ro­man­tic Thrill
Zu­sätz­lich: Krimi, Thril­ler

Lo­ca­ti­on: USA


Er­hält­lich als:
ebook

ISBN:
ebook: 978-3-86495-655-3

Preis:
Print: 978-3-86495-654-6 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Liebe steht über dem Gesetz

,

In­halts­an­ga­be

In ihrer Hei­mat Kuba führ­te Leyna Mar­ti­nez ein schwe­res Leben. Doch nichts konn­te sie auf das vor­be­rei­ten, was ihr in der Ge­walt des Men­schen- und Dro­gen­händ­lers Mi­guel San­ti­no be­vor­steht.

Der Auf­trag an FBI-Agent Alex­an­der "Lex" Tay­lor lau­tet: Mi­guel San­ti­no zur Stre­cke brin­gen und Leyna Mar­ti­nez ret­ten.

Ein Blick auf Leyna. Das ist alles, was Lex braucht, um zu wis­sen, dass Leyna ihm ge­hört. Doch Leynas und Lex' Ge­füh­le für­ein­an­der wer­den auf eine harte Probe ge­stellt. Es taucht nicht nur eine Per­son aus Lex' Ver­gan­gen­heit wie­der auf, son­dern auch Leynas Bru­der Ga­bri­el, ge­set­zes­lo­ses Mit­glied des Kings of Re­tri­bu­ti­on MC, ak­zep­tiert nicht, dass Leyna einen Mann liebt, der der Feind des Clubs ist und immer sein wird. Leyna muss be­wei­sen, dass sie bei­den Sei­ten ge­gen­über loyal ist und kann nur hof­fen, dass ihr Bru­der sich be­sinnt, bevor es zu spät ist.

Lex bringt Kri­mi­nel­le, die Rat­ten der Ge­sell­schaft, zur Stre­cke. Er isst, schläft und atmet das Ge­setz. Aber er ist be­reit, alles zu ris­kie­ren - sein Dienst­ab­zei­chen und sogar sein Leben - um Leyna für sich zu ge­win­nen und sie vor dem Bösen zu be­schüt­zen.

Ein Spi­n­off-Ro­man der Kings of Re­tri­bu­ti­on MC-Rei­he der bei­den USA To­day-Best­sel­ler­au­to­rin­nen. Crys­tal Da­ni­els und Sandy Al­va­rez ent­füh­ren euch in eine fes­seln­de Welt vol­ler Emo­tio­nen und Lei­den­schaft, die zeigt, dass die Liebe stär­ker ist als jedes Ge­setz.

"Liebe steht über dem Ge­setz" spielt zeit­lich nach "Kings of Re­tri­bu­ti­on MC Teil 2: The Dar­kest of Light", kann als Ein­zel­ro­man aber un­ab­hän­gig davon ge­le­sen wer­den.

Über die Au­to­rin

Crys­tal Da­ni­els und Sandy Al­va­rez sind ein Schwes­tern-Duo und die USA To­day-Best­sel­ler­au­to­rin­nen der be­lieb­ten "Kings of Re­tri­bu­ti­on MC"-Se­rie.
Seit 2017 hat das Duo zahl­rei­che Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Ihre ge­mein­sa­me Lei­den­schaft für Bü­cher und das Ge­schich­ten­er­zäh­len führ­te sie auf eine auf­re­gen­de Reise,...

Crys­tal Da­ni­els und Sandy Al­va­rez sind ein Schwes­tern-Duo und die USA To­day-Best­sel­ler­au­to­rin­nen der be­lieb­ten "Kings of Re­tri­bu­ti­on MC"-Se­rie.
Seit 2017 hat das Duo zahl­rei­che Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Ihre ge­mein­sa­me Lei­den­schaft für Bü­cher und das Ge­schich­ten­er­zäh­len führ­te sie auf eine auf­re­gen­de Reise,...

Wei­te­re Bü­cher der Au­to­rin

Le­se­pro­be

Lex

Wo­chen­lan­ge Vor­be­rei­tun­gen haben schluss­end­lich zu die­sem Mo­ment ge­führt. Kurt, Kai, Sta­mos, Ma­ckey und ich sit­zen kurz vor Ta­ges­an­bruch im lo­ka­len Po­li­zei­re­vier – be­reit, gegen San­ti­no vor­zu­rü­cken. Dean ist zu Hause ge­blie­ben, weil seine Frau drei Wo­chen zu früh in den Wehen liegt und Fa­mi­lie über allem steht. Kurt ist seit zehn Mi­nu­ten am Te­le­fon, kommt dann end­lich zu­rück und schließt sich dem klei­nen Kreis an, der sich um die Kaf­fee­ma­schi­ne ver­sam­melt hat. Wir dis­ku­tie­ren die ge­plan­te Vor­ge­hens­wei­se mit ein paar Po­li­zis­ten des Pol­son Po­li­zei­re­viers, die uns be­glei­ten wer­den.
„Ich habe ge­ra­de mit dem Büro des Staats­an­wal­tes te­le­fo­niert. Heute um zwei...

...​Uhr mor­gens haben sie die Lie­fe­rung ab­ge­fan­gen. Zwei­und­drei­ßig Frau­en waren im Las­ter – ge­mein­sam mit Ko­ka­in im Wert von zwei Mil­lio­nen Dol­lar.“
„Zu­stand der Frau­en?“, fragt Sta­mos.
„De­hy­driert und schwach, aber alle sind am Leben. Sie wer­den im ört­li­chen Kran­ken­haus be­han­delt. So­bald sie alle sta­bil sind, wer­den wir her­aus­fin­den, wer sie sind und woher sie kom­men.“ Kurt lä­chelt Sta­mos be­ru­hi­gend an.
Ich bli­cke auf die Uhr an der Wand. „Zeit, los­zu­le­gen.“
Drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter sind alle auf Po­si­ti­on. Ins­ge­samt be­fin­den sich elf Per­so­nen in dem Haus: fünf An­ge­stell­te, vier sei­ner Ge­folgs­män­ner, San­ti­no und Leyna. Durch Be­schat­tung konn­ten wir er­mit­teln, dass San­ti­no sich in der west­li­chen Hälf­te des Hau­ses be­fin­det und Leyna auf der ge­gen­über­lie­gen­den Seite des Ge­bäu­des fest­ge­hal­ten wird. Es ist meine Auf­ga­be, sie zu fin­den.

Als wir auf sei­nem Ge­län­de ein­tref­fen, fin­den wir di­rekt vor der Ein­gangs­tü­re einen toten Kerl. Ich bli­cke mein Team an, aber wir müs­sen die Lei­che spä­ter iden­ti­fi­zie­ren. Da wir keine Zeit zu ver­lie­ren haben, be­we­gen sich alle in Blitz­ge­schwin­dig­keit, als das Si­gnal ge­ge­ben wird. Beim Be­tre­ten des Hau­ses fin­den wir den Groß­teil der An­ge­stell­ten schnell, da sie sich im Erd­ge­schoß ge­ra­de auf ihre täg­li­chen Auf­ga­ben vor­be­rei­ten. Wir wuss­ten, dass ihre scho­ckier­ten Schreie den Rest des Hau­ses alar­mie­ren wür­den und tei­len uns in un­ter­schied­li­chen Rich­tun­gen auf. Mit dem Rü­cken zur Wand und mei­ner ge­zo­ge­nen und schuss­be­rei­ten Waffe mache ich mich auf den Weg in den ers­ten Stock der Hütte.
„Auf den Boden, Mo­ther­fu­cker“, höre ich Kai am un­te­ren Ende der Trep­pe schrei­en. Ich schie­le über das Ge­län­der und sehe, wie er über einem gro­ßen, dun­kel­haa­ri­gen, am Boden lie­gen­den Mann steht und die Waffe auf ihn rich­tet. Ich bli­cke nach links, nach rechts und trete dann in den Flur. Zwei Türen. Eine zu mei­ner Lin­ken und eine am Ende des Flurs. Die erste Tür stellt sich als Ba­de­zim­mer her­aus, also mache ich mich vor­sich­tig zum Ende des Flurs auf und blei­be seit­lich neben der fi­na­len Tür ste­hen. Ich warte, ob ich ir­gend­ei­ne Be­we­gung wahr­neh­me, bevor ich eine leise Stim­me höre. „Hallo.“ Leyna?
Ich lege meine Hand auf den Knauf und ver­su­che, ihn zu dre­hen, aber es ist zu­ge­sperrt. Ich gehe einen Schritt zu­rück und trete die Tür ein. In­mit­ten des Rau­mes – an­ge­strahlt von der auf­ge­hen­den Sonne und mit einer Lampe in der rech­ten Hand – steht die um­wer­fends­te Frau, die ich je ge­se­hen habe. In die­sem Mo­ment spüre ich, wie mein Gleich­ge­wicht ins Wan­ken gerät und mir schwin­de­lig wird. Was zur Hölle war das? Ich gehe einen klei­nen Schritt vor­wärts, was sie zu­rück­wei­chen lässt. „Leyna Mar­ti­nez?“, frage ich sie.
„Kom­men Sie mir nicht zu nahe“, warnt sie und hebt die Lampe ein biss­chen höher.
Ich weiß, dass ich ihr Ver­trau­en ge­win­nen muss, also lasse ich meine Waffe lang­sam in das Hols­ter zu­rück­glei­ten und nehme meine Hände hoch. „Leyna, mein Name ist Agent Tay­lor. Ich ar­bei­te für das FBI. Ich bin hier, um Sie zu Ihrem Bru­der Ga­bri­el nach Hause zu brin­gen.
„Mi her­ma­no? Mein Bru­der?“ Sie lässt die Lampe lang­sam sin­ken.
Ver­dammt, sie ist atem­be­rau­bend. Klein, kur­vig, lange dunk­le Haare, aber es sind ihre grü­nen Augen, die mir für eine Se­kun­de die Spra­che ver­schla­gen.
Reiß dich zu­sam­men.
Ich gehe durch den Raum in ihre Rich­tung. Sie lässt mich nicht aus den Augen, als ich die Waffe ihrer Wahl aus ihrem Griff be­freie und auf das Bett hin­ter ihr werfe. „Sind Sie ver­letzt?“ Ich möch­te mei­nen Blick von ihrem lösen, um sie zu mus­tern, aber eine un­sicht­ba­re Macht hin­dert mich daran, weg­zu­se­hen.
„Nein.“
Ich nehme ihre Hand und gehe zur Tür. Sie folgt mir, ohne zu zö­gern. Ich bli­cke sie über meine Schul­ter an. „Blei­ben Sie hin­ter mir und an der Wand.“ Sie nickt, dann gehen wir aus dem Schlaf­zim­mer und den Gang ent­lang. Ihr Griff um meine Hand wird fes­ter, so­bald wir die Trep­pe er­rei­chen und sie das Haus voll mit Po­li­zei­be­am­ten sowie deren Waf­fen sieht. Kurt ent­deckt mich.
„Das Haus ist si­cher, aber wir haben ein Pro­blem.“ Er blickt von mir zu Leyna, bevor er seine Auf­merk­sam­keit wie­der auf mich rich­tet.
„San­ti­no ist tot.“
„Schei­ße. Wie?“
Seine Augen fal­len auf meine Hand, die immer noch Leynas hält und er hebt seine Au­gen­braue. „Es war kei­ner von un­se­ren Män­nern. Wir fan­den ihn in sei­ner ei­ge­nen Blut­la­che mit­ten auf sei­nem Bett. Je­mand hat dem Bas­tard im Schlaf die Kehle durch­ge­schnit­ten.“ Leyna schnappt hin­ter mir nach Luft. Ich bli­cke in die Rich­tung, in die sie schaut. Sie starrt auf die Vor­der­tür und auf den toten Kör­per des Man­nes, der drau­ßen liegt.
„Gott­ver­dammt.“ Mein Blut be­ginn zu ko­chen. „Und der Rest sei­ner Män­ner?“
„Po­li­zei­be­am­te haben eine wei­te­re Lei­che ge­fun­den – ein jun­ger Mann auf dem Boden von San­ti­nos Schlaf­zim­mer. Und Kai hat einen in Ge­wahr­sam. Den an­de­ren Typ konn­ten wir nicht fin­den.“
Einer der lo­ka­len Be­am­ten kommt und gibt mir einen roten Ord­ner.
„Das soll­ten Sie sich an­se­hen.“ Seine Augen wan­dern zu Leyna, dann geht er. Wi­der­wil­lig lasse ich ihre Hand los, aber sie bleibt an mei­ner Seite. Ich öffne die Mappe und lese den In­halt – me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chungs­be­rich­te. Meine Augen wan­dern auf der Seite nach unten. Die Wör­ter Jung­fräu­lich­keit in­takt ste­hen in di­cker roter Tinte ge­schrie­ben. Ich blät­te­re um. Er war im Be­griff sie zu ver­kau­fen, hat sie an den Höchst­bie­ten­den ver­hö­kert. Un­bän­di­ge Wut über­kommt mich und ich würde den Scheiß­kerl am liebs­ten noch ein­mal töten, ein­fach nur zu mei­ner ei­ge­nen Ge­nug­tu­ung. Ich rei­che Kurt den Ord­ner und auch er blät­tert ihn durch. Ich nehme Leyna wie­der bei der Hand. Kurt und ich füh­ren sie aus dem Haus.
„Du weißt, wie das jetzt wei­ter­geht. Wir müs­sen zu­rück aufs Po­li­zei­re­vier. Meh­re­re Per­so­nen wer­den wol­len, dass sie eine Aus­sa­ge macht, bevor sie zu ihrer Fa­mi­lie zu­rück­ge­bracht wer­den kann“, er­klärt mir Kurt beim Ver­las­sen der Hütte, was ich be­reits weiß. Er blickt Leyna an. „Ver­ste­hen Sie, was ich ge­ra­de zu Agent Tay­lor ge­sagt habe?“
Sie stellt sich auf­rech­ter hin und sagt zu Kurt: „Si, ich ver­ste­he.“
„Nimm sie mit.“ Kurt geht weg und lässt mich mit Leyna zu­rück. Ich wende mich ihr zu. „Ich werde nicht von Ihrer Seite wei­chen.“ 

Leyna

Kalt, ste­ril und schlecht be­leuch­tet. So würde ich den Raum be­schrei­ben, in dem ich ge­ra­de sitze. Wie man sich einen Ver­hör­raum in einer Kri­mi-TV-Show vor­stellt – daran er­in­nert mich die­ses Zim­mer. Ich schütt­le den Kopf und bli­cke über meine Schul­ter in den Ein­weg­spie­gel. Ich soll­te nicht ein­mal hier sein. Ich bin das ver­damm­te Opfer in Got­tes Namen. Ich bin die, die man aus dem ei­ge­nen Land, dem ei­ge­nen Zu­hau­se ent­führt hat. Ich bin die, die für Wo­chen ein­ge­sperrt wurde, in einem Raum, wo ich wo­chen­lang die­sel­ben vier Wände an­ge­starrt habe und meine Ge­dan­ken meine ein­zi­ge Ge­sell­schaft waren. Und diese Ge­dan­ken waren kein Trost für mich – be­son­ders an dem Tag, an dem ich mei­nen Bru­der ge­se­hen habe. An die­sem Tag be­gann der Alp­traum für mich. Als Ga­bri­el wis­sen woll­te, ob mich je­mand ver­letzt hatte, sagte ich ihm die Wahr­heit – weil es zu die­sem Zeit­punkt so ge­we­sen war. Glaub­te ich daran, dass San­ti­no von mei­nem Bru­der be­kom­men würde, was er woll­te und mich dann ein­fach über­ge­ben würde? Nein. Aber ich ver­trau­te dar­auf, dass Ga­bri­el mich aus die­sem Haus be­frei­en würde.
Es war je­doch eine bit­te­re Pille zu schlu­cken, dass ich nicht wuss­te, wann das ge­sche­hen würde.
Ich ver­stand, dass ich okay sein würde, so­lan­ge die Dinge so blie­ben, wie sie waren. Die meis­te Zeit wurde ich al­lein ge­las­sen. Damit will ich sagen: Selbst einem Hund hätte man mehr Auf­merk­sam­keit ge­schenkt als mir. Ich spiel­te für diese Män­ner keine Rolle – bis ich am nächs­ten Mor­gen der har­ten Rea­li­tät ins Auge bli­cken muss­te. Drei Män­ner stürm­ten in mein Zim­mer und ris­sen mich aus dem Schlaf. San­ti­no, Hugo und ein drit­ter Mann, den ich in der gan­zen Zeit in die­sem Haus noch nie ge­se­hen hatte. Der drit­te Mann kam hin­ter San­ti­no her­ein und trug eine klei­ne schwar­ze Le­der­ta­sche.
Ich schlie­ße meine Augen, reibe mir mit den Hand­flä­chen über mein müdes Ge­sicht und ver­su­che, diese er­nied­ri­gen­de Tor­tur zu ver­ges­sen. Ein Vor­fall, den ich mei­nem Bru­der ge­gen­über bei den we­ni­gen Malen, die ich mit ihm spre­chen durf­te, nie er­wähnt habe. Es war ge­ne­rell schwie­rig, weil meine An­ru­fe über­wacht wur­den und jedes Mal nur eine Mi­nu­te dau­er­ten. Ich weiß nicht, wie lange ich be­reits al­lein hier in die­sem Raum sitze, als eine Frau in But­ton-Down-Blu­se und An­zug­ho­se durch die Tür kommt. Sie ist grö­ßer als ich, un­ge­fähr einen Meter sieb­zig, hat ihr lan­ges, ge­well­tes, brau­nes Haar zu einem Pfer­de­schwanz ge­bun­den und freund­li­che blaue Augen.
Ich be­mer­ke auch, dass eine Dienst­mar­ke an der Vor­der­sei­te ihres Gür­tels an­ge­bracht ist. „Hallo, Ms. Mar­ti­nez. Ich bin Agent Sta­mos, aber Sie kön­nen mich Zoe nen­nen“, stellt sie sich vor, wäh­rend sie sich mir ge­gen­über hin­setzt. „Ist es okay, wenn ich Sie Leyna nenne?“, fragt sie in einem freund­li­chen Ton und ich nicke.
„Zu­erst, Leyna, möch­te ich damit be­gin­nen, Ihnen zu sagen, dass Sie in kei­nen Schwie­rig­kei­ten sind. Sie wur­den nur zur Be­fra­gung hier­her­ge­bracht, damit wir hof­fent­lich ei­ni­ge der Puz­zle­tei­le zu­sam­men­fü­gen kön­nen.“ Als ich er­neut nicke, fährt Agent Sta­mos fort: „Gut. Was, wenn wir ganz am An­fang be­gin­nen?“
„Es gibt nicht viel zu sagen. Ich bin eines Tages von einer mei­ner Un­ter­richts­stun­den nach Hause ge­kom­men und habe San­ti­no und zwei wei­te­re Män­ner in mei­nem Haus vor­ge­fun­den. Er be­droh­te mei­nen Bru­der und mich. Ich habe getan, was er ver­langt hat. Wir stie­gen in Kuba in ein Flug­zeug und er brach­te mich nach Mon­ta­na, wo er mich in einem Zim­mer fest­ge­hal­ten hat – in dem Haus, in dem Sie vor­hin ihre Raz­zia durch­ge­führt haben. Ich hatte mit nie­man­dem Kon­takt außer San­ti­no und sei­nen Män­nern. Es war mir nicht er­laubt, den Raum zu ver­las­sen“, er­zäh­le ich der Agen­tin. Ich lasse be­wusst den Teil über Ga­bri­els Be­such mit sei­nen Freun­den aus. Ich weiß nicht, ob es mei­nen Bru­der in Schwie­rig­kei­ten brin­gen würde. So oder so bin ich nicht be­reit, die­ses Ri­si­ko ein­zu­ge­hen.
„Haben Sie ir­gend­wann zu­fäl­lig ein Ge­spräch von Mi­guel San­ti­no oder einem sei­ner Freun­de über ihre Ge­schäf­te ge­hört? Ir­gend­et­was über eine Lie­fe­rung oder eine Frau?“
Ich rut­sche ner­vös auf mei­nem Stuhl herum und nicke. „Ein­mal. Ich hörte ihn mit Hugo spre­chen.“
„Wer ist Hugo?“, un­ter­bricht mich Agent Sta­mos.
„Hugo war einer der Män­ner, die am häu­figs­ten bei San­ti­no waren. Ich ver­mu­te, er war seine rech­te Hand. Ich bin nicht si­cher. Ich weiß nur, er war für ge­wöhn­lich immer dort, wo sein Boss war.“
„Okay. Das ist gut, Leyna. Sie ma­chen das gut. Also, was haben Sie ge­hört?“
Ich ver­su­che, den Kloß in mei­nem Hals hin­un­ter­zu­schlu­cken und fahre fort. „Ich hörte, wie San­ti­no Hugo be­fahl, … ähm, von mir fern­zu­blei­ben.“
„Wis­sen Sie, warum San­ti­no die­sen Be­fehl ge­ge­ben hat?“
Ich be­we­ge mich un­ru­hig auf mei­nem Stuhl hin und her, weil das Ge­spräch einen Weg ein­schlägt, den ich nicht noch ein­mal gehen möch­te. Ich nehme einen tie­fen Atem­zug und be­schlie­ße, es hin­ter mich zu brin­gen. Wenn wir das zu Ende ge­bracht haben, kann ich ver­su­chen, alles zu ver­ar­bei­ten. „Hugo war ein wi­der­li­cher Kerl. Sein Boss hat ihm be­foh­len, die Fin­ger von mir zu las­sen. San­ti­no er­wähn­te etwas dar­über, dass ich un­be­rührt wäre und dem­entspre­chend mehr wert als er ge­dacht hatte. Ich hatte einen Ver­dacht, was er mit die­ser Aus­sa­ge mei­nen könn­te, aber es dau­er­te keine Woche, bis ich her­aus­fand, dass ich recht hatte.“
„Was mei­nen Sie? Was ist pas­siert, Leyna?“
Ich schlie­ße meine Augen und nehme mir einen Mo­ment, um mich zu sam­meln, bevor ich fort­fah­re. „Ich schreck­te eines Tages aus dem Schlaf hoch, weil San­ti­no, Hugo und ein an­de­rer Mann, den ich noch nie ge­se­hen hatte, in mein Zim­mer kamen. Sie be­fah­len mir, mich aus­zu­zie­hen. Na­tür­lich wei­ger­te ich mich. Mein ers­ter Ge­dan­ke war, dass es das jetzt für mich ge­we­sen ist, dass ich jetzt ver­ge­wal­tigt wer­den würde. Aber das soll­te nicht ohne einen Kampf pas­sie­ren. Hugo brauch­te nicht lang, um mich zu über­wäl­ti­gen. Er drück­te mich nach unten, wäh­rend San­ti­no mir eine Waffe an den Kopf hielt.“ Ich höre mit­ten in der Ge­schich­te auf und ver­sin­ke für ei­ni­ge Mi­nu­ten in mei­nen Ge­dan­ken. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ver­gan­gen ist, bevor ich rea­li­sie­re, dass Agent Sta­mos mei­nen Namen drei­mal wie­der­holt. Ich schütt­le meine ei­ge­ne Be­nom­men­heit ab und sehe die Agen­tin er­neut an. „Es tut mir leid. Ich woll­te nicht so ab­schwei­fen. Es ist nur …“
„Sie müs­sen sich nicht ent­schul­di­gen, Leyna.“
„Auf jeden Fall – San­ti­no war nicht dort, um mich zu ver­ge­wal­ti­gen. Er war ge­kom­men, um sei­nen Ver­dacht zu be­stä­ti­gen. Der drit­te Kerl war ein Arzt. Ich wurde ge­zwun­gen, mich aus­zu­zie­hen, damit der so­ge­nann­te Arzt mich un­ter­su­chen konn­te – alles, wäh­rend er und Hugo zu­sa­hen. Ich hatte eine Waffe am Kopf, wäh­rend ein frem­der Mann nicht ge­ra­de zärt­lich meine Jung­fräu­lich­keit be­stä­tig­te. Das war einer der angst­ein­flö­ßends­ten und er­nied­ri­gends­ten Mo­men­te, die ich je er­lebt habe. Und bei allem ge­büh­ren­den Re­spekt, Agent Sta­mos, das ist das erste und das letz­te Mal, dass ich diese Ge­schich­te er­zäh­le, weil es zu be­schä­mend ist, um es noch ein­mal zu wie­der­ho­len.“
Als die letz­ten Worte mei­nen Mund ver­las­sen, schre­cke ich hoch, weil ein kra­chen­des Ge­räusch ge­folgt von einem lau­ten, durch­drin­gen­den Brül­len hin­ter dem Ein­weg­spie­gel er­tönt. Was zur Hölle? Ich drehe mich zu Agent Sta­mos um. „Ist dort drin­nen alles okay?“
„Ich bin si­cher, dass alles in Ord­nung ist“, ant­wor­tet sie mit einem ge­zwun­ge­nen Lä­cheln.
Agent Sta­mos will ge­ra­de ihren Mund öff­nen, wird aber un­ter­bro­chen, weil sich die Tür zum Ver­hör­raum öff­net. Dort steht Agent Tay­lor mit einem wil­den Aus­druck in sei­nem Ge­sicht. Das Miss­fal­len in sei­nem Blick rich­tet sich di­rekt an seine Kol­le­gin.
„Du bist hier drin fer­tig.“ Er atmet schwer, seine Na­sen­flü­gel blä­hen sich auf.
Meine Augen wan­dern zwi­schen den bei­den Er­mitt­lern hin und her. Sta­mos muss etwas in Tay­lors Blick lesen, da sie ihm nach ei­ni­gen Puls­schlä­gen zu­nickt, bevor sie ihre Auf­merk­sam­keit er­neut auf mich lenkt. „Ich denke, wir haben für heute genug ge­re­det. Ich werde noch ei­ni­ge Tage in der Stadt sein – soll­te ich noch wei­te­re Fra­gen haben, weiß ich, wo ich Sie finde. Agent Tay­lor wird Sie jetzt zu Ihrem Bru­der brin­gen. Er war in Kon­takt mit Mr. Mar­ti­nez, er er­war­tet Sie also.“
In dem Mo­ment, in dem Agent Sta­mos aus dem Raum geht, lässt die Span­nung in Agent Tay­lors Kör­per ein biss­chen nach und sein Blick wird wei­cher. Meh­re­re Se­kun­den ver­ge­hen, ohne, dass einer von uns bei­den den Au­gen­kon­takt un­ter­bricht. Ich weiß nicht genau, wie ich Agent Tay­lor ein­schät­zen soll. Man kann ihn nur als tem­pe­ra­ment­voll be­schrei­ben. Er ist ein Frem­der, aber er sieht mich an, als würde er mich am liebs­ten mit Haut und Haa­ren ver­schlin­gen. Das Lus­ti­ge daran ist, dass ich glau­be, dass ich ihn auch will. Agent Tay­lor ist über einen Meter acht­zig groß. Er über­ragt mich mit mei­nen ein Meter sech­zig um Län­gen. Er hat brau­nes Haar, an den Sei­ten kurz­ge­scho­ren, oben etwas län­ger. Es ist immer un­or­dent­lich und sieht so aus, als würde er dau­ernd mit den Hän­den hin­durch­fah­ren. Seine ha­sel­nuss­brau­nen Augen bli­cken unter den dunk­len Brau­en müde drein, sind aber nicht we­ni­ger strah­lend. Die Ärmel sei­nes Shirts sind hoch­ge­krem­pelt, also kann ich die große An­zahl bun­ter Tinte auf sei­nen Armen sehen. Ab­ge­se­hen von dem Anzug und der Dienst­mar­ke sieht nichts an Agent Tay­lor so aus, wie man es bei einem FBI-Agent ver­mu­ten würde. Mit der­sel­ben sanf­ten, tie­fen Stim­me, mit der er mich vor ei­ni­gen Stun­den in die­sem Raum ein­ge­sperrt ge­ret­tet hat, kommt Agent Tay­lor näher und hält mir seine große Hand hin. „Komm, Süße. Lass uns dich hier raus­brin­gen.“ Ohne zu zö­gern lege ich meine klei­ne Hand in seine. Die Wärme sei­ner Be­rüh­rung be­ru­higt mich auf der Stel­le. Ich nehme einen zitt­ri­gen Atem­zug, stehe vom Stuhl auf und er­lau­be ihm, mich aus dem Raum und über den Flur des Po­li­zei­re­viers nach drau­ßen zu einem schwar­zen SUV zu füh­ren.
Wir spre­chen kein Wort, als er die Bei­fah­rer­tür öff­net. Wäh­rend ich hin­ein­schlüp­fe, greift Agent Tay­lor um mich, schnappt sich den Si­cher­heits­gurt und schnallt mich an. Ich halte die ganze Zeit mei­nen Atem an, wäh­rend sein Ge­sicht nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter von mei­nem ent­fernt ist. Er riecht nach Minze und einer Art hol­zi­gem Eau de Co­lo­gne. „Atme, Baby“, flüs­tert er in mein Ohr, als ich das Ein­ras­ten des Gurts höre … und die Art, wie er Baby sagt, schickt ein Krib­beln meine ganze Wir­bel­säu­le hin­un­ter.
Als Agent Tay­lor sich zu­rück­zieht, stoße ich die Luft aus, die ich in mei­nen Lun­gen fest­ge­hal­ten habe und sie streicht über sein Ge­sicht. Seine Augen sind so in­ten­siv. Für einen kur­zen Mo­ment glau­be ich, dass er mich küs­sen wird. Doch er tut es nicht. In dem Au­gen­blick, in dem er zu­rück­tritt, die Bei­fah­rer­tür schließt und seine Wärme mit sich nimmt, fühle ich einen Ver­lust, den ich mir nicht er­klä­ren kann.
Nach fünf Mi­nu­ten Fahrt ist es Agent Tay­lor, der die Stil­le als Ers­ter durch­bricht. „Ich habe vor­hin mit dei­nem Bru­der ge­spro­chen. Er weiß, dass du in Si­cher­heit bist und zur Be­fra­gung da­be­hal­ten wur­dest.“
„Danke, Agent Tay­lor“, ant­wor­te ich sanft.
„Lex.“ Seine raue Stim­me hallt durch das In­ne­re des Trucks. „Für dich bin ich Lex.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also nicke ich ein­fach zu­stim­mend. Ein paar an­ge­spann­te Mo­men­te ver­ge­hen und ich be­ob­ach­te, wie die Venen auf sei­nen Armen her­vor­tre­ten, weil er das Lenk­rad so kräf­tig fest­hält. Ich be­mer­ke ein schwa­ches Zu­cken an sei­nem Kie­fer. Dann be­ginnt er end­lich wie­der zu spre­chen. „Ich weiß, dass du die letz­ten Wo­chen durch die Hölle ge­gan­gen bist und die zu er­war­ten­den Ver­än­de­run­gen dich wahr­schein­lich durch­ein­an­der­brin­gen, aber ich muss dich fra­gen: Weißt du, wer dein Bru­der ist? Weißt du, worin er ver­wi­ckelt ist und wel­cher Art von Ge­schäf­ten er nach­geht? Weil ich sagen muss …“
„Ich weiß genau, wer Ga­bri­el Mar­ti­nez ist, Agent Tay­lor“, sage ich ge­reizt. Ich will ver­dammt sein, wenn ich er­lau­be, dass je­mand ein böses Wort über mei­nen Bru­der ver­liert. „Las­sen Sie mich Ihnen sagen, was ich weiß. Mein Bru­der ist die wich­tigs­te Per­son auf der Welt für mich. Er mag Feh­ler haben und ich bin nicht naiv, wenn es darum geht, was er in der Ver­gan­gen­heit getan hat oder in der Ge­gen­wart tut, aber er ist meine Fa­mi­lie. Mein Bru­der ist alles, was mir in die­ser Welt bleibt und nichts, was Sie sagen, kann meine Ge­füh­le für ihn oder meine Loya­li­tät ihm ge­gen­über än­dern.“
Lex fährt auf einen Feld­weg, lenkt zur Seite und parkt den Wagen. Er dreht sich in sei­nem Sitz um und greift nach hin­ten, wo er in einer Rei­se­ta­sche wühlt und ein Mo­bil­te­le­fon her­aus­zieht. „Hier“, sagt er und gibt mir das Te­le­fon. „Meine pri­va­te und meine be­ruf­li­che Num­mer sind be­reits ein­ge­spei­chert. Ich will, dass du mich an­rufst, egal ob Tag oder Nacht. Egal, wann oder warum. Wenn du dich je­mals nach einem Aus­stieg sehnst, kann ich dir hel­fen. Wenn du mich brauchst, bin ich da. Auch wenn du nur reden willst.“
Ich nehme das Te­le­fon an mich und spüre die Auf­rich­tig­keit sei­ner Worte, die sich in sei­nen ha­sel­nuss­brau­nen Augen wi­der­spie­gelt. „Danke.“