Hard & Heart: Die Auster in der Löwengrube

Erscheint: 02/2018
Serie: Hard & Heart
Teil der Serie: 6

Genre: Soft-SM / BDSM

Location: Norddeutschland


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-322-4
ebook: 978-3-86495-323-1

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Hard & Heart: Die Auster in der Löwengrube


Inhaltsangabe

Doreen fühlt nichts. Egal, ob sie Romane liest, die andere Frauen zu Tränen rühren, oder den spektakulärsten Männern begegnet, bei denen sie ein nasses Höschen bekommen sollte - sie bleibt kalt. Sie weiß, dass sie der Ursache auf den Grund gehen sollte, wagt sich jedoch nicht. 
Als ihre Freundin Pia sich keine besondere Mühe gibt, zu verstecken, dass ihre Beziehung zu Finn BDSM-Spiele enthält, wird Doreen eifersüchtig. Sie will fühlen, und wenn es nur Schmerz ist. Die Sehnsucht wird übermächtig. In Pias Zimmer findet sie die Visitenkarte eines BDSM-Clubs.

Im Rosenclub, Henrys exklusivem BDSM-Resort, taucht eine junge Frau auf und möchte Mitglied werden. Ihr Wunsch ist jedoch nicht das lustvolle Spiel mit gleichgesinnten Partnern, sondern sie will geschlagen und anschließend alleine eingesperrt werden.
Henry ist fasziniert von dieser jungen Frau, aber auch misstrauisch. Er bittet seinen Freund Pascal Engel, Nachforschungen über Doreen anzustellen. Doch was er erfährt, lässt ihm keine Ruhe ...

Teil 6 der romantischen BDSM-Reihe "Hard & Heart". 

Über die Autorin

Sara-Maria Lukas, Jahrgang 1962, sagt "Moin" statt "Guten Tag". Unter dem Pseudonym verbirgt sich eine gebürtige Bremerin, die seit vielen Jahren in einem klitzekleinen Dorf zwischen Elbe und Weser wohnt. Sie liebt das raue Klima der Nordseeküste nicht nur, wenn...

Weitere Teile der Hard & Heart Serie

Leseprobe

 

XXL-Leseprobe bei Book2Look

 

Gespannt folgt sie ihm und sieht sich mit großen Augen um. Die Eingangshalle wirkt wie die Lobby eines altmodischen Hotels. Rechts steht eine ausladende Sitzgruppe, links ein langer dunkler Tresen, dahinter hängt ein Brett mit Zimmerschlüsseln und Postfächern an der Wand, das so antik wirkt, dass es vermutlich aus einem Antiquitätengeschäft stammt. Geradeaus blickt man neben dem Eingang in einen engeren Flur und auf eine ausladende Treppe, die nach oben und unten führt.
Er bittet sie um ihren Ausweis und verschwindet damit für einige Minuten durch eine Tür hinter dem Tresen,...

...die anscheinend zu einem Büro gehört. Als er zurückkehrt, drückt er ihr lächelnd das Papier wieder in die Hand. „Alles klar. Wie soll ich dich vor den anderen nennen?“
„Äh … wie meinst du das?“
„Manche Mitglieder benutzen im Club nicht ihren eigenen Namen, weil sie ganz sicher sein wollen, anonym zu bleiben.“
Sie zuckt mit den Schultern und muss für einen Moment an Pia und Finn denken, die unbeschwert und offen ihre Neigungen ausleben. Das sind die Einzigen aus ihrem Umfeld, die erfahren könnten, dass sie den Club besucht, weil sie hier selbst regelmäßig ein und aus gehen. Pia würde sie vermutlich bloß necken, wenn sie hört, dass sie sich hier unter einem falschen Namen herumtreibt. „Ich bleibe bei Doreen.“
Er nickt. „Die Bar ist im ersten Stock. Wollen wir da zuerst hin?“
„Äh … ja. Gern.“
Er führt sie die Treppe hinauf und dort in einen Raum, der die gleichen Ausmaße wie die Lobby hat. Hier ist der Tresen bogenförmig gebaut. Er besteht aus dunklem Holz, ebenso wie die verschieden großen runden und eckigen Tische.
Zwei Nischen sind besetzt, alle anderen Plätze leer.
Tom schlendert hinter den Tresen. „Setz dich. Was möchtest du trinken?“
Sie hockt sich auf den Rand eines Barhockers. „Irgendeinen Saft bitte.“
Er stellt ein Glas mit Orangensaft vor sie und gießt für sich selbst Cola ein.
Doreen sieht sich um. „Hier ist ja wirklich gar nichts los.“
Tom nickt. „Heute sind nur ein paar Stammgäste da. Die meisten haben sich direkt verabredet und sind schon in ihre Zimmer verschwunden.“
Sie trinken und Tom mustert sie ungeniert.
„Ist was?“, fragt sie einen Tick patziger, als sie eigentlich will.
Er lacht. „Entspann dich, Mädel. Löchere mich mit Fragen. Das möchtest du doch, oder?“
Jetzt muss sie auch glucksen. Er hat ja recht. „Stimmt, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“
Tom neigt kurz den Kopf, als wollte er sie einschätzen. „Was interessiert dich mehr, der devote oder der beherrschende Part?“
„Für welchen bist du denn zuständig?“
„Ich switche.“
„Ähm …?“
Er grinst. „Ich mag Rollenspiele und übernehme dabei, je nach Laune, mal den passiven und mal den aktiven Part. Ich bin gern Bottom, aber auch mal Top. Und ich mag Sex mit Frauen und Männern.“
Fasziniert starrt sie ihn an. „Also du lässt dich gern auspeitschen und teilst auch gern aus.“
„Nicht ganz, als Bottom sind mir echte Peitschen, die Striemen hinterlassen, zu heavy. Leichter Schmerz ist okay, er hilft, das Denken auszuschalten, um sich ganz in die Szene fallenlassen zu können.“ Er zwinkert. „Ich kann aber mit jeder Art Peitsche umgehen, falls in einem Spiel mein Sklave darauf steht, intensiver verwöhnt zu werden.“
„Aha.“
„Es geht nicht immer um Schmerz“, plaudert er locker weiter. „Klar gibt es Menschen, für die Lustschmerz sehr wichtig ist, aber insgesamt betrachtet sind die Neigungen sehr unterschiedlich. Manche brauchen kaum oder gar keinen Schmerz, es reicht ihnen, zu knien und zu dienen oder jemanden vor sich knien zu sehen, der ihnen die Füße küsst. Wieder andere sind sehr gerne gefesselt und wehrlos ausgeliefert, möchten dabei aber nicht leiden. Viele devote Menschen lieben es, von mehreren Dominanten gleichzeitig beglückt zu werden, und natürlich gibt es auch die Fans guter klassischer Vergewaltigungsszenarien.“
Sie starrt ihn immer noch fasziniert an, und er legt grinsend den Kopf schräg. „Du bist wirklich noch völlig ahnungslos, was?“
Sie zuckt mit den Schultern, dreht ihr Glas und betrachtet die kleinen Wellen der Flüssigkeit, die zwischen den Rändern hin und her schwappen. „Gibt es auch Leute, die dabei keinen Sex haben?“
Er runzelt die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Also … die sich zum Beispiel schlagen lassen, aber nicht mehr.“
„Na ja, wir spielen, weil es uns erregt, und in der Regel hat man dann auch Sex.“
„Aber wenn nun ein äh … Bottom den Sex … äh … nicht haben will? Kommt das vor? Ich meine, würde so jemand überhaupt einen äh … Top finden, der das für ihn tut?“
Tom stützt sich mit den Ellenbogen auf dem Tresen auf und sieht auf seine Finger. „Du meinst, du würdest dich gerne schlagen lassen und möchtest dann allein gelassen werden und dich um deinen Orgasmus selbst kümmern?“
Sie schluckt und starrt auf das Holz. „Gibt es so was?“
„Hast du schlimme Erfahrungen gemacht? Beim Sex? Vielleicht bei einer Session? Hast du mal was probiert und bist dabei an den falschen Partner geraten?“
„Nein. Ich habe nie so was versucht. Es ist nur … na ja, meine Fantasie.“

Mit hammerschlagmäßig donnerndem Herzschlag steht Doreen mitten im Raum. Inzwischen ist es bereits nach Mitternacht, aber sie spürt keine Müdigkeit. Adrenalin sorgt dafür, dass jede Faser ihres Körpers hellwach ist und ihre Sinnesorgane jede Einzelheit der Situation wahrnehmen.
Die Wände sind weiß gestrichen, der Boden ist dunkelbraun gefliest. Wandlampen sorgen für schummriges, flackerndes Licht, wie es Kerzenhalter im Mittelalter getan haben. An der Seite steht ein gewaltiges Himmelbett aus schwarzem Holz, in den Ecken schlichte Stühle. Eine Tür führt in das Bad, in dem sie sich eben umgezogen hat.
Sie trägt jetzt nur noch ein filigranes, fast durchsichtiges Nachthemd, das mit Knöpfen über den Schultern gehalten wird, sodass Tom es ihr ausziehen kann, sobald er ihre Handgelenke mit den ledernen Manschetten gefesselt hat, die mitten im Raum an zwei Ketten von der Decke hängen.
Sie haben alles bis ins Detail besprochen. Erst als der Ablauf minutiös geplant war, hat Tom sich bereit erklärt, es für sie zu tun. Er wird sie fesseln und mit einem Paddel schlagen, bis sie weint, anschließend wortlos losbinden, das Licht ausknipsen und sie allein lassen. Ihr Safeword heißt Salzstreuer. Damit kann sie die Session jederzeit beenden.
Sollte sie später, nachdem er sie verlassen hat, Hilfe brauchen, muss sie nur seinen Namen sagen und er kommt zurück, denn er kann sie über ein verstecktes Mikrofon hören. Der Raum wird überwacht. Es gibt auch eine Kamera. Die Session wird gefilmt. Sie wollte das nicht, aber das war seine Bedingung. Sonst hätte er nicht mitgespielt. Okay, sie versteht das, er muss sich ja wehren können, sollte sie hinterher sagen, sie wäre von ihm zu allem gezwungen worden. Schließlich kennt er sie nicht und es gibt keine Zeugen für ihr Gespräch. Außerdem meinte er, dass sie beim Spiel vergessen wird, dass es eine Überwachung gibt. Lange hat sie mit sich gekämpft, aber dann dachte sie, er kann ja im Dunklen sowieso nichts sehen, also kann sie es akzeptieren. Sie vertraut ihm, vielleicht weil sie Henry vertraut und Pia und Finn sich in diesem Club absolut wohl und sicher fühlen.
Schlagartig werden ihre Gedankengänge unterbrochen. Hinter ihr klappt die Tür auf und gleich darauf steht er vor ihr. Ohne auf seine Aufforderung zu warten, hebt sie die Hände, damit er die Fesseln befestigen kann. Das gepolsterte Leder fühlt sich gut um die Handgelenke an.
Er öffnet die Knöpfe des Nachthemdes und es fällt auf den Boden. Sie zuckt kurz zusammen. Ganz nackt vor ihm zu stehen ist seltsam. Sie ist nicht prüde, sie mag auch im Sommer FKK, es ist also nicht schlimm für sie, nur ungewohnt. Er mustert sie kurz und nickt beifällig. Anschließend zieht er die Ketten hoch und ihre Arme werden gestreckt.
Sie sieht ihn nicht an, sondern an ihm vorbei gegen die Wand.
Wie sie es besprochen haben, beachtet er sie nicht. Er tritt hinter sie und beginnt ohne Verzögerung mit der Folter. Erst ist es eher ein sanftes Streicheln, dann werden es allmählich Schläge.
Doreen atmet tief durch. Die ersten kräftigeren Treffer verursachen ein klatschendes Geräusch auf ihrer Haut. In regelmäßigem Rhythmus hebt er den Arm und lässt das breite Lederteil auf ihren Hintern sausen. Sie spürt einen leichten Schmerz. Es brennt etwas. Sie atmet tiefer und schließt die Augen. Das Brennen wird intensiver, es scheint auf ihrer Haut zu knistern. Euphorie breitet sich in ihrem Kopf aus, sie lächelt, und beim nächsten Schlag hört sie sich selber genüsslich stöhnen. Sie fühlt. Gibt es etwas Besseres als zu fühlen?
Tom hält Wort: Ohne Pause, ohne Fragen, ohne andere Berührungen schlägt er immer weiter. Die Hitze auf ihren Pobacken wird durchdringender, er zielt tiefer, auf die Rückseiten ihrer Oberschenkel. Intensives Brennen entlockt ihr lauteres Stöhnen, das Denken hört auf, das Gefühl auf ihrer Haut wird schneidender, nachhaltiger, und plötzlich schießen Tränen aus ihren Augen. Zwei weitere Hiebe und sie schluchzt laut auf. Sofort beendet er die Tortur, tritt vor sie, bindet sie los und verschwindet. Es klickt, das Licht geht aus, die Tür schlägt zu.
Doreen ist mit ihrem fühlenden Körper im Dunkeln allein.
Langsam sinkt sie auf den harten Fliesenboden, rollt sich auf die Seite und bewegt sich nicht mehr.
Sie fühlt. Brennen, Kribbeln, Hitze und eine ungewohnte Wärme tief in ihrem Bauch. Lautlos kullern Tränen der Dankbarkeit über ihre Wangen auf den kalten Stein.

Aufatmend setzt Henry den Blinker. Zwar sieht das auf der nächtlich leeren Landstraße sowieso niemand, aber der Mensch ist schließlich ein Gewohnheitstier. Langsam rollt er die Zufahrt zum Rosenclub entlang, drückt auf die Fernbedienung, um das Tor zu öffnen, und steuert nach links zu seiner privaten Garage, die sich ebenfalls per Knopfdruck öffnen lässt.
Es ist halb vier. Er hätte die Nacht im Hotel verbringen können, aber der Schuppen war dermaßen ungemütlich, dass es ihn vorzeitig nach Hause zog.
Das Gepäck kann im Wagen bleiben. Er hat jetzt keine Lust, sich darum zu kümmern. Durch eine Tür innerhalb der Garage gelangt er direkt in den Flur hinter dem Empfangstresen in der Lobby. Bevor er zu seinem Appartement am anderen Ende weitergeht, schaut er kurz durch die angelehnte Bürotür, weil ein Lichtschimmer darin seine Aufmerksamkeit erregt.
Tom ist auf dem ausladenden Chefsessel eingenickt.
„Was machst du denn hier?“
Er schrickt auf und sackt gleich darauf stöhnend wieder in sich zusammen. „Du bist es, Boss. Meine Güte, hast du mir einen Schrecken eingejagt.“
„Warum hast du dich nicht hingelegt? Am Telefon sagtest du, es seien nur sechs Stammkunden da. Für die musst du doch nicht im Büro bleiben.“
Tom reibt sich die Augen. „Nein, aber nachdem wir telefoniert haben, hat sich noch was anderes ergeben.“
„Aha?“
Henrys Blick wandert über die Monitore der Überwachungsanlage. Draußen ist alles ruhig. Er will sich schon abwenden, da zuckt er zurück. Ein Bildschirm überträgt Aufnahmen aus einem Zimmer. Das leicht unscharfe Bild der Nachtsichtkamera zeigt eine nackte Frau, die auf den blanken Fliesen in einem der Spielzimmer liegt.
„Wer ist sie?“
„Dir sagt der Name Doreen Vogt etwas? Sie ist eine Bekannte von Pia Krüger und meinte, du hättest sie in den Club eingeladen.“
Henry zuckt zusammen. Pias Mitbewohnerin geht ihm seit ihrem gemeinsamen Essen nicht mehr aus dem Kopf. Ständig muss er an sie denken. Nun so unerwartet ihren Namen zu hören, lässt ihn umgehend hellwach werden. „Stimmt.“
Tom nickt zum Monitor hinüber. „Das ist sie. Ich bin hier sitzen geblieben, um auf sie aufzupassen.“
„Wie bitte?“
Stirnrunzelnd tritt Henry näher und betrachtet das grobkörnige Schwarz-Weiß-Bild. Beim Anblick der schlanken, nackten Gestalt sticht es in seinem Herzen. Er ballt die Hände zu Fäusten. „Ist sie da allein? Was zum Teufel soll das?“
Tom winkt ab. „Beruhige dich. Keine Sorge, sie ist in Ordnung. Sie wollte genau das.“
In Henrys Nacken stellen sich die kleinen Härchen auf und ein Kloß bildet sich in seiner Kehle. Verkrampft lehnt er sich auf die Tischkante. „Erklär mir, was hier los ist.“
„Sie rief an, kam her, schilderte mir ihre Fantasie und ich habe sie ihr erfüllt.“
„Und dann bist du nicht bei ihr geblieben? Sie ist Anfängerin!“
„Sie hat es sich ausdrücklich so gewünscht. Sie wollte weder Sex noch Nähe, nur Schläge und im Dunkeln allein bleiben.“
„Merde!“ Henry denkt nicht, er weiß nur ganz genau, dass ihm das, was Tom gerade erzählt hat, nicht gefällt. Ohne zu überlegen, läuft er los, durch die Lobby zur Treppe und hinab in den Keller. Er reißt die Tür auf und drückt auf den Lichtschalter.
Doreen rührt sich nicht. Sie liegt mit angezogenen Beinen auf der Seite und hat ihre Hände zwischen ihre Oberschenkel gesteckt. Da sie kein Kopfkissen hat, ruht ihr Kopf schräg auf den Fliesen. Es muss furchtbar unbequem sein. Ihre Augen sind auf, aber sie scheint ihn nicht wahrzunehmen. Sie starrt geradeaus gegen die Wand.
„Doreen.“
Sie reagiert nicht und er tritt näher. An ihren Oberschenkeln sind feine helle Linien zu erkennen. Das müssen Narben sein. Jetzt erkennt er, dass sie zittert.
„Hey, sieh mich an“, fordert er und hockt sich neben sie.
Ihre Augen zucken kurz zu ihm. „Henry“, haucht sie und lächelt entrückt, während sich ihr Blick wieder gegen die Wand richtet. Immer noch bewegt sie sich nicht, aber sie leckt sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Es geht mir gut, keine Sorge“, flüstert sie.
Er legt eine Hand auf ihren Arm. „Du bist eiskalt.“
Sie seufzt leise. „Lass mich noch eine Weile.“
Verflucht! Ganz bestimmt wird er das nicht tun. Ja, sie sind in einem Club, in dem so ziemlich jeder Fetisch ausgelebt wird, und ja, natürlich sollte er sich nicht einmischen. Tom ist erfahren und weiß, was er tut, und wenn eine Frau allein im Dunkeln frieren will, ist das ihr gutes Recht, aber merde! Das interessiert ihn gerade nicht, verdammt noch mal. Es ist nicht irgendeine Frau. Es ist Doreen. Er kann es nicht erklären, er weiß nur, er muss diesen kalten Körper wärmen, für sie sorgen und für sie da sein. Sie gehört in seine Obhut. Das ist so unumstößlich klar wie ein verdammtes Naturgesetz … warum auch immer.
„Halt dich fest“, knurrt er und schiebt seine Hände unter ihren Brustkorb und die Kniekehlen. Sie hebt die Arme, schlingt sie jedoch nur kraftlos um seinen Nacken. Er hebt sie hoch und trägt sie mühelos durch den Flur in den privaten Trakt.
Tom steht in der Bürotür und sieht ihnen entgegen. „Mach mein Appartement auf“, brummt Henry, als er ihn erreicht.
Tom geht vorweg und gehorcht.
Irritiert schüttelt er den Kopf, als Henry Doreen an ihm vorbeiträgt und sein Schlafzimmer ansteuert. „Sie wollte es wirklich! Ich habe ausgiebig mit ihr geredet.“
„Ja, ja, schon gut. Hol einen heißen Tee.“
Er legt Doreen in sein Bett, deckt sie bis zum Hals zu und setzt sich auf die Kante der Matratze. Sie schließt die Augen, lächelt, wirkt ausgeglichen und entspannt, fast als hätte sie Drogen genommen.
„Versuch gar nicht erst, mich zu verstehen“, murmelt sie und zieht die Nase kraus. „Und ich will nicht darüber reden, schon gar nicht mit einem Ex-Psychologieheini.“
Er streicht sanft mit den Fingerrücken über ihre Wange. „Das musst du auch nicht.“
Bevor er sich bremsen kann, haucht er einen Kuss auf ihre Stirn.
Als Tom mit dem Tee kommt, legt Henry den Arm um ihre Schultern und nötigt sie, sich halb aufzurichten.
„Trink, damit du schnell wieder warm wirst.“
Entspannt an ihn gelehnt, fügt sie sich und schlürft in kleinen Schlucken aus dem Becher, den er ihr in die Hand gedrückt hat. Zwischendurch wirft sie einen schelmischen Seitenblick zu ihm nach oben. „Das war klasse.“
Er schmunzelt. „Aha.“
„Du hältst mich für total verkorkst, stimmt’s?“
Henry zuckt mit den Schultern. „Jeder erlebt Erotik und Sex anders.“
„Das war nichts mit Sex.“
„Nein?“
Sie seufzt. „Nein. Damit habe ich nichts am Hut.“

Als sie aufwacht und sich umsieht, ist Doreen irritiert. Sonnenlicht schimmert durch zugezogene Vorhänge, die Tür des Zimmers ist nur angelehnt und sie hört leise einen Radiosprecher und Geschirrgeklapper. Außerdem duftet es herrlich nach frischem Kaffee.
Sie ist im Rosenclub und durfte erleben, wonach sie seit Langem gierte. Danach hat Henry sie in ein Bett getragen und ihr heißen Tee gegeben. Anschließend muss sie sofort eingeschlafen sein, denn ihre Erinnerungen enden an dem Punkt, als er ihr den Becher wieder abgenommen und fürsorglich die Decke um ihren Körper festgestopft hat.
Das Zimmer wirkt nicht wie ein Gästezimmer, es muss sein privates Schlafzimmer sein. Sie ist nackt und ihre Klamotten kann sie nirgendwo entdecken. Soll sie aufstehen und ohne einen Fetzen Stoff am Körper aus dem Raum laufen? Sie befindet sich zwar in einem Sexclub, aber so hemmungslos ist sie nun doch nicht.
„Hallo?“, ruft sie zögernd.
Schritte nähern sich, die Tür wird aufgeschoben und Henry lehnt sich in den Türrahmen. Sein Anblick lässt sie kurzfristig alles andere vergessen. Sie kann sich nicht erinnern, jemals einen attraktiveren Mann gesehen zu haben als ihn. Er hat ein weißes Hemd an, das einen Kontrast zu seiner leicht gebräunten Haut bildet. Die Ärmel sind bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt. Darunter trägt er eine graue Anzughose und er läuft auf Strümpfen herum. Seine braunen Augen scheinen pure Wärme auszustrahlen.
Er lächelt. „Guten Morgen.“
„Guten Morgen.“
„Hast du gut geschlafen?“
„Wie ein Stein.“
„Dann geht es dir gut?“
„Ja.“ Verwundert stellt sie fest, dass ihr das gestrige Geschehen kein bisschen peinlich ist. Nichts ist ihr peinlich. Nicht, dass sie sich hat schlagen lassen, nicht, dass Henry sie nackt von den Fliesen gehoben und getragen hat, nicht, dass sie in seinem Bett liegt, und auch nicht, dass er jetzt vor ihr steht. Sein Lächeln und sein Gesichtsausdruck bestätigen ihr, dass alles okay ist. Sie ist an einem Ort, an dem sie sich für ihr Anderssein nicht schämen muss. Tief durchatmend nickt sie. „Ja, es geht mir sehr gut.“
„Schön. Möchtest du erst duschen oder erst frühstücken?“
„Duschen wäre toll. Und äh … meine Sachen?“
Henry öffnet eine Tür an der Seite und deutet hinein. „Hier ist das Bad. Frische Handtücher, Zahnbürste und ein Morgenmantel liegen für dich bereit. Deine Klamotten hat Tom in einem Schrank in unserem Umkleidebereich eingeschlossen.“
Sie nickt. „Danke.“
„Geh schnell duschen, denn das Frühstück ist gleich fertig. Ich hoffe, du magst Rührei?“
Als Antwort knurrt exakt in diesem Moment ihr Magen und sie gluckst. „Ich schätze, ich kann heute einen Berg davon vertragen.“
Als er sich bereits wieder abwendet, fällt ihr ein, dass sie ja nach Hause muss. „Weißt du, wann Züge fahren? Ich muss ins Büro!“
Er winkt ab. „Ich bringe dich. Ich habe einen geschäftlichen Termin in Hamburg.“
Sie zuckt zusammen, und er hat es anscheinend gesehen, denn er zwinkert. „Keine Angst, ich fahre langsam.“
Sie seufzt. „Okay.“