Family Affairs: Verbotenes Verlangen

Erschienen: 01/2013
Serie: Family Affairs
Teil der Serie: 1

Genre: Contemporary Romance
Zusätzlich: Dominanz & Unterwerfung, Vanilla

Location: England, London

Seitenanzahl: 212 (Übergröße)


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-039-1
ebook: 978-3-86495-040-7

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Family Affairs: Verbotenes Verlangen


Inhaltsangabe

Hemmungslose Lust verbindet Chloe und Ryan seit dem Moment ihrer ersten Begegnung. Ein verbotenes Verlangen, denn es stellt sich schon bald heraus, dass Ryan der Verlobte ihrer Mutter Leanne ist.
Zwischen Chloe und Ryan brennt die Luft, als sie einander „offiziell“ vorgestellt werden, und vor allem Chloe versucht verzweifelt, dem charismatischen Künstleragenten zu widerstehen. Doch das Verlangen nach Ryan brennt wie ein Fieber in ihr und sie stürzt sich kopflos in eine leidenschaftliche Affäre. Schon bald fühlt sie mehr als nur reine Lust, während es Ryan scheinbar nur um das Ausleben seiner sexuellen Wünsche geht.
Erst das Auftauchen des ebenso attraktiven wie undurchsichtigen Ross Turner verändert alles: Ryan reagiert mit verzehrender Eifersucht und zeigt das erste Mal Gefühle, die über puren Sex hinausgehen.
Chloes wohlgeordnetes Leben gerät derweil immer mehr aus den Fugen. Während jede Faser in ihr danach lechzt, Ryan ganz für sich allein zu haben, zieht sich das unsichtbare Netz aus Lügen und sorgfältig gehüteten Geheimnissen immer enger um sie zusammen …

Über die Autorin

Die Autorin wurde 1977 in einer schwäbischen Kleinstadt geboren und lebt heute glücklich mit Mann und Kind in einem idyllischen Dörfchen nahe der Donau. Lange Jahre arbeitete sie als Erstkraft in der Parfümerie einer Einzelhandelskette. Ein Beruf, den sie für...

Weitere Teile der Family Affairs Serie

Leseprobe

Einige Tage nach dem Anruf ihrer Mutter stand Chloe ratlos vor ihrem Kleiderschrank und kämpfte mit dem ewig weiblichen Problem, trotz vielfältiger Auswahl nichts Passendes zum Anziehen zu finden. Ihre Freundinnen Beth und Amber lungerten derweil auf ihrem Bett herum, blätterten gelangweilt durch diverse Frauenzeitschriften und vernichteten nebenbei eine Schachtel mit sündhaft leckeren Pralinen.
„Sag mal, da du anscheinend in diesem Leben nicht mehr fertig wirst, könnte ich mich doch an deinem Kühlschrank bedienen. Diese verdammten Pralinen haben meinen Appetit angeregt, und ich könnte noch einen kleinen Snack vertragen, bevor wir uns auf den Weg machen.“
Die Stimme ihrer Freundin...

...Beth hatte einen bettelnden Unterton, was ihrer Bitte, den Kühlschrank plündern zu dürfen, einen durchaus ernst gemeinten Charakter verlieh.
„Bedien dich ruhig, nur zu“, antwortete Chloe desinteressiert und starrte kritisch auf die zwei Kleider, die es in die engere Auswahl geschafft hatten: ein eng anliegendes Schwarzes aus feiner Merinowolle mit einem verlockenden, aber durchaus züchtigen Ausschnitt, und ein smaragdgrünes Seidenkleid im Empirestil. Der fließende Stoff endete kurz über ihren Knien und wurde vorn von einer schlichten Schleife geziert. Chloe war jedoch am Zweifeln, ob es wirklich das Passende war, um eine Vernissage zu besuchen. Sie entschied sich kurzerhand für das kleine Schwarze und hängte das andere zurück in den Schrank.
Ohne sich über die Gegenwart ihrer Freundinnen Gedanken zu machen, zog sie sich das Shirt über den Kopf, streifte die Jeans ab und schmiss beides achtlos auf den Boden. Barfüßig und lediglich mit einem winzigen Slip bekleidet, lief sie zielgerichtet auf ihren Unterwäscheschrank zu. Sobald sie die Kommode erreicht hatte, öffnete sie eine der vier übereinanderliegenden Schubladen und langte hinein. Exakt zeitgleich ertönte Beths Stimme im Hintergrund.
„Ich habe Liebeskummer“, erzählte sie völlig unerwartet und hatte ihre Pläne, sich über den Kühlschrank herzumachen, ganz offensichtlich vergessen. Chloe hörte für einen Augenblick auf, ihre Wäscheschublade zu durchwühlen und linste über ihre Schulter nach hinten. Ein leicht amüsierter Ton schwang in ihrer Stimme mit, als sie sagte: „Heißt das jetzt, du bespitzelst deinen Boss nicht mehr?“
Beth schnaubte entrüstet und ließ sich auf den Rücken fallen. Ihre babyblauen Augen starrten mit einem Ausdruck allergrößter Frustration auf die cremefarbene Zimmerdecke.
„Er hat jetzt eine neue Freundin“, erklärte sie missmutig. „Es macht echt keine Laune, ihn zu beobachten, wenn sich laufend die ätzenden Silikontitten dieser dummen Barbiepuppe vor mein Fernglas schieben.“
Beth war das, was manche wohl als Stalkerin bezeichnet hätten, ohne dass sie jedoch die ausufernden Dimensionen einer Kriminellen erreichte. Laufend fuhr sie ihrem Chef Quinn St. Clair hinterher, wenn er seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachging, und wurde dabei immer unglücklicher, weil sich der Casanova mit so ziemlich jedem weiblichen Wesen in London amüsierte, nur nicht mit seiner bedauernswerten Sekretärin.
„Dann hör einfach auf, ihm hinterherzuspionieren“, sagte Chloe pragmatisch. Sie hielt überhaupt nichts von diesem adeligen Schnösel. Leider war Beth verrückt nach diesem blasierten Arschloch und ließ sich auch durch sein offensichtliches Desinteresse nicht davon abbringen, ihn als zukünftigen Vater ihrer noch ungeborenen Kinder zu betrachten.
„Ich spioniere niemandem nach! Ich war nur zufällig immer in der Nähe, wenn er abends ausgegangen ist“, behauptete sie allen Ernstes, während ihre Gesichtsfarbe rasant das charakteristische Rot der Londoner Doppeldeckerbusse annahm.
Chloe grinste lediglich, sparte sich jeglichen Kommentar und machte sich wieder daran, ihre hübschen Dessous nach einem ganz speziellen Stück zu durchsuchen. Beth war in punkto Quinn ohnehin nicht zu helfen, und sie würde ihren Boss so lange anhimmeln, bis er entweder ins Gras biss oder sie erhörte. Ihre Blicke fahndeten zielgerichtet nach einem absolut anbetungswürdigen Slip aus der letzten Victoria-Secret-Kollektion. Sie hatte ihn noch nie getragen, und der heutige Abend war ein guter Zeitpunkt, um das edle Teil endlich einzuweihen, denn sie hatte sich fest vorgenommen, diese Nacht auf keinen Fall allein zu verbringen. Der Grund für ihren Entschluss, sich nach ewigen Zeiten wieder einen One-Night-Stand zu gönnen, war ein akuter Anfall von Torschlusspanik. Dass ihre eigentlich beziehungsunfähige Mutter einen Mann gefunden hatte, der sogar bereit war, mit ihr in den Hafen der Ehe zu schippern, löste völlig neue Dimensionen von Panik in ihr aus. Sie musste dringend etwas gegen die beginnenden Spinnweben in den unteren Regionen ihres Körpers unternehmen, wenn sie nicht als alte Jungfer enden wollte. Die passende Katze hatte sie ja schon …
„Ist dir kalt?“, fragte Beth nach, als Chloe unwillkürlich erschauerte. Ihre rundliche Freundin schob sich genüsslich die allerletzte Praline aus der goldschimmernden Packung zwischen die Lippen. Beth hatte den Inhalt fast im Alleingang verputzt, obwohl sie sich ständig vornahm, ein paar Kilo abzunehmen. Chloe hätte ihr liebend gern ein paar Pfunde abgenommen, weil sie sich zu dünn fand. Männer mochten keine klapprigen Hungerhaken im Bett, das war doch allgemein bekannt.
Amber meldete sich derweil auch zu Wort.
„Ich wette, sie denkt an ihre Mutter und würde sie am liebsten zum Teufel schicken, weil sie noch vor ihr einen Mann abbekommen hat.“
Chloe, die ihre Freundinnen über die Heiratspläne ihrer Mutter informiert hatte, verdrehte ironisch die Augen.
„Danke, Amber, das war jetzt wirklich hilfreich. Ich wäre dir dankbar, wenn du ein bisschen netter über meine Mutter sprechen würdest, schließlich war sie es, die dir den Job als Wetterfee im Fernsehen besorgt hat.“
Amber, die jede zweite Woche das Vergnügen hatte, einen Teil der englischen Bevölkerung über die ständig wechselnden Hochs und Tiefs über der Insel in Kenntnis zu setzen, zwinkerte ihr nur grinsend zu und warf die bernsteinfarbene Mähne schwungvoll nach hinten.
„Jetzt stell dich nicht so an! Du weißt, dass ich ihr schon kilometerweit in den Hintern gekrochen bin, um mich zu bedanken. Schau du lieber, dass du endlich fertig wirst. Die Ausstellung beginnt in zwei Stunden, und ich will auf keinen Fall die Ankunft des Künstlers verpassen, nur weil wir in der abendlichen Rushhour feststecken.“
Ein schwärmerischer Ausdruck trat auf Ambers Gesicht. Zwar hatte sie den chinesischen Bildhauer noch nie zu Gesicht bekommen, doch sie war der unverrückbaren Meinung, dass jeder Mann, der seine Brötchen mit den Händen verdiente, ein wahrer Magier im Bett sein musste. Chloe beschloss, den Rat ihrer Freundin zu befolgen und sich zu beeilen, denn sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sollten sie mitten in den Feierabendverkehr geraten, würden sie unter Garantie zu spät kommen und nur noch die männlichen Restposten zur Auswahl haben.

Die Ausstellung fand in Seymour Manor statt, einem historischen Herrenhaus außerhalb von London. Schon seit ihrer Kindheit hatte sie ein Faible für altertümliche Gemäuer, und dieses Schmuckstück gotischer Baukunst war zweifelsohne ein wahrer Augenschmaus für jeden, der ein bisschen Sinn für Ästhetik besaß. Es hatte die für den Tudorstil so typische Fassade aus rechteckigen Flankierungstürmchen und Erkern, Lanzettfenster mit steinernem Kreuzstock und Tudorbögen. Auch der Anblick des zinnenbekrönten Mauerabschlusses, hin und wieder unterbrochen von optisch ansprechenden Dreiecksgiebeln, verlieh dem Gebäude einen herben Charme, der gerade bei diesem Baustil so bezeichnend wirkte. Der gesamte Gebäudekomplex war wunderbar erhalten und ließ mit seinem prunkvollen Interieur den Geist der Vergangenheit wieder aufleben.
Chloe fühlte sich eigenartig gefangen von der geschichtsträchtigen Atmosphäre, die in jedem Raum zu spüren war, und nippte an ihrem Champagnerglas, während sie durch den gut gefüllten Ausstellungsraum flanierte. Mit dem gebotenen Respekt besah sie sich die Skulpturen aus Eisen und Metall, die der viel gerühmte chinesische Künstler Song Li erschaffen hatte. Er war auf dem besten Wege, sich als der neue Ai Wei Wei der Kunstszene zu profilieren und wurde gefeiert wie ein Popstar, was diesem zurückhaltenden Mann ziemlich unangenehm zu sein schien, wenn man seinen Gesichtsausdruck richtig deutete. Doch auch die Welt der Dichter und Denker, der Bilderhauer und Maler, wurde mittlerweile vom schnöden Mammon regiert. Persönliche Ressentiments gegen was auch immer mussten tunlichst unterdrückt werden, wenn man auf der Welle des Erfolgs weiterschwimmen wollte. Und Song Li schwamm tapfer – wenn auch nach außen hin mit mühsam erhobenem Kopf – durch die pikanten Gewässer der europäischen Kunstszene. Wer immer diesen talentierten Chinesen unter Vertrag genommen hatte, konnte sich auf die Schultern klopfen und entspannt dabei zusehen, wie die kunsthungrige High Society von London, Paris oder Madrid ihn hochleben ließ.
Chloe musste lächeln, als sie sich die maßlose Enttäuschung ihrer Freundin Amber in Erinnerung rief, sobald sie den Chinesen zu Gesicht bekommen hatte. Der kleine Asiate entsprach so gar nicht ihrer Vorstellung von einem romantischen Liebhaber. Der Gute war schon weit in den Vierzigern und recht zierlich gebaut für einen Mann. Ernüchtert hatte sich ihre liebeshungrige Freundin ein anderes Opfer gesucht und war mit einem knackigen Kunststudenten verschwunden. Beth hingegen war schon vor über einer Stunde abgetaucht und seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Chloe hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wo sie gerade steckte.
So schnöde alleingelassen, vertrieb sie sich die Zeit, indem sie die anwesenden Männer begutachtete, nur um frustriert festzustellen, dass keiner sie auch nur ansatzweise reizte.
Adieu One-Night-Stand …
Offenbar war es ihr einfach nicht vergönnt, einen heißen Kerl für gewisse Stunden zu finden. Es war zum Mäusemelken, dabei verspürte sie schon seit etlichen Tagen ein unerträglich kitzelndes Kribbeln im Unterleib, das sich auch vom unermüdlichen Einsatz ihrer Finger nicht eindämmen ließ. Es kam ihr so vor, als hätte die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit ihrer Mutter etwas in ihr freigesetzt, das sie nicht kontrollieren konnte. Was sie dringend brauchte, war die Berührung eines Mannes. Eine warme Hand, die sich tastend den Weg unter ihren Rock bahnte, ihn hochschob und mit einer einzigen herrischen Bewegung ihre feuchtwarmen Schenkel teilte …
Als ihr klar wurde, in welche Richtung ihre Gedanken gerade abschweiften, versuchte sie, sich ein wenig zusammenzureißen, um sich nicht in aller Öffentlichkeit zu blamieren.
So bewegte sie sich ziellos weiter, starrte auf unzählige gut frisierte Köpfe, auf Münder, die sich bewegten, die lachten oder verführerische Worte für ihr Gegenüber formten. Leise Musik begleitete diese illusorische Szenerie aus vorgetäuschtem Kunstverstand und harmonischem Miteinander, während hintenrum wie immer gelästert wurde. Sie konnte dieses falsche Getue kaum noch ertragen und wollte raus hier. Unbeachtet schlüpfte sie durch eine der Flügeltüren und fand sich mutterseelenallein in einem langen Flur wieder. Soweit Chloe informiert war, handelte es sich bei den Besitzern des Hauses um einen entfernten Zweig der Linie von Jane Seymour, der dritten von sechs Ehefrauen König Heinrichs des Achten. Es reizte sie ungemein, ein Gebäude zu erforschen, das allein durch die überstandenen Zeitepochen seine ganz eigene Geschichte erzählen konnte.
Neugierig sah sie den Flur entlang, in dem sie sich gerade befand. Der Boden war mit einem weinroten Teppichboden bedeckt, die Wände mit üppig geprägten Goldledertapeten überzogen, wie sie vor allem im 17. Jahrhundert üblich gewesen waren. Eine Ahnengalerie hing auf der rechten Seite und zeigte die in Gold gerahmten Gesichter der schon lange verstorbenen Seymours. Sie wurden zu Lebzeiten prachtvoll gewandet auf Leinwand gebannt, damit sie auch den nachfolgenden Generationen in Erinnerung blieben.
Chloe war beeindruckt, als sie die in Öl verewigten Adeligen der Reihe nach betrachtete, die mit ihren starren Augen hochnäsig auf sie hinuntersahen, und fühlte eine gewisse Demut in sich aufsteigen, während sie ganz langsam einen Fuß vor den anderen setzte und schließlich am Ende des Ganges stehen blieb. Eine verschlossene Tür versperrte den Weg.
Jetzt wäre der passende Zeitpunkt gewesen, um sich auf dem Absatz umzudrehen und wieder zurück zu den anderen Gästen zu gehen, doch anstatt diesem durchaus vernünftigen Impuls zu folgen, drückte sie wie von einem fremden Willen gesteuert die Klinke herunter und fand sich in einem dunklen Raum wieder. Er wurde vom einfallenden Licht des Mondes und einer direkt vor dem Fenster stehenden Laterne so ausreichend erhellt, dass eine zusätzliche Beleuchtung gar nicht notwendig wurde. Also verzichtete sie darauf, das Licht einzuschalten und ging ein paar Schritte, bis sie mitten in einem hellen Lichtkreis stand, der von draußen auf den Boden geworfen wurde. Träge drehte sie sich um die eigene Achse und erkundete die visuellen Eigenheiten ihrer Umgebung.
Ganz offensichtlich handelte es sich hier um einen unbewohnten Teil des Hauses. Sämtliche Möbel waren mit weißen Tüchern verhängt, um sie gegen den lästigen Staub zu schützen. Sie wirkten auf Chloe wie einsame Statisten in einem Stummfilm, schweigsame Gestalten in einer surreal anmutenden Atmosphäre. Es war totenstill. Alles, was sie hören konnte, waren ihre Schritte und das knarrende Ächzen von Holz, sobald sie das Gewicht verlagerte. Sie unterdrückte die Enttäuschung und seufzte, da es hier nichts Besonderes zu sehen gab. Was hatte sie eigentlich erwartet? Etwa einen verwunschenen Prinzen, der schlummernd auf einer Chaiselongue ruhte und darauf wartete, von einer tapferen Prinzessin vom Fluch des hundertjährigen Schlafes erlöst zu werden? Sie war schon drauf und dran, den Raum schleunigst zu verlassen, als etwas in der Ecke, nahe beim Fenster, ihre Aufmerksamkeit erregte.
Leicht erhöht auf einem Absatz stand eine Statue. Das Laternenlicht von außen erhellte die bleichen Konturen der Figur, und Chloe wunderte sich, dass sie das Kunstwerk jetzt erst bemerkte. Sie trat neugierig näher heran, bis sie nur eine Armeslänge davon entfernt zum Stillstand kam. Mit leicht geneigtem Kopf betrachtete sie die liebevoll geschliffenen Körperlinien, die einen eindeutig weiblichen Körper formten. Ihre Finger zuckten, weil sie gerne herausgefunden hätte, ob sich dieser kalte Stein unter ihren Händen erwärmen könnte.
Irgendetwas Merkwürdiges geschah mit ihr, während ihre Augen über die Skulptur hinwegflogen. Ob es an den drei Gläsern Champagner lag, die sie innerhalb kürzester Zeit hinuntergestürzt hatte, oder an der ständig schwelenden Erregung, die sie seit einigen Tagen nicht mehr loslassen wollte, wusste sie nicht. Doch beim Anblick dieses aus Stein gehauenen Weibes ballte sich in ihrem Bauch eine gewaltige Hitze zusammen. Chloes Augen verschlangen die vollen Brüste, sie fühlte eine prickelnde Unruhe in sich anwachsen. Obwohl sie nicht auf Frauen stand, spürte sie beim Anblick dieser sinnlichen Formen ein unleugbares Aufbäumen von Lust in ihrem Körper. Sie wollte diese starren Erhebungen mit ihren Händen umspannen, sie streicheln. Ihre rechte Hand entwickelte ein Eigenleben und hob sich. Schon lagen ihre Fingerspitzen leicht auf dem hellen Untergrund, strichen neugierig darüber hinweg, doch bevor sie die steinerne Rundung ganz umfassen konnte, ertönte in ihrem Rücken eine verärgerte Männerstimme.
„Was machen Sie da?“
Mit einem erstickten Keuchen drehte sie sich um, unendlich peinlich berührt, weil man sie dabei erwischt hatte, wie sie einen toten Gegenstand betatschte. Zuerst konnte sie nicht viel erkennen, denn das Licht erhellte nur den hinteren Teil des Zimmers, in dem sie stand. Er selbst blieb im Schatten, und alles, was sie wahrnehmen konnte, waren die Umrisse eines hochgewachsenen Männerkörpers.
Betreten versuchte sie, einen vernünftigen Satz herauszubekommen, doch anstatt einer plausiblen Begründung für ihre Anwesenheit hier brachte sie lediglich ein peinliches Stammeln zustande: „Ich … also …“
Sie brach ab, ehe ihr wirres Gestotter noch schlimmere Ausmaße annehmen konnte, und empfand eine gewisse Hilflosigkeit, weil der Fremde keinerlei Anstalten machte, näherzukommen. Seine Identität blieb weiterhin ein Mysterium, doch statt der Angst, die sie eigentlich hätte empfinden müssen, verspürte sie nur ein angenehmes Flattern in der Magengegend.
„Wer sind Sie, und wie kommen Sie hier herein?“
Sein Tonfall blieb schneidend. Er war ganz offensichtlich wenig begeistert von ihrer Anwesenheit.
„Nun ja, durch die Tür, nehme ich an“, meinte sie. „Ich …“
Ihr Versuch, witzig zu sein, scheiterte schon beim ersten Anlauf, denn er schnitt ihr einfach das Wort ab.
„Ihnen ist wohl nicht klar, dass dieser Teil des Hauses für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.“
Oh, er war böse … doch obwohl er sich ziemlich ruppig gab, hatte allein schon das Timbre seiner Stimme eine verheerende Wirkung auf sie. Rau, fast schon kratzig flossen die Worte aus seinem Mund. Ein verräterisches Klopfen in ihrer Mitte setzte ein und wurde stetig heftiger, lauter. Ihr Körper schrie nach ihm. Lieber Himmel, sie musste sich wirklich unter Kontrolle bekommen, bevor das hier ausartete.
„Gnädigste.“ Sein Ton war unendlich blasiert. „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber es ist nicht sonderlich höflich, sich in vornehmes Schweigen zu hüllen, wenn man Ihnen eine Frage stellt.“
Chloe wünschte sich verzweifelt ein Loch, in das sie sich verkriechen konnte, als sie die beißend formulierten Worte hörte. Sie beschloss, alles auf eine Karte zu setzen und zu lügen.
„Ich habe mich verlaufen und bin zufällig hier gelandet. In diesem Haus gibt es so viele Türen, ich habe schlicht und ergreifend die Orientierung verloren.“
Sie schaffte es irgendwie, zu lachen, obgleich es sich schrecklich gekünstelt anhörte, und versuchte gleichzeitig, den alkoholgeschwängerten Nebel, in dem sich ihr gesunder Menschenverstand verirrt hatte, wieder halbwegs zu klären. Der Mann im Dunkeln lachte heiser. Es klang aufregend. Dieser Ton, dieser gutturale Laut, der tief in seiner Kehle ruhte und sich nun den Weg in die Freiheit bannte, schien eine geheime Verbindung zu ihrem Schoß zu knüpfen, denn das kleine Knöspchen unter ihrem Slip – dieses unartige kleine Luder – fing an, nur noch zorniger zu pulsieren, drängte auf Erlösung und tränkte die Seide ihres Slips mit Feuchtigkeit. Konnte man an unerfüllter sexueller Lust sterben, fragte sie sich leicht hysterisch?
Chloe war vollkommen erschlagen von dieser Situation und rieb sachte die Schenkel aneinander.
„Reiß dich zusammen, Chloe“, mahnte sie sich. „Du kennst ihn gar nicht, weißt nicht mal, wie er aussieht!“
Plötzlich löste er sich aus dem Schatten und ging mit bedächtigen Schritten auf sie zu. Seine Schuhe verursachten ein dumpfes Geräusch bei jedem Auftreten, die Sohlen quietschen leise. Sie hielt den Atem an, erwartungsvoll und panisch zugleich.
Als er endlich vor ihr stand, gaben ihre Knie beinahe nach. Durch seine Körpergröße bedingt stand sein Gesicht direkt im Lichtstrahl der Laterne, sodass sie ihn nun klar und deutlich erkennen konnte. Ihr wurde das zweifelhafte Vergnügen zuteil, in die kältesten blauen Augen zu blicken, die sie jemals gesehen hatte. Kalt im Sinne des Farbtones, nicht des Ausdrucks wegen. Dieses mit silbrigem Eis durchsetzte Ozeanblau erinnerte sie an einen winterlichen Himmel, kurz bevor der erste Schnee fiel. Das halb belustigte, halb verärgerte Glitzern darin sprühte ihr unzählige graue Funken entgegen. Chloe fing sie mühelos auf und antwortete mit grünem Feuer, um die aufflammende Verlegenheit in sich zu löschen. Parallel zu ihrem rasenden Herzschlag beschleunigten sich ihre Atemzüge, sogar ihr dummer Magen überschlug sich, und sie befürchtete schon, dass sie ihm gleich ihr Abendessen vor die Füße kotzen könnte.
Waren das diese viel gerühmten Schmetterlinge im Bauch, die bei ihr gerade die Ausmaße der nationalen Streitkräfte annahmen?
Sein kritischer Blick, mit dem er sie von Kopf bis Fuß bedachte, ging ihr jedenfalls durch und durch, und sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Er war wirklich schön, allerdings kein androgyner Typ, wie sie gerade in Mode waren. Dieser Adonis gehörte zu den Männern, die lässig auf einem feurigen Hengst saßen und mit einer Marlboro im Mundwinkel dem Sonnenuntergang entgegenritten. Seine Haare waren blond und im Nacken zusammengebunden, wodurch die scharf geschnittenen Züge seines gut aussehenden Gesichts besonders hervorgehoben wurden. Er besaß enorm virile Konturen, die sie unglaublich ansprachen. Ein eckiges Kinn, eine gerade Nase, einen verwirrend sinnlichen Mund. Die untere Lippe war voller als die obere. Chloe wollte sie am liebsten zwischen die Zähne ziehen, sie beißen, sie lecken, an ihr saugen …
„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen, oder haben Sie ihre Zunge verschluckt?“, zog er sie auf.
Sie spürte, wie Hitze ihre Wangen hochkroch und ein zartes Brennen auf der Oberfläche hinterließ. Der Kerl war wirklich gnadenlos und zerstückelte ihr Selbstbewusstsein gerade in hauchdünne Scheibchen. Statt ihn weiter mit Lügen zu provozieren, wollte sie es zur Abwechslung mal mit der Wahrheit probieren.
„Sie haben recht, ich befinde mich unbefugt hier und bin mir dessen auch vollkommen bewusst. Wenn Sie möchten, werde ich das Anwesen umgehend verlassen.“

Dieser so resolut hervorgebrachte Satz ließ Ryan lächeln. Er starrte in zwei faszinierende Jadeaugen, die man in ihrem Fall wirklich als den Spiegel der Seele bezeichnen konnte. Alles konnte er in ihnen lesen. Scham, Verlegenheit. Sie war entzückend und – er gestand es sich ungern ein – ungemein aufreizend.
Die Erinnerung an ihre weichen Hände auf dem harten Marmor pumpte Unmengen Blut in sein schlaffes Glied und sorgte dafür, dass es sich in Sekundenschnelle aufrichtete. Das schürte sein schlechtes Gewissen, weil diese Härte nicht für Leanne pochte, sondern für diese Fremde. Sie hatte den Stein berührt, als wollte sie ihn zum Leben erwecken, doch alles, was sie damit ziemlich effektiv belebt hatte, war das Biest in seiner Hose, das brüllend danach verlangte, befreit zu werden, um dieser Frau zu zeigen, dass auch er hart genug war, um ihre Lust zu befriedigen.
„Sie müssen nicht gehen“, hörte er sich mit rauer Stimme sagen. Ein riesiger Fehler, der ihm eine Menge Ärger einbringen konnte, doch er wollte diese Begegnung noch nicht beenden, so riskant das auch sein mochte. Er war gegen seinen Willen vollkommen fasziniert von ihr. Dieser Mischung aus süßer Kindfrau und verführerischer Sirene konnte er sich nicht entziehen.
Jetzt zog sie den Kopf nach hinten und sah mit leicht geöffneten Lippen zu ihm hoch, als läge in seinem Gesicht die Weisheit der ganzen Welt verborgen. Er fühlte sich stark, mächtig, überlegen. Ryan nahm sie genauer in Augenschein, besah sich jede feinkonturierte Linie ihrer Gesichtszüge. Er fand sie unglaublich hübsch, gleichwohl sie nicht mit der atemberaubenden Schönheit von Leanne mithalten konnte. Doch welche Frau konnte das schon.
Dafür besaß dieses hinreißende Geschöpf unglaublich weich aussehende Lippen, die alles und nichts versprachen. Süß, voll und so zart, dass selbst die samtigen Blätter einer Rose wie raue Baumrinden dagegen wirken mussten. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie sie sich um seinen Schwanz stülpten, um lustvoll an ihm zu saugen. Stattdessen beschwor er angestrengt Leannes Gesicht herauf, damit er nicht in Versuchung geriet, eine bodenlose Dummheit zu begehen. Seit er mit ihr zusammen war, lebte er monogam. Ein absolutes Novum für ihn. Körperliche Treue war ihm bisher immer sinnlos erschienen. Warum sich etwas versagen, warum zurückstecken, wenn doch so viele Frauen herumliefen, die es verdienten, geliebt und verwöhnt zu werden?
Ryan hatte sich immer genommen, was er begehrte, rücksichtslos und in Ermangelung von störenden Gewissensbissen, wenn dabei die Gefühle der jeweiligen Frau auf der Strecke blieben. Die Beziehung mit Leanne hatte seine Einstellung in diesen Dingen grundlegend verändert. Er war ihr treu gewesen, all die Monate, doch dieser entzückende Störenfried mit dem rötlich schimmernden Haar stellte seine Beständigkeit auf eine harte Probe.
Er schluckte heftig, während er weiterhin gebannt ihr Gesicht betrachtete. Ihr verhangener Blick klebte auf seinem, als sie auf einmal die Lippen teilte. Erst dachte er, sie wolle etwas sagen, doch sie atmete nur tief ein und ließ für ein paar Augenblicke ihre rosa Zungenspitze aufblitzen. Um ein Haar hätte er aufgestöhnt. Er hatte ein Faible für Zungen, genoss ihre süße Schlagkraft, wenn sie auf seine trafen. Unwillkürlich fragte er sich, wie sie wohl schmecken würde. Und als ob sie ihn absichtlich quälen wollte, indem sie ihm zeigte, welch exquisite Köstlichkeit ihm entging, schoss dieses vorwitzige kleine Ding heraus und fuhr einmal quer über ihre Unterlippe. Sein Blick wanderte zurück zu ihren Augen. Maßlose Aufregung packte ihn, als er die zurückhaltende Sinnlichkeit in ihnen lesen konnte.
Er atmete tief ein, um zur Ruhe zu kommen, doch es wurde dadurch nur noch schlimmer. Die Luft war geschwängert mit dem Duft ihres Parfums. Blumiges Jasmin in der Herznote, Bourbon-Vanille und Sandelholz im Abgang. Er fühlte sich trunkener von ihrem Duft als vom Alkohol, der heute durch seine Kehle geflossen war. Dazu dieser unschuldig provokante Blick, der ihm unbewusst den besten Sex seines Lebens versprach. Ihre Augenbrauen zuckten ein wenig. Die Härchen wiesen eine ähnliche Tönung auf wie ihr Haupthaar, waren fein gezeichnet und verliefen in einem zarten Bogen über ihren Lidern. Um ihre Nase herum glitzerten vereinzelt ein paar Sommersprossen im Licht des Mondes. Sie besaß ein Gesicht, das einen an verwunschene Märchengärten, an Kobolde und an Feen denken ließ. Lieblich. Das war wohl das passendste Adjektiv, um sie zu beschreiben.
Mühsam kappte er den Augenkontakt, stattdessen starrte er erneut auf diesen Mund. Er wollte sie küssen. Verdammt. Ryan kämpfte verbissen um Beherrschung, schaffte es aber nicht, das drängende Verlangen nach ihr auszuschalten. Überfordert wandte er den Blick ab, denn er konnte sie nicht ansehen, ohne den Wunsch zu verspüren, ihr diesen Fummel über die Schenkel nach oben zu ziehen, um sie dann, gegen die nächstgelegene Wand gelehnt, im Stehen zu ficken. Er wünschte sich verzweifelt etwas von der Standhaftigkeit seines prüden Bruders herbei, der sicher die Kraft besessen hätte, diesem heißen kleinen Schätzchen zu widerstehen. Plötzlich durchbrach sie die lastende Stille, die nun schon seit mehreren Sekunden zwischen ihnen herrschte.
„Hören Sie …“
Sie stockte kurz, leckte sich noch mal glättend über diesen gottverdammten Mund und trieb ihn damit fast in die Raserei.
„Ich wollte Ihnen wirklich keinen Ärger bereiten. Ich nehme an, Sie sind der Besitzer dieses Herrenhauses, und Sie haben jedes Recht, sauer auf mich zu sein. Ich kann Ihnen noch nicht mal sagen, was ich hier wollte. Eigentlich war ich schon auf halbem Weg hinaus, als ich diese Statue entdeckt habe. Ich wollte sie wirklich nur ganz kurz anschauen, und dann konnte ich mich einfach nicht von ihrem Anblick losreißen.“
Ein wenig verlegen hob sie die schmalen Schultern, eine entschuldigende Geste, die seltsam anrührend wirkte. Ryan war nicht mehr imstande, ihr böse zu sein. Um überhaupt etwas zu sagen und die geladene Stimmung ein wenig zu entschärfen, lenkte er das Gespräch auf die Figur.
„Die Statue, die sie nicht zu Unrecht bewundert haben, stellt Helena von Troja dar.“
Keine Sekunde ließ er die Augen von ihr, während sie sich erneut der Figur zuwandte. Ryan ballte die Hände, weil ihn der Anblick ihres Profils verrückt machte. Es zeigte die zarte Linie ihres Kinns, die weiche Wange, Augen gesäumt von langen Wimpern, die ihre Schatten auf die zarte Haut ihres blassen Gesichts warfen. Er wollte all das mit seinen Lippen nachfahren, die sanften Konturen erforschen und herausfinden, ob die sahnige Haut wirklich so gut schmeckte, wie sie aussah.
„Wer hat sie erschaffen?“, wollte sie wissen, während er ein vorfreudiges Kitzeln auf dem Gaumen verspürte.
Er räusperte sich vernehmlich, damit er überhaupt einen vernünftigen Ton herausbrachte.
„Ein ehemaliger Studienkollege, der leider vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben kam.“ Er hatte Mühe, seine Tonlage zu kontrollieren. Sein Hals schnürte sich zu, fühlte sich ganz rau und kratzig an. Leise hüstelnd entstaubte er seine Stimmbänder, ehe er seine Erklärungen weiterführte.
„Er war Künstler, unglaublich talentiert. Charles war und ist ein unglaublicher Verlust für die Kunstwelt und hätte sie im Sturm erobert, wäre er nicht so früh verstorben.“
Ryan hielt wehmütig inne, als sein Gedächtnis das Gesicht seines Freundes heraufbeschwor. Er fühlte auch nach so vielen Jahren Bedauern über Charlies viel zu frühen Tod, doch wenigstens hatte er etwas Bleibendes von ihm zurückbehalten. Die Statue der schönen Helena. Sie war viel mehr als nur ein kaltes Stück Stein. Sie war das Monument einer Freundschaft, die selbst über den Tod hinaus Bestand hatte, denn er würde Charlie niemals vergessen.
„Dieses Kunstwerk bedeutet Ihnen viel, nicht wahr?“, stellte sie fest.
Ruhig und klar ruhten ihre Augen auf seinem Gesicht. Ryan lächelte schwach und verscheuchte die gleichermaßen fröhlichen und traurigen Erinnerungen, die er mit der Statue verband.
„Das stimmt, es ist das einzige Stück in meiner Sammlung, das ich für kein Geld der Welt verkaufen würde“, bestätigte er nach kurzem Zögern und fügte etwas kühler hinzu: „Deswegen sehe ich es gar nicht gern, wenn sie von Fremden betatscht wird.“
Sie senkte verlegen den Blick, ehe sie mit zitternden Lippen wieder zu ihm aufsah. Am liebsten hätte er diesen Mund mit seinem bedeckt, um das Beben mit einem heißen Kuss zu ersticken. Er konnte spüren, wie ihm immer mehr die Kontrolle über diese Situation entglitt.
„Wollen Sie meine Helena immer noch anfassen?“, fragte er und ignorierte das Brüllen seines Gewissens, weil er sich mit dieser Frage auf gefährliches Terrain begab. Er folgte einem Instinkt, der jede Vernunft überlagerte.
Sie sah ihn jetzt direkt an, blinzelte mehrfach, weil sie sich offensichtlich überrumpelt fühlte.
„Ich … also … wie kommen Sie darauf?“, entrüstete sie sich.
„Vielleicht, weil Sie Ihre Finger an ihrer Brust hatten, als ich den Raum betreten habe?“
Ihre Lippen bewegten sich lautlos, ihr Gesicht wurde in tiefes Rot getaucht. Bezaubert von diesem Anblick schloss er den Abstand zwischen ihnen, bis er kaum zwei Handbreit von ihr entfernt war. Der Duft nach Jasmin wurde stärker, er mischte sich mit dem ihrer Haut. Eine stimulierende Note. Es roch nach Sex und nach Hemmungslosigkeit, und seine übersprudelnde Fantasie präsentierte ihm sündige Bilder, die ihn gnadenlos anheizten. Er und sie, nackt und schlüpfrig von stundenlangen Liebesspielen, zerwühlte Bettlaken, die kaum ihre Blöße bedeckten. Sie lag auf dem Bauch, das frühe Licht des Morgens zeichnete helle Muster auf ihre Haut.
„Möchten Sie nicht beenden, was Sie vorhin angefangen haben? Ich würde gerne dabei zusehen, wie Sie meine Helena berühren“, wisperte er heiser. Ihre Augen flogen nach oben. Bestürzung lag in ihrem Blick, aber auch eine Spur von Neugier.
Ryan schickte sein schlechtes Gewissen zum Teufel und verbannte Leannes vorwurfsvolles Gesicht, als er nach unten griff und die kleine Hand in seine nahm. Ihr Protest war zu schwach, um ihn aufzuhalten. Behutsam drehte er ihre zarten Finger und legte ihre Handfläche auf der steinernen Hüfte der Skulptur ab.

Chloe fühlte sich wie gelähmt und konnte sich nicht vom Fleck rühren. Dabei hätte sie die Hand unter seiner einfach wegreißen sollen, um diesem unverschämten Kerl für sein dreistes Verhalten eine Ohrfeige zu verpassen. Stattdessen ließ sie zu, dass er ihren Handteller auf den kalten Untergrund presste. Scharf sog sie die Luft in ihre Lungen, ihr wurde schwindelig von seiner Nähe, von der Kälte unter ihren Fingerspitzen und der ganzen unwirklich erscheinenden Situation. Die Erregung, die sie nun schon seit Wochen plagte, steuerte ungebremst auf den finalen Höhepunkt zu, als er dicht an ihren Rücken heranrückte. Er war ganz nah und presste seinen Körper in geradezu unanständiger Weise an ihren. Sie fühlte heiße Muskeln, berauschende Hitze. Sein männlicher Duft verwirrte sie. Würzig und ursprünglich umschmeichelte er ihre Sinne, die sich verzweifelt darum bemühten, noch mehr von diesem herrlichen Bouquet aus Mann und Aftershave zu erhaschen. Ihr Kopf fiel kraftlos nach hinten, ihr Mund öffnete sich wie die Knospe einer aufgehenden Orchidee.
„Fass sie an!“, befahl er ihr. Der Ton war kompromisslos, seine Worte ein eindeutiger Befehl und keineswegs eine Bitte. Heftig schüttelte sie den Kopf, was ihn nicht daran hinderte, ihre bebenden Finger über die glatte Ebene zu führen.
„Spürst du, wie seidig sich ein Stein anfühlen kann?“
Sie konnte nicht antworten, der Schwindel nahm zu. Was hatte er nur mit ihr vor?
Egal, was seine Beweggründe waren, ihrem Körper waren sie gleich. Ihr Schoß verglühte förmlich unter dem Einfluss seiner leidenschaftlich klingenden Stimme, das kleine Nervenbündel zwischen ihren Schenkeln trommelte wie verrückt, bis sie ein Stöhnen ausstieß, das er mit einem leidenschaftlichen Ächzen beantwortete.
„Du kannst es fühlen, nicht wahr?“
Er klang drängend.
„Nein, lass mich“, antwortete sie mühsam, während sie sich so heftig auf die Lippen biss, dass sie ihr eigenes Blut schmecken konnte. „Bitte …“
Seine Hand auf ihrer tauchte sie in einen wohligen See aus Hitze, während er sie zielgerichtet auf die Brust der Helena führte. Seine andere, bisher stützend auf ihrem Bauch, wanderte nach oben und umfasste nach einem Moment des Zögerns ihre linke Brust. Hilflos ließ sie es geschehen, dass dieser Mann einen süßen Kokon der Lust um sie spann. Nicht mehr lange und die Frau in ihr würde wie ein Schmetterling erwachen, die seidigen Wände ihres Gefängnisses durchstoßen und einfach auf einer Woge der Lust davonflattern.
Diese erreichte ihren Zenit, als er sie mit einer leichten Drehung an das leicht ausgestellte Knie der Skulptur heranschob. Chloes Mitte befand sich genau in der richtigen Höhe, um sich im vorgegebenen Takt seiner Bewegungen daran zu reiben. Mit jedem treibenden Stoß seiner Hüften drückte er ihr Schambein dagegen, und der Druck auf ihr Geschlecht erhöhte sich.
Seine Hand hatte sich mittlerweile unter den Ausschnitt ihres Kleides gestohlen. Sie trug keinen BH, sodass sie seine spielenden Finger ungehindert auf ihrer Haut und ihrer steil aufgerichteten Brustwarze fühlen konnte. Der Druck seiner Hüften wurde intensiver, was ein süßes Schwindelgefühl zur Folge hatte. Sie war wie berauscht. Er war es, der den Rhythmus bestimmte, die Geschwindigkeit, während sie einfach seinem Willen folgte. Mit zermürbender Regelmäßigkeit presste er sie gegen das starre Ding, bis sie glaubte, sich in ihre Bestandteile aufzulösen. Noch nie in ihrem bisherigen Leben war sie dermaßen erregt gewesen.
„Oh Gott, fass mich richtig an!“
Ohne Hemmungen versuchte sie, seine Finger tiefer zu schieben, hinunter zu ihrer sehnsüchtig wartenden Weiblichkeit. Sie wollte von ihm gestreichelt werden, dort, wo sie es am meisten brauchte, seine Finger sollten sich tief in ihre wartende Wärme bohren und sie nur verlassen, um danach erneut einzudringen. Er lachte heiser und war offensichtlich entzückt über ihre Ungeduld. Dieses Lachen glich einem hauchfeinen Streicheln und wanderte liebkosend über die empfindliche Haut ihres Dekolletés. Eine nicht mehr einzudämmende Welle an heißkalten Schauern überschwemmte sie von Kopf bis Fuß. Chloe tastete zwischen ihre dicht aneinandergedrängten Körper und fasste nach dem harten Stück Fleisch, das sich so aufreizend an ihren Hintern schmiegte. Schamlos begann sie, ihn zu massieren und stellte schnell fest, wie wohlwollend die Natur ihn bestückt hatte. Sie drückte fester, bekam das kleine Zäpfchen an seinem Reißverschluss zu fassen und wollte es nach unten ziehen. Sofort schob er die Hüften ein wenig zurück, um sie daran zu hindern.
„Hey, nicht so eilig, Prinzessin.“
Er hörte sich erstaunt an, als hätte er nie und nimmer damit gerechnet, dass sie so offensiv ihren Begierden nachgab. Was erwartete er denn, wenn er sie so mir nichts, dir nichts in einen erotischen Wahnsinn hineintrieb, aus dem sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte? Seine nächste Bemerkung holte sie jedoch äußerst effektiv aus ihrem sexuellen Rauschzustand.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du derartig schnell die Kontrolle über dich verlierst.“
Chloe schluckte hart, sobald ihr die Arroganz dieser Aussage bewusst wurde, und ging beinahe unter in der Welle heißer Scham, die sich über ihr aufbaute und sie dann unter sich begrub. Dieser Kerl machte sich lustig über sie!
Das war ernüchternd. So sehr, dass ihr gesunder Menschenverstand zurückkehrte.
„Lass mich augenblicklich los, sonst kannst du was erleben!“, forderte sie energisch.

Ein letzter Rest an Anstand katapultierte seinen im Sexrausch versunkenen Geist wieder zurück in die Realität. Ryan atmete in bewusst langsamen Schüben ein, als er behutsam die Hände von ihrem Körper nahm und einen Schritt zurücktrat. Kaum verlor er den Kontakt zu ihr, drehte sie sich um und sah ihn lange an. Wortlos und sichtlich verwirrt. Er glaubte auch, eine Spur von Wut auf ihren Zügen ablesen zu können. Gerade als er sich fragte, wann ihr entrüstetes Donnerwetter auf ihn niedergehen würde, fing sie an zu sprechen.
„Sag mir, wer du bist?“, forderte sie herrisch.
Mehr kam nicht, nur diese eine Frage, die Ryan in einen ziemlichen Gewissenskonflikt stürzte. Der Austausch von Namen war nicht frei von einer gewissen Intimität, es bestand die Möglichkeit eines Wiedersehens, und so sehr er sie auch begehrte, so war eine weitere Begegnung mit ihr das Allerletzte, was er wollte. Die Gefahr, ihren Reizen endgültig zu erliegen, war einfach zu groß. Das konnte er Leanne nicht antun.
„Ich glaube, es wäre besser, wenn wir Fremde füreinander bleiben“, meinte er gedehnt.
Sie lachte, keineswegs belustigt, sondern ungläubig.
„Deinen Namen zu erfahren bedeutet keineswegs, dich zu kennen“, hielt sie ihm vor. „Was hast du zu verbergen, dass du anonym bleiben willst? Bist du etwa verheiratet und hast einen Stall voll Kinder?“
Sofort sah er wieder Leannes Gesicht vor sich, und Ryan versank knietief in Schuldgefühlen. Es hätte wirklich nicht viel gefehlt und er hätte sie betrogen. Mit einer Frau, die wahrscheinlich nur halb so alt war wie sie selbst. Entschlossen, sein Verhalten wieder gutzumachen, straffte er die Schultern und warf ihr einen möglichst kühlen Blick zu.
„Wenn es so wäre, dann kannst du nur froh sein, dass ich aufgehört habe, bevor ich deinen Rock hochgeschoben und dir das Hirn aus dem Leib gevögelt habe.“
Sie schnaubte angesichts seiner vulgären Anmerkung. Er stellte fest, dass sie ihre winzigen Hände zu wütenden Fäusten ballte und hätte beinahe gelächelt, wäre er nicht so angespannt gewesen. Glaubte sie etwa, ihm damit wehtun zu können? Lächerlich.
„Wenn ich tatsächlich noch Hirn in meinem Kopf hätte, dann wäre ich schreiend davongelaufen, nachdem du diesen Raum betreten hast“, zischte sie ihm aufgebracht zu und warf die Haare nach hinten. Der Anblick war hinreißend, weiblich bis zur Unerträglichkeit. Doch sie zerstörte den Anschein von Sanftmut und gebärdete sich wie eine Wildkatze.
„Mir ist wirklich nie ein Mann begegnet, der sich einer Frau so schamlos genähert hat wie du. Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich will diesen schrecklichen Abend nur noch vergessen und werde jetzt nach Hause fahren. Du erlaubst?“
Sie drängte sich an ihm vorbei und marschierte mit einer aufrecht stolzen Haltung auf die Türe zu, die selbst Napoleon zu Lebzeiten Respekt abgerungen hätte. Ryan sah ihr bedauernd nach. Er hatte sie mit seiner Weigerung, seinen Namen zu verraten, zweifelsohne gekränkt, aber unter den momentanen Umständen war es das Beste, diesem Erlebnis so wenig Bedeutung wie möglich beizumessen. In wenigen Monaten würde er vor den Altar treten und Leanne Carter zu seiner Frau machen. Da konnte er keine Komplikationen gebrauchen, auch wenn sie in noch so verführerischer Verpackung daherkamen.