The Chaos Chasers MC: Liam

Ori­gi­nal­ti­tel: Liam (The Chaos Cha­sers MC Book 4)
Er­schie­nen: 07/2023
Serie: The Chaos Cha­sers MC
Teil der Serie: 4

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Motor­cy­cle Club Ro­mance, Ro­man­tic Thrill

Lo­ca­ti­on: USA, Texas


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-606-5
ebook: 978-3-86495-607-2

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

The Chaos Chasers MC: Liam


In­halts­an­ga­be

Liam

Rote Haare, Haut wie Por­zel­lan, ki­lo­me­ter­lan­ge Beine... Erin ist der In­be­griff von sexy. Das Beste an ihr? Sie hat keine Ah­nung, wie schön sie ist. Und sie ist auch so viel mehr als nur schön. Ich hatte noch nie das Ge­fühl, dass etwas in mei­nem Leben fehlt, bis ich einen gan­zen Nach­mit­tag mit die­sem net­ten, süßen Mäd­chen ver­brach­te, des­sen Wan­gen sich jedes Mal vor Schüch­tern­heit röten, wenn ich sie an­läch­le.

Jetzt kann ich an nichts an­de­res mehr den­ken als an sie. Sie hat ein nie ge­kann­tes Be­dürf­nis in mir ge­weckt, und nach ein paar ge­mein­sa­men Wo­chen­en­den will ich sie bit­ten, Twi­can als ihre neue Hei­mat zu wäh­len. Be­son­ders nach­dem ihr Leben be­droht wurde. Ich will sie in mei­ner Nähe haben, und es ist an der Zeit, sie das wis­sen zu las­sen.

Aber das Leben macht es einem nicht immer leicht, oder?

Erin

In mei­nem Leben läuft alles wie ge­plant. Ich bin jetzt of­fi­zi­ell Kran­ken­schwes­ter, und auch wenn mein jet­zi­ger Job nur vor­über­ge­hend ist, weiß ich, dass ich ir­gend­wann die Stel­le fin­den werde, die ich mir immer ge­wünscht habe. Alles wird so lau­fen, wie es lau­fen soll - ich kann es füh­len.

Und dann ist da noch Liam. Er ist stark, wild, tä­to­wiert, mus­ku­lös und Biker. Er ist die Art von Mann, von der ich nie ge­dacht hätte, dass er mir auch nur einen kur­zen Blick schen­ken würde, und doch sehen wir uns schon seit ein paar Mo­na­ten. Wir sind völ­lig ge­gen­sätz­lich, und doch macht er mich glück­li­cher als ich es mir je hätte vor­stel­len kön­nen. In nur we­ni­gen Mo­na­ten hat er sich einen Weg in mein Herz ge­bahnt und sich klei­ne Stü­cke davon ge­schnappt, bis es ihm voll­stän­dig ge­hör­te.

Alles in allem war das Leben so gut wie per­fekt. Lei­der braucht das Leben nur einen Mo­ment, um einem das, was es einem ge­ge­ben hat, wie­der zu ent­rei­ßen ...

Über die Au­to­rin

Die Au­to­rin C.M. Marin schreibt ro­man­ti­sche Motor­cy­cle Club-Lie­bes­ro­ma­ne mit Kri­mi-Fak­tor sowie zeit­ge­nös­si­sche Lie­bes­ro­ma­ne. Sie ist durch und durch ein Klein­stadt­mäd­chen. Ruhe und Natur sind alles, was sie wirk­lich braucht … so­lan­ge dort auch eine Kiste vol­ler Bü­cher sowie eine große Aus­wahl...

Wei­te­re Teile der The Chaos Cha­sers MC Serie

Le­se­pro­be

Erin

„Da bist du ja.“
Als ob mein Magen wäh­rend der letz­ten Stun­den nicht schon genug ge­lit­ten hätte, dreht er sich beim Klang der tie­fen Stim­me er­neut um. Als ich die Stim­me vor Mo­na­ten zum ers­ten Mal ge­hört habe, hat sie das glei­che Ge­fühl in mir aus­ge­löst; au­to­ma­tisch be­gin­ne ich, an den Är­meln mei­nes Ka­pu­zen­pul­lis her­um­zu­fum­meln. Ich wünsch­te, ich könn­te diese ner­vö­se An­ge­wohn­heit ab­le­gen, aber nach jah­re­lan­gem Be­mü­hen habe ich das vor ge­rau­mer Zeit auf­ge­ge­ben.
„Hey.“ Ich werfe ihm ein Lä­cheln zu, das sich merk­wür­dig an­fühlt.
Liam lehnt läs­sig an der Wand zu mei­ner Lin­ken, die Hände in die Ta­schen...

...​seiner aus­ge­wa­sche­nen Jeans ge­steckt. Er sieht bei Wei­tem nicht so ner­vös aus, wie ich mich fühle. Er sieht durch und durch ent­spannt aus, als ob er sich um nichts in der Welt sor­gen würde. Und sexy. Er sieht auch sexy aus. Über einem ein­fa­chen dun­kel­grau­en Ober­teil trägt er wie immer seine Le­der­kut­te, die ihn so­wohl un­glaub­lich at­trak­tiv als auch ein biss­chen ge­fähr­lich wir­ken lässt. Sogar seine sehr kur­zen dun­kel­brau­nen Haare, die die glei­che Farbe wie seine Augen haben, sind sexy.
„Na, start­klar?“, fragt er und löst sich von der Wand. Als ich nicke, fährt er fort: „Macht es dir etwas aus, wenn ich fahre? Ich werde dich nach­her wie­der zu­rück­brin­gen, damit du dei­nen Wagen holen kannst. Ich bin mit dem SUV ge­kom­men, weil du ja das Bild trans­por­tie­ren musst. Und ich brau­che Platz für was auch immer du für mich fin­den wirst.“
Ich er­wi­de­re sein Grin­sen mit einem zag­haf­ten Lä­cheln, ob­wohl das meine Ner­vo­si­tät wei­ter schürt. Mit sei­nem Grin­sen ist es das­sel­be wie mit sei­nem Bad-Boy-Out­fit: Es ist ver­füh­re­risch und ge­fähr­lich zu­gleich. Ich ver­su­che mir nicht ein­zu­re­den, dass Liams Lä­cheln etwas be­deu­ten könn­te. Den­noch hofft ein win­zi­ger Teil von mir, dass sich die­ses jun­gen­haf­te und zu­gleich männ­li­che Lä­cheln nicht nur aus schlich­ter Höf­lich­keit auf sei­nen Lip­pen ab­zeich­net. Ehr­lich ge­sagt habe ich seine An­zie­hungs­kraft be­reits in dem Mo­ment be­merkt, als un­se­re Bli­cke sich zum ers­ten Mal ge­trof­fen haben. Mir ist zwar be­wusst, dass er keine ver­steck­ten Ab­sich­ten ver­folgt und mich ga­ran­tiert nicht ver­füh­ren will, aber ich frage mich schon, wie es sich an­füh­len würde, wenn er diese Art von In­ter­es­se an mir hätte. Doch das macht meine Ner­vo­si­tät nur noch schlim­mer. So sehr, dass mir gleich der kalte Schweiß aus­bricht, also ver­drän­ge ich die­sen Ge­dan­ken schnell.
Ich gebe mein Bes­tes, sein Lä­cheln zu er­wi­dern, und ant­wor­te: „Okay. Ich werde nur schnell mei­nen Kit­tel im Auto las­sen, wenn das für dich in Ord­nung geht.“
„Klar, ich be­glei­te dich“, sagt er. Ich atme dis­kret ein, wäh­rend ich vor ihm den Park­platz durch­que­re.
So­bald ich meine Stoff­ta­sche im Auto ver­staut habe, passe ich meine Schrit­te an Liams Tempo an, bis wir den SUV er­rei­chen. Es ist der­sel­be Wagen, mit dem er oder an­de­re Mit­glie­der sei­nes Clubs manch­mal Alex ab­ho­len.
„Wie war die Ar­beit heute?“, fragt er, so­bald wir im Wagen Platz ge­nom­men haben.
Wäh­rend er den Park­platz ver­lässt und sich vom Kran­ken­haus ent­fernt, ant­wor­te ich: „Gut. Er­eig­nis­los und un­kom­pli­ziert. An den Wo­chen­en­den kann es manch­mal ganz schön chao­tisch zu­ge­hen, vor allem in den frü­hen Mor­gen­stun­den.“
„Sogar in der Gas­tro­en­te­ro­lo­gie?“
„Nein, das nicht. Aber als Prak­ti­kan­tin werde ich manch­mal in an­de­re Ab­tei­lun­gen wie die Not­auf­nah­me ge­schickt, wenn dort un­er­war­tet viel los ist“, er­klä­re ich.
„Das er­gibt Sinn“, gibt er zu. „Alex hat mir ge­sagt, dass du nicht mehr lange in der Stadt sein wirst“, sagt er dann.
Der plötz­li­che The­men­wech­sel über­rascht mich so sehr wie die Tat­sa­che, dass ich in einem ihrer Ge­sprä­che Er­wäh­nung ge­fun­den habe. Das trägt nicht ge­ra­de dazu bei, meine an­dau­ern­de Un­ru­he zu be­sänf­ti­gen, weil ich plötz­lich das Be­dürf­nis ver­spü­re, alles bis ins kleins­te De­tail zu ana­ly­sie­ren, und mich frage, warum sie wohl über mich ge­spro­chen haben. We­nigs­tens ist sein Blick auf die Stra­ße vor uns ge­rich­tet, wäh­rend wir uns un­ter­hal­ten. Was für eine Er­leich­te­rung. So­lan­ge er mich nicht mit sei­nen dun­kel­brau­nen Augen an­schaut, schaf­fe ich es, die Tat­sa­che zu ver­drän­gen, dass ich mit die­sem hei­ßen Mann al­lein bin.
„Genau, mir blei­ben noch drei Wo­chen. Dann werde ich bis Ende des Se­mes­ters zu­rück nach Pho­enix fah­ren.“
„Ge­fällt es dir dort? In Pho­enix?“
„Es ist okay. Ich meine, die Uni ist gut und ich teile mir eine Woh­nung mit zwei Freun­den. Kei­ner von uns geht oft auf Par­tys, weil wir uns alle sehr auf unser Stu­di­um kon­zen­trie­ren, das passt also ganz gut“, er­zäh­le ich ihm.
Ich würde Pho­enix nicht ge­ra­de mein Zu­hau­se nen­nen, aber ich fühle mich dort wohl. Es war mir von An­fang an egal, in wel­cher Stadt ich stu­die­re. Das Stu­di­um an sich war immer das Wich­tigs­te für mich. An ers­ter Stel­le stand für mich immer, einen Ab­schluss zu be­kom­men und fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig zu wer­den. Und in we­ni­gen Mo­na­ten wird all das end­lich wahr wer­den. Also an­ge­nom­men, ich finde gleich einen Job. Ich kann es je­den­falls kaum er­war­ten, end­lich ganz of­fi­zi­ell Kran­ken­pfle­ge­rin zu sein.
„Wirst du nach dei­nem Ab­schluss dort­blei­ben?“, fragt Liam mich als Nächs­tes.
„Ich habe keine Ah­nung. Das kommt ganz dar­auf an, wo ich Ar­beit finde. Ich werde mich zu­erst auf Stel­len an Kran­ken­häu­sern in Texas und Ari­zo­na be­wer­ben. Hof­fent­lich be­kom­me ich Zu­sa­gen.“
Es hat mich noch nie ge­reizt, auf die an­de­re Seite des Lan­des zu zie­hen. Mir graut zwar davor, wie­der in die Nähe mei­nes Hei­mat­orts zu zie­hen und meine Mut­ter im Na­cken sit­zen zu haben, die un­ver­hoh­len über mein Sin­gle­da­sein ur­teilt, aber ich will meine El­tern trotz­dem öfter als ein- oder zwei­mal im Jahr sehen.
„Ein Freund?“, über­rum­pelt er mich mit der nächs­ten Frage. Er än­dert so ab­rupt das Thema, dass ich einen Mo­ment brau­che, um mich dar­auf ein­zu­stel­len. Noch bevor ich ant­wor­ten kann, und als ob ich seine Frage nicht ver­stan­den hätte, fügt er hinzu: „Hast du einen Freund?“
„Nein, habe ich nicht“, ant­wor­te ich. Das ko­mi­sche Ge­ki­cher, das mir ent­fährt, ver­rät, wie un­wohl ich mich bei die­sem Thema fühle. Es ist nicht nötig, mein Lie­bes­le­ben mit dem von Liam zu ver­glei­chen, um zu wis­sen, dass ein Mann wie er viel er­fah­re­ner ist als ich. „Hat dir schon mal je­mand ge­sagt, dass du viele Fra­gen stellst?“
„Was heißt denn da viele? Drei sind doch nicht viele“, ant­wor­tet er. Er klingt ge­kränkt, aber das Grin­sen, das er mir zu­wirft, zeigt mir, dass das nur ge­spielt ist. „Eine Freun­din viel­leicht?“ Ab­sicht­lich fügt er noch eine vier­te Frage hinzu.
Lä­chelnd schütt­le ich den Kopf, wobei meine Geste eher vor­ge­täusch­ter Un­wil­le als eine Ant­wort auf seine Frage ist. Ob­wohl das auf das Glei­che hin­aus­läuft.
„Nein, ich habe auch keine Freun­din.“
Er nickt. „Ich will nur si­cher­ge­hen, dass ich in dei­ner Nähe si­cher bin.“
In sei­ner Stim­me schwingt ein Lä­cheln mit, aber ich bin mir un­si­cher, ob er scherzt oder ob er wirk­lich wis­sen woll­te, ob ich einen Freund habe oder nicht. Aber warum soll­te er das wis­sen wol­len? Ich soll­te etwas ent­geg­nen, aber mein Kopf ist mit einem Mal wie leer ge­fegt. Ich frage mich, ob er viel­leicht einen an­de­ren Grund hat, mit mir ins Ein­kaufs­zen­trum zu gehen, als ein Ge­schenk für Cam­ryn zu su­chen. Er kann un­mög­lich an mir in­ter­es­siert sein.
Oder viel­leicht doch?
Jetzt bin ich schon wie­der so furcht­bar ner­vös. Das wird ein lan­ger Nach­mit­tag.

Liam

Erin ist schon wie­der ner­vös. Mit mei­ner Frage nach einem Freund bin ich wohl ein biss­chen zu weit ge­gan­gen. Ich hätte wis­sen sol­len, dass ich nicht so di­rekt sein darf, statt­des­sen habe ich nur an mich ge­dacht. Ich muss­te ein­fach wis­sen, ob je­mand in Pho­enix auf sie war­tet. Un­be­dingt. Na­tür­lich hätte ich Alex fra­gen kön­nen, aber ich war mir si­cher, dass sie nicht gut dar­auf re­agiert hätte. Denn als ich heute Mit­tag das Kran­ken­haus ver­las­sen habe, hat sie mir um­ge­hend eine Nach­richt ge­schickt und klar­ge­stellt, dass Erin ihre Freun­din und nicht eine mei­ner Er­obe­run­gen ist.
Als wir uns dem über­füll­ten Park­platz vor dem Ein­kaufs­zen­trum nä­hern, wechs­le ich das Thema. „Hast du immer noch vor, das Bild zu kau­fen, das du vor­hin er­wähnt hast?“
Es gibt kei­nen Grund, wes­halb sie ihre Mei­nung wäh­rend der letz­ten Mi­nu­ten ge­än­dert haben soll­te, aber mir fällt nichts an­de­res ein.
„Ja“, be­stä­tigt sie. Ich bin er­leich­tert, dass sie nicht mehr so an­ge­spannt klingt, als sie fort­fährt. „Und mir ist auch etwas ein­ge­fal­len, was du ihr schen­ken könn­test. Ich er­in­ne­re mich, in einem der Läden eine hüb­sche La­ter­ne aus Schmie­de­ei­sen ge­se­hen zu haben. Die würde per­fekt zu der Ein­rich­tung ihres Wohn­zim­mers pas­sen. Sie schien mir von guter Qua­li­tät zu sein und sie hatte innen einen Ker­zen­hal­ter“, er­klärt sie aus­führ­lich, wäh­rend ich ein­par­ke.
„Eine La­ter­ne?“, wie­der­ho­le ich und stel­le den Motor ab. „Ich glau­be, ich bin zu lang­sam, um mit den neus­ten De­ko­t­rends auf dem Lau­fen­den zu sein“, gebe ich zu und stei­ge aus.
„Die sind voll im Trend, ver­spro­chen. Tau­chen zur­zeit in allen Ein­rich­tungs­zeit­schrif­ten auf.“
„Ich glau­be dir schon“, ver­si­che­re ich ihr, als mir klar wird, dass sie meine Re­ak­ti­on als Zwei­fel an ihrem Vor­schlag auf­ge­fasst haben muss. „Und ich bin sehr froh, dass ich das nicht al­lei­ne ma­chen muss. Du kannst dar­auf wet­ten, dass es mir nie in den Sinn ge­kom­men wäre, eine La­ter­ne zu kau­fen, selbst, wenn ich Dut­zen­de in den Läden ge­se­hen hätte“, gebe ich zu. „Ich bin nur sel­ten zu Hause und die Ein­rich­tung ist noch ge­nau­so wie vor dem Tod mei­nes Va­ters. Das Haus mei­ner Kind­heit“, er­klä­re ich. „Und mein Vater ist vor zwölf Jah­ren ge­stor­ben, ich be­zweif­le also, dass davon noch etwas in Zeit­schrif­ten er­wähnt wird.“
„Ich bin mir si­cher, dass Alex lie­bend gerne beim Um­de­ko­rie­ren hel­fen würde“, schlägt sie vor, wäh­rend wir auf den Ein­gang zu­steu­ern.
„Ja, das würde sie, aber ich weiß nicht …“ Ich schütt­le den Kopf. „Ich bin meis­tens im Club und ich denke schon län­ger dar­über nach, das Haus zu ver­kau­fen. Alex und ich hat­ten eine tolle Kind­heit dort, aber ohne un­se­re El­tern ist das Haus nicht mehr als ein paar Wände und Er­in­ne­run­gen. Ich kann ver­ste­hen, dass Alex sich ihre ei­ge­nen vier Wände ge­sucht hat, als sie wie­der her­ge­zo­gen ist. Mein Vater und ich stan­den uns sehr nahe, vor allem nach dem Tod mei­ner Mut­ter. Er war mein Held.“ Ich läch­le. „Ich tue mich ein­fach schwer damit, den Sprung zu wagen und das Haus zu ver­kau­fen.“
Meine Mut­ter ist ge­stor­ben, als ich sechs Jahre alt war, und mein Vater, als ich acht­zehn war. Ich habe das Haus seit­dem so be­las­sen, wie es war. Aber wenn ich es nicht zu mei­nen ei­ge­nen vier Wän­den mache, indem ich es von Grund auf re­no­vie­re, wird es wohl das Beste sein, es ein­fach zu ver­kau­fen und einen Neu­start zu wagen.
Sie nickt nach­denk­lich. „Glück­li­cher­wei­se habe ich nie je­man­den ver­lo­ren, aber ich ver­mu­te, es bringt sie auch nicht zu­rück, wenn man an ma­te­ri­el­len Din­gen fest­hält. Und wenn man diese Dinge los­lässt, ver­liert man damit ja nicht gleich die gan­zen Er­in­ne­run­gen. Ich kann mir vor­stel­len, wie schwer diese Ent­schei­dung ist“, sagt sie und in ihrer Stim­me schwingt Mit­leid mit.
„So ist das Leben. Es ist nie ein­fach. Aber kon­zen­trie­ren wir uns auf das, wofür wir her­ge­kom­men sind, ja? Ge­burts­tags­ge­schen­ke und Abend­es­sen.“ Als wir das Ein­kaufs­zen­trum be­tre­ten, lenke ich das Ge­spräch wie­der auf ein fröh­li­che­res Thema.
Es ist fast un­mög­lich, hier drin­nen ge­ra­de­aus zu lau­fen, aber das ist an einem Sams­tag­nach­mit­tag wohl zu er­war­ten. Wobei ich sehr sel­ten hier­her­kom­me, das ist also nur eine lo­gi­sche Ver­mu­tung. Alle paar Schrit­te sind wir ge­zwun­gen, uns durch die Men­schen­men­ge zu schlän­geln, die uns um­gibt. Das ist ver­dammt ner­vig. Das ein­zig Gute daran ist, dass ich so den Ab­stand zwi­schen mir und Erin ver­rin­gern und ge­le­gent­lich ihren Arm be­rüh­ren kann, unter dem Vor­wand, sie sonst in der Menge zu ver­lie­ren.
Sie zuckt bei der leich­ten Be­rüh­rung zu­sam­men, doch ihr Kör­per ent­spannt sich bei­na­he so­fort wie­der. Ihre un­merk­li­che Re­ak­ti­on er­in­nert mich je­doch daran, dass sie ganz und gar nicht wie die Er­obe­run­gen ist, von der meine Schwes­ter in ihrer Nach­richt ge­spro­chen hat. Erin ist schüch­tern, und ich hätte nie ge­dacht, dass ich je­man­den mit so einem sanft­mü­ti­gen Cha­rak­ter at­trak­tiv fin­den könn­te. Bis sie vor drei Mo­na­ten Alex’ Kran­ken­zim­mer be­tre­ten hat. Der schüch­ter­ne und doch strah­len­de Aus­druck ihrer sma­ragd­grü­nen Augen und ihre zap­pe­li­gen Ge­wohn­hei­ten, wenn sie ner­vös ist, haben mich Tag für Tag mehr an­ge­zo­gen. Ihr ru­hi­ges Wesen hat sich als eben­so at­trak­tiv er­wie­sen wie das strah­len­de Lä­cheln, das sich auf ihrem Ge­sicht ab­ge­zeich­net hat, wenn sie ihre Ner­vo­si­tät ein­mal ab­ge­legt hat. Auch wenn das nur sel­ten pas­siert ist, wäh­rend die Jungs und ich uns in Alex’ Kran­ken­zim­mer ge­drängt haben. Dabei hatte ich da­mals noch gar nicht ge­se­hen, wie ihr die lan­gen feu­er­ro­ten Haare offen auf die Schul­tern fal­len. Ich wuss­te, dass sie mir mit of­fe­nen Haa­ren ge­fal­len würde; ich wuss­te nur nicht, wie sehr. Sie sieht damit noch at­trak­ti­ver aus.
„Hier ist der Laden mit den La­ter­nen.“ Sie zeigt auf ein Schau­fens­ter und bleibt ste­hen. „Wir kön­nen uns ein biss­chen um­schau­en, ob wir noch etwas an­de­res fin­den. Am bes­ten kau­fen wir das Bild erst zum Schluss, es ist ziem­lich groß.“
„Klingt gut. Ich folge dir.“
Glück­li­cher­wei­se ist es im Ein­rich­tungs­la­den ru­hi­ger als drau­ßen. Sie führt mich durch Gänge, in denen über­all klei­ne Mö­bel­stü­cke und De­ko-Ob­jek­te aus­ge­stellt wer­den, und ich lasse ihr Zeit, sich um­zu­se­hen. Denn seien wir mal ehr­lich, ich wüss­te nicht ein­mal, wo­nach ich suche, um ein pas­sen­des Ge­schenk für Cam­ryn zu fin­den. Ich bin hier über­haupt nicht in mei­nem Ele­ment, und den­noch gibt es kei­nen Ort, an dem ich jetzt lie­ber wäre.
Als sie plötz­lich in­ne­hält, stoße ich un­ge­wollt gegen ihren Rü­cken. Ich packe sie an den Schul­tern, damit sie nicht das Gleich­ge­wicht ver­liert.
„Hopp­la.“ Ich ki­che­re. „Du hät­test mich auch vor­war­nen kön­nen.“
Sie duf­tet nach Zu­cker­stan­ge. Schon im Auto hatte ich die Ver­mu­tung, dass sie da­nach riecht, aber ich war mir nicht si­cher. Jetzt weiß ich es. Und wenn wir nicht Ge­schen­ke ein­kau­fen müss­ten, würde ich ein­fach hier ste­hen­blei­ben und ihren Duft auf­sau­gen, bis ich sie wie­der zu­rück­fah­ren muss.
„Sorry“, platzt sie her­aus und wirft mir ein ver­le­ge­nes Lä­cheln über die Schul­ter zu. Sie zeigt mit dem Fin­ger auf ein Regal rechts neben sich. „Diese Truhe hat­ten sie letz­tes Mal noch nicht. Sie ist wun­der­schön.“
Ich be­zweif­le nicht, dass die weiße Holz­tru­he für je­man­den, der sich damit aus­kennt, wun­der­schön aus­sieht. Für mich ist es ein­fach nur eine Truhe. Doch es wird ver­mut­lich das Beste sein, wenn ich das nicht laut sage. Nicht, dass ich ein Genie bin, was Frau­en an­geht, aber ich habe ge­hört, dass es nie eine gute Idee ist, ihre Mei­nung be­züg­lich Deko oder Klei­dung in­fra­ge zu stel­len.
„Na dann ist es ja gut, dass ich mit dem SUV und nicht mit mei­nem Mo­tor­rad ge­kom­men bin“, scher­ze ich. Sie schaut wie­der in meine Rich­tung und die­ses Mal ist das Lä­cheln auf ihren Lip­pen brei­ter.
„Keine Sorge, ich werde sie nicht kau­fen. Ich lasse mich beim Shop­pen gerne in­spi­rie­ren. Darum blät­te­re ich auch ab und zu durch Zeit­schrif­ten. Ich bin auf der Suche nach Ideen für alte Mö­bel­stü­cke, die ich manch­mal re­stau­rie­re“, er­klärt sie und in­spi­ziert wei­ter jeden Zen­ti­me­ter der Truhe.
„Du re­stau­rierst Sa­chen? Wie cool.“
Sie nickt. „Also nor­ma­ler­wei­se eher klei­ne Ob­jek­te. Ich habe in Pho­enix kei­nen Platz, um grö­ße­re Mö­bel­stü­cke auf­zu­be­wah­ren. Aber ich habe schon immer davon ge­träumt, eine alte Kom­mo­de oder so zu re­stau­rie­ren. Das werde ich dann tun, wenn ich einen fes­ten Job und Wohn­sitz habe. Auf einem die­ser Floh­märk­te, zu denen ich schon immer ein­mal gehen woll­te, finde ich be­stimmt eine.“
Sie geht wei­ter, bleibt aber nur we­ni­ge Schrit­te spä­ter vor den be­sag­ten La­ter­nen ste­hen. Ob­wohl ich mich schwer­tue, mir eine davon in einem Wohn­zim­mer oder über­haupt einem Zim­mer vor­zu­stel­len, scheint Erin si­cher, dass Cam be­geis­tert wäre, also werde ich ihr ver­trau­en.
Letz­ten Endes nehme ich eine große und eine mitt­le­re La­ter­ne mit, dann gehen wir in ein an­de­res Ge­schäft, das Duft­ker­zen ver­kauft. Zu­erst wäh­len wir wel­che, die in Cams La­ter­nen pas­sen, dann sucht Erin noch wel­che für sich selbst aus und schließ­lich gehen wir noch in den Laden, in dem das Bild ist. Auch dort las­sen wir uns Zeit und schlen­dern erst ein wenig durch die Gänge.
Ehe wir uns ver­se­hen sind meh­re­re Stun­den ver­gan­gen und wir lau­fen zum Wagen, um un­se­re Ein­käu­fe dort zu ver­stau­en.
„Ich bin echt froh, dass das er­le­digt ist“, gebe ich zu, wäh­rend ich die Tür zu­schla­ge und den Wagen ab­schlie­ße. „Wie wäre es mit einem frü­hen Abend­es­sen? Wir könn­ten davor noch etwas trin­ken“, schla­ge ich vor.
„Ich habe heute früh zu Mit­tag ge­ges­sen, ein frü­hes Abend­es­sen klingt also gut“, ant­wor­tet sie. „Wohin möch­test du gehen?“
„Wo­nach ist dir denn?“
„Ich esse ei­gent­lich alles. Ich bin da nicht so wäh­le­risch.“
Ich spüre, dass sie die Ent­schei­dung lie­ber mir über­lässt, und schla­ge vor: „Wie wäre es mit Ita­lie­nisch? In der In­nen­stadt gibt es ein Re­stau­rant, das viele Pas­ta-Sor­ten an­bie­tet.“
„Super“, stimmt sie schnell zu. Doch sor­gen­vol­le Schat­ten über­flie­gen ihr Ge­sicht, als sie einen Blick an sich hin­un­ter­wirft. „Al­ler­dings bin ich dazu viel­leicht etwas zu ein­fach an­ge­zo­gen.“
„Du siehst wun­der­schön aus“, ant­wor­te ich. Ein Hauch von Rot über­zieht ihre por­zel­langlei­che Haut. Das pas­siert oft, wenn sie ver­le­gen ist. „Au­ßer­dem, wenn du zu ein­fach an­ge­zo­gen bist, dann bin ich das erst recht. Steig ein, damit wir noch einen guten Platz be­kom­men“, sage ich ihr.
„Wie lange bist du schon Teil des Clubs?“, fragt sie, wäh­rend wir in Rich­tung Stadt­mit­te fah­ren.
„Seit etwa elf Jah­ren, wenn man die Zeit mit­rech­net, wäh­rend der ich als Pro­s­pect in der Werk­statt ge­ar­bei­tet habe. Der Club führt meh­re­re hier im Staat.“
„Was ist ein Pro­s­pect?“
Ich werfe ein Lä­cheln in ihre Rich­tung und er­klä­re: „Ich denke, man kann einen Pro­s­pect gut mit einem Prak­ti­kan­ten ver­glei­chen. Sie ar­bei­ten für den Club, sind aber noch keine Mit­glie­der. Es ist wie eine Art Aus­bil­dung. Ent­we­der man be­steht oder nicht.“
Sie nickt. „Dann bist du dem Club bei­ge­tre­ten, nach­dem dein Vater ge­stor­ben ist? Es muss tröst­lich ge­we­sen sein, dass so viele Leute für dich da waren“, fährt sie fort, ohne meine Ant­wort ab­zu­war­ten.
Wenn die Leute er­fah­ren, dass ich kurz nach dem Tod mei­nes Va­ters bei den Chaos Cha­sers an­ge­fan­gen habe, den­ken sie au­to­ma­tisch, dass ich auf­grund der Trau­er vom rech­ten Weg ab­ge­kom­men bin oder so. Doch das war nicht Erins ers­ter Ge­dan­ke. In Ge­dan­ken war sie so­fort bei mei­nen Brü­dern und der Art, wie sie mir wäh­rend mei­ner Trau­er Bei­stand ge­leis­tet haben müs­sen. Sie haben mir und Alex ge­hol­fen, darum sind sie heute un­se­re Fa­mi­lie.
„Ja, das war es. Mein Vater ist an Krebs ge­stor­ben, nur we­ni­ge Mo­na­te nach der Dia­gno­se. Ich war ge­ra­de erst voll­jäh­rig ge­wor­den und er stell­te si­cher, dass ich nach sei­nem Tod das Sor­ge­recht für Alex be­kom­men würde. Er gab sein Bes­tes, mich auf alles vor­zu­be­rei­ten, aber ich war noch so jung. Ich wuss­te, dass ein Stu­di­um sehr müh­se­lig wer­den würde, also be­schloss ich statt­des­sen, mir einen Job zu su­chen. Ich dach­te, ich könn­te spä­ter immer noch stu­die­ren. Ich fand einen Job in der Werk­statt der Chaos Cha­sers. Isaac, Jayce’ Groß­va­ter, kann­te meine und Alex’ Ge­schich­te und am Tag dar­auf fing ich schon an, mit Cody und Con­nor, Jayce’ Vater, zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Einen Monat spä­ter frag­ten sie mich, ob ich ein Pro­s­pect wer­den woll­te, und ich sagte zu. Zuvor hatte ich mich ver­ge­wis­sert, dass sie in nichts ver­wi­ckelt waren, das mich in Schwie­rig­kei­ten brin­gen oder dazu füh­ren könn­te, dass sie mir Alex weg­neh­men. Und hier bin ich“, er­klä­re ich. Genau als ich meine Ge­schich­te be­en­det habe, taucht das Re­stau­rant vor uns auf und ich parke am Stra­ßen­rand. „Wir sind da.“
Sie steigt aus und ich gehe um den Wagen herum und stoße auf dem Geh­weg zu ihr. Sie be­trach­tet die Fas­sa­de des Re­stau­rants und ich nutze die Chan­ce, um sie zu be­ob­ach­ten. Die Haare fal­len ihr offen über den Rü­cken und wehen leicht im Wind, der weiße Ka­pu­zen­pul­li be­deckt ihren Hin­tern nur teil­wei­se. Sie hat keine aus­ge­präg­ten Kur­ven, aber sie ist auch nicht mager. Das spielt so­wie­so keine Rolle. Schon seit ge­rau­mer Zeit bin ich neu­gie­rig, was sich wohl unter ihren Kla­mot­ten ver­birgt. Ich sehne mich da­nach, einen Blick auf jeden Zen­ti­me­ter ihrer hel­len Haut zu wer­fen. Dabei weiß ich ja, dass Alex recht hat. Erin ist nicht der Typ Frau für einen One-Night-Stand und schon bald wird sie die Stadt ver­las­sen. Es wird das Beste sein, wenn ich mir das aus dem Kopf schla­ge. Ich werde sie aus der Ent­fer­nung ge­nie­ßen, bis sie außer Sicht­wei­te ist, und das war es. Aber in dem Mo­ment, als ich so nah bei ihr stehe und sie mit ihren wun­der­schö­nen, man­del­för­mi­gen grü­nen Augen zu mir auf­blickt, seuf­ze ich in­ner­lich.
Es wird ver­dammt schwer wer­den, die Dis­tanz zu wah­ren.
Ich setze ein Lä­cheln auf und führe sie ins Re­stau­rant, indem ich die Hand leicht auf ihren Rü­cken lege.
Wenig spä­ter nimmt eine Kell­ne­rin uns in Emp­fang. „Ein Tisch für zwei?“, be­grüßt sie uns fröh­lich.
„Ja, bitte“, ant­wor­te ich und sie for­dert uns auf, ihr zu fol­gen.
Sie bie­tet uns einen Platz in einer etwas ab­ge­le­ge­nen Sitz­ecke an, was per­fekt ist.
„Könn­ten wir etwas zu trin­ken haben, bevor wir das Essen aus­wäh­len?“, frage ich sie.
„Selbst­ver­ständ­lich. Was hät­ten Sie denn gern?“
„Was möch­test du, meine Hüb­sche?“, frage ich Erin.
Bei die­sem Ko­se­na­men läuft sie er­neut rot an. „Könn­te ich eine Li­mo­na­de haben?“, fragt sie die Kell­ne­rin.
„Eine Li­mo­na­de“, be­stä­tigt diese und wen­det sich dann mir zu.
„Und ein Bier, bitte.“
„Gerne. Ich komme so­fort wie­der.“
Ge­ra­de, als sie sich ent­fernt, wird die Stil­le von einem Zwit­schern un­ter­bro­chen und Erins Auf­merk­sam­keit rich­tet sich auf ihre Hand­ta­sche.
„Sorry“, ent­schul­digt sie sich, als sie ihr Handy aus der Ta­sche fischt und einen Blick auf den Bild­schirm wirft. „Meine Mom. Ich habe ver­ges­sen, ihr zu sagen, dass ich nicht zum Abend­es­sen zu Hause sein werde. Ich gebe ihr nur kurz Be­scheid.“
Sie tippt eine knap­pe Nach­richt und steckt ihr Handy wie­der zu­rück in die Ta­sche.
„Hast du Ge­schwis­ter?“
Sie schüt­telt den Kopf. „Nur ich und meine El­tern. Na ja, meine Groß­el­tern leben auch noch, aber die ge­nie­ßen ihren Ru­he­stand in Flo­ri­da, wir sehen uns also nicht so oft.“
„Und wirst du nach dei­nem Ab­schluss wie­der bei dei­nen El­tern ein­zie­hen? Bevor du einen Job fin­dest, meine ich.“
Da ich die Hoff­nung hege, sie in ein paar Mo­na­ten wie­der in der Ge­gend zu haben, ruft eine leise Stim­me in mir „Sag Ja“, aber diese Worte kom­men ihr nicht über die Lip­pen.
„Das würde ich lie­ber nicht“, gibt sie zu und ein Zu­sam­men­zu­cken trübt ihren Aus­druck. Als die Kell­ne­rin mit un­se­ren Ge­trän­ken kommt, schweigt sie einen Mo­ment. Sie dankt ihr und fährt fort: „Ich liebe meine El­tern, wirk­lich, aber es ist kom­pli­ziert mit ihnen. Sie sind gläu­bi­ge Ka­tho­li­ken und sehr ent­täuscht, dass ich ihren Glau­ben nie ge­teilt habe. Vor allem mei­ner Mut­ter wäre es lie­ber ge­we­sen, wenn ich genau wie sie di­rekt nach der Schu­le ge­hei­ra­tet hätte, an­statt zu stu­die­ren. Sie ist schon fast be­ses­sen von dem Ge­dan­ken. Seit vier Jah­ren macht sie stän­dig An­deu­tun­gen in diese Rich­tung, zum Bei­spiel, dass es leich­ter ist, einen Mann zu fin­den, bevor man zu alt dafür wird. Sie nutzt jede Ge­le­gen­heit. Sie hat noch nicht ka­piert, dass ich gar nicht hei­ra­ten will. Das ist alles, was sie für mich will, die Ehe. Und am bes­ten na­tür­lich mit einem Ka­tho­li­ken. Aber das wird nie pas­sie­ren, nach mei­nem Prak­ti­kum erst recht nicht. Ich bin gerne Kran­ken­pfle­ge­rin, das werde ich also kei­nes­falls auf­ge­ben.“
Sie hat noch nie so viel mit mir ge­spro­chen seit … na ja, seit ich sie ken­nen­ge­lernt habe. Und an­schei­nend haben wir die Rol­len ge­tauscht, denn jetzt bin ich es, dem nichts dazu ein­fällt. Ich habe mit nichts von dem ge­rech­net, was sie ge­ra­de ge­sagt hat.
Die Über­ra­schung muss mir ins Ge­sicht ge­schrie­ben ste­hen, denn sie lacht schüch­tern. „Was denn?“
„Nichts, Ent­schul­di­gung. Bei allem Re­spekt für deine El­tern, ich wuss­te gar nicht, dass es diese Art von Glau­ben heut­zu­ta­ge noch gibt. Ich ver­ste­he ja, dass man an Gott glaubt. Aber von einer jun­gen Frau zu ver­lan­gen, dass sie hei­ra­tet, als ob das ihre ein­zi­ge Mög­lich­keit im Leben wäre, ist, als würde man die Zeit ein paar Jahr­zehn­te zu­rück­dre­hen.“
„Ich weiß, aber das sehen sie nicht so. Tief in mir weiß ich, dass meine Mut­ter ru­hi­ger wäre, wenn es einen Mann gäbe, der auf mich auf­passt. Sie kennt das nicht an­ders. Sie muss­te sich nie Ge­dan­ken um Geld oder Steu­ern ma­chen; all diese Dinge, um die man sich selbst küm­mern muss, wenn man kei­nen Mann hat, der das über­nimmt.“
„Und du willst dich selbst darum küm­mern“, sage ich ver­ständ­nis­voll.
Sie nickt. „Ich denke, mei­ner Mut­ter macht es Angst, dass ich so un­ab­hän­gig bin, aber ich habe mich immer vor dem Ge­gen­teil ge­fürch­tet. Es macht mir Angst, in jeg­li­cher Hin­sicht von einem Mann ab­hän­gig zu sein, denn was, wenn ich nicht glück­lich bin und ein­fach nur bei ihm blei­be, weil das leich­ter ist? Oder was, wenn mein Mann mich ver­lässt und ich keine Ah­nung habe, wie ich al­lein zu­recht­kom­me? Au­ßer­dem kann man sich nicht ein­fach einen Kerl aus einem Hau­fen al­lein­ste­hen­der Ka­tho­li­ken aus­su­chen und be­schlie­ßen, ihn zu hei­ra­ten. Ich weiß, dass meine El­tern sich lie­ben. Sie haben sich wäh­rend ihrer Schul­zeit ver­liebt und diese Liebe kann man immer noch in ihrem Blick er­ken­nen, auch wenn sie ihre Zu­nei­gung nie in der Öf­fent­lich­keit zei­gen. Aber ich habe mich in der Schu­le eben nicht ver­liebt und werde jetzt nicht über­stürzt eine Be­zie­hung an­fan­gen, nur weil ich alt werde.“ Sie lä­chelt.
Sie ist zwei­und­zwan­zig, mein Gott.
„Wenn du alt wirst, dann heißt das, dass ich auf bes­tem Wege bin, ein Fos­sil zu wer­den“, spaße ich. Doch ein un­an­ge­neh­mes, schwe­res Ge­fühl hat sich in mei­ner Brust aus­ge­brei­tet.
Wenn ihre El­tern eine Liste er­stellt haben, was für einen Mann ihre Toch­ter hei­ra­ten soll­te, dann stehe ich ganz am Ende. Ver­dammt, wem will ich etwas vor­ma­chen? Mein Name würde nicht ein­mal auf die­ser Liste auf­tau­chen. Ein Biker würde ihnen nie und nim­mer in den Sinn kom­men. Ich bin der Letz­te, den sie mit of­fe­nen Armen emp­fan­gen wür­den, und ich weiß nicht, warum mich die­ser Ge­dan­ke so sehr stört.
„Im­mer­hin bist du ein gut er­hal­te­nes Fos­sil“, kon­tert sie. Das reicht, um mich von mei­nen düs­te­ren Ge­dan­ken ab­zu­len­ken. Ins­be­son­de­re, als ihr klar wird, dass sie mich ge­ra­de in­di­rekt gut aus­se­hend ge­nannt hat, und sie wie­der rot an­läuft.
„Das fasse ich als Kom­pli­ment auf, meine Hüb­sche“, sage ich und bin stolz, dass ihre Wan­gen noch röter an­lau­fen. Dann be­schlie­ße ich, sie nicht län­ger zap­peln zu las­sen. „Aber deine El­tern las­sen dich trotz­dem stu­die­ren. Hat sie das nicht ge­stört?“
„Sie waren nicht ge­ra­de be­geis­tert, aber ich habe ein Voll­s­ti­pen­di­um be­kom­men und ich war voll­jäh­rig, sie konn­ten also nichts da­ge­gen tun. Ich habe schnell einen Wo­chen­end­job in einem Café ge­fun­den und bis zum Prak­ti­kums­be­ginn dort ge­ar­bei­tet. An­fangs habe ich auch über­legt, einen klei­nen Kre­dit auf­zu­neh­men, um die Aus­ga­ben zu de­cken, die nicht vom Sti­pen­di­um über­nom­men wer­den. Aber das hat mein Vater ab­ge­lehnt und mich schließ­lich trotz un­se­rer un­ter­schied­li­chen An­sich­ten un­ter­stützt, damit ich keine Schul­den habe. Und ich glau­be, die Tat­sa­che, dass ich an Thanks­gi­ving mei­nes ers­ten Se­mes­ters an­ge­fan­gen habe, mit je­man­dem aus der Ge­mein­de aus­zu­ge­hen, hat ihnen dabei ge­hol­fen, Ge­duld zu haben.“
Das heißt, dass es min­des­tens einen Ex-Freund gibt.
Der Ge­dan­ke an Erin mit je­mand an­de­rem ver­setzt mir einen gna­den­lo­sen Stich ins Herz. Es scheint kei­nen Un­ter­schied zu ma­chen, dass der Kerl der Ver­gan­gen­heit an­ge­hört. Des­halb weiß ich nicht, warum ich das Ge­spräch wei­ter­füh­re, an­statt das Thema zu wech­seln.
„Warum ist dar­aus nichts ge­wor­den? Mit dem Freund?“, frage ich und nehme einen Schluck von mei­nem Bier.
„Mat­t­hew und ich … ich habe ihn ein­fach nicht ge­liebt. Nach zwei Jah­ren habe ich mit ihm Schluss ge­macht. Im Som­mer vor mei­nem drit­ten Jahr an der Uni. Wobei ich nicht weiß, ob man von zwei Jah­ren Be­zie­hung spre­chen kann, wenn ich ihn nur in den Fe­ri­en ge­se­hen habe.“ Sie zuckt mit den Schul­tern und weiß an­schei­nend so wenig wie ich, was man dar­auf ant­wor­tet.
Wenn sie ihn nur in den Fe­ri­en ge­se­hen hat, war sie es ihm an­schei­nend nicht ein­mal wert, nach Pho­enix zu fah­ren und sie zu be­su­chen. Damit weiß ich genug über den Kerl.
„Hast du noch Kon­takt zu ihm?“
„Nein. Er ist jetzt ver­hei­ra­tet. Ich war an­schei­nend nicht die Rich­ti­ge.“ Ihr Ki­chern fließt lang­sam durch ihre Lip­pen und es freut mich, dass der neue Fa­mi­li­en­stand ihres Ex sie nicht im Ge­rings­ten trau­rig oder ei­fer­süch­tig stimmt.
Diese Frau geht mir lang­sam wirk­lich unter die Haut. Al­ler­dings be­merkt sie über­haupt nicht, was sie in mir aus­löst, und ich weiß nicht, warum, aber genau des­halb will ich sie noch mehr.

Erin

Die­ser Abend hin­ter­lässt einen bit­ter­sü­ßen Ge­schmack. Nach­dem ich den gan­zen Tag mit den Mä­dels in einem Spa ver­bracht habe, sind wir di­rekt hier­her in den Club ge­kom­men. Na­tür­lich war ich ein biss­chen auf­ge­regt. Die Tat­sa­che, dass ich die an­de­ren schon aus der Zeit kann­te, in der Alex im Kran­ken­haus lag, hat nicht ge­hol­fen. Hier­her zu kom­men, war etwas an­de­res, denn eine neue Um­ge­bung stresst mich immer. Das hier ist ihr Zu­hau­se und ich war be­sorgt, mich unter ihnen fehl am Platz zu füh­len. Doch kei­ner von ihnen hat mir die­ses Ge­fühl ge­ge­ben. Sie haben mich nicht nur mit of­fe­nen Armen will­kom­men ge­hei­ßen, ich habe es sogar ge­nos­sen, hier zu sein und mit ihnen Cams Ge­burts­tag zu fei­ern. Die enge Bin­dung zwi­schen ihnen ist un­glaub­lich. Erst vor we­ni­gen Mi­nu­ten habe ich aus der Ent­fer­nung zu­ge­se­hen, wie Nate Jayce die Prä­si­den­ten­kut­te über­reicht hat. Die Emo­ti­on, die allen ins Ge­sicht ge­schrie­ben stand, hat tief in mir ein Ge­fühl der Sehn­sucht aus­ge­löst. Alex hat mir vor Mo­na­ten er­zählt, dass sie wie eine Fa­mi­lie sind, ob­wohl sie nicht mit­ein­an­der ver­wandt sind, doch es ist etwas völ­lig an­de­res, das aus nächs­ter Nähe mit­zu­er­le­ben. Und der Abend hin­ter­lässt des­halb einen bit­ter­sü­ßen Ge­schmack, weil es schön ist, hier zu sein; gleich­zei­tig wüss­te ich gerne, wie es sich an­fühlt, zu haben, was sie haben.
„Weißt du, wie man spielt?“, fragt Max und zieht mich wie­der in den Fern­seh­raum und aus mei­nen Ge­dan­ken, die den gan­zen Tag darum ge­kreist sind, dass ich in zwei Wo­chen wie­der zehn Stun­den von Twi­can ent­fernt sein werde.
Mel­vins klei­ner Bru­der hat mich ge­ra­de aus dem Haupt­raum unten ent­führt. Als er mich mit sei­nem süßen, sie­ben­jäh­ri­gen Ge­sicht fle­hend an­ge­schaut und ge­fragt hat, ob ich mit ihm Uno spie­le, konn­te ich nicht Nein sagen.
„Ehr­lich ge­sagt habe ich schon seit Jah­ren nicht mehr ge­spielt, aber ich glau­be, ich weiß noch, wie es geht“, ver­si­che­re ich ihm.
„Ich sage dir, wenn du einen Feh­ler machst“, ver­spricht mir der Junge.
„Danke“, ant­wor­te ich ihm ernst, wäh­rend er kon­zen­triert die Kar­ten aus­teilt, bis wir beide die glei­che An­zahl vor uns lie­gen haben.
Das Spiel kann be­gin­nen, und wäh­rend der ers­ten Züge ist Max so ver­tieft, dass ich bei­na­he fürch­te, die Fur­che auf sei­ner Stirn könn­te ihm ver­früh­te Fal­ten be­sche­ren. Doch nur wenig spä­ter ent­spannt er sich und be­ginnt, mir von der Schu­le, sei­nen Freun­den und sei­ner Leh­re­rin zu er­zäh­len, und er­klärt mir, wel­che Sport­ar­ten er mag und wel­che er hasst. Und dann redet er wie ein Was­ser­fall.
„Meine Freun­din So­phia will Kö­chin wer­den, wenn sie groß ist. Wie ihr Vater“, klärt er mich auf.
„Das klingt ziem­lich cool“, ant­wor­te ich. „Und du? Was willst du wer­den, wenn du groß bist?“
„Koch nicht. Ich helfe Lilly gerne mit dem Mit­tag­es­sen oder dem Abend­es­sen, aber nur manch­mal, nicht jeden Tag“, sagt er au­gen­blick­lich. „Das ist lang­wei­lig.“ Da hat er recht. Ich läch­le, wäh­rend er über­legt. „Keine Ah­nung, was ich wer­den will. Ich weiß nicht, wer mein Dad ist, also weiß ich auch nicht, was er für einen Beruf hat“, fährt er fort und ich ver­spü­re einen Stich Trau­rig­keit. „Ich dach­te, ich könn­te viel­leicht Arzt wer­den und an­de­ren Leu­ten hel­fen, wenn sie krank oder ver­letzt sind. Aber als ich mei­ner Mut­ter davon er­zählt habe, mein­te sie nur, dass Geld nicht auf Bäu­men wächst und ich schnell mit der Schu­le fer­tig wer­den und mir einen Job su­chen soll“, er­klärt er sach­lich. Ge­ra­de war ich trau­rig, aber jetzt spüre ich etwas an­de­res. Als die Über­ra­schung nach­lässt, taucht eine Frage in mir auf. Was für eine Mut­ter sagt ihrem Kind so etwas? Und wie alt war er, als sie ihm das ge­sagt hat? Wow. „Aber Mel­vin sagt, ich kann ma­chen, was ich will, wenn ich groß bin. Man muss sich nur an­stren­gen“, fügt er schnell hinzu. Es ist so viel Hoff­nung in sei­ner Stim­me, dass es mir das Herz bricht, dass je­mand, der ihn ei­gent­lich lei­ten soll­te, ihm so einen Man­gel an Selbst­be­wusst­sein ein­ge­trich­tert hat.
Ihm zu sagen, dass seine Mut­ter ein ech­tes Mist­stück sein muss, wenn sie ihrem Sohn so etwas ge­sagt hat, ist keine Op­ti­on. Sie ist immer noch seine Mut­ter und ich habe kei­nen blas­sen Schim­mer von Mel­vins Fa­mi­lie. Also ant­wor­te ich statt­des­sen: „Ich denke, Mel­vin hat recht. Wenn du dich an­strengst, kannst du alles er­rei­chen, was du dir vor­nimmst. Und ich denke, dass jeder daran glau­ben soll­te.“
Er wirft mir ein brei­tes Lä­cheln zu, das mich mit Stolz er­füllt. Ich habe wohl die rich­ti­gen Worte ge­fun­den.
Er nickt eif­rig und sagt über­zeugt: „Ja, ich glau­be, ich kann Arzt wer­den.“
„Na klar kannst du das, klei­ner Mann.“
Ob­wohl ich beim Klang der un­er­war­te­ten Stim­men ner­vös auf­schre­cke, ist es vor allem be­mer­kens­wert, dass mein gan­zer Bauch von Schmet­ter­lin­gen er­füllt ist, die fröh­lich um­her­flat­tern. Sie wer­den noch leb­haf­ter, als ich einen Blick über die Schul­ter werfe. Liam lehnt äu­ßerst läs­sig im Tür­rah­men und ich frage mich, wie lange er dort schon steht.
Er sieht so gut aus. Er hat heute keine Kutte an und ich kann den An­blick sei­ner Mus­keln ge­nie­ßen, die sich unter dem Stoff sei­nes schwar­zen Shirts ab­zeich­nen. Er ist nicht mas­sig ge­baut, aber er ist groß und von Kopf bis Fuß durch­trai­niert.
Max be­en­det meine wort­lo­se Be­wun­de­rung, als er sich sicht­lich we­ni­ger über­rascht an Liam wen­det. „Willst du mit­spie­len? Wir kön­nen noch mal von vorne an­fan­gen. Oder, Erin?“
„Klar, kein Pro­blem“, stim­me ich ihm zu.
„Ich spie­le gerne eine Runde mit euch, aber erst, wenn wir den Ku­chen pro­biert haben, den Lilly gleich an­schnei­det. Wenn wir davon etwas ab­ha­ben wol­len, soll­ten wir uns lie­ber be­ei­len, sonst fut­tert Ben alles weg.“ Er grinst.
Max springt so­fort auf. „Kön­nen wir eine Pause ma­chen?“, fragt er mich.
„Klar. Ku­chen­pau­se“, sage ich lä­chelnd. „Geh schon mal vor und re­ser­vie­re mir ein Stück Ku­chen.“ Er nickt und rennt aus dem Zim­mer. „Er ist ein groß­ar­ti­ger Junge“, sage ich, nach­dem er ver­schwun­den ist.
Ich hoffe, er kommt heil unten an, ohne die Trep­pe hin­un­ter­zu­fal­len.
Liam kommt lang­sam auf mich zu. „Du bist ge­nau­so groß­ar­tig“, ant­wor­tet er.
Ich weiß nicht, warum er das sagt, aber als er mir wort­los die Hand hin­streckt, um mir beim Auf­ste­hen zu hel­fen, ver­ges­se ich seine Be­mer­kung. Seine Hand ist warm und rau. Sie ist groß und stark, aber seine Be­rüh­rung ist auch sanft. Sie fühlt sich gut an.
„Max und Mel­vins Mut­ter ist spe­zi­ell. Der Junge braucht genau das, was du ihm ge­ra­de ge­sagt hast“, er­klärt er.
„Ich habe ihm ein­fach die Wahr­heit ge­sagt“, sage ich ab­we­send, da meine ganze Auf­merk­sam­keit sei­ner Hand gilt, die meine nicht los­ge­las­sen hat, ob­wohl ich schon stehe. Zärt­lich schaut er mich mit sei­nen dunk­len Augen an.
In ihnen spie­gelt sich etwas, von dem ich meine, es heute schon ein­mal ge­se­hen zu haben, näm­lich, als er mich im Spa auf mei­nem Weg vom Ham­mam zu mei­ner Ge­sichts­be­hand­lung auf­ge­hal­ten hat. Ich habe sei­nen Blick je­doch nicht lange genug er­wi­dert, um mir si­cher zu sein. Viel­leicht hatte ich Angst davor. Seine Nähe im Flur, wo uns jeder hätte über­ra­schen kön­nen, hat mich völ­lig über­rum­pelt. Viel­leicht so sehr, dass ich mir ein­ge­re­det habe, mir nur etwas ein­ge­bil­det zu haben.
Aber jetzt, als er mir in die Augen schaut, ist die­ses ge­wis­se Etwas wie­der in sei­nem Blick: Es ist zärt­li­che Ver­eh­rung. Doch als sein Blick zu mei­nen Lip­pen wan­dert, wird die Ver­eh­rung durch spür­ba­res Ver­lan­gen er­setzt, was so­wohl Vor­freu­de als auch eine ge­wis­se Be­fürch­tung in mir weckt, die sich tief in mich bohrt. Er will mich küs­sen. Ich kann es sehen und ich kann es spü­ren. Und ich werde ihn las­sen, denn die An­zie­hungs­kraft, die die­ser Mann auf mich aus­übt, über­trifft meine Angst bei Wei­tem. Ich muss un­be­dingt wis­sen, ob seine Lip­pen so köst­lich sind wie der be­rau­schen­de Duft von Seife und Leder, der ihn um­gibt, und so halte ich still und warte, dass er mich küsst.
Mein Puls schießt in die Höhe und ich bin über­rascht, dass ich noch nicht als kraft­lo­ser Hau­fen Mus­keln auf dem Boden liege. Als Liams Ge­sicht sich mir nä­hert und seine Lip­pen meine mit un­er­war­te­ter Vor­sicht und Zärt­lich­keit be­rüh­ren, wird alles so real und über­wäl­ti­gend, dass es mir nicht leicht­fällt, mich aus mei­ner Star­re zu lösen und auf sei­nen Kuss zu re­agie­ren. Aber als er lang­sam mit der Zunge über meine Un­ter­lip­pe fährt, ge­winnt mein In­stinkt die Ober­hand und lässt mich ein­la­dend die Lip­pen öff­nen. Meine Wan­gen glü­hen bei dem Ge­dan­ken an das, was wir da tun, doch schon bald denke ich nicht mehr daran. Zu­rück bleibt nur die Wärme, die sich in mir aus­brei­tet, als Liam den Kuss ver­tieft und sei­nen Kör­per noch näher an mich schiebt. Das Ge­fühl ver­wan­delt sich schnell in Hitze, die sich so gut an­fühlt wie der Kuss selbst.
Ich wuss­te schon, dass mir bis­her kein Mann so at­trak­tiv vor­ge­kom­men ist wie Liam, aber ich hätte nie ge­dacht, dass ein ein­fa­cher Kuss und eine leich­te Be­rüh­rung eine der­art ge­wal­ti­ge Sehn­sucht in mir aus­lö­sen könn­ten. Aber das tun sie, und die Sehn­sucht er­füllt jede Zelle mei­nes Kör­pers und fleht mich an, den Hun­ger zu stil­len, der mich plötz­lich über­kom­men hat. Dann wer­den auch meine Lip­pen le­ben­dig und su­chen die Er­fül­lung, nach der sich mein Kör­per sehnt. Ich könn­te schwö­ren, dass ich zum ers­ten Mal einen Mann küsse. Zu­ge­ge­ben, ich habe bis­her nicht viele Män­ner ge­küsst, und die­je­ni­gen, die ich ge­küsst habe, waren eher Jungs als Män­ner. Aber die­ser eine Kuss löst in mir mehr Ge­füh­le aus als alle in­ti­men Mo­men­te mit mei­nem Ex zu­sam­men. Er ist glü­hend. In­ten­siv. Liams Zunge ist for­dernd und mir bleibt nichts, als sei­nen Kuss zu er­wi­dern und zu hof­fen, dass er sich für ihn so gut an­fühlt wie für mich.
Als eine deut­lich här­ter wer­den­de Wöl­bung gegen mei­nen Un­ter­leib drückt, ver­spü­re ich so­wohl das Be­dürf­nis, aus dem Zim­mer zu ren­nen, als auch, mei­nen tiefs­ten Be­dürf­nis­sen nach­zu­ge­ben und meine Hand in Liams Jeans zu schie­ben. Doch ich würde nie genug Mut auf­brin­gen, um einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen, und ich habe auch nicht genug Wil­len, den Kuss zu un­ter­bre­chen. Also werde ich mich in die­sem glü­hen­den Kuss ver­lie­ren, so­lan­ge Liam mich lässt. Denn in ein paar Wo­chen werde ich wie­der in Pho­enix sein und die­ser Kuss wird zu­rück­blei­ben, als die beste Er­in­ne­rung an meine Zeit hier in Twi­can.

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