Hexentöchter
von Mona Vara

Er­schie­nen: 01/2010

Genre: Fan­ta­sy Ro­mance
Zu­sätz­lich: His­to­ri­cal

Lo­ca­ti­on: Eng­land, Lon­don

Sei­ten­an­zahl: 220 (Über­grö­ße)

Hör­pro­be: Rein­hö­ren

Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-93828-145-1
ebook: 978-3-93828-181-9

Preis:
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ebook: 6,99 €[D]

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Hexentöchter


In­halts­an­ga­be

Lon­don um 1850: Char­lot­ta, Toch­ter einer Hexe, ist auf der Suche nach ihrem Bru­der nach Lon­don ge­reist. Sie hofft, ihn in dort zu fin­den und ihm einen Weg aus der Dun­kel­heit wei­sen zu kön­nen. Wäh­rend ihres Auf­ent­hal­tes lebt sie bei ihrer Tante Ha­ga­zussa, In­ha­be­rin des Bor­dells "Chez Haga", in dem die über­sinn­li­chen Wesen der Stadt ein und aus gehen.

In den dunk­len Gas­sen Lon­dons be­geg­net Char­lot­ta der eben­so mäch­ti­ge wie ge­heim­nis­vol­le Lord Cy­rill Veil­brook, vor dem selbst die Vam­pi­re ehr­fürch­tig zit­tern. Veil­brook ist fas­zi­niert von Char­lot­ta, die er für eine Suc­cu­ba hält, und bie­tet ihrer Tante viel Geld, wenn Char­lie ihm ex­klu­siv zur Ver­fü­gung steht. Denn laut einer Le­gen­de soll die erste Lie­bes­nacht mit einer Suc­cu­ba die ul­ti­ma­ti­ve Lust er­zeu­gen. Char­lie ist em­pört, doch als ihr Bru­der in Ge­fahr gerät, hilft Veil­brook ihnen nur unter der Be­din­gung, dass Char­lie seine Mä­tres­se wird.

Al­ler­dings gibt es noch mehr Wesen, die an Char­lie in­ter­es­siert sind: Dunk­le Krea­tu­ren wol­len sich nicht nur in Lon­don eta­blie­ren, son­dern auch die Herr­schaft an sich rei­ßen, und Char­lot­ta ist der Schlüs­sel zur Macht. Der ein­zi­ge, der ihnen Ein­halt ge­bie­ten kann, ist Veil­brook. Doch die­ser ist voll­auf mit der Ver­füh­rung sei­ner stör­ri­schen He­xen­toch­ter be­schäf­tigt …

Über die Au­to­rin

Mona Vara schrieb jah­re­lang er­folg­reich ero­ti­sche Lie­bes­ro­ma­ne. Das  Wich­tigs­te beim Schrei­ben war für sie, Fi­gu­ren zum Leben zu er­we­cken, ihnen ganz spe­zi­fi­sche Ei­gen­schaf­ten und Cha­rak­te­re zu geben und ihre Ge­füh­le und Er­leb­nis­se auf eine Art aus­zu­drü­cken, die sie nicht nur...

Wei­te­re Bü­cher der Au­to­rin

Le­se­pro­be

Szene 1

Cy­rill mus­ter­te die Suc­cu­ba eben­falls ein­ge­hend, als sie hoch­er­ho­be­nen Haup­tes auf ihn zukam, und eine leise Ent­täu­schung mach­te sich breit. Er hätte am Vor­abend schwö­ren mögen, dass sie blond war. Ihr Haar hatte im Schein der Lam­pen und des mick­ri­gen Feu­ers in die­ser Stra­ße sogar weiß­blond ge­leuch­tet. Bei Ta­ges­licht be­se­hen war es je­doch braun. Ha­sel­nuss­braun, um genau zu sein, und ihre Augen waren hell­grau. Keine sehr spek­ta­ku­lä­re Mi­schung. Ent­we­der hatte sie am Vor­tag eine Pe­rü­cke ge­tra­gen oder ir­gend­ei­nes die­ser Kräu­ter­mit­tel­chen an­ge­wandt, mit denen Hexen ihre Haar­far­be so schnell än­dern konn­ten wie an­de­re ihre Klei­dungs­stü­cke.
Sie blieb vier Schrit­te vor...

...​ihm ste­hen, den Rü­cken durch­ge­streckt, die Schul­tern straff. Fast wie ein Sol­dat auf dem Ex­er­zier­platz. Oder wie eine Gou­ver­nan­te. Al­ler­dings eine mit ro­si­gen Wan­gen und sehr wei­chen, jun­gen Zügen, die den stren­gen Aus­druck in ihrem Ge­sicht Lügen straf­ten.
„Ich freue mich, Sie zu sehen, Lord Veil­brook. „Ich fürch­te, ich habe mich ges­tern nicht an­ge­mes­sen für Ihre Hilfe und Be­glei­tung be­dankt.“
Cy­rill ver­zog den Mund zu einem schma­len, nichts­sa­gen­den Lä­cheln. Er hatte sich sei­nen Dank schon ge­holt, auch wenn sie sich nicht an den Kuss er­in­nern konn­te. Und sehr bald würde er ihr noch aus­rei­chend Ge­le­gen­heit geben, ihre Dank­bar­keit zu be­wei­sen.
Sie reich­te ihm ihre Hand. An ihrer Hal­tung war nichts aus­zu­set­zen, und wäre er am Vor­tag nicht Zeuge ge­wor­den, wie sie in einer der übels­ten Ge­gen­den Lon­dons mit dem Re­gen­schirm auf Dä­mo­nen ein­prü­gel­te, hätte er sie jetzt zwei­fel­los für eine junge Dame ge­hal­ten. Ihre Hal­tung war nicht ge­ziert, son­dern sehr frei­mü­tig, von na­tür­li­cher Anmut, ihr Hän­de­druck fest, aber un­ver­bind­lich. Sie ließ seine Hand so­fort wie­der los und deu­te­te mit einer ele­gan­ten Geste auf den Lehn­ses­sel, in dem er zuvor ge­ses­sen hatte.
„Neh­men Sie doch bitte wie­der Platz, My­l­ord. Sind Sie si­cher, dass wir Ihnen keine Er­fri­schung an­bie­ten kön­nen? Viel­leicht eine Tasse Tee? Oder Port­wein? Sher­ry?“
„Nein, vie­len Dank.“ Er war­te­te, bis sie sich ge­setzt hatte, und ließ sich dann ihr ge­gen­über nie­der, um sie wei­ter zu be­trach­ten. Ihre Fri­sur war schlicht, in der Mitte ge­schei­telt, glatt zu­rück­ge­kämmt und am Hin­ter­kopf hoch­ge­steckt. Sie hatte im Ge­gen­satz zu Ve­ne­tia und Ro­san­da ein sehr de­zen­tes Ta­ges­kleid an.
Sie sah wirk­lich nicht au­ßer­ge­wöhn­lich aus, des­halb war es ir­ri­tie­rend, dass sich Cy­rills Puls seit ihrem Ein­tritt be­schleu­nigt hatte. Er be­griff immer noch nicht, was diese Re­ak­ti­on bei ihm aus­lös­te. Mög­li­cher­wei­se er­in­ner­te sie ihn – von der Haar­far­be und der Au­gen­far­be ab­ge­se­hen - ein wenig an eine sei­ner frü­he­ren Ge­lieb­ten, die Mar­qui­se d‘Or­lans. Eine wirk­li­che Dame, die nach dem Tod ihres Man­nes in pe­ku­niä­re Schwie­rig­kei­ten ge­kom­men war. Cy­rill hatte ihr aus­ge­hol­fen, und sie hatte sich auf sehr in­ti­me Art dank­bar ge­zeigt. Nun war sie auch schon gut fünf­zig Jahre tot. Sie war fast acht­zig ge­we­sen, als sie ge­stor­ben war, und Cy­rill und sie hatte in spä­te­ren Jah­ren eine sehr schö­ne pla­to­ni­sche Freund­schaft ver­bun­den. Er dach­te gerne und mit Wärme an sie. Sie war eine der we­ni­gen Men­schen ge­we­sen, die – zu­min­dest teil­wei­se - über ihn Be­scheid wuss­ten.
Char­lot­ta hatte bis­her ruhig ab­ge­war­tet, aber als er nichts sagte, son­dern sie nur nach­denk­lich von oben bis unten be­trach­te­te, räus­per­te sie sich. „Was kann ich also für Sie tun, My­l­ord?“
Er schlug die Beine über­ein­an­der und über­dach­te diese Frage. War es reine Höf­lich­keit? Oder be­reits die erste An­spie­lung auf ihre Tä­tig­keit? Der Ton­fall pass­te zu ihrem Ge­sichts­aus­druck. Un­ver­bind­lich, aber höf­lich. Sie spiel­te ihre Rolle her­vor­ra­gend. In einem an­de­ren Bor­dell hätte sie eine in Not ge­ra­te­ne junge Dame sein kön­nen, aber Ha­ga­zussa hatte keine „nor­ma­len“ Frau­en in ihrem Fun­dus, son­dern aus­schließ­lich Hexen.
Wie alt sie wohl sein moch­te? Nach mensch­li­chen Maß­stä­ben ver­mut­lich nicht ein­mal zwan­zig, wenn man al­ler­dings die hö­he­re, teils sogar sehr hohe, Le­bens­er­war­tung einer Hexe in Be­tracht zog, täusch­te das Aus­se­hen zwei­fel­los. Ve­ne­tia, so wuss­te er, war schon Mitte des vo­ri­gen Jahr­hun­derts zur Welt ge­kom­men und sah immer noch aus, als hätte sie ge­ra­de erst die zwan­zig über­schrit­ten. Und wenn man ihn selbst als Ver­gleich nahm, konn­te das Mäd­chen vor ihm auch schon weit über hun­dert und noch viel mehr sein.
Nein. Das wohl auf gar kei­nen Fall. Dazu pass­te ihr Blick nicht. Er war selbst­be­wusst, aber es fehl­te diese ge­wis­se Mü­dig­keit, die auch in Ha­ga­zussas Augen stand, wenn sie sich un­be­ob­ach­tet fühl­te. Den Aus­druck, der allen Wesen in­ne­wohn­te, die schon mehr als ein Men­schen­le­ben hin­ter sich hat­ten. Bei den Men­schen nann­te man das im hö­he­ren Alter Ab­ge­klärt­heit, für ihn und sei­nes­glei­chen war es Il­lu­si­ons­lo­sig­keit und Lan­ge­wei­le. Und zum gro­ßen Teil Zy­nis­mus.
„My­l­ord?“ Char­lie hob ge­reizt die Au­gen­brau­en, als sie län­ge­re Zeit keine Ant­wort auf ihre Frage er­hielt, der Mann ihr ge­gen­über sie je­doch so prü­fend mus­ter­te, dass sie ihn am liebs­ten für diese Un­ge­hö­rig­keit zu­recht­ge­wie­sen hätte. Sein Ge­sichts­aus­druck hatte etwas von der Art eines Pfer­de­händ­lers, der einen Neu­er­werb in Er­wä­gung zog.
Er ver­zog die Lip­pen zu einem schma­len Lä­cheln, das seine Augen nicht ein­mal an­nä­hernd er­reich­te. „Ob Sie etwas für mich tun kön­nen, weiß ich noch nicht“, er­wi­der­te er mit küh­ler Stim­me. „Ich bin ge­ra­de dabei, dar­über nach­zu­den­ken.“
Char­lie fühl­te, dass ihre Wan­gen wie­der warm wur­den. Sie war froh ge­we­sen, sich von Ve­ne­ti­as pein­li­cher Be­mer­kung er­holt zu haben, um Veil­brook einen Ein­druck von Ge­fasst­heit zu ver­mit­teln, aber nun war es klar, wofür er sie hielt: für eine von Tante Hagas Lie­bes­he­xen. Des­halb also diese an­züg­li­chen, nein, schon un­ver­schäm­ten Be­mer­kun­gen!
Sie über­leg­te, ob sie so tun soll­te, als hätte sie nicht ver­stan­den, höf­lich auf­ste­hen und gehen, aber dann sagte sie sich, dass es kei­nen Sinn hatte, um den hei­ßen Brei her­um­zu­re­den. Män­ner waren da an­ders als Frau­en. Wenn sie sich etwas in den Kopf ge­setzt hat­ten, ver­stan­den sie höf­li­che An­deu­tun­gen nicht, da be­durf­te es schon deut­li­cher Worte, um den ei­ge­nen Stand­punkt klar­zu­ma­chen - das hatte schon Groß­mut­ter immer ge­sagt. Sie erhob sich. „Ich fürch­te, Sie haben eine fal­sche Vor­stel­lung, Lord Veil­brook. Meine Diens­te ste­hen Ihnen nicht zur Ver­fü­gung. Ich werde mir je­doch er­lau­ben, Lady Haga zu rufen, sie wird Sie be­stimmt gut bei der Wahl einer ent­spre­chen­den Dame be­ra­ten.“
Sie war­te­te Veil­brooks Re­ak­ti­on erst gar nicht mehr ab, son­dern wand­te sich zum Gehen, als sich im sel­ben Mo­ment die Tür öff­ne­te und Tante Haga in ihrem Rah­men er­schien. Hin­ter ihr stand Fre­de­rick und ver­such­te her­ein­zu­se­hen. Hagas Blick flog be­sorgt von Veil­brook zu Char­lie, dann eilte sie auch schon her­ein.
„Lord Veil­brook. Welch eine an­ge­neh­me Über­ra­schung. Es ist ge­rau­me Zeit her, seit wir Sie das letz­te Mal bei uns be­grü­ßen durf­ten.“ Sie lä­chel­te ihn strah­lend an. „Ich werde Peggy rügen, weil sie mir nicht so­fort über Ihre An­kunft Be­scheid ge­sagt hat.“
Veil­brook hatte sich höf­lich er­ho­ben. „Mein Be­such galt auch Miss Char­lot­ta Baker.“ Er sprach das Baker mit einem leicht iro­ni­schen Un­ter­ton aus.
Hagas Blick ging zu Char­lie. Sie hob leicht eine Au­gen­braue, aber Char­lie er­wi­der­te ihren Blick mit Ge­las­sen­heit.
„Ich hatte dir ja er­zählt, dass Lord Veil­brook ges­tern so lie­bens­wür­dig war, mich heim­zu­be­glei­ten.“ Sie neig­te den Kopf. „Jetzt ent­schul­di­gen Sie mich bitte.“
Sie dreh­te sich um, schritt zur Tür, öff­ne­te sie und trat hin­aus, ohne der Ver­su­chung zu er­lie­gen, noch einen Blick auf Veil­brook zu wer­fen, um fest­zu­stel­len, ob sie mit der Ab­fuhr ge­nü­gend Ein­druck ge­macht hatte.
Sie wäre zu­frie­den ge­we­sen. Der ge­reiz­te Blick, den Cy­rill ihr nach­warf, brach­te Tante Haga dazu, sich mit ihrem kost­ba­ren Spit­zen­ta­schen­tuch Luft zu­zu­fä­cheln. Was soll­te das hei­ßen, ihre Diens­te stün­den für ihn nicht zur Ver­fü­gung? Hatte sie etwa einen an­de­ren Lieb­ha­ber, der sie ge­mie­tet hatte? Oder war sie so wäh­le­risch? War er ihr etwa nicht gut genug? Lach­haft! Das war alles nur Pose. Welch ein auf­rei­zen­des, fast är­ger­li­ches Ge­schöpf. Sie über­trieb es mit ihrer Zu­rück­hal­tung, aber das würde er ihr schon aus­trei­ben. Und zwar gründ­lich. Seine Stim­mung hob sich bei die­sem Ge­dan­ken.
Er wand­te sich Ha­ga­zussa zu. „Es trifft sich gut, dass Sie kom­men. Wir haben etwas zu be­spre­chen.“
„Ja?“ Haga blin­zel­te, und Cy­rill war über die Be­sorg­nis in ihren Augen und ihrer Stim­me ver­wun­dert. Sie setz­te sich ihm ge­gen­über und Veil­brook nahm eben­falls wie­der Platz.
„Die Suc­cu­ba in­ter­es­siert mich.“
Wäre in die­sem Mo­ment das Dach ein­ge­stürzt, hätte Ha­ga­zussa nicht ent­setz­ter aus­se­hen kön­nen. „W… Wie freund­lich von Ihnen.“
„Ich möch­te sie mie­ten.“ Er sagte das so bei­läu­fig, als wäre es die selbst­ver­ständ­lichs­te Sache der Welt.
„Mie­ten …?“ Ihre Stim­me ver­sag­te, und sie zuck­te bei die­ser un­de­li­ka­ten Aus­drucks­wei­se sicht­lich zu­sam­men, aber Cy­rill war nicht der Mann, der um eine Sache herum re­de­te.
„Ich werde dafür be­zah­len, dass sie keine an­de­ren Frei­er …“
„Char­lot­ta ist meine Nich­te“, un­ter­brach ihn Hagas Stim­me. Sie setz­te sich sehr ge­ra­de auf und sah ihn vor­wurfs­voll an.
„Aber ge­wiss doch.“ Er lä­chel­te iro­nisch. „Eine von zahl­rei­chen. Dafür ist Ihr Haus schließ­lich be­kannt, Ha­ga­zussa.“
Eine leich­te Röte stieg in ihre Wan­gen. „Ich fürch­te, Lord Veil­brook, Sie ver­ken­nen die Si­tua­ti­on.“
„Den Ein­druck hatte ich bis­her al­ler­dings nicht.“
„Char­lot­ta ist tat­säch­lich meine Nich­te!“
„Eine Nich­te, die wie die an­de­ren Nich­ten in einem Freu­den­haus lebt“, ent­geg­ne­te er höf­lich.
Haga fuhr em­pört hoch. „Ich muss doch sehr bit­ten. Dies ist kein Freu­den­haus, son­dern ein ex­qui­si­tes Eta­bli…“
Cy­rill wink­te ab. Lang­sam wurde er un­ge­dul­dig. „Ma­chen Sie sich nicht lä­cher­lich, indem Sie aus­ge­rech­net mir ge­gen­über vor­ge­ben, die Schar Ihrer an­geb­li­chen Nich­ten mache den gan­zen Tag nichts an­de­res als Deck­chen zu sti­cken und das Kla­vier zu mal­trä­tie­ren, wie Sie es nach außen hin be­haup­ten. Und falls Char­lot­ta wirk­lich Ihre Nich­te ist, soll­ten Sie umso glück­li­cher über mein In­ter­es­se sein. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass Sie es vor­zie­hen, sie – zu­min­dest für ge­wis­se Zeit - unter mei­nem Schutz zu wis­sen, an­statt sie jeden Mor­gen oder Abend unter einem an­de­ren Mann her­vor­krie­chen zu sehen.“
„Wie kön­nen Sie mir un­ter­stel­len, meine Nich­te an­zu­bie­ten! Char­lot­ta ist nicht zu haben!“ Haga woll­te auf­be­geh­ren, krümm­te sich je­doch in­ner­lich, als seine Augen schlag­ar­tig schmal wur­den.
„Soll das hei­ßen, sie hat be­reits einen Gön­ner, der sie aus­hält?“
Die ge­fähr­lich ru­hi­ge Stim­me, die im kras­sen Ge­gen­satz zu dem ge­fähr­li­chen Auf­blit­zen in Veil­brooks Augen stand, ließ Haga frös­teln. Muss­te die­ses un­se­li­ge Kind denn aus­ge­rech­net Veil­brooks In­ter­es­se we­cken? Von allen Män­nern Lon­dons und Eng­lands, aus­ge­rech­net er?! Mit jedem an­de­ren wäre sie fer­tig ge­wor­den, aber die­ser Mann war ge­fähr­lich, und wenn er es sich in den Kopf ge­setzt hatte, eine Frau zu be­kom­men, dann gab es herz­lich wenig, was ihn davon ab­hal­ten konn­te. Mut­ter viel­leicht, aber die war meist auf Rei­sen. Und bis man sie ge­fun­den hatte ...
„Nein“, sagte sie rasch. „Und ich bin auch nicht si­cher, ob sie einen haben will, sie ist sehr ...“
„... ei­gen­wil­lig, ich weiß“, un­ter­brach er sie ge­las­sen. „Das ge­fällt mir. Das ist unter Ihren Mäd­chen ein­mal etwas an­de­res, es wird ganz reiz­voll sein.“ Er schlug läs­sig die Beine über­ein­an­der. „Kom­men wir also zum ge­schäft­li­chen Teil: Char­lot­ta er­hält von mir eine Apa­na­ge von zwei­hun­dert Pfund in der Woche. Und Sie, Haga, er­hal­ten noch ein­mal zwei­hun­dert – für Ihren et­wai­gen Ver­dienst­ent­gang. Das soll­te aus­rei­chend sein, um Sie zu ent­schä­di­gen.“
Haga, die schon den Mund zum Wi­der­spruch auf­ge­macht hatte, schloss ihn wie­der. Zwei­hun­dert Pfund in der Woche! Und noch ein­mal so viel für Char­lie! Frü­her wäre das wenig ge­we­sen, ge­ra­de ein Ta­ges­ein­kom­men, aber jetzt, wo das Geld nie­mals reich­te, stell­te die­ser Be­trag ein Ver­mö­gen dar. Ihr Wi­der­stand ge­riet ins Wan­ken. Schließ­lich war Char­lot­ta selbst schuld. Wes­halb lief die­ses Mäd­chen auch al­lei­ne herum und dazu noch in Ge­gen­den, die ein Mann wie Cy­rill Veil­brook auf­such­te! Und of­fen­bar hatte sie ihm vor­ge­schwin­delt, hier zu ar­bei­ten - viel­leicht hatte sie ja sogar In­ter­es­se an ihm und woll­te es nur nicht zu­ge­ben?
Haga hatte nie­mals am ei­ge­nen Leib diese Er­fah­rung ge­macht, aber Ro­san­da war ein­mal aus­gie­big mit Veil­brooks Gunst be­glückt wor­den. Er hatte sie auf das für sol­che Fälle be­reit­ste­hen­de Ex­tra­zim­mer mit­ge­nom­men, und man hatte zwei Tage nichts von ihr ge­se­hen und ge­hört … Nun, ge­hört schon. Die Mäd­chen waren kaum von der Tür weg­zu­be­kom­men ge­we­sen, um sich nur ja nichts ent­ge­hen zu las­sen. Und dann war er am Mor­gen dar­auf ein­fach mit einem küh­len Gruß ge­gan­gen. Ro­san­da war mit einem ver­klär­ten Lä­cheln aus dem Zim­mer her­aus­ge­kro­chen und hatte ge­stützt wer­den müs­sen, als sie die Trep­pe hin­auf­wank­te. Da­nach war sie ins Bett ge­sun­ken, um vier­und­zwan­zig Stun­den durch­zu­schla­fen. Und was sie da­nach er­zählt hatte, hatte den bit­ters­ten Neid in ihren Freun­din­nen und selbst ihrer Ar­beit­ge­be­rin ge­weckt.
Sie räus­per­te sich. „Nun, Lord Veil­brook, dar­auf kann ich Ihnen nur ant­wor­ten, dass die Ent­schei­dung dar­über al­lei­ne bei Char­lot­ta liegt.“ Und sie konn­te nur hof­fen, dass das Mäd­chen nicht zu dumm war, das viele Geld aus­zu­schla­gen und zu­gleich Veil­brooks Zorn auf sich zu zie­hen.
„Ge­wiss.“ Das war in einem Ton­fall ge­sagt, der kei­nen Zwei­fel dar­über ließ, wel­che Ant­wort er er­war­te­te. Er wirk­te weder über­rascht noch er­freut, als hätte er oh­ne­hin nicht mit einer Ab­sa­ge ge­rech­net. „Mein Notar, Mr. Mank­ins, wird sich mor­gen mit Ihnen in Ver­bin­dung set­zen, um den fi­nan­zi­el­len Teil der Sache zu re­geln und Ihnen das Geld zu­kom­men zu las­sen. Sor­gen Sie bitte dafür, dass Char­lot­ta ab mor­gen be­reit ist, falls ich sie be­su­chen will. Das schließt auch ein, dass sie ab so­fort kei­nen an­de­ren Kun­den mehr emp­fängt.“
„Wol­len ... ja wol­len Sie denn nicht vor­her mit ihr spre­chen?“
„Das wird nicht nötig sein“, wink­te er ge­lang­weilt ab. „Mor­gen früh wird meine Kut­sche zur Ver­fü­gung ste­hen, um sie ab­zu­ho­len und zu allen Schnei­dern, Hut­ma­chern und wohin immer es ihr ge­fällt zu brin­gen. Es bleibt Ihnen über­las­sen, ob Sie oder eines der Mäd­chen sie be­glei­ten. Sie wird selbst­ver­ständ­lich von mir völ­lig neu ein­ge­klei­det, alle Rech­nun­gen wer­den von mei­nem Notar be­gli­chen. Klei­dung, Schmuck, was immer sie an Ge­schen­ken von mir er­hält, kann sie nach Be­en­di­gung der Be­zie­hung be­hal­ten. Und soll­te ich nach ei­ni­gen Tagen davon Ab­stand neh­men, diese Af­fä­re fort­zu­set­zen, so ste­hen Ihnen und ihr die zwei­hun­dert Pfund für die lau­fen­de Woche den­noch zu.“
Er erhob sich und wand­te sich zum Gehen. „Ach ja, da wäre noch eine Klei­nig­keit.“ Er blieb ste­hen und wand­te sich nach Haga um. Ein kal­tes Lä­cheln um­spiel­te seine Lip­pen. „Ich er­war­te, die Suc­cu­ba als Jung­frau vor­zu­fin­den, wenn ich das erste Mal Be­sitz von ihr nehme. Das wird für den Bader, oder wen immer Sie für diese Zwe­cke ein­set­zen, wohl kein Pro­blem sein. So­viel ich weiß, wird die Un­schuld Ihrer Nich­ten mehr­mals im Jahr ver­kauft und wie­der­her­ge­stellt. Und sonst“, sagte er bevor er den Raum ver­ließ, „haben Sie doch bitte die Güte, dafür zu sor­gen, dass sie nicht mehr in Lon­don her­um­streunt. Ich mag es nicht, wenn meine Mä­tres­sen in schlech­te Ge­sell­schaft oder in Ge­fahr kom­men.“
Haga sank er­schöpft im Stuhl zu­sam­men und legte die Hand über die Augen, als sich die Tür hin­ter ihm schloss. Sie er­zit­ter­te bei der Vor­stel­lung, was Char­lot­ta sagen würde, wenn man sie mit der Idee kon­fron­tier­te, Veil­brooks Ge­spie­lin zu wer­den!
Der Drang, auf der Stel­le ihre Sa­chen zu pa­cken, nicht nur das Haus, son­dern Lon­don und am bes­ten Eng­land zu ver­las­sen, wurde über­mäch­tig. Wie ein­fach und an­ge­nehm war ihr Leben noch vor drei Wo­chen ge­we­sen, ehe die­ses un­se­li­ge Mäd­chen hier auf­ge­taucht war! Und jetzt? Jetzt hatte sie Veil­brook am Hals, der es für selbst­ver­ständ­lich nahm, dass ihre Nich­te seine Mä­tres­se wurde, Char­lot­ta selbst, die zwei­fel­los auf­ge­bracht war, wenn man so über ihren Kopf hin­weg be­stimm­te, und dann – das Schlimms­te von allen – Mut­ter, die mehr als zor­nig wer­den würde, wenn sie das alles er­fuhr.
Bei die­sem letz­ten Ge­dan­ken sprang sie auf und eilte Veil­brook in die Halle nach.

Szene 2

Char­lie hatte sich in eine klei­ne Ni­sche schräg hin­ter dem Altar ge­presst und wagte kaum sich zu rüh­ren, um die Wesen, die sich hier in der Kryp­ta dräng­ten, nicht auf sich auf­merk­sam zu ma­chen. Die Fa­ckeln und Ker­zen ver­brei­te­ten einen bei­ßen­den Ge­ruch, der ihr in den Augen und im Hals brann­te, aber sie er­leuch­te­ten diese un­ter­ir­di­schen Ge­wöl­be im­mer­hin genug, um sie alles er­ken­nen zu las­sen. Dabei woll­te sie gar nichts mehr sehen. Sie woll­te nur fort von hier. Sie woll­te nicht mehr die blu­ti­gen Fes­seln an den Säu­len an­star­ren, nicht mehr die dunk­len Fle­cken auf dem Altar. Und sie woll­te nicht mehr die dump­fen Schreie aus den Sär­gen hören, nicht mehr das ver­zwei­fel­te Häm­mern der Opfer, die darin ein­ge­schlos­sen waren, bis die Vam­pi­re und ihre Hel­fer sie her­aus lie­ßen, um end­lich ein Ende zu ma­chen. Sie hatte von schwar­zen Mes­sen ge­hört, hatte Schreck­li­ches ver­mu­tet, aber nichts hatte sie auf die Wirk­lich­keit vor­be­rei­tet. Das Grau­en hatte in ihren Knien be­gon­nen, war wei­ter in ihren Magen ge­stie­gen, bis er sich zu­sam­men­krampf­te, hatte ihr Herz er­reicht, das hart und schwer schlug, und saß jetzt schon in ihrer Kehle. Sie bekam kaum noch Luft. Sie at­me­te viel zu schnell. Zu has­tig. Schon war­fen ihr ei­ni­ge Um­ste­hen­de auf­merk­sa­me Bli­cke zu. Sie zog sich tie­fer in den Schat­ten zu­rück. Sie muss­te hier her­aus, aber wie?
Sie war völ­lig pro­blem­los her­ein­ge­kom­men, nie­mand hatte sie auf­ge­hal­ten oder ge­fragt, was sie hier such­te. Aber das schien hier all­ge­mein der Fall zu sein, die Be­su­cher igno­rier­ten ein­an­der. Sie be­rühr­ten sich nicht ein­mal, als sie sich näher dräng­ten. Nur dann, wenn eines der Opfer frei­ge­ge­ben wurde, dann stürz­ten sie sich in Grup­pen dar­auf, zer­ris­sen es mit Zäh­nen, Klau­en, Hän­den. Nicht jeder mach­te mit. Viele hiel­ten sich im Hin­ter­grund, war­te­ten, be­ob­ach­te­ten. Ent­we­der gab es hier Rang­ord­nun­gen oder sie waren ähn­lich wie Char­lie nur als Zu­schau­er ge­kom­men.
Sie hatte schon längst ver­sucht, wie­der die Kryp­ta zu ver­las­sen, aber der Weg war ver­sperrt. Man hatte das Tor ge­schlos­sen, ei­ni­ge mäch­ti­ge Ge­stal­ten hiel­ten davor Wache, und Char­lie hatte es nicht ge­wagt, sich an ihnen vor­bei­zu­drän­gen. Of­fen­bar war das Pro­blem nicht, Zu­tritt zu einer Schwar­zen Messe zu be­kom­men, son­dern viel­mehr, sie wie­der un­be­scha­det zu ver­las­sen.Eine Be­we­gung neben dem Altar zog ihre Auf­merk­sam­keit an. Ein jun­ger Mann hatte sich aus einer Grup­pe ge­löst und trat vor. Sie er­starr­te, als sie ihren Bru­der er­kann­te. Wie zart er wirk­te. Wie jung. Wie blass. Sie un­ter­drück­te ein tro­cke­nes Auf­schluch­zen. Er war doch ihr klei­ner Bru­der! Wie hatte sie es nur zu­las­sen kön­nen, dass er in diese Ge­sell­schaft ge­riet? Wes­halb hatte sie nicht bes­ser auf ihn ge­ach­tet? Ein an­de­rer Mann stand neben ihm und nick­te ihm auf­mun­ternd zu, als einer der Särge ge­öff­net wurde, und man eine junge Frau her­aus­zerr­te, die nur mit einem Un­ter­kleid be­deckt war. Char­lies Kehle wurde eng, als das Mäd­chen zu Theo ge­schleppt und auf den Altar ge­bun­den wurde. Sie wim­mer­te, wein­te, fleh­te um Gnade, wand sich in den Fes­seln. Char­lie sah, wie Rie­men tief in ihre Hand­ge­len­ke schnit­ten. Blut quoll her­vor.
Sie woll­te weg­se­hen, konn­te je­doch nicht den Blick ab­wen­den, son­dern starr­te wie hyp­no­ti­siert auf Theo, als er zu der Ge­fan­ge­nen trat. Der zwei­te Mann hielt sich dicht neben ihm, seine Augen glüh­ten röt­lich, als er leise auf Theo ein­sprach. Theo hob nur zö­gernd die Hand, strich über die Stirn der jun­gen Frau, ihren Hals. Dann griff er mit einer plötz­li­chen Be­we­gung mit bei­den Hän­den nach ihrem Un­ter­kleid und riss es vorne aus­ein­an­der, so­dass ihr Busen frei lag. Das Mäd­chen schrie auf. Durch Char­lies Kör­per lief ein kal­ter Schau­er, als sie ihren Bru­der dabei be­ob­ach­te­te, wie er die vol­len Brüs­te der jun­gen Frau strei­chel­te. Sie wurde schließ­lich ru­hi­ger, wehr­te sich nicht mehr gegen die Fes­seln, aber von Zeit zu Zeit ging ein hef­ti­ges Zit­tern durch ihren Leib. Sie hatte be­grif­fen, dass sie ihrem Schick­sal nicht mehr ent­kam.
Theo sprach be­ru­hi­gend auf sie ein. Sie sagte etwas. Es war wie ein lei­ses Fle­hen. Theo zö­ger­te, aber der Mann neben ihm schüt­tel­te den Kopf. Und dann riss Theo das Un­ter­kleid völ­lig weg und die Frau lag nackt vor ihm. Er stieg auf den Altar, knie­te sich zwi­schen ihre ge­spreiz­ten Beine und öff­ne­te seine Hose. Char­lie sah, dass er er­regt war. Das Wür­gen in ihrem Hals wurde stär­ker, Übel­keit stieg hoch, als ihr Bru­der sich auf die Frau legte.
Das Mäd­chen schrie kurz auf, als er mit einer sanf­ten Be­we­gung in sie ein­drang. Ein Schluch­zen er­schüt­ter­te ihren Kör­per, aber dann wurde sie ru­hi­ger, als er sich lang­sam in ihr be­weg­te. Seine Lip­pen glit­ten über ihr Ge­sicht und mit lang­sa­mer Zärt­lich­keit über ihren Hals.
Char­lie woll­te sich ab­wen­den, es war nicht nur un­recht, es war un­er­träg­lich, den ei­ge­nen Bru­der dabei zu be­ob­ach­ten, wie er den Kör­per einer Frau in Be­sitz nahm. Aber in die­sem Mo­ment öff­ne­te er den Mund, und ent­setzt sah Char­lie die bei­den spit­zen Fang­zäh­ne, die sich dem Hals der Frau nä­her­ten. Sie schüt­tel­te hef­tig den Kopf, als könn­te Theo dies davon ab­hal­ten, seine Zähne in das wei­che Fleisch sei­nes Op­fers zu schla­gen. Er biss je­doch nicht bru­tal zu, es war mehr wie ein Kuss, und hätte die Frau sich nicht mit einem Wim­mern auf­ge­bäumt, hätte Char­lie ge­dacht, er pres­se nur seine Lip­pen auf ihren Hals.
Sie woll­te schrei­en, aber alles, was sie her­vor­brach­te, war ein kaum hör­ba­res „Nein“, nicht lau­ter als ein Hauch. Als sie un­will­kür­lich einen Schritt vor­wärts mach­te, auf Theo zu, legte sich ein Arm wie eine Ei­sen­klam­mer um ihre Tail­le. Eine Hand kne­bel­te ihren zum Schrei ge­öff­ne­ten Mund, und dann zog sie der Arm an einen har­ten Kör­per. Im nächs­ten Mo­ment war alles um sie herum dun­kel. Der An­grei­fer hatte sie unter sei­nen ei­ge­nen Um­hang ge­zerrt.
Char­lie ver­fiel in Panik. Sie woll­te sich los­rei­ßen, mit dem Er­folg, dass der Arm sie noch enger an den Kör­per hin­ter ihr zog, ihre Füße den Kon­takt zum Boden ver­lo­ren und sie in der Luft stram­pel­te, als er sie ei­ni­ge Schrit­te weit trug. Char­lie keuch­te, trat nach hin­ten, ver­such­te, die ihren Mund um­schlie­ßen­de Hand zu bei­ßen, aber so sehr sie sich auch wand, der an­de­re war stär­ker.
Neben sich hörte sie ein hei­se­res La­chen. „An­re­gend, nicht wahr? Ich wün­sche guten Ap­pe­tit, Veil­brook.“
Veil­brook? Se­kun­den­lang war Char­lie starr, ihr Kör­per wurde schlaff vor Ent­set­zen, und ihr An­grei­fer nütz­te die Ge­le­gen­heit, sie wei­ter zu schlep­pen. Die Ge­räu­sche um sie herum wur­den lei­ser. Sie ent­fern­ten sich von den an­de­ren.
„Ruhig, sonst wer­den alle auf­merk­sam.“ Die Stim­me war nur ein Flüs­tern, aber ein­dring­lich genug, um Char­lie ge­hor­chen zu las­sen, auch wenn die Worte des an­de­ren Man­nes in ihrem Kopf dröhn­ten und sich mit dem An­blick der blu­ten­den Frau und Theos aus­ge­fah­re­nen Fang­zäh­nen ver­misch­ten. Wenn Veil­brook tat­säch­lich ein Opfer in ihr sah, dann konn­te sie mit roher Ge­walt nichts gegen ihn aus­rich­ten, aber sie würde ihr Blut teuer ver­kau­fen. Er hatte keine Ah­nung, wie teuer. Char­lie gab ihren Wi­der­stand auf. Sie muss­te ihn in Si­cher­heit wie­gen, wie ein harm­lo­ses Opfer wir­ken, und dann den erst­bes­ten Mo­ment nut­zen, ihre Hände frei­zu­be­kom­men. Sie brauch­te eine Fa­ckel …
Der Stoff vor ihren Augen wurde weg­ge­zo­gen und sie konn­te sich um­se­hen. Er hatte sie tat­säch­lich von den an­de­ren weg­ge­tra­gen, in eine klei­ne Sei­ten­ka­pel­le, die nur ganz schwach von drau­ßen er­leuch­tet wurde. Sie dreh­te den Kopf nach hin­ten und fühl­te, wie sich der Griff um ihren Mund lo­cker­te, je­doch nicht jener um ihren Leib. Ge­nau­so gut hätte sie gegen eine Stein­mau­er kämp­fen kön­nen. Nur dass eine Stein­mau­er keine glü­hen­den Augen hatte, deren hit­zi­ger Zorn in ihr ein lei­ses Krib­beln aus­lös­te. Sie hielt sich ganz ruhig, wehr­te sich nicht. Es war bes­ser, ihre Kräf­te zu spa­ren.
„Kann ich dich jetzt los­las­sen, oder wirst du wie­der hys­te­risch?“, flüs­ter­te die dunk­le Stim­me.
Sie nick­te, und tat­säch­lich löste Veil­brook etwas den har­ten Griff um ihre Tail­le. „Hast du den Ver­stand ver­lo­ren, hier­her zu kom­men?“
Sein Mund war so dicht an ihrem Ohr, dass sein Atem sie er­schau­ern ließ, aber selt­sa­mer­wei­se ent­spann­te sie sich bei die­sen Wor­ten etwas. Sie rang um Fas­sung. Sie muss­te ruhig blei­ben. Ein Mann, selbst ein blut­sau­gen­der, der sei­nem Opfer Vor­hal­tun­gen mach­te, war ver­mut­lich keine un­mit­tel­ba­re Be­dro­hung. Sie wand­te sich ganz nach ihm um. Sein Ge­sicht war in dem schwa­chen Schein hart und kalt.
„Wir kön­nen noch nicht hin­aus. Drü­ben, auf der an­de­ren Seite der Halle, ist der ein­zi­ge Aus­gang, und der wird be­wacht.“
Vor dem Ein­gang zu der Sei­ten­ka­pel­le dräng­ten sich die an­de­ren, aber kei­ner wand­te den Kopf, um Veil­brook oder Char­lie zu be­ob­ach­ten. Theo und sein Opfer boten mehr An­reiz.
Veil­brooks Arm lag immer noch leicht um ihre Tail­le, als hätte er Angst, sie könn­te ihm davon lau­fen. „Diese Leute rie­chen und schme­cken Blut, und sie wer­den noch mehr haben wol­len“, sagte er leise. „Gleich­gül­tig, wie nor­mal und freund­lich sich ei­ni­ge von ihnen unter an­de­ren Um­stän­den ver­hal­ten wür­den, sie sind jetzt Ge­schöp­fe der Nacht, die kei­nen mensch­li­chen Freund ken­nen. Nur Sex und Nah­rung.“ Er lausch­te den ver­zwei­fel­ten Schrei­en eines Man­nes. „Es kann nicht mehr lange dau­ern.“
Char­lie griff sich un­will­kür­lich an den Hals. „Ich brau­che eine Fa­ckel“, sagte sie ton­los. „Oder noch bes­ser zwei.“
„Was willst du damit?“, frag­te er spöt­tisch. „Ihre Män­tel an­sen­gen?“
„Ich werde sie ver­bren­nen, wenn sie mich auf­hal­ten wol­len.“ Das Zit­tern und die Angst hat­ten nach­ge­las­sen, und Char­lie war in der Lage, ihre Mög­lich­kei­ten ra­tio­nal zu über­den­ken. Selt­sa­mer­wei­se funk­tio­nier­te dies jetzt, wo Veil­brook keine Be­dro­hung dar­stell­te, recht gut. Sie fühl­te sich mit einem Mal sogar er­staun­lich si­cher.
„Das sind Am­men­mär­chen für Men­schen“, er­wi­der­te Veil­brook leise, aber höh­nisch. „Vam­pi­re mögen kein Feuer, aber sie ver­bren­nen weit­aus we­ni­ger schnell und gründ­lich, als man an­nimmt.“
„Das kommt ganz dar­auf an.“ Char­lie kämpf­te mit einer Un­zahl von Ge­füh­len. Hass, Angst, Rach­sucht, Panik. Sie at­me­te tief durch, um sich zu fas­sen. Sie brauch­te einen kla­ren Ver­stand, wenn sie heil hier her­aus woll­te. Für Theo konn­te sie im Mo­ment oh­ne­hin nichts tun.
„Ich habe nicht die Ab­sicht, es so weit kom­men zu las­sen, dass du einen Be­weis dafür er­hältst“, sagte Veil­brook sar­kas­tisch. „Aber du kannst mir glau­ben, dass dich nichts und nie­mand ret­ten kann, wenn sie dich hier ent­de­cken. Und sie wer­den alles ver­nich­ten, was sich ihnen in den Weg stellt.“
Char­lie starr­te dort­hin, wo sie Theo wuss­te. Er würde ganz ge­wiss ver­su­chen, ihr zu hel­fen. Und sie wür­den ihn töten. Veil­brook sagte zwei­fel­los die Wahr­heit.
„Und was jetzt?“
„Wir müs­sen an ihnen vor­bei. Wenn es rich­tig los­geht, wer­den die Wäch­ter ihre Pos­ten ver­las­sen, um mit­zu­tun. Das ist un­se­re Chan­ce, un­auf­fäl­lig hin­aus­zu­kom­men.“
Sie dreh­te sich nach ihm um. „Wes­halb haben Sie mich von dort weg­ge­zerrt?“
„Du bist auf­fäl­lig ge­wor­den, als die­ser Knabe sich auf die Frau ge­legt hat.“
Sie sah Veil­brook durch­drin­gend an. „Könn­te Ihnen das nicht egal sein?“
Veil­brook mus­ter­te sie se­kun­den­lang mit einem un­de­fi­nier­ba­ren Aus­druck. „Doch.
Char­lie wand­te den Kopf ab. Sie merk­te jetzt erst, dass sie zit­ter­te, und be­gann, ihre Atem­zü­ge zu zäh­len. Das hatte sie immer schon be­ru­higt. Sie war zum Kampf be­reit, auch wenn sie jede an­de­re Mög­lich­keit, von hier zu ver­schwin­den, vor­zog. Veil­brook hatte keine Ah­nung, was eine Hexe wie sie alles mit Feuer an­stel­len konn­te. Es wür­den viele von ihnen auf der Stre­cke blei­ben. Aber er hatte schon recht, die Chan­ce, heil – oder über­haupt - hin­aus­zu­kom­men war ver­schwin­dend ge­ring, und letz­ten Endes wür­den sie Char­lie über­wäl­ti­gen.
Sie hatte Theo an einen Vam­pir ver­lo­ren, den er ver­ehr­te, und der ihn zu einem der ihren ge­macht hatte. Aber noch war viel­leicht nicht alles ver­lo­ren. Noch zö­ger­te er, bevor er tö­te­te. Und so­lan­ge er nicht zu einem blut­gie­ri­gen Mons­ter wurde, konn­te sie etwas für ihn tun Wenn sie hier je­doch starb, zer­fleischt wurde wie die an­de­ren, dann würde die­ses Ge­sin­del, die Schwar­zen Mes­sen, die Bos­heit und Bös­ar­tig­keit ihn ver­schlin­gen wie so viele vor ihm.
Veil­brook hatte sei­nen Arm ge­löst, aber als er ihr Zit­tern be­merk­te, legte er seine Hände warm und tröst­lich auf ihre Schul­tern. Char­lie stell­te ver­wirrt fest, dass sie sich jetzt gerne an ihn ge­lehnt hätte. Sie wünsch­te, er würde sie auf die Arme neh­men und sie raus­tra­gen, vor­bei an die­sen Wesen und vor­bei an Theo, damit sie nicht zu­se­hen muss­te, was er sei­nen Op­fern antat.
Sie zuck­te zu­sam­men, als sie Veil­brooks Mund an ihrem Ohr fühl­te. „Wir wer­den uns jetzt lang­sam unter sie mi­schen und so tun, als wür­den wir da­zu­ge­hö­ren.“
Die Wesen vor der klei­nen Ka­pel­le waren un­ru­hi­ger ge­wor­den, eine grau­sa­me Lei­den­schaft hatte sich der An­we­sen­den be­mäch­tigt, die Char­lie nicht nur hören, son­dern sogar füh­len konn­te. Sie ver­krampf­te sich in dem Be­mü­hen, nicht zu zit­tern, aber Veil­brook hatte das leich­te Beben be­merkt. Er dreh­te sie zu sich und sah sie scharf an. Jetzt erst kam ihr zu Be­wusst­sein, dass sie sich schon die längs­te Zeit völ­lig in seine Hand ge­ge­ben hatte. Sie war davon über­zeugt, dass er sie nicht aus­sau­gen, son­dern im Ge­gen­teil alles tun würde, um sie hier hin­aus­zu­brin­gen. Sie ver­such­te, durch die Dun­kel­heit sein Ge­sicht zu er­ken­nen, aber sie sah nur seine Augen, die sie wie ma­gisch an­zo­gen.
„Wirst du das schaf­fen? Oder wirst du um­fal­len, wenn du noch mehr Blut siehst?“
Char­lie fühl­te eine un­an­ge­brach­te Schwä­che in ihre Glie­der stei­gen. „Ich schaf­fe das.“ Er sprach nicht nur von Blut. Er sprach von zer­fetz­ten Keh­len und Kör­pern. Of­fen­bar hatte sie wenig über­zeu­gend ge­klun­gen, denn er mur­mel­te etwas das sich an­hör­te wie „Genau das hat mir noch ge­fehlt“ und „Von Frau­en wie dir soll­te man wirk­lich die Fin­ger las­sen“.
Char­lie be­schloss, nicht näher dar­auf ein­zu­ge­hen. Sie hielt still, als er ihr die Ka­pu­ze über den Kopf zog, so­dass sie nur den Boden vor sich sah, und blin­zel­te zwi­schen den Wim­pern hin­durch, als Veil­brook sie un­auf­fäl­lig und lang­sam durch die immer er­reg­ter wer­den­de Meute führ­te. Aber als sie eine Stel­le pas­sier­ten, von wo aus man den Altar be­ob­ach­ten konn­te, hob sie schnell den Blick, um zu sehen, was Theo mach­te.
Er war noch dort. Al­ler­dings hatte man die Frau schon längst zu Boden ge­wor­fen. Ihr leb­lo­ser Kör­per wirk­te fast durch­sich­tig weiß. Nur noch ei­ni­ge Schmie­ren von Blut zeug­ten von dem, was mit ihr ge­sche­hen war. Char­lie er­schau­er­te. Sie blieb ste­hen und sah auf Theo. Sein Mund war ver­schmiert, das ehe­mals weiße Hemd hatte große, leuch­tend rote Fle­cken.
Um die Tote herum kau­er­ten ge­krümm­te Ge­stal­ten. Dä­mo­nen­ge­sin­del, das sich am Fleisch des Op­fers güt­lich tun woll­te. Noch hielt der schlan­ke Mann, der knapp neben Theo stand, sie zu­rück, aber so­bald er ihnen die Er­laub­nis gab, wür­den sie sich über die Tote wer­fen. Char­lies Zähne schlu­gen auf­ein­an­der, ihr Magen re­bel­lier­te. Wo war ihr Bru­der nur ge­lan­det? Woll­te er das wirk­lich? Ge­fiel ihm das?
„Das sind In­itia­ti­ons­ri­ten der Vam­pir­ge­mein­schaft“, flüs­ter­te dicht neben ihr Veil­brook. Seine dunk­le Stim­me, seine Nähe, lie­ßen sie aber­mals er­zit­tern. „Der junge Kerl dort drü­ben wurde erst kürz­lich zum Vam­pir ge­macht. Heute wird er in die Ge­mein­schaft ein­ge­führt.“
„Und dafür muss er töten.“ Char­lies Stim­me war nur ein Hauch.
„Es ist nicht das erste Mal“, sagte Veil­brook kalt. „Und er wird es wie­der tun. So­lan­ge er lebt.“
Char­lie konn­te ihren Blick nicht von dem blut­ver­schmier­ten, in Ver­zü­ckung ver­zerr­ten Ge­sicht lösen, das ein­mal ihrem Bru­der ge­hört hatte. Welch ein lie­bes Lä­cheln hatte er ge­habt, wie un­schul­dig. Ein un­ter­drück­tes Schluch­zen stieg in ihr hoch.
„Du kennst ihn.“ Es war eine Fest­stel­lung.
Char­lie schüt­tel­te lang­sam den Kopf. Nein, sie kann­te den Mann, der dort so­eben eine junge Frau ge­tö­tet hatte, nicht. Es war ein Frem­der.
„Bist du sei­net­we­gen hier? Hat er dich her­be­stellt?“
Sie sah hoch. Das Bren­nen in Veil­brooks Augen hatte sich in­ten­si­viert. Se­kun­den­lang hielt sein Blick ihren fest, und sie fühl­te, wie sich sein Griff um ihre Schul­tern ver­stärk­te. Er zerr­te sie näher an sich heran, bis sie sei­nen Kör­per spür­te. Sein Atem ging schwe­rer, als sein Ge­sicht sich ihrem nä­her­te, als würde er un­auf­halt­sam von ihr an­ge­zo­gen wer­den. Sie be­weg­te un­be­hag­lich die Schul­tern. „Hören Sie auf damit.“
Veil­brook ver­harr­te, aber das Feuer in sei­nen Augen brann­te hel­ler. Dann, mit einem Mal, er­losch es und mach­te einer schwar­zen Kälte Platz, die Char­lie frös­teln ließ.
Die an­de­ren ach­te­ten nicht auf sie. Sie dräng­ten sich vor­wärts und hät­ten auch Char­lie und Veil­brook bis zum Altar ge­scho­ben, hätte die­ser sich nicht da­ge­gen ge­stemmt. Eine ge­stei­ger­te Er­re­gung hatte die Menge er­fasst, so, als käme das Beste noch, als woll­ten die Zu­schau­er nichts ver­säu­men.
„Wir müs­sen wei­ter“, mur­mel­te Veil­brook in ihr Ohr.
Char­lie sah mit bösen Vor­ah­nun­gen dem Drän­gen der an­de­ren zu. „Was ge­schieht jetzt?“
„Nichts, was du sehen woll­test oder soll­test“, er­wi­der­te er. „Komm wei­ter und sieh nicht hin.“ Er woll­te sie wei­ter­zie­hen, aber Char­lie wehr­te sich da­ge­gen.
„Wer­den sie ihm etwas tun?“
„Dem Vam­pir? Nein. Aber du“, zisch­te er sie an, als sie den Kopf in die an­de­re Rich­tung dreh­te, „sollst mir genau zu­hö­ren. Und ge­hor­chen.“ Er sprach ganz lang­sam. „Gleich­gül­tig, was jetzt hier pas­siert, was immer du hörst – du wirst nicht hin­se­hen. Halte die Augen ge­schlos­sen. Ich führe dich.“
Char­lie wuss­te, dass dies nicht zu ihrem Scha­den ge­sagt wor­den war, und sie ging folg­sam ei­ni­ge Schrit­te mit, bis eine neue Stim­me er­tön­te. Ein hohes Wim­mern. Ein

Wei­nen. Und dann er­kann­te sie die Quel­le die­ser Stim­me.