Die Sklavin des Römers

Erschienen: 09/2014

Genre: Historical Romance

Location: Italien, Rom

Seitenanzahl: 224

Buchtrailer: Ansehen

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-125-1
ebook: 978-3-86495-126-8

Preis:
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ebook: 6,99 €[D]

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Die Sklavin des Römers


Inhaltsangabe

Rom in der Antike: Auf dem Besuch eines Marktes ersteigert der wohlhabende Patrizier Silvanus nebenbei eine schöne Sklavin, die dort von einem Sklavenhändler angeboten wird, und schnappt sie dem finsteren Berkant vor der Nase weg, der fortan Rachepläne gegen Silvanus schmiedet.

Die Sklavin Marcella erwartet, dass sie künftig als Haus- oder Feldsklavin auf Silvanus' luxuriösem Anwesen arbeiten soll, aber Silvanus hat Marcella als seine persönliche Liebesdienerin ersteigert. Die unerfahrene Sklavin verfällt ihrem attraktiven Besitzer und dessen leidenschaftlichen Liebeskünsten. Silvanus und Marcella verlieren sich in ungezügelter Leidenschaft, doch wird Silvanus für seine Lustsklavin allen gesellschaftlichen Regeln trotzen?

Über die Autorin

Jacqueline Greven, Jahrgang 1965, wurde in der Festspielstadt Bayreuth geboren und zog als junge Frau für etwa 16 Jahre nach Hof. Mittlerweile ist sie mit ihren beiden Töchtern in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. 

Schon mit 13 Jahren hatte sie den Wunsch, eines...

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Leseprobe

Marcella stand barfuß auf dem hölzernen Podium, zu dem seitlich eine Stiege mit vier Stufen hinaufführte. Hinter ihr befand sich die Mauer einer Basilika, um sie herum drängten sich Männer und Frauen, größtenteils in Lumpen gehüllt, die nur das Nötigste bedeckten. Die Sonne stand beinahe senkrecht am Himmel, und Marcella versuchte, in dem schmalen Streifen Schatten, den die Mauer warf, ihre helle zarte Haut vor den gleißenden Strahlen zu schützen.

Lärmende Menschenmassen tummelten sich zwischen den Ständen des Marktes, um Obst, Käse, Honig oder Oliven zu erstehen, sich zu unterhalten oder ein wenig umzusehen.

Ein schwarz gekleideter Römer schob einen mageren Jungen...

...die wenigen Stufen zu dem Holzboden hoch, wodurch das Gedränge auf dem Sklavenstand noch größer wurde. Eine schwielige Hand packte Marcella am Arm und zerrte sie nach vorn.

„Was versteckst du dich?“, zischte Silur und drückte grob die Finger in ihre Haut. Silur war Theodoras Erbe, und Theodora, ihre Herrin, die herzensgute Seele, war nicht mehr. „Mach, dass du nach vorne kommst. Ich will hier nicht den ganzen Tag stehen.“

„Wegen mir musst du gar nicht hier stehen!“, fauchte Marcella. Sie sah auf den kleinen dicken Mann hinunter, der ihr gerade bis zur Schulter ging. Auf seiner fleckigen Glatze, die von struppigem, schwarzem Haar umrahmt wurde, glitzerten unzählige Schweißtröpfchen. Sein schmuddliges Leinenhemd spannte über den Schultern, und er verströmte einen üblen Geruch, als habe er wochenlang kein Badehaus mehr von innen gesehen.

„Theodora wollte mich freilassen, und du weißt das“, fuhr sie aufgebracht fort und versuchte vergeblich, sich seinem Griff zu entwinden.

„Schweig! Meine Schwester ist tot, und ich bin ihr Erbe. Damit bist du in meinen Besitz übergegangen, und du wirst mir gutes Geld einbringen. Wie käme ich dazu, dich laufen zu lassen? Schön dämlich müsste ich sein.“

Derb stieß er sie bis zum Rand des Podestes. Marcella hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Flüchtig ging ihr durch den Kopf, dass Silur einige Denare Abstriche machen musste, wenn sie auf den staubigen Lehmboden des Marktplatzes stürzte, sich das Kleid zerriss und Hände und Knie aufschlug, und sie hatte große Lust, sich fallen zu lassen. 

In diesem Moment trat ein dicker alter Mann dicht an den Holzboden heran. Sein Bauchumfang erinnerte sie an ein Weinfass, und auch er hatte sehr wenige Haare auf dem Kopf.

„Werter Dominus, was wollt Ihr für die Rothaarige?“, schnaufte der Dicke. Seine aufgedunsenen Wangen hatten rote und lila Flecke. Seine winzigen schwarzen Augen funkelten begierig.

„700 Denare sind das Mindeste“, schnarrte Silur. 

„700? Seid Ihr noch bei Trost? Es gibt andere für 500 Denare!“

„Keine solche! Es steht Euch frei, Euch umzusehen!“, beharrte Silur. 

Der Dicke streckte die Hand aus und berührte Marcellas nackten Fuß, den sie hastig zurückzog. Auf seinen wurstigen Fingern sprossen schwarze Haare und unter seinen Nägeln saß Dreck. Ein Schauder überkam sie.

„Pah! Was kann sie?“, keuchte er. Sein Blick eilte flink über ihren Körper und blieb viel zu lange an ihren Brüsten hängen.

„Was Ihr wollt. Und was sie nicht kann, kann sie lernen. 750 Denare!“ Silur hatte die Stimme erhoben. 

Marcella wurde es trotz der Hitze kalt. Nein! So lüstern wie der Dicke aussah, sollte sie bestimmt nicht auf dem Feld oder in der Küche arbeiten.

„Silur“, flüsterte sie hektisch. „Nicht. Verkauf mich nicht an ihn, bitte!“ 

„Schweig!“, fuhr er sie erneut an, ohne den Blick zu ihr zu wenden. 

Ein hagerer Römer bahnte sich den Weg durch die Menge. Trotz seiner Paenula ahnte man, wie knochig seine Gestalt war. Die Kapuze des schwarzen Gewandes hatte er über den Kopf gezogen, sodass von seinem Gesicht kaum etwas zu erkennen war. Unter dem Saum des knielangen Mantels stachen sehnige Beine hervor, und seine Füße steckten in Caligae. Der Mann schob seine Kapuze ein Stück nach hinten. Neues Entsetzen fuhr Marcella in sämtliche Glieder. Sie sah in ein hageres Gesicht mit finsterer Miene, tiefbrauner Haut, spitzer Nase und spitzem Kinn. Staub und Sand schienen sich in ihrem Mund und ihrer Kehle zu sammeln. Seine Augen waren stahlgrau, und sein Blick schien sie zu durchbohren. Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte sie. War er ein Wegelagerer? Wie schrecklich! Ein Bewerber war schlimmer als der andere. Konnte sie sich nicht einfach in Luft auflösen? Warum stürzte der Holzboden unter ihr nicht ein und verschlang sie? 

„Was sagtet Ihr, wollt Ihr für sie haben?“, erkundigte sich der Mann, wobei er die schmalen Lippen kaum auseinanderbrachte.

„900 Denare“, beeilte sich Silur zu verlangen. 

Marcella bohrte die Fingernägel in die Handballen. Hatte Silur denn keinen Funken Mitgefühl im Leib? Wie konnte er mit diesem Banditen überhaupt in Verhandlung gehen!

„900? Eben hörte ich doch etwas von 700?“ Der Römer taxierte Silur mit scharfem Blick. 

„Ihr müsst Euch verhört haben“, protestierte Silur und zerrte an Marcellas Arm. „Wollt Ihr Sie genauer ansehen? Möchtet Ihr, dass wir zu Euch hinunter kommen?“

Marcella kämpfte mit Tränen der Wut und Hilflosigkeit. Am liebsten hätte sie laut geschrien und um sich getreten.

„Sie soll sich herunterbeugen“, verlangte der Kapuzenmann. 

„Tu, was er verlangt“, zischte Silur. 

Alles in ihr wehrte sich. Dennoch beugte sie sich ein kleines Stück vor. Ihre langen roten Haare glitten über ihre Schultern und hingen wie ein Vorhang links und rechts ihrer Wangen herunter. Der Wegelagerer griff nach einer dicken Strähne und betastete sie mit dürren Fingern, deren Nägel gelb und dick verhornt waren. Verzweifelt sah sie über seinen Kopf hinweg und versuchte, seine prüfenden Berührungen zu ignorieren. Auf dem Markt vor ihr pulsierte das Leben, die Besucher tummelten sich zwischen den Ständen, anscheinend alle ausgeglichen und guter Stimmung. Ihr Leben dagegen versank in Schmutz und Erniedrigung. Marcella konzentrierte sich auf die bunten Gewänder des Publikums und das fröhliche Treiben. Nichts denken, am besten nichts denken, redete sie sich ein. Sie hatte ohnehin keine Wahl. 

Ein stattlicher Römer, bekleidet mit einem honigfarbenen Gewand, schritt durch die Menge und näherte sich dem Sklavenstand. Die Leute machten ihm Platz, ohne dass er etwas dazu tun musste. Vielleicht lag es an seiner aufrechten Haltung. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus. Vier Männer, möglicherweise seine Bediensteten, folgten ihm. Einige Armlängen hinter dem Wegelagerer blieb der Mann stehen. Marcella richtete sich auf, obwohl weder Silur noch der Ganove dies genehmigt hatten. Ihr Blick kreuzte sich mit dem des neu hinzugekommen Römers. Er war in ihren Augen ungeheuer attraktiv. Sein Gesicht hatte ebenmäßige Züge, kantig und sehr männlich. Dichtes schwarzes Haar schmiegte sich in Wellen um seinen Kopf und glänzte im Licht der Sonne. Seine dunkelbraunen Augen betrachteten sie voller Interesse. In ihrer Brust begann es zu flattern. Bestimmt brauchte er eine Sklavin. Nur deswegen war er zum Sklavenstand gekommen, abseits von den Händlern, die Wein, Öl und dergleichen anboten. Mit ihm wäre sie gern mitgegangen. Lieber zumindest als mit den anderen beiden Männern. Ob er sie auch ohne Worte verstand? Nur indem sie ihn ansah?

„Für 700 Denare nehm ich sie“, sagte der Wegelagerer zu Silur. 

Silur rang nach Luft. „900! Mein Angebot! Seht Sie Euch an. Sie ist jung und gesund …“

„750“, ging der Dicke dazwischen. Unter seinen Armen hatten sich Schweißflecken gebildet.

„750! Wollt Ihr mich ruinieren? Ich muss auch von etwas leben. Zu Hause hab ich Frau und Kinder“, begann Silur zu jammern. 

„3000 Denare.“ Der attraktive Römer hatte gut verständlich, jedoch nicht zu laut gesprochen. Die Gespräche ringsum verstummten, und die Blicke der Anwesenden trafen erst ihn, dann Marcella. Silurs Gesicht lief rot an. In Marcella begann etwas zu hüpfen, doch noch wagte sie nicht aufzuatmen.

„Seid Ihr einverstanden? Oder hat es Euch die Sprache verschlagen?“ Der Fremde fragte ruhig und mit wohlklingender Stimme.

„Ich … Ja, sicher. Natürlich!“ Silur stotterte und zerrte am Kragen seines Leinenhemdes.

„Was fällt Euch ein!“ Der Wegelagerer fuhr herum und griff unter seinen Mantel. 

Marcella erschrak. Sie meinte, durch den Stoff die Konturen eines Gladius’ zu erkennen. Der attraktive Fremde blieb ruhig.

„Es steht Euch frei, das Angebot zu erhöhen“, erwiderte er höflich.

„Seid Ihr noch bei Trost? Solch eine Summe für eine Sklavin?“ Noch immer hielt der andere seine Hand unter seinem Umhang auf Höhe der Hüfte.

„Was ist? Erhöht Ihr?“, erkundigte sich der attraktive Fremde. 

Der Wegelagerer machte mit der flachen Hand auf der Höhe seiner Kehle eine zornige Bewegung, als wollte er dem Konkurrenten dieselbe durchschneiden, spuckte ihm vor die Füße und lief mit ausholenden Schritten davon. Auch der kleine dicke Römer, dessen Schweißflecken unter den Armen zunehmend an Fläche gewannen, ging achselzuckend seiner Wege.

„Dann sind wir uns einig?“, wandte sich der Fremde an Silur.

„Selbstverständlich, werter Dominus. Ihr werdet es nicht bereuen. Sicher werdet Ihr lange Zeit Freude an Eurem neuen Besitz haben.“ Silur sprach hektisch. Mittlerweile hatte er sogar ihren Arm losgelassen. Dennoch spürte Marcella noch immer den Druck seiner Finger. 

Der Römer sah über die Schulter. „Nevio, sorge bitte dafür, dass der Händler entlohnt wird, und kümmere dich um unseren Neuzugang“, sagte er. „Ihr könnt hernach am Eingang des Marktes auf uns warten. Magnus, du begleitest mich, damit wir unsere Einkäufe fortsetzen können.“

Der Sklave, den er mit „Nevio“ angesprochen hatte, wandte sich an zwei der Untergebenen, die zu der kleinen Gruppe gehörten.

„Geht zurück zur Sänfte und holt die vereinbarte Summe“, wies er sie an. „Beeilt euch!“ 

Die beiden Männer nickten und setzten sich in Bewegung. Übertrieben schnell liefen sie jedoch nicht.

Der Römer wandte sich wieder Marcella zu.

„Es wird nicht mehr lange dauern“, versicherte er und streckte die Arme nach ihr aus.

„Komm. Ich hebe dich herunter. Wenn du springst, verletzt du dich vielleicht, und zur Stiege ist kein Durchkommen.“

Sie beugte sich vor und legte scheu ihre Hände auf die Schultern ihres neuen Herrn. Er umfasste ihre Taille und hob sie mit leichtem Schwung zu sich herunter. Obwohl es sehr schnell ging, spürte sie seinen festen Körper durch sämtliche Stoffe, und für einen Wimpernschlag berührte ihre Wange die seine. 

„Wie heißt du?“, fragte der Fremde, ohne seine Hände von ihr zu nehmen. Die Wärme seiner Finger drang durch ihre helle Tunika, die an einer Schulter von einer Spange gehalten wurde. Die andere Schulter war nackt, nur ihr langes Haar schützte ihre zarte Haut ein wenig vor der Mittagssonne.

„Marcella Antonia“, beantwortete sie leise seine Frage. 

„Marcella Antonia“, wiederholte er, und in seiner Stimme lag ein Lächeln. 

„Ich bin Silvanus Marius Antonius. Du wirst mit Nevio am Ausgang des Marktes auf mich warten, sowie dein Besitzer entlohnt ist. Nevio sorgt für eine kleine Erfrischung. Es wird noch ein wenig dauern, bis wir wieder in der Villa urbana sind.“

Er löste die Hände von ihr und ging in aufrechter Haltung und mit festen Schritten davon. Hinter ihm lief der Sklave, den er „Magnus“ genannt hatte. 

Marcella wandte sich zu Nevio, der abwartend und mit unbewegter Miene auf Armeslänge hinter ihr stand. 

„Ich bin Marcella“, wiederholte sie, verlegen und unsicher. 

Nevio nickte. „Hab es gehört“, brummte er.

Aus den Augenwinkeln sah sie die beiden Sklaven zurückkommen, die geschickt worden waren, die vereinbarte Summe zu holen. Sie trugen eine kleine Truhe zwischen sich, an der sie recht zu schleppen hatten. Nun ja, 3000 Denare hatten eben ihr Gewicht. Nevio gab den Männern ein Zeichen, Silur die Kiste zu übergeben. Eilig öffnete der Sklavenhändler den Deckel und zählte nach. Marcella sah seine wulstigen Fingern zittern vor Gier.

„Gehen wir“, vernahm sie Nevios Stimme.

Befangen folgte sie ihm. Der Sklave schlurfte vor ihr zwischen den Ständen durch, der Saum seines bodenlangen Gewandes wirbelte lehmigen Staub auf, und immer wieder lugten seine Füße unter dem Stoff hervor, die in geschnürten Sandalen steckten. Nevio erstand bei einem Händler einen Krug Wasser und gab ihn Marcella, die durstig trank. Obwohl der Tag so warm war, hatte Silur jede Münze gespart und keine Erfrischung erworben.

„Nun warten wir auf den Herrn“, ließ Nevio sie, nachdem sie ausgetrunken hatte, wissen. Er zeigte zu einer Ansammlung knorriger Feigenbäume am Rande des Marktes. In deren Schatten entdeckte Marcella eine kleine Sänfte. Sie sah sehr kostbar aus und war mit roten, blauen und goldenen Ornamenten bemalt. Marcella wickelte eine Strähne ihrer langen roten Haare, die bis auf ihre Hüften fielen, um ihre Finger.

„Bei der Sänfte?“, fragte sie zögernd.

„Bei der Sänfte“, bestätigte Nevio. 

Nun gut. Nevio war der Sklave ihres neuen Herrn, und sie musste sich fügen, obwohl sie sich vorstellen konnte, dass der Besitzer des Beförderungsmittels verärgert sein würde, wenn sich zwei fremde Untertanen in der Nähe des kostbaren Gefährtes herumdrückten. Überhaupt hatte sie noch nie eine Sänfte genauer ansehen können. Schließlich besaßen nur ganz wenige reiche Leute solch ein Transportmittel, zumal es verboten war, tagsüber die überfüllten Straßen und Gassen Roms anders als zu Fuß zu nutzen. Aber letzten Endes wurde die Sänfte ja von Sklaven getragen, und somit wurde die Anordnung, die Straßen von Fuhrwerken freizuhalten, umgangen. Sie näherten sich den Bäumen, und Marcella bemerkte vier Sklaven, die sich darunter in den Schatten gesetzt hatten. Alle vier trugen einen hellen Lendenschurz und ein Tuch in gleicher Farbe, das schräg über die nackten Oberkörper gebunden war. Die Füße steckten in geschnürten Caligae. Die Sklaven nickten ihnen zu, und Nevio wies Marcella einen Platz ein wenig abseits der Männer zu. Neugierig musterte sie die Sänfte. Zu gern wollte sie sie genauer betrachten. Auf Nevios sonnengegerbtem Gesicht erschien ein schwaches Grinsen.

„Sieh sie dir ruhig an“, forderte er sie auf.

Sie schüttelte den Kopf. „Lieber nicht.“

Der Sklave zuckte mit den Schultern, hockte sich schwerfällig auf den Boden, wobei er leise stöhnte und sich an den Rücken fasste. Sowie er saß, begann er Grashalme abzuzupfen, die er zu einem Häufchen aufschichtete. Marcella kauerte sich in einigem Abstand neben ihn. Nevio war offensichtlich völlig in seine Beschäftigung versunken. Sie hätte sich gern mit ihm unterhalten, um etwas über ihren neuen Herrn zu erfahren, doch schweigsam, wie der Mann sich gab, begnügte sie sich damit zu warten. Sie rutschte ein Stück nach hinten, lehnte sich an den Baumstamm, der ihr am nächsten war, und dachte an Silur, der mehr als nur ein gutes Geschäft mit ihr gemacht hatte. 3000 Denare. Das war eine unglaubliche Summe, die der attraktive Mann für sie geboten und gezahlt hatte. Er hatte diesen stattlichen Betrag beibringen können, als handele es sich um ein paar einzelne Kupferasse. Das hässliche Gesicht des Wegelagerers und der schwitzende Dicke mit seinem gierig glitzernden Blick fielen ihr wieder ein, und ein Frösteln durchlief sie. Welch ein Glück, dass ihr neuer Besitzer gerade noch im rechten Moment gekommen und dazwischengegangen war. Marcella lehnte den Kopf an die raue Rinde des Stammes. Langsam löste sich die Anspannung des Tages, auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie ihre Zukunft aussehen würde. Sie wurde müde. Ihr wollten gerade die Augen zufallen, als sie, noch ein gutes Stück entfernt, den Mann kommen sah, dem sie ab sofort dienen musste. Nevio rappelte sich auf, stand zunächst leicht schief, als schmerzte ihm der Rücken, und klopfte Staub und Gras von seinem Gewand, ehe er sich ganz aufrichtete. Marcella, die sich ebenfalls erhob, fragte sich einerseits, welche Probleme er mit dem Rücken hatte, und andererseits, wie er die Ankunft seines Herrn bemerkt hatte, so vertieft, wie er in sein Tun gewesen war. Silvanus und der Sklave hinter ihm näherten sich zügig. Der Sklave schleppte im Nacken, abgestützt auf den Schultern, einen dicken Ast, an dem mehrere Amphoren hingen. Sein Gesicht war gerötet. Offensichtlich trug er schwer an seiner Last. Nevio eilte ihm ohne Anweisung zu Hilfe und schulterte ein Ende des Astes, wobei er sich jetzt gerade hielt und keine Miene verzog. Silvanus blieb vor Marcella stehen.

„Nun, hast du dich ein wenig erholt?“, fragte er, und wieder fiel ihr auf, wie genau er sie betrachtete. In seinen dunkelbraunen Augen sah sie Wärme und Herzlichkeit, auf seinem Gesicht lag ein Lächeln.

„Ja, danke“, erwiderte sie artig.

„Gut. Dann wollen wir zusehen, dass wir in die Villa urbana kommen, damit du dein zukünftiges Heim kennenlernst. Du darfst mir auf dem Weg Gesellschaft leisten“, sagte er und ging voran zur Sänfte. Für einen Augenblick verschlug es Marcella den Atem. Das edle Gestühl gehörte ihrem Herrn. Und nicht nur das, sie sollte mit ihm darinnen sitzen. Die vier Sklaven, die das kostbare Gefährt bewacht hatten, waren mittlerweile aufgestanden und hatten sich an den herausragenden Stangen, die zum Tragen dienten, positioniert. Silvanus öffnete die schmale Tür an der Seite und machte eine einladende Handbewegung. 

„Mach es dir bequem“, forderte er sie auf, reichte ihr die Hand und half ihr hinein. Sie bezwang ihre Aufregung und stieg ein. Der Innenraum war mit blauem Stoff ausgeschlagen, und auf dem Boden lagen dicke Kissen. Viel Platz gab es nicht, doch für zwei Personen reichte es wohl. Heiße Verlegenheit durchlief sie. Sie würden die Strecke Körper an Körper zurücklegen. Noch während sie, in geduckter Haltung wegen der geringen Raumhöhe, überlegte, wohin sie sich setzen sollte, schob Silvanus sie zu einem der Kissen und nahm daneben Platz. Einer der Sklaven verschloss von außen die Tür. Die Sänfte wurde angehoben, das Gestühl ruckelte, und Marcella, die darauf nicht vorbereitet war, stieß mit ihrem Kopf und ihrer Schulter gegen Silvanus. Noch ehe sie sich entschuldigen konnte, erschien ein Schmunzeln auf seinem Gesicht.

„Keine Sorge, es sind geübte Männer, die uns tragen. Der Stuhl kippt nicht, und auch sonst hat es bisher nie einen Unfall gegeben. Sie werden uns sicher ans Ziel bringen.“

Marcella nickte und zupfte ihr Gewand zurecht. Silvanus’ Bein drückte sich, vom Knie bis zum Gesäß, an ihres, und auch sein Oberarm berührte ihren. Sie spürte seine Wärme, die durch den Stoff seines Umhanges drang, und seine Nähe irritierte sie.

„Gehört Euch die Sänfte?“, fragte sie und musste sich räuspern. Was für eine ungeschickte Frage! Wem sollte sie sonst gehören. Ihre Wangen wurden heiß, und sie sah aus dem winzigen Fenster, das kaum Licht ins Innere ließ.

„Nein. Ich habe sie mir nur ausgeliehen“, erwiderte Silvanus. Obwohl sie ihn nicht ansah, glaubte sie zu hören, dass ihn die Frage amüsierte. 

„Ausgeliehen?“ Jetzt wandte sie den Kopf doch zu ihm, aber sein Gesicht lag im Schatten.

„So ist es“, bestätigte er und klang nun sehr ernst. 

Marcella lehnte sich an das Kissen in ihrem Rücken. Ausgeliehen also. Vielleicht war er gar nicht so vermögend, wie sie geglaubt hatte. Obwohl … es blieben immer noch die 3000 Denare, die er gezahlt hatte wie aus der Gürteltasche. Sie inspizierte ihn so unauffällig wie möglich von der Seite, und ihr Herz klopfte schneller. Er war jung und kräftig, sah gut aus und roch auch gut. Er ging sicher häufig ins Badehaus, vielleicht sogar jeden Tag. Seine Hände waren gepflegt. Körperliche Arbeit verrichtete er sicher nicht. Bestimmt handelte er mit Waren oder Geld. Oder er war ein Gelehrter. Ob sie für ihn als Haussklavin arbeiten sollte? Oder auf dem Feld? Es brannte ihr auf der Zunge, und schließlich konnte sie sich nicht länger zurückhalten.

„Was habt Ihr für Aufgaben für mich?“ Mühsam hielt sie ihre Stimme unter Kontrolle. Sie zitterte vor Aufregung und wusste nicht, warum. Die Sänfte ruckelte in kleinen, gleichmäßigen Bewegungen vor sich hin.

„Nun, es gibt in der Villa urbana reichlich zu tun. Es wird sich etwas finden“, erwiderte Silvanus. 

Marcella schwieg. Mit dieser Auskunft war sie so klug wie zuvor. Der neue Herr war anscheinend ein schweigsamer Mann. Wie schade. Sie hätte gerne mehr von ihm gewusst, und vor allem drängte es sie zu erfahren, weshalb er die beiden schrecklichen Männer auf dem Markt so entschlossen überboten hatte.

„Erzähl mir etwas von dir“, bat ihr Herr unerwartet. 

„Von mir?“ Erstaunt zog sie die Augenbrauen in die Höhe. Vielleicht wollte er sie zu seiner Gesellschaft und Unterhaltung. Auch solche Sklaven sollte es geben, davon hatte sie zumindest gehört.

„Sicher.“ Wieder vernahm sie das Lächeln in seiner Stimme.

„Nun, ich heiße Marcella Antonia.“ Heiß durchlief es sie. Wie dumm von ihr. Das wusste er doch längst. 

„Ich habe bisher für Theodora Helena im Haushalt gearbeitet. Es ging mir sehr gut bei ihr.“ Sie stockte. Plötzlich sah sie die gütige Frau mit den dichten dunklen Haaren, die sie täglich sorgsam um den Kopf gewunden und mit schlichten Nadeln festgesteckt hatte, vor sich. Vor einigen Wochen war sie von einem Fieber gepackt und auf ihr Lager gestreckt worden, ohne wieder aufzustehen. Nach wenigen Tagen hatte sie für immer die Augen geschlossen.

„Und?“, fragte Silvanus behutsam und unterbrach ihre Erinnerungen. 

Marcella schluckte, um ihre zu eng gewordene Kehle freizubekommen. 

„Theodora ist verstorben. Sie … wollte mich freilassen, aber das Fieber war schneller. Silur, ihr Bruder und Erbe, hat alles, was sie besessen hat, zu Geld gemacht. Mich hat er bis zum Schluss aufgehoben.“ Sie fühlte sich unvermittelt schrecklich elend.

„Silur ist der Name deines Sklavenhändlers, nehme ich an?“, erkundigte sich Silvanus mit leiser Stimme. 

Marcella nickte. Plötzlich tropften zwei Tränen auf ihr helles Gewand und hinterließen dunkle Flecken, die sogar im trüben Licht der Sänfte zu sehen waren.

„Du bist sehr traurig, nicht wahr?“, wollte ihr Herr wissen. Er griff unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich. Marcella schniefte. Die Tränen zeichneten feuchte Spuren auf ihre Wangen.

„Theodora war wie eine Mutter für mich. Ich bin zu ihr gekommen, als ich noch ein Baby war. Theodora ist sehr jung Witwe geworden und danach allein geblieben“, murmelte sie. 

Silvanus ließ ihr Kinn nicht los. 

„Ich verstehe“, sagte er sanft, beugte sich vor und berührte mit den Lippen sacht die ihren. Marcella hielt still und wagte kaum zu atmen. Er küsste sie, allein das war unglaublich. Sie war noch nie auf diese Art geküsst worden. Sein Mund war warm und weich. Sanft strich seine Zungenspitze über ihre Lippen, teilte diese und drang in ihren Mund ein. Er schmeckte nach Honig und Zitrone. Sie schloss die Augen, genoss seinen Geschmack, die neue Erfahrung und verlor sich in der warmen, feuchten Zärtlichkeit. Behutsam berührte er ihre Zunge mit der seinen, stupste sie zart an, glitt in kleinen kreisförmigen Bewegungen um sie herum und löste damit heiße Impulse aus, die wohlig durch ihren Körper flossen. Es kribbelte in ihren Gliedern, der Atem wurde ihr knapp, und in ihrem Kopf begann es zu rauschen, während ihr Puls immer schneller ging. 

Silvanus’ freie Hand legte sich auf ihre Hüfte. Er zog sie näher zu sich, streichelte dabei die Rundung und stieß seine Zunge unvermittelt tiefer in ihren Mund. Ein Gefühl zuckte durch ihren Körper, das sie nicht einordnen konnte. Der Wunsch nach mehr. Doch mehr wovon? Nähe, Küsse, Berührungen? Sie konnte nicht denken. Ihre Scham wurde feucht und warm, als hätte Silvanus einen direkten Draht zu ihrer intimsten Stelle gefunden. 

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