Aphrodites Söhne: Unsterbliche Leidenschaft
von Ivy Paul

Erschienen: 12/2015
Serie: Aphrodites Söhne
Teil der Serie: 3

Genre: Contemporary Romance, Fantasy Romance
Zusätzlich: Fantasy, Krimi

Location: England

Seitenanzahl: 308


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-187-9
ebook: 978-3-86495-188-6

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Aphrodites Söhne: Unsterbliche Leidenschaft


Inhaltsangabe

Aus Rache stiehlt Melody Matušek dem Waffenhändler Pelka wichtige Unterlagen und überlässt diese als Gegenleistung für ihren Schutz dem britischen Geheimdienst. Der tödlich gefährliche MI5-Geheimagent Jake Harper wird deshalb zu ihrem Leibwächter abkommandiert. Zuerst ist Jake wenig begeistert, als sich Melody zu allem Übel auch noch als eine moderne Eliza Doolittle entpuppt. Doch rasch entbrennen Jake und Melody in heißer Leidenschaft füreinander, aber keiner der beiden kann Gefühle zulassen.
Jake und Melody müssen sich in einem südenglischen Dorf verstecken, gefangen in ihrer Rolle als Ehepaar. Eine drohende Gefahr zwingt Melody dazu, Jake zu vertrauen. Doch kann eine Liebe bestehen, die aus Angst und Täuschung geboren wurde?

Der Abschlussband der "Aphrodites Söhne"-Trilogie.

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

Weitere Teile der Aphrodites Söhne Serie

Leseprobe

Sie hielten an einer roten Ampel und Jake konnte nicht anders, als seinen Kopf auf das Lenkrad knallen zu lassen. Er war eben doch Professor Higgins und mit einer Eliza Doolittle aus der Hölle gestraft.
„Du solltest übrigens aufhören, mich zu siezen. Immerhin bin ich Melody, dein treu sorgendes Frauchen.“
Als sie an einem McDonald’s vorbeikamen, fuhr Jake auf den Parkplatz.
„Was woll´n wir hier?“, fragte sie.
„Essen. Sie hatten Hunger.“
„Woah, geil, du hast´s nich´ vergessen“, sagte sie und grinste ihn an, wobei sie eine perlweiße, gerade Zahnreihe entblößte.
Jake hatte noch nie gegen eine Frau Gewalt angewendet, aber...

...bei Melody war er nicht sicher, ob er sich zurückhalten könnte, wenn sie zufällig vor seine Motorhaube geriet. Vielleicht würde er anschließend sogar noch zurücksetzen. Nur um ganz sicher zu gehen.
Er zögerte einen Moment, dann entschied er sich für den McDrive. Nicht, dass er doch noch in Versuchung geriet. Außerdem wollte er mit seiner Whistleblowerin so rasch wie möglich aus London heraus. Zwar war die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie in einer Millionenstadt von jemandem entdeckt werden würde, den sie kannte, aber auszuschließen war dies nie.
Melody war viel zu wertvoll, als dass er sie der Gefahr aussetzen wollte, erkannt oder beobachtet zu werden. Auch wenn sie ihn zur Weißglut trieb. Sie war diejenige, die Anthony Pelka auf Lebenszeit hinter Gitter bringen konnte. Dafür lohnte es sich sogar, den Märtyrer zu spielen.
„Was kann ich Ihnen bestellen?“, fragte er, während er am Schalter vorfuhr.
„Eine große Cola, einen dieser Salate und große Pommes“, antwortete sie, korrigierte sich jedoch im nächsten Atemzug: „Besser zwei große Portionen Pommes und Ketchup. Viel Ketchup.“
Wenig später lenkte Jake den Kombi auf den Motorway, während Melody mit der Tüte raschelte und derart wollüstige Seufzer von sich gab, dass sich Jakes Schaft beim Klang ihres süßen Stöhnens spontan versteifte und sich erotische Hitze über sein Rückgrat zum Nacken hin ausbreitete.
Er umfasste das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Melody besaß beste Voraussetzungen, ihn auf die eine oder andere Art in den Wahnsinn zu treiben.
Erneut stieß sie Laute des Wohlbehagens aus, und als er einen kurzen Blick zu ihr hinüber riskierte, sah er, dass sie ihre Finger ableckte.
Wie sich ihre sinnlichen Lippen um die Fingerspitzen schlossen, daran sogen und die Finger dann zur Gänze in ihrem Mund verschwanden, wie ihre Zunge hervorzüngelte und Ketchup aus den Fingerzwischenräumen leckte, sodass er die rosenfarbene Spitze sehen konnte, erregte Jake wie nichts zuvor.
Er konnte nicht verstehen, warum sie, ausgerechnet sie, etwas Derartiges in ihm auslöste. Er mochte sie nicht einmal!
Ihre Kleidung, ihr Benehmen, ihre Ausdrucksweise, nichts davon reizte ihn, aber dennoch besaß sie etwas, dem er sich nicht entziehen konnte. Etwas, das sein Verstand nicht wahrhaben wollte, sein Körper dafür umso deutlicher spürte.
Jake knirschte mit den Zähnen und überlegte, wann er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte. Er erinnerte sich nicht. Ganz klar, er hatte schlicht zu lang keine Frau mehr im Bett gehabt. Daran musste es liegen. Im selben Moment schalt er sich einen Narren, denn wenn es danach ginge, hätte er auch das Bedürfnis verspürt, Hermine, seine Zugehfrau, zu vögeln. Die Gute besaß einen Sex-Appeal, der allerhöchstens im kleinen Zeh zu finden war, aber zur Not verführte man vielleicht auch sie.
Melody war völlig anders. Sie war jung, sie duftete gut und unter den Tonnen von Make-up war sie vielleicht sogar recht ansehnlich. Wenn er sie nur dazu brächte, den Mund zu halten …
Entsetzt schüttelte er den Kopf, als ihm seine Gedankengänge klar wurden. Besser, er dachte immer daran, dass sie ein Auftrag und damit für ihn tabu war.
Mittlerweile hatte sie ihre Mahlzeit beendet und den Müll in den Fußraum des Beifahrersitzes geworfen. Jake übersah es geflissentlich.
Eine lange Zeit saßen sie schweigend im Wagen. Dann wurde Melody merklich unruhig. Sie schaltete das Radio ein, suchte einen passenden Sender und lehnte sich zurück. Sekunden später erhob sich ein grauenvolles Gekreische. Jake wäre vor Schreck beinahe in die Leitplanke gefahren, bis er merkte, dass Melody sich in den Künsten des Gesangs versuchte.
Sie vergewaltigte den alten Hit von Robbie Williams dermaßen, dass Jake sich unauffällig vergewisserte, ob er auch keine Waffe am Körper trug, um Melody nicht in einem Moment geistiger Umnachtung zu ermorden.
Jake unterdrückte ein Stöhnen. Melody benahm sich nicht nur wie ein Wesen aus der Hölle. Sie war ein Geschöpf der Hölle!
Sie begann, auf dem Sitz zu zucken. Erst vermutete Jake einen epileptischen Anfall, doch dann sang sie einen Song von Melissa Etheridge nach. Einige Oktaven höher als das Original.
Jake raste auf den Seitenstreifen, stoppte den Wagen und zog den Schlüssel ab. Das Radio verstummte und Melody schloss sich ihm an. Sie starrte ihn aus einer unwahrscheinlich grünen Iris an, und ihr Blick aus diesen intensiv gefärbten Augen durchzuckte Jake, als tobte ein Gewittersturm in seinem Inneren. Für den Bruchteil einer Sekunde kam ihm in den Sinn, dass es sich als fatale Entscheidung seines Chefs erweisen würde, ihn mit dem Schutz Melodys betraut zu haben.
„Was´n los?“, fragte sie verwirrt. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und sie blickte ihn erschrocken an. Zum ersten Mal kam Jake der Gedanke, dass Melodys nerviger Auftritt nur gespielt war.
„Schluss damit!“, explodierte Jake. „Kein Gesang, kein Tanz, das ist keine Showbühne, sondern ein Auto, und wenn ich uns sicher nach Avonbridge bringen soll, dann brauche ich Ruhe!“
„Das kostet aber was!“, unterbrach sie seinen Zornausbruch und schaffte es damit, ihn sprachlos zu machen.
Sie wollte bestochen werden. Das durfte nicht wahr sein!
„Zwei doppelte Espressi. Ich kenn´ dich nicht und ich schlafe nicht bei Fremden im Auto!“ Ihr Dialekt war schwächer geworden und zum ersten Mal wirkte sie erschöpft und zerbrechlich, sogar kindlich.
„Also gut.“ Jake beruhigte sich. „In zehn Meilen Entfernung gibt es eine Raststätte, dort kaufen wir dir deinen Espresso.“
„Zwei!“, verbesserte sie ihn.

Für die weitere Fahrt schlossen Melody und Jake Waffenstillstand. Melody stürzte den ersten Espresso beinahe in einem Zug hinunter, genoss den zweiten dann aber mit sichtlichem Wohlbehagen.
Jake hatte sich einen schwarzen Kaffee mitgenommen.
„Bauarbeiter-Gesöff“, hatte Melody gebrummelt, als sie ins Auto stiegen.
Danach sprachen sie beide nichts mehr, bis sie das erste Schild nach Avonbridge entdeckten.
„Mach mal ´n kleines Päuschen! Ich muss mich in die Büsche schlagen.“
„In die Büsche?“, fragte Jake verständnislos.
„Ich muss pissen!“, erklärte sie ihm mit brutaler Direktheit.
Da war sie wieder, die höllische Eliza Doolittle.
Augenrollend hielt er bei der nächsten Gelegenheit an, um Melody aussteigen zu lassen.
Statt sich sofort in die Büsche zu trollen, ging Melody an eine der Reisetaschen, wühlte darin herum und holte etwas hervor, das sie sich unter den Arm klemmte, um damit im Gebüsch zu verschwinden.
Jake achtete nicht weiter darauf; da die Taschen vom SSB gepackt worden waren, würde sich nichts darin befinden, das er nicht guthieß.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Melody zurückkehrte. Fast hätte Jake die adrette junge Frau nicht wiedererkannt, die da dem Buschwerk entstieg. Melody hatte sich einen langen, weiß-grünen Rock angezogen, der bis auf die Knöchel reichte und so die hohen Schaftstiefel verbarg. Über ihrem skandalös kurzen Oberteil trug sie eine weiße Wolljacke und ihr Haar war nun rot, deutlich kürzer und zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Sie ließ sich graziös auf dem Beifahrersitz nieder und sah zu Jake hinüber.
„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte er und versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Die Frau neben ihm war zwar immer noch eindeutig Melody, aber eine ganz andere als die, die mit ihm aus London hergekommen war. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, wäre er jede Wette eingegangen, dass er den bösen Zwilling gegen den guten ausgewechselt bekommen hatte.
„Hattest du tatsächlich gedacht, ich wäre eine ordinäre East-End-Göre?“, fragte sie in einwandfreiem Oxford-Englisch.
„Das war nur gespielt?“, erkundigte er sich und zog die Augenbraue hoch.
Sie zuckte mit den Achseln. „Vielleicht is´ nur dieses affektierte Getue von eben gespielt“, gab sie im East-End-Dialekt zurück.
„Okay, ich verstehe. Du willst deine Geheimnisse für dich behalten.“
„Du bist nur ein Kerl, den mir das SSB an den Hals gehängt hat, damit ich brav bin. Ich mach´ mein Ding, du machst deines. Im Übrigen bin ich laut Akte aus Schottland und nicht aus dem Londoner East End“, entgegnete sie kühl. Diesmal war ihr Dialekt verwaschener, näselnder. Jake konnte ihn nicht einordnen. „Keine Sorge. Ich werde meine Rolle als treu sorgende Mrs Harper spielen. Erwarte aber nicht, dass du der Chef bist.“ Sie hatte einen rollenden Akzent, wie man ihn in Schottland zu hören bekam. Gekonnt drei Dialekte in fünf Minuten vorspielen, das fand Jake faszinierend. Er starrte sie einige Atemzüge lang an, versuchte, sich über sie klar zu werden, und erkannte, dass ihm das hier und jetzt nicht gelänge.
„Alles klar, dann solltest du aber wissen, dass ich meinen Job ernst nehme. Ich bin dein Aufpasser. Wenn du irgendwelche krummen Dinger vorhast, werde ich dich einsperren und den Schlüssel wegwerfen.“
Melody zuckte mit den Achseln und stierte aus dem Autofenster. „Keine Sorge, ich halte meinen Teil der Vereinbarung. Es ist ganz in meinem Sinne, wenn Anthony in den Bau wandert. Je eher, umso lieber ist es mir.“
Danach herrschte wieder Schweigen, bis sie die Ortsgrenze zu Avonbridge passierten. Der malerische Ort, in direkter Nachbarschaft zu Torquay gelegen, präsentierte sich als pittoresker Küstenort mit Palmen, riesigen Rhododendronsträuchern und Häusern aus dunkelgrauen Steinen. In der Mitte des Ortes gab es einen Park mit einer Rasenfläche, grünem Buschwerk und üppigen Blumenrabatten sowie einem Kinderspielplatz mit bunten Gerätschaften. Im Moment war kein Kind zu entdecken, aber das lag vermutlich an den schwarzen Wolken, die vom Meer herüberzogen. Zwischen den Häuserzeilen ließ sich der Strand ausmachen, doch Jake bog in eine kleine Siedlung mit gepflegten Reihenhäusern ab. Vor jedem Haus gab es einen Streifen Rasen, einen Mülltonnenplatz und einen Stellplatz für die Autos mit einem dahinterliegenden Carport oder einer Garage. Die Häuser waren aus sandfarbenem Stein auf der einen Seite und mit schiefergrauer Fassade auf der anderen Straßenseite versehen.
Es war ein perfekter Platz für Familien und Ehepaare. Jake spürte Panik in sich aufsteigen. Zwischen Kindern und biederen Paaren mussten er und Melody auffallen wie Papageien unter Krähen. Was hatten sich die Verantwortlichen nur dabei gedacht, sie beide hier unterzubringen?
Er warf Melody einen scheelen Seitenblick zu. Wie lange und wie gut würde sie wohl die Maskerade einer gutbürgerlichen Ehefrau aufrechterhalten können? Vielleicht sollte er sie im Haus einsperren und für bettlägerig erklären. Andererseits fürchtete er, dass sie dann erst recht von den Ortsansässigen belagert werden würden. Neugierige, hilfsbereite Nachbarn waren die Pest für jeden Geheimagenten. Nein, er würde Melody eben noch besser bewachen, als er es sonst täte.
„Wir sind da. Hausnummer 51 o“, erklärte er und lenkte den Kombi auf das gepflasterte Stück vor dem Haus.
Ohne sich weiter um Melody zu kümmern, stieg er aus dem Wagen und streckte sich erst einmal ausgiebig.
Frische Luft und Bewegung waren genau das, was er nach einer solch langen Autofahrt benötigte. Er atmete tief ein und aus und besah sich die Umgebung. Blitzschnell sondierte er die Lage, erkannte die möglichen Fluchtwege und die Besonderheiten der direkten Nachbarschaft.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bewegte sich im ersten Stock eine Gardine und die Umrisse einer Person waren dahinter auszumachen. Jake zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, dann wandte er sich Melody zu. Sie war ebenfalls ausgestiegen und starrte auf das Haus, das für die kommenden Wochen ihr Domizil sein würde. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, doch er vermutete, dass sie es für den Inbegriff des Luxus hielt, gemessen an dem, was sie kannte. Im selben Moment wurde ihm klar, dass er nicht wusste, wer sie wirklich war und ob sie dem SSB tatsächlich eine Hilfe sein konnte, Anthony Pelka endlich dingfest zu machen. Vielleicht hatte der gute Anthony eine Schwäche für Nutten und den Mund zu weit aufgerissen, hatte ihr Dinge verraten, die sie besser nicht wissen sollte. Trotz ihres niveaulosen Benehmens schien sie nicht dumm zu sein. Ob sie tatsächlich mehr Beweise gegen Anthony Pelka in Händen hatte oder dies nur behauptete, um vom SSB beschützt zu werden, blieb abzuwarten. Lieferte sie Pelka wirklich ans Messer, war Jake gleichgültig, wer sie wirklich war und wie sie Pelka zu Fall brachte.

Melody starrte das ungewohnt kleine, unscheinbare Häuschen an. Sie erwartete, dass die gesamten Räumlichkeiten im Innern in etwa das Ausmaß hatten wie ihr eigenes Zimmer in Anthonys Villa.
Furcht stieg in ihr auf. Sie hatte ihr Vorhaben in die Tat umgesetzt und nun gab es kein Zurück mehr. Ihre letzten Fluchtversuche hatte sie unter völlig anderen Voraussetzungen unternommen.
Wenn Anthony herausfand, was sie getan hatte, hätte er zwingende Gründe, sie zu finden und zu sich zurückzuholen, aber wenn dies geschähe, wäre sie vermutlich so gut wie tot. Melody wurde eiskalt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Anthony so einfach über die ganze Sache hinwegsehen würde. Schließlich hatte er bei seinen Leuten einen Ruf zu verlieren. Er würde ein Exempel an ihr statuieren, vor allem, wenn er erfuhr, mit welchen Personen sie bereits gesprochen hatte. Und was sie zu erzählen gewusst hatte. Nein, garantiert würde er sie zur Rechenschaft ziehen! Er konnte gar nicht anders. Zur Warnung für alle anderen, die Ähnliches planen wollten.
Melody könnte ihn vernichten. Er wusste es nur noch nicht. Wenigstens hoffte sie das. Sicher würde er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihrer habhaft zu werden, und wenn er sie diesmal erwischte, war sie erledigt. Er hatte auch keine Skrupel gehabt, seine letzte Geliebte Kendra unter Drogen zu setzen und an Mädchenhändler im Ostblock zu verschachern, nachdem er sie dabei ertappt hatte, wie sie mit einem Kerl zu eng getanzt hatte. Was mit dem Typen passiert war, wollte Melody lieber gar nicht erst wissen.
Ihr Sichtfeld verdüsterte sich, Lichtblitze zuckten vor ihren Augen.
Panik, Angst und Hoffnung wechselten sich in ihr ab und tanzten Tango. Das Chaos in ihr drohte sie zu überwältigen. Sie griff in ihre Rocktasche, holte eine Tablette hervor und schluckte sie. Melody meinte zu spüren, wie das Medikament ihre Kehle hinabrutschte. Die kleine ovale Pille schien in ihrer Speiseröhre festzukleben und der eklige Geschmack der Tablette stieg ihren Rachen empor. Melody zwang sich zu schlucken, sammelte Speichel in ihrem Mund und versuchte es erneut. Die Pille glitt weiter, wie ein Finger, der sich in einen Ring schob. Irgendwann fühlte sie die Medizin nicht mehr und vermutete, sie habe ihren Bestimmungsort erreicht.
Die Konzentration auf die Tabletteneinnahme, auf diesen rein körperlichen Vorgang, half ihr gegen die Angst. Nur selten überkam sie so intensive Furcht, dass sie ihre Beruhigungsmittel benötigte, und sie hoffte, das wäre der einzige Ausrutscher gewesen. Sie würde sich zu Tode schämen, bekäme ihr Aufpasser das mit.
In Anthonys Dunstkreis zu leben hieß, leicht an Medikamente und Drogen ranzukommen, die einem über den Tag halfen. Nach ihrem letzten Fluchtversuch hatte die Hilflosigkeit sie in einem Maß überwältigt, dass sie die ersten Tage in ihrem Bett geblieben war. Resignation, Panik und Erschöpfung hatten sie auf die Matratze niedergedrückt gehalten. Nachdem sie sich wieder aufgerafft hatte, hatte sie mit kühler Berechnung Tabletten besorgt, die sie über derartige Situationen retten sollten. Sie hatte nicht erwartet, tatsächlich eine zu benötigen, nicht, wenn sie es endlich schaffte, Anthony zu entkommen. Sie betrachtete diesen heranziehenden Zusammenbruch als letztes Abschütteln ihres alten Lebens.
Allein der Gedanke, dass sie jetzt hier stand, weit weg von Anthony und mit einem Leibwächter der speziellen Art, half ihr. Sie zwang sich, ruhig zu atmen, sich vorzustellen, wie sich das leichte Beruhigungsmittel in ihrem Magen auflöste und langsam seine Wirkung entfaltete.
Sie beobachtete Jake dabei, wie er am Eingang herumfummelte. Sein breiter Rücken verdeckte das Schloss, aber Sekunden später sprang die Tür auf. Er machte ein Zeichen, dass Melody zurückbleiben sollte. Ihr Herz wollte ängstlich erregt zu pochen beginnen, doch sie verdrängte das Gefühl erfolgreich. Aber vielleicht begann auch die Pille zu wirken.