Broken Dreams: Broken Bird: Gefunden

Erschienen: 07/2019
Serie: Broken Dreams
Teil der Serie: 1

Genre: Dark Erotica, Soft-SM / BDSM

Location: Südengland, Somerset

Seitenanzahl: 352


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-415-3
ebook: 978-3-86495-416-0

Preis:
Print: 13,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Broken Dreams: Broken Bird: Gefunden


Inhaltsangabe

Nach einem Martyrium auf der Flucht vor ihren Peinigern trifft Olivia Campbell auf den ebenso erfolgreichen wie attraktiven Rechtsanwalt Ben. Der Dominus Ben nimmt Olivia mit auf das Anwesen, wo er mit anderen Mastern Spielbeziehungen nachgeht. Nach dem Tod seiner einstigen großen Liebe glaubt Ben, nicht mehr in der Lage zu sein, jemals wieder zu lieben. Ebenso wie Olivia hat er hohe Mauern um sein Herz errichtet.

Auf dem Anwesen beobachtet Olivia das Liebesspiel zwischen einem der Master und einer Frau und wird hierbei von Ben erwischt. Obwohl sie sich von Ben angezogen fühlt, wehrt sie sich weiterhin gegen jede Nähe. Olivia tut erneut das einzige, was sie für richtig hält: Flüchten. Hierbei hat sie allerdings die Rechnung ohne Ben gemacht. Er findet Olivia und führt sie in die Welt der Dominanz und Unterwerfung ein, bis sie sich ihm endlich hingibt und sich fallen lässt.

Doch die Gefahr kommt immer näher ...

Über die Autorin

Dalia Black wurde 1985 im schönen Nordrhein-Westfalen geboren, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Schon als Kind hat sie alle möglichen Bücher verschlungen und ist nach wie vor eine Leseratte. Wenn sie nicht gerade ihrem Fulltime-Job nachgeht oder in...

Weitere Teile der Broken Dreams Serie

Leseprobe

»So ein Mist!«
In der Dunkelheit über diese dunkle Landstraße zu wandern, war nichts, was ich in meiner derzeitigen Verfassung noch brauchte. Mein Leben war die reinste Katastrophe, aber ich hatte keine andere Wahl.
Ich flüchtete vor meinem Mann, um in England ein neues Leben weit weg von ihm zu beginnen, in der Hoffnung, dass er mich dort nicht finden würde. Aber alles endete in einer weiteren Misere.
Die Wohnung, die ich angemietet hatte, bewohnte schon jemand anderes. Nun stand ich mit nichts da. Ich hatte keine Familie mehr, keine Freunde, keinen Job und jetzt auch keine Wohnung. Ich hatte...

...wortwörtlich alles verloren, besaß nichts außer den Klamotten, die ich trug, und einer winzigen Reisetasche, die gerade einmal das Nötigste für die paar Tage enthielt, die ich für die Reise in meine neue Heimat brauchte.
Die Verzweiflung ließ Tränen in mir aufsteigen. Ich wusste nicht wohin, und zurück konnte und wollte ich auf keinen Fall. Nachdem ich über neun Stunden in einem Flugzeug von New York nach London gesessen und anschließend noch eine Reise in die kleine Grafschaft Somerset im Südwesten Englands hinter mich gebracht hatte, überlegte ich, was ich nun tun sollte. Die Hotelsuche stellte sich als aussichtslos heraus, da derzeit eine Messe stattfand und alle Zimmer ausgebucht waren. Meine Kraftreserven existierten nicht mehr, ich war am Ende.
Aufgrund der Verletzungen, die mein Mann mir zugefügt hatte, bevor ich mich endlich von ihm losreißen konnte, tat mir alles weh, und ich war kaum noch in der Lage, mich auf den Beinen zu halten. Wenn ich keine Bleibe für heute Nacht fand, blieb mir nur eine Brücke. Mir sollte besser schnell etwas einfallen, bevor mich auch noch meine letzten Kraftreserven verließen. Mein Bargeld, das ich mir heimlich in der Zeit angespart hatte, in der ich noch nicht eingesperrt gewesen, sondern arbeiten gegangen war, reichte nicht ewig, denn es war nicht gerade ein Vermögen. Sonst besaß ich noch ein Sparbuch, welches ich vor meinem Mann verborgen gehalten hatte. Dieses steckte, zusammen mit dem Geld, in meiner Reisetasche.
Wegen des Tränenflusses verschwamm meine Sicht. Von der Stadt kommend lief ich weiter. Dunkelheit umfing mich, und ich hatte kein bestimmtes Ziel, aber alles war besser, als einfach irgendwo in dieser Einöde zusammenzubrechen.
Aus diesem Grund befand ich mich schließlich auf einer dieser einsamen Landstraßen, die so typisch für Südengland und doch etwas ganz Besonderes waren. Diese traumhaften Landschaften luden geradewegs dazu ein, erkundet zu werden. Kaum verließ man die Schnellstraßen, landete man sofort im Grünen. Auf kleinen, schmalen und oft gewundenen Straßen ging es auf und ab, vorbei an kleinen Ansiedlungen, über Steinbrücken aus der Römerzeit und durch Alleen, deren Bäume bereits so verwoben waren, dass man fast denke könnte, man würde durch einen Tunnel fahren. Die Straßen waren oft eng und durch bemooste Steinmauern begrenzt. Schon früher hatte ich oft geplant, unbedingt mal hierher zu reisen.
Wäre es Tag und ich nicht so verzweifelt, könnte ich diesen Spaziergang sogar genießen. Doch genau das Gegenteil war der Fall, denn es war düster und unheimlich.
Autos fuhren hier um diese Uhrzeit auch nicht mehr entlang. Hatte ich schon erwähnt, dass ich die Dunkelheit hasste? Zu allem Überfluss begann es nun auch noch zu regnen. Was sollte ich nur tun?
Immer mehr Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen. Ich war einfach vollkommen verzweifelt. Meine Gedanken schweiften umher, als plötzlich Lichter vor mir aufleuchteten und mich wieder zurück in die Gegenwart rissen. Ein großer Pick-up fuhr an mir vorbei, doch Sekunden später blinkten plötzlich die roten Bremslichter auf. Der Wagen wurde langsamer und hielt ein paar Meter weiter auf der anderen Seite der schmalen Straße an.
Scheiße, das fehlte mir gerade noch. Wer wusste schon, was für ein Mensch dort im Auto saß. Eine einsame Frau auf einer verlassenen Landstraße, und das auch noch mitten in der Nacht, das war doch ein Freifahrtschein für jeden Mörder. Man würde mich noch nicht einmal vermissen.
Okay, mein Mann vermisste mich sicherlich schon, da er inzwischen von seiner Dienstreise heimgekommen sein und mein Entkommen bemerkt haben müsste, doch das war selbst in dieser Situation kein Trost. Es bewirkte höchstens, dass mein Herz vor Angst noch schneller schlug, als es das seit dem Halten des Wagens sowieso schon tat. Ich wollte gar nicht daran denken, was er unternehmen würde, um mich zu finden. Unschlüssig hatte ich meinen Blick auf den Pick-up gerichtet, rührte mich jedoch nicht vom Fleck. Aber was hatte ich noch zu verlieren? Ich war doch schon längst tot, mein Schicksal war besiegelt. Wenn mein Mann mich finden würde, würde er mich umbringen. Genau das war die Konsequenz, wenn ich jetzt einfach aufgab. Ich atmete einmal tief durch und tat dann, was ich tun musste, um zu überleben.
Nicht weiter auf den Pick-up achtend, setzte ich meinen Weg fort. Blöderweise hatte ich die Rechnung ohne den Fahrer gemacht, der einfach zurücksetzte und schließlich mit laufendem Motor neben mir stehen blieb. Er kurbelte das Fenster herunter und lehnte sich schließlich etwas heraus. Aufgrund der Dunkelheit und des Regens erkannte ich leider nicht allzu viel von ihm, da die Scheinwerfer hier an der Seite nur wenig Licht boten und die Innenbeleuchtung direkt in seinem Rücken lag.
»Brauchen Sie Hilfe? Haben Sie sich verlaufen? Dies hier ist kein Ort für eine Frau, die allein unterwegs ist.«
Der Fremde sprach mit dunkler Stimme, in der ein tiefes Timbre mitschwang, das ich unter anderen Umständen sogar sehr sexy gefunden hätte. Aber Angst ergriff Besitz von mir, und es lief mir ein Schauer über den Rücken, weil mir bewusst war, dass ich ihm hier allein auf der Landstraße schutzlos ausgeliefert war.
Mit Männern hatte ich abgeschlossen, und ich war nicht bereit, von einer Hölle in die nächste zu wandern.
»Nein, alles gut!«
Schüchtern blickte ich zu ihm, unsicher, ob er mich überhaupt verstand, da ich so leise sprach, aber mehr konnte ich mir unter diesen Umständen nicht abverlangen, da meine Gedanken immer noch verrücktspielten.
Ich spürte, wie sein Blick über meinen Körper glitt. Unbehaglich trat ich von einem Fuß auf den anderen. Einerseits wünschte ich mir, mehr von ihm erkennen zu können, andererseits mochte ich es nicht, zu viel Aufmerksamkeit von einem fremden Mann zu erhalten, also sollte ich ihm meinerseits auch nicht zu viel davon schenken.
Zu meinem Erstaunen stieg er plötzlich aus und kam auf mich zu. Dicht vor mir blieb er stehen, sein eindringlicher Blick traf mich vollkommen unvorbereitet.
»Das sieht mir aber nicht danach aus. Sie sollten wirklich nicht allein hier umherwandern, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Die Straßen hier können gefährlich und heimtückisch sein. Haben Sie sich verlaufen? Soll ich Sie vielleicht irgendwo absetzen?«
Ich musterte ihn genauer und mir lief sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammen, als er sich so drehte, dass das Licht der Innenbeleuchtung mir mehr von ihm offenbarte.
Seine kurzen dunklen Haare, das markante Kinn und der sexy Dreitagebart zogen mich sofort in den Bann.
»Wow! Was für ein Mann!«, dachte ich.
Der Fremde grinste mich schelmisch an, und da erst bemerkte ich, dass ich meinen Gedanken laut ausgesprochen haben musste. Wäre es nicht so dunkel, könnte er jetzt genau erkennen, wie ich rot anlief.
Mir fehlten die Worte, und so stand ich einfach da und sah ihn verwundert an, als ich bemerkte, dass er mir meine Tasche aus der Hand nahm. Was sollte das werden?
»Vielen Dank! Wir sollten diese Unterhaltung aber vielleicht doch lieber im Trockenen weiterführen. Du bist vollkommen durchnässt und wir beide holen uns hier draußen sicherlich noch eine Lungenentzündung, wenn wir weiter herumstehen. Komm.«
Wie selbstverständlich duzte er mich, ließ mich ohne ein weiteres Wort stehen und ging zurück zu seinem Wagen. Sprachlos stand ich da und rührte mich nicht. Was fiel ihm ein, mir ohne zu fragen meine Tasche wegzunehmen und davon auszugehen, ich würde ihm einfach in sein Auto folgen? Die Gefahr, dass er vielleicht doch ein Massenmörder war, war noch lange nicht gebannt.
»Jetzt komm schon, oder soll ich dich tragen?«
Grinsend sah er mir entgegen und ich erwachte endlich aus meiner Schockstarre.
»Was fällt Ihnen ein? Sie können nicht einfach meine Tasche nehmen und mich dazu zwingen, bei Ihnen einzusteigen. Ich kenne Sie schließlich nicht. Geben Sie mir meine Tasche zurück und lassen Sie mich in Ruhe. Ich komme schon klar!«
So schnell wie möglich eilte ich hinter ihm her, um meine Tasche zurückzuholen, doch er packte sie wie selbstverständlich auf den Rücksitz und schloss die Tür.
»Das sehe ich anders. Ich sehe hier weit und breit niemanden, der dich sonst aus deiner misslichen Lage befreien könnte. Du kannst mir vertrauen, ich tue dir nichts. Ich möchte dir nur helfen und dich hier aus dem Regen rausholen, bevor du krank wirst. Na, komm schon.«
Nachdenklich musterte ich ihn und gab mir schließlich einen Ruck. Ich hatte keine andere Wahl und außerdem nichts zu verlieren, immerhin konnte ich wirklich nirgendwo hin. Gentlemanlike hielt er mir die Beifahrertür auf und half mir sogar beim Einsteigen. Die Schmerzen machten mir zu schaffen, und ich presste die Lippen fest aufeinander, um nicht laut aufzustöhnen, aber ein kleiner Laut entkam mir trotzdem.
Falls er mein Ächzen wahrnahm, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen schloss er einfach die Tür und umrundete den Wagen, um selbst einzusteigen. Sobald er saß, drehte er sich zu mir.
»Also, ich vermute, du hast keine Bleibe für heute Nacht?«
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich blickte auf die ineinander verschränkten Finger in meinem Schoß, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Die Nervosität nahm mir jeglichen Mut, und ich wusste immer noch nicht, ob ich ihm trauen konnte, auch wenn er mein letzter Ausweg aus diesem Albtraum war. Was war nur los mit mir? Ich wollte ihn wütend anschreien, weil er so selbstverständlich entschieden hatte, dass ich mit ihm mitfahren würde, aber kein Wort verließ meine Lippen. Der Kampfgeist von eben war direkt wieder erloschen. Dieser Mann löste etwas in mir aus, das ich seit Jahren, nein, eigentlich noch nie in meinem bislang dreißigjährigen Leben verspürt hatte. Ich fühlte mich geborgen und geliebt. Seine Gegenwart wirkte gefährlich und gleichzeitig beruhigend auf mich, was mich zutiefst verunsicherte.
Plötzlich spürte ich seine warmen Hände auf meinen. Automatisch verkrampfte ich mich und entzog mich ihm, vermisste seine Wärme jedoch augenblicklich. Dabei war es doch nur eine kurze, sanfte Berührung von ihm gewesen. Ich kannte ihn nicht, wusste nicht einmal seinen Namen. Er war ein Fremder, und doch löste er Dinge in mir aus, die mich überforderten. Was war nur los mit mir?
»Ich heiße übrigens Ben Marks, und du?«
Konnte er Gedanken lesen? Ich sah ihn immer noch nicht an, sondern hielt meinen Blick weiter gesenkt.
»O… ähm … Jules. Jules Bennett.«
Oh Mist! Fast hätte ich mich verplappert und ihm meinen richtigen Namen verraten. Aber im letzten Moment war mir dann doch die rettende Lüge über die Lippen gekommen, die mich vor den Gefahren meiner Vergangenheit schützen würde. Ich durfte niemandem vertrauen, schon gar nicht einem völlig Unbekannten wie Ben Marks.
Endlich startete er den Wagen.
»Ein schöner Name. Freut mich, Jules. Aber kommen wir doch noch mal zurück zu meiner ersten Frage, ob du weißt, wo du die Nacht verbringen kannst. Da du sie nicht beantwortet hast, gehe ich davon aus, dass du nicht weißt, wohin du heute Nacht sollst. Deshalb nehme ich dich mit zu mir, es ist nicht sehr weit. Dort bist du sicher.«
Ich blickte kurz auf und betrachtete sein Profil. Seine markanten Gesichtszüge strahlten eine unglaubliche Härte aus, aber die Sanftheit in seinen Augen sprach eine ganz andere Sprache.
»Das … das geht nicht. Auf gar keinen Fall. Ich kann nicht einfach mit zu Ihnen. Ich kenne Sie nicht mal. Setzen Sie mich einfach in der Stadt ab, dann finde ich schon etwas.«
Ich ignorierte sein ständiges Duzen, zu dem er so selbstverständlich übergegangen war, und blieb stur beim Sie. Für einen kurzen Moment löste er seinen Blick von der Fahrbahn, ließ sich von meinem Widerspruch jedoch sonst nicht weiter beeindrucken.
»Keine Widerrede. Du bist doch gerade aus der Stadt rausgekommen, und ich weiß, dass die Hotels zurzeit wegen der Messe alle ausgebucht sind. Aus diesem Grund wirst du die nächsten Tage sowieso kein Glück mit einem freien Zimmer haben und du willst doch nicht irgendwo auf der Straße übernachten. Wie gesagt, du kannst mir vertrauen. Wir haben ein Gästezimmer und eine heiße Dusche. Es ist wirklich nicht weit, wir sind gleich da.«
Mir fielen keine Ausreden mehr ein und ich gab mich geschlagen, auch wenn ich mich fragte, wen genau er mit wir gemeint hatte. Insgeheim war ich dankbar für sein Angebot, daher stellte ich keine weiteren Fragen. Dennoch fürchtete sich ein Teil von mir vor ihm und misstraute seiner netten Geste. Er strahlte eine ungeheure Stärke aus, die mich einschüchterte. Aber genau das wollte ich auf keinen Fall mehr: eingeschüchtert werden. Von niemandem. Das gehörte zu meiner Vergangenheit, und dort sollte dieses Verhalten auch bleiben.
Mein altes Ich aus der Zeit vor meinem Mann war nicht schüchtern gewesen, sondern genau das Gegenteil. Eigentlich hatte ich eine sehr direkte Art. So manches Mal hatten mich mein Temperament und mein loses Mundwerk schon in Schwierigkeiten gebracht. Aber so war ich eben gewesen und ich wollte wieder so sein wie damals. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob das je wieder möglich wäre, denn die Ereignisse der letzten Jahre hatten mich doch sehr geprägt.
Ich konnte es mir nicht erklären, aber die Wirkung, die Ben seit dem ersten Augenblick auf mich hatte, ließ mich hoffen, dass ich durch ihn wieder zu meinem alten Ich finden könnte. Es war nur eine Ahnung, der Anflug eines Gefühls, aber es war deutlich genug, um nicht einfach ignoriert werden zu können. Auf eine merkwürdige Weise hatte mich etwas vom ersten Moment an zu ihm hingezogen. Er ließ mir keine Wahl und traf Entscheidungen für mich, und doch fing ich an, ihm zu vertrauen.
Ich hoffte trotz seines Eifers und seiner Hilfsbereitschaft, die Welt würde morgen wieder anders aussehen und mir würde heute Nacht eine Lösung für meine Probleme einfallen, denn ein Zurück gab es ohnehin nicht mehr. Ich würde ein neues Leben anfangen, weit weg von meinem Mann und der Hölle, die ich hinter mir gelassen hatte. Es durfte nur niemand erfahren, wer ich wirklich war. Keiner durfte meinen richtigen Namen herausfinden, denn ich wusste, was dann geschehen würde. Mein Mann würde mich schneller finden, als mir lieb war. Fast wäre mir mein richtiger Name schon herausgerutscht und ich hätte mich verraten, noch bevor ich überhaupt mein neues Leben begonnen hatte. Ich musste wirklich besser aufpassen und darauf achten, dass ich keine Spuren hinterließ.

Wir waren ungefähr fünfzehn Minuten gefahren, als Ben in eine lange Auffahrt zu einem Grundstück einbog, das von einer hohen Mauer umgeben und mit einem großen massiven Stahltor vor unbefugtem Zutritt gesichert war.
Ungläubig blickte ich auf das, was sich hinter dem Tor verbarg. Es war ein riesiges Grundstück mit einer Villa. Der Weg dorthin war mit kleinen Scheinwerfern gesäumt, und auch an der Villa selbst befanden sich Lichter, die alles in einem prunkvollen Glanz erstrahlen ließen. Mir kam der Gedanke an ein Disney-Schloss in den Sinn, bei all den Erkern und Türmen, die das riesige Gebäude zierten. Er konnte hier unmöglich allein wohnen, vermutlich hatte er eine große Familie. Eine Frau und mindestens zehn Kinder. Was auch irgendwie absurd klang, wenn ich richtig darüber nachdachte. Meine Fantasie ging mit mir durch, so viel war klar.
Ich staunte immer noch, als wir aus dem Wagen ausstiegen. Aus der Nähe sah dieses Schloss noch imposanter aus, und ich wusste gar nicht, wohin ich meine Augen zuerst richten sollte.
»Heilige Scheiße!«, entkam es mir.
Ungerührt holte er meine Tasche vom Rücksitz, nahm meine Hand und führte mich über die große Treppe zur herrschaftlichen Haustür.
In der Villa brannte bereits Licht, als wir sie betraten. Ben stellte meine Tasche vor einer Kommode in der Empfangshalle ab und half mir aus meiner Jacke. Bei seiner Berührung erzitterte ich, als die Hitze seiner Hände durch die nassen Stoffschichten meiner Kleider drang. Ich kämpfte gegen den Impuls an, mich einfach gegen ihn zu lehnen und seine Wärme und Nähe in mich aufzusaugen.
»Komm, ich zeige dir das Gästezimmer. Dann kannst du gleich duschen und dich aufwärmen, damit du dich nicht erkältest. Den Rest des Hauses zeige ich dir später.«
Er nahm die Tasche wieder in seine Hand und führte mich die Treppe hoch, an deren Ende er nach rechts in einen langen Gang abbog. Staunend versuchte ich, mit ihm Schritt zu halten, denn noch nie hatte ich solch ein Schloss von innen gesehen. Es war stilvoll eingerichtet, einige Schränke und Kommoden zierten den Flur, dem wir folgten, und der durch diese sehr einladend wirkte. Bilder in den unterschiedlichsten Formen und Farben schmückten die Wände. Es war einfach wunderschön.
Ben blieb vor einer Tür auf der linken Seite stehen, öffnete sie und bedeutete mir, vorzugehen. Dann kam er ebenfalls herein, stellte meine Tasche auf das große Bett und zeigte mir anschließend eine weitere Tür im Raum.
»Hier ist das Badezimmer. Handtücher liegen dort im Regal. Bedien dich einfach. Wenn du fertig bist, komm runter in die Küche, sie befindet sich gleich links neben der Treppe. Ich mache uns etwas zu essen.«
Mit diesen Worten ließ er mich allein. Mir fehlten die Worte. Langsam drehte ich mich im Kreis, nahm das Zimmer um mich herum wahr und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Weiße Wände und Kommoden, ein mokkafarbener Teppich und ein Kingsize-Bett, welches den Großteil des Zimmers einnahm, schmückten den Raum. Vor den zwei Fenstern hingen dunkle braune Vorhänge, deren warmer Ton im Einklang mit den hellen Farben der Möbel stand und genau auf den Teppich abgestimmt war. Ich fühlte mich sofort wohl. Das angrenzende Bad war ebenfalls sehr geschmackvoll gestaltet mit seinen großen cremefarbenen Fliesen und den kleinen Mosaikfliesen in verschiedenen Brauntönen als Highlights dazwischen. Es gab einen Whirlpool und eine ebenerdige Dusche, in der gefühlt zehn Personen gleichzeitig Platz finden könnten. Bambuspflanzen rundeten das Gesamtbild ab.
Wow! Ich kam mir vor wie in einer Wohlfühloase und wollte nur noch eins: mich endlich entspannen und die Kälte aus meinem Körper vertreiben. Eilig zog ich meine nassen Klamotten aus und stieg unter die Dusche. Das heiße Wasser umhüllte mich vollständig und brannte gleichzeitig auf meinen Verletzungen. Trotz dieses Umstandes schloss ich genießerisch die Augen. Das war der schönste Augenblick seit Jahren, wenn ich den Moment außer Acht ließ, in dem dieser große muskulöse Mann mit der sexy Stimme in mein Leben getreten war und mich einfach auf der Landstraße aufgegabelt hatte - auch wenn er mich nach wie vor einschüchterte, allerdings nicht auf eine schlechte Art. Sofort ärgerte ich mich über diesen Gedanken, denn schließlich wollte ich mit Männern nichts mehr zu tun haben. Niemals wieder! Die Schutzmauern meines Herzens waren unüberwindbar, und dabei würde es auch bleiben.
Jemand klopfte an die Tür, und da erst bemerkte ich, dass ich mir viel zu viel Zeit gelassen hatte. Sofort stellte ich das Wasser ab und hüllte mich in eines der samtweichen braunen Duschtücher, das natürlich perfekt zu diesem Badezimmer passte. Hier hatte sich jemand sehr viel Mühe mit der Einrichtung gegeben und alles aufeinander abgestimmt.
Bens tiefe, sanfte Stimme drang durch die Tür. »Das Essen ist fertig, Jules. Ich wollte dir nur kurz Bescheid geben.«
»Ich bin gleich so weit.«
Im Schlafzimmer stellte ich fest, dass meine Sachen in der Tasche ebenfalls komplett durchnässt waren.
»Mist! Was mache ich denn jetzt? Ich kann doch schlecht nur mit einem Handtuch bekleidet durchs Haus spazieren.«
»Musst du auch nicht.«
Erschrocken machte ich einen Sprung zur Seite und stieß einen spitzen Schrei aus. Ich war so in meine Gedanken versunken ins Schlafzimmer gegangen, dass ich nicht bemerkt hatte, dass ich nicht allein war.
»Auch wenn dies wahrlich ein schöner Anblick wäre.«
Ben grinste mich vom Türrahmen aus augenzwinkernd an und kam langsam auf mich zu.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Hier. Ich habe mir schon gedacht, dass du das hier gebrauchen könntest.«
Ben reichte mir ein paar Kleidungsstücke und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. Oh verdammt! Sein Blick blieb an meinen Armen hängen, die seinen Blicken dank der spärlichen Bekleidung schutzlos ausgeliefert waren. Verflucht! Er starrte auf meine blauen Flecken, bei denen ich keine Chance mehr hatte, sie vor ihm zu verbergen. Jetzt, wo er mich im Licht sah und ich kein Make-up mehr trug, nahm er auch mein blaues Auge wahr. Bens Musterung verunsicherte mich komplett und ich wich seinem Blick aus. Ich wollte die Verurteilung darin gar nicht sehen und schämte mich.
Doch fast sofort lag seine Hand unter meinem Kinn und er hob es sanft, aber bestimmt an, während sein forscher Blick weiterhin auf mir lag. Er wollte etwas sagen, schloss seinen Mund jedoch gleich wieder. Ich sah, wie er seine Kiefer aufeinanderpresste. In seinen Augen blitzte Mitleid auf, aber ich erkannte noch etwas anderes: Wut. Pure unterdrückte Wut. Ich war mir nicht sicher, was er dachte, aber ich erkannte in seinem Blick, dass er sich ungefähr vorstellen konnte, was mit mir passiert war.
Vorsichtig hob er seine Hand an meine Wange und streichelte zärtlich, fast ehrfürchtig über meine geschundene Gesichtshälfte mit dem blauen Auge. Ich lehnte mich ihm instinktiv entgegen. Doch viel zu schnell fasste er sich wieder und trat zurück. Der innige Moment war augenblicklich vorbei, als er seine Hand wieder sinken ließ. Schüchtern nahm ich ihm die Kleidung ab und wartete, bis er wieder ging. Sobald er sich in meiner Nähe befand, war ich keines Wortes mehr fähig. Keine Silbe kam über meine Lippen, was mich wirklich nervte. Mir lagen so viele Wörter auf der Zunge, aber gleichzeitig fürchtete ich mich vor Ben und seiner Reaktion, weshalb ich sie dann doch für mich behielt.
»Ich komme gleich runter, danke!«
Er nickte, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich. Schnell zog ich mich an und schlüpfte in die Kleidungsstücke, die eindeutig Ben selbst gehörten. Natürlich war mir alles viel zu groß, was bei meiner Größe von knapp einem Meter sechzig nicht verwunderlich war, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich schnürte die Hose mit dem Zugband so gut es ging um meine Hüften fest. Das Shirt war mir viel zu groß, sodass es mir fast bis zu meinen Knien reichte und eher wie ein unförmiges Kleid aussah. Gott sei Dank besaß es lange Ärmel, weswegen die Spuren der Misshandlungen nicht weiter zu sehen waren, auch wenn Ben sie unglücklicherweise bereits entdeckt hatte. Dennoch fühlte ich mich wohler, wenn ich sie unter der Kleidung verbergen konnte.
Mein blaues Auge konnte ich mit dem bisschen Make-up, das ich noch besaß, kaschieren, bevor ich das Zimmer verließ.
Es war wirklich ein sehr imposantes Haus, wie ich beim erneuten Entlanggehen des Flurs feststellen musste. Obwohl ich noch lange nicht alles gesehen hatte, überwältigte es mich. Auf der rechten Seite sah ich eine Tür, die einen Spalt offen war, und da ich von Natur aus ein neugieriger Mensch war, blieb ich stehen. Ich wusste, ich sollte einfach weitergehen, schließlich ging es mich nichts an, was sich hinter der Tür befand, aber irgendetwas daran zog mich in den Bann. Vorsichtig näherte ich mich der Versuchung. Bevor ich mich traute, die Tür weiter zu öffnen, blickte ich noch einmal über meine Schulter, um sicherzugehen, dass mich niemand sah. Erst dann stieß ich sie auf, erstarrte jedoch sogleich und presste meine Hand auf den Mund, um nicht erschrocken aufzuschreien. Die Einrichtung war gleichzeitig schockierend, aber auch erregend, und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass ich so empfand. Ein riesiges Bett nahm die Mitte des Raumes ein. Links davon an der Wand befand sich ein Andreaskreuz. Überall hingen Peitschen, Ketten und andere Dinge an den Wänden, mit denen man jemandem Lust und Schmerz bereiten konnte. Weitere Möbel, deren Benutzung sich mir nicht ganz erschloss, standen im Raum verteilt. Dunkle Kommoden füllten die rechte Seite und …
Plötzlich spürte ich eine schwere Hand auf meiner Schulter und erschrak.
»Wer bist du und was hast du hier zu suchen?«
Stocksteif drehte ich mich um und blickte in die stechend grünen Augen eines Mannes. Es waren allerdings nicht die von Ben, obwohl es eine gewisse Ähnlichkeit gab.
Der Fremde sah mich schockiert an. In seinen Augen flackerte eine Ungläubigkeit auf, die ich nicht deuten konnte. Dann zog er plötzlich seine Hand von meiner Schulter, als ob er sich verbrannt hätte. Er fasste sich wieder und sein überraschter Ausdruck wechselte zu Misstrauen.
»Ich habe dir eine Frage gestellt.« Knurrend hob er seine rechte Augenbraue hoch.
»Genau genommen hast du zwei Fragen gestellt.«
Ups! Woher kam das denn jetzt? Sofort bereute ich, überhaupt etwas gesagt zu haben, da seine Augen sich drohend zusammenzogen und sein Gesichtsausdruck immer grimmiger wurde. Nun wurde ich doch unsicher, und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Wo war das Loch im Boden, wenn man es brauchte?
Schritte näherten sich und Ben tauchte hinter dem Mann auf. Sein Erscheinen ließ mich aufatmen und erleichterte mich ein wenig, da die Anwesenheit von diesem unbekannten Kerl mir doch zusetzte.
»Hey, du hast unseren Gast schon kennengelernt.« Ben wandte sich sogleich dem fremden Mann zu.
»Na ja, kennengelernt ist zu viel gesagt. Sie hat hier rumgeschnüffelt, und ich habe sie zur Rede gestellt, aber bisher noch keine zufriedenstellende Antwort erhalten.«
Bei seinen Worten ließ er mich nicht einen Moment aus den Augen. Ben trat neben mich, umfasste meine Schulter, und sofort versteifte ich mich wieder, was ihm nicht verborgen blieb.
»Ganz ruhig, Kleines. Er tut dir nichts. Auch wenn der große böse Kerl vor dir so aussieht, als ob er Nägel zum Frühstück verspeisen würde. Glaub mir, er ist ganz harmlos und beißt nicht. Jedenfalls nicht, solange du das nicht willst.«
Zwinkernd stellte Ben mir den Riesen vor. »Das ist David, mein Bruder.«
»Dein Bruder? Ähm … freut … freut mich, dich kennenzulernen.« Stotternd blickte ich den Hünen an. Dass er Bens Bruder war, erklärte die Ähnlichkeit.
»Und du bist?«
Ungeduldig wiederholte David seine Frage, die er mir zuvor schon gestellt hatte, und endlich war ich in der Lage, ihm auch darauf zu antworten.
»Jules.«
Ben sah auf mich herunter. »Ja, das ist Jules Bennett. Und da wir das nun geklärt und uns gegenseitig vorgestellt haben, können wir ja endlich essen.«
Ben drückte mich leicht an seine Seite, und auch wenn ich ihn kaum kannte, war ich ihm dankbar für die Geste.
»Na komm, Kleines. Jetzt gibt es erst einmal eine Stärkung, die wird dir guttun. Du musst doch schon halb verhungert sein.« Erneut sah Ben seinen Bruder an, dieses Mal jedoch warnend. »Vielleicht solltest du die Tür abschließen, bevor du noch jemanden verschreckst. Danach kannst du auch mitkommen, wenn du willst. Ich habe Suppe gemacht.«

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