Sweet Sins: Fesselnde Blicke
von Ivy Paul

Erschienen: 12/2015
Serie: Sweet Sins
Teil der Serie: 3

Genre: Soft-SM / BDSM

Location: Australien

Seitenanzahl: 308


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-209-8
ebook: 978-3-86495-210-4

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

Erhältlich bei u.a.:

und allen gängigen Onlinehändlern und im Buchhandel

Sweet Sins: Fesselnde Blicke


Inhaltsangabe

Mit Fingerspitzengefühl und Empathie findet Renee Maurice, die Chefin der Agentur „Sweet Sins“, für ihre Klienten immer das passende sexuelle Gegenüber. Sie selbst erlaubt sich seit einer verstörenden Erfahrung jedoch nur die Erfüllung ihrer voyeuristischen Neigung, bis der dominante Journalist Nicholas Brady sie verführt und verdrängte devote Sehnsüchte wiederbelebt.
Ihr Versuch, ihm aus dem Weg zu gehen, scheitert, als er dringend ihre Hilfe benötigt, um eine in Frankreich verschollene Frau wiederzufinden.
Inkognito landen beide in den Cinque Terre in einem eleganten BDSM-Resort. Dort gelingt es ihnen nicht lange, ihren Begierden und ihrer zügellosen Lust nacheinander zu entsagen.
Doch ihr Auftrag und Renees Vergangenheit werfen ihre düsteren Schatten voraus …

Teil 3 der "Sweet Sins"-Reihe.

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

Weitere Teile der Sweet Sins Serie

Leseprobe

Ungeduldig warf Nicholas das Kaugummipapier zu Boden.
Was gäbe er darum, jetzt eine Zigarette zu rauchen! Er schloss die Augen und schmeckte den Tabak förmlich auf seiner Zunge, roch den herben Rauch und fühlte den Glimmstängel sogar zwischen den Fingern.
Er seufzte frustriert und öffnete die Augen.
Eine dumme Idee von ihm, hier in der Seitenstraße zu warten, bis Renee Maurice das Haus verließ. Aber was blieb ihm übrig? Der Vorzimmerdrache hatte ihn jedes Mal abgewimmelt, und der Concierge ließ ihn nicht einmal ins Gebäude.
Die Chefin der Erotik-Agentur war störrisch wie ein Muli. Wenn er nicht auf ihre Hilfe...

...angewiesen wäre und sie nicht so verdammt verführerisch wäre, hätte er die Botschaft akzeptiert, dass sie keine neue Begegnung mit ihm wünschte, und er hätte auch keinen Kontakt zu ihr gesucht. Aber so stand er jetzt hier im Schatten einer Häuserwand, um Renee wie ein Stalker aufzulauern.
Das Licht im Treppenaufgang schaltete sich ein, und Nicholas wich in eine Hausnische aus, um sich gleichzeitig zu schelten, weil er sich benahm, als plante er ein Verbrechen.
Nach einer Weile öffnete sich die Eingangstür, und Renee trat heraus. Sie trug ein kurzes Spenzerjäckchen und einen weit schwingenden Rock zu High Heels. In der Hand hielt sie eine Kuvert-Handtasche. Sie war wie immer strahlend schön und lief zielstrebig in Richtung Hauptstraße. Vermutlich wollte sie sich ein Taxi nehmen.
Nicholas folgte ihr.
Nach ein paar Metern schien sie zu merken, dass sie verfolgt wurde. Nicholas beschleunigte seine Schritte und anstatt sie anzusprechen, legte er seine Hand auf ihre Schulter. Renee wirbelte herum und versetzte ihm eine Ohrfeige, sodass ihm die Ohren summten. Sie starrte ihn panisch an, doch als sie ihn erkannte, wich die Angst aus ihrem Blick. Zorn blitzte in ihren Augen.
„Nicholas Brady! Sie sind das?“ Sie bückte sich nach ihrer fallengelassenen Handtasche.
Nicholas hob entschuldigend die Hände. Er konnte verstehen, wie das alles auf sie wirken musste, und hoffte, ihr erklären zu dürfen, worum es ging.
Als sie ihr kurzes Jäckchen zurechtzupfte und wirkte, als würde sie jeden Moment davonlaufen, fürchtete Nicholas, sich zu viel erhofft zu haben.
„Ich brauche Ihre Hilfe, Renee“, begann er.
„Wobei, Nicholas? Sie haben von mir schon mehr bekommen, als Ihnen zusteht“, erklärte sie barsch. „Suchen Sie sich jemand anderen.“
Genau das war das Problem. Es gab niemand anderen. Wenigstens keinen, der ihm auf die Schnelle helfen konnte. Und leider kam es darauf an. Er musterte sie von den High Heels bis zu den Augen und lächelte. „Schöne Schuhe.“
Das Kompliment brachte sie aus dem Konzept, genau, wie er es beabsichtigt hatte. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Danke.“ Dennoch wandte sie sich ab und setzte ihren Weg Richtung Hauptstraße fort.
Erneut griff Nicholas nach ihr und hielt sie am Ellenbogen zurück. Sie versuchte, ihn abzuschütteln, und für eine Frau erwies sie sich als erstaunlich kräftig. „Bitte, Renee! Ich meine es ernst. Ich brauche Ihre Hilfe!“, bat er und legte all sein Flehen in seinen Blick. Ihre Lider flatterten, und ihm schien, als wollte sie ihre Augen abwenden, konnte es aber nicht. Zorn blitzte in ihren Pupillen.
„Lassen Sie mich los!“, zischte Renee und riss sich los. Sie hatte bereits mehrere Schritte zum Taxistand zurückgelegt, ehe er ihr hinterherlief.
„Ein Mädchen ist verschwunden“, unternahm Nicholas einen weiteren Versuch.
Renee erstarrte und drehte sich um. Ihre braunen Augen spiegelten Schrecken und Verwirrung wider. „Und wie kann und soll ich Ihnen in dieser Angelegenheit helfen?“, wollte sie wissen.
„Sie kennen Pascal Folly“, sagte Nicholas.
Einen Moment lang wirkte es, als verlöre Renee die Fassung, dann schüttelte sie den Kopf. „Der Name sagt mir nichts.“
Sie wandte sich erneut um und raste förmlich zum Taxistand, um sich dort in das vorderste Taxi zu setzen.
Frustration machte sich in Nicholas breit. Er hatte befürchtet, dass es nicht einfach sein würde, Renee zu überzeugen, und noch mal schwieriger, sich ihrer Mithilfe zu versichern.
Er beobachtete, wie das Taxi mit ihr davonfuhr. Aufgeben kam nicht infrage, er musste es schaffen, sie zu überreden.

Renees Gedanken flatterten wie aufgeregte Vögelchen in ihrem Kopf umher. Pascal Folly. Sie hatte schon Jahre nicht mehr an ihn gedacht und geglaubt, die Erinnerungen an ihn überwunden zu haben. Doch während der Taxifahrer sie durch die Vororte Sydneys in die City hinein kutschierte, überfielen sie Bilder: der Gynäkologenstuhl. Der Rohrstock. Der Schmerz. Ihr Ausweichen und die Platzwunde, die sie deswegen davongetragen hatte.
Pascal Folly und sein SM-Zirkel gehörten in eine andere Zeit, zu einem anderen Leben. Sie wollte nicht an ihn denken. War er noch eine Gefahr? Hatte er sie vergessen?
Sie hoffte Letzteres.
Aus ihrer Handtasche nahm sie Taschenspiegel und Lippenstift heraus und zog sich die Lippen nach, während das Taxi an einer roten Ampel stand. Der letzten vor dem Restaurant, in das sie ihr neuer Klient gebeten hatte. Sie war noch nie in der Brasserie gewesen, doch sie hatte sich sagen lassen, dass man dort hervorragend essen konnte. Wenn sie schon abends zu einem Geschäftstreffen gehen musste, wollte sie wenigstens mit einem exzellenten Menü entschädigt werden.
Sie bezahlte das Taxi und stieg aus.
Beim Betreten des Restaurants streifte ihr Blick durch den Raum und sie entdeckte auf Anhieb zwei Herren, hinter denen sie ihre unbekannte Verabredung vermutete. Renee verglich die Männer miteinander und versuchte zu erraten, welcher der beiden wohl Sweet Sins’ Dienste benötigen würde. Sie tippte auf jenen, der mit dem Rücken zu ihr saß, immer wieder auf sein Handgelenk starrte und dann die Hände faltete, um gleich darauf nach seinem Glas zu greifen.
Nervös und unruhig waren Eigenschaften, die die meisten ihrer Klienten miteinander teilten, wenn sie das erste Mal zu Renee kamen. Kein Wunder, gaben sie Renee doch Einblick in ihre intimsten Gedanken und Wünsche.
„Ma’am? Was kann ich für Sie tun?“ Der Restaurantvorsteher nahm einen edlen Kugelschreiber zur Hand und ließ die Mine über seinem Terminbuch schweben, das vor ihm auf einem Teakholz-Stehpult lag.
„Ich bin mit Mr. Andrew Saunders verabredet.“
Der Mann strahlte und winkte einen Kellner herbei. „Mr. Saunders erwartet Sie bereits!“ Er wechselte ein paar Worte mit dem Ober, ehe dieser Renee tatsächlich zu dem nervösen Herrn geleitete, der mit dem Rücken zum Eingang saß.
„Mr. Saunders?“ Renee trat neben ihn, und er schoss förmlich vom Stuhl hoch. Er reichte ihr zur Begrüßung die Hand, deutete auf den Platz gegenüber seinem und rückte ihr den Stuhl zurecht, als sie sich setzte.
Er nahm Platz und fuhr sich durch das Haar.
„Nun, Mr. Saunders, für gewöhnlich treffe ich mich mit Klienten ausschließlich in meinen Büroräumen“, begann sie das Gespräch.
„Das war leider nicht möglich, weil mich Ihr Vorzimmerdrache ständig abgewimmelt hat“, sagte eine wohlbekannte Stimme hinter ihr.
Renees Kinnlade hätte sich fast verselbstständigt, als sie die Stimme wiedererkannte. Nicholas Brady trat zu Andrew Saunders und schüttelte ihm kumpelhaft die Hand, ehe er sich setzte.
Einen Moment lang war Renee sprachlos, dann kroch Wut ihr Rückgrat empor. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte sie mühsam beherrscht. Sie unterdrückte den Impuls, aufzustehen und das Lokal augenblicklich zu verlassen.
Mr. Saunders hob beschwichtigend die Hand. „Bitte, Mrs. Maurice, verzeihen Sie uns! Sie sind die einzige Chance, meine Verlobte Kathy rasch wiederzufinden!“
Das Mädchen, das verschwunden war, folgerte Renee und feuerte einen vorwurfsvollen Blick in Nicholas’ Richtung. Besagte Kathy konnte kaum älter als achtzehn sein, vermutlich eher Anfang oder Mitte zwanzig. Also alt genug, um zu wissen, warum sie vor ihrem Zukünftigen davonrannte. Renee wandte sich dem Verlobten der jungen Frau zu.
„Weshalb meinen Sie, dass ich die Einzige bin, die Ihnen helfen kann, und warum glauben Sie, dass Ihre Kathy gefunden werden möchte? Und was hat Pascal Folly mit der ganzen Sache zu tun?“, fragte Renee und fühlte sich von diesem Ansinnen verwirrt. Pascal Folly war in Frankreich, was hatte er mit diesem Saunders und dessen Verlobten zu schaffen? Aber vor allem, woher wusste Nicholas, dass Renee Pascal kannte, und warum glaubte er, sie könne ihm irgendwie helfen?
Andrews weiche Gesichtszüge verhärteten sich, und er warf Nicholas einen Hilfe suchenden Blick zu, woraufhin der Journalist sich vorbeugte. „Andrew ist der Bruder eines ehemaligen Klassenkameraden. Er hat meinen Artikel über Sweet Sins vor ein paar Monaten gelesen und dachte sich, dass ich der richtige Mann bin, um Kathy zu finden.“
Weshalb sie überhaupt zuhörte, wusste Renee nicht. Vielleicht lag es daran, dass sie Nicholas’ Gesicht so attraktiv fand und ihn gern ansah, vielleicht war es auch der Ausdruck in seinen Augen, der sie faszinierte, die Mischung aus Hartnäckigkeit, Mitgefühl und Überzeugung. Als sie länger in seine Augen blickte, erkannte sie ein Feuer, das darin glomm und sie zugleich anzog und abstieß. Es machte sie atemlos und brachte ihr Herz zum Klopfen, weckte Fantasien von nackter Haut und harten Klapsen auf ihren Po. Von Dominanz und Unterwerfung, Hingabe und Überlegenheit. Von bezwingenden Blicken und unbarmherzigen Berührungen.
Sie räusperte sich, schenkte ihre Aufmerksamkeit der edlen Baumwollserviette vor sich und richtete sie, als müsste die Platzierung korrigiert werden. Sie blinzelte. „Ah ja“, machte Renee und gab sich den Anschein, unbeeindruckt zu sein. Die ganze Angelegenheit ging sie rein gar nichts an, und obendrein fühlte sie sich kein bisschen verpflichtet, irgendetwas für Mr. Saunders und seine Kathy oder Nicholas Brady zu tun.
Sie hielten inne, als der Kellner die Getränkebestellungen entgegennahm.
Nicholas lehnte sich wieder in Renees Richtung, doch es war Andrew Saunders, der den Bericht fortsetzte: „Kathy ist erwachsen, die Polizei will keine Nachforschungen betreiben, solange kein begründeter Verdacht auf ein Verbrechen besteht. Und bevor ich einen Detektiv engagiere, wende ich mich lieber an einen alten Bekannten, der investigativen Journalismus betreibt.“ Andrew lächelte und nickte Nicholas zu.
Nicholas übernahm erneut die Erzählung: „Letzte Woche stritten sich Andrew und Kathy über den Hochzeitstermin. Sie bekam wohl kalte Füße und schrieb Andrew, sie benötige mehr Zeit. Angeblich wollte sie zu ihrer Großmutter fahren. Doch stattdessen verschwand Kathy gemeinsam mit Wayne Durham. Laut meiner Nachforschungen sind sie vermutlich nach Frankreich gereist. Wayne ist die rechte Hand von Pascal Folly.“
Ungeduldig unterbrach Renee Nicholas und ignorierte den Blick aus seinen tiefblauen Augen, der nun wie die sacht tastenden Fingerkuppen eines Geliebten über ihr Gesicht glitt.
Ihre Kehle wurde trocken und eng, und sie war froh, dass der Kellner ihr das bestellte Glas Chardonnay brachte. Sie trank einen Schluck und noch einen zweiten, als der erste ihrer ausgedörrten Speiseröhre keine wirkliche Erleichterung brachte.
„Und was habe ich mit dieser ganzen Sache zu tun?“, fragte Renee mit rauer Stimme und rätselte im Stillen, wie Nicholas herausbekommen hatte, dass sie und Pascal etwas verband.
„Ich habe recherchiert, dass Pascal Folly mit Ihnen zusammen studiert hat. Außerdem sind Sie in demselben Geschäftszweig tätig“, erklärte Nicholas.
Renee hätte vor Erleichterung beinahe geseufzt, weil Nicholas sie nicht mit dem Hardcore-BDSM-Zirkel Pascal Follys in Verbindung brachte. Erst jetzt, als ihre Anspannung von ihr abfiel, wurde ihr bewusst, dass diese Befürchtung sie die ganze Zeit beunruhigt hatte.
Sie ignorierte Andrew Saunders aufgeregtes Starren und faltete scheinbar gelassen die Hände auf dem Tisch. „In Ordnung, derselbe Geschäftszweig. Was bedeutet das genau? Und noch mal: Was soll ich für Sie beide tun?“
„Kathy erzählte Andrew in der Woche vor dem Streit von BDSM-Ferien, zu denen Waynes Chef einladen würde und zu denen Wayne Kathy mitnehmen wollte. Der Verdacht liegt also nahe, dass sie tatsächlich mit Wayne dorthin reisen wird. Aber wie sich herausgestellt hat, gibt man weder mir noch Andrew detaillierte Informationen. Eine Reisebuchung ist angeblich nicht möglich. Aber wenn jemand aus der gleichen Branche um eine Einladung ersucht, sollten wir mitgeteilt bekommen, wo diese Ferien stattfinden werden“, legte Nicholas ihr dar.
Nun seufzte Renee doch, trank einen weiteren Schluck Chardonnay und lehnte sich zurück. „Wieso sollte ich das tun? Soweit ich das verstehe, ist Kathy erwachsen, voll geschäftsfähig, und wenn es ihr nun eher zusagt, sich einem Dom oder Sadisten zu unterwerfen und sich zur Sklavin erziehen zu lassen, so ist dies ihre eigene Angelegenheit“, verkündete Renee. Sie wandte sich an Andrew: „So leid es mir für Sie tut, Mr. Saunders, Kathy hat eine Entscheidung getroffen, die Sie akzeptieren müssen!“
Andrew Saunders schüttelte verzweifelt den Kopf und griff in seine Brusttasche. „Ich kann das nicht akzeptieren!“ Er reichte Renee ein gefaltetes Blatt Papier.
„Was ist das?“, fragte sie verwirrt, während sie den Papierbogen öffnete. Es entpuppte sich als eine Art Vorstrafenregister, wie sie die Polizei für Verbrecher anlegte.
Aufgebracht tippte Andrew auf das Blatt. „Lesen Sie, Mrs. Maurice! Dieser Durham ist mehrfach wegen sexueller Nötigung und sogar wegen Vergewaltigung vorbestraft! Ich kann meine Kathy nicht der Gesellschaft eines solchen Mannes überlassen!“
Renee las aufmerksam und heftete ihren Blick, um Zeit zu gewinnen, ein paar Sekunden länger, als es nötig gewesen wäre, auf das Schriftstück. Sie gab sich einen Ruck: Sie könnte diese Anfrage für die beiden Männer machen. Es war ja wirklich keine große Sache.
„Ich tue es. Danach können Sie weitere Schritte unternehmen.“ Sie stutzte, als sie Nicholas’ und Andrews Mienen bemerkte. Beide sahen sich betreten an, und Renee ahnte, dass ihr nicht gefallen würde, was sie nun noch zu hören bekäme.
Zu ihrer Verwunderung erhob sich Andrew. Er reichte ihr die Hand und verbeugte sich leicht. „Ich verabschiede mich. Ich glaube, alles Weitere besprechen Sie beide jetzt besser unter vier Augen.“
Renee war so perplex, dass sie seine Hand schüttelte und ihm hinterherstarrte, als er gemessenen Schrittes das Restaurant verließ.
„Renee?“ Nicholas’ Stimme holte sie ins Hier und Jetzt zurück und erinnerte sie an die Rolle, die er in dieser Angelegenheit zu spielen schien, und an die Unannehmlichkeiten, die er ihr bisher bereits verursacht hatte. Es schien, als wäre er ihr persönlicher Master of Disaster. Und genau so jemanden brauchte sie nun wirklich als Letztes in ihrem Leben!
Sie drehte ihren Kopf nur langsam, eigentlich nicht interessiert, sich mit ihm auseinanderzusetzen, aber die Höflichkeit gebot es, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken.
„Ich brauche mehr als nur eine Einladung zu dieser BDSM-Veranstaltung“, erklärte er ohne Umschweife. Er wechselte ins vertrauliche Du: „Du bist die Einzige, die mir helfen kann.“
Renee schüttelte den Kopf. Bei jeder anderen Frau funktionierte das Anstacheln der Hilfsbereitschaft und der Selbstlosigkeit vermutlich, doch dagegen war sie resistent. Sie ließ sich nicht überreden und noch weniger manipulieren.
„Reden wir nicht um den heißen Brei herum. Sag mir, was du willst, Nicholas!“
Offenbar hatte er nicht mit einer solch direkten Aufforderung gerechnet, denn er schluckte sichtlich und nickte nachdenklich. „Ich wollte es vor Andrew nicht so deutlich sagen, aber Kathy hat mit ihrer Kreditkarte tatsächlich ein Ticket nach Frankreich gebucht. Kurz gesagt, ich brauche eine Dolmetscherin und idealerweise jemanden, der mit mir vor Ort diese Veranstaltung aufsucht und keine Hemmungen vor derartigen Neigungen hat, sondern sogar als meine Frau mitreist.“
Renee schob den Stuhl lautstark zurück, ohne auf die Reaktion der rundherum sitzenden Gäste zu achten. Zitternd griff sie nach ihrem Chardonnay und stürzte ihn in einem Zug hinunter. Nicholas griff über den Tisch und fasste nach ihrer Hand, als fürchtete er, sie würde aufspringen. Ärgerlich und besorgt zugleich schüttelte sie seine Berührung ab. Sie zog ihren Stuhl wieder näher an den Tisch, diesmal nahezu geräuschlos.
„Weißt du, was du da von mir verlangst? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich habe eine Agentur für erotische Wünsche und kein Detektivbüro!“
„Du musst nichts weiter tun, als du selbst zu sein und alles, was ich sage, zu bestätigen“, behauptete Nicholas, fuhr sich durch die Haare und wirkte plötzlich verzweifelt und auch jünger, als er tatsächlich war. Das Ganze schien ihm nahe zu gehen, und Renee wurde sich bewusst, dass sie ihn überhaupt nicht kannte. Sie lehnte sich zurück und musterte ihn forschend. „Du hast mir immer noch keinen wirklich guten Grund genannt, warum ich das tun sollte?“, meinte sie.
Nicholas wollte antworten, doch in diesem Moment trat der Kellner mit den Speisekarten an den Tisch. Nachdem ihm Nicholas zu verstehen gegeben hatte, dass es erwünscht war, reichte der Ober Renee und Nicholas die Karten.
„Du bist selbstverständlich eingeladen“, verkündete er, woraufhin Renee den Kopf hob und die Augenbraue hochzog. „Das setze ich voraus!“, entgegnete sie.
Sie schlug die Karte auf und starrte hinein, ohne wirklich zu sehen, was darinstand. Die ganze Sache wühlte sie doch mehr auf, als sie zugeben würde. Sie hatte versucht, alles, was Pascal betraf, zu vergessen, zu überwinden, und es hatte tatsächlich geklappt. Dass sie nun erneut mit ihm konfrontiert werden würde, gefiel ihr überhaupt nicht. Was, wenn seine Drohung damals ernst gemeint war? Zwar lagen beinahe zwei Jahrzehnte dazwischen, aber das bedeutete nicht, dass Pascal sich nicht ebenso zurückerinnerte wie sie, und schließlich gab es diesen Mord durch Kartoffelnase. Was, wenn Pascal Renees Auftauchen für eine Bedrohung hielt? Glaubte, sie habe damals etwas gesehen oder wüsste etwas, das nie ans Tageslicht kommen sollte?
Renee seufzte. Andererseits war diese Kathy vielleicht in Gefahr. Konnte Renee das verantworten? Ihre Unterstützung verweigern, wo sie hätte helfen und vielleicht Schlimmes verhindern können?
Dachte sie ernsthaft, dass von Pascal Folly Gefahr ausging? Die Frage konnte und wollte sie sich nicht stellen. Sie war vor Angst und Panik davongelaufen, hatte alles, was ihr bis dahin lieb und teuer gewesen war, zurückgelassen und sich in einen Kokon aus Wegschauen und Verleugnen gepackt. Vielleicht wurde es Zeit, das zu ändern. Außerdem vermisste sie Frankreich.
Das war die Gelegenheit, wieder zurückzukehren. Ihr Vorwand, die Reise zu wagen. Immer hatte sie Ausreden gefunden. Das konnte der Fingerzeig des Schicksals sein. Sie hatte ihre Heimat als Mädchen verlassen und kehrte als Frau zurück. Sie sollte ihre Furcht niederringen und zurückgehen. Sie sehnte sich nach der Côte d’Azur und vor allem nach der Sprache. Noch heute träumte sie zeitweise in Französisch, und ihre Entspannungslektüre las sie in ihrer Muttersprache. Sie würde es sicher genießen, nach Frankreich zurückzukehren.
Nicholas musterte sie fragend. „Du hast geseufzt, Renee? Ist alles in Ordnung?“
Sie zuckte mit den Schultern und starrte verdrossen in die Speisekarte. „Ist das Zanderfilet gut?“, wollte sie wissen. „Warst du hier schon einmal zum Essen?“
„Nein, das Lokal war Andrews Empfehlung“, erwiderte Nicholas.
„Haben die Herrschaften gewählt?“ Lautlos war der Kellner an den Tisch getreten und nahm nun die Bestellungen entgegen.
Nicholas wartete, bis der Mann außer Hörweite war. Er faltete seine Hände und legte sie vor sich auf dem Tisch ab. „Wirst du mir helfen?“, fragte er ohne Umschweife.
„Und Kathy, falls sie das will, und Andrew selbstverständlich“, ergänzte Renee. Sie vergewisserte sich, dass niemand sehen würde, wenn sie ihre High Heels unter dem Tisch auszog, und schlüpfte daraufhin aus ihren Schuhen. Erleichtert und genießerisch zugleich wackelte sie mit ihren schmerzenden Zehen. „Wenn, und ich betone: wenn ich eine Einladung zu dieser Sache bekomme, die Pascal Folly ausrichtet, und wenn ich deine Ehefrau spiele, was erwartest du dann im Detail von mir?“ Sie erkannte sein amüsiertes Schmunzeln und den lüsternen Blick, mit dem Nicholas sie plötzlich anfunkelte, und runzelte die Stirn. „Damit wir uns verstehen: Ich werde keinen Sex mit dir haben.“
Nicholas wirkte enttäuscht. „Bist du sicher? Ich erinnere mich …“
Renee schnitt ihm augenblicklich das Wort ab. „Ich erinnere dich daran, dass du meine Hilfe brauchst, und ich sage, dass es keinen Sex geben wird“, erwiderte sie energisch.
Seufzend griff Nicholas nach seinem Wasserglas und trank durstig. Der Anblick, wie sich sein Kehlkopf bewegte, seine Lippen den Rand des Glases berührten, weckte Begehren in Renee. Sie fühlte Hitze in sich aufsteigen und merkte, dass ihre Finger zuckten. Nicholas stellte sein Glas ab und grinste Renee an: „Hast du auch Durst? Du wirkst ein wenig ausgetrocknet.“
Renee blinzelte und nahm das Brennen auf ihren Wangen wahr. Unwirsch deutete sie auf die Karaffe Tafelwasser vor sich auf dem Tisch und das Glas an ihrem Platz. „Ich kann mich bedienen, wenn ich es nötig habe“, erklärte sie. „Du wolltest mir erzählen, was du von mir erwartest.“
Der Kellner kam und servierte das Essen, während Nicholas Renee sein Vorhaben darlegte. „Da Kathy nach Frankreich durchgebrannt ist und ich kein Französisch spreche, sollst du mir helfen, mich dort zurechtzufinden, und mir vor allem dolmetschen. Kathy ist über ihr Handy nicht mehr zu erreichen, also müssen wir herausfinden, wo sie sich aufhält und ob sie dort freiwillig ist.“
Renee nickte. „Klingt so weit vernünftig. Was ist mit dieser BDSM-Reise, die Pascal Folly veranstaltet?“ Pascals Namen auszusprechen war seltsam, nachdem sie sich Jahrzehnte gezwungen hatte, ihn nicht einmal zu denken.
Gedankenverloren starrte Nicholas auf seinen Teller und spießte eine Minikartoffel auf die Zinken seiner Gabel. „Ein gut gehütetes Geheimnis“, murrte er. „Offenbar erfährt man nur per Einladung, wo das Ganze stattfinden wird.“
„Also gut“, räumte Renee ein, erleichtert, weil ihr ein Gedanke kam, womit die ganze Sache vielleicht im Keim erstickt werden könnte; andererseits schien Nicholas mit allen Wassern gewaschen und auf alles vorbereitet zu sein. „Was geschieht, wenn ich keine Einladung zu dieser ominösen Urlaubsreise erhalte?“
„Wir fahren trotzdem“, erklärte er und verbesserte sich rasch: „Ich hoffe natürlich, dass du mich dann ebenfalls begleiten wirst.“
Renee zuckte mit den Schultern. „Dir ist klar, dass wir uns als BDSM-Paar ausgeben müssen?“
Erstaunt, aber zugleich zufrieden, weil sie Nicholas zum ersten Mal aus der Fassung brachte, lehnte Renee sich zurück und wartete, was er darauf antworten würde.
„Mach dir deswegen keine Sorgen, ich werde den Master spielen können“, erklärte er, und seine Stimme klang seltsam gepresst.
„Es reicht nicht, den Master zu spielen. Du musst echt sein“, widersprach Renee.
Nicholas, der eben sein Fleisch schnitt, hob den Kopf. Langsam, sehr langsam glitt sein Blick über ihren Busen, ihr Kinn, verweilte einen Moment auf ihren Lippen, um dann ihre Augen zu fixieren. Ohne zu wissen weshalb, begann Renees Herz zu rasen. Plötzlich verspürte sie das Verlangen, vor Nicholas auf die Knie zu gehen. Das Atmen fiel ihr schwer, und mit einem Mal vermutete sie, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Knietief in Schwierigkeiten.
Sein Lächeln glich dem des hungrigen Wolfs, der sich jeden Augenblick auf Rotkäppchen stürzen wollte, um es zu verschlingen. „Oh“, meinte er. „Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich werde echt sein. So echt wie du.“