Küss mich, Lügner!

Erschienen: 08/2015

Genre: Contemporary Romance, Romantic Comedy
Zusätzlich: Vanilla

Location: USA

Seitenanzahl: 299 (Übergröße)


Erhältlich als:
ebook

ISBN:
ebook: 978-3-86495-198-5

Preis:
ebook: 6,99 €[D]

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Küss mich, Lügner!


Inhaltsangabe

Der Playboy David Carpenter bestellt seit Jahren Blumen für seine jeweilige Favoritin in Jennys Blumenladen "Flowerpower". Als er Jenny auf seine Hitliste setzen will, wehrt sie sich. Mit einem Lieferauftrag lockt er Jenny in sein Haus. Ein köstliches Dinner, Champagner und heiße Küsse erwarten Jenny. Doch dann schläft sie ein! Jenny erfährt, dass David Carpenter mit seinen Freunden darum gewettet hat, dass er Jenny in sein Bett kriegt. Jetzt behauptet er, gewonnen zu haben und heimst sechs Flaschen superteuren Whisky ein. Das schreit nach Rache und da fällt der fuchsteufelswilden Jenny so einiges ein!
Amely verlässt ihr früheres Leben und ihren Mann, der sie skrupellos betrügt. Mit zerstörtem Selbstwertgefühl flüchtet sie nach Snowvalley-Pikes zur ihrer Freundin Jenny. Auf dem Weg dorthin lernt sie den attraktiven Zacary kennen und hat einen heißen One-Night-Stand mit ihm. Kurze Zeit später taucht Zacary in Jennys Blumenladen auf, denn er konnte Amely nicht vergessen und will ihre Liebe gewinnen. Kann Amely ihm vertrauen und Zacary in ihr Herz lassen?
Zwei turbulente Liebesgeschichten, die im Blumenladen "Flowerpower" zusammenlaufen.

Über die Autorin

Ednor Mier, geboren 1951 in Berlin, wollte eigentlich Sängerin werden. Das Studium finanzierte sie z.T. mit Kurzgeschichten, einer regelmäßigen Kinderserie im Berliner Telegraph und gelegentlichen Auftritten mit einer Band. Doch das Schreiben nahm immer mehr Raum ein. Nach zahlreichen veröffentlichten...

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Leseprobe

„Siebenundzwanzig rote Rosen für unseren verehrten Bürgermeister.” Doreen Hemsley kam in den Binderaum, während sie sich mit einem Kugelschreiber hinter dem Ohr kratzte. „Wir sollen sie direkt in Josys Agentur liefern.”
„Wow.” Jenny Devane spitzte die Lippen und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Was hat er denn angestellt?”
„Nichts.” Doreen grinste. „Josy hat Geburtstag.”
„Na, die hat’s echt gut getroffen.” Jenny seufzte leise. „Aber was das Geld angeht, da konnte sie noch nie klagen. Ihre Familie war schon immer wohlhabend. Und jetzt, nachdem ihr Vater gestorben ist, hat sie das gesamte Vermögen geerbt. Ach, ich wünschte, uns würde mal so...

...ein Segen treffen.”
„Vergiss es.” Doreen warf den Auftragsblock auf den Tisch. „Leute wie wir werden immer knapsen müssen. Der Teufel scheißt nicht auf einen kleinen Haufen.” Sie nahm den Kugelschreiber herunter und klopfte damit auf den Block. „Wie weit bist du mit Carpenters Teerosen?”
„Gleich fertig.” Jenny zog eine Blüte aus dem großen Roseneimer und betrachtete sie eingehend. Im Anfangsstadium mussten es immer fünfundzwanzig Baccararosen sein, dann zwanzig Gerbera, Fliederbäusche oder Gladiolen in der Mitte und fünfundzwanzig gelbe Teerosen zum Abschied. Jenny grinste, während sie die porzellanzarte Blüte in das Arrangement steckte. Es war Teerosenzeit und David Carpenter bald wieder auf der Pirsch, somit also eine potenzielle Gefahr für die Tugend jedes weiblichen Wesens zwischen sechzehn und sechzig. Jenny gab ihm allerhöchstens zwei Wochen bis zur nächsten Baccarazeit.
„Aha – Davids gelbe Periode.” Doreen grinste, während sie das Gebinde betrachtete. Ihre schwarzen Augen funkelten vor Erheiterung, als sie auf das edle Bukett deutete, das Jenny gerade in Zellophan hüllte. Eine gewaltige rote Schleife, ein paar Federn und Glitterkram würden es noch verzieren, ganz David Carpenters Geschmack, der nach Jennys Empfinden häufig etwas daneben lag.
Aber was machte es? Die Lady, die das Gebinde erhalten sollte, würde sowieso keinen zweiten Blick darauf verschwenden. Entweder landete es umgehend im Mülleimer oder unbeachtet in den Händen irgendeiner Hausangestellten, Garderobiere, Zofe oder weiß der Geier mit welchem Personal sich Davids Gespielinnen umgaben. Auf jeden Fall interessierte die Damen häufig mehr das Päckchen, das an einem der Stiele baumelte, als die ausgesucht schönen Blüten.
Jenny hatte mehr als einmal diese Sträuße ausgeliefert und dabei die schrillsten Szenen miterlebt. Heute machte sie sich besser aus dem Staub, bevor die betroffene Dame das beigefügte Kuvert geöffnet hatte. Lieber verzichtete Jenny auf ein Trinkgeld, als den Zornesausbruch mitzuerleben, die Tränen oder hysterischen Schreie, die nach der Lektüre des Abschiedsbriefchens folgten.
Wenn überhaupt, dann liebte Jenny die Flieder-Gerbera-Gladiolenzeit am meisten. Da fiel das Trinkgeld auch weit großzügiger aus, was wohl niemanden verwunderte. Den Rosenkavalier der Baccara-Periode spielte David meist persönlich.
„Es sieht mal wieder so richtig hübsch hässlich aus“, stellte Doreen mit leisem Schauder in der Stimme fest. „Dieser David wird sich nie ändern.”
Sie trat näher, um die Blumen unter der Zellophanhülle genauer betrachten zu können. „Womit versüßt er seiner abgeliebten Kurtisane denn diesmal den Abschied?”
Jenny lächelte breit. „Ich schätze, diesmal ist es ein kleiner Rubin.” Sie befestigte die Schleife und trug das Gesteck vorsichtig zu den anderen bereits fertiggestellten Gestecken in den Kühlraum. „Während der Fliederzeit hat er Türkise geschickt, also wird es zum Abschied einen Rubin geben. Du weißt doch, seine Gewohnheiten ändern sich nie.”
„Nee, nur seine Frauen.” Doreen kicherte. „Hat er sein Limit dieses Jahr eigentlich erreicht oder liegt er noch darunter?”
Jenny wischte sich die Hände an der Leinenschürze ab und griff zum Handfeger.
„Lass mal überlegen.” Sie lehnte sich mit der Hüfte gegen den Bindetisch. „Im Januar waren gleich gelbe Rosen dran. Zwei Wochen später Baccaras, Gerberas …“ Sie verstummte und rechnete im Stillen weiter. „Du – er liegt darüber!”, verkündete sie schließlich. „Ich glaube, seit wir den Laden haben, waren es noch nie so viele Sträuße wie in diesem Jahr.”
„Fein, und das Jahr ist noch lange nicht zu Ende.” Doreen rieb sich erfreut die Hände. „Gott erhalte David Carpenters Potenz und führe ihn immer hübsch auf den Pfad der Untugend.”
„Pfui, Doreen!” Jenny schüttelte gespielt entrüstet den Kopf. „Wenn das Reverend Allson hört, können wir die Kirchendeko für das nächste Quartal vergessen.”
„Er hört’s ja nicht“, grinste Doreen. Sie neigte wirklich nicht dazu, die Dinge zu komplizieren. Sie nahm das Leben von der heiteren Seite und verabscheute Menschen, die immer und überall drohende Wolken sahen.
„Schlimm wird’s von allein“, war ihr Wahlspruch, und dementsprechend lebte sie fröhlich und, so weit es nur möglich war, ohne sie einzwängende Auflagen.
„Was denkst du, Jennylein, wie lange wird es diesmal bis zur Baccara-Zeit dauern?”
Jenny schüttete eben Wasser in den Tank der Kaffeemaschine. „Keine Ahnung.” Sie stülpte den Deckel auf den Tank und häufte Kaffeepulver in den Filter. „Länger als drei Wochen hat er noch nie gebraucht, um eine neue Herzdame zu finden. Also wird es diesmal auch nicht anders sein.”
Sie unterbrach ihre Tätigkeit und drehte sich zu Doreen herum, die den Bindedraht aufrollte.
„Es sei denn, er zeigt Verschleißerscheinungen.” Sie rümpfte die Nase und zwinkerte Doreen zu. „Das wäre bei seinem Verbrauch wirklich kein Wunder.”
Doreen reagierte nicht. Sie stand gegen den Tisch gelehnt, den Bindedraht in den Händen, den Blick in eine imaginäre Ferne gerichtet, in die ihr Jenny nicht folgen konnte.
„Sag mal“, sagte Doreen plötzlich. Ihre Stimme klang nachdenklich. „Was würdest du eigentlich tun, wenn Carpenter auf einmal mit Baccaras vor deiner Tür stünde?”
„Ihn fragen, ob er mir zeigen wolle, wie die Konkurrenz arbeitet“, antwortete Jenny wie aus der Pistole geschossen. Sie warf einen kurzen Blick zu der alten Messinguhr, die über dem Durchgang zum Verkaufsraum hing. Noch eine halbe Stunde Pause – ausreichend Zeit für einen Hamburger und eine Cola.
„Es wäre doch reichlich fantasielos, einer von uns Blumen zu schenken“, fügte sie hinzu, in Gedanken schon beim Mittagessen.
„Na ja.” Doreen schien das Thema zu fesseln. „So ganz uninteressant wäre die Sache gar nicht. Denk doch nur mal an all die netten Kleinigkeiten, die David in seinen Sträußen versteckt. So ein kleines Jade-Anstecknädelchen oder ein paar goldene Ohrringe – ach, das wär schon was für die Tochter meiner Mutter. Dafür würde ich mir gerne ein paar seiner heißen Küsse gefallen lassen.”
„Küsse? Sagtest du Küsse?” Jenny grinste von einem Ohr zum anderen. Ihre Bernsteinaugen schienen vor Spott Funken zu sprühen. „Schätzchen, für ein paar Küsse wird dir dieser Potenzprotz ganz bestimmt keine seiner netten Preziosen vermachen. Für ein paar Ohrringe oder ein Kettchen wirst du dich schon ein kleines bisschen mehr anstrengen müssen.”
„Ach Jenny, Jenny!” Doreen wedelte mit den Händen, als wollte sie Fliegen verscheuchen. „Hör doch mal zu und sei nicht schon wieder so schrecklich – schrecklich – prosaisch.”
Sie legte den Draht achtlos auf den Tisch und kam zu Jennifer herüber, die an den Schrank gelehnt dastand und sich köstlich zu amüsieren schien.
„Stell dir einfach mal vor, Carpenter würde sein Herz für dich entdecken. Zuerst Baccaras und eine Perle.” Doreen verdrehte schwärmerisch die Augen. „Dann Gladiolen oder Gerbera und ein hübsches Goldarmbändchen oder ein Diamantringchen. Schatz, allein dafür würde es sich doch schon lohnen, mit ihm ins Bett zu gehen! Und dann die tollen Restaurants. Mensch, Jenny!” Jetzt war Doreen in Fahrt. „Was könnte man nicht alles erleben und genießen, wenn sich Carpenter mal in eine von uns vergucken würde!”
Jenny mochte die Freundin nur ungern auf den Boden der Tatsachen zurückholen, aber dieser Höhenflug ging ihr nun doch etwas zu weit.
„Vergiss es, Doreen“, befahl sie streng. „Carpenter kauft seit Jahren seine Blumen bei uns. Mehr als ein Gespräch übers Wetter war noch nie drin. Warum sollte er auf einmal sein Herz für eine von uns entdecken? Und außerdem …” Sie stieß sich vom Schrank ab und richtete sich kerzengerade auf. „Für mich wäre er wirklich zu abgenutzt.”
Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie neben die Kaffeemaschine.
„Weißt du, der Mann, mit dem ich Spaß haben möchte, muss wahrlich kein Heiliger sein. Aber so ein – ein Wanderpokal wie David Carpenter sollte es auf gar keinen Fall sein. Ich meine, der ist doch inzwischen durch mehr Hände gegangen als eine Vierteldollarnote.”
„Krämerseele“, maulte Doreen ernüchtert.
„Ach, du Armes.” Jenny lächelte mitleidig. Sie schüttete Kaffee in die Tassen und reichte eine an Doreen, die sie seufzend entgegennahm.
„Schön wäre es aber doch“, beharrte die Freundin auf ihrem Tagtraum, während sie nachdenklich Zucker in die Tasse häufte. „Man könnte sich einen lustigen Spaß daraus machen, diesen Mann mal so richtig an der Nase herumzuführen.”
„Ein Mann wie David Carpenter lässt sich nicht an der Nase herumführen oder verulken”, setzte Jenny realistisch dagegen.
„Sich beschenken lassen, bis unsere Schmuckschatullen oder Kleiderschränke voll sind und er nicht mehr warten mag, und ihn dann abservieren. Eiskalt.” Doreen schwelgte ungebremst weiter. Sie tat ohne hinzusehen noch einen Löffel Zucker in den Kaffee. „Vielleicht gehört er ja zu den Männern, die umso freigiebiger werden, je schlechter man sie behandelt? Man müsste es einfach mal ausprobieren.”
Jenny sah erneut zur Uhr. Höchste Zeit, dass sie ins Fast-Food-Restaurant kamen! Es befand sich nur ein paar Meter die Straße hinauf und war der begehrte Anlaufpunkt aller Schüler und Arbeitnehmer von Snowvalley-Pikes.
Daniel Warmboth, gestrenger und erst kürzlich wiedergewählter Bürgermeister der Stadt, hatte die Eröffnung zu verhindern versucht, aber seine Frau hatte dem Eigner bereits das Grundstück verkauft. Und da Daniel Warmboth dem Willen seiner Frau nur selten etwas entgegenzusetzen hatte, besaß Snowvalley-Pikes seit einem halben Jahr eben dieses Fast-Food-Restaurant.
„Ich glaube, du machst dir ein völlig falsches Bild von diesem Mann.” Doreens Schwärmerei ging Jenny allmählich auf die Nerven. „Er ist ein Schürzenjäger. Ein Sexomane, der alles vögelt, was nicht schnell genug weglaufen kann. Und er ist – so weit ich weiß – ein gewiefter Jurist. Von so einem Hühnchen wie dir oder mir lässt der sich ganz bestimmt nicht aufs Kreuz legen.” Sie erhob sich und nahm ihre Umhängetasche, die an der Stuhllehne baumelte. „Außerdem fährt er nur auf Sängerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und reiche Witwen ab. Erinnere dich bitte an die Dame, für die der Teerosenstrauß heute bestimmt ist.”
Jenny deutete auf das mit roter Schleife und Glitterkram verzierte Bukett. „Mary Almond alias Sandy-Jo, Schlagersternchen mit eingebautem Gnadenhall und Tochter von Ernest Almond, diesem Schuhfabrikanten aus Carlisle. Zukünftige Erbin eines Vermögens, das mich persönlich grün werden lässt vor Neid. Nein, Doreen“, Jenny schüttelte den Kopf, „auf so einfache hart arbeitende Mädchen, wie wir es sind, hat Master David Carpenter keinen Appetit. Vergiss deine Träume und komm endlich mit mir zu Wallis, bevor unsere Mittagspause um ist.”
„Wallis?” Doreen sah sie vollkommen fassungslos an. „Oh Gott, bist du fantasielos. Ein Fischblut, igitt.” Sie schüttelte den Kopf. „Weißt du, wie gerne ich mal Hummer oder Kaviar essen möchte? Oder echten Champagner trinken? Wieso schiebt uns nicht endlich jemand einen goldenen Löffel in den Mund, wenn wir schon nicht damit geboren sind?”
„Du würdest ihn sowieso nur verschlucken.” Jenny nahm den Ladenschlüssel vom Tisch. „Was soll’s! Ich gehe jetzt auf jeden Fall ins Wallis. Du kannst hier gerne weiter vor dich hin fantasieren.”
„Pharisäerherz“, knurrte Doreen ernüchtert. Aber sie holte trotzdem ihre Tasche und folgte Jenny aus dem Laden und auf die Straße hinaus.

Die beiden Freundinnen führten den Blumenladen jetzt seit drei Jahren. Es war ein ausgesprochener Glückstreffer gewesen, dass ausgerechnet in einer der besten Geschäftslagen von Snowvalley-Pikes diese Räume frei wurden und Doreen und Jenny davon hörten, bevor der Besitzer die erste Verkaufsanzeige aufgeben konnte. Sein besonderer Vorteil lag darin, dass er sich direkt gegenüber dem St. Albert’s Hospital befand, das wiederum von etlichen Betrieben umgeben war. Den Freundinnen bescherte dieser Umstand reichlich Arbeit und Einkünfte, denn viele der Firmen und Besucher des Krankenhauses, vor allem frisch gebackene Väter, bestellten ihre Blumen bei ihnen.
Die Miete war trotz der guten Lage nicht als übertrieben zu bezeichnen. Schon nach einem Jahr hatten die Frauen einen umfangreichen Kundenstamm, und wieder ein Jahr darauf hatten sie den Kredit für die Einrichtung zurückzahlen können.
Sie kannten sich seit, wie es Doreen nannte, ihrer vorgeburtlichen Phase oder sogar noch länger. Früher waren sie immer als Dreiergang aufgetreten: die lustige Doreen, Jüngste im Trio, die um zwei Jahre ältere bodenständige Jennifer und die schüchterne Amely, die sich vor allem fürchtete.
Amely war die Älteste von ihnen und immer kleiner, blasser, stiller als alle anderen Mädchen im Viertel. Aber hinter ihrem scheuen Feengesichtchen steckte damals schon ein verheerender Jähzorn, der – wenn er ausbrach – alles niedermetzelte, was ihm in die Quere kam.
Sie war gerade vier Jahre alt geworden, als ihre Eltern bei einem Zugunglück ums Leben kamen. Seitdem hatte sie bei ihrer Großmutter gelebt, einer stämmigen Deutschen, die auf preußische Disziplin und germanische Werte setzte, die da hießen: Ordnung, Sauberkeit und Treue.
Amanda Landslord, geb. Schneider, hatte selbst früh ihren Mann verloren. Allein auf einem völlig fremden Kontinent mit einem Kleinkind (Amelys späterem Daddy), das versorgt werden musste, hatte sie sich im Laufe der Jahre und durch die Härte des Lebens in einen Dragoner verwandelt, der Amely mit beinahe militärischem Drill erzog. Es gab wenig Wärme im Hause Landslord, dafür standen die Mahlzeiten pünktlich auf dem Tisch und sonntags wurde in die Kirche gegangen, basta!
Kein Wunder, dass Amely so schnell wie möglich der Kühle, Enge und Kleingeistigkeit entfliehen wollte. Mit gerade achtzehn Jahren, gleich nach der Highschool, heiratete sie deshalb den um zehn Jahre älteren George Clearson und zog mit ihm nach Louisville im Staat New York.
Als Architekt stellte George „etwas dar“. Er versprach wirtschaftliche Sicherheit und ein wärmeres Nest als das, das Amely gerade fluchtartig verlassen hatte. Dafür verschenkte sie ihre Jugend und fügte sich in das Leben einer typischen amerikanischen Hausfrau, die kocht, putzt und in mindestens drei verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen tätig ist.
Jennifer und Doreen bevorzugten dagegen bis heute die Liebe à la carte. Als Kinder waren sie alle drei Haus an Haus aufgewachsen, hatten Himmel und Hölle gespielt, denselben Kindergarten und dieselben Schulen besucht, waren eben immer zusammen gewesen, bis auf fünf Jahre ihres Lebens, während denen Doreen ihre Fertigkeiten als Floristin in einer Großgärtnerei und später in einem Flughafenblumenladen in Houston geübt hatte.
Jenny war nach Dorset gegangen, um dort an einer Schule das Nötige für ihren Beruf zu erlernen. Danach hatte sie sich fleißig, mit beinahe verbissenem Ehrgeiz, durch diverse Abendkurse und Seminare gefressen, hatte anschließend nochmals zwei Jahre in dem eleganten Blumenladen einer gewissen und äußerst schwierigen „Madame Duchess“ ihren Zorn hinuntergeschluckt und versucht, so viel wie möglich von dieser verzickten Blumenkünstlerin zu lernen. Aber es hatte sich gelohnt, die Launen der mehr als exaltierten Madame zu ertragen.
Als Doreen aus Houston zurückkehrte, hatte Jenny ihr Wissen und Können so erweitert, dass sie Madame verlassen und gemeinsam mit Doreen die Leitung eines Blumenstandes im Percy Market übernehmen konnte. Hier bekamen sie beide ihr Grundwissen über erfolgreiches kaufmännisches Handeln beigebracht. Zwei Jahre ewig klamme Finger und Ohrenschmerzen von der ständigen Zugluft gingen vorüber, bis sie endlich ihren eigenen Laden „Flowerpower“ eröffnen konnten, der im Sommer angenehm kühl und im Winter herrlich warm war und alle vorangegangenen Entbehrungen vergessen ließ.
Der Laden war ein Wirklichkeit gewordener Traum mit seinen Glasregalen, Fasertapeten, dem Nippes, den exotischen und einheimischen Pflanzen und den wunderschönen Kunstgegenständen, die die Frauen zusätzlich im Sortiment führten. Die Einrichtung war nach Jennys Entwürfen gebaut worden, aber den Fußboden mit gerade dieser Maserung hatte Doreen entdeckt. Sie war es auch gewesen, die den Boden eigenhändig verfugt und gereinigt hatte. Eine reichlich nervenaufreibende und kräftezehrende Arbeit. Aber sie hatte sich gelohnt. Jeder, der neu ins „Flowerpower“ kam, verweilte zunächst für ein paar Sekunden, um, bewusst oder unbewusst, den glänzenden Marmor zu seinen Füßen zu betrachten, ehe er an den gläsernen Tresen kam.
David Carpenter war einer ihrer ersten Kunden gewesen. Doreen erinnerte sich noch genau an seinen ersten Auftrag, einen Strauß Baccaras für eine junge Tänzerin aus dem Capitol Rise in Denver. Inzwischen waren die Damen immer vornehmer oder berühmter und die Anhängsel an den Sträußen immer kostspieliger geworden, aber David kam regelmäßig, bestellte auch für seine geschäftlichen und gesellschaftlichen Diners und Treffen die Gestecke aus dem „Flowerpower“ und hatte den beiden jungen Frauen ein paar der einflussreichsten Honoratioren der Stadt vermittelt. Unter anderem Daniel Warmboth, Bürgermeister der Stadt und einer der engsten Freunde von David Carpenter.
Die Idee oder der Wunsch, auch einmal eine seiner Baccara-Prinzessinnen zu sein, geisterte schon lange durch Doreens Hirn, das laufend verrückte Einfälle produzierte. Aber leider zeigte David wenig Interesse für ihr zweifellos hübsches Gesicht.
Anders bei in Jenny, die er mit einem gewissen aufmerksamen Charme behandelte, schien er in Doreen nur das Mädchen zu sehen, das seine Blumen band. In letzter Zeit bestand David sogar darauf, dass es Jenny selbst sein musste, die seine Gestecke herstellte.
Doreen nahm es ihm nicht weiter übel. Ihr fröhliches Naturell konnte sich nicht mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen. Trotzdem fand sie es sehr bedauerlich, dass Jenny ihre Chance nicht nutzte und sich David schnappte, gerade jetzt, wo Miss Sandy-Jo-Trallala gehen sollte und noch keine Nachfolgerin in Sicht war. Aber so ganz genau wusste man das ja bei diesem Windhund auch nicht.
Seufzend stellte Doreen ihre Tasse in die Spüle, räumte auch Jennys fort, die sie zwischen Blättern und welken Blüten fand, und machte sich an die Herstellung eines Brautgestecks, das für Elsa Browning gedacht war, die endlich den Mann fürs Leben gefunden hatte. Elsa war spuckhässlich, aber ihre Eltern besaßen die einzige Reparaturwerkstatt für Landwirtschaftsmaschinen im ganzen Distrikt und hatten sich damit schon vor Jahren eine goldene Nase verdient. Sie besaßen mehrere Häuser und Grundstücke und waren an diversen Unternehmen beteiligt. Was ihnen fehlte, war ein Nachfolger, denn Elsa war nicht nur hässlich, sie hatte auch zwei linke Hände. Man hatte alles Mögliche versucht, um sie an den Mann zu bringen, aber erst jetzt – Elsa zählte inzwischen sechsunddreißig Jahre – hatte sich einer bereit erklärt, den Betrieb weiterzuführen und Elsa dafür in Kauf zu nehmen.
Sie hatte sich weiße Lilien für ihren Brautstrauß und die gesamte Hochzeitsdekoration gewünscht. Jenny und Doreen schüttelten über diese Entscheidung im Stillen die Köpfe. Wieso wünschte sich jemand zu seiner Hochzeit ausgerechnet solches Friedhofsgemüse? Aber bei Elsa war das andererseits nicht weiter verwunderlich. Sie war nicht nur hässlich und ungeschickt, sie hatte auch einen verheerenden Geschmack.
Doreen steckte gerade die letzte schneeweiße Blüte zwischen Palmenblätter und Chinagras, als das Telefon laut und herausfordernd zu klingeln begann.
„Mhmm?” Doreen nahm die gesammelten Bindedrahtstückchen, die zwischen ihren Lippen steckten, aus dem Mund und meldete sich. „Doreen Hemsley, was kann ich …“
„Ich brauche unbedingt ein Tischgesteck!” Die befehlsgewohnte Stimme unterbrach sie ungeduldig. „Iris, blaue Iris und sonst noch was Nettes. Es darf auf keinen Fall wie ein Grabgesteck aussehen. Na, Sie wissen schon. Kennen ja meinen Geschmack. Schaffen Sie’s bis heute Abend, acht Uhr?”
„Aber sicher doch.” Doreen grinste boshaft. „Wenn Sie mir noch sagen, für wen, damit wir pünktlich liefern können.” Oh, sie wusste genau, wer da am anderen Ende sprach. Aber Carpenter sollte sich bloß nicht einbilden, dass er hier VIP-Kunde war.
Sie hörte, wie er genervt schnaubte.
„Carpenter, 112 Millroad.“
„Ach, Mr. Carpenter!” Doreen spielte perfekt die Überraschte. „Sie sind es. Nun, natürlich erfüllen wir Ihren Wunsch. Punkt acht Uhr haben Sie …“
„Ms. Devane soll zuerst die Teerosen ausliefern“, fuhr David ihr erneut über den Mund. „Ms. Almond ist nur bis halb neun zu Hause.”
„Sicher, Mr. Carpenter, ich werde es Miss …“
„Danke.” Es klickte und die Leitung war tot.
Doreen brauchte ein paar Sekunden, ehe sie begriff, dass David Carpenter sie erstens schon wieder unterbrochen und zweitens einfach aus der Leitung gekickt hatte.
„Oh, du arrogantes Arschloch!”
„Hey, Doreen!” Diesmal war es Jenny, deren freundlich-erstaunte Stimme Doreens Wutausbruch unterbrach. „Was ist denn los? War das wieder einer von diesen Telefonklemmis, die dir Schweinereien ins Ohr stöhnen?”
„Nein.” Doreen warf ihr einen bissigen Blick zu. „Es war Mr. Carpenter, der unbedingt ein Tischgesteck benötigt. Es soll nach den Teerosen an seine Adresse geliefert werden.” Sie packte einen großen Klumpen „Mosi“ und drückte ihn Jenny in die Hand. „Hier, du kennst ja seinen Geschmack. Blaue Iris und ein bisschen Schnickschnack, damit es richtig süßliche Stimmung verbreitet. Viel Spaß.” Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Binderaum.
„Hey, Moment mal!” Jenny sauste ihr hinterher. „Hey, was kann ich denn dafür, wenn Carpenter so spät bestellt? Hättest du eben Nein gesagt.”
„Hältst du mich für blöde?” Doreen schüttelte den Kopf. Sie wollte ihren Worten noch etwas hinzufügen, aber die Ladenglocke kündigte die Ankunft einer Kundin oder eines Kunden an. Sie klappte den Mund wieder zu, wirbelte herum und stürmte in den Verkaufsraum, während Jenny an den Bindetisch trat, wo sie sich, leise vor sich hin schimpfend, daran machte, David Carpenters Tischgesteck zusammenzustellen.
Jennys Laune hob sich nicht, als sie sich gut fünf Stunden später durch den chaotischen Innenstadtverkehr wurschtelte. Die Teerosen hatte sie gleich nach der Hochzeitsdekoration abgeliefert. Die Schlagersängerin schien nicht sonderlich erstaunt, als Jenny ihr das Bukett überreichte. Nur ein „Dankeschön, Süße“, dann war die Tür vor Jennys Nase zugefallen.
Auch gut! Sogar sehr gut, besser als ein hysterischer Anfall, den Jenny eigentlich von dem verwöhnten Fabrikantentöchterchen erwartet hatte.
Nach verschiedenen anderen Aufträgen lag jetzt nur noch David Carpenters „Dinnerbesen“ auf der Ladefläche des Vans. Jenny schüttelte innerlich den Kopf, während sie von der Richstone Ave. in die Vouxhall einbog und dann einigen der baumgesäumten Nebenstraßen folgte, die das noble Vorstadtviertel durchzogen. Hier herrschte überall die wohlige Atmosphäre satter Wohlhabenheit. Alle, die hinter den glatten, schneeweißen oder zartgelben Villenfassaden lebten, konnten sich Mieten leisten, die anderswo das gesamte Einkommen einer sechsköpfigen Familie ausmachte – und das, ohne auf Kaviarhäppchen und Champagner zu verzichten!
Ob Carpenter seiner Angebeteten auch solche Köstlichkeiten servierte? Zu welchen erlesenen Delikatessen das Irisgesteck wohl die passende Stimmung zaubern sollte?
Ach, überhaupt – Carpenter! Wieder schüttelte Jenny den Kopf. So ein Windhund! Da schickte er der einen Abschiedsrosen und bestellte für die nächste schon das Dinnergemüse. Wirklich ein unmöglicher Mensch!
Jenny grinste, als sie an Doreens verrückte Ideen dachte. Nun, wenn sie ganz ehrlich war, so ganz reizlos fand Jenny die Ideen gar nicht. Es musste Spaß machen, solch einen Schürzenjäger wie David Carpenter mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Aber dazu fehlte ihr die nötige Raffinesse. Außerdem war ihr Carpenter nicht eben sympathisch. Allein der Gedanke, wen er schon alles durch sein Wasserbett gescheucht hatte – Doreen behauptete steif und fest, Carpenter besäße solch ein Monstrum – rief in Jenny das Gefühl heftigen Abscheus hervor. Für Jenny, die fröhliche, gradlinige Jenny, war der Gedanke an solchen Massenverschleiß einfach abscheulich. Nicht, dass sie besonders prüde war, aber eine Bahnhofshalle füllende Vergangenheit musste der Mann, den sie lieben wollte, nicht gerade mitbringen. Und David Carpenter konnte eine ganze Frauenarmee aufstellen, selbst wenn man nicht jedem Tratsch Glauben schenken wollte.
Haus Nummer 112. Jenny kannte die Adresse. Mehr als einmal hatte sie hier Gestecke zu intimen Dinners, Geschäftsessen im privaten Ambiente und einmal sogar zu einer Verlobung geliefert. Nein, es war nicht David Carpenter gewesen, der sich zu diesem Schritt entschlossen hatte, sondern sein Neffe Patrick Cline, der auf dem riesigen Grundstück seines Onkels eine rauschende Verlobungsparty gefeiert hatte. Natürlich waren alle Honoratioren der Stadt anwesend, einschließlich des Bürgermeisters, der damals noch nicht verheiratet gewesen war.
Heute gab es im Haus Nummer 112 keine Megaparty, sondern wieder mal ein intimes Essen. Jenny nahm das Gesteck und trug es zum Eingang. Ein pompöses Monstrum aus weiß lackiertem und mit Goldornamenten verziertem Holz, das man sicherlich sprengen musste, wenn man den Schlüssel dazu verlor. Ein dumpfer Gong zitterte durchs Innere des Hauses, als Jenny auf den dicken Messingknopf neben der Haustür drückte. Sie nahm das Gesteck in den anderen Arm und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Sie fühlte sich müde, total ausgelaugt. Alles, wonach sie sich sehnte, war in ihrer gemütlichen Wohnung über dem Laden die Füße hochzulegen und den Stress des Tages vor dem Fernseher zu vergessen. Davor musste sie allerdings noch die Kasse zum Nachtschalter der Bank und den Lieferwagen in die Garage bringen.
Hinter der Monstertür regte sich nichts. Jenny drückte noch einmal auf den Knopf, erneut tönte der Gong durchs Haus. Sein letzter Ton zitterte noch in der Luft, als David Carpenter die Tür endlich öffnete.
Eines musste man ihm lassen: Egal, was er trug, er sah immer umwerfend gut aus. Das fiel Jenny wieder einmal auf, als sie, das Gesteck im Arm, vor ihm stand und sekundenlang verwirrt auf seine gestärkte, schneeweiße Hemdbrust starrte. Durfte ein Mann eigentlich immer und überall eine derart gute Figur machen? Egal! Jenny trat sich innerlich gegen das Schienbein, um in die Realität zurückzukehren, und streckte David das Gesteck entgegen.
„Bitte sehr, Mr. Carpenter, Ihre Bestellung. Ich hoffe, Sie sind zufrieden.”
David warf nur einen kurzen Blick auf das mit Zellophan verhüllte Gebilde.
„Sehr schön“, lobte er. „Kommen Sie herein und stellen Sie es persönlich auf den Tisch. Ich habe dafür leider kein Händchen.”
Auch das noch! Jenny stöhnte innerlich. Schließlich war es ja nun wirklich kein Hexenwerk, ein Gesteck zu einem Zweipersonengedeck zu stellen. Aber wenn Mr. Carpenter das angeblich nicht konnte – bitte schön, der Kunde ist König!
Zähneknirschend trug Jenny das knisternde Bukett vor Carpenter her ins Wohnzimmer und in das angrenzende Esszimmer, wo bereits der riesige Eichentisch festlich mit Wein- und Sektgläsern, herrlichem handbemalten Geschirr und Kerzen gedeckt war. Es sah sehr hübsch aus, Kerzen, Tischdecke und Servietten, alles Ton in Ton vom dunkelsten Kobalt- bis ins zarte Himmelblau, das sich auch in dem feinen Dekor des Geschirrs wiederholte.
Als Jenny das Gesteck in die Mitte des Tisches stellte, beglückwünschte sie sich wie so oft innerlich zu ihrer Intuition, die ihr geraten hatte, das Gesteck aus Iris und Schleierkraut anzufertigen und mit dunkelblauen Samtbändern zu verzieren, die hervorragend zur Tischdecke passten.
Zufrieden trat Jenny einen Schritt zurück. Ihre Augen prüften noch einmal kurz den Gesamteindruck, dann nickte sie und drehte sich zu David herum, der hinter ihr stand.
„So, Mr. Carpenter, da hätten Sie Ihr Dinner-Arrangement.” Mit einer stolzen Handbewegung deutete sie auf die festliche Tafel. „Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit.”
Da Jenny weder Lob noch Tadel erwartete, wandte sie sich zum Gehen. „Einen schönen Abend noch und auf Wiedersehen.”
Sie wollte das Zimmer schnell verlassen, froh, den Feierabend in Griffweite vor sich zu wissen.
„Einen Augenblick bitte noch, Ms. Devane.” Davids Stimme klang leise, aber die zwingende Kraft darin ließ Jenny mitten in der Bewegung stocken. Oh Gott, schoss es ihr verärgert durch den Kopf, was will er denn noch? Gefällt ihm etwa irgendetwas nicht? Es war sonst nicht David Carpenters Art, mehr als nötig mit ihr zu sprechen. Umso mehr verwunderte es sie jetzt, dass er sie noch zurückhielt. Sie drehte sich um und sah kritisch auf die Dekoration. Alles war bestens, alles passte hervorragend zusammen und keine der ausgesuchten Blüten zeigte irgendwelche Ermüdungserscheinungen.
Sie hatte extra ganz frische Blüten verwendet und sie zudem noch mit Bindedraht unterstützt, damit sie ja nicht umknickten. Die Steckmasse war zudem gut durchfeuchtet, sodass die Iris auch übermorgen noch ansehnlich wirken mussten. Was zum Kuckuck wollte dieser Mr. Law and Order also noch? Bezahlen? Das tat er monatlich per Anweisung.
Er schien Jennys Erstaunen und leichte Verärgerung zu bemerken. Ein kleines Lächeln huschte über sein markantes Gesicht, das sich in den dunklen Augen spiegelte.
„Oh, Ms. Devane, ich bin absolut zufrieden”, sagte er langsam, ohne Jenny aus den Augen zu lassen. „Aber das wissen Sie ja. Ich würde nicht seit drei Jahren meine Blumen bei Ihnen bestellen, wenn Sie nicht so hervorragende Arbeit leisten würden.”
Er kam näher. Der Duft seines herben Rasierwassers umwehte Jennys Nase. Ein Odeur, das sie automatisch an eine Bergwiese denken ließ. An wilde Blumen und Kräuter im Sonnenschein. Und an den Geruch reifen Korns, das sich im Sommerwind wiegt.
„Wissen Sie, dass Sie wahre Kunstwerke zaubern?” David stand jetzt so dicht vor ihr, dass Jenny begann, sich ein wenig unwohl zu fühlen. Irgendwie kam sie sich bedroht vor, eingefangen von seiner männlichen Ausstrahlung und körperlichen Präsenz.
„Wunderschöne, filigrane Zaubereien aus Duft und Farben”, schmeichelte er mit leiser Stimme. „Für mich ist es jedes Mal ein Wunder zu sehen, was Sie aus all den vergänglichen zarten Gebilden machen.”
Er raspelt Süßholz!, funkte das Alarmsystem in Jennys Kopf. Achtung, Gefahr, mach dich schnellstens vom Acker!
„Ich – ähem …” Sie trat einen Schritt zurück und kniff sich verstohlen in den Oberschenkel, um ihren Verstand zu aktivieren, der nur allzu bereit war, sich von David Carpenters Rasierwasserduft und schönen Worten einlullen zu lassen. „Schönen Dank für das Kompliment, Mr. Carpenter.” Sie brachte es sogar fertig, zu lächeln. „Aber nun muss ich los. Ich wünsche Ihnen einen …”
„Halt!” Davids Hand schoss so rasch vor, dass Jenny nicht mehr ausweichen konnte. Seine Finger, die ihr Gelenk umfassten, waren kraftvoll, verrieten Willensstärke, aber auch verborgene Sinnlichkeit. Die Berührung war Festhalten und Streicheln zugleich. Ein Kunststück, das nun wirklich nicht jeder Mann beherrschte!
Jenny fühlte, wie ihr Mund trocken wurde, gleichzeitig wuchs in ihr der Zorn. Zorn auf David Carpenter, der es wagte, sie festzuhalten und sie mit seinem Charme zu bombardieren, und auf sich selbst, weil sie sich auch noch davon angezogen fühlte.
Vor dieser Situation hatte ihre Mutter sie immer gewarnt.
„Mädchen, gehe niemals allein in die Wohnung eines Junggesellen. Soll er seine Blumen lieber selbst in die Vase stellen.”
Oh, Muttilein, du hattest ja so recht, aber das nützt mir jetzt auch nichts!
Der Zorn gewann die Oberhand. „Lassen Sie mich sofort los, Mr. Carpenter!” In Jennys Stimme schwang so viel unterdrückte Wut, dass David erschrocken seinen Griff lockerte und einen Schritt zurücktrat. Aber dann lächelte er auf eine merkwürdig anziehende Weise, die Jenny erneut in Verwirrung stürzte.
„Ich will Ihnen doch nichts tun, Ms. Devane”, versuchte er sie mit leiser, einschmeichelnder Stimme zu beruhigen. „Alles, was ich möchte, ist, mich einmal für Ihre Arbeit erkenntlich zu zeigen.”
Jenny musterte ihn voller Misstrauen. Was sollte das denn nun wieder?
„Danke, Mr. Carpenter, das ist bestimmt nett gemeint, aber …” Sie suchte nach einer passenden Ausrede.
Sein Lächeln wurde noch beunruhigender, wie Jenny fand. So, als wäre er sich seines Sieges bereits vollkommen sicher.
„Aber ich bin müde!”, stieß sie heraus. Sollte Carpenter doch denken, was er wollte!
„Das glaube ich Ihnen, Ms. Devane.” Der einschmeichelnde Ton ärgerte Jenny fast noch mehr als seine penetrante Hand, die sie schon wieder berührte. Diesmal ihren Oberarm. „Immerhin habe ich Sie stets als eine selbstbewusste, disziplinierte Frau erlebt, die sehr genau wusste, was sie wollte.”
„Nun, ich weiß auch heute noch, was ich will”, konterte Jenny spontan. „Jetzt will ich zum Beispiel nach Hause. Ich habe einen harten Tag hinter mir und denke nur noch an meinen Feierabend und ein gutes Abendessen. Genau aus diesem Grunde verabschiede ich mich jetzt von Ihnen, Mr. Carpenter, und wünsche Ihnen …”
„Das Abendessen wartet schon auf Sie.” David deutete zu dem gedeckten Tisch. „Und entspannen können Sie sich hier auch.”
„… wünsche Ihnen einen schönen Abend”, vollendete Jenny ihren Satz, dann stutzte sie. Langsam sickerte der Sinn seiner Worte in ihr Hirn. Als sie endlich begriffen hatte, holte sie tief Luft und stieß ein entschiedenes „NEIN!” aus.
Sie wollte sich abwenden, aber seine Finger umspannten immer noch ihren Oberarm.
„Bleiben Sie, Ms. Devane, bitte.” Seine Stimme wurde noch eine Nuance dunkler, noch eine Spur wärmer und schmeichelnder. Fast meinte Jenny, sie würde sie auf ihrer Haut spüren, streichelnd wie Samt. „Setzen Sie sich, versuchen Sie, sich zu entspannen und lassen Sie sich ein wenig von mir verwöhnen. Das habe ich nämlich schon seit drei Jahren geplant. Und heute soll es endlich wahr werden. Also bitte …” Mit einer galant einladenden Geste deutete David zur Essecke hinüber. „Nehmen Sie Platz und lassen Sie mich einmal für Sie zaubern.”
Einen Moment konnte Jenny vor Überraschung nichts erwidern. Aber dann erwachte erneut der Zorn in ihr. Was sollte das alberne Getue, die Schmeicheleien und Lobgesänge auf ihre Arbeit? Wollte er sich über sie lustig machen oder - wie nannte Doreen derartige Bemühungen? - „baggerte” der gute David Carpenter sie ganz massiv an?
Jenny holte tief Luft, um sich runterzufahren, dann lächelte sie David auf ihre bezauberndste Art an. „Hat Ihr Gast Sie versetzt?”
David erwiderte das Lächeln, als hätte er die Ironie in ihren Worten nicht bemerkt. „Sie sind heute mein Gast.”
Ehe es Jenny verhindern konnte, führte er ihre Hand an seine Lippen und hauchten einen zarten Kuss darauf. Die Berührung war nur kurz, hatte jedoch eine erstaunliche Wirkung auf Jennys Innenleben. Ihr Puls begann zu rasen, wohlige Schauer überliefen ihren Rücken, ihr Herzschlag hämmerte in den Ohren. Bemerkte er es?

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