Aphrodites Söhne: Unsterbliches Verlangen
von Ivy Paul

Erschienen: 08/2014
Serie: Aphrodites Söhne
Teil der Serie: 1

Genre: Contemporary Romance, Fantasy Romance
Zusätzlich: Fantasy

Location: Irland, Griechenland

Seitenanzahl: 288

Buchtrailer: Ansehen

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-094-0
ebook: 978-3-86495-095-7

Preis:
Print: 12,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Aphrodites Söhne: Unsterbliches Verlangen


Inhaltsangabe

Verbannt nach Irland wegen eines öden Artikels über einen griechischen Bildhauer! Lorelai Grabinger nimmt den Auftrag nur widerwillig an - und dem ersten attraktiven Mann, der ihr über den Weg läuft, hält sie einen Vortrag über die pornografischen Kunstwerke des offenkundig notgeilen Bildhauers Mac Alexandros. Zu dumm, dass der attraktive Mann sich als Mac Alexandros herausstellt!
Verbissen versucht Lorelai die Vergebung des Mannes zu erringen, dessen heiße Küsse ihr Blut zum Kochen bringen. Mac erweist sich jedoch als extrem stur und nicht nur das: Jemand scheint es auf Loreleis Leben abgesehen zu haben.
Ist der Bildhauer rachsüchtiger als vermutet? Und was verbergen er und die Dorfbewohner so sorgsam vor Lorelai?

Teil 1 der "Aphrodites Söhne"-Reihe.

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

Weitere Teile der Aphrodites Söhne Serie

Leseprobe

Seufzend beschloss Lorelai, bei einem der Anwohner nachzufragen, wo sie sich genau befand. Sie rechnete sich dabei gewaltige Chancen aus, an den einzigen Menschen zu geraten, der nur Gälisch sprach.
Irgendwie war das nicht ihre Woche.
Ein Stück die Straße hinunter entdeckte sie ein zweistöckiges Haus, an dem ein B&B-Schild hing. Der Größe nach zu urteilen, war das Haus auf mehr als nur einen Gast eingerichtet.
Lorelai startete den Motor und lenkte ihren Wagen auf den Hof. Sie stieg aus und lief durch die offene Eingangstür hinein. Sie befand sich in einem geräumigen Flur, in dessen Mitte ein Kunstwerk aus...

...Stein stand
Im Gegensatz zu der Eile, die sie gerade noch angetrieben hatte, blieb sie nun wie angewurzelt stehen und schnaubte missbilligend.
„Zweifellos bin ich in der Nähe von Amhrán“, murmelte sie und trat näher an die drei Paar weiblicher Brüste, die einen Kreis bildeten. Eine kleine Tafel auf dem Sockel verriet den Namen des Werks und seinen Künstler: „Die drei Grazien“ von Mac Alexandros.
„Habe ich doch unverhofft eine Kreation des alten Lustmolchs aufgestöbert“, murrte sie.
„Gefällt es Ihnen?“
Lorelai zuckte erschrocken zusammen, als sie die Stimme mit dem rollenden Akzent vernahm.
Sie drehte sich um, blinzelte ein paar Mal und sah sich einem hochgewachsenen, dunkel gelockten Mann gegenüber. Er war attraktiv, und angenehmerweise erwies er sich als einer der wenigen Männer, die größer waren als sie selbst. Seine schokoladenbraunen Augen glitzerten vor neugierigem Interesse, und um seine vollen Lippen lag ein leichtes Lächeln. Er trug einen wollweißen Strickpullover zu engen Jeans, und Lorelais Blick glitt unwillkürlich zu seinen gepflegten, langgliedrigen Händen. Wärme wanderte beim interessierten Schmunzeln des Unbekannten in ihren Bauch und scheuchte ein Ameisenvolk auf, das nun durch ihr Innerstes tobte. Ihr Herz pochte wild, sie schluckte und wusste, dass sie ihn anstarrte, als wollte sie ihn im nächsten Moment an Ort und Stelle vernaschen. Wenn Lorelai ehrlich war, wäre das ganz in ihrem Sinn. Ihre Knie fühlten sich wacklig an, und ihre Vulva brannte vor Hitze.
Sie reichte ihm ihre Hand, er umfasste sie besitzergreifend, und seine Finger schlossen sich fest um die ihren. Seine Handfläche war rau und leicht schwielig, so als wäre er ein Handwerker. Sein Daumen streichelte ihren Handrücken, und als sie in seine Augen sah, erkannte sie erotisches Begehren, das ein Herzrasen bei ihr auslöste, dessen Echo bis in ihre Wangenknochen zu spüren war.
Lorelai blinzelte und lächelte zurück. Gegen die plötzliche Nervosität ankämpfend, plapperte sie leichtsinnig drauf los: „Gefallen ist übertrieben. Ich finde diese Ansammlung von Brüsten schon fast pornografisch.“
Der Fremde ließ ihre Hand los, doch aufgewühlt, wie Lorelai war, bemerkte sie das nur am Rande, ohne die Warnzeichen zu erkennen. Sie begann, sich in Rage zu reden, und so entging ihr anfangs, dass der gut aussehende Mann plötzlich gar nicht mehr freundlich wirkte.
„Der arme Bildhauer scheint mir reichlich sexbesessen zu sein.“
Gewitterwolken legten sich über die Stirn des Mannes. „Pornografisch und sexbesessen“, echote er.
Lorelai nickte heftig, sodass die Locken flogen. Erst jetzt bemerkte sie seine Reaktion, doch einmal in Fahrt gekommen, konnte sie schwer abbremsen. „Wenn ich mir das hier so ansehe, muss ich fürchten, der Künstler ist ein sabbernder Lustgreis.“ Erst jetzt dachte Lorelai daran, dass sie sich vorstellen sollte. „Ich bin übrigens Lorelai Grabinger.“
Als der Fremde ihre Hand plötzlich fallen ließ, blickte sie ihm fragend ins Gesicht.
Aus seiner Miene war jedes bisschen Freundlichkeit verschwunden. Die Feindseligkeit in seinen Augen ließ Lorelai nervös schlucken.
„Ich bin Mac Alexandros, der sabbernde Lustgreis“, entgegnete der attraktive Mann eisig.
Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Haus. Kurz darauf hörte Lorelai ein Auto davonrasen.
Sie presste ihre Hand auf die Stirn. „Oh nein“, murmelte sie. „Gut gemacht, Lorelai! Wie war das? Honig um den Bart schmieren, reden lassen und den Chef glücklich machen.“
Was war nur mit Fortuna los? Hasste sie die Glücksgöttin auf einmal?
Nein, das war ihre eigene Schuld und die ihrer großen Klappe. Konnte sie nicht einmal nachdenken, ehe sie losposaunte? Was konnte der Mann dafür, dass sie schlechte Laune hatte? Jetzt musste sie zu Kreuze kriechen und sehen, wie sie Mac Alexandros zu einem Gespräch überreden konnte. Er wirkte nicht wie die anderen Künstler, die sie bisher kennengelernt hatte. Weder zickig noch dankbar für das Interesse. Eher entschlossen und selbstbewusst. Und er war überdies noch höllisch sexy. Genauso wie ihr Traummann aus der Halluzination am Abend vor ihrem Abflug. Ihre Wangen brannten. Wie er sie angesehen hatte! Bestimmt hätte er versucht, mit ihr zu flirten. Sie hatte von der Abneigung Alexandros’ gegen Reporter gehört, aber eine Frau, die sich für ihn interessierte, würde er gewiss nicht abweisen.
Nun ja, ihre gedankenlose Beleidigung war schwerlich mit Aufmerksamkeit an seiner Person zu verwechseln. So dumm konnte wahrlich kein Mensch sein. Wie kam sie aus diesem Schlammassel nur wieder heraus?
Eine Frau lachte und trat aus dem Schatten. Sie war eine gepflegte Erscheinung mit blondgesträhnter Kurzhaarfrisur und zartblauem Twinset zu anthrazitfarbener Wollhose.
Sie reichte Lorelai die Hand. „Ich bin Megan O’Flaherty. Ich bin die Inhaberin des B&B’s.“ Ihre grauen Augen funkelten amüsiert hinter ihren goldgerahmten Brillengläsern.
„Freut mich“, krächzte Lorelai betreten und hob eine Hand an ihre vor Verlegenheit glühende Wange.
„Denken Sie sich nichts. Mac wird drüber hinwegkommen.“
„Ich war unverschämt“, widersprach Lorelai.
Megan wiegte ihren Kopf hin und her. Ganz offensichtlich war sie im Gegensatz zu Lorelai zu höflich, ihre Meinung einer Unbekannten kundzutun. „Suchen Sie ein Zimmer?“
Lorelai nickte.
„Sie haben Glück, gerade heute Morgen ist das Eckzimmer frei geworden. Die anderen beiden Zimmer bewohnt im Augenblick eine belgische Familie.“
Megan wies Lorelai den Weg über eine Treppe hinauf in den ersten Stock. Das geräumige Gästezimmer roch frisch und sauber, Tageslicht flutete den Raum. Das gemütlich wirkende Bett an der Wand war mit geblümter Bettwäsche bezogen, während an der anderen Wandseite ein doppeltüriger Schrank aus hellem Holz stand. An der dritten Wand befand sich ein kleiner Sekretär. Daneben führte eine mit Tapeten bezogene Tür in ein winziges Badezimmer mit Toilette, Waschbecken und Dusche.
„Wie lange wollen Sie bleiben?“
Lorelai zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall bis ich mich bei Mr Alexandros entschuldigen konnte.“
Megan biss sich auf die Lippen und wandte sich murmelnd ab.
Lorelai war sich nicht sicher, aber sie hätte schwören können, dass die Irin etwas in der Richtung „Für immer“ geflüstert hatte.
Megan griff nach der Türklinke.
„Frühstück gibt es ab sieben Uhr, Mittagessen nur nach Absprache, dafür biete ich pünktlich um fünf Uhr Tee und Gebäck an. Das Dinner wird ab sieben Uhr abends serviert. Brauchen Sie Hilfe mit Ihrem Gepäck?“
Lorelai schüttelte den Kopf, und die Pensionswirtin verließ den Raum.
„Ach, wenn Sie eine Tasse Tee möchten, kommen Sie in den Salon. Die erste Tür rechts am Ende der Treppe“, bot sie Lorelai an, ehe sie die Tür ins Schloss zog.
Lorelai ließ sich auf den Stuhl vor dem Sekretär plumpsen.
Was für ein beschissener Tag! Was für eine beknackte Woche! Sie ließ ihren Kopf gegen das Holz des Pults sinken. Nach einer Weile gab sie sich einen Ruck, richtete sich auf und griff nach ihrem Handy. Sie zögerte. Es interessierte niemanden, ob sie wohlbehalten hier angekommen war. Ihre Eltern lebten schon lange nicht mehr, und die wenigen Freunde hatten schon länger den Kontakt abgebrochen, weil Lorelai nur für ihre Arbeit lebte. Vielleicht schrieb sie ihrer Kollegin Melanie im Laufe der nächsten Tage eine kurze SMS, damit irgendjemand wusste, dass sie Amhrán erreicht hatte.
Seufzend erhob sie sich, entschlossen, ihr Gepäck zu holen und dann die angebotene Tasse Tee in Anspruch zu nehmen.

Kaum eine halbe Stunde später saß sie in frischen, trockenen Kleidern auf einem gemütlichen Stuhl im Salon, trank Tee und aß kleine Obsttörtchen, während sie durch das große Panoramafenster auf die grünste Landschaft blickte, die sie je gesehen hatte.
Vielleicht war es hier ja doch nicht so übel, überlegte sie, während sie den letzten Bissen mit Tee hinunterspülte.
Sie überblickte die Etagere, auf der die Gebäckstücke angerichtet waren, und entschied sich dann für eine Marzipantarte.
„Darf ich?“ Megan O’Flaherty trat an den Tisch, in der Hand eine Teetasse mit dampfendem Inhalt.
Lorelai nickte. Vielleicht konnte sie die Frau über Mac Alexandros ausfragen, denn sie hatte den Eindruck gewonnen, dass Megan den Mann näher kannte.
„Kennen Sie Mac Alexandros näher?“ Wenn sie es schlau anstellte, brachte sie einiges über ihn in Erfahrung, ehe auch nur ein Mensch hier merken würde, dass sie Journalistin war.
Megan deutete auf das hinter ihr stehende Klavier „Er kommt oft vorbei und spielt hier auf dem Klavier. Früher hat er … Klavierstunden gehabt.“
Lorelai stutzte. Ihr schien es so, als hätte die Frau eigentlich etwas anderes erzählen wollen. „Er spielt also auch Klavier?“
Megan lächelte. „Sein Hobby“, erklärte sie unverbindlich.
Also kannte Megan ihn tatsächlich näher.
„Sie können mir nicht vielleicht erklären, wie ich zu seinem Haus finde? Ich will mich entschuldigen. Kunst ist Geschmacksache, und ich finde keine Ruhe, wenn ich mich nicht wenigstens für meine Beleidigungen ihm gegenüber entschuldigen kann.“
Die ältere Frau lehnte sich zurück. „Es ist nicht weit. Zu Fuß vielleicht fünfzehn Minuten.“
Lorelai blickte auf ihre Uhr. Es war noch nicht spät. Sie könnte es also wagen, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, denn es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen.
Sie schob den Stuhl entschieden zurück. „Vielen Dank für Tee und Törtchen, es hat hervorragend geschmeckt!“ Sie erhob sich, und Megan tat es ihr nach.
„Könnten Sie mir den Weg zu Mr Alexandros beschreiben?“

Entschlossen marschierte Lorelai los. Als echtes Kind der Großstadt war es ihr unheimlich, so ganz ohne Gehwege am Straßenrand herumzuspazieren, doch sie brauchte dringend frische Luft, Bewegung und Zeit, sich die richtige Strategie zurechtzulegen, um den beleidigten Künstler zu bezirzen.
Schneller als gehofft fand sich Lorelai vor dem beschriebenen kleinen Cottage wieder. Das Haus war winzig. Es schien nicht mehr Platz zu beherbergen als Lorelais kleines Berliner Dachappartement. Doch die weiß gekalkten Mauern, das dunkle Reetdach, die blühenden Ginsterbüsche vor der Eingangstür und die steinerne Rosenskulptur daneben verliehen dem Anwesen ein entzückendes und heimeliges Erscheinungsbild.
Lorelai besah sich die Skulptur genauer und kam zu dem Schluss, dass auch diese ein Werk Mac Alexandros sein musste. Vielleicht konnte sie sich dumm stellen und diese Skulptur begeistert loben.
Lorelai holte tief Luft und näherte sich der Haustür. Sie hatte beschlossen, die Kleinmädchen-Masche kombiniert mit der „Es tut mir ja so entsetzlich leid“-Rede anzuwenden. Sie zögerte einen Moment und klopfte dann energisch an die Eingangstür, nachdem sie vergeblich eine Türklingel gesucht hatte.
Sie hörte Schritte, dann wurde die Tür weit geöffnet.
Mac Alexandros stand mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand da und starrte Lorelai stirnrunzelnd an. Als er sie erkannte, verfinsterte sich deutlich sein Blick.
Lorelai öffnete den Mund, um ihre Entschuldigungsansprache loszuwerden, doch noch bevor sie zu Wort kam, tat Mac Alexandros etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte: Er schlug ihr die Tür vor der Nase zu, und Lorelai zuckte erschrocken zusammen.
Ungläubig stierte sie auf das zitternde Holz.
Sie bewegte sich einen Meter zurück. Das hatte er nicht getan, oder? Sie blinzelte verblüfft. Er hatte.
„Um Himmels willen, Mr Alexandros!“, rief sie laut. „Es tut mir leid! Es war eine anstrengende Anreise, und ich bin den Linksverkehr nicht gewohnt. Ich habe es nicht so gemeint, wie es geklungen hat!“
Als sich nichts rührte, hätte sie am liebsten mit ihren Fäusten gegen die Tür gehämmert, doch sie bezweifelte, dass ihr ein Temperamentsausbruch helfen würde.
Im Gegenteil. Der Bildhauer wirkte eher so, als müsste er sich zusammenreißen, um ihr nicht den Hintern zu versohlen.
Lorelai biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Um ehrlich zu sein, einem erotischen Körperkontakt mit dem attraktiven Mann wäre sie nicht abgeneigt. Aber dieser Alexandros starrte sie so böse an, dass ihr kalt werden würde, wenn seine Anziehungskraft auf sie nicht gleichzeitig wahre Hitzeschauer in ihr auslösen würde. Er sah sie an, als wäre sie etwas, das man links liegen lassen musste.
Sie klopfte erneut. Und wartete. Von drinnen war nichts zu hören. Mr Alexandros verhielt sich mucksmäuschenstill.
Sie seufzte. „Mr Alexandros? Bitte lassen Sie uns reden!“
Keine Reaktion. Er wollte anscheinend so tun, als wäre er nicht anwesend.
Lorelai verschränkte ihre Arme vor der Brust. Nach einer Weile begann ihr Fuß ungeduldig, auf den Boden zu tippen.
„Mr Alexandros? Bitte geben Sie mir eine Chance!“
Im Innern rührte sich immer noch nichts. Lorelai bewunderte seine Hartnäckigkeit, und zugleich wuchs ihre Gereiztheit. Sie ging zu einem der Fenster und sah hinein. Durch die Scheibe erkannte sie eine kleine Küchenzeile, einen winzigen Tisch mit einem alten Stuhl an der Wand, auf dem Mac Alexandros saß und hoch konzentriert in einer Zeitschrift las. Sein Profil war ebenmäßig, dichte Augenbrauen, hohe Wangenknochen, ein Dreitagebart, eine kühn geschwungene Nase und ein energisches Kinn. Im Nacken ringelten sich schwarze Locken. Sie bemerkte, wie seine Kiefermuskulatur mahlte. Unvermutet sprang er auf, sodass Lorelai zurückschreckte.
„Hören Sie mich doch bitte an!“, flehte sie.
Mac Alexandros trat ans Fenster, starrte sie mit wütend gerunzelter Stirn an und knurrte laut genug, dass sie es durch die Scheibe hörte: „Verschwinden Sie!“ Dann zog er einen dichten Vorhang vor das Fenster.
Lorelai unterdrückte ein frustriertes Schnauben und wandte sich ab.
Sie wusste, wann ein Unterfangen sinnlos war. Heute würde sie keinen Erfolg mehr haben. Sie musste sich etwas Neues überlegen. Lorelai machte sich daran, das Grundstück zu verlassen, doch dann fiel ihr Blick auf die Scheune und das zweite kleine Haus auf dem Anwesen. Dieses Gebäude schien identisch mit dem Wohnhaus zu sein. Dort war bestimmt die Werkstatt untergebracht!
Sie sah zum Haus hinüber. Der Vorhang war noch immer vorgezogen. Sie würde einfach einen Blick in das andere Cottage wagen. Entschlossen ging sie zu dem Gebäude und fand die Fenster erfreulicherweise frei von Vorhängen und obendrein ohne Rollläden vor. Nur erreichte sie die Fenster nicht ohne Hilfsmittel. Sie kletterte also auf einen Blumenkübel, um hineinzusehen.
„Das ist Ihre Art, sich zu entschuldigen?“, erschreckte Lorelai Macs Stimme.
Sie fuhr herum, verlor das Gleichgewicht und fiel direkt in Macs Arme. Sie prallte auf einen muskulösen Brustkorb und wurde von starken Armen gehalten. Die Wolle seines Pullovers kitzelte an ihrer Wange, und die Wärme, die er ausstrahlte, schien Lorelais Blut zum Kochen zu bringen. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie blickte hoch und starrte genau in ein dunkles Augenpaar, das sie ungeduldig anfunkelte.
Selbst zornig reizte er sie. Den Funkenflug, den er in ihr auslöste, hatte sie schon ewig nicht mehr erlebt. Sie starrte auf seine fein geschwungenen Lippen und leckte sich unbewusst über die ihren.
Unsanft stellte er sie auf die Füße.
„Lassen Sie das. Das ist Ihrer nicht würdig!“, knurrte er wütend und blickte noch zorniger drein.
Lorelai blinzelte fragend. „Wovon um Himmels willen sprechen Sie, Mr Alexandros?“
Er machte eine ungeduldige Kopfbewegung. „Mich verführen zu wollen!“, entgegnete er.
Lorelai schüttelte den Kopf. „Was unterstellen Sie mir denn da?“, fragte sie verärgert. Es war ihr unangenehm, ertappt worden zu sein. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Gehen Sie, bevor ich die Polizei hole!“, forderte er sie auf.
Lorelai wusste, wann sie sich geschlagen geben musste. Also drehte sie sich um und marschierte hocherhobenen Hauptes vom Grundstück.

Als Lorelai die Pension erreichte, war sie tropfnass.
Natürlich hatte es wieder angefangen zu regnen. Das irische Wetter war boshaft genug gewesen, neben dicken Regentropfen gleichzeitig die Sonne scheinen zu lassen, sodass Lorelai sich reichlich verhöhnt fühlte. Wenigstens hatte der Himmel versucht, sie mit einem herrlichen Regenbogen zu bestechen.
Megan eilte ihr mit einem Badetuch entgegen. „Meine Liebe, ich habe Sie durch das Fenster gesehen. Sind Sie in den Regen geraten?“
Lorelai musterte die andere Frau misstrauisch. Doch Megan wirkte mitfühlend, keine Spur von Spott lag in ihrer Stimme, also nahm Lorelai das trockene Tuch an und begann, Gesicht, Haare und anschließend die Regenjacke abzutupfen.
Megan faltete das nasse, schmutzige Badetuch zusammen und griff nach Lorelais Jacke.
„Ich hänge die zum Trocknen für Sie auf. Wie wäre es mit einer heißen Dusche? Ich bereite Ihnen einen Grog zu. Das Dinner wird auch bald serviert!“
„Hört sich traumhaft an“, seufzte Lorelai und trabte strumpfsockig in ihr Zimmer.
Als sie aufgewärmt und in trockenen Kleidern aus dem Badezimmer kam, klopfte Megan an der Tür. Auf Lorelais Antwort hin trat die Irin ein.
„Ich bringe Ihnen den Grog.“ Sie deutete mit dem Kopf auf einen Humpen, der die doppelte Menge des Gebräus enthielt, als Lorelai eigentlich zu trinken gedachte. Sie nahm das Getränk entgegen und nippte vorsichtig daran.
„Der ist köstlich!“ rief sie aus und nahm einen mutigeren Schluck.
„Ein altes Familienrezept.“
„Ach ja? Ihre Familie ist bestimmt schon immer hier in der Gegend gewesen.“
Wenn sie schon nicht das Interview bekam, das sie wollte, hielt sie sich eben an das, was im Moment erreichbar war. Und Megan wirkte durchaus redselig. Wenn es nicht anders ginge, würde sie eben ein Interview über Mac Alexandros führen statt mit ihm.
„Aber nein, mein Vorfahr Kieran O’Flaherty und Mac Alexandros ließen sich in Amhrán nieder.“
„Mac Alexandros’ Vorfahren meinen Sie?“
Megan nickte und strich sich über ihren Rock, dann warf sie einen nervösen Blick auf die Tür, als wollte sie gleich wieder verschwinden.
Wenn Lorelai etwas in ihrer kurzen Zeit hier in Irland gelernt hatte, dann dass die Iren begeisterte Geschichtenerzähler waren. Nichts – vielleicht abgesehen von einem guten Whiskey oder einem Hunde- oder Pferderennen – konnte sie mehr faszinieren als eine gute Geschichte. Das hatten Lorelai bereits ihre Pubbesuche auf dem Weg von Shannon nach Amhrán bewiesen. Umso erstaunter war sie, dass offenbar niemand so recht über Mac und seine Ahnen sprechen wollte.
„Erzählen Sie mir doch von Ihrem Vorfahren Kieran! Wie kam es, dass er sich hier ansiedelte?“, bohrte sie nach. Sie versuchte, ermutigend und nicht allzu neugierig zu wirken.
„Das ist eine interessante Geschichte“, begann Megan verträumt. „Kieran O’Flaherty ritt mit einem echten Rassepferd durch das County, als er von Engländern erwischt wurde. Sie müssen wissen, Iren war es zu der Zeit verboten, wirklich gute Pferde zu besitzen. Doch die O’Flahertys waren nicht nur Pferdenarren und die größten Sturköpfe Irlands, sondern auch rebellischer als ein Trupp Widerstandskämpfer. Und so hatten die O’Flahertys ihre Pferde vor den Engländern versteckt. Die Geschichte variiert nun im weiteren Geschehen. Auf jeden Fall sollte Kieran an Ort und Stelle hingerichtet werden, als Macs Vorfahr auftauchte und ihm das Leben rettete. Die beiden ließen sich hier in Amhrán nieder, und irgendwann verliebte sich Mac in Brianna, eine von Kierans Töchtern. Doch das Mädchen starb noch in der Hochzeitsnacht.“
„Oh!“ Lorelai riss überrascht die Augen auf. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. All diese Heimlichtuerei. Hatte der alte Alexandros seine irische Braut ermordet? „Hat er sie umgebracht?“
Megan wedelte ungeduldig mit der Hand. „Um Himmels willen, nein! Man erzählt sich, das arme Ding sei Schlafwandlerin oder von Feen besessen gewesen und wanderte im Mondschein auf den Klippen herum. Sie stürzte ins Meer und ertrank. Mac heiratete dann Brigid, Briannas ältere Schwester, und auch wenn Mac für Brigid nicht dieselbe Leidenschaft empfand wie für Brianna, so führten die beiden doch eine gute Ehe, bis zu Brigids Tod.“
„Dann sind Sie und Mac also verwandt?“
Wie aus einer Trance erwacht, starrte Megan Lorelai an.
„Die O’Flahertys und die Alexandros’ eint mehr als Blutsbande. Ein Schwur bindet uns. So, wie Mac Alexandros Kieran beschützte, werden die O’Flahertys für einen Mac Alexandros ihr Leben geben.“ In Megans Stimme schwang eine Warnung mit. Und obwohl sie lächelte, spürte Lorelai, dass es der irischen Pensionswirtin ernst war. Ein Frösteln wanderte Lorelais Rücken empor und glitt wie ein kleiner Stachel in ihr Hirn. Ihr journalistisches Gespür schlug Alarm. In dieser Geschichte verbarg sich mehr. Viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen war.

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Lorelai wählte den Platz gegenüber des Panoramafensters und blickte hinaus auf die Landschaft. Noch saß sie allein beim Frühstück, doch beim Hinuntergehen hatte sie Geräusche aus den Zimmern der Belgier gehört. Sie nahm sich noch ein Glas Orangensaft vom kleinen, aber feinen Frühstücksbuffet und wandte sich dem gebratenen Speck auf ihrem Teller zu.
„Jetzt weiß ich, warum die Iren so wild auf Whiskey sind. Fettes Essen, regnerisches Wetter, das alles erträgt man nur alkoholisiert“, murmelte sie und verschlang hungrig ihren Speck, die Würstchen und das Rührei. Als der Teller leer war, lehnte sie sich zurück und prüfte kritisch die Speisen auf dem Buffet. Sie entschied, dass es nicht zu gierig wäre, wenn sie sich bescheidene Mengen auf ihren Teller häufte und sich danach an Toast und Ingwermarmelade hielt.
Lorelai hatte sich gerade gesetzt, als die Belgier in das Esszimmer kamen.
„Guten Morgen“, grüßte die Familie auf Englisch.
Lorelai nickte ihnen höflich zu, da sie gerade den Mund voll hatte.
Die Familie setzte sich an den Nebentisch, und Lorelai war froh, als die fünf sich in ihrer Landessprache unterhielten und sie außen vor ihre Ruhe hatte.
Nach dem Frühstück ging Lorelai auf ihr Zimmer, zog sich ihre Allwetterjacke an und machte sich erneut auf den Weg zu Mac Alexandros.
Der Mann war höllisch attraktiv, und sie musste an Melanies Vorschlag denken. Nachdem sie Mac Alexandros nun kennengelernt hatte, musste sie gestehen, dass ihr der Gedanke gefiel. Außerdem konnte sie ihm anmerken, dass auch sie ihn nicht kaltließ. Mac törnte sie an. So intensiv, wie die Funken zwischen ihnen beiden flogen, müsste es doch ein Leichtes sein, ihn zu verführen. Da die meisten Männer bei Dates bevorzugt über sich plapperten, würde er ihr quasi freiwillig ein Interview geben. Zugegeben, er würde es nicht wissen, aber das war nebensächlich. Bei seinem eigenen schlechten Benehmen würde er vermutlich nicht mal merken, wie gemein und hinterhältig sie selbst war.
Sie hatte die Straße noch nicht erreicht, als sie ihn im Auto vorbeibrausen sah. Stöhnend wechselte sie die Richtung und folgte Mac Richtung Ortskern. Wenn er dorthin unterwegs war, würde sie ihm vielleicht begegnen. Und falls nicht, so gab es gewiss irgendjemanden in Amhrán , der stolz und redselig genug war, um etwas über Mac auszuplaudern.

Amhráns Ortskern zog sich in die Länge. An der Hauptstraße befanden sich ein Pub, dessen ungepflegte Außenfassade Lorelai schaudern ließ, eine Kirche inmitten einer Ansammlung uralter bis neuerer Gräber, ein kleiner Corner’s Shop und ein Andenkenladen.
Auf der Unterlippe kauend blieb Lorelai stehen. Weit und breit waren weder Mac noch sein grüner Vauxhall zu sehen.
Kurz entschlossen steuerte sie auf die Kirche zu. Dann würde sie eben ein wenig recherchieren. Bestimmt gab es ein Grab der Alexandros, und vielleicht konnte sie eine rührende Story über die Heimatverbundenheit der nach Irland emigrierten Vorfahren Macs schreiben. Diese Art Bericht wäre genau das Richtige, um ihren Boss versöhnlich zu stimmen!
Hinter dem Eingangstor stehend holte sie ihren Notizblock und ihren Stift heraus. Der Duft nach Kerzen und Blumen, der von einer alten und verwitterten Begräbnisstelle neben dem Weg herrührte, streifte ihre Nase. Lorelai wandte sich dem Fleckchen zu und kniete sich davor. Die ältesten Grabsteine waren über den Rasen verteilt. Offensichtlich war es nicht üblich, Gräber aufzulösen, oder es war gängige Praxis, den Friedhof mit Gras zu bedecken.
Die Schrift auf dem Stein in Keltenkreuzform war nicht zu entziffern. Lorelai streckte die Hand aus und berührte den Gedenkstein. Vorsichtig glitten ihre Fingerspitzen über die Unebenheiten. Raue Stellen wechselten sich mit absoluter Glätte ab. Kühle mit Wärme. Schwarze und silbrige Adern durchzogen den Grabstein. Was mochte dieser Felsbrocken alles erlebt haben? Was hatte ihn geformt? Wie viele Menschen waren an ihm vorübergezogen, ohne ihn zu beachten? Vertieft in ihre eigene Trauer, und die Endgültigkeit des Seins verleugnend. Lorelai schluckte und schüttelte die Melancholie ab. Offensichtlich war in letzter Zeit wenigstens eine Person nicht an dem Grab vorübergegangen. Unzählige Kerzen waren vor und neben dem Stein aufgebaut. Mindestens fünfzig Grablichter, von denen einige noch brannten und den Duft ihres verbrennenden Wachses verbreiteten. Einige waren auf der Erde zu Wachspfützen getrocknet. Ein paar frisch erloschene Dochte sandten dünne Rauchsäulchen in den Himmel. Inmitten des Kerzenmeers lagen üppige gelbe und violettblaue Blumensträuße, deren Aroma sich mit dem Kerzenduft mischte. Wer mochte hier begraben liegen? Ein Alexandros? Ein O’Flaherty? Vielleicht Kieran oder eine seiner Töchter? Lorelai erhob sich. Das war nicht nur ein altes Grab, das war ein Schrein, eine Gedenkstätte. Jemand gedachte der oder des Toten. Selbst noch nach so langer Zeit, wie das verwitterte Kreuz vermuten ließ. Schuldbewusst erinnerte Lorelai sich an das Grab ihrer Eltern. Sie hatte dort schon Jahre nicht mehr vorbeigeschaut. Sie wagte nicht daran zu denken, in welchem Zustand die letzte Ruhestätte ohne Pflege sein musste. Sie stieß einen schweren Atemzug aus, wischte die Erinnerungen beiseite und wanderte die restlichen Grabstellen ab. Sie wollte die Anlage mit dem Auge der Journalistin begutachten: auf eine gute Story fixiert, ohne sich persönlich einzubringen.
Lorelai schlenderte gemächlich durch die Grabreihen. Es gab verwitterte Steine neben neuen. Viele der älteren erzählten traurige Geschichten früh verstorbener Kinder und ihrer Mütter. Manche Grabsteine standen schief und offensichtlich wacklig in der Erde. Einige waren zerfallen, andere wieder so gut erhalten, dass allenfalls die geschwungenen Buchstaben Probleme beim Entziffern der Inschriften bereitete.
Es wimmelte nur so von O’Flahertys auf dem Friedhof. Offenbar nicht nur eine sesshafte, sondern auch eine fruchtbare Familie, überlegte Lorelai mit einem Hauch von Neid. Sie hatte es nie bereut, das Einzelkind von Einzelkindern zu sein, doch sicher war es schön, in einem großen Familienverbund aufzuwachsen.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Die Stimme war tief und wohlklingend.
Lorelai zuckte zusammen und drehte sich um.
Vor ihr stand ein mittelgroßer Mann mit Halbglatze, gewaltigem Bauch und roter Nasenspitze. Er trug einen dunkelbraunen Kittel über ebensolchen Cordhosen.
Lorelai blinzelte überrascht. Dann starrte sie über seine Schulter und fragte sich, ob irgendwo hinter ihm Robin Hood auftauchen würde. Der Mann sah in der Tat so aus, wie sie sich Bruder Tuck stets vorgestellt hatte.
Sie grüßte ihn stotternd und erklärte ihm den Grund ihres Friedhofbesuchs.
Er nickte verständnisvoll. „Da werden Sie auf diesem Friedhof kaum erfolgreich sein. Die Alexandros pflegen nicht hier zu sterben. Mac kam vor fünf Jahren das erste Mal nach Amhrán.“ Das Lächeln des Paters besaß etwas Entwaffnendes.
„Wirklich? Ich dachte, schon seine Vorfahren lebten hier?“
Bruder Tuck, wie Lorelai den Mann insgeheim nannte, bot ihr seinen Arm und führte sie zurück über den Schotterweg zum Kircheneingang.
„Für gewöhnlich bleiben Leute, die hierher kommen, auch in Amhrán. Die Alexandros sind aber Traveller. Nie lange am selben Ort. Und dennoch, es zieht sie immer wieder in unseren Ort zurück.“
Das Grab mit dem Kerzenmeer kam in Lorelais Blickfeld. Sie deutete darauf.
„Wissen Sie, wer dort begraben liegt? Und wer hat die Kerzen und die Blumen niedergelegt?“
Der Pater nickte verständig. „Kieran O’Flaherty und seine Töchter hat man dort begraben.“
„Und wer legt dort immer noch Blumen und Kerzen ab?“
Der Mann zuckte mit den Schultern und lächelte neutral. „Eine Dorftradition“, behauptete er.

Megan nickte der Kellnerin dankend zu, als diese eine Tasse Earl Grey vor ihr abstellte.
„Warum wolltest du deinen Tee nicht bei mir trinken, so wie immer?“, fragte Megan verwirrt.
Mac schenkte der jungen Kellnerin ein Lächeln, woraufhin diese errötete und wie versehentlich ein drittes Cookie auf seinen Teller fallen ließ, obwohl er nur zwei bezahlt hatte.
Sie war so jung. Unversehens erfassten Mac Bedauern und Neid. Die Kellnerin schien kaum vierzig Jahre alt zu sein, für ihn ein Wimpernschlag, doch für die Sterblichen eine kostbare Zeitspanne. Alles, was rar war, galt als wertvoll. Für ihn war Zeit ein elender Ballast. Er rang die melancholischen Gedanken nieder, die sich ihm aufdrängen wollten, wartete, bis die Kellnerin sich vom Tisch entfernt hatte, und reichte Megan den Keks. Kopfschüttelnd biss sie hinein, mit demselben Vergnügen, das ihr beim Genuss von Schokolade bereits als Dreikäsehoch zu eigen gewesen war. „Du schaffst es wirklich jedes Mal!“, meinte sie vergnügt.
Er lachte und zuckte mit den Schultern.
„Jetzt sag, warum trinken wir unseren Tee hier in Killarney?“ Sie war scharfsinniger, als es Mac recht war.
Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Du wolltest doch ohnehin einkaufen gehen. Und hier ist es ganz nett.“ Er blickte sich demonstrativ in dem Café um und nickte zufrieden. Mac griff nach seiner Tasse und führte sie an seine Lippen.
„Lenk nicht ab!“ Sie kniff ihre Augen zusammen. „Es ist wegen dieser komischen Lorelai, oder?“
Mac stellte seine Teetasse ab und stöhnte. „Sie ist eine Nervensäge, sie ist unverschämt, und sie klebt an mir wie ein Furunkel.“
Megan legte ihren Kopf schief. „Ich glaube, ich weiß, was dein Problem ist, Mac.“
„Nein!“, fiel ihr Mac ins Wort und starrte aus dem Schaufenster auf die Hauptstraße hinaus. „Ich will in Ruhe gelassen werden. Frauen finde ich auch, ohne den Künstler zu geben. Ich will keine Groupies. Es war ein Fehler, damals der Ausstellung zuzustimmen. Es lenkt zu viel Aufmerksamkeit auf mich.“
„Du konntest ja nicht ahnen, dass ein Kunstkritiker ganz aus dem Häuschen geraten würde.“
Mac verzog das Gesicht.
Megan lächelte. „Die Eitelkeit der Künstler.“
Macs Lippen kräuselten sich melancholisch. „Vermutlich.“ Er hatte so viel Zeit gehabt, sein Talent zu verfeinern. Natürlich war er gut, und das letzte bisschen Menschlichkeit äußerte sich unglücklicherweise in dem Wunsch, Anerkennung für seine Kunstwerke zu erhalten.
Einen Moment lang ließ Mac zu, dass seine Gedanken meilenweit weg wanderten, um dann abrupt ins Hier und Jetzt zurückzukehren.
„Ich habe darüber nachgedacht, wieder nach Kreta abzureisen.“ Weit weg von Lorelai. Sie tat seinem Seelenheil nicht gut. Sie besaß dieses gewisse Etwas, das ihn anzog und zugleich erschreckte.
Erschrocken stellte Megan die Teetasse ab. „Das ist doch nicht dein Ernst?“
Sie griff nach seiner Hand. „Die Familie hat sich so gefreut, dass du wieder da bist! Granny Kate erwartet sehnsüchtig deinen Besuch. Sie … sie ist schon alt, Mac. Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit, sie zu sehen.“
„Sie sterben alle, nicht wahr?“ Nachdenklich starrte Mac auf das Cookie in seiner Hand, ehe er hineinbiss. Mit einem Mal fühlte er die Last der Jahrtausende auf seinen Schultern. Das Leben ging so schnell zu Ende. Gerade noch war der Körper straff und fest, der Geist wach und rege, und schon einen Augenblick später war alles ganz anders. „Ich werde nicht gehen, bevor ich Katie besucht habe“, versprach er. Trotz seines unglaublichen Alters war es für ihn schwer zu ertragen, lieb gewonnene Menschen altern zu sehen. Dachte er an Granny Kate, dann sah er sie stets als das kleine Mädchen auf den Armen ihrer Mutter Maire vor sich.
Bezaubernde, fröhliche Maire. Sie hatte ihm einen herrlich unbeschwerten Sommer geschenkt, bevor der Wahnsinn des Osteraufstandes über Irland hereingebrochen war.
„Und was ist mit Lorelai?“, erkundigte sich Megan.
Mac schreckte aus seinen Gedanken auf. Lorelais Gesicht, ihre schönen Augen und ihre sinnlichen Lippen schoben sich vor sein inneres Auge. Hitze stieg sein Rückgrat empor. Er schüttelte den Kopf.
„Oh, was Lorelai betrifft, so werde ich ihr die nächsten sechzig Jahre aus dem Weg gehen. Damit dürfte sich das Problem von allein gelöst haben.“

Lorelai warf ihre Handtasche auf ihr Bett. Bruder Tuck – Pater Logan! – verbesserte sie sich, war ihr bedauerlicherweise keine Hilfe gewesen. Seufzend zog sie ihre Jacke und ihren Pullover aus und schlüpfte stattdessen in eine leichte, türkisblaue Bluse mit Häkelborte.
„Das hast du diesmal gründlich vermasselt, Grabinger!“, schimpfte sie mit sich.
Ein Auto fuhr auf den Hof. Sie ging ans Fenster und sah, dass Mac aus dem Wagen stieg. Ihr Herz klopfte schneller.
Mac Alexandros betrat das Haus. Lorelai überlegte eine Weile und hörte ihn dann die Treppen hinaufkommen. Sie hielt den Atem an, doch er ging unbeirrt an ihrer Zimmertür vorbei und lief die Treppen zum Dachboden hoch.
Sie zögerte noch einen Moment und schlich dann hinter ihm her.
Lorelai entdeckte mehrere Türen, doch nur eine stand offen, und sie konnte Mac dahinter rumoren hören. Offenbar suchte er etwas.
Die Stufen knarrten kaum, doch Lorelai hielt bei jedem Seufzer des Holzes inne und lauschte, ob Mac sie bemerkt hatte. Sie wollte nicht riskieren, dass er ihr davonlief. Sie brauchte, sie wollte dieses Interview! Anfangs war es nur ein Job gewesen. Doch mittlerweile ging es um ihre Ehre und ihr Selbstwertgefühl als Frau.
Was für eine Journalistin war sie denn, wenn sie nicht einmal einen kleinen, unbedeutenden Bildhauer zu einem Gespräch überreden konnte? Sie war intelligent, obendrein attraktiv, jung und Single. Sie würde doch wohl ein Date mit Mac bekommen!
Sie erreichte die offene Tür, zog sie weiter auf und betrat die Dachkammer.
Mac stand mit dem Rücken zu ihr, über eine Kiste gebeugt, sodass sich der Stoff seiner Jeans über seinen wohlgeformten Hintern spannte. Lorelai schluckte. Sie hatte schon immer eine Vorliebe für Männer mit knackigem Po gehabt. Sie verdrängte diese Gedanken und räusperte sich.
„Ich muss mit Ihnen reden, Mr Alexandros.“
Mit einer geschmeidigen Bewegung richtete er sich auf, drehte sich um und starrte sie mit aufgerissenen Augen an.
Geschmeichelt erkannte Lorelai den Schreck in seinem Blick. Kein Wunder, dass ihr der Mann aus dem Weg ging. Sie hatte ihn offensichtlich eingeschüchtert!
Ihr kam der Gedanke, dass Mac Alexandros gar kein Frauenfeind war, sondern lediglich Angst vor ihr hatte. Sie würde sehr freundlich und sanft sein, um ihn nicht noch mehr zu erschrecken. Sie empfand es durchaus als Kompliment, dass ein attraktiver, starker Mann Angst vor ihr zu haben schien. „Ich wollte Ihre Kunstwerke nicht beleidigen“, begann sie.
„Die Tür“, presste er hervor.
„Wie bitte?“, fragte Lorelai irritiert.
Er machte einen Satz auf sie zu, und sie wich erschrocken zurück. Hinter ihr klickte es.
„Zu spät!“, bemerkte Mac frustriert. Er war Lorelai so nahe, dass sie die Wolle seines Pullovers an der Nase kitzelte. Der Raum war verflucht eng, vollgestellt mit alten Kisten und Kartons, die nur eine Gasse zwischen Fenster und Tür frei ließen.
Mac deutete auf die geschlossene Tür. „Jetzt müssen wir warten, bis uns Megan oder sonst jemand befreit.“
„Blödsinn, wir müssen doch nur die Tür öffnen.“
„Oh, Sie sind mir ja eine ganz schlaue Schnüfflerin“, spottete er. „Versuchen Sie es!“ Schon wieder starrte er sie so finster an, als wollte er ihr augenblicklich an die Gurgel gehen. Er hatte keine Furcht vor ihr. Er konnte sie schlicht und ergreifend nicht ausstehen.
Sein sinnliches Rasierwasser machte sie ganz benommen. Verwirrt wandte sie sich zur Tür und stemmte sich dagegen. Es ging nicht. Sie drückte fester, rüttelte und warf sich mit ihrem ganzen Körper dagegen. Hervorragend, um sich von dem Kribbeln abzulenken, das ihre Haut überzog und in ihren Körper eindringen wollte. Himmel, was würde es mit ihr anstellen, wenn dieser Mann sie berührte?
„Es ist zwecklos“, erklärte sie.
Mac setzte sich auf den Karton, in dem er gerade noch gekramt hatte. Die Arme verschränkt und die Beine überkreuzt, musterte er Lorelai gefrustet.
Lorelai fragte sich, was den guten Mann so an ihr nervte, dass er bei ihrem Anblick immer wirkte, als wäre er bereit, einen Mord zu begehen. Sie hatte nichts getan, außer sein Kunstwerk zu beleidigen. Und zu atmen, was ihr auf einmal schwer fiel. Und Mac wirkte so, als wäre er nur zu gern dabei behilflich, ihre Atmung vollkommen zum Erliegen zu bringen.
„Die Tür hat innen keinen Knauf.“
Lorelai starrte darauf. „Wie kann man eine Tür nicht wenigstens durch einen Keil sichern, wenn man weiß, dass sie defekt ist?“
Macs Stirn zog sich zu einem ärgerlichen Runzeln zusammen, und Lorelai bewunderte fasziniert das Schauspiel. Man sah ihm seine Stimmung tatsächlich an der Art seines Stirnrunzelns an.
„Welcher Hausgast ist so dreist und dringt in Privaträume ein?“
„Wenn Sie mir die Chance gegeben hätten, mich zu entschuldigen, wäre das gar nicht nötig gewesen!“ Langsam wurde Lorelai sauer. Wie oft musste sie ihm das denn noch erklären und sich entschuldigen?
„Hätten Sie meine Kunstwerke nicht als Ergebnisse eines notgeilen Sittenstrolchs bezeichnet …“
„Sabbernder Lustgreis“, verbesserte ihn Lorelai. „Und ich versuche schon seit Tagen, mich dafür zu entschuldigen.“
„Eine Entschuldigung und alles ist wieder gut, was? Ist das die viel gerühmte deutsche Gründlichkeit?“
„Britische Heuchelei liegt mir nicht!“, giftete Lorelai zurück.
Interview hin oder her, beleidigen ließ sie weder sich noch ihre Staatsangehörigkeit!
Ohne dass es beiden bewusst geworden wäre, hatte sie sich auf ihn zubewegt. Mac stand entrüstet auf und kam ihr einen Schritt entgegen, im Gesicht die Ankündigung einer weiteren Tirade. Plötzlich standen sie dicht voreinander, ohne so recht zu wissen, wie das geschehen war. Macs Pullover kitzelte Lorelais Kinn. Er umfasste ihre Hüften wie von selbst, seine Hände lagen stark und warm auf ihren Hüftknochen, und an den Stellen, an denen er sie berührte, brannte ihre Haut. Er hob sie hoch, sodass sie sich in die Augen sehen konnten. Sie quiekte überrascht. In seinen nugatbraunen Augen funkelte es gefährlich, und wären sie beide nicht eingesperrt gewesen, hätte Lorelai in diesem Moment vermutlich das Weite gesucht, bis der Funkenflug in ihrem eigenen Innern erloschen wäre. So aber saß sie in einer Falle. Sie musste ertragen, dass ihr Herz fast schmerzhaft gegen ihre Rippen hämmerte und ihr Atem kaum über die Kehle entweichen konnte. Schwindel erfasste sie, sodass sie dankbar war, von Mac gehalten zu werden. Lorelai fürchtete, ohne seinen Griff wie eine lasche Stoffpuppe zu Boden zu rutschen.
Sie bemerkte, dass ihre Hände auf seiner Brust lagen, und dann presste er seinen Mund auf den ihren. Sein Kuss war wild und leidenschaftlich. Lorelai schmeckte Tee und Schokolade und roch sein Aftershave. Dies und die Wärme seiner Berührung brachten sie schier um den Verstand. In seinem Kuss lag nichts Sanftes, und Lorelai fand es geradezu passend, denn in ihr war kein bisschen Zärtlichkeit.
Mac drückte sie gegen die Kartons, und sie umschlang mit ihren Beinen seine Hüften. Ihre Hände legten sich auf seine Schultern, ihre Finger vergruben sich in ihnen, wanderten weiter, über seine muskulösen Oberarme und zurück in sein Haar. Er strich mit hitzigen Bewegungen über ihre Flanken, schlang einen Arm um ihre Hüfte, den anderen um ihre Schultern und zog sie eng an sich, ohne seine Lippen von den ihren zu lösen. Er küsste geradezu göttlich und löste wildes Begehren in ihr aus. Die Hitze seiner Berührungen und die Leidenschaft, die er damit auslöste, waren berauschend. Ihr war mit einem Schlag heiß. Das erste Mal, seit sie sich in Irland aufhielt. Doch die Hitze, die sie erfasst hatte, war jene Hitze, die eine Frau in den Wahnsinn treiben konnte. Das Brennen breitete sich über ihren gesamten Leib aus. Kroch in jeden Winkel ihres Körpers. Ihr Blut schien zu schäumen, zu kochen und ließ ihre Glieder zittern. Sie war froh, von Mac festgehalten zu werden. Seine Zunge focht leidenschaftlich mit ihrer, und sie schenkte ihm nichts. Sie biss, knabberte und sog an seiner Zunge, als gälte es, einen Kampf zu gewinnen.
Gerade als Lorelai dachte, dass Küssen geradezu perfekt war, um Wut loszuwerden, gab Mac sie frei und ließ sie auf den Boden sinken.
Er ging zum Fenster und öffnete es.
„Wir sind hier eingesperrt, Megan!“, rief er.
Einen Moment lang verharrte er. Lorelai sah, dass er sichtlich um Haltung rang. Sie konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, auch wenn sie sich selbst so fühlte wie die kleine Meerjungfrau auf ungewohnten Menschenbeinen. Macs eigenes Bemühen um Fassung gab Lorelai Zeit, ihre Bluse glatt zu streichen und ihre Atmung zu normalisieren. Langsam wich die Hitze, und sie bekam das Zittern ihrer Gliedmaßen wieder in den Griff.
Mac drehte sich zu ihr um, und ihre Blicke verschmolzen miteinander. Für einen kurzen Moment sah sie Sterne in seinen Augen. Sterne, die jede Frau in den Augen ihres Auserwählten sehen wollte. Es war jenes Blitzen, das Lorelai zeigte: Egal, was war, gleichgültig, was kommen mag, du bist perfekt. Und du bist mein. Für immer.
Dann war dieser Augenblick vorbei, und Lorelai war nicht sicher, ob sie es sich vielleicht nur eingebildet hatte. Sie blinzelte, wollte nichts derartiges in ihr kurzes Intermezzo hineininterpretieren. Sie fühlte sich sexuell von Mac angezogen, und leider konnte sie nicht erahnen, was er dachte. Dafür wurde sie sich ihrer eigenen Gedanken umso bewusster. Sie schluckte, konnte ihn nicht ansehen, ohne an äußerst unanständige Dinge denken zu müssen.
Schritte näherten sich der Dachkammer.
„Es ist nicht nötig, sich zu entschuldigen“, sagte er schließlich, während sich die Tür öffnete.
Megan stand verdutzt im Türrahmen, als sie Lorelai erkannte. Sie musterte Mac und wandte sich Lorelai zu.
„Sitzen Sie schon lange hier fest?“
„Zu lange“, grollte Lorelai und sah, wie Megan sich auf die Lippen biss.
„Es tut mir leid, ich wollte die Tür schon ewig reparieren lassen. Das kann nämlich zu einer üblen Falle werden.“
Lorelai nickte und lief an Megan vorbei. Hinter ihr blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu Mac.
„Ich lade Sie ins Pub ein. Als Wiedergutmachung!“, erklärte sie. Damit verschwand sie eilends in ihrem Zimmer.
Dort angekommen sank sie mit weichen Knien auf ihr Bett.