Versuchung
von Mona Vara

Erschienen: 06/2014

Genre: Historical Romance
Zusätzlich: Dominanz & Unterwerfung, Vanilla

Location: USA, Kalifornien

Seitenanzahl: 260


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-123-7
ebook: 978-3-86495-124-4

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Versuchung


Inhaltsangabe

Kalifornien 1887: Von Katharinas Großvater einst gedemütigt und aus seinem Heimatland vertrieben, will Nikolai Brandanowitsch nichts anderes, als sich an Katharina für das damals erlittene Unrecht zu rächen, indem er sie heiratet. Tatsächlich unterwirft er Katharina, die seinen erotischen Künsten nicht widerstehen kann, nach der Hochzeit in jeder Hinsicht seinem Willen, und Katharina verfällt Nikolai mit Haut und Haar.
Doch Nikolai hat in keinster Weise mit der wilden Leidenschaft gerechnet, die seine Frau schon bald in ihm zu wecken versteht ...

Über die Autorin

Mona Vara schrieb jahrelang erfolgreich erotische Liebesromane. Das  Wichtigste beim Schreiben war für sie, Figuren zum Leben zu erwecken, ihnen ganz spezifische Eigenschaften und Charaktere zu geben und ihre Gefühle und Erlebnisse auf eine Art auszudrücken, die sie nicht nur...

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Leseprobe

Sacramento 1887

Kate saß neben ihrer Gastgeberin und versuchte interessiert auszusehen, während die ältere Frau ihr lang und breit von ihren bereits erwachsenen Kindern erzählte, von den Schwierigkeiten mit dem Personal und dem Problem, das ihr die neueste Hutmode auferlegte. Kate nickte von Zeit zu Zeit und ließ dabei ihre Blicke verstohlen zu der anderen Seite des Saals schweifen, wo Nick stand und sich mit dem Gouverneur und anderen wichtigen Männern der Stadt unterhielt.
Er hatte sich in den langen Jahren, in denen sie ihn aus den Augen verloren hatte, verändert. Seine Züge waren härter geworden, ausgeprägter als damals, seine Lippen...

...etwas schmäler und seine dunkelgrauen Augen blickten weitaus ernster als zu der Zeit, als sie noch ein halbes Kind gewesen war und sich in ihn verliebt hatte. Und doch hätte sie ihn überall wiedererkannt. Sein dunkles Haar, das er aus der Stirn frisiert hatte, war jetzt länger als damals am Gutshof ihres Großvaters, wo es den Bediensteten nicht gestattet gewesen war, es mehr als nur wenige Millimeter lang zu tragen. Nikolai, der zwar ein freier Mann gewesen war, aber als Verwalter doch zu den unteren Rängen der strengen Hierarchie gehörte, hatte sich diesem ungeschriebenen Gesetz beugen müssen.
Sie wandte sich hastig ab, als Mrs. Baxter eine Frage wiederholte, und fühlte, wie eine leichte Röte in ihre Wangen stieg. „Ja“, erwiderte sie verlegen, wobei sie hoffte, die richtige Antwort zu geben, „meine Mutter hat das ebenso gemacht.“
Ann Baxter war ihrem Blick gefolgt und lächelte sie nun mit freundlicher Ironie an. „Ein gut aussehender Mann, dieser Nick Brandan, nicht wahr? Man merkt es seiner Redeweise kaum an, dass er aus Russland kommt. Er klingt, als wäre er hier aufgewachsen.“
Kate nickte, rückte ihre Brille zurecht, die ihr wieder auf die Nase gerutscht war, und überlegte krampfhaft, wie sie es am besten anstellen konnte, unauffällig mit Nick ins Gespräch zu kommen. Es war zu lächerlich. Da war sie quer durch Amerika gereist, um den Mann wiederzusehen, den sie niemals hatte vergessen können, und nun saß sie hier in einer Ecke, versuchte durch die tanzenden Paare hindurch sehnsüchtig einen Blick auf ihn zu erhaschen, und fand doch nicht den Mut, einfach hinzugehen und ihn anzusprechen.
Was sich für eine wohlerzogene Dame selbst im fortschrittlichen Jahre 1887 vermutlich auch gar nicht geschickt hätte. Derartige gesellschaftliche Einschränkungen konnten eine Kate Duvallier jedoch schon lange nicht mehr beeindrucken. Sie war eine erwachsene, selbstbewusste Geschäftsfrau, die sich unpraktischen Konventionen nur zum Schein beugte. Jetzt hielten sie ganz andere Überlegungen auf, und es war vor allem die Angst, er könnte sie unter Umständen nicht wiedererkennen, die sie davon abhielt, den ersten Schritt zu tun.
Mrs. Baxters Lächeln vertiefte sich. „Soll ich Ihnen Nick vorstellen, Miss Duvallier?“
Diese Gelegenheit würde sie sich gewiss nicht entgehen lassen. „Gerne. Meine Mutter stammt aus Russland, und es wäre mir eine Freude, mit einem Landsmann von ihr zu sprechen.“
Ann musterte ihr unscheinbares Äußeres mit einem wissenden Blick und winkte dann einem der Diener zu. Dieser machte sich sofort auf den Weg durch den Saal, verbeugte sich vor Nick, flüsterte ihm etwas zu, und Kate sah, wie Nick herüberblickte. Seine Augen blieben sekundenlang an ihr hängen, dann verabschiedete er sich mit einer kurzen Verbeugung von seinen Gesprächspartnern und kam zu ihnen herüber.
Als er vor ihnen stehen blieb, schlug Kate das Herz bis zum Hals. „Sie haben mich rufen lassen, Madam?“, fragte er mit einem so charmanten Lächeln an die Gastgeberin, dass diese ebenso wenig davon unbeeindruckt bleiben konnte wie Kate selbst.
Mrs. Baxter wies schmunzelnd auf Kate, deren Mund vor Aufregung trocken wurde. „Ich wollte Ihnen Miss Duvallier vorstellen, Nick. Sie ist vor drei Tagen aus New York angekommen und macht uns die Freude bei uns zu wohnen.“ Die Baxters waren alte Bekannte ihres Vaters, die Kate bei ihrer Ankunft in Sacramento eingeladen hatten, bei ihnen Quartier zu nehmen.
Nicks Blick fiel auf sie, musterte sie abschätzend, glitt über ihr Haar, die Brille, das schlecht sitzende dunkelblaue Kleid und blieb dann wieder auf ihrem Gesicht haften. „Duvallier ...?“, wiederholte er gedehnt. „Der Name kommt mir bekannt vor. Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?“
Kate verfluchte insgeheim ihre Entscheidung, nicht doch ein etwas hübscheres Kleid mitgebracht zu haben, und schubste ihre Brille wieder auf ihren Platz zurück. „Das ist sogar sehr wahrscheinlich“, antwortete sie mit einem misslungenen Lächeln, „mein Großvater war Russe. Ich habe ihn vor Jahren in seiner Heimat besucht.“
Nicks Gesicht hellte sich auf. „Tatsächlich!“, rief er aus. „Jetzt erinnere ich mich! Sie waren das kleine Mädchen, das seine Zeit lieber in den Pferdeställen verbrachte als im Schloss.“ Er nahm auf dem freien Stuhl neben Mrs. Baxter Platz und beugte sich vertraulich zu der üppigen Frau hinüber. „Miss Duvallier, müssen Sie wissen, ist die Enkelin des Grafen Werstowskij, bei dem ich früher arbeitete. Sie war, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, damals etwa sieben oder acht Jahre alt.“
Mrs. Baxters Augen funkelten vor Neugierde. „Nein, so etwas! Das haben Sie mir ja gar nicht gesagt, Kate!“
Kate klammerte sich an ihren Fächer, den sie zusammengefaltet im Schoß liegen hatte. „Mir war der Name von Mr. Brandan nicht geläufig“, sagte sie schwach und unterdrückte die heftige Enttäuschung darüber, dass er sie zwar wiedererkannt hatte, sich aber offensichtlich nicht mehr daran erinnern wollte, dass sie ihren Großvater einige Jahre später nochmals besucht hatte. Damals war sie kein kleines Kind mehr gewesen, sondern eine aufblühende junge Frau von knapp siebzehn Jahren, die sich zwar nicht mehr in den Pferdeställen herumtrieb, dafür aber den ersten Kuss ihres Lebens bekommen hatte. Von einem gewissen Nikolai Brandanowitsch, der sich jetzt Nick Brandan nannte. Und der diese Episode von sich geschoben hatte, die für sie ein einschneidendes Erlebnis gewesen war. So einschneidend, dass sie nach dieser Zeit alle anderen Männer mit ihm verglichen und verzweifelt gehofft hatte, ihn eines Tages wie durch ein Wunder wiederzusehen.
Und dieses Wunder war nun, nach fast zehn Jahren, geschehen.
„Sagen Sie mir doch, wie es Ihrem Großvater geht“, unterbrach seine dunkle Stimme ihre Gedanken. „Führt er immer noch ein so strenges Regiment auf seinem Anwesen?“
„Mein Großvater starb vor vielen Jahren. … Er wurde erstochen.“ Sie zögerte, ehe sie weitersprach. „Wie man vermutete, von einem seiner Diener, den er zuvor hatte auspeitschen lassen.“
„Das ist ja schrecklich!“, fuhr Mrs. Baxter entsetzt auf.
„Was?“, fragte Nick mit deutlichem Spott in der Stimme. „Die Tatsache, dass in Russland Menschen ausgepeitscht werden? Oder dass sie sich wehren und ihren Peiniger erstechen?“
„Beides“, erwiderte Mrs. Baxter mit sichtlichem Schaudern.
„Nein“, antwortete Kate aus tiefster Überzeugung, „das finde ich nicht.“
In Nicks Augen trat eine plötzliche Kälte. „Vermutlich nicht. Von der Perspektive der Herrschaft sieht alles etwas anders aus, nicht wahr?“
Sekundenlang trafen sich ihre Blicke. Sie erkannte, dass sie missverstanden worden war, und wollte die Sache klarstellen, als er schon weitersprach. „Jedenfalls ist es mir eine große Freude, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen, Miss Duvallier. Ich muss sagen, Sie haben sich sehr verändert. Ich hätte in der bezaubernden jungen Dame, die mir hier gegenübersitzt, nicht das kleine Mädchen erkannt, das zwischen den Pferden herumlief und ständig von ihrer Gouvernante gescholten wurde, weil das hübsche Kleidchen wieder einige Flecken mehr hatte.“
Obwohl Kate wusste, dass die „bezaubernde junge Dame“ reine Höflichkeit gewesen war, saugte sie dieses Kompliment gierig in sich ein. „Ich muss eine schreckliche Plage für meine Erzieherinnen gewesen sein. ... Und vermutlich nicht nur für sie“, fügte sie in einem Moment der Ehrlichkeit hinzu.
Nick lachte. „Nein, nein, Sie waren ein reizendes Kind.“ Er erhob sich. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich würde zwar wesentlich lieber die Unterhaltung mit zwei so charmanten Damen fortsetzen, aber dort drüben sehe ich meinen Geschäftspartner, der mir zuwinkt.“ Er verbeugte sich in seiner lässigen, eleganten Art und war auch schon wieder zwischen den anderen Leuten verschwunden.
Kate war es gewohnt, ihre Gefühle für sich zu behalten und nicht vor versammelter Gesellschaft zur Schau zu stellen, aber ihre Nachbarin musste ihr doch die Enttäuschung angesehen haben. Sie lehnte sich ein wenig zu ihr hinüber und tätschelte ihre Hand. „Sie werden bestimmt noch Gelegenheit haben, Kindheitserinnerungen auszutauschen“, sagte sie freundlich.
Kate wollte sich hastig einem anderen Thema zuwenden, als sie sah, wie eine außergewöhnlich schöne junge Frau, die nach ihrem Eintritt sofort von Verehrern umringt gewesen war, an Nick herantrat. Der wandte sich ihr ohne Zögern zu, ergriff ihre Hand, die sie ihm mit einem hinreißenden Lächeln hinhielt, und beugte sich darüber, um sie zu küssen.
Mrs. Baxter hatte diese kleine Szene ebenfalls bemerkt. „Das ist Grace Forrester“, flüsterte sie ihr zu. „Die Tochter eines der reichsten Männer der Westküste. Man sagt, sie hätte eine Mitgift von dreißigtausend Dollar.“
„Tatsächlich?“ Kate war durch Geld nicht zu beeindrucken. Sie musterte die Aufmachung der jungen Frau mit Kennerblick: Grace hatte wunderbares blondes Haar, das nach der letzten Mode frisiert war, trug ein hellgrünes Seidenkleid mit Samtmieder, dessen Dekolleté mehr von ihrem Busen enthüllte als verhüllte, und dessen Farbe exakt auf die leuchtend grünen Augen abgestimmt war, die Nick nun verheißungsvoll anblitzten. Ihre Taille war, gemessen an der Üppigkeit ihrer Figur, ungewöhnlich schlank, was auf ein Korsett hindeutete, und Kate fragte sich boshaft, wie die Blonde es schaffen konnte, so eingeschnürt zu sein und trotzdem noch reden und lachen zu können.
Unwillkürlich blickte sie in den Spiegel an der Seite, der einen Ausschnitt des Saales wiedergab und auch ein Abbild ihrer selbst zeigte: Eine sehr schlanke Frau mit Brille, die in dem dunkelblauen, locker sitzenden Seidenkleid sogar hager wirkte. Der strenge Knoten, zu dem sie ihr Haar am Hinterkopf hochgesteckt hatte, ließ sie wie eine alternde Gouvernante erscheinen. ‚Perfekt’, dachte sie spöttisch. ‚Was ist mir nur dabei eingefallen, hier so aufzutreten?’
„Ein schönes Paar, nicht wahr? Man tuschelt bereits darüber, dass die beiden heimlich verlobt wären.“
Kate fühlte Übelkeit in sich hochsteigen. Aber was hatte sie auch erwartet?
Mrs. Baxter tätschelte ihre Hand. „Sie sehen heute Abend sehr hübsch aus, Miss Duvallier, das hat auch Mr. Brandan festgestellt.“
Sekundenlang kämpfte Kate mit Fassungslosigkeit, und ein Blick in den Spiegel zeigte ihr, dass sie tief errötet war. „Vielen Dank, Mrs. Baxter, das ist sehr freundlich von Ihnen.“
Sie hoffte, dass ihr Lächeln nicht allzu gequält ausfiel.

Am nächsten Morgen war Kate schon lange vor Mrs. Baxter im Frühstückszimmer. Es war am Vorabend zwar spät geworden, aber sie war es sonst gewöhnt, mit dem ersten Hahnenschrei aufzustehen, und genoss es, in Ruhe am Tisch sitzen zu können. Im Haus herrschte noch rücksichtsvolle Stille. Die dienstbaren Geister, die gestern Abend serviert und dann noch die meiste Unordnung beseitigt hatten – Kate hatte einen kurzen Blick in die Festräume getan und gesehen, dass nur noch die beiseitegeschobenen Möbel vom gestrigen Ball zeugten, und alles andere schon sauber aussah – waren vermutlich noch ebenso unausgeschlafen wie das Gastgeberehepaar selbst.
Kate hatte sich bereits nach ihrer Ankunft in Sacramento neugierig umgesehen. Sie hatte erwartet, in eine ähnliche Kuhstadt zu kommen wie jene, die sie während ihrer Reise durchquert hatte – kleine, zum Teil staubige Städtchen, aus einigen Holzhäusern bestehend – und hatte sich dann in einer aufblühenden Stadt wiedergefunden, an der die Goldfunde und die sich daraus entwickelnden Gewerbe nicht spurlos vorübergegangen waren. Es gab zum Teil gepflasterte Straßen, relativ hohe Steinbauten, und das prächtige Haus der Baxters selbst, das vor etwa zwanzig Jahren fertiggestellt worden war, erinnerte sie stark an die auch im Osten sehr beliebten modernen Villen italienischen Baustils. Innen hatte sie dann puren Luxus vorgefunden – für sie selbst und ihre Familie bereits eine Selbstverständlichkeit, für hiesige Verhältnisse jedoch höchst überraschend - und sie hatte staunend in einem großen, hübsch gekachelten Bad gestanden, das sich ihrem Gästezimmer anschloss und tatsächlich fließendes Wasser bot. Im Winter, hatte Ann Baxter ihr stolz erklärt, würde man sogar mit zwei zentralen Öfen das ganze Haus heizen. Auch nichts Neues für Kate, aber eine gewaltige Errungenschaft für den Westen.
Nun saß sie am reich und luxuriös gedeckten Frühstückstisch, vor sich eine starke Tasse Kaffee und in der Hand die neueste Ausgabe einer in New York erscheinenden Tageszeitung. Neu bedeutete in diesem Fall, dass die Zeitung selbst mit der Expresspost eine Reisezeit von knapp einer Woche hinter sich hatte. Aber immerhin brachte sie die letzten Nachrichten von daheim, und Kate, die jeden der Redakteure seit vielen Jahren kannte, amüsierte sich hervorragend.
Es war nicht allgemein bekannt, dass ihr Vater Anteile an dieser Zeitung besaß. Er hielt seinen Namen zurück, hatte jedoch einen großen Einfluss auf die Qualität des Blattes, das nur bestens recherchierte Fakten brachte und diese gelegentlich mit ironischen Details und kritischen Randbemerkungen ergänzte. Die Zeitung verkaufte sich an der ganzen Ostküste, wurde stapelweise auch in entferntere Bundesstaaten geschafft und landete sogar hier, in Kalifornien. Frank Duvallier war ein reicher Mann, der es nicht nötig hatte, Gewinn aus dem Vertrieb dieser Zeitung zu machen, aber Kate wusste, dass das Blatt jeden Monat ein hübsches Sümmchen abwarf.
Sie war gerade in einen besonders sarkastischen Artikel vertieft, als der Diener eintrat und einen Besucher meldete. Kate war nicht im Geringsten darauf gefasst gewesen, Nick gleich am frühen Morgen schon wieder zu begegnen, und sie erhob sich mit zittrigen Knien.
„Ich fürchte, ich komme in Anbetracht der gestrigen Festivität etwas zu früh“, sagte er mit einem Lächeln, das nur um seine Lippen spielte und seine Augen nicht mit einbezog.
Kate war sich allzu schmerzlich wieder des Mangels ihrer Aufmachung bewusst und fühlte sich dementsprechend noch unsicherer, als es in dieser Situation ohnehin schon der Fall gewesen wäre. „Wie ich gehört habe, wird Mrs. Baxter vermutlich erst in einer Stunde hier unten erwartet.“ Sie versuchte, das nervöse Flattern in ihrer Stimme zu verbergen. Nicks Gegenwart löste nach so vielen Jahren die widersprüchlichsten Gefühle in ihr aus; eine Welle von Erinnerungen überschwemmte sie. Bilder von längst vergangenen Tagen stiegen empor, die sie tief in sich verborgen geglaubt hatte. Bilder von Liebe, aber auch von Hass, Grausamkeit und Tod.
„Das ist mir nicht unlieb“, erwiderte Nick freundlich, „da es mir Gelegenheit bietet, mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten.“
Sie deutete auf einen der Stühle um den Frühstückstisch. „Wollen Sie nicht Platz nehmen? Haben Sie schon gefrühstückt?“
Nick setzte sich mit einer kleinen Verbeugung auf den angebotenen Sessel. „Ja, danke, ich bin bereits seit einigen Stunden auf.“ Er musterte sie eingehend. „Wie hat Ihnen der Ball gestern Abend gefallen?“
„Sehr gut“, log sie.
„Sie haben kein einziges Mal getanzt“, fuhr er fort.
„Das hat sich nicht ergeben.“
Vor vielen Jahren hatten sie mit ihm getanzt ... Am Vorabend hatte sie nur der Hausherr selbst aus reiner Höflichkeit aufgefordert und sich mit einem deutlichen Aufatmen wieder verzogen, als sie gedankt hatte. Sie war schließlich nicht zum Tanzen gekommen. Sie hatte Nick wiedersehen und vielleicht auch ein Geschäft abschließen wollen.
„Ihre Frau Mutter ist wohlauf?“
Sie lächelte. „Ja, voller Energie und Tatendrang wie eh und je. Mein älterer Bruder hat vor über zwei Jahren geheiratet und hat bereits ein kleines Töchterchen, das die ganze Familie auf Trab hält.“
„Und Sie haben sich entschlossen eine kleine Reise zu machen und die Westküste der Vereinigten Staaten aufzusuchen“, führte er das Gespräch fort.
„Ich war einfach neugierig“, erwiderte sie halbwahr. „Ich hatte schon so viel von diesem Land gehört und wollte mich mit eigenen Augen von den Reichtümern überzeugen, die es hier angeblich gibt.“
„Sie sprechen die Goldfunde an“, antwortete er ironisch. „Gewiss, einige sind davon reich geworden, haben ihr mühsam geschürftes Gold wieder verprasst, andere haben es besser angelegt, und Städte wie Sacramento sind über Nacht aus dem Boden gewachsen, um den Leuten mit allerlei Lockungen das Geld wieder abzunehmen.“
„Mrs. Baxter hat mir erzählt, dass Sie einen sehr gut gehenden Holzhandel besitzen“, kam Kate auf das Thema zu sprechen, das ihr mehr am Herzen lag als die Nachtetablissements von Sacramento.
„Ich hatte auch Glück dabei“, meinte er achselzuckend.
Kate entschloss sich, auf weitere höfliche Konversation zu verzichten. „Weshalb haben Sie niemals mehr mit mir Kontakt aufgenommen, Nick?“, fragte sie rasch. „Ich hätte mich so gefreut, ein Lebenszeichen von Ihnen zu erhalten!“
Sie schrak innerlich zusammen, als der höfliche Ausdruck in seinen Augen sekundenlang einem kalten Zorn wich. Dann legte sich wieder derselbe Gleichmut wie zuvor darüber. „Dieser Gedanke war mir, offen gesagt, nicht gekommen.“
„Aber das wäre doch naheliegend gewesen!“
„Für mich nicht“, erwiderte er abschließend.
Kate biss sich auf die Lippen, überlegte, wie sie es anstellen sollte, auf eine etwas freundschaftlichere Gesprächsbasis mit ihm zu kommen, als er weitersprach: „Es wundert mich, dass Sie nicht verheiratet sind, Miss Duvallier.“
„Ich?“ Sie schob sich die Brille zurecht, die ihr ständig auf die Nase rutschte.
Nick zog die Augenbrauen hoch. „Nicht? Das wäre doch naheliegend gewesen.“
Kate hatte das seltsame Gefühl, dass er sich über sie lustig machte. Sie fing wieder einen forschenden Blick auf, der über ihr Haar und ihr Kleid ging, und rutschte unbehaglich auf dem Sessel hin und her. Vermutlich mokierte er sich über ihr unscheinbares Äußeres – aber er konnte ja schließlich nicht erwarten, dass die Erde nur von blonden, üppigen Schönheiten wie dieser Grace bevölkert war.
So sehr sie sich auch danach gesehnt hatte ihn wiederzusehen, so unangenehm wurde ihr nun das Gespräch, und sie atmete insgeheim erleichtert auf, als Mrs. Baxter sehr viel früher als erwartet den Raum betrat und mit einem strahlenden Lächeln auf Nick zueilte, der sich bei ihrem Eintritt höflich erhoben hatte.
Kate nutzte diese Gelegenheit zum Rückzug und flüchtete aufatmend in ihr Zimmer, wo sie sich auf den zierlichen Sessel vor dem Ankleidespiegel fallen ließ. „Das ist alles ziemlich schief gegangen, Kate, altes Mädchen“, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu. „Du siehst aus wie eine Vogelscheuche, und Nick ist so gut wie verheiratet. Mit einer reichen Erbin. Die noch dazu schön ist. Und gut fünf Jahre jünger als du.“
Sie nahm die Brille ab und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Ihre Haut war makellos, ihre Züge ebenmäßig, ihre Lippen voll und rot und ihr Haar war tiefschwarz. Einer ihrer Verehrer, ein Besucher aus Europa, hatte sie einmal mit einer Märchenfigur aus seiner Heimat verglichen: ‚Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz.’
„Wenn ich mich richtig erinnere, ist das gute Kind beinahe an einem Apfel erstickt“, seufzte sie auf. „Ich sollte aufpassen, dass es mir nicht ebenso geht.“
Ein wenig später hörte sie die Haustür ins Schloss fallen, eilte zum Fenster und sah, wie Nick mit langen Schritten die Straße überquerte. Sie presste die Nase an das Glas und blickte ihm nach, bis er um die nächste Straßenecke verschwunden war. Er war, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, Mitte zwanzig gewesen, ein breitschultriger, aber schlanker, hochgewachsener junger Mann mit einer aufrechten Haltung, die nicht einmal die abfällige Behandlung ihres Großvaters hatte beugen können. Er hatte auf sie niemals wie einer der anderen Beschäftigten am Hofe ihres Großvaters gewirkt, sondern wie ein stolzer, freier Mann, der es wagte, das, was er dachte, auch laut auszusprechen. Er hatte sich nicht viel verändert. Die Haltung war die gleiche geblieben, auch wenn er jetzt ein bisschen kräftiger wirkte als damals.
Sie blieb auf ihrem Zimmer, las zerstreut in einem Buch und dachte krampfhaft darüber nach, wie sie Nick am besten wiedersehen konnte. Sie hatte jedenfalls nicht die Absicht, ihre Begegnung auf zwei zufällige Zusammentreffen zu beschränken. Der Gedanke, dass er mit dieser blonden Schönheit verlobt sein könnte, störte sie zwar immens, aber, dachte sie achselzuckend, sie war ja auch nicht hergekommen, um ihn gleich zu heiraten. Zumal sie ja nicht hatte annehmen können, dass er nicht schon längst gebunden war. Auch wenn sie in kindischer Romantik insgeheim gehofft hatte, er wäre noch frei.
Nach dem Mittagstisch hatte sie das Unglück, ausgerechnet auf Grace Forrester zu treffen, die Mrs. Baxter einen Höflichkeitsbesuch abstattete und offenbar Gefallen daran fand, das Mauerblümchen zu einem Spaziergang zu überreden. Kate ging zähneknirschend mit, stolperte eingedenk ihrer Rolle neben der blonden Schönheit her und kam sich innerhalb kürzester Zeit wahrhaftig reizlos und hässlich vor. Zu ihrer geheimen Genugtuung schlug Grace jedoch wie von selbst den Weg zu dem Haus ein, in dem sich, wie Kate gleich nach ihrer Ankunft in Sacramento festgestellt hatte, Nicks Stadtbüro befand. Das Werk selbst, das samt ausgedehnten Lagerhäusern zu seinem Unternehmen gehörte, lag etwa zehn bis elf Meilen außerhalb der Stadt, und Kate beabsichtigte, am nächsten Tag mit dem Wagen hinauszufahren. Sie hätte es zwar vorgezogen zu reiten, aber sie hatte kein Pferd mit, und die Tiere, die bei den Baxters zur Verfügung standen, boten einer passionierten Reiterin wie ihr keine besondere Anziehungskraft.
Die schöne Grace spazierte, offenbar in der Hoffnung, Nick Brandan über den Weg zu laufen, einige Male in Kates Begleitung die Straße auf und ab, blieb stehen, um stundenlang in die Auslagen einer Schneiderin zu schauen, die dort einige Kleider ausgestellt hatte, und hielt sich schließlich eine endlos lange Zeit vor dem Schaufenster einer Hutmacherin auf.
Kate heuchelte höfliches Interesse, verkniff sich die Bemerkung, dass sie noch nie zuvor so geschmacklose Hüte gesehen hätte, betrat dann mit Grace gemeinsam das Geschäft und blieb geduldig neben ihr stehen, während die schöne junge Frau einen Hut nach dem anderen auf ihre blonden Locken drückte.
Schließlich war auch diese Tortur vorbei, und Kate trat aufatmend wieder ins Freie hinaus. An der Ecke trafen sie jedoch auf einen dicklichen, älteren Mann, der seine Aufmerksamkeit ausschließlich Kate zuwandte, da er am vergangenen Abend erfahren hatte, wer diese unauffällige junge Frau war. Er war ihr dann nicht mehr von der Seite gewichen, hatte die ganze Zeit neben ihr gesessen und Kate, die sich mit ihm zutiefst langweilte, hatte ihn schon nach kürzester Zeit zum Teufel gewünscht. Der Name Duvallier war bis an die Westküste gedrungen, und obwohl Kate, eingedenk früherer nervenaufreibender Abenteuer mit entschlossenen Verehrern, unauffällig hatte durchblicken lassen, dass sie auf der Suche nach einem reichen Mann sei, gab es doch noch einige in dieser Stadt, die meinten Geld genug zu haben, um auf eine schöne Mitgift verzichten zu können.
Sie gab sich während des Gesprächs mit dem dicken Mann, der keine Sekunde zögerte mit seinem Reichtum zu protzen, zurückhaltend und hoffte innigst auf eine Gelegenheit, sich so bald wie möglich wieder verabschieden zu können. Zu ihrer größten Erleichterung machte Grace, der es sichtlich langweilig wurde, nicht im Zentrum des Interesses zu stehen, bald kurzen Prozess, nickte dem Angeber verabschiedend zu und zog Kate mit sich fort.

Kapitel 2

Nikolai stand, nur mit einer Hose bekleidet, im oberen Stockwerk des zweigeschossigen Hauses, das einen guten Blick auf den sich durch die Stadt windenden Sacramento River bot. Er hatte jedoch kein Auge für den Fluss, auf dem eines seiner Transportboote zu sehen war, mit dem man Holz in das etwa neunzig Meilen entfernte San Francisco brachte, sondern beobachtete die junge Frau, die unbeholfen neben einer blonden Schönheit und einem dicklichen Mann stand, verkrampft lächelte und von Zeit zu Zeit ihre runde Brille zurechtschob, die ihr immer wieder auf die Nase rutschte. Sie war sehr schlank, mittelgroß, trug ein dunkelgraues, schlecht sitzendes Kleid, das an ihr hing wie ein Sack, und einen altmodischen, kleinen Hut, der wohl vor Jahren modern gewesen sein mochte.
Es war über zehn Jahre her, seit er ihr das letzte Mal begegnet war, aber er hatte sie am Abend davor sofort wiedererkannt, trotz der Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Es hatte ihn wie ein Schlag getroffen, als er sie bei seinem Eintritt in den Ballsaal ganz hinten in der Ecke hatte sitzen sehen. Etwas verlegen, schüchtern. Ganz anders als das junge Mädchen, das er gekannt hatte. Aber unverkennbar SIE.
Er hatte ihr gegenüber dann allerdings vorgegeben, sich nicht an dieses letzte Wiedersehen erinnern zu können, und so getan, als wäre in seinem Gedächtnis nur das kleine Mädchen haften geblieben, das fast zwei Jahre lang am Hof des Grafen Werstowskij gelebt hatte.
Er hatte damals noch im Stall gearbeitet, ein junger Bursche von sechzehn Jahren, den dieses Kind immer maßlos genervt hatte. Seiner Meinung nach hatten die Bälger der Adeligen nichts bei den Pferden verloren, und er hatte die Kleine mehr als einmal gepackt und einfach zurück zum Schloss getragen, selbst auf die Gefahr hin, dafür eine Ohrfeige des Aufsehers einstecken zu müssen, der immer darauf achtete, dass man den „Herrschaften“ mit Respekt und Höflichkeit entgegenkam. Seiner Meinung nach fiel diese kleine Rotznase jedoch nicht unter diese Kategorie, und er hatte sie jedes Mal, wenn er sie auch nur in der Nähe des Stalls fand, energisch vertrieben.
Die Kleine war jedoch immer wieder gekommen, hatte sich nicht einmal durch die Androhung einer Tracht Prügel abschrecken lassen, und eines Tages hatte er es aufgegeben und geduldet, dass sie auf der Weide herumlief und zu den Pferden in die Boxen kroch, die eine seltsame Vorliebe für das magere kleine Ding zeigten und mit ihm so liebevoll umgingen wie mit ihren eigenen Fohlen.
Er hatte versucht, sie so wenig wie möglich zu beachten, in der Hoffnung, sie würde von selbst das Interesse verlieren und sich einem anderen Spielzeug zuwenden, wie das bei kleinen Kindern meist sehr schnell der Fall war. Er hatte jedoch bald einsehen müssen, dass er sich in der Beharrlichkeit der Kleinen gründlich getäuscht hatte, die dann auch noch auf die Idee gekommen war, ihren Großvater zu bitten, ihr Reitunterricht erteilen zu lassen.
Natürlich war der Stallmeister dabei auf ihn verfallen. Er hatte den kleinen Balg, innerlich fluchend, auf ein gutmütiges Pferd gehoben, das er am Zügel im Kreis herumführte, wobei er ständig an ihrer Haltung herumnörgelte, sie mit scharfen Worten zurechtwies, wenn sie nicht ganz gerade saß und sie auslachte, als sie in dem viel zu großen Sattel hin und her rutschte. Das ging eine Woche lang so, aber die Kleine machte, wie er insgeheim zugeben musste, gar keine so schlechte Figur auf dem Pferd, und er begann insgeheim ihr Durchhaltevermögen zu bewundern.
Dann kam der unselige Tag, wo er das Pferd etwas schneller antraben ließ und lustig mit der Peitsche knallte, um einem drallen Bauernmädchen zu imponieren, das an den Zaun gelehnt stand und ihm verheißungsvoll zuzwinkerte. Das Pferd, eine solche Behandlung von ihm nicht gewohnt, erschrak, schlug aus, und die Kleine flog in hohem Bogen über den Kopf des Tieres hinweg und landete zu seinem Schrecken mitten in einer Schmutzlache, wo sie wie besinnungslos liegen blieb.
Er hatte das Bauernmädchen im selben Moment vergessen, warf die Peitsche weg, lief zu dem reglosen kleinen Bündel hin, das mit dem Gesicht nach unten lag, und drehte das Kind um, voller Angst, es könnte sich das Genick gebrochen haben. Zu seiner größten Erleichterung jedoch rührte sie sich, kaum, dass er sie berührt hatte, strich sich die Erde und den Kot aus den Augen, holte tief Luft und sagte etwas in der fremden Sprache ihrer Heimat. Als er sie verständnislos ansah, wiederholte sie die Worte auf Russisch. „Nichts passiert, Nick“, sagte sie mit diesem weichen Akzent und lächelte ihn sogar an.
Er lächelte das erste Mal zurück, hob sie hoch und stellte sie auf die Beine, um den Schmutz wenigstens notdürftig von ihr abzuwischen. Ihr hübsches Reitkleidchen war total verdreckt, und obwohl er heilfroh war, dass ihr nicht mehr zugestoßen war, wusste er, dass unweigerlich Ärger auf ihn zukommen würden.
Er musste auch nicht lange warten, denn kaum hatte er sie bei ihrem entsetzten Kindermädchen abgegeben und war in den Stall zurückgekehrt, um das Pferd abzusatteln und in die Box zu führen, tauchte auch schon der Verwalter des Grafen auf. Er machte ein sehr ernstes Gesicht und erklärte ihm, dass der Graf auf das Äußerste erzürnt wäre und Befehl gegeben hatte, den Burschen, der das Leben des Kindes so gefährdet hatte, auspeitschen zu lassen.
Zwei der Knechte packten ihn, als er sich widersetzen wollte, zerrten ihn auf den Hof hinaus. Sie wollten ihn gerade mit den Händen an den obersten querliegenden Balken eines Gestells fesseln, das gleichermaßen zum Trocknen von Pferdedecken wie auch der Züchtigung aufsässiger Bediensteter diente, als vom Schloss her scharfe Rufe erklangen. Fast im selben Moment kam das kleine Balg angelaufen. Sie hatte nur ein dünnes Hemdchen an, und das dunkle Haar wehte hinter ihr her, als sie flink an allen nach ihr greifenden Händen vorbeischlüpfte, um sich unmittelbar darauf auf ihn zu stürzen und sich an seinen Beinen festzuklammern.
Die Knechte hatten ihn vor Überraschung losgelassen, und der Verwalter kam näher, um die mageren Ärmchen zu lösen, musste jedoch bald einsehen, dass sie sich so entschlossen festhielt, dass er sie wohl eher verletzt, denn weggebracht hätte. Schließlich kam der Großvater, ein großer, finsterer und herrischer Mann, befahl der Gouvernante, die zitternd vor Aufregung danebenstand, das Kind zu entfernen, und brüllte zornig los. Doch auch die Bemühungen der Gouvernante verliefen im Sand, und die Kleine hing immer noch entschlossen an Nikolais Bein. Der Graf, ein harter Mann, der es nicht duldete, dass sich jemand seinen Befehlen widersetzte und wäre es auch nur seine kleine, kaum siebenjährige Enkelin, gebot dem Verwalter, mit der Züchtigung zu beginnen, selbst auf die Gefahr hin, dass das Kind ebenso von den Schlägen getroffen wurde.
Als der Verwalter jedoch zögerte, griff der Graf selbst zur Peitsche. Er holte mit vor Zorn lodernden Augen weit aus und ließ die beißende Spitze auf Nikolai und das Kind niederfahren. Dieser hatte bis zuletzt nicht geglaubt, dass der Großvater tatsächlich so weit gehen würde, seine eigene kleine Enkelin auspeitschen zu lassen, und warf sich im letzten Moment über das Kind, um den Schlag abzufangen.
Der Graf, völlig bar jeder Beherrschung, ließ die Peitsche immer und immer wieder niedersausen, während Nikolai über die Kleine gekauert dahockte, sie fest in den Armen hielt und sie mit seinem Körper vor den Schlägen schützte, die nicht nur sein leinenes Hemd, sondern auch seine Haut aufrissen und ihm tief ins Fleisch schnitten. Der Gutsherr ließ erst erschöpft von den beiden ab, als er sich völlig verausgabt hatte. Er warf die Peitsche weg, wandte sich ab und sah sich seiner Tochter gegenüber, die neben ihrem fremdländisch aussehenden Diener stand und fassungslos auf die Szene starrte. Sie warf ihrem Vater einen verächtlichen Blick zu, schob ihn zur Seite und beugte sich zu Nikolai hinunter, der die Kleine immer noch mit seinen Armen umschlossen hielt, die Lippen fest aufeinander gepresst, um jeden Laut der Pein zu ersticken. Er richtete sich erst langsam und voller Schmerzen auf, als die Mutter mit Tränen in den Augen nach ihrem Kind griff und es an sich zog. Sie sprach kein Wort, sah ihn nur lange an und ging dann mit ihrer kleinen Tochter in den Armen fort.
Ihn selbst fasste der bronzehäutige Mann, der sein schwarzes Haar hinter dem Kopf zusammengebunden hatte, vorsichtig am Arm, stützte den Schmerzgekrümmten und führte ihn fort in den Stall, über dem die kleine Kammer lag, in der Nikolai sein Lager hatte. Er half ihm, die Leiter hinaufzusteigen, zog ihm das zerfetzte, blutige Hemd vom Leib und ließ ihn wieder alleine. Nikolai kauerte sich vor dem Bett nieder, krallte die Finger in die raue Decke und kämpfte gegen den brennenden Schmerz an, der seinen ganzen Körper erfasst hatte und ihn glauben ließ, jedes Fleckchen seiner Haut wäre wund.
Er war gerade dabei, heftige Flüche zwischen seinen Zähnen hervorzustoßen, als der Mann mit einer Schüssel Wasser und einem Tiegel wieder zurückkehrte und ihm in dieser fremden Sprache bedeutete, sich auf das Bett zu legen. Nikolai stöhnte unterdrückt auf, als der andere mit sanften, sicheren Bewegungen seine Wunden reinigte und dann vorsichtig etwas von der Salbe, die er mitgebracht hatte, verteilte. Er murmelte dabei ununterbrochen etwas Unverständliches, hockte sich, als er fertig war, neben Nikolai hin und drehte dessen Kopf so, dass er ihn ansehen musste. Er lächelte, hielt ihm die Innenseite seiner flachen Hand hin und führte diese dann an sein Herz. Dann stand er auf, nickte ihm noch einmal zu und verschwand fast lautlos.
Nikolai legte erschöpft den Kopf auf den Strohsack, der ihm als Polster diente, und empfand mit Erleichterung, wie die Schmerzen offensichtlich durch die Salbe, die ihm der Fremde aufgelegt hatte, schwächer wurden. Als er die Augen schloss, sah er wieder das harte Gesicht des Grafen vor sich, der in seinem Zorn nicht einmal davor zurückgeschreckt war, seine kleine Enkelin ebenfalls zu züchtigen, nur weil diese es gewagt hatte, sich seinem Befehl zu widersetzen. Er fühlte einen unendlichen Hass auf diesen Mann in sich aufsteigen, der stärker war als die Schmerzen selbst, und wünschte, ihm diese Tat mit Zins und Zinseszins vergelten zu können.
Er hatte nicht gehört, dass jemand leise die Leiter hinaufgeklettert war, und zuckte zusammen, als er eine leichte Berührung an seiner Hand spürte. Als er die Augen öffnete, sah er die Kleine vor sich auf dem Boden knien. Er zog die Augenbrauen zusammen, wollte sie fortjagen, aber sie kroch ein bisschen näher, nahm seine Hand, schmiegte die weiche Wange in die raue Handinnenfläche und begann zu weinen. Vollkommen lautlos, er erkannte es nur an den Tränen, die durch seine Finger und über ihre Wangen liefen, und an den unterdrückten Schluchzern, die den mageren kleinen Körper schüttelten. Er richtete sich ungeachtet seiner Schmerzen etwas auf, zog sie näher an sich heran und streichelte tröstend über ihr lockiges Haar, das sich so weich und seidig anfühlte.
Von diesem Tag an liebte er dieses kleine Mädchen ebenso sehr wie er ihren Großvater verabscheute.

Und jetzt stand sie hier, unter seinem Fenster auf der Straße. „Katharina Duvallier“, murmelte er vor sich hin.
Sue-Ellen, seine Geliebte, die er vor knapp einem Jahr in einer der Nobelbars kennengelernt hatte und seitdem aushielt, trat neben ihn, um ebenfalls auf die Straße zu sehen. „Ja, tatsächlich. Das ist sie. Die ganze Stadt spricht schon von ihr.“
Sie musterte die Frau, die sich jetzt nach ihrem Ridikül bückte, das ihr bei dem Gespräch aus der Hand gefallen war, und sich verlegen wieder eine lose Haarsträhne unter den Hut schob. „Arme kleine graue Maus“, sagte sie fast mitleidig. „So wie das Mädchen aussieht, bekommt sie nie die reiche Partie, die sie sich hier erhofft hat. Wenn sie wenigstens jünger wäre, dann könnte man vielleicht noch etwas aus ihr machen, aber so? Solche armen Dinger müssen schon einen reichen Vater haben, um unter die Haube zu kommen.“
Nikolai sah sie scharf an. „Was soll das heißen?“
Sue-Ellen lächelte ihn an, wobei sie mit der Schnur ihres halb geöffneten, schwarzroten Spitzenmieders spielte. „Sag bloß, du hast noch nicht davon gehört – die ganze Stadt spricht doch von nichts anderem! Die graue Maus ist hier, um sich unter den vielen Neureichen der Stadt einen Mann zu suchen, der die Finanzen ihres Daddys ein wenig auffrischt.“ Sie blickte wieder aus dem Fenster. „Aber ich fürchte, da hilft nicht einmal der adelige Stammbaum etwas ... Obwohl, dieser Derek Simmons scheint ganz begeistert von ihr zu sein, … wenn sie es richtig anstellt, ist das wohl ihre große Chance, einen reichen Mann zu bekommen.“
„Wie reich müsste er denn sein?“, fragte er möglichst beiläufig, während er kaum den Blick von der jungen Frau auf der Straße wenden konnte.
Sue-Ellen zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, angeblich hat der alte Herr Schulden von zwanzigtausend Dollar oder sogar noch etwas mehr.“ Sie legte die Hand auf seine Wange und drehte sein Gesicht zu ihr. „Aber lass sie doch. Weshalb sollte dich schon solch ein dürres, unscheinbares Ding interessieren? Sieh lieber mich an.“ Sie trat so dicht an ihn heran, dass ihre vorwitzig über den Rand des Mieders lugenden Brustspitzen seine bloße Brust berührten, nahm seine Hand und legte sie auf ihre runde Hüfte. „Du hast mich sicherlich nicht in deiner Mittagspause aufgesucht, um über diese graue Maus zu sprechen, oder?“ Sie war bis auf das Mieder nackt und Nikolai streichelte geistesabwesend über die weiche Haut.
‚Zwanzigtausend’, dachte er, und ein kaltes Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er der schlanken Frau nachsah, die sich soeben von dem dicklichen Mann verabschiedet hatte und in Begleitung der blonden Schönheit davonging. ‚Um dieses Geld werde ich sie bekommen. Und dieser Simmons, der gestern Abend schon um sie herumgeschlichen ist, soll zum Teufel gehen.’
Als er sich wieder seiner Freundin zuwandte, sah ihn diese prüfend an. „Ich glaube, ich will jetzt besser nicht wissen, was soeben in deinem Kopf vorgeht, Nicki.“
Er verzog ironisch den Mund. „Ich dachte nur gerade daran, wie sich doch die Zeiten geändert haben.“
Sekundenlang wurde Sue’s Blick unsicher. „Du gefällst mir heute gar nicht, Nickie. Du bist so fremd. Ist etwas geschehen?“
Er ließ seinen Blick von ihrem vollen roten Mund, der deutliche Anzeichen von Farbe aufwies, abwärts gleiten, über ihren Hals mit diesen reizenden Grübchen links und rechts, die ihm neben ihrem nachtschwarzen Haar, bei dem sie allerdings ebenfalls der Natur nachgeholfen hatte, zuerst an ihr aufgefallen waren. Statt einer Antwort legte er seine Hand so unter ihre rechte Brust, dass diese aus dem Mieder quoll, beugte sich hinab, nahm die leicht aufstehende Spitze in den Mund und sog daran, bis sie zwischen seinen Lippen hart wurde. Sue-Ellen hatte erregend dunkle und große Brustwarzen, die geradezu dazu geschaffen zu sein schienen, einem Mann Lust zu bereiten. Ihre großen Brüste und deren aufreizende Spitzen waren das Zweite an ihr gewesen, das sein dauerhaftes Interesse an ihr erweckt hatte. Bevor er ihre weiteren, nicht unerheblichen Qualitäten zu schätzen gelernt hatte.

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