Gegen Liebe wächst kein Kraut
von Ivy Paul

Erschienen: 04/2017

Genre: Contemporary Romance, Romantic Comedy
Zusätzlich: Contemporary, Vanilla

Location: Irland, Internat, Herrenhaus

Seitenanzahl: 268


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-292-0
ebook: 978-3-86495-293-7

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Gegen Liebe wächst kein Kraut


Inhaltsangabe

Freya O'Hannlon, Gründerin des exklusiven Naturkosmetik-Labels "Rosewood Beauté", erhält ein verführerisches Angebot: Sollte es Freya gelingen, die uralte verschollene Kräuterbibel der Familie Hampton zu finden, schenkt ihr Mrs Hampton ihre vielgerühmten Kräutergärten. 

Leider erhält Freyas Rivale, der irische Starkoch Luke Sheehan, dasselbe Angebot.

Undercover als Hausmutter im ehemaligen Familiensitz der Hamptons, das mittlerweile als Nobel-Internat genutzt wird, hofft Freya ungestört nach dem Folianten suchen zu können. Doch Freya hat nicht mit der Kreativität der Internatsschüler gerechnet, die der neuen Hausmutter mit Vorliebe Streiche spielen. 

Als wären die Schülerstreiche nicht genug, trifft Freya bei der Vorstellung der anderen Hausangestellten fast der Schlag: Luke Sheehan hatte die selbe Idee wie sie und ist der neue Hausmeister! 

Zu gerne würde Freya den attraktiven Koch im Kohlenkeller einsperren, wenn seine Küsse nur nicht so süß und erregend wären ...

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

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Leseprobe

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Durch eine der Türen des Dienstbotentrakts trat sie in den großzügigen Innenhof des Anwesens. Das Atrium besaß Ausmaße, in die leicht zwei bis drei Fußballplätze hineingepasst hätten. Umrahmt wurde das Ganze von den Mauern des Herrenhauses und der Nebengebäude, bei denen der gregorianische Stil vorherrschte. Graue Mauern, weiße Sprossenfenster, helle, sorgfältig geharkte Kieswege und sattgrüner Rasen ließen Freya bewundernd innehalten und die Ästhetik genießen. Am anderen Ende des Hofes trat Luke Sheehan aus einer grobgehauenen Tür heraus, in der Hand einen Zinneimer, der jedoch leer zu sein schien, so wie Luke ihn hielt. Freya riss ihren Blick...

...von ihm los und begann stattdessen, Augenkontakt mit den Teenagern aufzunehmen. Sie zählte zwölf Teens, die, einzeln oder in Grüppchen, in unterschiedlichen Ecken des Hofs herumgammelten.
Fünf Jungs und sieben Mädchen, das bedeutete, dass zwei Jungs und ein Mädchen fehlten, was Freya aber vermutlich nicht weiter kümmern sollte, denn bestimmt waren während der Pausen die Lehrer dafür zuständig, dass keiner der Schüler verloren ging. Auf einem Mauervorsprung saß ein üppig gerundetes Mädchen mit langen, schwarz gefärbten Haaren, pechschwarz umrandeten Augen und ebensolchen Nägeln. Wie sie so dasaß und in ihrem Notizbuch schrieb, wirkte sie sanft und freundlich, doch als sie ihre Lider hob und Freya bemerkte, veränderte sich ihre Mimik so schlagartig, dass Freya erkennen musste, dass ihre erste Annahme wohl nicht richtig gewesen war. Kein Wunder, sie hatte keine Ahnung von Teenagern. Sie schluckte und lächelte tapfer. Sie würde sie einfach behandeln wie Erwachsene. Zwei Monate lang konnte sie sicher vortäuschen, Erfahrung mit Kinder und Teenagern zu haben.
Instinktiv erkannte sie aber, dass das mollige Mädchen die Anführerin der Teenies sein musste. Sie hüpfte leichtfüßig von der Mauer und steuerte direkt auf Freya zu.
„Hey!“, begrüßte sie Freya und schob sich einen Kaugummistreifen in den Mund, während sie Freya nicht aus den Augen ließ. „Ich bin Mimsy Mountbatton. Sie müssen die Hausmutter sein, Mrs Kenner hat uns mitgeteilt, dass Sie heute kommen.“
„Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin tatsächlich die Hausmutter. Mein Name ist Freya O’Hannlon.“
Mimsy legte den Kopf schief und musterte Freya abschätzend, während ihre Klassenkameraden dazukamen und sich um Mimsy scharten. Diese warf einen Blick in die Runde und erklärte: „Hühner, das ist unsere Hausmutter Miss O’Hannlon.“
„Freya O’Hannlon“, stellte Freya sich mechanisch vor.
Das erste Mädchen trat vor, ein spindeldürres Ding mit Rattenzöpfen und missmutiger Miene, und reichte ihr die Hand. „Leslie Parrick.“ Ihr Griff war kraftlos, und sie wagte kaum, Freya ins Gesicht zu sehen.
„Freut mich, Leslie!“
Nach und nach begrüßten sie alle mit Handschlag, äußerst höflich, wohlerzogen, und Freya rätselte, warum die Lehrer behauptet hatten, die Kinder seien schwer zu bändigen. Wenn das schwer erziehbare Kinder waren, dann mussten die anderen ja regelrechte Engel sein. Freya fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen, als ihr dämmerte, dass Roisin unrecht gehabt und die eigentümliche Mrs Makarow stark übertrieben hatte.
Nachdem die Mädchen mit ihrer Begrüßung fertig waren, waren auch die Jungs sofort zur Stelle, Freya mit einem Händedruck willkommen zu heißen. Einige von ihnen ließen sich sogar zu einer leichten Verbeugung hinreißen und Freya war entzückt von den Teenagern.
Die Menge an Namen und Gesichtern überwältigten Freya. Ihre Gedanken schwirrten, und sie wusste bereits jetzt, dass sie die Akten der Schüler ansehen musste, um die Namen mit dem dazugehörigen Gesicht in Einklang zu bringen.
Beschwingt kehrte sie kurze Zeit später ins Gebäude zurück.
Der letzte Junge hatte glitschige Hände gehabt, der arme Kerl musste wirklich nervös gewesen sein! Vermutlich war ihm der Gedanke an die neue ihm unbekannte Hausmutter unangenehm gewesen. Die Erkenntnis, so feuchte Haut zu haben, war für ihn wohl ebenfalls peinlich gewesen, denn er hatte sich fast sofort ihrem Griff entzogen. Freya wischte sich den Schweiß an der Jeans ab und stutzte. Ihre Haut schien am Stoff zu kleben. Sie versuchte, die Finger fortzunehmen. Zwecklos.
Sie presste die Zähne aufeinander. Das war nicht passiert. Oder?
„Diese kleinen Biester!“, zischte sie, während sie im Gang stehen blieb und überlegte, was zu tun war. Nach kurzem Zögern entschied sie sich, in die Küche zu gehen. Vielleicht konnte man ihr dort mit Spülmittel oder Ähnlichem aushelfen.
Sie folgte ihrer Nase und ihrem Gehör. Da man offenbar damit beschäftigt war, zu backen, roch es schon im Flur nach Kuchen, und Topf- und Geschirrklappern wiesen ihr ebenfalls den Weg. Schließlich erreichte sie eine Tür mit einem Fenster im oberen Viertel. Ein Blick hindurch bewies Freya, dass sie die Küche gefunden hatte. Die rechte Hand zum Öffnen der Tür zu benutzen, musste sie jedoch unterlassen, als sie ein schmerzhaftes Ziehen daran erinnerte, was der Grund für ihren Küchenbesuch war.
Dampf, Wärme und der Geruch nach frisch gebackenen Scones schlugen ihr entgegen. Auf der Arbeitsfläche stand eine riesige Schüssel Clotted Cream, in der eine Suppenkelle steckte, und eine ebenso große Schale mit roter Konfitüre. Freya lief das Wasser im Mund zusammen, und sie gab sich für einen Moment der Illusion hin, mit den Händen hineinzugreifen und wie ein verhungernder Wolf über den Nachmittagsimbiss herzufallen, als ihr Mabel in den Weg trat und sie aus ihrem Tagtraum aus maßloser Völlerei riss. „Miss, Sie dürfen hier nicht rein! Schon gar nicht ohne Haarnetz.“ Sie besaß einen schwerfälligen Tonfall und ihre Miene war die einer missmutigen Bulldogge. Dabei war sie eher von hagerer Gestalt und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Hund.
„Entschuldigung, aber ich habe ein Problem.“ Sie schnaufte frustriert. „Die Schüler haben es geschafft, meine Hand mit Sekundenkleber zu beschmieren …“ Bedeutungsvoll sah Freya auf ihre rechte Hand, die nach wie vor an ihrem Oberschenkel klebte.
Mabel folgte dem Blick und starrte sekundenlang auf den Handrücken ehe sie wieder ihren Kopf hob. Ihrem Gesicht war keinerlei Gefühlsregung anzusehen. „Ja und?“
Freya ahnte, dass ihre Zeit in Hampton House vermutlich zur Bewährungsprobe ihrer Geduld werden würde. „Hören Sie, Sekundenkleber geht prima von der Haut herunter, wenn man sie mit Margarine oder Spülmittel tränkt.“
Mabel blinzelte verständnislos, und Freya versuchte herauszufinden, ob die Küchenfee ihr nicht helfen wollte oder einfach nur schwer von Begriff war.
„Sie brauchen ein Lösungsmittel“, entschied die Frau und drehte sich um. Sie marschierte zum Haustelefon, und gerade als sie den Hörer abnahm, öffnete sich die Tür auf der gegenüberliegenden Seite der Küche, die ins Freie führte, und Luke Sheehan kam herein.
„Ich habe einen Bärenhunger, wäre es möglich, dass ich Tee und etwas zu essen bekomme?“
Mabel drehte sich um. „Sean, da sind Sie ja. Wir wollten Sie gerade zu Hilfe rufen.“
Luke kam stirnrunzelnd näher und musterte Freya und Mabel fragend. „Was ist passiert?“
Zähneknirschend warf Freya Mabel einen bösen Blick zu, als sie sich von ihr und Luke unbeobachtet fühlte.
„Die Kids haben mir einen Streich gespielt“, gestand sie widerwillig.
Lukes Interesse folgte Freyas aufforderndem Blick auf ihren Schenkel hinunter, und seine Musterung hatte zur Folge, dass ihr mit einem Mal unnatürlich warm wurde.
Er grinste. „Lassen Sie mich raten: Sekundenkleber?“
Freya nickte säuerlich.
„Ich hätte Sie ja gewarnt, aber heute Mittag dachte ich, das sei vielleicht unnötig. Das sind keine Kinder, das sind Monster.“ Luke machte eine Kopfbewegung, die zum Ausgang deutete. „Kommen Sie mit, ich habe in meiner Werkstatt ein Lösungsmittel. Aceton ist wohl am besten.“
Er legte Freya die Hand auf das Schulterblatt, um sie galant zur Tür zu lenken, doch Freya entwand sich seiner Berührung. Da sie ihn nicht ansah, wusste sie nicht, wie er darauf reagierte. Wobei es ihr jedoch ohnehin egal war.
Luke führte sie an der Außenseite der Gebäude bis zu einer schäbigen Holztür, die sich aber als überraschend massiv herausstellte. Im Innern gab es keine Fenster, so war es stockdunkel, und nur das Licht, das durch die Öffnung hereinfiel, erhellte den kleinen Gang. Luke schaltete die Lampe an einem Kippschalter an und schloss den Eingang hinter sich. Auf der rechten Seite führte eine offenstehende Tür in Lukes Werkstatt.
Es war alt, staubig und kalt hier, aber trotz des ungepflegten Zustands des Arbeitsraums waren die Werkzeuge sichtlich von Qualität. Gegenüber der Raumtür hatte jemand ein Wandbord angebracht, worauf ein buntes Sammelsurium an Büchsen stand, zumeist Lack- und Acrylfarbdosen, an deren Außenflächen Farbnasen die jeweiligen Nuancen verrieten.
„Dann wollen wir mal sehen, ob wir die Hand von der Jeans befreien können“, sagte Luke aufmunternd und drehte Freya den Rücken zu, um auf dem Regal zwischen den Dosen nach etwas zu suchen. Er trat mit einer schmalen Metalldose mit Ausgießer zu ihr.
„Aceton“, erklärte er und hob die Dose. Er kam näher, viel näher, als Freya erwartet hätte. Sie schluckte nervös, während das Herz in ihrer Brust raste. Sie war wie erstarrt. Luke beugte sich davon ungerührt vor und griff hinter sie. Er war ihr so nah, dass sein Haar sie beinahe an der Wange kitzelte und sie sein Aftershave riechen konnte – Weihrauch, Nadelbaum und Moos, sehr herb, sehr männlich und absolut sinnlich. Freyas Knie wurden weich.
Luke trat einen Schritt zurück, mit einem Lumpen in der Hand, der auf dem Gestell hinter Freya gelegen hatte. „Dann wollen wir mal!“, verkündete er und ging auf die Knie.
Er benetzte den Lappen mit dem Lösungsmittel und betupfte damit die Umrisse ihrer Hand. Der stechende Geruch stieg Freya in die Nase und sie stöhnte.
„Ich weiß“, kommentierte Luke. „Bewegen Sie bitte mal Ihre Finger.“
Daumen, Zeigefinger und kleiner Finger schienen sich allmählich vom Stoff trennen zu können. Stumm setzte Luke seine Befreiungsmaßnahmen fort. Der Gestank des Acetons rief Schwindelgefühle in Freya hervor.
„Ich weiß nicht, wie gut die Hose die ganze Prozedur verkraftet“, meinte Luke und zog sacht an ihrem kleinen Finger. Diese winzige Berührung schaffte es fast, dass Freya zu beben begann wie ein Teenager. Sie starrte vor sich auf die Werkzeuge im Regal und versuchte, sie der Reihe nach zu identifizieren, was sich als einigermaßen kompliziert herausstellte, da sie sich mit Handwerk nicht auskannte und gegen ihren Willen immer wieder von Luke abgelenkt wurde.
Endlich war es so weit und sie konnte ihre Handfläche ohne größere Widerstände von ihrem Schenkel entfernen. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihr. Sie hob den Arm, um das Corpus Delicti zu betrachten, und fand nichts weiter als etliche jeansfarbene Fussel und das Muster des Stoffes, das sich auf ihrer Haut eingeprägt hatte.
Der beißende Geruch nach Aceton war nach wie vor atemberaubend.
Luke erhob sich und schraubte dabei den Deckel auf die Flasche mit dem Lösungsmittel. Er deutete mit dem Kopf auf ein Waschbecken, das versteckt hinter dem Regal an der Wand befestigt war.
„Dort können Sie Ihre Hände waschen, aber Vorsicht, es könnte ein bisschen unangenehm werden, denn das Aceton ist nicht besonders hautschonend“, meinte er, während er das Lösungsmittelbehältnis an seinen alten Platz zurückstellte.
Erst jetzt kam Freya dazu, über ihn nachzudenken. Er schien ebenso wie sie ernste Absichten zu hegen, die Kräuterbibel zu suchen. Sie sollte ihn nicht unterschätzen, aber dass er sie offensichtlich nicht erkannte, könnte von Vorteil für sie sein. Sie musste klug handeln, wenn sie ihn überlisten wollte, und vor allem musste er glauben, unerkannt geblieben zu sein, und durfte umgekehrt nicht herausfinden, wer sie war. Eigentlich keine Schwierigkeit, möchte man meinen, aber bestimmt hatte er ebenfalls von Mrs Hampton erfahren, dass außer ihm auch sie mit der Suche betraut worden war. Ob er ahnte, wer sie war? Sie warf ihm durch das Spiegelbild einen Blick zu, während sie ihre Hände zum zweiten Mal einschäumte, um die Reste von Kleber, Jeansfusseln und Aceton fortzuwaschen. Der Duft nach Wald stieg ihr in die Nase.
Als fühlte Luke, dass sie ihn anstarrte, drehte er sich zu ihr um und schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Sie widerstand dem Impuls, sich umzudrehen, um die Geste ohne Umweg über den Spiegel zu sehen.
„Der Gestank verschwindet wohl erst, wenn Sie Ihre Jeans ausgezogen haben“, sagte er in diesem Moment.
„Das tue ich bestimmt nicht vor Ihnen“, erwiderte Freya und schämte sich sofort für ihren schnippischen Kommentar.
„Schade“, gab Luke zurück. Er deutete auf das schmale Bord über dem Waschbecken, auf dem ein Kamm und eine Cremedose aufgereiht waren. Freya hob fragend die Augenbrauen, während sie ihre Hände abtrocknete.
„Greifen Sie in die Creme, das hilft gegen das Austrocknen der Haut.“
Neugierig folgte sie seinem Angebot, denn sie probierte gern die Produkte der Konkurrenz, schon allein, um einen guten Vergleich zu haben. Der Tiegel enthielt eine weiße, softe Substanz ohne Geruch, die leidlich einzog und ein leicht eingecremtes Gefühl auf der Haut hinterließ. Immerhin bewies Luke Sheehan Geschick bei der Auswahl seiner Cremes.
Abrupt stellte sie die Dose wieder zurück und drehte sich um. „Ich geh dann mal. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“
„Nichts zu danken. Ich spiele gern den Ritter für so attraktive Frauen wie Sie“, schmeichelte er, und Freya war sofort alarmiert, weil ein Mann lediglich dann so charmant war, wenn er sich etwas davon versprach.
„Ein Glück, dass die Zeit der Ritter vorüber ist, heutzutage braucht eine Frau nur noch in Ausnahmefällen einen Ritter“, schoss sie zurück.
Luke blinzelte überrascht und wirkte sprachlos.
„Noch mal danke“, meinte Freya und ging zur Tür hinaus, ohne weiter auf Luke zu achten.
Draußen im Hof holte sie erst einmal tief Luft, als reinigte dies ihre Lungen von den Lösungsmitteldämpfen. Selbst nach mehreren Atemzügen schienen deren Partikel ihre Nase zu beherrschen und nahmen ihr für den Moment die Möglichkeit, etwas Anderes zu riechen.
Freya eilte über den Hof ins Haus, die Treppen hinauf und stürmte in ihr Zimmer, ehe sie wenig später ihre Zimmertür zuschlug. Sie stieg aus den Schuhen und der Jeanshose. Letztere warf sie in die Duschwanne und ließ reichlich Wasser darüberlaufen. Bis sie einen Wäschebeutel beisammenhatte, musste Handwäsche reichen. Sie hoffte nur, dass sie die Hose so geruchsfrei bekam.
Sie erinnerte sich wieder an den Verursacher des Malheurs. Diese Teenager! Wenigstens wusste sie jetzt, woran sie bei ihnen war, und ein zweites Mal würde ihr so etwas nicht noch einmal widerfahren.

Das Essen wurde zusammen mit den Schülern im Speisesaal eingenommen, einem ehemaligen kleinen Ballsaal, dessen ursprüngliche Ausstattung man weitgehend erhalten hatte: Kronleuchter und goldfarbene Stuckarbeiten schmückten die Decke und die Ränder, an denen Decke und Wände aufeinandertrafen. Einige Säulen standen in einer Reihe auf der rechten Seite des Raumes und wurden immer wieder von hohen Palmen in Blumenkübeln unterbrochen. Auf diese Weise war ein schmaler Gang entstanden, und Freya entdeckte dort ein paar Geschirrwagen, vermutlich um das Geschirr zwischen Saal und Küche leichter hin- und hertransportieren zu können.
Die Tische und Stühle, die sich in der Saalmitte verteilten, bestanden aus dunklem Holz und Nachbildungen gregorianischer Stücke. Die meisten Tische waren für sechs bis acht Personen gedacht. Da sich fünfzehn Jugendliche in dem Internat aufhielten, waren nur zwei Esstische belegt, einer, an dem die Jungs Platz genommen hatten, und ein zweiter, an dem die Mädchen saßen.
Die Lehrer und Freya befanden sich an der Stirnseite des Raumes an einem Tisch, der ihnen, sofern sie mit dem Gesicht zum Rauminneren hockten, einen Blick auf das Geschehen gab.
Im Moment hielt Mrs Kenner eine Ansprache, der die Lehrer eher gleichmütig, die Kids aber amüsiert und feixend lauschten. Es war nicht auszuschließen, dass hinter den harmlos scheinenden Mienen irgendwelche Teufeleien ausgeheckt wurden. Nach Freyas eigenen Erfahrungen mit den Schülern erschien ihr das nun sogar als wahrscheinlich. Zu gern hätte sie den Schuldigen für das Sekundenkleber-Debakel am Schlafittchen gepackt und durchgeschüttelt, aber sie ahnte, dass es genau das oder Ähnliches war, was die Teenager erwarteten. Also tat sie das Gegenteil. Sie lächelte und nickte allen gut gelaunt zu, ganz so, als könnte sie es kaum erwarten, sich eingehender mit ihnen zu befassen. Ob sie das als Drohung auffassen wollten, blieb ihnen überlassen. Fürs Erste würde Freya sich ihnen gegenüber ausgesprochen freundlich verhalten. Eben so wie sie es mit unverschämten Kundinnen getan hatte, die früher in ihrem Laden erschienen waren. Es war nie herausgekommen, aber oft hatte sie diesen Damen einen Tiegel ganz besonderer Creme verkaufen können, den sie angeblich nur für spezielle Kundschaft bereithielt. In Wahrheit beinhaltete der Pott eine Lotion für außerordentlich sensible Haut ohne Duft, die ausschließlich von Allergikerinnen bevorzugt wurde; lediglich mit ein paar Tröpfchen Maiglöckchenduft aufgepeppt, hielten die Alptraum-Kundinnen diese Creme für etwas besonders Exklusives. Vielleicht war das der Trick gewesen, um mit dieser Sorte Frauen umzugehen: Menschen, die sich dermaßen benachteiligt fühlten, dass sie glaubten, ihre Umgebung tyrannisieren zu dürfen, benötigten nur das Gefühl, bevorzugt zu werden. Freya würde versuchen, die Teenager ähnlich zu behandeln.
Freya faltete die Hände auf der Tischplatte und lächelte Mimsy an, hinter der sie die Drahtzieherin für den Streich vermutete. Die liebliche Miene, die ihr entgegenstarrte, wirkte auf Freya so wenig vertrauenserweckend wie die eines Profikillers, der mit gezückter Waffe vor ihr stand und versprach, ihr nichts antun zu wollen. Freya mutmaßte, dass sie Mimsy auf ihre Seite ziehen musste, um ihre Zeit als Hausmutter ohne Störungen herumzubringen. Also täte sie gut daran, herauszufinden, wo Mimsys Schwachstelle lag.
Endlich hatte Mrs Kenner ihren Vortrag beendet, und Freya stimmte in den höflichen Applaus ein, der von Belegschaft und Schülern ausging.
Mabel und Aggy schoben große Servierwagen durch den Raum, auf denen die Teller mit den Vorspeisen angerichtet waren.
Toni beugte sich zu Freya. „Wie lief deine erste Annäherung mit den Schülern heute Nachmittag ab?“
Freya rollte mit den Augen. „Sie haben sich gleich angemessen vorgestellt und mir gezeigt, dass sie kleine Monster sind“, erklärte sie.
Das Lachen, das über Tonis Lippen sprudelte, war ansteckend. Selbst der sauertöpfische Mr Blumberg, der nichts weiter als das Lachen mitbekam, schmunzelte verhalten.
Toni lehnte sich vertraulich vor. „Also gut, jetzt erzähl mir jedes Detail!“
Freya neigte sich zu ihr und brach nur kurz ab, als Aggy ihr und Toni den Teller reichte. „Sie haben es geschafft, Sekundenkleber auf meine Hand zu bringen, die mir dann natürlich prompt an der Hose festklebte.“
„Nein!“ Tonis Mundwinkel zuckten. „Lass das nur nicht die Makarow hören, für sie sind es keine übermütigen Bambini, sondern zukünftige Terroristen, die man bei karger Kost und Prügelstrafe umerziehen sollte.“
Freya warf der Russin einen verstohlenen Blick zu und sah, dass diese eben ihr Horsd’œuvre aufspießte und es sich in den Mund schob, um darauf herumzukauen, als ginge es darum, etwas Feindliches durch gründliches Zermalmen mit den Zähnen zu vernichten. Rückblickend war sie dankbar, dass sie nie ähnliche Lehrer wie Mrs Makarow gehabt hatte. Erneut ließ sie ihre Aufmerksamkeit über die Teenager gleiten und fing dabei zufällig Mimsys Blick auf, der sich auf Mrs Makarow richtete. Mimsys Kinn zitterte und in ihren Augen lag Furcht. Keine Todesangst, nur die Angst einer Schülerin vor einer extrem strengen Lehrerin, die unangenehme Strafen für ihre Schutzbefohlenen verhängte.
Freya würde das im Kopf behalten.