Lustnebel
von Ivy Paul

Erschienen: 11/2013

Genre: Historical Romance
Zusätzlich: Krimi, Vanilla

Location: England

Seitenanzahl: 200

Buchtrailer: Ansehen

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-072-8
ebook: 978-3-86495-073-5

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Lustnebel


Inhaltsangabe

Einmal ausbrechen aus dem starren Korsett der Konventionen und viktorianischer Moral ...
Für Claire Salinger endet der Ausflug zu einer Sexorgie im berüchtigten Hells Fire Club mit dem Tod, während ihre Begleiterin Rowena sich in der Ehe mit dem sinnlichen Chayton Bannister, Marquis of Windermere, wiederfindet. Chayton weckt ihre Lust, doch gleichzeitig zweifelt Rowena an seiner Integrität.
Nach einem Anschlag auf Rowenas Leben verfrachtet Chayton sie auf seinen heruntergekommenen Landsitz am Lake Windermere. Unter den Dorfbewohnern gilt er als Dämon und Rowenas Freundin Alice fürchtet Chayton.
Wird Rowena die Rätsel um Chayton und den Mord an Claire aufklären? Oder verfolgt der Mörder sie nach Windermere - ist ihr bereits nah? Näher gar, als ihr lieb sein kann?

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

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Leseprobe

Als sie zu Hause in ihr Gemach stürmte, hatten sich die Zweifel und das Misstrauen so sehr gesteigert, dass sie fast gewillt war, die Tür zum Arbeitszimmer aufzubrechen, um herauszufinden, was sich dort verbarg.
Betsy eilte aus der Ankleidekammer, in der auch die Pritsche stand, auf der sie schlief. Ihre Kleidung erwies sich als tadellos, doch ihr Haar war in Unordnung geraten.
„Lady Rowena?“ Sie musterte ihre Herrin nervös. „Ihr seid früh zurück.“
Rowena riss sich die Stola von der Schulter und warf sie auf das Bett. „Mein Gemahl hatte unerwarteterweise andere Verpflichtungen.“ Sie stutzte, als ihr auffiel, dass Betsy...

...zum Fenster schielte.
„Hattest du dich mit deinem Liebsten verabredet?“
Betsy wurde rot, und trotz Rowenas Ärger stahl sich ein Schmunzeln auf ihre Lippen. „Wer ist denn der Glückliche?“, erkundigte sich Rowena.
„Der Schmied.“ Betsys Wangen flammten in intensivem Rot.
Rowena lächelte, bis ihr ein Gedanke kam. „Dein Schmied, er ist bestimmt in der Lage, versperrte Türen zu öffnen?“
Betsy riss die Augen auf. „Was habt Ihr vor, Lady Rowena?“
„Ich möchte einen Blick ins Arbeitszimmer meines Gemahls werfen, und mir scheint nun der perfekte Moment gekommen. Die anderen Dienstboten schlafen, und mein Gatte wird unter Garantie noch eine Weile außer Haus sein. Geh und bring deinen Liebsten vor die Tür des Büros“, ordnete Rowena an.
Als Betsy zögerte, machte sie eine unwirsche Handbewegung. „Spute dich, wir haben nicht ewig Zeit!“
Rowena nutzte die Zeit, um eilig aus ihrer Robe zu schlüpfen und einen dunklen Morgenmantel überzustreifen, in dessen Taschen sie zwei Münzen von ihrem Nadelgeld schob, ehe sie sich zum Arbeitszimmer begab.
Dort erwarteten sie Betsy und ein reichlich nervös wirkender Arbeiter mit schwarzem Schnauzbart. Als er Rowena erblickte, riss er seine Mütze vom Kopf und verbeugte sich ungelenk.
„Mylady“, flüsterte er heiser. Er musterte seine Umgebung beinahe panisch, und Rowena konnte ihm nachfühlen, wie es ihm ging, doch sie hatte keine Zeit für Verständnis.
„Wie ist dein Name?“, wollte sie wissen.
„Tobias, Mylady.“
„Also gut, Tobias, du sollst mir diese Tür öffnen, ohne Spuren zu hinterlassen, und sie anschließend wieder absperren. Schaffst du das?“
Der Schmied verneigte sich. „Bestimmt.“
„Ich will ein klares Ja oder Nein, wir dürfen keine Beweise für unser Eindringen liefern. Das ist ausgesprochen wichtig, Tobias“, drängte Rowena.
Tobias nickte und straffte sich. „Keine Sorge, Mylady, ich werde Euch zufriedenstellen.“
Rowena machte eine auffordernde Handbewegung Richtung Tür und reichte Tobias eine der beiden Münzen. „Du erhältst noch einmal dieselbe Summe, wenn du deinen Auftrag ordnungsgemäß ausgeführt hast.“
Die Miene des Mannes erhellte sich, und er machte sich sofort ans Werk.
Betsy beobachtete Tobias und Rowena im Wechsel und flüsterte ihrer Herrin zu: „Wir geraten alle in Schwierigkeiten, wenn man uns ertappt.“
Ungerührt überwachte Rowena Tobias. „Ein Grund mehr, sorgfältig zu arbeiten und sich nicht erwischen zu lassen“, gab sie zurück und verschränkte ihre Arme unter der Brust.
Das Schloss klickte, und die Tür sprang auf. Tobias schob den Eingang feixend auf und trat beiseite. „Mylady?“
Rowena trat zögernd ein. Jetzt, wo sie in den Raum gehen konnte, hatte sie das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Als entweihe sie etwas Heiliges. Sie schluckte ihre Furcht hinunter und trat in die Mitte des Raumes.
Fremdartig erwiesen sich nur die Dekorationsgegenstände, die auf Regalen und an den Wänden zu finden waren. Die Möblierung des Zimmers unterschied sich kaum von der irgendeines anderen Arbeitszimmers. Fasziniert näherte sich Rowena dem Regal und musterte eine lange, schmale Pfeife, die mit Federn verziert war. Ein herber Geruch stieg ihr in die Nase. Neben der Pfeife lag eine Kette aus weißen, gebogenen Stäben, als sie einen genaueren Blick darauf warf, erkannte sie, dass es Tierzähne waren.
Auf einem weiteren Regalfach standen Steine, gruppiert um einen geflochtenen, duftenden Graszopf. Das Bündel roch nicht nach Gras, sondern würzig-süßlich. Gerne hätte sie die Gegenstände berührt und eingehender angesehen, doch sie fürchtete, die Aufreihung durcheinanderzubringen und so ihre Anwesenheit zu verraten.
Stattdessen drehte sie sich dem Schreibtisch zu. Auf der Tischplatte lag ein Brief. Neugierig beugte sie sich darüber und überflog das Schreiben.
Enttäuscht wandte sie sich ab, als sie feststellte, dass es eine Rechnung von Chaytons Schneider war. Die Summe schien ihr ungewöhnlich hoch, doch es ging sie nichts an, wenn Chayton sich übervorteilen ließ.
Sie zog an den Schubfächern und gab schließlich frustriert auf, weil jede einzelne Schublade verschlossen war. Rowena hob ihren Kopf und zuckte mit den Schultern, sie wollte gehen, als ihr ein vergessener Briefbogen unter dem Schreibtisch auffiel. Sie bückte sich danach. Im dämmrigen Licht, beschattet vom Tisch, entzifferte sie eine kaum leserliche Auflistung ominöser Gegenstände. Medizin? Oder Pflanzen? Die Notiz wirkte, als wäre sie in aller Eile verfasst worden, und obendrein hatte der Verfasser nicht sonderlich Wert auf Sauberkeit des Schreibens gelegt. Dicke Tintenflecken verunzierten das Blatt. Sorgsam legte sie das Pergament an den Fundort zurück und ging an Betsy und Tobias vorbei hinaus in den Flur.
„Ich habe genug gesehen, Tobias, verschließ die Tür“, wies sie den Mann an, der zu gern ihrem Wunsch nachkam. Die Erleichterung strömte förmlich aus jeder seiner Poren. Rowena ließ sich anstecken von der Mischung aus Angst und Nervosität der beiden.
Sie reichte Tobias das versprochene Geld und nickte Betsy zu. „Bring Tobias wieder hinaus. Ich benötige dich heute Abend nicht mehr“, erklärte Rowena zerstreut.
Betsy zögerte einen Moment. „Seid Ihr sicher, Lady Rowena?“
Rowena machte eine auffordernde Geste. „Natürlich, geh ruhig.“
Sie beobachtete die beiden, wie sie in Richtung Dienstbotentreppe davoneilten, und kehrte in ihr Schlafzimmer zurück.
Dort streifte sie den Morgenmantel ab, erleichtert, ein Korsett zu tragen, das sie alleine ablegen konnte, und begann, sich zu entkleiden. Anschließend legte sie sich ins Bett und starrte an die Decke. Noch während sie glaubte, keinen Schlaf finden zu können, driftete ihr Bewusstsein davon. Im Halbschlaf hörte sie, wie Betsy in das Zimmer schlich und sich schlafen begab. In den frühen Morgenstunden vernahm sie das Klappern von Hufen und eine Kutsche, die vor dem Haus Halt machte. Türen öffneten und schlossen sich, und Rowena fiel erneut in Tiefschlaf.
Das nächste Mal erwachte sie, weil die Tür des Nebenraums zugeschlagen wurde. Chayton war zurückgekehrt. Er fluchte lautstark in einer fremden Sprache, und eine zweite Stimme redete in Englisch, aber zu leise, als dass Rowena es hätte verstehen können, auf ihn ein.
Benommen wälzte sie sich noch eine Weile im Bett herum, ehe sie beschloss, aufzustehen. Eine Tasse Kaffee oder Tee täte ihr gut und weckte gewiss ihre Lebensgeister. Sie richtete sich gähnend auf und reckte sich ausgiebig. Als sie zum Fenster sah, erkannte sie die violettäugige Katze auf dem Sims hocken. Sie starrten sich beide an, die Katze wissend, Rowena ungläubig. Wie gelangte das Tier dorthin? Die Hauswand war glatt, ohne Vorsprünge, die einzige Möglichkeit für den Stubentiger, auf das Fensterbrett zu gelangen, war über das Schlafzimmer. Hatte es sich unbemerkt eingeschlichen und war dann beim Lüften hinausgeklettert?
„Du armes Kätzchen!“ Rowena sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. Die Katze machte einen Satz und hüpfte vom Sims. Rowena stürzte nach vorn und suchte den Boden nach dem Tier ab, doch es war verschwunden. Stirnrunzelnd hob Rowena den Kopf. Offenbar stimmte die Sache mit den neun Leben einer Katze.
Sie erstarrte. Auf der anderen Straßenseite stand eine Gestalt im Schatten der Häuserwände. Der weite Kittel und der Hut mit der tellerförmigen Krempe wiesen ihn als Landarbeiter oder ähnliches aus, doch dagegen sprach die silberfarbene Maske, die sein Gesicht verdeckte. Eisige Schauer rasten über Rowenas Wangen. Ihr Mund öffnete sich ohne ihr bewusstes Zutun zu einem Schrei, doch ihrer Kehle entwich nichts weiter als ein heiseres Ächzen. Ihre Knie wurden butterweich, doch zugleich fühlte sich ihr Rücken an, wie von einem eisernen Korsett umfangen. Hilfe suchend stützte sie sich am Marmorsims ab. Silbermaske fixierte sie. Sie konnte das Gesicht verständlicherweise nicht erkennen, doch die Kälte in den Augen löste wilden Aufruhr in Rowena aus.
Er hatte sie gefunden! Claires Mörder lauerte vor ihrem Haus!
Endlich kam wieder Leben in Rowenas Gliedmaßen, und sie wich zurück. Sie stolperte neben das Fenster und ließ sich gegen die Wand sinken. Ihr Herz stolperte und jagte durch ihre Brust. Noch immer wallte Panik in Schüben durch ihren Körper.
Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, auf die Wand vor sich, versuchte wieder zur Ruhe zu kommen und darüber nachzudenken, was zu tun war. Gefangen in ihrer eigenen Welt nahm sie Chayton erst wahr, als sein Gesicht sich direkt vor ihres schob. Sie blinzelte verständnislos, weil sie in ihrer Verwirrung nicht verstand, was er sie gefragt hatte.
Grob legten sich Chaytons Hände auf ihre Schultern. „Weib, was ist mit dir? Sprich endlich!“ Er schüttelte sie, und Rowena gelang es endlich, zu sich zu finden.
„Auf der anderen Straßenseite steht eine unheimliche Gestalt und starrt hier herauf“, presste sie hervor. Das Sprechen fiel ihr schwerer, als sie erwartet hatte.
Chayton ließ von ihr ab und trat ans Fenster. Eine Weile verharrte er reglos, dann rief er Rowena zu sich.
„Ich will nicht, er macht mir Angst!“, verweigerte sie sich Chayton.
„Sofort kommst du zu mir und schaust hinaus!“, befahl er streng.
Unwillig gehorchte Rowena Chayton und trat neben ihn. Der Geruch nach herbem Aftershave und dem Duft nach Lavendel, mit dem sein Kammerdiener oder der Butler Arthur seine Kleider vor Ungeziefer schützte, regte ihren Geruchssinn an. Sie schluckte und sah aus dem Fenster. Ein erster Blick auf die Stelle, an der sie den Beobachter bemerkt hatte, zeigte ihr, dass er nicht mehr dort stand. Suchend reckte sie ihren Kopf und vergewisserte sich, dass Silbermaske verschwunden war. Ernsthaft beruhigen konnte sie diese Tatsache jedoch nicht, denn sie wusste nun, dass er sie gefunden hatte. Oder um genau zu sein: wiedererkannt. So wie sie Turnbull als Silbermaske identifiziert hatte, musste er in ihr Claires Begleiterin ausgemacht haben. Wusste er, dass sie ihn ausfindig machen wollte? Dass sie in ihm den Mörder ihrer Freundin vermutete?
Chaytons Hand glitt in den Ausschnitt ihres Nachthemdes. Er hatte noch nicht ganz ihre Nippel erreicht, da versteiften sich diese bereits lustvoll. Rowena versuchte sich von ihm zu befreien, doch er packte sie und zog sie eng an sich. Sie konnte seine Hitze in ihrem Rücken fühlen. Sein Schaft presste sich mit glühender Härte an ihren Po. Er stieß hörbar den Atem aus.
„Ich frage mich, ob du mich willkommen heißen würdest, stieße ich jetzt unvorbereitet in dich“, raunte er an ihrem Ohr.
Rowena wand sich unter seinem Griff. „Lass mich los“, zischte sie.
Chayton lachte. „Bestimmt nicht.“ Eine Hand ließ sie frei und zerrte ihr Nachtgewand über ihre Hüfte.
Sie wehrte sich erneut, indem sie gegen seine Umarmung ankämpfte, doch sie konnte gegen seine Muskeln und Körpergröße nicht ankommen. Dieses Ausgeliefertsein jagte ihr heiße Erregung durch den Unterleib. Sie verkniff sich wollüstige Laute.
„Hör auf“, forderte sie hektisch. Nervös, weil es ihr Angst machte und zugleich unglaubliche Lust bereitete, so dominiert zu werden. So hilflos Chaytons Begierden ausgeliefert zu sein, und das alles vor dem Fenster, wo jeder Passant sie bemerken konnte.
Sie fühlte Chaytons Hand hinter sich und vermutete, dass er seinen Morgenmantel öffnete, um seinen Schaft hervorzuholen.
Er zwang sie, sich vornüberzubeugen. Sie stützte sich auf dem Sims ab, da sie ansonsten mit Gesicht und Körper darauf geknallt wäre. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, als sie die Hände auf das Marmor presste. Kalt und glatt schmiegte sich das Material an ihre Haut.
„Man wird uns sehen können.“
„Du kannst behaupten, ich hätte dir Gewalt angetan. Nur ein wildes Tier würde so etwas vor aller Augen tun, nicht wahr?“, gab Chayton ungerührt zur Antwort.
Rowenas Lust mischte sich mit kaltem Zorn, ohne dass sie so recht wusste, warum sie so empfand.
Ihre Scham pochte in einer Heftigkeit, dass sie nichts anderes mehr wahrnahm als dieses ungebändigte Pulsieren. Nässe machte sich zwischen ihren Schenkeln bemerkbar, und dann rammte Chayton seinen Schwanz in sie, mit einer Wucht, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Rowena stieß einen Lustschrei aus, und Chayton entzog sich ihr und fickte sie mit harten Stößen, die ihren ganzen Körper durchschüttelten.
„Himmel“, krächzte er. „Du bist nasser, als ich dachte.“ Seine Finger bohrten sich in ihre Hüften, als er weitere schnelle Bewegungen in sie ausführte.
Die Begierde ließ Rowenas Körper zucken und beben.
„Gieriges Mädchen.“ Chaytons Stimme klang atemlos und zugleich zärtlicher, als sie es gewohnt war. Dann sauste seine Hand auf ihren Hintern, während sein großer Schwanz in sie stieß, sie teilte und dehnte auf köstlichste, erregendste Weise. Die Schläge steigerten Rowenas Lust unbegreiflicherweise um ein Vielfaches, ließen sie alles andere um sich herum vergessen und nur noch für diesen Moment leben, für den erotischen Taumel, den Chayton in ihr auslöste.
Er beugte sich über sie, sodass sein rauer Atem an ihrem Ohr entlangwehte. „Ich frage mich, wie du mich ficken würdest, wenn ich dich ließe.“ Er sprach abgehackt und stöhnte, als er sich wieder aufrichtete. Rowenas Brüste pressten sich auf den Marmorsims, und die Kälte des Steins war wohltuend für ihre lustvoll kribbelnden Nippel. Schon fühlte sie, wie sich der Höhepunkt in ihr anbahnte. Chayton bewegte sich drängender, wilder in ihr. Stieß in sie, als wollte er sie zerreißen und komplett pfählen. Rowena keuchte, als Chaytons Finger sich zu seinem Schaft in ihre Vagina schoben. Die Dehnung ließ sie unmittelbar explodieren. Ein Funkenregen erotischer Entladungen machte sie für einen Augenblick zu einem blinden, tauben Etwas, das allein fühlte, genoss, schwelgte in den köstlichen Empfindungen, die durch seinen Körper zuckten. Unfähig, in irgendeiner Art und Weise zu reagieren. Als sich die Nebel um ihr Bewusstsein lichteten, spürte sie, wie sich Chaytons eigene Lust in ihr entlud. Sein heiserer Schrei steigerte Rowenas eigene Befriedigung, und in ihr erwachte der Wunsch, Chayton möge niemals zuvor solche Lust erlebt haben wie jetzt mit ihr.
So wenig erfahren Rowena auch war, so ahnte sie doch, dass das Vergnügen, das sie und Chayton aneinander fanden, nicht selbstverständlich war.
Mit einem rauen Laut entzog sich Chayton ihr, verharrte eine Weile über ihr, an ihr, ehe er sie sanft hochzog. Sie fühlte sein Zögern, dann umarmte er sie.
Überrascht ließ Rowena sich gegen ihn sinken. Tief in ihr, auf Höhe ihres Herzen, entstand ein warmes Gefühl. Sie verstand es nicht zu identifizieren, sie schwelgte in dem sachten Glimmen, das sich langsam in ihrem Körper ausbreitete. Sie schloss die Augen und ließ Chaytons Nähe auf sich wirken. Seine Arme zitterten kaum merklich. Rowena ahnte, dass er nicht lange in dieser zärtlichen Umarmung verharren würde.
Sich danach sehnend, dass der Moment noch länger währte, kuschelte sie sich an ihn und versuchte, ihn mit einem Gespräch abzulenken.
„Dieser Amerikaner auf dem Ball der Middlesboroghs, er nannte dich Chay. Ist es dir lieber, wenn ich dich Chay rufe?“
Chayton erstarrte, und Rowena biss sich frustriert auf die Lippen. Sie wusste, dass sie es verdorben hatte.
„Nur Menschen, die meinem Herzen nahestehen, ist es noch erlaubt, mich Chay zu nennen“, erwiderte Chayton. Sein Körper schien auf einmal dem einer Steinfigur zu gleichen. Unwirsch schob er sie von sich. Stoff raschelte, und als Rowena sich zu ihm umdrehte, zurrte er den Gürtel seines Morgenmantels fest.
Mit nichts ließ er erkennen, was er in diesem Moment vorhatte oder auch nur dachte. Er wandte sich ab, und Rowena erwischte gerade noch seine Hand.
Obwohl gepflegt und manikürt, merkte sie doch, dass seine Haut nicht die eines Müßiggängers war. Seine Fingerkuppen erwiesen sich als hart und rau, so als habe er Tätigkeiten bestritten, die ihre Fertigkeit daraus bezogen, dass ihr Anwender wieder und wieder dieselbe Arbeit verrichtete.
Sie drückte seine Hand sanft. Er sah sie dabei an, bewegte sich aber, sodass es kein Händedruck im eigentlichen Sinn war. Er entfloh ihrer Berührung, doch sie sah in seinen Augen für einen kurzen Moment Sehnsucht glimmen. Dieselbe Sehnsucht, die in ihr schwelte. Sie schluckte und beobachtete, wie er eilends aus ihrem Zimmer entschwand.
Rowena schleppte sich zu ihrem Bett und ließ sich auf die Matratze sinken. Noch immer glaubte sie, Chaytons Hände auf ihrer Haut zu fühlen. Seinen Griff in ihrem Fleisch, seinen heißen Atem in ihrem Nacken.
Sie zitterte, ohne zu wissen, weshalb, nur dass es sich gut anfühlte, dass sie mehr wollte. Mehr von den Empfindungen, die Chayton in ihr auszulösen vermochte. Mehr von Chayton selbst.
Ihr Herz wurde schwer. Chayton schien nicht dasselbe zu verspüren, warum sonst verschwand er nach dem Sex sofort wieder? Sie wünschte, sie könnte mit irgendjemandem darüber reden, aber ihr fiel niemand ein.
Mit einem Mal überkam sie Sehnsucht nach weiblicher Gesellschaft. Anne Belycant fiel ihr spontan ein. Anne hatte sie vor Längerem eingeladen. Es wurde Zeit, einen ersten Morgenbesuch als Marchioness of Windermere zu absolvieren.

„Rowena!“ Anne eilte ihr mit ausgestreckten Armen entgegen und umarmte sie herzlich. „Welch Freude, dich heute Morgen hier zu begrüßen.“
Sie führte Rowena an die Sitzgruppe, auf der sich zwei junge Damen niedergelassen hatten, die ihr vage bekannt vorkamen.
„Erinnerst du dich noch an Lady Theodora Moraine und Miss Millicent Trapp, die Tochter von Viscount Knightsbridge?“
Millicent, eine Brünette mit tiefen Wangengrübchen und überraschend grünen Augen, nickte ihr freundlich zu. „Schön, dich wiederzusehen, Rowena, meinen Glückwunsch zu deiner Vermählung“, empfing sie Rowena.
Rowena überlegte kurz, und dann erinnerte sie sich, dass sie vier im Backfischalter gelegentlich aufeinandergetroffen waren, wenn sie im Park spazieren gingen.
„Um Himmels Willen, wie lang ist das her? Drei Jahre?“, rief sie aus und erwiderte auch Theodoras Gruß herzlich.
Theodora, eine Blondine mit üppigen Rundungen, sah Rowena aus schweren Lidern an. „Eher fünf“, berichtigte sie Rowena nasal.
Rowena ließ sich auf einen freien Sessel sinken und nahm die Tasse entgegen, die ihr Millicent lächelnd reichte.
„Fünf Jahre? Wo ist die Zeit hin?“, staunte sie. Sie nippte an dem Tee. „Wie geht es euch beiden? Seid ihr verheiratet?“
Theodora errötete. „Verlobt“, gestand sie.
Millicent zuckte mit den Schultern. „Ich werde den Teufel tun und mich vermählen. Mein Erbe ermöglicht es mir, unverheiratet zu bleiben, und meine Granny ist viel zu weich, um mich zu einer Ehe zu drängen.“
„Wie kannst du nur so ungehörig reden und denken?“, empörte sich Theodora.
Geziert griff die Brünette nach einem Sandwich. „Nicht jeder ist dazu berufen, kleine Earls in die Welt zu setzen“, stichelte sie.
„Hört auf, bevor es beginnt.“ Anne fürchtete offensichtlich eine Auseinandersetzung der beiden um das Thema, da sie den beiden jungen Frauen einen strengen Blick zuwarf. „Bestimmt denkst du anders über die Ehe, wenn du den richtigen Mann findest, Millicent.“
„Setze nicht dein Vermögen auf diese Möglichkeit“, gab Theodora zur Antwort. „Millicent würde aus purem Trotz als alte Jungfer enden.“
„Wir wechseln das Thema“, bestimmte Anne resolut. „Was soll die liebe Rowena von euch denken? Wir begegnen uns nach all den Jahren wieder und ihr beide habt nichts Besseres zu tun, als euch anzugiften.“
„Mir recht“, gab Millicent zur Antwort. Sie wechselte das Thema. „Habt ihr von den Frauenmorden gehört, die Scotland Yard Rätsel aufgeben?“
„Frauenmorde?“ Ein Sandwich schwebte auf halbem Weg in der Luft, ehe Theodora ihre Hand sinken ließ und Millicent fixierte.
Die Brünette warf einen stirnrunzelnden Blick in die Runde. „Ja, ein Killer, der es auf Frauen abgesehen hat. Nun ja, das ist nichts Neues, aber dieser vergreift sich nicht an Huren oder Weibsvolk aus der Gosse. Sein Geschmack ist exklusiver. Er bevorzugt Frauen unseres Standes. Und er benutzt Gift, was ungewöhnlich ist. Frauen morden mit Gift.“ Sie schielte auf Theodoras blonde Locken. Ungerührt nahm sie sich einen Keks und aß, während die drei anderen Frauen sie entsetzt anstarrten.
„Woher hast du diese Informationen?“, erkundigte sich Rowena. Das Herz schlug heftig in ihrer Brust, sodass sie den Schlag in ihrer Halsschlagader pulsieren fühlte.
Millicent nahm einen Schluck Tee, stellte die Tasse seelenruhig ab und wandte sich erst Rowena zu. „Würdet ihr nicht ausschließlich die Gesellschaftsspalten in den Zeitungen lesen, hättet ihr das längst bemerkt. In den letzten Monaten scheint der Ton außergewöhnlich viele Todesfälle beklagen zu müssen.“ Beinahe triumphierend blickte sie in die Runde, ehe sie nach ihrer Tasche griff und sie öffnete. „Mich wird dieser Verbrecher nicht so leicht erwischen. Ich bin vorbereitet!“ Sie zog eine kleine Pistole aus ihrem Retikül, und Theodora schrie erschrocken auf.
„Theodora, beruhige dich augenblicklich“, befahl Anne der anderen streng, ehe sie sich Millicent zuwandte. „Meine Güte, Millicent, wo hast du die her? Weiß deine Großmutter davon?“
Millicent verzog ihr Gesicht verächtlich. „Nur keine falsche Entrüstung, die Straßen sind heutzutage gefährlich für unsereins. Eine Frau muss sich zu verteidigen wissen. Selbstverständlich hat Granny keine Ahnung davon. Sie würde sterben vor Angst, wenn sie es wüsste.“
„Wo hast du die Pistole her?“ Nach dem ersten Schreck musterte Theodora die kleine Schusswaffe fasziniert.
Die Brünette steckte die Pistole wieder ein. „Andrew Carporter hat sie mir besorgt. Er meinte, es sei nie verkehrt, sich selbst verteidigen zu können.“
„Wer ist Andrew Carporter?“, wollte Rowena wissen, in der Annahme, es sei jemand, den man kennen müsste.
Die blonde Theodora warf Millicent einen listigen Blick zu. „Er ist Millicents Verehrer“, erklärte sie.
„Nur ein Gesinnungsgenosse“, verbesserte Millicent die andere.
„Gesinnungsgenosse, natürlich“, spottete diese. „Der gute Andrew ist bis über beide Ohren in unsere Frauenrechtlerin hier verliebt. Er würde sich Röcke anziehen und Kinder kriegen, damit Millicent seinem Werben nachgibt.“
„Im Gegensatz zu Sir Ziegenbart, der dich nach der Eheschließung vermutlich in einen Turm sperren wird wie der ruchlose Ritter Blaubart.“
„Immerhin ist er ein Mann“, entgegnete Theodora hochmütig.
Anne schüttelte den Kopf und wandte sich an Rowena. „So geht das die ganze Zeit mit den beiden“, verkündete sie seufzend.
Rowena lächelte verhalten, unsicher, was sie darauf antworten sollte. Ihre Gedanken kreisten vielmehr um die Todesfälle. Konnte es sein, dass Claires Tod nichts mit ihrem Besuch im Hellfire Club zu tun hatte? Dass ihre glücklose Freundin einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war? Oder war es umgedreht? Waren die Verstorbenen, die Millicent so ominös angedeutet hatte, ebenfalls Gäste des Hellfire Club gewesen? Die Besucher der Orgie hatten ausnahmslos Masken getragen und falsche Namen verwendet. Sie kannten einander nicht.
Welche Intention hatte Silbermaske, vor ihrem Haus herumzulungern? Und seit wann beobachtete er sie? War es ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen? Nachdem Rowena eine Weile mit sich gerungen hatte, wandte sie sich an Millicent, die bestens über die Mordgeschichten informiert zu sein schien.
„Millicent, hast du Informationen über den Frauenmörder? Etwas, das nicht in den Zeitungen steht?“
Millicent lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Rowena. Ihr Blick flackerte kurz, ehe sie den Kopf schüttelte. „Nein“, log sie.
Rowena zögerte. Sie entschied, dass es nichts bringen würde, Millicent zu drängen, und überlegte, ob sie ihr vielleicht in den nächsten Tagen ihre Aufwartung machen sollte in der Hoffnung, dann etwas zu erfahren.

Rowena ließ sich in ihre Kissen sinken. Ihr letzter Blick galt dem türkisfarbenen Stein, ehe sie ihn in den Ausschnitt ihres Nachthemdes gleiten ließ. Seit Claires Beerdigung trug sie den Stein ständig an einer Kette um den Hals. Er tröstete sie und erinnerte sie daran, nicht aufzugeben. Sie wollte den Tod ihrer Freundin aufklären. So lange es auch dauern mochte!
Chayton war in seinen Club gefahren. Er würde erst spät zurückkehren. Vermutlich angetrunken und nach Tabak riechend, dachte Rowena naserümpfend.
Viel lieber hätte sie den Abend mit ihm verbracht. In trauter Zweisamkeit mit ihm geplaudert und ihn näher kennengelernt. Sie hielt es für möglich, dass sie mehr verband als körperliche Anziehung. Es musste doch machbar sein, mit Chayton eine Ehe zu führen, in der Vertrautheit und Sex die Basis waren?
Aber vielleicht war es der Reiz, einander nicht zu kennen, der es so leicht machte, sich hemmungslos zu fordern und zu genießen. Der Grund für die erotische Erfüllung, die sie beieinander fanden.

Rowenas Bett stand inmitten eines Waldes. Blinzelnd setzte sie sich auf und blickte sich um. Hohe Laubbäume wuchsen rundherum. Die Nordseiten der Baumriesen waren mit pelzigem Moos bewachsen, und einige Stämme hatte dichter Efeu erobert. Grün- und Brauntöne wechselten sich ab, und die kühle Luft war feucht und neblig, sodass alles in einen unwirklichen Dunst getaucht schien.
Ein Maunzen erregte Rowenas Aufmerksamkeit. Am Fußende saß die schwarz-weiß-gemusterte Katze mit den violetten Augen.
„Du bist du ja wieder. Was bist du nur für ein seltsames Tier, dass du mich nun sogar in meinen Träumen heimsuchst?“ Sie streckte ihre Hand nach der Katze aus, und diese sprang mit einem Satz auf den Erdboden, miaute erneut und sah Rowena auffordernd an. Dann marschierte sie mit majestätisch gestrecktem Kopf und erhobenem Schwanz los.
„Katze?“, rief Rowena ihr hinterher. Als das Tier zwischen zwei besonders dicken Stämmen ankam, machte es Halt, um noch einmal auf Rowena zu blicken.
Aus irgendeinem Grund schien der Stubentiger zu wollen, dass Rowena ihm hinterherkam. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und fand bereitstehende Pantoffeln, in die sie schlüpfte.
Der Waldboden federte unter ihren Schritten. Als sie auf einen kleinen, unscheinbaren Pilz trat, verströmten die plattgetretenen Überreste einen faulig-modrigen Geruch. Rowena hielt sich die Hand vor die Nase und folgte unbeirrt der Katze, die unter einen Busch kroch, um auf der anderen Seite wieder hervorzukommen.
„Dummes Ding“, schalt Rowena zärtlich. „Warte auf mich, ich muss außen herumlaufen.“
Als sie das Gebüsch umrundet hatte, saß die Katze da und putzte sich unbeirrt.
„Lex!“
Rowena wandte den Kopf. Diese Stimme hätte sie unter hunderten erkannt. Doch statt Chayton zu erblicken, sah sie Lex über die Lichtung laufen. Er kam aus einem dunklen, unwirtlichen Teil des Waldes und steuerte auf eine Stelle in den Bäumen zu, an denen das Grün der Blätter einen goldenen Schimmer besaß. Durch die Wipfel bahnten sich Sonnenstrahlen ihren Weg und malten Kreise und Streifen auf Baumstämme und Boden. Der taubenetzte Farn und das ebenso gepunktete Moos glitzerten wie mit Diamanten gesprenkelt.
Über allem lag ein Hauch des Unwirklichen.
Aus dem wenig heimeligen Waldgebiet kam Chayton gelaufen. Tiefer Schmerz zeichnete seine Züge, und Rowenas Herz zog sich zusammen. Sie wollte sich bewegen, wollte zu ihm gehen, doch ihr ganzer Körper war wie erstarrt. Eingehüllt wie in eine warme Decke, die sich um sie gezogen hatte, sodass sie verdammt war, eine bewegungslose Beobachterin zu sein. Stumm beobachtete sie die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte.
„Lex, bleib! Lass mich nicht allein“, bat Chayton und klang so verzweifelt, dass es Rowena Tränen in die Augen trieb.
Lex verlangsamte seine Schritte, doch weder machte er Halt noch wandte er sich um. Es war Chayton, der zu ihm kam, ihn an der Schulter packte und festhielt.
„Ich will dich nicht verlieren!“, flehte Chayton.
Lex drehte sich um. Sehr langsam. Es schien ihn Mühe zu kosten, seine Aufmerksamkeit vom golden-grünen Wald loszureißen. Die Verklärung, die die Aussicht, dorthin zu gehen, in ihm auslöste, war deutlich an seiner Miene zu erkennen. Dennoch mischte sich Trauer in seinen Blick. „Ich muss, Chay.“
„Dann lass mich mit dir gehen“, bat Chayton.
Lex nahm Chaytons Gesicht in seine Hände. „Du wirst bleiben. Du wirst ohne mich leben.“
„Wie? Sag mir wie, Lex?“ Tränen glitzerten in seinen Augen. Eine kullerte über Chaytons Wange, und Lex beugte sich vor und küsste sie fort.
„Weil du bist, wer du bist“, erklärte Lex. „Du wirst dich umdrehen und dein Leben weiterleben. Ohne mich.“
„Du bist mein Leben!“, widersprach Chayton heftig. Er legte seine Hände über die von Lex.
„Ich war dein Leben“, verbesserte Lex ihn. „Und ich danke dir dafür, dass ich Teil deines Lebens sein durfte. Ein Stück von mir wird bei dir bleiben.“ Er beugte sich vor und küsste Chayton inbrünstig. Die Zärtlichkeit, mit der Lex ihn liebkoste, trieb Rowena erneut die Tränen in die Augen. Ehe Lex seine Lippen von ihm löste, streichelte er mit ihnen über Chaytons.
„Ich bin nicht länger Teil deines Schicksals, Chay. Lass mich los. Erinnere dich, wenn du willst, vermisse mich, wenn du musst, aber lass mich gehen!“
Lex trat einen Schritt zurück. Sein liebevoller Blick glitt über Chayton. Lex’ Finger berührten seine Lippen. Er wich nach hinten, und Chayton streckte seine Hand aus, ohne Lex anzufassen. Dieser entfernte sich weiter.
„Leb wohl, geliebter Chay“, sagte Lex, warf ihm einen letzten Blick zu und drehte sich dann um.
„Lex!“, schrie Chayton, und in seiner Stimme klang all die Qual, die seine Seele erfüllte. Er kippte vornüber auf die Knie. „Lex!“
Voller Mitgefühl schloss Rowena einen Moment lang ihre Augen. Sie hörte Chayton nach Luft ringen, jene Geräusche, die ein Mensch von sich gab, wenn er kurz davorstand, in Tränen auszubrechen.
Rowena schlug die Lider auf und starrte in Lex´ Gesicht.
„Der Falke darf nicht zu hoch fliegen“, sagte er. Er fixierte sie. „Sorge dafür, dass der Falke zur Erde zurückfindet.“
Ein lautes Knallen schreckte Rowena auf.

Sie kam zu sich und fand sich in ihre Decken verheddert. Ihr Nachtzopf hatte sich gelöst, und so hingen ihre mahagonibraunen Strähnen ungezähmt in ihr Gesicht. Sie befreite sich aus ihren Fesseln und strich sich das Haar zurück, während sie überlegte, was sie geweckt haben mochte.
Im Nebenraum schepperte etwas, und ein Klirren sowie ein Fluchen erklangen. Einen weiteren Moment lang war es ruhig, dann plumpste etwas Schweres zu Boden.
War Chayton etwas zugestoßen? Besorgt schlüpfte Rowena in ihre Slipper, warf sich ihren Morgenmantel über und betrat Chaytons Schlafgemach ohne anzuklopfen. Er stand am Waschtisch und drehte sich um, als sie die Tür öffnete. Ein Stuhl lag auf dem Boden, daneben Chaytons hingeworfener Mantel. Ihr Blick traf Chaytons. Rowena prallte zurück.
Blut. Überall war Blut.
Seine Hände waren rot, als hätte er darin gebadet, und auf seinem weißen Hemd befanden sich rote Sprenkel wie von einem feinen Sprühregen. Die Hosenträger baumelten an seinen Beinen, und die Hosen waren bis zu den Knien schlammbespritzt. Sie sah nach seinen Schuhen und entdeckte sie sorgsam neben der Tür abgestellt.
„Schließ die Tür“, befahl er barsch.
Sie wich zurück und stieß sich den Rücken heftig am Türrahmen. Der Schmerz sauste durch ihren Körper und verebbte vibrierend. Doch sie nahm es kaum wahr, zu gefesselt und schockiert war sie von Chaytons Anblick. Sie bemerkte einen Blutspritzer an seinem Kinn.
„Herrgott, Weib! Halt keine Maulaffen feil“, herrschte er sie an.
Der Schreck jagte in eisigen Wellen durch ihren Körper. Sie bewegte sich auf ihn zu.
„Was ist passiert?“ Sie näherte sich ihm, doch er drehte sich ungeduldig zum Waschtisch und schrubbte seine Hände.
„Ein Kutschenunfall“, behauptete Chayton. Hochkonzentriert reinigte er seine Nägel. „Ich kam hinzu und versuchte zu helfen.“ Er schenkte Rowena keine weitere Beachtung, bis er sich das Hemd vom Leib riss. „Ist noch Glut im Kamin?“
Rowena wandte sich dem schwarzen Marmorkamin zu und stocherte mit dem Schürhaken in den Resten des Feuers. Sie nahm einige dünne Holzscheite und schichtete sie sorgfältig übereinander, froh, das Anschüren zu beherrschen. Schon kurz darauf züngelte eine kleine Flamme empor und leckte schnell über das Brennmaterial. Chayton trat neben sie und warf mit einem zufriedenen Knurren das zerknüllte Hemd in den Kamin. Es knisterte, dann ging der Stoff in Flammen auf und verbrannte.
„War es eine Frau oder ein Mann, der verunglückte?“, erkundigte sich Rowena. Sie kniete vor dem Feuer und sah zu Chayton hoch.
Er wirkte verwirrt. „Verunglückt?“
Rowena erhob sich, strich über den Rock ihres Nachthemdes, der unter dem Morgenmantel hervorlugte, und musterte ihren Gemahl misstrauisch. „Der Kutschenunfall, bei dem du dir die Kleider ruiniert hast?“
Chayton nickte. „Der Kutscher“, behauptete er.
Rowena brauchte nicht lange nachzudenken, sie war sich sicher, dass er log. Doch warum? Und wessen Blut hatte sein Hemd getränkt?
Stumm beobachtete sie ihn dabei, wie er aus seiner Hose schlüpfte und auch diese samt Unterhose ins Feuer warf.
„Ich hoffe, du gerätst nicht allzu oft in derartige Situationen. Auf Dauer wird uns deine Ritterlichkeit ein Vermögen kosten. Vor allem, wenn wir hinterher deine Kleidung vernichten müssen.“ Sie ignorierte seine Nacktheit und den Geruch seiner gewaschenen Haut, der ihre Nase umschmeichelte, betörender als jedes Parfüm. Sie schluckte und drehte sich um, wurde aber unversehens gepackt und an die Wand gedrückt.
Chaytons fester Körper presste sich an sie. Sein Gesicht war dem ihren so nah, dass sie die schwarzen Sprenkel in seinen bernsteinbraunen Augen erkennen konnte. Ihr Herz schlug wie das eines gejagten Rehs in ihrer Brust. Sie wimmerte überrascht und ängstlich zugleich.
„Hüte deine Zunge, Weib“, stieß Chayton hervor. Er fixierte sie, und als er ihr Unbehagen erkannte, lockerte er seinen Griff. „Du fürchtest dich vor mir“, sagte er ernüchtert.
Rowena befreite sich und tauchte unter seinem ausgestreckten Arm hindurch. Sie drehte sich um.
„Ich habe keine Angst vor dir“, erwiderte sie nachdrücklich. „Du kannst mir nicht gefährlich werden.“ Noch während sie die Worte aussprach, erkannte sie, dass sie soeben die größte Lüge ihres Lebens von sich gab.
Natürlich ängstigte sie sich. Sie wusste nichts von ihm und über seine Herkunft. Seine Motive blieben bislang im Dunkeln. Er kam und ging, wie es ihm beliebte, traf sich mit ominösen Personen, die er verstohlen in seinem Arbeitszimmer empfing, und war nun, als Krönung des Ganzen, dermaßen blutbesudelt nach Hause zurückgekehrt, dass sie vermuten könnte, er habe ein Massaker oder ähnliches veranstaltet.
Rowena wurde schlecht. Schwindel erfasste sie, während ihr Magen Saltos schlug. Froh, noch nicht gefrühstückt zu haben, schluckte sie und wich rückwärts zur Tür zurück. Chaytons Miene war eine Mischung aus Bestürzung und Verwunderung. Sie fühlte die Klinke in ihrem Rücken und tastete danach, bekam sie zu fassen und drückte sie hinunter. Erst jetzt wagte sie es und kehrte Chayton den Rücken zu.