Disaster Girl: Ein Traummann zu Weihnachten

Erschienen: 11/2014
Buchtyp: Novelle

Genre: Contemporary Romance, New Adult

Location: New York

Seitenanzahl: 112


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-145-9
ebook: 978-3-86495-146-6

Preis:
Print: 5,90 €[D]
ebook: 0,99 €[D]

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Disaster Girl: Ein Traummann zu Weihnachten


Inhaltsangabe

Jenny ist eine Katastrophe auf zwei Beinen. Heimlich schwärmt sie für den heißen Typ, den sie jede Woche im Waschsalon sieht. Doch Traummänner wie er stehen ganz bestimmt nicht auf verschrobene Bücherwürmer - vor allem nicht auf solche Tollpatsche wie Jenny. Was sie braucht, ist ein waschechtes Weihnachtswunder!

Über die Autorin

Die Autorin wurde 1977 in einer schwäbischen Kleinstadt geboren und lebt heute glücklich mit Mann und Kind in einem idyllischen Dörfchen nahe der Donau. Lange Jahre arbeitete sie als Erstkraft in der Parfümerie einer Einzelhandelskette. Ein Beruf, den sie für...

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Leseprobe

Eine halbe Stunde später kam ich zurück. Mit der Schulter stieß ich die Tür auf und stolperte mehr oder weniger elegant in den Laden, weil ich die leichte Erhebung der Türschwelle immer übersah. Währenddessen suchte ich in meiner übergroßen und wie immer viel zu vollen Handtasche nach meinen Kaugummis. Es gab wirklich nichts Ekligeres als Mundgeruch und da ich keine Zahnbürste zur Hand hatte, musste ich mir eben damit behelfen. Leider ertastete ich alles Mögliche, aber keine Wrigley's Extra Winterfresh. Deswegen achtete ich auch nicht darauf, dass ich viel zu nah an den Stuhlreihen entlanglief und übersah die ausgestreckten Männerbeine,...

...die mir den Weg versperrten.
Ich stieß dagegen, verlor mein Gleichgewicht und fiel wie ein Stein zu Boden. Kennt ihr diese Filmsequenzen, in denen alles wie in Zeitlupe abläuft? So fühlte ich mich, während ich dem Gesetz der Schwerkraft erlag und dabei in ein völlig entsetztes Männergesicht starrte. Nicht irgendein Gesicht … nein, es war er, mein Traummann, Mr. Sexy Wash & Go persönlich. Und der bekam gerade live mit, wie ich mit der Eleganz einer schwangeren Seekuh zu Boden stürzte.
„Gott, Mädchen, wieso schaust du denn nicht, wo du hinläufst?“
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass er mit mir redete. Blinzelnd sah ich zu ihm auf, dann seufzte er und streckte mir die Hand hin, um mir aufzuhelfen. Ich griff nach seinen Fingern und wurde mit einem Ruck auf die Beine gezogen. Heiliger Strohsack, er war wirklich stark. Puh, sehr sexy …
„Entschuldige bitte, ich hab dich einfach nicht gesehen.“
„Das habe ich gemerkt“, antwortete er trocken, und um den peinlichsten Moment meines Lebens noch auf die Spitze zu treiben, bückte er sich nach meiner Handtasche und drückte sie mir in die Hand.
„Hier, halt mal auf, ich heb dir dein Zeug auf, bevor noch jemand anderes drüberfällt.“
Ich verzichtete darauf, ihn darauf hinzuweisen, dass sich außer uns beiden keiner im Salon befand, denn er sammelte schon alle meine Habseligkeiten ein und ließ sie in den Tiefen meiner Handtasche verschwinden. Geldbeutel, Allergietropfen, ID-Card und zu guter Letzt hob er mit einem ziemlich anzüglichen Grinsen einen Tampon hoch und ließ auch diesen hineinfallen.
„Ich schätze, das wirst du irgendwann noch mal brachen.“
Erde, tue dich auf und verschlinge mich, am besten gleich jetzt, auf der Stelle!
„Gott, ich das peinlich“, flüsterte ich ganz leise. Er hörte mich nicht, sondern schob eine Hand in die Hosentasche seiner Jeans. Das wirkte lässig und sehr selbstbewusst, mit der anderen fuhr er sich durch sein dunkelblondes Haar.
„Pass beim nächsten Mal besser auf, wo du hinläufst, sonst wirst du dir ernsthaft wehtun.“
Ich nickte hastig und bedankte mich artig für seine Hilfe, was er mit einem nichtssagenden Lächeln zur Kenntnis nahm. Ob ich ihn zu einem Kaffee einladen sollte? Immerhin hatte er mir geholfen und es wäre eine nette Geste der Dankbarkeit. Unverfänglich und völlig unverbindlich. Doch so, wie er gerade vor mir stand, in seinen dunkelblauen tiefsitzenden Jeans, dem weißen Shirt und mit der immer noch leicht gebräunten Haut, die seine eisblauen Augen zum Strahlen brachte, ging mir der Arsch auf Grundeis. Mr. Sexy Wash & Go war einfach eine Nummer zu groß für einen Bücherwurm wie mich. Ich schaffte es ja nicht mal, einen normalen Satz mit ihm zu wechseln, wie sollte ich da den Mut aufbringen und ihn zum Kaffee einladen? Einfach unmöglich, und irgendwann verstrich der geeignete Moment.
„Also dann, man sieht sich vielleicht“, meinte er nur und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Das abrupte Ende unserer Unterhaltung irritierte mich so sehr, dass ich mir nicht einmal mehr die Mühe machte, meine Wintermontur abzulegen, sondern ich sah eingemummelt wie ein Eskimo nach meiner Wäsche. Der Trockner würde zum Glück nicht mehr lange brauchen und ich seufzte erleichtert. Sosehr ich mich auch freute, Mr. Sexy Wash & Go zu sehen – unter diesen Umständen war es einfach nur peinlich.
Im Hintergrund hörte ich den Klingelton seines Handys. Eye of the Tiger. Typisch Mann …
„Hey Gina, was gibt‘s?“
Mr. Sexy Wash & Go klang erfreut und meine Schultern sackten nach unten. Gina. Er hatte also eine Freundin oder zumindest jemanden, den er sehr mochte, das konnte man klar heraushören.
„Gina, ich hab dir doch gesagt, das geht nicht. Ich weiß, wie lästig diese ständige Warterei für dich ist, vor allem jetzt, aber du musst uns auch verstehen. Es ist nicht einfach, jemand geeignetes zu finden.“
Ich konnte mich nicht davon abhalten zu lauschen. Abgesehen davon sprach er so laut, dass ich mir schon die Ohren hätte zuhalten müssen, um nichts mitzubekommen. Ich neigte mich ein wenig nach hinten, damit ich auch ja nichts von seinem Gespräch verpasste, und schämte mich nicht einmal dafür.
Plötzlich veränderte sich sein Tonfall. „Gina, das Thema hatten wir doch schon so oft. Ich kann auch niemanden herzaubern.“
Ohhhh … Ärger im Paradies.
Zu behaupten, dass mir das leidtat, wäre eine glatte Lüge gewesen. Wer immer diese Gina sein mochte, sie schien ihm gerade mächtig zuzusetzen, denn sein Tonfall wurde merklich schärfer. „Herrgott, Gina … jetzt geh mir doch damit nicht auf die Nerven! Sobald es im Geschäft wieder normal läuft, ist auch wieder mehr Zeit für andere Dinge, aber im Augenblick geht es einfach nicht anders.“
Er hörte noch eine Weile lang zu, ehe er das Gespräch reichlich kühl beendete. Meine Wäsche war mittlerweile fertig, doch ich stand einfach nur da und machte keine Anstalten, die Klappe zu öffnen.
„Willst du deine Maschine nicht ausräumen?“
Sprach er mit mir? Ich drehte hastig den Kopf nach hinten und meine Mütze rutschte dabei so tief in mein Gesicht, dass ich nichts mehr sehen konnte. Mit einer ungeduldigen Bewegung schob ich sie wieder höher und registrierte verwundert, dass er mich freundlich angrinste.
„Ähm … ja klar“, antwortete ich lahm und machte mir an dem Deckel zu schaffen, der aber nicht aufgehen wollte. Die Götter waren mir nicht gewogen. Sie zogen es vor, mich vor meinem Traummann erneut wie eine Idiotin dastehen zu lassen. Meine persönliche Schmerzgrenze in puncto Blamagen war nun endgültig erreicht. Plötzlich stand er neben mir und legte seine warme Hand über meine.
„Lass, ich mach das für dich. Die Dinger klemmen manchmal.“
Seine Berührung durchfuhr mich wie ein Schock. Die Stelle, an der seine Finger meinen Handrücken berührten, brannte wie Feuer. Als würde sich die Hitze seiner Haut durch mich hindurchfressen und mich in Flammen setzen. Scheinbar mühelos öffnete er den Deckel und deutete hinein.
„So, erledigt“, meinte er freundlich.
Keine Ahnung warum, aber dass er so nett zu mir war, verunsicherte mich derart, dass ich ihn nicht einmal ansehen konnte. Ich presste lediglich ein knappes Danke heraus und hätte mich am liebsten geohrfeigt, weil ich so gar kein Talent für Smalltalk besaß. Da ich ohnehin nicht wusste, wohin mit meinen Augen, starrte ich in die Wäschetrommel und stieß einen wütenden Schrei aus.
„Das darf doch einfach nicht wahr sein! Geht heute denn alles schief?“
Ungläubig betrachtete ich meine ehemals weiße Wäsche, die eine unübersehbare rosa Färbung angenommen hatte. Ich musste ihm wie eine wandelnde Katastrophe vorkommen. Unfähig, drei Schritte geradeauszugehen, ohne hinzufallen, als Nächstes brachte ich die Wäschetrommel nicht allein auf und nun stellte sich heraus, dass ich sogar zu doof war, um helle und bunte Wäsche voneinander zu trennen. Schnell war der Übeltäter gefunden. Mit spitzen Fingern angelte ich einen leuchtend roten BH heraus, der beim Heißwaschgang abgefärbt hatte.
„Oh nein, die Farbe kriege ich nie wieder heraus“, jammerte ich und stand kurz davor, in Tränen auszubrechen. Mitleid hatte er allerdings keines mit mir.
„Hübscher BH, vor allem die Farbe passt jetzt gut zu deinen anderen Sachen“, spottete er und hob anzüglich die Augenbrauen. Meine Gesichtshaut fühlte sich an, als hätte man sie mit einem Flammenwerfer traktiert.
„Verarschen kann ich mich auch allein“, murrte ich ungnädig.
„Tut mir leid, war auch nicht meine Absicht“, entschuldigte er sich umgehend, ich hörte aber sehr wohl das unterdrückte Gelächter aus seiner Stimme heraus und strafte ihn mit einem eisigen Blick. Sofort wurde er ernst. „Ist wohl nicht dein Tag heute, hm?“
Jetzt hatte er auch noch Mitleid mit mir. Na großartig, das war genau das, was sich ein Mädchen vom Mann ihrer Träume erhoffte. Aber wo er recht hatte, hatte er recht.
„Da stimmt“, bestätigte ich seufzend.
Er tätschelte mir kurz die Schulter. Dabei ahnte er nicht, dass seine Berührung etwas in mir auslöste, was einem anaphylaktischen Schock schon recht nahe kam. Meine Haut fing an zu brennen, ich bekam kaum noch Luft und ich sah die Wände auf mich zukommen. Hoffentlich bildeten sich keine Quaddeln auf meiner Haut, das passierte manchmal, wenn ich besonders aufgeregt war.
Wo zur Hölle waren meine verdammten Allergietropfen, wenn ich sie brauchte? Ach ja, in der Handtasche, neben den Tampons …
„Wird schon wieder werden“, tröstete er mich, nahm aber ganz schnell seine Hand wieder weg. Neugierig streifte sein Blick mein fast bis zur Unkenntlichkeit verhülltes Gesicht. Die Mütze war wieder nach unten verrutscht, von mir konnte man sicher nicht viel erkennen.
„Bist du das erste Mal hierhergekommen? Bist mir noch nie aufgefallen.“
Das war der ultimative Todesstoß für mein spärliches Selbstbewusstsein. Ich wollte nur noch nach Hause und meine Wunden lecken. Und damit meinte ich sicher nicht meinen schmerzenden Hintern.
„So ungefähr“, nuschelte ich abweisend, sodass er mir noch einen schönen Abend wünschte und sich wieder auf seinen Platz setzte. Ich verzweifelte innerlich. Seit Monaten saßen wir jeden Mittwoch nur wenige Meter voneinander entfernt in diesem Raum und mein Gesicht kam ihm nicht mal bekannt vor. So viel zu meinen bescheuerten Hoffnungen, ich könnte ihm eines Tages auffallen. Bei so viel Nichtachtung konnte nicht mal mehr der Weihnachtsmann für ein Wunder sorgen.
Bevor ich mit meinem Wäschesack den Heimweg antrat, warf ich noch einen letzten Blick auf ihn. Wie immer hielt er den Blick strikt auf sein Smartphone gerichtet und tippte hin und wieder darauf herum. Mich hatte er offenbar schon längst wieder aus seinen Gedanken verbannt. Das war mehr, als ich ertragen konnte, und so flüchtete ich so schnell ich konnte nach Hause.
In dieser Nacht träumte ich weder von Mr. Sexy Wash & Go noch von Mr. Santa, sondern von mir selbst in dreißig Jahren. Eine Frau in mittleren Jahren, die immer noch in Grangers Buchladen arbeitete, ohne Mann, ohne Kinder und völlig vereinsamt. Schweißgebadet schreckte ich aus dem Schlaf und ließ mich erleichtert wieder zurück ins Kissen plumpsen, als mir klar wurde, dass es nur ein böser Traum gewesen war. Allerdings einer, der durchaus in Erfüllung gehen könnte, und das machte mir am meisten Angst.

Mit einigem Abstand betrachtet, musste ich mir am nächsten Morgen eingestehen, dass sich mein zweiter Weihnachtswunsch – die Aufmerksamkeit meines Traummannes zu erregen – durchaus erfüllt hatte. Nur schien Mr. Santa, sollte er tatsächlich etwas damit zu tun haben, eine merkwürdige Auffassung davon zu haben, wie das vonstatten gehen sollte. Es gab angenehmere Arten hervorzustechen , als jemandem vor die Füße zu fallen und ich fühlte mich auch nicht wohl bei dem Gedanken, dass Mr. Sexy Wash & Go – nicht mal nach seinem Namen hatte ich gefragt, ich Schussel – nun genau darüber Bescheid wusste, welche Sorte Tampons ich benutzte.
Für ihn musste ich doch die größte Lachnummer in New York sein. Vielleicht hätte ich meine Wünsche klarer formulieren sollen, ging es mir während der Busfahrt ins Geschäft durch den Kopf, dann rief ich mir in Erinnerung, wie idiotisch solche Gedanken waren. Es gab keinen Weihnachtsmann. Punkt!
Trotzdem beschlich mich ein ganz merkwürdiges Gefühl, das sich hartnäckig hielt. Sogar Mr. Granger behandelte mich wie einen normalen Menschen und spätestens ab diesem Zeitpunkt schrillten bei mir alle Alarmglocken. Da war etwas im Busch. Granger war nie nett zu mir und so wartete ich die ganze Zeit darauf, dass irgendetwas ganz Furchtbares passierte.
Bis zum Feierabend mutierte ich deswegen zu einem einzigen Nervenbündel und fieberte dem Ende meiner Arbeitszeit entgegen. Zwei Minuten vor Ladenschluss – Mr. Granger hatte sich wie üblich vorzeitig verkrümelt – bimmelte die Türglocke und mein Puls schoss nach oben. Manche Menschen besaßen offenbar kein Zuhause. Jetzt konnte ich erneut länger als geplant bleiben.
Ziemlich angepisst kam ich hinter dem Regal hervor, wo ich bis eben noch die Biografien wieder in alphabetische Reihenfolge gebracht hatte, und blieb mitten im Schritt wie erstarrt stehen.
Da stand er, Mr. Sexy Wash & Go höchstpersönlich, und lächelte mich an.
Atmen, Jenny, hör nicht auf damit, sonst fällst du um wie ein Baum.
Das war doch verrückt. Seit Monaten geiferte ich diesem Typen hinterher, hoffnungslos, chancenlos, und jetzt ergaben sich innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Gelegenheiten, um in Kontakt mit ihm zu treten.
Ihr Wunschzettel ist bei mir in den besten Händen. Ausgerechnet jetzt erinnerte ich mich an Mr. Santas Versprechen. Das konnte doch nicht sein. Oder?
„Hi, ich weiß, Sie schließen gleich, aber ich brauche dringend noch ein Geschenk und ich will einfach nicht in eine dieser unpersönlichen Buchhandelsketten.“
Zwei Dinge manifestierten sich in meinem Bewusstsein. Er konnte unglaublich charmant sein, wenn er sich Mühe gab. Doch im gleichen Atemzug riss er mir das Herz aus der Brust, denn er erkannte mich gar nicht.
Als ich nicht sofort reagierte, fühlte er sich wohl etwas sicherer und trat näher. „Meinen Sie, ich könnte mich noch kurz hier umschauen? Ich verspreche, ich brauche auch nicht lange.“
Wie sollte eine Frau da Nein sagen? Auch wenn er das Mädchen von gestern offenbar nicht mit mir in Verbindung brachte, war er immer noch das anbetungswürdigste männliche Geschöpf auf der Welt für mich. Natürlich würde ich ihn nicht rausschmeißen. Absolut unmöglich.
„Sie haben zehn Minuten.“
Sein schmelzendes Lächeln sorgte für einen regelrechten Kurzschluss in meinem Gehirn. Er zwinkerte mir erneut zu, dann fing er an, sich interessiert die Bücher auf den Auslagentischen anzusehen. Während er ein Buch nach dem anderen in die Hand nahm, beobachtete ich ihn aufmerksam und musste feststellen, dass er nach der netten Begrüßung wieder in eine unliebsame Gewohnheit verfiel: Er beachtete mich nicht weiter.
Ich ihn dafür umso mehr. Und je länger mein Blick auf seinem scharfgeschnittenen Gesicht ruhte und auf seinen Lippen, die sich ab und an zu einem amüsierten Schmunzeln kräuselten, umso weniger konnte ich fassen, dass er tatsächlich leibhaftig in Grangers Buchladen stand.
Komm schon, Jenny, biete ihm deine Hilfe an, sei nicht so schüchtern, es ist schließlich dein Job. Gestern hast du es gründlich versaut, aber du hast eine zweite Chance bekommen.
„Kann ich Ihnen vielleicht etwas Bestimmtes zeigen?“
Noch während ich ihm diese Frage stellte, machte ich einen Schritt nach vorn und achtete nicht darauf, dass ich mich dabei viel zu weit links hielt. Ich touchierte mit der Hüfte einen ohnehin recht wackligen Bücherstapel auf einem der Auslagentische und musste entsetzt mitansehen, wie er umkippte. Die schweren Hardcoverausgaben eines gängigen Bestsellers fielen mir direkt vor die Füße.
Oh Gott, wie peinlich war das denn? Fassungslos über meine eigene Ungeschicklichkeit ging ich in die Knie und fing an, die Bücher wieder einzusammeln. Musste ich mich denn wirklich immer wie der letzte Trottel anstellen? Beschämt unterdrückte ich die aufsteigenden Tränen und blinzelte sie einfach weg. Das fehlte mir noch, dass ich anfing zu heulen wie ein Baby. Ich sah schon ohne verquollene Augen nicht aus wie ein Model …
„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“
Er ließ sich neben mir auf einem Knie nieder und half mir, die Bücher wieder ordentlich aufzustapeln. Dankbar blickte ich auf und versank für ein paar Sekunden in seinen intensiven blauen Augen. Gleich würde ich anfangen zu sabbern wie ein Kleinkind. Dieser Kerl sah einfach immer gut aus. Sogar dann, wenn er neben einem Tollpatsch wie mir auf dem Boden eines Buchladens kniete und mich mit einem fragenden Lächeln bedachte.
„Alles okay mit dir?“ Er duzte mich. Oh Gott. Meine Enttäuschung von gestern geriet in Vergessenheit. Vor lauter Seligkeit vergaß ich zu antworten, erst als er sich geräuschvoll räusperte, riss mich das aus meiner gedankenverlorenen Starre.
„Oh, entschuldige, ich war total in Gedanken. Mir geht es gut, immerhin konnte ich meine Zehen retten, bevor dieser Wälzer“, ich hob eine der Hardcoverausgaben in die Höhe, „sie zertrümmern konnte.“
Sein leises Lachen weckte wohliges Entzücken in mir. Oh lieber Himmel, ich hatte tatsächlich einen Witz gerissen und er fand ihn komisch. Es geschahen noch Zeichen und Wunder.
„Dann hast du ja richtig Glück gehabt.“ Der freundliche Tonfall seiner Stimme löste die Anspannung, unter der ich litt, und machte mich redselig.
„Mein Auftritt eben war eigentlich nicht so geplant.“
Wieder dieses hinreißende Grinsen. „Das ist es in den seltensten Fällen“, erwiderte er, und seine Augen blieben an meinen Lippen hängen. Ich hätte gerne eine Unterhaltung angefangen, wusste aber nicht wie und beschloss, mich wenigstens zu bedanken.
„Danke fürs Einsammeln, das war sehr nett von dir.“
Ich deutete mit der Hand auf den wiederaufgebauten Stapel und blinzelte ihn unter halb gesenkten Wimpern verschüchtert an. Wie er mich ansah! Tatsächlich machte er einen merkwürdig faszinierten Eindruck auf mich, bis mir ganz schwummrig wurde unter seinem Blick. Noch dazu schwirrte mir der Kopf von seinem herrlichen Geruch. Nach Leder, nach Seife und ein wenig nach Zitrone. Ich hätte am liebsten den Kopf an seinem Hals vergraben und ihn stundenlang eingeatmet.
Dann tat er etwas, das mich völlig aus der Bahn warf. Er schenkte mir sein umwerfendes Model-Lächeln und streckte mir die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Jamie Campbell“, stellte er sich lässig vor und legte auf unvorstellbar charmante Weise den Kopf schräg. „Verrätst du mir deinen Namen?“
Ich hyperventilierte fast, während ein einziger Satz durch meine Gedanken raste:
Er will meinen Namen wissen … Er will meinen Namen wissen … Er will meinen Namen wissen.
Ich verfluchte meine Schüchternheit und die Tatsache, dass ich mir irgendwie selber peinlich war. Auf einmal kam mir alles an mir so mittelmäßig vor. Mein Name, meine Figur, mein Gesicht, mein Job, während er – seien wir mal ehrlich – alle positiven Eigenschaften vereinte, die ein Mensch haben konnte. Attraktiv, höflich, selbstbewusst. Und so einer wollte meinen Namen wissen.
Sag ihn, du Idiotin.
„Je… Je… Jenny“, würgte ich hervor und vergaß dabei meinen Nachnamen.
Sein rechter Mundwinkel hob sich zu einem halben Lächeln, und wäre ich nicht schon längst hoffnungslos in ihn verknallt gewesen, dann wäre ich ihm spätestens jetzt verfallen. Alles an ihm wirkte lebendig, lebenslustig und dynamisch. Und er war wirklich nett. Viele andere hätten sich einen Scheißdreck um eine kleine Verkäuferin geschert.
„Jenny …“ Er ließ den Namen förmlich auf seiner Zunge zergehen. „Das ist ein wirklich wunderhübscher Name. Er passt gut zu dir.“
Egal wie lange ich lebte, aber diesen Moment würde ich niemals vergessen. Nicht in einer Million Jahren. Wie hypnotisiert starrte ich in seine Augen, dann wieder auf seinen Mund, den ich am liebsten angeknabbert hätte. Der leicht trotzige Schwung seiner Unterlippe wirkte unendlich verführerisch auf mich. Es juckte mich in den Fingern, die Kontur nachzuzeichnen, doch ich war noch genug bei Verstand, um diesen Blödsinn zu unterlassen. Bei meinem Glück würde er sich sexuell belästigt fühlen und fluchtartig den Laden verlassen. Oder mich verklagen. Wir Amerikaner waren Weltmeister darin.
„Sag mal, Jenny, was macht ein hübsches Mädchen wie du so allein in einem Buchladen wie dem hier?“, fragte er mich augenzwinkernd.
War die Frage jetzt ernst gemeint oder wollte er mir einfach eine Steilvorlage für eine Unterhaltung bieten? In mir erwachte das dringende Bedürfnis, mir mit dem Buch in meiner Hand Luft zuzufächeln. Damit ich mich nicht völlig blamierte, indem ich mich mit dem Hardcover versehentlich selbst K.O. schlug, besann ich mich auf meine eigentliche Aufgabe. Er wollte ein Buch, er würde eines kriegen. Wenn es um Literatur ging, fühlte ich mich sicher und deswegen war meine Antwort dementsprechend locker.
„Was ich hier mache? Ich arbeite hier, manchmal sogar noch nach Ladenschluss.“
Nach dieser halbwegs schlagfertigen Antwort stand ich auf. „Suchst du irgendwas Spezielles?“
Auch Jamie erhob sich, um einiges geschmeidiger und eleganter als ich das getan hatte.
„Tja, das ist es ja, ich bin mir nicht sicher, was ich suche.“ Er strich sich übers Kinn, dachte nach und hob dann die Schultern. „Ich suche ein Geschenk für eine gute Freundin. Sie hat beruflich mit Büchern zu tun und mit etwas anderem werde ich ihr keine Freude machen können. Leider finde ich in den großen Ketten nichts, was sie ansprechen könnte. Ein Bekannter hat mir von diesem Buchladen erzählt und meinte, ihr hättet auch ausgefallenere Bücher.“
Es ging doch nichts über positives Feedback.
„Wir haben so einiges an Sondereditionen“, bestätigte ich. „Es kommt nur darauf an, in welche Richtung das Buch gehen soll. Aktuell hätte ich eine illustrierte und gut erhaltene Hardcoverausgabe von Louisa May Alcotts Roman Little Women da. Die Auflage ist aus dem Jahr 1947. Wenn man Glück hat, bekommt man sowas vielleicht noch bei einer Auktion, aber im klassischen Buchhandel ist es praktisch unmöglich, das noch zu beschaffen.“
„Und wie kommt ihr dazu?“ Er klang interessiert und trat näher und näher an mich heran, bis er direkt vor mir stand. Seine Augen glitzerten elektrisierend, das Feuer in ihnen verbrannte mich beinahe. Ich musste mir Mühe geben, in einigermaßen normalem Tonfall zu antworten, da ich mich schrecklich kurzatmig fühlte.
„Mein Chef … Mr. Granger … hat unzählige Online-Kontakte in der Buchbranche und pflegt ein enges Verhältnis zu einigen Antiquariaten.“
Er nickte. „Klingt spannend. Kannst du mir das Buch zeigen? Das könnte Gina gefallen.“
Das Geschenk sollte also für diese Gina sein. Ich hakte alle Chancen, jemals bei ihm zu landen, geistig ab. Sie musste seine feste Freundin sein.
„Sicher, komm mit, es ist hinten in einer Vitrine eingeschlossen.“
Ich drehte mich schnell um, damit ihm die Enttäuschung in meinen Augen nicht auffiel. Jamie blieb dicht hinter mir, ich spürte die Wärme seines Körpers an meinem Rücken, als ich vor dem Schrank mit den klassischen Romanen stehenblieb. Seine körperliche Präsenz, sein Duft und meine eigene Fantasie machten mir zu schaffen.
Meine Finger bebten unverhältnismäßig, als ich aufschloss und die Scheibe zur Seite zog. Vorsichtig holte ich den Roman heraus und hielt ihm das gute Stück zur Ansicht hin. „Hier, das ist es. Ich denke, es gibt kaum eine Frau, die sich nicht dafür begeistern kann. Die Geschichte über Betty und ihre Schwestern ist wunderbar feinsinig geschrieben und die Zeichnungen sind wirklich etwas ganz Besonderes.“
Nach meiner Lobeshymne blätterte er es kurz durch und prüfte dann noch den Einband. „Ich nehme es“, äußerte er knapp, und nach seiner Liebenswürdigkeit von eben verwirrte mich diese plötzliche Reserviertheit.
„Kannst du mir das noch einpacken?“, fragte er, diesmal etwas freundlicher. Nickend nahm ich das Buch wieder an mich.
„Ähm …ja natürlich.“
Mit dem Buch in der Hand lief ich zur Kasse. Er folgte mir, bezahlte und sah mir anschließend zu, wie ich es verpackte. Gott, er machte mich so furchtbar nervös.
„Sag mal, kann es sein, dass wir uns schon mal irgendwo gesehen haben?“, fragte er plötzlich. „Du kommst mir so bekannt vor“, fügte er hinzu.
Ja, tritt nur ordentlich zu, wenn ich schon am Boden liege.
Obwohl wir uns gestern erst gesehen und sogar unterhalten hatten, konnte er mich nicht zuordnen. Machten eine Mütze auf dem Kopf und ein Schal wirklich einen solchen Unterschied?