Alpha Unit: Hot Summer Ride

Er­schie­nen: 01/2015
Serie: Alpha Unit
Teil der Serie: 2

Genre: Motor­cy­cle Club Ro­mance, Ro­man­tic Thrill
Zu­sätz­lich: Krimi, Thril­ler

Lo­ca­ti­on: USA

Sei­ten­an­zahl: 352


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-135-0
ebook: 978-3-86495-136-7

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Alpha Unit: Hot Summer Ride


In­halts­an­ga­be

Plötz­lich steht er wie­der vor ihr: Ray McKay, Kris­tins eins­ti­ger Ver­füh­rer.

Nie­mals hätte die Rechts­me­di­zi­ne­rin er­war­tet, ihn wie­der­zu­se­hen - am al­ler­we­nigs­ten an ihrem Ar­beits­platz, wo er sich Zu­tritt zu der Lei­che ver­schafft hat, aus der sie ge­ra­de einen rät­sel­haf­ten Mi­kro­chip ge­bor­gen hat.

Kris­tins un­er­war­te­tes Auf­tau­chen bringt Ray in eine ziem­li­che Not­la­ge - und nicht nur, weil er ge­ra­de dabei war, als Un­der­co­ver-Agent sei­ner Spe­zi­al­ein­heit "Alpha Unit" einen Mi­kro­chip mit einer hoch­ge­fähr­li­chen Bio­waf­fe zu steh­len.

Ray muss zu­se­hen, dass er Kris­tin so schnell wie mög­lich aus der Ge­fah­ren­zo­ne bringt, ohne dabei sei­nen ei­gent­li­chen Auf­trag zu ge­fähr­den.

Zu einer Ent­schei­dung ge­zwun­gen, lässt Ray Kris­tin auf den So­zi­us sei­ner Har­ley auf­sprin­gen. Wäh­rend ihrer über­stürz­ten Flucht er­wa­chen längst ver­ges­sen ge­glaub­te Emo­tio­nen zwi­schen Ray und Kris­tin. Sie hei­zen in hit­zi­gem Tempo über den hei­ßen Asphalt und er­le­ben dabei einen wil­den Trip der Lust.

Doch die dro­hen­de Ge­fahr rückt un­auf­halt­sam näher und holt sie Meter für Meter ein …

Über die Au­to­rin

Sa­van­na Fox, Jahr­gang 1982, lebt mit ihrem Ehe­mann und den ge­mein­sa­men Kin­dern sehr glück­lich ir­gend­wo im Spes­sart. 

...

Wei­te­re Teile der Alpha Unit Serie

Le­se­pro­be

At­lan­ta, Geor­gia, rechts­me­di­zi­ni­sches In­sti­tut, 1.24 Uhr

 

Der Anruf der Mord­kom­mis­si­on auf Kris­tins Handy vor gut zwei Stun­den er­folg­te nicht un­ver­hofft. Um sie herum herrsch­te To­ten­stil­le. Es war kalt, und in dem ste­ri­len Raum roch es nach den ty­pi­schen Che­mi­ka­li­en, wie Chlor, Form­al­de­hyd, ver­schie­de­nen Des­in­fek­ti­ons­mit­teln, und letz­ten Endes nach dem Hauch des Todes. Al­lein diese Ge­rü­che und die Vor­stel­lung, sich mit einem Leich­nam ge­mein­sam in einem Raum zu be­fin­den, rie­fen in man­chem Neu­ling nicht sel­ten hef­ti­ge Übel­keit her­vor. Diese Ört­lich­keit war nichts für Leute mit schwa­chen Ner­ven und einem sen­si­blen Magen. In der Um­ge­bung von Toten zu ar­bei­ten, war kein ein­fa­cher Job....

...​Man muss­te dafür ge­bo­ren sein und durf­te die­sen teil­wei­se grau­en­voll zu­ge­rich­te­ten Mord­op­fern sowie deren To­des­um­stän­den ge­gen­über nicht zim­per­lich auf­tre­ten. Kris­tin war es ge­wohnt, ihre Ar­beit an die­sem Ort zu ver­rich­ten. Sie lieb­te ihren Job, auch wenn sie sich wäh­rend ihrer Ruf­be­reit­schaft häu­fig zu den un­mög­lichs­ten Zei­ten in der Rechts­me­di­zin be­fand. In die­sem Au­gen­blick war es nicht an­ders. Seit­dem sie zu dem Mord­fall ge­ru­fen wor­den war, waren zwei Stun­den ver­gan­gen. Nun lag die Lei­che auf­ge­bahrt vor ihr auf dem kal­ten Stahl­tisch.

Ein Mord in einer Groß­stadt wie At­lan­ta war nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Al­lein die Ban­den­krie­ge und Dro­gen­kar­tel­le for­der­ten jedes Jahr un­zäh­li­ge Opfer. Es war nichts Neues für Kris­tin, ihr waren die schreck­li­chen An­bli­cke die­ser To­des­op­fer mitt­ler­wei­le ver­traut. Ge­wöh­nungs­be­dürf­tig blie­ben für sie nur die Uhr­zei­ten die­ser Ein­sät­ze, die meist mit­ten in der Nacht er­folg­ten. Und so stand sie nun in ihrem dun­kel­blau­en Kon­ta­mi­na­ti­ons­kit­tel, mit ste­ri­len Un­ter­su­chungs­hand­schu­hen, einer Schutz­bril­le, Haar- und Mund­schutz aus­ge­stat­tet, in dem küh­len Ob­duk­ti­ons­saal. Ihre Auf­ga­be war es, DNS-Spu­ren von der Lei­che zu si­chern, diese zu do­ku­men­tie­ren sowie den toten Kör­per ge­nau­es­tens zu un­ter­su­chen und ge­ge­be­nen­falls Fremd­kör­per für wei­te­re er­for­der­li­che Ana­ly­sen si­cher­zu­stel­len. Die so ge­won­ne­nen Er­geb­nis­se flos­sen in die lau­fen­den Er­mitt­lun­gen der De­tec­tives ein und wur­den, eben­so wie die an­de­ren Be­weis­mit­tel, vor Ge­richt gel­tend ge­macht. Wenn die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se zu einem Er­folg führ­ten und ein wei­te­rer Mör­der ge­fasst wer­den konn­te, war das für Kris­tin ein äu­ßerst er­freu­li­cher Lohn ihrer har­ten Ar­beit. 

Ja­ne­en Evans, eine As­sis­ten­tin des rechts­me­di­zi­ni­schen In­sti­tuts, häng­te die zuvor er­stell­ten Rönt­gen­auf­nah­men an die Licht­wand und wisch­te ein letz­tes Mal über die Me­tall­waa­ge, die zum Wie­gen ein­zel­ner Or­ga­ne dien­te.

»Lass gut sein, Ja­ne­en, die Waage wird gleich wie­der schmut­zig. Geh und ruh dich lie­ber etwas im Auf­ent­halts­raum aus. Spä­tes­tens, wenn Pro­fes­sor Mc­Mul­lan und ich mit der Aut­op­sie fer­tig sind, brau­chen wir dich wie­der hier.« 

Ja­ne­en lä­chel­te. »Ich bin gleich fer­tig.«

Kris­tin nick­te.

»Wenn du mich vor­her brau­chen soll­test, melde dich ein­fach«, mein­te Ja­ne­en und legte den Lap­pen in eines der Wasch­be­cken.

»Das werde ich. Danke.«

Ja­ne­en ver­schwand und ließ Kris­tin al­lein zu­rück. Sie muss­te war­ten, bis ihr Chef, Pro­fes­sor Leroy Mc­Mul­lan, ein er­fah­re­ner Rechts­me­di­zi­ner und Pa­tho­lo­ge, sich zur Aut­op­sie ein­fand. Vor­her soll­te sie mit der Un­ter­su­chung der Lei­che nicht be­gin­nen, so lau­te­ten seine An­wei­sun­gen in die­sem Mord­fall. Ei­gent­lich war Kris­tin er­fah­ren genug, um eine Lei­che al­lein zu un­ter­su­chen. Sie hatte in den letz­ten zwei Jah­ren in Deutsch­land be­reits aus­rei­chend Er­fah­run­gen ge­sam­melt und wuss­te genau, auf was dabei zu ach­ten war. Seit fünf Mo­na­ten ar­bei­te­te sie nun im Team der Rechts­me­di­zin in At­lan­ta und war bei den Cops in­zwi­schen eben­so an­ge­se­hen wie ihre Kol­le­gen. Mit viel En­ga­ge­ment und einem freund­li­chen Auf­tre­ten hatte sie sich den Re­spekt ihrer Kol­le­gen ver­dient und ihre Po­si­ti­on im Team eta­bliert. Man ver­trau­te auf ihr me­di­zi­ni­sches Ur­teils­ver­mö­gen, ge­nau­so wie auf ihr Kön­nen, eine Lei­che zu un­ter­su­chen.

Warum Pro­fes­sor Mc­Mul­lan zu der jet­zi­gen Aut­op­sie da­zu­kam und die Lei­tung über­neh­men woll­te, war ihr schlei­er­haft, zumal sie es war, die in die­ser Nacht Ruf­be­reit­schaft hatte. Höchst­wahr­schein­lich hat­ten ihn die Cops über den Mord in­for­miert, was manch­mal doch bis­lang der Fall war, da sie noch recht neu war. Und wenn der Chef der Rechts­me­di­zin bei die­ser Ob­duk­ti­on gerne per­sön­lich dabei sein woll­te, bitte, an ihr soll­te es nicht lie­gen. Im Ge­gen­teil, denn vier Augen sahen mehr als zwei. 

Ein Blick auf die Rönt­gen­auf­nah­men zeig­te, dass sich die An­zahl der Ku­geln, die in dem Kör­per des Ver­stor­be­nen steck­ten, auf fünf­und­zwan­zig be­lief. Sämt­li­che Pro­jek­ti­le muss­ten her­aus­ge­holt und do­ku­men­tiert wer­den, ehe sie auf Ein­ker­bun­gen un­ter­sucht und für wei­te­re Ana­ly­sen ver­wen­det wur­den. 

Kris­tin warf einen kur­zen Blick nach rechts. Auf dem kal­ten Stahl­tisch neben ihr lag das Ob­jekt. Sie trat näher und beug­te sich über den Torso des toten jun­gen Man­nes. Er war ein La­ti­no, me­xi­ka­ni­scher Ab­stam­mung, was seine Aus­weis­pa­pie­re auch be­leg­ten. Meh­re­re Mil­lio­nen Ein­wan­de­rer leb­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Für die meis­ten war es das Land der un­be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten, und viele von ihnen kamen auf der Suche nach einem Neu­an­fang her. Kris­tin hatte es als Deut­sche eben­falls in die Staa­ten ver­schla­gen und sie konn­te nur zu gut ver­ste­hen, wenn man in die­sem Land sein Glück su­chen woll­te. Sie selbst hatte es ge­schafft. Der junge Mann vor ihr hatte we­ni­ger Glück ge­habt.

Sie schluck­te.

Lang­sam ließ sie ihren Blick über den voll­kom­men ent­stell­ten und blut­über­ström­ten Leich­nam wan­dern. Er war ge­ra­de ein­mal neun­zehn Jahre alt ge­wor­den. Auf seine Stirn war ein blu­ti­ges Sym­bol ge­schmiert wor­den, ein ein­deu­ti­ges An­zei­chen für einen Ban­den­mord und die ri­va­li­sie­ren­den Re­vier­krie­ge, die in die­ser Stadt tob­ten. Jede Gang besaß ein ei­ge­nes Er­ken­nungs­zei­chen, wo­durch sie sich von­ein­an­der un­ter­schie­den. Der Tote wurde von sei­nen Mör­dern hin­ge­rich­tet und mar­kiert, als wäre sein Leben voll­kom­men wert­los ge­we­sen. Bei der Vor­stel­lung, was alles in der di­rek­ten Nach­bar­schaft pas­sier­te, zog ein Schau­er über Kris­tins Rü­cken. Er­schre­ckend. Sie hoff­te, mit ihrer Ar­beit dabei zu hel­fen, den Mör­der zu schnap­pen und die­ses Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren. 

Die Stahl­tü­ren des Rau­mes öff­ne­ten sich und Pro­fes­sor Mc­Mul­lan trat ein.

»Ist wohl noch etwas früh, um ›guten Mor­gen‹ zu sagen, nicht wahr?«, mein­te er und zog sich ein paar Un­ter­su­chungs­hand­schu­he an. Mc­Mul­lan war ein Mann mitt­le­ren Al­ters, des­sen bri­ti­scher Ak­zent nach all den Jah­ren in den USA nicht ver­lo­ren ge­gan­gen war. Kris­tin moch­te ihren Vor­ge­setz­ten, des­sen ru­hi­ge und be­son­ne­ne Art das ge­sam­te Team der Rechts­me­di­zin er­füll­te.

»Die Um­stän­de könn­ten bes­ser sein«, ant­wor­te­te sie und zähl­te noch ein­mal kurz die Be­ste­cke durch.

Seit Mo­na­ten re­gier­te in den Vor­or­ten von At­lan­ta und in den an­de­ren ame­ri­ka­ni­schen Groß­städ­ten ein außer Kon­trol­le ge­ra­te­ner Kon­flikt zwi­schen Ban­den und Dro­gen­kar­tel­len. Eine Ver­bin­dung zu die­sen vor­herr­schen­den Kon­flik­ten war in die­sem Mord­fall mehr als of­fen­sicht­lich. Armut und Elend be­las­te­ten viele Fa­mi­li­en, die meist aus La­tein­ame­ri­ka stamm­ten, und diese Tat­sa­che nutz­ten die Dro­gen­bos­se für ihre kri­mi­nel­len Ma­chen­schaf­ten aus. Es war ein ste­ti­ger Kampf um die Vor­herr­schaft der Be­zir­ke, in denen der Ko­ka­in-Schnee mas­sen­haft fiel. Kei­ner woll­te sein Ter­ri­to­ri­um frei­wil­lig auf­ge­ben, und es kam zu den blu­ti­gen Mor­den, für die viele Groß­stadt­vor­or­te be­rüch­tigt waren und bei denen die Cops fast immer macht­los zu­se­hen muss­ten.

»So, was haben wir denn hier?« Mc­Mul­lan sah sich kurz die Rönt­gen­auf­nah­men an, dann nahm er die Akte des Toten und las den ers­ten, vor­läu­fi­gen Be­richt, den der er­mit­teln­de De­tec­tive ver­fasst hatte. Er warf einen kur­zen Blick auf die Auf­nah­men des Tat­or­tes, an dem man die Lei­che auf­ge­fun­den hatte. Was man auf den Fotos je­doch nicht sah, waren all die klei­nen De­tails und das schreck­li­che Bild des Grau­ens, wel­ches bei die­sem blu­ti­gen Mord eine Rolle ge­spielt hatte. Kris­tin konn­te noch immer füh­len, was sie in dem Au­gen­blick ver­spür­te, als sie den Tat­ort be­tre­ten hatte: Angst und blan­kes Ent­set­zen über diese grau­sa­me Tat. Doch für auf­kom­men­de Ge­füh­le hatte sie jetzt keine Zeit, denn sie muss­te ihren Job er­le­di­gen. Und zwar einen ver­dammt guten, um so viele Be­wei­se wie mög­lich in die­sem Mord­fall si­cher­zu­stel­len.

»Ban­den­krie­ge.« Mc­Mul­lan schüt­tel­te den Kopf. 

»Er trägt eine ein­deu­ti­ge Mar­kie­rung auf der Stirn«, be­merk­te Kris­tin.

»Diese Gangs und Kar­tel­le sind der­art skru­pel­los, dass sie noch nicht ein­mal mehr vor Kin­dern halt­ma­chen.«

»Stimmt.« Kris­tin be­zwei­fel­te al­ler­dings, dass der Tote vor ihnen ein un­schul­di­ges Opfer war. 

»Wir wer­den sehen, was wir tun kön­nen, um deine Mör­der zu schnap­pen«, mur­mel­te Mc­Mul­lan dem toten Kör­per zu.

Kris­tin zog in­des­sen den Bei­stell­tisch samt Un­ter­su­chungs­be­steck näher und check­te noch ein­mal die Funk­ti­on des Dik­tier­ge­rä­tes, mit dem sie die lau­fen­de Un­ter­su­chung des Leich­nams auf­zeich­nen würde.

»Be­reit?«, frag­te Mc­Mul­lan. 

Sie nick­te.

In stum­mer Zwei­sam­keit be­gan­nen sie, das ge­trock­ne­te Blut vom Kör­per des Toten zu wa­schen. Kon­zen­triert ar­bei­te­te sich Kris­tin mit ihrem Vor­ge­setz­ten den Kör­per des jun­gen Man­nes ent­lang, des­sen Zu­stand sie ge­nau­es­tens do­ku­men­tier­te. Die Ex­tre­mi­tä­ten wur­den auf Ab­wehr­spu­ren un­ter­sucht und Ab­stri­che ent­nom­men. Immer wie­der sprach Kris­tin die Auf­fäl­lig­kei­ten an der Lei­che in das Dik­tier­ge­rät, um sie zu einem spä­te­ren Zeit­punkt in die Com­pu­ter­ak­te ein­tra­gen zu kön­nen. Dann hob sie den lin­ken Arm des Toten und zog mit der Pin­zet­te eine Kugel aus des­sen Seite. »Es sind al­lein fünf­zehn Ku­geln, die in sei­nem Ober­kör­per ver­teilt ste­cken.«

»Un­fass­bar.« Mc­Mul­lan schüt­tel­te den Kopf, und selbst Kris­tin konn­te es kaum fas­sen, mit was für einer skru­pel­lo­sen Tat sie es hier zu tun hat­ten. Teil­wei­se steck­ten die Ge­schos­se so tief, dass sie das Skal­pell be­nut­zen muss­te, um sie si­cher­zu­stel­len.

Mit­ten in ihrer Ar­beit riss ein Anruf auf Mc­Mullans Handy die bei­den aus der To­ten­stil­le. Jeder, der im rechts­me­di­zi­ni­schen In­sti­tut ar­bei­te­te, wuss­te, wie sehr der Pro­fes­sor es hass­te, bei der Ar­beit ge­stört zu wer­den. Selbst die er­mit­teln­den De­tec­tives des Mord­de­zer­nats ver­mie­den es, den Pro­fes­sor wäh­rend einer Aut­op­sie un­nö­tig zu be­läs­ti­gen und rie­fen des­we­gen nur im äu­ßers­ten Not­fall an. Mög­li­cher­wei­se war es etwas Wich­ti­ges.

Kris­tin sah auf. »Soll ich den Anruf für Sie ent­ge­gen­neh­men?«

»Nein.« Mc­Mul­lan biss die Zähne zu­sam­men. 

Das Klin­geln des Te­le­fons stopp­te nicht und so gab Mc­Mul­lan seine Po­si­ti­on am Se­zier­tisch auf.

»Ein­fach un­fass­bar.« Ge­nervt zog er die Hand­schu­he aus und nahm den Anruf mit einem stöh­nen­den »Gott, ja!« ent­ge­gen.

Kris­tin konn­te hören, wie Mc­Mul­lan fluch­te. »Herr­je, muss das aus­ge­rech­net jetzt sein? … Nein, ich be­fin­de mich ge­ra­de mit­ten in der Aut­op­sie … Ja, meine Liebe, ich werde mich selbst­ver­ständ­lich gleich darum küm­mern und nach­se­hen.« Has­tig steck­te er das Handy in seine Ho­sen­ta­sche und holte tief Luft. »Das war meine Frau. Ent­schul­di­gen Sie mich bitte für einen Mo­ment. Ich bin so­fort wie­der zu­rück.«

Kris­tin sah kurz auf, als Mc­Mul­lan den Kit­tel aus­zog und stumm den Raum ver­ließ. Ver­wun­dert zuck­te sie die Schul­tern und fuhr schwei­gend mit ihrer Ar­beit fort, die Ku­geln si­cher­zu­stel­len. Wie­der zog sie mit der Pin­zet­te eine Kugel aus dem Kör­per des Toten. Ihrem Blick ent­ging nichts. Mit Ar­gus­au­gen scann­te sie die mitt­ler­wei­le fahle Haut, die im le­ben­di­gen Zu­stand ge­bräunt ge­we­sen war. Er hatte un­zäh­li­ge Blut­er­güs­se an den Rip­pen, die ihm noch vor dem Tod zu­ge­fügt wor­den waren. Vor­sich­tig dreh­te sie den Kör­per auf den Bauch, so­dass sie die Rück­sei­te ge­nau­er be­trach­ten konn­te. Auf dem lin­ken Arm trug er eine Tä­to­wie­rung, die of­fen­bar seine Ban­den­zu­ge­hö­rig­keit be­sie­gel­te. Di­rekt da­ne­ben weck­te eine ziem­lich ent­zün­de­te Narbe ihre Auf­merk­sam­keit.

Sie beug­te sich über die Wunde, die of­fen­sicht­lich nur lai­en­haft ver­sorgt wor­den war und aus der eit­ri­ges Wund­se­kret floss. Sie nahm ihr Dik­tier­ge­rät und sprach: »Ent­zün­de­te Wunde mit eit­ri­gem Se­kret.« 

Mög­li­cher­wei­se war es eine äl­te­re Schuss­ver­let­zung, in der noch eine Kugel steck­te. Wun­dern würde es Kris­tin nicht.

Sie legte das Dik­tier­ge­rät zur Seite, nahm die Pin­zet­te und kratz­te das an­ge­trock­ne­te Se­kret von der In­fek­ti­ons­quel­le. 

Wie sie es er­war­tet hatte, ging die Wunde tie­fer. Mit leich­tem Druck un­ter­such­te sie das nar­bi­ge Ge­we­be wei­ter und stieß dabei auf eine me­tal­li­sche Kon­sis­tenz.

Mit Pin­zet­te und Skal­pell ver­such­te sie, den Fremd­kör­per aus der Wunde zu be­frei­en, was sich je­doch als keine leich­te Auf­ga­be ent­pupp­te.

Kon­zen­triert und vor­sich­tig trenn­te sie die ein­zel­nen Haut­schich­ten ab, bis sie den Fremd­kör­per sehen konn­te. Al­ler­dings war es keine Kugel, son­dern etwas voll­kom­men an­de­res.

Mit der Pin­zet­te zog sie ein Stück Me­tall her­vor, das mehr einem Com­pu­ter­chip als einer Pis­to­len­ku­gel glich.

Neu­gie­rig be­trach­te­te Kris­tin das klei­ne Me­tall­stück, das un­ge­fähr 1,5 cm auf 2 cm maß, und griff er­neut nach dem Dik­tier­ge­rät. »Fremd­kör­per ent­fernt. Frage: Mi­kro­chip?«

Es war ein Mi­kro­chip, da war sie sich voll­kom­men si­cher. Zwar hatte sie so etwas noch nie in einem Leich­nam vor­ge­fun­den, der An­blick ließ je­doch kei­nen Zwei­fel daran, um was es sich han­del­te. Na­tür­lich wurde ihre Neu­gier­de damit noch mehr ge­weckt. Doch es war nicht ihre Auf­ga­be her­aus­zu­fin­den, wes­halb sich die­ser Chip in dem Kör­per des Toten be­fand. Diese Auf­ga­be war den Cops vor­be­hal­ten, aber Kris­tin war sich si­cher, dass sie frü­her oder spä­ter In­for­ma­tio­nen dar­über er­hal­ten würde.

Sie nahm einen ste­ri­len Plas­tik­be­cher, legte den Mi­kro­chip vor­über­ge­hend hin­ein, als sie ein dump­fes Ge­räusch hörte. So­fort sah sie auf und blick­te zur Tür, durch die Pro­fes­sor Mc­Mul­lan zuvor ver­schwun­den war. Sie lausch­te an­ge­strengt, doch sie konn­te kein wei­te­res Ge­räusch ver­neh­men. 

Mög­li­cher­wei­se hatte sich der Pro­fes­sor ir­gend­wo ge­sto­ßen.

Sie zuck­te die Schul­tern und ent­le­dig­te sich ihres blu­ti­gen Kon­ta­mi­na­ti­ons­kit­tels, um im Ne­ben­raum eine Spe­zi­al­va­ku­um­box für den Chip zu holen, da die­ser nicht in Form­al­de­hyd ein­ge­legt wer­den durf­te. Die Box ver­hin­der­te, dass Daten oder mög­li­che DNA-Spu­ren auf dem Chip ver­lo­ren gin­gen. 

Als sie wie­der zu­rück­kam, be­merk­te sie, dass die große Stahl­tür offen stand und sie nicht mehr al­lein war. Doch es war nicht Mc­Mul­lan, der sich über die Lei­che beug­te und auf den Kör­per des Toten blick­te. Es war ein dun­kel­haa­ri­ger Mann, den sie noch nie zuvor in die­sen Räu­men ge­se­hen hatte. Er trug dunk­le Le­der­klei­dung und sah nicht wirk­lich wie ein Er­mitt­ler aus. Of­fen­bar hatte er sie noch nicht be­merkt, denn sein Blick glitt su­chend über den Leich­nam.

War er doch ein Cop? 

Nein, sein ge­sam­tes Ver­hal­ten und sein Aus­se­hen spra­chen da­ge­gen. Kris­tin kann­te Cops. Sie kann­te deren Auf­tre­ten und Be­neh­men, wenn sie sich in der Rechts­me­di­zin eine Lei­che an­sa­hen. Das In­ter­es­se war nur von kur­zer Dauer, da der Ge­ruch einer Lei­che, die be­reits ei­ni­ge Stun­den hier lag, sie nor­ma­ler­wei­se na­se­rümp­fend Ab­stand neh­men ließ. Die­ser Kerl wich je­doch nicht zu­rück. Nein, ihm schien der Ver­we­sungs­ge­ruch über­haupt nichts aus­zu­ma­chen, statt­des­sen hob er den lin­ken Arm des Toten an, be­gut­ach­te­te kurz die eit­ri­ge Wunde, ließ den Arm wie­der fal­len und blick­te sich su­chend um. 

Nein, der Typ war kein Cop. Doch was um Him­mels wil­len hatte er dann hier zu su­chen? Und warum be­äug­te er der­art neu­gie­rig den Leich­nam?

Sie soll­te ihre Ant­wort au­gen­blick­lich be­kom­men, denn nach­dem er den Chip aus der Lei­che in dem Be­cher ent­deckt hatte, steck­te er ihn in seine Jacke und laute Alarm­glo­cken schrill­ten in ihr auf. 

»Hey, was ma­chen Sie da?«, rief sie fas­sungs­los. 

»Oh shit!«, fluch­te er laut, und ehe Kris­tin über­haupt bis zwei zäh­len konn­te, hatte sich der Kerl zu ihr ge­dreht, seine Pis­to­le ge­zo­gen und sie di­rekt auf sie ge­rich­tet, so­dass sie sich dem Lauf ge­gen­über­sah.

»W… was?« Kris­tin krampf­te sich vor Schock in­ner­lich zu­sam­men, und noch wäh­rend ihre Lip­pen sich öff­ne­ten, um nach Hilfe zu rufen, droh­te er: 

»Keine Be­we­gung! Und kein fal­scher Laut! Ver­stan­den?«

Kris­tins Schrei blieb in ihrer Kehle ste­cken, wäh­rend ihr Hals un­will­kür­lich zu bren­nen be­gann. Keu­chend ver­such­te sie nach Luft zu schnap­pen und nick­te bei­na­he be­we­gungs­un­fä­hig. Sie konn­te füh­len, wie ihr Herz bis zum Hals schlug. Ihre Beine fin­gen an zu zit­tern, eben­so wie ihre Hände. Pa­ni­sche Angst über­fiel sie, und sie fass­te sich ängst­lich an den Hals.

»Bitte schie­ßen Sie nicht.« Ihre Stim­me klang wim­mernd, ihr Fle­hen darin war un­über­hör­bar. Sie woll­te los­ren­nen, raus, weg von hier. Er ließ sie nicht aus den Augen, wäh­rend er mit sei­ner Waffe wei­ter­hin auf ihr Ge­sicht ziel­te.

Dann än­der­te sich sein äu­ßerst erns­ter, un­durch­sich­ti­ger Ge­sichts­aus­druck schlag­ar­tig, und er blin­zel­te mehr­mals. Seine Stirn legte sich in Fal­ten, als er sie mit ab­so­lu­ter Un­gläu­big­keit an­starr­te und ihm in einem völ­lig scho­ckier­ten und un­er­klär­li­chen Ton »Kris­tin?« über die Lip­pen kam. 

 

Ray war ver­wirrt und voll­kom­men vor den Kopf ge­sto­ßen.

Was zum Teu­fel geht hier vor sich? 

Das konn­te nicht sein. Nein. Kon­fus sah er sie an, doch sie sah aus wie … »Kris­tin? Bist du das?«

Er konn­te sehen, wie sie stumm nick­te und ihn eben­so ent­geis­tert an­starr­te, wie er sie an­se­hen muss­te. Er schluck­te schwer, als er rea­li­sier­te, dass sie es tat­säch­lich war. Aber was hatte sie hier zu su­chen? 

Fas­sungs­los und völ­lig baff starr­te er sie an, wäh­rend sich sein Herz­schlag ra­send schnell be­schleu­nig­te und ihm mit einem Mal tau­send Dinge durch den Kopf gin­gen, die ganz und gar nichts mit die­ser Si­tua­ti­on zu tun hat­ten.

Wie in Tran­ce wurde er mit einem Schlag zehn Jahre zu­rück­ver­setzt, und er er­in­ner­te sich an jene heiße lei­den­schaft­li­che Nacht, die er mit ihr ge­mein­sam in Hei­del­berg ver­bracht hatte …

Für einen Mo­ment tanz­te vor sei­nen Augen das Bild der auf­ge­schlos­se­nen Me­di­zin­stu­den­tin, die ihn in ihrem gelb ge­blüm­ten Som­mer­kleid auf der Ge­burts­tags­fei­er von Ge­ne­ral Pfitz­ner, dem sei­ner­zeit rang­höchs­ten Ge­ne­ral der US Army Eu­ro­pe und zur da­ma­li­gen Zeit mit ihrem Vater eng be­freun­det, in­ter­es­siert an­ge­lä­chelt hatte. Es war ein Lä­cheln, das er nie hatte ver­ges­sen kön­nen. Eben­so wenig hatte er ver­ges­sen kön­nen, wie die­sel­be heiße Me­di­zin­stu­den­tin mit ihm ge­mein­sam auf sein Mo­tor­rad ge­sprun­gen und in die luster­füll­tes­ten Stun­den sei­nes Le­bens ab­ge­taucht war.

Kris­tin …

Er schloss für einen Mo­ment die Augen und sah ihre nack­te, pfir­sich­far­be­ne Haut im Licht der auf­ge­hen­den Sonne vor sich schim­mern. Ihr dun­kel­blon­des Haar lag wie sei­di­ge En­gels­lo­cken über ihrem Rü­cken, nach­dem er das Bett die­ser schla­fen­den Schön­heit ver­las­sen hatte. 

Sie war ein Traum von einer Frau ge­we­sen, deren Lei­den­schaft keine Gren­zen kann­te, so­dass er nicht an­ders ge­konnt hatte, als sich in ihr zu ver­lie­ren. Selbst nach all den Jah­ren rief die Er­in­ne­rung an diese ge­mein­sa­me Nacht mit ihr eine Lust in ihm her­vor, die er sich nicht er­klä­ren konn­te, die sei­nen Schwanz bis heute er­regt pul­sie­ren ließ. Wie er sich spä­ter da­nach ver­zehrt hatte, ihre zarte Haut noch ein­mal be­rüh­ren zu dür­fen, um das Ge­fühl die­ser un­er­sätt­li­chen Gier end­lich stil­len zu kön­nen. Es war ein Wunsch, den er, seit er sie in den war­men Laken ihres Bet­tes zu­rück­ge­las­sen hatte, hegte. Da­mals hatte er keine Wahl ge­habt, als sie zu ver­las­sen … 

Es war so­wie­so schon ein Wun­der ge­we­sen, dass er nicht mit ihr zu­sam­men er­wischt wor­den war, wäh­rend er mit ihr ge­mein­sam sei­nen Hun­ger nach Sex still­te. 

Al­lein bei der Er­in­ne­rung daran, wie sich die engen Mus­keln ihrer Va­gi­na um sei­nen stei­fen Schaft zu­sam­men­ge­zo­gen hat­ten, wurde er hart. 

Im Nach­hin­ein hatte er sich nicht nur ein­mal ge­fragt, ob es ein Feh­ler ge­we­sen war, mit ihr ins Bett zu gehen, denn er fühl­te sich nach die­ser einen Nacht mit ihr wie ver­hext. Mit kei­ner an­de­ren Frau war es für ihn je­mals so er­fül­lend ge­we­sen wie mit Kris­tin, und er frag­te sich, warum.

Er konn­te sich bis heute nicht er­klä­ren, was an Kris­tin so be­son­ders war und was den an­de­ren Frau­en, mit denen er sich im Laufe der Jahre mehr oder we­ni­ger ein­ge­las­sen hatte, fehl­te. Ir­gend­wann war er zu dem Ent­schluss ge­kom­men, dass es ein­fach so war …

Sie nun vor sich ste­hen zu sehen, brach­te seine Ge­dan­ken und sein ge­plan­tes Vor­ha­ben völ­lig durch­ein­an­der, und er spür­te, wie ihn ihre An­we­sen­heit in lust­vol­ler Weise er­griff.

Gän­se­haut über­zog sei­nen Rü­cken und krib­bel­te auf sei­ner Haut. Unter schwe­ren Atem­zü­gen muss­te er sich ein­dring­lich dazu zwin­gen, die Er­in­ne­run­gen der Ver­gan­gen­heit zu ver­drän­gen, um sich auf das Hier und Jetzt und sein ge­plan­tes Vor­ha­ben zu kon­zen­trie­ren, das keine Zwi­schen­fäl­le dul­de­te. 

Er fühl­te sich durch ihr un­er­war­te­tes Auf­tau­chen wie vor den Kopf ge­sto­ßen und sah sie noch immer blin­zelnd und per­plex an, wäh­rend er un­gläu­big den Kopf schüt­tel­te, als würde sie da­durch ver­schwin­den. Doch sie stand auch wei­ter­hin vor ihm, und er muss­te zu­ge­ben, dass er die Welt nicht ver­stand. Wie war es mög­lich, dass Kris­tin, seine Kris­tin, hier in At­lan­ta war? Die Zeit schien für ihn still­zu­ste­hen, und ja, er konn­te es sich nicht neh­men las­sen, einen neu­gie­ri­gen Blick über sie glei­ten zu las­sen. 

Na­tür­lich hatte sie sich mit der Zeit ver­än­dert, doch das, was er sah, ge­fiel ihm nicht we­ni­ger, als es da­mals be­reits der Fall ge­we­sen war. Heute trug Kris­tin ihr dun­kel­blon­des Haar etwas kür­zer. Sie hatte es zu einem Zopf ge­bun­den, aus dem ein­zel­ne Sträh­nen her­aus­fie­len. Ihr Ge­sicht war frau­li­cher, um die Augen besaß sie einen fei­nen Hauch von Härte, die er vor zehn Jah­ren noch nicht aus­ma­chen konn­te, die sie je­doch aus­ge­spro­chen at­trak­tiv mach­te. Und als sein Blick über ihre Figur glitt, er­kann­te er, dass sich die Zeit eben­so po­si­tiv auf ihren be­reits fe­mi­ni­nen Kör­per aus­ge­wirkt hatte. Sie war schon da­mals schlank ge­we­sen, doch heute ver­lie­hen ihr ihre Hüf­ten ein un­ge­mein weib­li­ches Aus­se­hen, das Kris­tin für ihn zu einer äu­ßerst fas­zi­nie­ren­den Frau mach­te. Eine Frau, die er vor zehn Jah­ren be­rührt und ver­führt hatte, die ihn bis­wei­len bis an seine Gren­zen brach­te, wäh­rend er sich un­er­sätt­lich in ihr ver­lo­ren hatte. Kris­tin … sie war die letz­te Frau, mit der er sich … Nein! Denk bloß nicht daran!

Doch es war zu spät, und er kniff fest die Augen zu­sam­men, als er sich vor­stell­te, wie sie nackt und wil­lig unter ihm lag und sich an ihm rä­kel­te. 

Er spür­te, wie die Vor­stel­lung hei­ßes Blut in sei­nen be­reits hart wer­den­den Schaft trieb und sich die Le­der­ho­se äu­ßerst eng um sei­nen Penis press­te. Schwer at­mend muss­te er ein Auf­stöh­nen un­ter­drü­cken, als heiße Lust durch sei­nen Schwaz peitsch­te.

Ja, Kris­tin hatte schon immer eine solch ver­hee­ren­de Wir­kung auf ihn ge­habt, und nach all den Jah­ren hatte sich ganz of­fen­sicht­lich nichts daran ge­än­dert. Doch in die­sem Mo­ment war Ray über diese Re­ak­tio­nen über­haupt nicht er­freut.

Ver­flucht, er wuss­te, er steck­te in ziem­li­chen Schwie­rig­kei­ten.

 

Was zum Teu­fel war hier plötz­lich los? 

Be­nom­men und scho­ckiert starr­te Kris­tin ihr Ge­gen­über an. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie ver­such­te, die rich­ti­gen Worte zu fin­den. Sie fühl­te sich wie vor den Kopf ge­sto­ßen und spür­te noch immer die Be­dro­hung durch ihren Kör­per jagen, die er mit sei­ner Waffe in ihr aus­ge­löst hatte, als sie mit zitt­ri­ger Stim­me flüs­ter­te: »Ray?« Die Angst und der Schock waren selbst für sie deut­lich hör­bar. 

Sie blin­zel­te und schüt­tel­te un­gläu­big den Kopf. War es tat­säch­lich Ray, der hier vor ihr stand? Nein, das konn­te nicht sein. Es war un­mög­lich … Doch warum sah die­ser Kerl aus wie Ray McKay?

Kris­tin war voll­kom­men ver­wirrt. Als sie er­neut den Kopf schüt­tel­te, nick­te er wort­los, wor­auf­hin Kris­tins Herz noch hef­ti­ger schlug, wäh­rend sie sei­nem neu­gie­ri­gen Blick mit klam­mem Ge­fühl in ihrer Brust stand­hielt.

»Ray«, hauch­te sie sei­nen Namen, als woll­te sie sich selbst noch­mals be­stä­ti­gen. »Du … hier?« Wieso stand er plötz­lich vor ihr? Was hatte er hier zu su­chen?

Wie­der nick­te er nur, an­statt ihr eine rich­ti­ge Ant­wort zu geben. Sie leck­te sich über ihre tro­cke­nen Lip­pen und sah ihn fra­gend an. Ihre Ver­wir­rung über sein plötz­li­ches Auf­tau­chen muss­te ihr wahr­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben sein. Sein Blick drang eben­so fra­gend in sie ein. Ihr Puls be­schleu­nig­te sich so sehr, bis sie die­sen bei­na­he onyx­far­be­nen Augen nicht mehr stand­hal­ten konn­te und den Blick­kon­takt zu ihm ab­brach. 

Sie spür­te, wie ein Pri­ckeln über ihre Haut zog, als er sie von Kopf bis Fuß ta­xier­te.

Au­gen­blick­lich wurde sie von ihrer ei­ge­nen Neu­gier­de er­grif­fen und mus­ter­te stumm seine Ge­sichts­zü­ge. Feine Fal­ten, die er sei­ner­zeit noch nicht be­ses­sen hatte, zier­ten seine Augen und seine Stirn und ver­lie­hen ihm ein äu­ßerst at­trak­ti­ves Aus­se­hen. 

Sie emp­fand ihn be­reits vor zehn Jah­ren als äu­ßerst gut­aus­se­hend und wurde von sei­nem mas­ku­li­nen und ge­heim­nis­vol­len Auf­tre­ten un­auf­halt­sam an­ge­zo­gen. Viel hatte sie nicht über ihn ge­wusst, nur, dass er EOD »Ex­plo­si­ve Ord­nan­ce Dis­po­sal« Chief Of­fi­cer im Bom­ben­ent­schär­fungs­kom­man­do der Army der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ge­we­sen war. 

Für sie je­doch war er ein­fach nur Ray, ein net­ter jun­ger Sol­dat, der ihr zum ers­ten Mal im Army Me­di­cal Cen­ter in Hei­del­berg auf­ge­fal­len war, wo sie wäh­rend ihres Me­di­zin­stu­di­ums ein Prak­ti­kum ab­leis­te­te. Was sie eben­falls über ihn wuss­te, war, dass er ein ver­flucht sexy Mo­tor­rad­fah­rer sowie ein äu­ßerst ta­len­tier­ter, auf­merk­sa­mer und auf ihre Lust und Be­dürf­nis­se ein­ge­hen­der Lieb­ha­ber war. Er war ihr Ray – zu­min­dest war er es für diese eine Nacht vor zehn Jah­ren ge­we­sen. 

Noch immer konn­te sie sich daran er­in­nern, wie seine heiße feuch­te Haut sich an ihre ge­drängt hatte, als sie sich mit ihm in se­xu­el­ler Ek­sta­se in den küh­len Laken ihres Bet­tes ge­wun­den hatte. Bis heute hatte sie nicht ver­ges­sen kön­nen, wie hart sich seine tan­zen­den Rü­cken­mus­keln an­ge­fühlt hat­ten, als sie mit ihren Fin­ger­spit­zen dar­über ge­glit­ten war, wäh­rend sie die Beine um seine Len­den ge­schlun­gen hatte und er sie so hin­ge­bungs­voll fick­te. In die­sem Au­gen­blick wurde sie von einer un­still­ba­ren Lust durch­strömt, die sie in die­ser einen Nacht mit ihm ver­spürt hatte. Al­lein der Ge­dan­ke an Rays lust­vol­le Be­rüh­run­gen löste ein Pri­ckeln in ihr aus, und sie spür­te, wie das hung­ri­ge Ver­lan­gen in ihr er­wach­te. Hitze stieg in ihr auf und sam­mel­te sich in er­re­gen­den Wel­len zwi­schen ihren Schen­keln.

Rays An­we­sen­heit und die Er­in­ne­run­gen an ihre ge­mein­sa­me Nacht waren mit einem Schlag so in­ten­siv, dass das Ver­lan­gen bro­delnd heiß in ihr auf­stieg. Es war, als er­wach­ten mit einem Mal tau­send Schmet­ter­lin­ge in ihrem Bauch, die ein wil­des un­kon­trol­lier­ba­res Flat­tern be­gan­nen, das sich zwi­schen ihren Schen­kel aus­brei­te­te und ihre Scham­lip­pen zum An­schwel­len brach­te. 

Scharf zog sie die Luft ein. Das krib­beln­de Ver­lan­gen, die­ser pul­sie­ren­de Schmerz, der sich von ihrer er­reg­ten Perle in das feuch­te Zen­trum ihrer Spal­te schlich, in­ten­si­vier­te sich bei­na­he schmerz­haft.

Kris­tin keuch­te auf, als sie die ver­rä­te­ri­schen Re­ak­tio­nen ihres Kör­pers rea­li­sier­te. Sie schluck­te schwer. Hitze stieg in ihr auf und pri­ckeln­de Schau­er roll­ten ihre Wir­bel­säu­le hin­un­ter, als sie Rays hung­ri­gen Blick auf sich ruhen fühl­te. Sie spür­te, wie all die Ge­füh­le und das Ver­lan­gen, das sie be­reits da­mals für Ray emp­fun­den hatte, von Neuem in ihr auf­flamm­ten und sie eben­so schnell über­fie­len, wie er hier auf­ge­taucht war. 

»Ver­dammt, Kris­tin, ich kann es ein­fach nicht glau­ben.« 

Und ich erst … Un­be­wusst biss sie sich auf die Un­ter­lip­pe. Sie konn­te es wirk­lich nicht las­sen, ihn an­zu­se­hen. Mist …

Schon da­mals sah er un­glaub­lich sexy aus. Doch heute, in die­ser dunk­len Le­der­be­klei­dung, wirk­te er noch mas­ku­li­ner, ir­gend­wie här­ter, ver­we­ge­ner. Seine Stim­me klang tie­fer als vor zehn Jah­ren. Seine Schul­tern waren brei­ter, de­fi­nier­ter. Seine Er­schei­nung war ins­ge­samt mus­ku­lö­ser, was sie unter dem eng an­lie­gen­den Stoff sei­nes schwar­zen Shirts, das er unter sei­ner Le­der­ja­cke trug, gut er­ken­nen konn­te. Sein Haar schim­mer­te noch immer schwarz wie die Nacht und hatte von sei­nem Glanz nichts ver­lo­ren, nur trug er es heute etwas län­ger. 

Sie hatte es ge­nos­sen, ihre Fin­ger durch diese sam­te­nen Sträh­nen glei­ten zu las­sen, wäh­rend er zwi­schen ihren Schen­keln knie­te und seine Lip­pen von ihrer Pussy nicht genug be­kom­men konn­ten.

Sie muss­te die Augen schlie­ßen und ein Stöh­nen un­ter­drü­cken, als sie sich an die­sen Mo­ment zu­rück­er­in­ner­te. Lei­der kam diese Er­in­ne­rung zum ab­so­lut schlech­tes­ten Zeit­punkt über­haupt, auch wenn ihr Kör­per das an­ders sah. Denn was sie in die­sem gan­zen Schmet­ter­lings­tru­bel zwi­schen ihren Schen­keln ver­gaß, war, wie diese Nacht mit Ray da­mals zu Ende ging, und das war ihr nicht ge­ra­de po­si­tiv in Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Es war für sie zu einem wah­ren De­sas­ter ihrer Ge­füh­le ge­wor­den, als sie am nächs­ten Mor­gen al­lein in ihrem Bett er­wach­te. Noch immer fühl­te sie die Scham und Schmach, fühl­te sich be­nutzt wie ein bil­li­ges Flitt­chen, das nur für Sex gut war. Die Tat­sa­che, dass Ray es da­mals nicht ein­mal für nötig be­fun­den hatte, ihr ein paar Zei­len zu hin­ter­las­sen, als er sich aus dem Bett ge­schli­chen und sich da­nach nie wie­der bei ihr ge­mel­det hatte, mach­te die ganze Sache für sie bis heute zur reins­ten Ent­täu­schung, selbst wenn der Sex mit ihm noch so fan­tas­tisch ge­we­sen war …

Dass er be­reits nach einer Mi­nu­te schon wie­der diese ver­bor­ge­nen Sehn­süch­te und Re­ak­tio­nen in ihr her­vor­rief, är­ger­te sie maß­los. Erst recht, weil er sie so sit­zen ge­las­sen hatte. Sie mach­ten sie wü­tend auf ihn, vor allem aber auf sich selbst. 

Zor­nig biss sie die Zähne zu­sam­men. Nein, sie muss­te diese Ge­füh­le drin­gend un­ter­drü­cken, bes­ser ge­sagt durf­te sie erst gar nicht mehr daran den­ken. Au­ßer­dem soll­te sie sich ins Ge­wis­sen rufen, dass seine An­we­sen­heit und ihre Re­ak­ti­on dar­auf nichts an der Tat­sa­che än­der­te, dass er ge­ra­de dabei war, den Chip aus der Lei­che zu steh­len.

»Was hast du hier zu su­chen? Was tust du über­haupt in At­lan­ta?«, riss sie seine er­staun­te Frage end­gül­tig aus ihren ge­fühlstrun­ke­nen Ge­dan­ken.

Mit Be­dacht sah sie ihn an. »Ich ar­bei­te hier und bin ge­ra­de dabei, diese Lei­che zu un­ter­su­chen und Be­wei­se zu si­chern.«

Ir­ri­tiert zog er eine Au­gen­braue hoch. »Du si­cherst Be­wei­se? Is’ ja ’n Ding.«

Ein Ding war, dass Ray McKay nach einer hal­ben Ewig­keit wie aus dem Nichts auf­tauch­te, sich un­er­laubt Zu­tritt zu die­sem Ge­bäu­de ver­schafft hatte und sich auch noch die­sen Chip unter den Nagel rei­ßen woll­te. Mit dem ge­dach­te er höchst­wahr­schein­lich auch noch ab­zu­hau­en, was sie al­ler­dings nicht zu­las­sen würde. 

»Ganz genau, das tue ich. Und im Ge­gen­satz zu mir hast du hier rein gar nichts ver­lo­ren, was be­deu­tet, du wirst mir jetzt ganz schnell wie­der das geben, was du ge­ra­de an dich ge­nom­men hast, und dann ver­schwin­dest du von hier!«

Ray sah sie amü­siert an. »So, du möch­test also, dass ich ver­schwin­de.« 

»Stimmt genau.« Kris­tin hielt ihre Hand auf und sah Ray un­ge­dul­dig an.

Doch Ray schüt­tel­te den Kopf. »Tut mir leid, Baby, ich muss dich lei­der ent­täu­schen, du wirst weder etwas von mir zu­rück­be­kom­men, noch mich auf die Schnel­le wie­der los wer­den«, sagte er und grins­te sie dabei pro­vo­zie­rend an. 

Fas­sungs­los sah sie ihn an. 

Die­ser ver­fluch­te Mist­kerl! An­ma­ßend und un­ver­schämt, ge­nau­so wie da­mals, als er sich ein­fach wort­los aus dem Staub ge­macht hatte. »Und ob du das wirst, Ray!«

»Komm schon, Kris­tin, das meinst du doch nicht ernst.« Sein Grin­sen wurde noch brei­ter. 

Was er­laub­te sich die­ser Kerl ei­gent­lich und wen dach­te er, hier vor sich ste­hen zu haben? »Sehe ich etwa aus, als würde ich Witze ma­chen? Es geht um Be­wei­se in einem Mord­fall!« Kris­tin schnaub­te ver­ächt­lich. Seine Ar­ro­ganz mach­te sie wü­tend. »Das ist ein Be­weis­stück, das du in deine Jacke ge­steckt hast! Gib es so­fort wie­der her!« Sie würde ihn auf kei­nen Fall damit da­von­kom­men las­sen. Da half auch kein an­schmach­ten­der Blick von ihm, als er sich läs­sig vor sie stell­te.

»Das ist mir schon klar«, be­merk­te er und mus­ter­te sie mit of­fen­kun­di­ger Neu­gier­de, als wäre der Chip für ihn in die­sem Au­gen­blick voll­kom­men ne­ben­säch­lich.

»Dann gib ihn mir end­lich!«, zisch­te sie er­regt. »Oder was hast du damit vor?«

Ray schwieg und be­äug­te sie un­ge­niert wei­ter. Als würde er wis­sen, wel­che Ge­fühls­re­gun­gen er in ihr aus­lös­te, wurde sein Grin­sen immer brei­ter. Sie spür­te, wie sie dabei war, vor Wut die Ge­duld zu ver­lie­ren. Un­be­herrscht schrie sie: »Ver­dammt noch mal, Ray, jetzt gib ihn mir end­lich!«

Wie­der schüt­tel­te er den Kopf und mein­te grin­send: »Ich kann mich an eine Zeit vor zehn Jah­ren er­in­nern, da hast du mich eben­falls so an­ge­schrien, um etwas ganz an­de­res von mir zu be­kom­men. Da hat­test du es ge­nau­so nötig wie jetzt.« 

Die­ser Bas­tard! Er­bost sah sie ihn an. Seine Sprü­che hat­ten sich auch nicht ge­än­dert. Um genau zu sein, er hatte sich über­haupt nicht ver­än­dert. Na gut, er war zu einem sehr pas­sa­blen, nein, zu einem un­glaub­lich at­trak­ti­ven Mann ge­wor­den, bei dem es sich für Frau lohn­te, einen zwei­ten Blick zu ris­kie­ren, das muss­te sie sich wohl oder übel ein­ge­ste­hen. Doch an­sons­ten war er noch immer wie eh und je, und sein jet­zi­ges Auf­tre­ten be­stä­tig­te ihr, dass sich ein Ray McKay nie­mals än­dern würde. Er kam, um sich zu neh­men, was er woll­te, und dann ver­schwand er wie­der, ohne zu­rück­zu­bli­cken. Ge­nau­so wie da­mals. Ver­ach­tend sah sie ihn an. »Du hast dich rein gar nicht ver­än­dert.«

Doch bevor Ray etwas er­wi­dern konn­te, hall­ten Schüs­se durch das Ge­bäu­de. 

»Run­ter!«, rief er und drück­te sie so un­ver­mit­telt zu Boden, dass sie beim ab­rup­ten Luft­schnap­pen einen ste­chen­den Schmerz in der Seite ver­spür­te.

»Was … Was war das?« Angst über­fiel sie, ließ sie Hilfe su­chend um­her­bli­cken. Alar­mie­rend schlug ihr Herz gegen ihre Brust, wäh­rend Rays Ober­kör­per auf ihrem Rü­cken lag.

»Oh shit!«, fluch­te Ray, und be­reits in der nächs­ten Se­kun­de spür­te Kris­tin seine Fin­ger auf ihrem Ober­arm, die sie mit fes­tem Griff pack­ten, nach oben und gleich­zei­tig in Rich­tung Tür zogen. »Los! Komm schon!«

»Was … was soll das? Lass mich so­fort los!«

»Schh! Sei still, ver­dammt!«, er­mahn­te er sie au­gen­blick­lich. 

Er­schro­cken sah sie zu Ray, der seine Waffe ein­satz­be­reit in der Hand hielt und einen prü­fen­den Blick in den Gang warf. 

»Dann lass mich zu­erst los!« Sie ver­such­te, sich aus sei­nem Griff zu be­frei­en, doch Ray ließ nicht lo­cker und press­te seine Fin­ger noch fes­ter in ihren Ober­arm. »Autsch, ver­dammt!«

»Ich sagte, sei still, oder willst du, dass man uns fin­det?« 

Kris­tin schüt­tel­te den Kopf, und Ray warf einen zwei­ten prü­fen­den Blick in den Flur. 

»Was ist hier ei­gent­lich los? Was hat das alles zu be­deu­ten?« 

»Psst!« Ray hob den Zei­ge­fin­ger an seine Lippe und war­te­te. 

Kris­tin spitz­te eben­falls die Ohren, doch sie ver­nahm nichts. Keine wei­te­ren Schüs­se, keine Per­so­nen, die über den Flur rann­ten. Keine Po­li­zei. Als wäre über­haupt nichts ge­sche­hen. Es war ein­fach nur to­ten­still, und das war äu­ßerst merk­wür­dig.

»Wo um Him­mels wil­len bleibt das Wach­per­so­nal? Warum kom­men uns keine Cops zur Hilfe?«, flüs­ter­te sie und sah Ray fra­gend an. Tags­über wim­mel­te es in die­sem Ge­bäu­de nur so vor uni­for­mier­ten Si­cher­heits­be­am­ten, die die Ein- und Aus­gän­ge kon­trol­lier­ten und un­ge­be­te­ne Gäste fern­hiel­ten. Doch jetzt, wo sie deren Diens­te wahr­lich brau­chen könn­te, war noch nicht mal einer in der Nähe. 

»Wahr­schein­lich hat der Schüt­ze die Wa­chen ge­tö­tet, ehe sie einen Hil­fe­ruf ab­ge­ben konn­ten.«

»Ich muss die Cops an­ru­fen!«, rief Kris­tin auf­ge­bracht und woll­te zum Te­le­fon ren­nen. Ray hielt sie je­doch zu­rück. 

»Sei lie­ber froh, dass sie nicht hier sind«, mein­te er.

»Wieso?« Miss­trau­isch sah sie ihn an. 

Ray press­te die Lip­pen zu­sam­men und schüt­tel­te den Kopf, doch sie ließ sich nicht in die Irre füh­ren. »Ver­dammt, Ray, hier wurde ge­schos­sen! Es wird wahr­schein­lich nicht lange dau­ern und man schießt auf uns!«

»Genau des­halb sollst du end­lich dei­nen Mund hal­ten und bes­ser mit mir kom­men!« 

Ja, na­tür­lich! Das würde sie auch be­stimmt tun. »Sag mal, für wie blöd hältst du mich ei­gent­lich? Ich werde ga­ran­tiert nicht mit dir kom­men. Du bist ein Ein­bre­cher! Du hast den Chip ge­stoh­len! Ich werde auf kei­nen Fall zu­las­sen, dass du damit ab­haust!«

»Tat­säch­lich? Was willst du denn da­ge­gen tun?«

Das wuss­te sie selbst noch nicht, außer, dass sie ihn ir­gend­wie hin­hal­ten muss­te, bis die Cops ein­tra­fen. 

»Hilfe!«, schrie sie laut­hals los, und in der nächs­ten Se­kun­de spür­te sie auch schon, wie Rays Hand ihre Lip­pen zu­sam­men­press­te.

»Ver­dammt, halt end­lich dei­nen Mund! Oder willst du ge­nau­so enden wie der Tote auf dei­nem Se­zier­tisch?«

Panik stieg in Kris­tin auf, und sie schüt­tel­te angst­er­füllt den Kopf. »Nein«, flüs­ter­te sie, als Ray von ihren Lip­pen ließ, denn das hatte sie ab­so­lut nicht vor.

Ray fass­te sie er­neut am Arm. »Dann hör auf damit, ver­stan­den?« Seine Stim­me nahm einen küh­len, fast dro­hen­den Klang an. Ein­ge­schüch­tert blick­te sie zu ihm auf. Sie konn­te sehen, wie sich seine Miene ver­än­der­te. Er wirk­te be­stim­mend, emo­ti­ons­los, fast un­nah­bar und jagte ihr ein un­an­ge­neh­mes Ge­fühl von Angst ein. Doch trotz die­ses Angst­ge­fühls konn­te sie Ray nicht mit dem Chip aus der Lei­che ent­kom­men las­sen. Fie­ber­haft ver­such­te Kris­tin, einen kla­ren Kopf zu be­kom­men, was ihr unter die­sen Um­stän­den lei­der nicht ge­lang. Un­ent­wegt sah sie in den Gang. Die Schüs­se waren ver­ebbt. Im Au­gen­blick war es, wie auch zuvor, to­ten­still. Sie konn­te ihren ei­ge­nen Herz­schlag hören, der be­droh­lich in ihren Ohren hall­te. Ray schien zu war­ten, und sie wagte es nicht, ihn an­zu­se­hen.

Die Si­tua­ti­on war mehr als merk­wür­dig. Wo zum Teu­fel blie­ben nur die Cops?

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