Sweet Christmas: Rache unterm Weihnachtsbaum

Er­schie­nen: 11/2018
Buch­typ: No­vel­le

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, New Adult
Zu­sätz­lich: Se­cond Chan­ce, Va­nil­la, Weih­nach­ten

Lo­ca­ti­on: Ham­burg

Sei­ten­an­zahl: 132


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-391-0
ebook: 978-3-86495-392-7

Preis:
Print: 9,90 €[D]
ebook: 3,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Sweet Christmas: Rache unterm Weihnachtsbaum


In­halts­an­ga­be

Ihre erste große Liebe hat aus­ge­rech­net an Weih­nach­ten mit ihr Schluss ge­macht. Und nun kommt Boris nach zehn Jah­ren zu­rück in die Stadt, um seine El­tern über die Fei­er­ta­ge zu be­su­chen.

Rache ist süß, denkt Lulu, und plant ein Weih­nachts­fest für ihn, das er ga­ran­tiert nie ver­ges­sen wird ...

 

Gerne ver­schi­cken wir auf Be­stel­lung auch von der Au­to­rin si­gnier­te Ta­schen­bü­cher. Der Ver­sand er­folgt nach Er­schei­nen des Bu­ches auf Rech­nung und ab 10,- Euro Be­stell­wert ver­sand­kos­ten­frei. Die Vor­be­stel­lung wird ab­ge­wi­ckelt über un­se­re Part­ner­buch­hand­lung Bak­er­s­treet Buch­hand­lung.

Be­stel­lung eines si­gnier­ten Ex­em­plars (bitte mit An­ga­be von Wunsch­ti­tel/n und Au­to­rin/nen):  

Über die Au­to­rin

Sa­ra-Ma­ria Lukas (alias Sa­bi­ne Bruns) war ge­bür­ti­ge Bre­me­rin und lebte mit ihrem Part­ner und di­ver­sen Vier­bei­nern in einem win­zi­gen Dorf zwi­schen Ham­burg und Bre­men. Die Ver­bun­den­heit zur Natur, sowie die Liebe zum Meer und der nord­deut­schen Le­bens­art be­stimm­ten ihren All­tag...

Wei­te­re Bü­cher der Au­to­rin

Le­se­pro­be

 

Le­se­pro­be bei Boo­k2­Look

Das Handy si­gna­li­sier­te mit einem Piep­ton den Ein­gang einer Text­nach­richt.
Guten Mor­gen, Son­nen­schein.
Au­gen­blick­lich ver­zo­gen sich ihre Lip­pen zu einem brei­ten Lä­cheln.
„Guten Mor­gen, Herz­bu­be“, tipp­te sie zu­rück. Ir­gend­wie konn­te sie es immer noch nicht fas­sen. Aus­ge­rech­net das Flirt­ob­jekt aller sieb­zehn­jäh­ri­gen weib­li­chen Wesen der Schu­le war zu ihrer gro­ßen Liebe ge­wor­den. Liebe, ja, das war das rich­ti­ge Wort. Spä­tes­tens seit sie vor­ges­tern zu­sam­men ge­schla­fen hat­ten, ge­hör­ten ihm ihr Herz und ihr Kör­per. Sie war so glück­lich, dass es fast weht­at. Und jetzt freu­te sie sich wahn­sin­nig dar­auf, ihm sein Weih­nachts­ge­schenk...

...​zu geben. Es war eine echte an­ti­qua­ri­sche Schall­plat­te mit einer Blues-Auf­nah­me aus New Or­leans, die sie in einem An­ti­qui­tä­ten­ge­schäft ge­fun­den hatte.
Sie lief in ihr Zim­mer und pack­te das teure Stück sorg­fäl­tig in dun­kel­blau­es Ge­schenk­pa­pier. Blau war Boris’ Lieb­lings­far­be. Sie er­in­ner­te ihn an das Meer, das er über alles lieb­te. Das war Lulus Glück, denn nur des­halb zog er es vor, bei sei­ner Tante und sei­nem Onkel in Lü­beck zu woh­nen, an­statt sei­ner Mut­ter oder sei­nem Vater in eine Welt­stadt zu fol­gen. Würde er das Meer nicht lie­ben, hät­ten sie sich nie ken­nen­ge­lernt.

Pünkt­lich um 16.30 Uhr stieg Lulu auf ihr Rad. Die Hei­zung war tat­säch­lich noch zwei­mal aus­ge­gan­gen. Beim zwei­ten Mal hatte sie sie nicht noch mal an­ge­stellt, da sie ja so­wie­so weg­fuhr. Sie brauch­te über die Fei­er­ta­ge keine Hei­zung. Au­ßer­dem herrsch­ten in Nord­deutsch­land statt Frost und win­ter­li­chem Schnee wie­der mal vier Grad plus und Nie­sel­re­gen; die Ge­fahr, dass Was­ser­lei­tun­gen ein­frie­ren könn­ten, be­stand also wirk­lich nicht.
Trotz des ty­pisch nord­deut­schen Schmud­del­wet­ters herrsch­te in der Stadt diese be­son­de­re At­mo­sphä­re, die wohl nur am Hei­lig­abend ent­steht. Über­all in den Fens­tern blitz­te Ker­zen­licht und alle Läden waren ge­schlos­sen. Nur noch we­ni­ge Men­schen lie­fen die Stra­ßen ent­lang, die meis­ten fei­er­ten be­reits im Krei­se ihrer Fa­mi­li­en den Hei­lig­abend.
Beim Hotel an­ge­kom­men, lehn­te Lulu ihr Rad an den Zaun und schlüpf­te durch die schma­le Pfor­te zur Hin­ter­sei­te. Sie klopf­te an die Schei­ben von Boris’ Ap­par­te­ment, wie sie es immer tat, wenn sie ihn be­such­te. Doch die Gar­di­nen waren zu­ge­zo­gen und er re­agier­te nicht. Also lief sie nach vorn und be­trat das Hotel durch den Haupt­ein­gang.
An der Re­zep­ti­on frag­te sie nach Boris. Die junge, blon­de An­ge­stell­te bat sie um einen Mo­ment Ge­duld und ging zum Te­le­fon. Wäh­rend sie den Hörer am Ohr hatte, zog sie die Au­gen­brau­en hoch und warf Lulu einen selt­sa­men Blick zu. In Lulus Brust­korb wurde es enger. Ir­gend­was stimm­te nicht.
Die Re­zep­tio­nis­tin legte auf und kehr­te zu­rück. „Herr Han­sen lässt aus­rich­ten, dass er weder heute noch ir­gend­wann in der Zu­kunft Zeit für Sie hat.“
Lulu run­zel­te die Stirn. Was für ein Quatsch. Sie schüt­tel­te lä­chelnd den Kopf. „Ent­schul­di­gung, das muss ein Miss­ver­ständ­nis sein, ich möch­te zu Boris Han­sen, nicht zu sei­nem Onkel.“
Die Frau nick­te mit kon­stant neu­tra­ler Miene. „Das habe ich schon ver­stan­den, und es war Boris Han­sen, der Ihnen das aus­rich­ten ließ.“
Ir­ri­tiert hob Lulu die Hand. „Das kann nicht sein. Mein Name ist Lud­mil­la Par­ker. Ich bin mit Boris ver­ab­re­det. Er er­war­tet mich.“
Die Frau at­me­te deut­lich ge­nervt aus und ein Ehe­paar stell­te sich halb hin­ter Lulu.
„Hören Sie“, sagte die blon­de Ziege, „ich kann Ihnen nur wei­ter­ge­ben, was Herr Han­sen, Boris Han­sen, mir auf­ge­tra­gen hat. Also gehen Sie jetzt bitte, damit ich mich um un­se­re Gäste küm­mern kann.“
In Lulu bro­del­te der Zorn. Was bil­de­te die dumme Kuh sich ein, so mit ihr zu reden? Mit zu­sam­men­ge­press­ten Lip­pen eilte sie hin­aus. Vor dem Hotel zog sie das Handy aus der Ta­sche und schrieb eine Nach­richt an ihn.
Die Tussi an der Re­zep­ti­on sagt, du willst mich nicht sehen. Bitte komm und klär das auf.
Ge­spannt starr­te sie auf das Dis­play des Smart­pho­nes. Sie muss­te nicht lange war­ten, bis der Piep­ton seine Ant­wort an­kün­dig­te.
Kein Miss­ver­ständ­nis. Geh nach Hause.
Fünf knap­pe Worte, und Lulu las sie immer wie­der. Kein Miss­ver­ständ­nis? Geh nach Hause? Was soll­te das? Ihr Herz klopf­te schnel­ler. Das war doch total be­scheu­ert!
Hek­tisch tipp­te sie: Was ist los? Musst du für dei­nen Onkel ar­bei­ten? Soll ich spä­ter kom­men?
Er­neut dau­er­te es nicht lange, bis seine Ant­wort kam:
Nein. Geh. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.
Fas­sungs­los und ver­wirrt blieb Lulu vor dem Ho­tel­ein­gang ste­hen. Immer wie­der starr­te sie auf ihr Handy und durch die Glas­tür zu­rück zur Re­zep­ti­on. Was war los? Was soll­te das? Das war doch irre! Völ­lig un­mög­lich! Sie rief ihn an, aber er mel­de­te sich nicht.
Ent­schlos­sen mar­schier­te sie noch ein­mal zum Emp­fang des Ho­tels. „Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass ich warte. Ich gehe nicht, bevor ich nicht mit ihm ge­spro­chen habe.“
Die Re­zep­tio­nis­tin ver­zog keine Miene, trat zum Te­le­fon und wähl­te, sprach kurz, nick­te und legte auf.
„Er kommt.“
Lulu press­te die Lip­pen auf­ein­an­der. Als sie ihn mit dem Handy an­ge­ru­fen hatte, war er nicht ran­ge­gan­gen. Was hatte das zu be­deu­ten? Sie schluck­te. Ganz ruhig blei­ben. Es war na­tür­lich ein Miss­ver­ständ­nis. Gleich würde sich alles auf­klä­ren. Be­stimmt hatte die blöde Tussi ihm einen fal­schen Namen ge­sagt. Fuck, er hatte aber an ihr Handy ge­schrie­ben, also kein Irr­tum. Trotz­dem. Es konn­te nur ein Miss­ver­ständ­nis sein, ja, ver­dammt, es muss­te ein blö­des Miss­ver­ständ­nis sein. Sie klam­mer­te sich an die­ses Wort wie an einen Ret­tungs­ring auf of­fe­ner See.
Gleich wür­den sie reden, und dann wäre wie­der alles gut.
Der Fahr­stuhl kam mit einem Piep­ton zum Ste­hen, die Türen gin­gen auf und Boris trat her­aus. Er trug das graue Ka­pu­zens­hirt, in das Lulu sich so gern ku­schel­te, wenn sie abends zu­sam­men auf sei­ner Couch lagen. Ohne eine Miene zu ver­zie­hen, kam er auf sie zu, nick­te der Tussi am Emp­fang kurz zu, pack­te Lulu am Arm und zog sie mit in Rich­tung Aus­gang.
Wie ein un­er­zo­ge­nes Kind zerr­te er sie mit. Sprach­los und durch­ein­an­der wehr­te sie sich nicht. Er ließ sie erst los, als sie im Nie­sel­re­gen auf der Stra­ße stan­den. Seine Augen waren schmal, sein Ge­sichts­aus­druck ge­lang­weilt.
„Hör zu, Lulu, es war nett, es war lus­tig und jetzt ist es vor­bei. Ich bin kein Typ für was Fes­tes, das weißt du doch. Such dir einen an­de­ren, um trau­te Zwei­sam­keit zu spie­len.“
WIE BITTE? Eis­kal­tes Grau­en ließ ihren Kör­per zit­tern. „Was re­dest du denn da?“, frag­te sie hei­ser, ohne ihn aus den Augen zu las­sen. „Boris! Was ist pas­siert?“
Er seufz­te. „Du hast dir da an­schei­nend was ein­ge­bil­det, Schätz­chen, was nicht vor­han­den ist. Sorry, ich hätte dich wohl von An­fang an etwas mehr auf Ab­stand hal­ten müs­sen, damit du nicht auf dumme Ideen kommst. Ich habe heute keine Zeit für dich. Be­such, du ver­stehst, eine alte Freun­din aus Ham­burg. Geh nach Hause, Süße, es war nett und es hat Spaß ge­macht, aber das war’s. Klar? Fro­hes Fest, Lulu.“
Er zeig­te keine Ge­füh­le; er re­de­te mit ihr, als wäre sie ein dum­mes pu­ber­tie­ren­des Mäd­chen, das ihn stalk­te und eine klare An­wei­sung bräuch­te, um zu ka­pie­ren, dass sie sich un­mög­lich be­nahm. Er wim­mel­te sie ab wie einen One-Night-Stand, der sich am nächs­ten Mor­gen nicht frei­wil­lig ver­ab­schie­de­te. Das war so ir­re­al, als ob plötz­lich lila Schnee vom Him­mel fal­len würde.
„Boris? Was ist los mit dir? Wir haben doch … wir waren doch …“ Lulu konn­te nicht wei­ter­re­den, ein di­cker Kloß ver­stopf­te ihre Kehle. Hilf­los mit dem Kopf schüt­telnd starr­te sie ihn an. „Das kann doch nicht sein …“
Er zwin­ker­te. „Du hast be­kom­men, was du woll­test, ein gutes ers­tes Mal. Nun such dir einen an­de­ren zum Wei­ter­üben. Ich stehe mehr auf er­fah­re­ne Frau­en, okay? Nichts für ungut, Babe. Ich muss wie­der rein.“
Er tät­schel­te ihr die Wange, dreh­te sich um und lief immer zwei Stu­fen auf ein­mal neh­mend die Trep­pe hoch ins Hotel.
Lulus Blick ver­schwamm, ob von Trä­nen oder von den Re­gen­trop­fen des zu allem Über­fluss nun auch noch ein­set­zen­den hef­ti­gen Dau­er­re­gens, wuss­te sie nicht. Wie in Tran­ce taps­te sie zu ihrem Fahr­rad, setz­te sich drauf und fuhr los. Ein Auto hupte, je­mand fluch­te laut und der Regen wurde zu Hagel. Lulu starr­te auf den schwar­zen Vor­der­rei­fen und den Boden, trat in die Pe­da­le wie eine Ma­schi­ne, rechts, links, rechts, links, bis sie vor ihrem Haus an­ge­kom­men war. Sie schob das Fahr­rad wie immer in den klei­nen Schup­pen im Gar­ten und ging zur Haus­tür. Erst, als sie da­vor­stand und klar war, dass sie einen Schlüs­sel brauch­te, um hin­ein­zu­kom­men, be­gann ihr Ver­stand wie­der zu ar­bei­ten.
Sie such­te in allen ver­füg­ba­ren Ho­sen- und Ja­cken­ta­schen, fand aber kei­nen Schlüs­sel­bund. Die Tüte mit dem Ge­schenk für Boris fiel auf den Boden, und Lulu be­ob­ach­te­te, wie Was­ser­trop­fen sich auf dem blau­en Pa­pier zu gro­ßen dunk­len Fle­cken aus­brei­te­ten. Die Hand­ta­sche! Sie hatte doch eine Hand­ta­sche da­bei­ge­habt. Wo war die?
Die Ta­sche war weg, und Lulu war ganz al­lein. Die ers­ten har­ten Schluch­zer dräng­ten aus ihrem Mund und immer mehr folg­ten nach. Ihr Ober­kör­per bebte von Wein­krämp­fen. Sie hatte die Ta­sche mit dem Schlüs­sel darin ver­lo­ren. Es war Weih­nach­ten, sie war durch­nässt, ihr Freund hatte sie zum Teu­fel ge­schickt, ihre Fa­mi­lie war ver­reist und sie konn­te nicht ins Haus.
Sie tor­kel­te zu­rück in den Fahr­rad­schup­pen, lehn­te sich an die Holz­wand und rutsch­te auf den Fuß­bo­den. Das kramp­far­ti­ge Schluch­zen wurde immer schlim­mer und sie roll­te sich wie ein Hund auf dem Boden zu­sam­men.

Als sie end­lich ru­hi­ger wurde, war es stock­dun­kel. Sie fum­mel­te das Handy aus der Ja­cken­ta­sche und sah drauf.
Gleich halb neun. Nie­mand hatte an­ge­ru­fen. Keine Text­nach­richt von Boris. Fuck. Na­tür­lich nicht. Die Er­kennt­nis, dass die letz­ten Stun­den weder Irr­tum noch mie­ser Traum, kein Miss­ver­ständ­nis, son­dern nack­te Rea­li­tät ge­we­sen waren, brann­te in ihrem Brust­korb wie Salz in einer of­fe­nen Wunde.
Vor lau­ter Kälte und Nässe waren Lulus Glie­der steif. Stöh­nend rich­te­te sie sich auf und sah sich um. Der Haus­schlüs­sel. Die Ta­sche mit dem Schlüs­sel, die muss­te sie fin­den.
Sie such­te den Boden ab, den Weg, den sie das Rad ent­lang­ge­scho­ben hatte, doch die Ta­sche blieb ver­schwun­den. Sie muss­te sich wäh­rend der Fahrt vom Ge­päck­trä­ger ge­löst haben, oder sie lag am Zaun, an dem sie ihr Rad beim Hotel ab­ge­stellt hatte. Ja, das war am wahr­schein­lichs­ten. Ver­mut­lich war sie ihr ein­fach aus der Hand ge­rutscht, als sie völ­lig fer­tig los­ge­fah­ren war.
Einen Mo­ment lang über­leg­te sie, Lena oder eine an­de­re Freun­din an­zu­ru­fen und um Hilfe zu bit­ten, aber das schien ihr keine gute Idee. Ers­tens war Hei­lig­abend und alle saßen mit ihren Fa­mi­li­en zu­sam­men, und zwei­tens waren ihre Freun­din­nen, allen voran Lena, ja nicht mehr be­son­ders nett ge­we­sen, seit sie sich den be­gehr­tes­ten Typen der Schu­le ge­schnappt hatte. Sie wür­den Lulu nur mit hä­mi­scher Scha­den­freu­de be­geg­nen und über­all ru­mer­zäh­len, was ihr aus­ge­rech­net an Weih­nach­ten pas­siert war.
Sie biss die Zähne zu­sam­men, nahm das Rad und fuhr noch ein­mal los. Sie fror er­bärm­lich. Ihre Kla­mot­ten kleb­ten bis auf die Un­ter­wä­sche feucht und klamm an der Haut. Wäh­rend sie fuhr, such­ten ihre Augen den Boden ab, um die Ta­sche zu fin­den, falls sie run­ter­ge­fal­len war.
Boris’ ge­mei­ne Worte fie­len ihr wie­der ein. Hatte sie sich so in ihm ge­täuscht? Eine Woche lang hat­ten sie sich jeden Tag ge­se­hen. Hatte er ihr die in­ten­si­ven Ge­füh­le nur vor­ge­gau­kelt? Hatte sie nur wahr­neh­men wol­len, was ihr Herz be­gehr­te? Hatte sie sich das zwi­schen ihnen nur ein­ge­bil­det? Dass sie etwas Be­son­de­res hat­ten? Dass sie sich lieb­ten? Ver­dammt, nein, auf kei­nen Fall. Sie war doch nicht blöd. Er muss­te sie be­wusst ver­arscht haben. Das war die ein­zig lo­gi­sche Er­klä­rung. Er hatte ihr die ganze Zeit Ge­füh­le vor­ge­spielt, um sie ins Bett zu krie­gen. Und nach dem Sex war sie für ihn un­in­ter­es­sant ge­wor­den. Ver­mut­lich sahen Män­ner sport­li­che Her­aus­for­de­run­gen darin, Frau­en zu ent­jung­fern.
Neue Trä­nen kul­ler­ten aus ihren so­wie­so schon ge­schwol­le­nen Augen. Er hätte we­nigs­tens vor Weih­nach­ten Schluss ma­chen kön­nen, an­statt sie zu sich ein­zu­la­den. Ver­mut­lich hatte er von dem Be­such der Freun­din nichts ge­wusst. Sie hatte ihn über­rascht. Plötz­lich leuch­te­te die Er­kennt­nis in ihrem Kopf so grell wie Ne­on­licht. Na­tür­lich! Die Frau war seine feste Freun­din, die nicht wuss­te, dass der Arsch in Lü­beck mit einer an­de­ren was an­ge­fan­gen hatte. Das war die ein­zig plau­si­ble Er­klä­rung. Er hatte der an­de­ren Treue ge­schwo­ren, als er nach Lü­beck ge­gan­gen war, und sie war ihn nun über­ra­schend be­su­chen ge­kom­men.
So ein fie­ser, kalt­her­zi­ger Arsch. Är­ger­lich wisch­te sie die Trä­nen mit dem Hand­rü­cken weg und trat kräf­ti­ger in die Pe­da­le. Ihr al­ler­ers­ter Ein­druck, als er vor ein paar Wo­chen neu in die Klas­se ge­kom­men war, war an­schei­nend rich­tig ge­we­sen. Gott, sie war so dumm. Sie war auf ihn rein­ge­fal­len wie ein nai­ves, pu­ber­tie­ren­des Mäd­chen.

Die Ta­sche lag tat­säch­lich vor dem Hotel am Zaun auf dem Boden, wo sie das Rad ab­ge­stellt hatte. Sie war be­stimmt her­un­ter­ge­fal­len, als sie sie im Schock­zu­stand ge­mein­sam mit dem Ge­schenk auf den Ge­päck­trä­ger klem­men woll­te.
Er­leich­tert griff sie da­nach und fuhr zu­rück zu ihrem Haus.
Vor der Haus­tür lag ir­gend­was. Sie sah näher hin, bevor sie auf­schloss. Es war die Schall­plat­te. In­zwi­schen hatte sich das blaue Pa­pier auf­ge­löst und das Cover schim­mer­te durch. Seuf­zend nahm sie das teure Ge­schenk mit rein und legte es in der Küche auf die Spüle, damit es dort trock­nen konn­te.
Im Haus war es dun­kel und kalt. Lulu sehn­te sich nach einer Du­sche, aber es gab kein hei­ßes Was­ser. Na­tür­lich nicht, die Hei­zung war ja aus.
Lulu ver­such­te, sie an­zu­stel­len, aber sie hatte kein Glück.
Es würde ein ein­sa­mes Weih­nach­ten vor einem Heiz­lüf­ter in ihrem Zim­mer wer­den. Ohne Ker­zen, ohne Men­schen, ohne Freu­de, ohne Ge­schen­ke.
Nie wie­der würde sie auf einen Mann rein­fal­len. Oh nein. Das hier war ihr eine Lehre. Eine ge­mei­ne, fiese und schmerz­haf­te Lehre, aber eine, die sie nie ver­ges­sen würde.

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