Die Beute des Wikingers

Erschienen: 03/2017

Genre: Historical Romance
Zusätzlich: Vanilla

Location: Norwegen, Wikinger


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-298-2
ebook: 978-3-86495-299-9

Preis:
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Die Beute des Wikingers


Inhaltsangabe

Nach einem Überfall auf ein irisches Kloster werden Thorolf Vandilson und seine Männer auf der Heimreise nach Norwegen von einem gegnerischen Wikingerschiff angegriffen. Thorolf meint, Arngrim, den Anführer der Gegner, beim Kampf über Bord gehen zu sehen. Thorolfs Mannschaft ist siegreich und nimmt Beute des anderen Schiffes an sich. An Bord des Wikingerschiffs befindet sich auch eine ebenso schöne wie kratzbürstige junge Frau. Die Marokkanerin Yasha fasziniert Thorolf und er nimmt sie mit nach Norwegen.

Während Yasha der Anziehung ihres wilden nordischen Kriegers erliegt, machen ihr in Thorolfs norwegischem Heimatdorf gleich zwei eifersüchtige Frauen das Leben schwer: Thorolfs ehemalige Geliebte Una sowie seine Schwester Herdis. Und auch von außen droht Gefahr, denn Arngrim hat überlebt und will nicht nur blutige Rache an Thorolf nehmen, sondern auch Yasha erneut erbeuten ...

Über die Autorin

Jacqueline Greven, Jahrgang 1965, wurde in der Festspielstadt Bayreuth geboren und zog als junge Frau für etwa 16 Jahre nach Hof. Mittlerweile ist sie mit ihren beiden Töchtern in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. 

Schon mit 13 Jahren hatte sie den Wunsch, eines...

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Leseprobe

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Die junge Frau neben Thorolf presste die Fäuste vor den Mund. Sie zitterte von Kopf bis Fuß.
„Sieh nicht hin“, befahl Thorolf mit ruhiger Stimme.
Die Frau stand starr und hielt die Augen auf die grässliche Szene gerichtet, über die der Mond sein kaltes Licht schickte. Um die sinkende Hersker Hav trieben die letzten Männer, die sich noch irgendwie über Wasser halten konnten. Ruder und Bretter, Fässer, in denen wohl Getränke und Nahrung gelagert worden waren, und feine Stoffe, die nun für immer vom Atlantik verschluckt wurden, schwammen umher.
Thorolf wandte sich ab. Es war...

...still geworden auf dem Meer und auf der Stolt Skip.
„Setzt das Segel“, befahl er deutlich, aber mit ruhiger Stimme. Er sah hinunter zu seinen Füßen. Nur noch wenig Wasser stand auf den Planken. Offensichtlich war sein Schiff bei dem Zusammenprall doch schadlos davongekommen. Gleichzeitig erkannte er, dass die junge Frau neben ihm barfuß war. Sein Blick wanderte von ihren Füßen über die schlanken Beine, an denen ihr Gewand klebte, über die runden Hüften und den flachen Bauch. Um ihre schmalen Schultern trug sie ein Tuch. Sie hörte nicht auf zu zittern.
„Dir ist kalt, nicht wahr?“, fragte Thorolf.
Sie erwiderte nichts. Stattdessen sah sie noch immer zu dem untergehenden Schiff.
„Verstehst du mich eigentlich?“, fuhr er fort und nahm sie am Arm.
Sie wandte sich ihm zu und entriss ihm gleichzeitig ihren Arm. „Fass mich nicht an!“, stieß sie hervor und trat eilig zwei Schritte nach hinten, wobei sie über ihren eigenen Rocksaum stolperte.
Erneut griff Thorolf nach ihr und konnte gerade noch verhindern, dass sie fiel.
„Du sollst mich nicht anfassen“, schrie sie, trat mit aller Kraft gegen sein Schienbein, versuchte, ihn zu beißen, krallte ihre Finger in seinen Ellbogen und wand sich wie eine Schlange.
„He!“ Er zog sie an sich und schlang beide Arme um sie. „Beruhige dich. Ich tu dir nichts.“
„Lass mich los!“ Hart traf ihn ihr Knie an seiner empfindlichsten Stelle und Thorolf sog scharf die Luft ein.
„Du Luder. Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Mit eisernem Griff hielt er sie fest. Notgedrungen stellte sie ihre Gegenwehr ein. Mit einer schnellen Bewegung drehte er sie um, sodass sie nun mit dem Rücken zu ihm stand. Seine Arme lagen um ihren Leib, dicht unter den vollen Brüsten. Er spürte ihre Wärme durch den nassen Stoff ihres Kleides, ihre zierliche Figur und die abwehrende Anspannung in jeder Faser ihres Körpers. Ihr feuchtes Haar berührte seine Wange. Die runden Backen ihres Pos drückten sich gegen sein Glied.
Für einen Moment durchzuckte ihn der Gedanke, eine Hand unter die vor Nässe klebenden Stoffe ihrer Kleidung zu schieben und die bloße Haut zu fühlen. Im selben Augenblick wurde ihm bewusst, dass seine Mannschaft ihn und die Fremde beobachtete. Sein Blick glitt über die Männer. Er sah lauernde, lüsterne und feixende Mienen. Einzig Snorrason machte einen besorgten und missmutigen Eindruck. Thorolf zog die Stirn in Falten.
„Was ist? Habt ihr nichts zu tun?“, herrschte er seine Leute an.
Einer stieß einen Pfiff aus. „Was machst du mit ihr? Überlass die kleine Furie mir, ich werd sie schon bändigen.“
Grölendes Gelächter erhob sich.
„So wie die sich aufführt, geht ihr gemeinsam über Bord, Svan. Überschätz dich nicht“, rief einer der Männer und lachte laut.
„Ah, halt die Klappe, Olaf. Ich verschwinde mit ihr hinter den Fässern. Wenn wir zurückkommen, ist sie handzahm und gut vorbereitet. Lasst mich nur machen“, lärmte der Nächste. „Dann kann Svan sie haben.“
Erneut gab es lautstarke Lacher von allen Seiten.
„Ihr Idioten“, fuhr Thorolf seine Leute an. „Ihr werdet euch mitsamt euren Trieben gedulden, bis wir wieder in Stavanger sind. Dort warten eure Frauen. Keiner rührt sie an, verstanden?“
Das Gelächter verstummte. Hier und da gab es missmutiges Gebrummel.
„Willst sie selber haben, was, Thorolf?“, rief einer aus der Menge.
Thorolf erkannte die Stimme, obgleich er den Redner nicht sah. Es war Ulf, der gesprochen hatte. Ulf war jung, kräftig und man munkelte, er hätte sein Glück bei fast jeder Frau im Heimatdorf versucht. Abgewiesen wurde er kaum.
„Blödsinn“, erwiderte Thorolf grob. „Holt ein paar von den Kisten, die unter Deck lagern. Leert euere Taschen und gebt alles, was ihr erbeutet habt, dort hinein. Und dann jeder an seine Arbeit. Marsch.“
Widerwillig setzten sich die Männer in Bewegung, füllten die Kisten, verteilten sich an den Rudern, kümmerten sich um das Segel und sammelten die Waffen ein, die vom Kampf auf den Planken lagen. Thorolf hielt die junge Frau noch immer fest, hatte jedoch den Griff schon etwas gelockert. Eskil näherte sich ihnen.
„Was geschieht nun mit ihr?“, erkundigte er sich.
Thorolf zögerte. Er hätte sie ihm übergeben können, damit er sie unter Deck brachte, wo sie sich ausruhen konnte. Doch etwas am Tonfall der beiläufig gestellten Frage störte ihn.
„Wir nehmen sie mit nach Stavanger. Danach muss sie selbst sehen, wie und wo sie unterkommt“, entschied er.
Eskil nickte.
„Ich lass dich jetzt los“, wandte er sich an die junge Frau. „Und dann kommst du mit. Wehe, du führst dich wieder auf. Denk dran, ohne mich wärst du jetzt da unten“, sagte er und zeigte auf das nachtschwarze Wasser des Meeres.
Sie gab keine Antwort, blickte finster und hielt die Arme seitlich eng am Körper. Vorsichtig lockerte er seinen Griff.
„Da lang.“ Er zeigte zu der kleinen Luke, die unter Deck führte, und war beinahe überrascht, als sie gehorsam vorausging.
„Achtung, die Treppe ist ziemlich steil“, warnte er, als sie in den Einstieg schlüpfte. Er hatte Mühe hinterherzukommen, groß und stattlich wie er war, wenn auch keineswegs so massig wie Arngrim Manson. Ein zufriedenes Gefühl machte sich in seinem Bauch breit, denn der Widersacher würde ihm nie mehr in die Quere kommen. Ob das zierliche Persönchen seine Frau gewesen war? Nach Trauer und Verzweiflung wegen seines Untergangs sah sie allerdings nicht aus. Eher, als wäre sie wütend, geschockt und in ständiger Fluchtbereitschaft. Wobei sie hier ja keine Chance zu einer solchen hatte.
„Warte“, ordnete Thorolf an. Er tastete nach dem Brett, das sich rechts vom Einstieg befand. Hier lag ein Feuerschläger, daneben stand eine mit Talg gefüllte Schalenlampe. Er nahm beides.
„Eskil“, rief er. „Entzünde die Lampe.“
Der Angesprochene näherte sich der Einstiegsluke und bückte sich zu ihm hinunter. Thorolf hörte den Atem der jungen Frau vor ihm, die gehorsam zu warten schien. Hier unten war es stockfinster. Eskil kniete auf den feuchten Schiffsplanken und war damit beschäftigt, mithilfe des Feuerschlägers den Holzspan zu entzünden, der im Talg steckte. Ein wenig Geduld war nötig. Endlich leuchtete das kleine Licht auf.
Vorsichtig griff Thorolf nach der Schale und schirmte die flackernde Flamme gegen die Zugluft ab.
„Gut. Wir können“, wandte er sich an die junge Frau.
Zögerlich setzte sie sich in Bewegung. Schwarze Schatten tanzten unruhig über die hölzernen Wände des engen Abstiegs. Die wenigen Stufen endeten vor einem schmalen, niedrigen Gang. Thorolf musste den Kopf einziehen und sogar seine Begleitung konnte nicht ganz aufrecht gehen. Nach ein paar Schritten standen sie vor einer kleinen Tür, die der Frau gerade bis zur Brust reichte. Thorolf beugte sich vor, an ihr vorbei, löste den Haken und zog die Tür auf. Im beengten Innenraum lagerten Taue, Riemen und ein Segel. Er zeigte auf Letzteres.
„Hier kannst du dich hinlegen und ausruhen.“ Aus einer Ecke zerrte er eine Decke aus grober Wolle, warf sie auf das provisorische Lager und bugsierte die junge Frau vorwärts, wobei er deutlich ihren Widerstand spürte. Sie bückte sich und schlüpfte durch den niedrigen Rahmen. Mit einem Fuß schob er einen dickwandigen Holzeimer hinter ihr her.
„Für notwendige Verrichtungen“, brummte er und schloss den Verschlag von außen. Mit der unruhigen Lichtquelle in der Hand stapfte er zurück zur Stiege, wo er die Flamme ausblies. Sorgsam stellte er die Schale wieder an ihren Platz und ging an Deck. Eskil lehnte an der Bordwand und sah über das Meer. Die Nacht war nun vollkommen ruhig.
„Leg dich schlafen“, wies er ihn an. „Ich werde mit Ulf und Svan Wache halten.“
Eskil schüttelte den Kopf. „Ich krieg kein Auge zu, ich merk es genau.“
„Gut, wie du willst. Dann ruhe ich mich ein wenig aus und löse dich später ab“, entschied Thorolf.
Er wandte sich ab, zog aus einer der Kisten, die am Bug gelagert waren, zwei Decken und legte sich nieder. Unter dem gleichmäßigen Schaukeln des Schiffes fiel er zwar rasch in einen leichten Halbschlaf, doch ein Teil seiner Sinne blieb wachsam. Immer wieder schlug er kurz die Augen auf, um sich zu vergewissern, dass alles friedlich war. Ulf stand in der Nähe des Segelmastes, Svan wusste er am Heck. Eskil lehnte noch immer an der Bordwand. Arngrim Manson war mitsamt seiner Mannschaft, der Hersker Hav und seinem Diebesgut auf den Grund des Ozeans gesunken. Schade nur um die herrliche Beute.
Thorolf übermannte der Schlaf. Er wusste nicht, wie lange er eingenickt war, und fuhr plötzlich, wie von einer inneren Stimme alarmiert, in die Höhe. Er lag reglos auf seinem Platz und ließ den Blick über das Schiff gleiten. Ulf und Svan hatten die Plätze getauscht. Eskil war verschwunden. Sein Blick wanderte zu der Luke, die unter Deck führte. Licht flackerte aus der Tiefe empor, spärlich, doch unübersehbar. Thorolf richtete sich auf und schlug seine Decke zurück.
Lautlos und in Sekundenschnelle war er auf den Füßen. Mit raschen Schritten überquerte er die Planken des Bootes und glitt behände den Einstieg hinunter. Vor der Tür zu dem Verschlag, in dem er der jungen Frau ihr Nachtlager zugewiesen hatte, lauerte Eskil. Er hielt die Schalenlampe in der rechten Hand und streckte die linke nach dem Eisenhaken aus, mit dem der kleine Raum verschlossen war.
„Eskil!“, zischte Thorolf wütend und mit gesenkter Stimme. „Was zum Teufel soll das?“
Eskil fuhr herum. Die Lampe flackerte und für einen Moment fürchtete Thorolf, sie könnte die hölzerne Wand streifen und entzünden. Eskil zog grimmig die Stirn in Falten.
„Was fragst du? Warum, glaubst du, will ich um die Zeit eine Frau besuchen? Ulf hat recht, du willst sie für dich haben, nicht wahr?“
„Selbst wenn, was geht es dich an? Ich bin der Boss und habe sie gerettet. Scher dich hoch auf deinen Posten. Wehe, du versuchst es noch einmal! Ich habe gesagt: Niemand rührt sie an! Ist das klar, oder hast du was mit den Ohren?“
Eskil schnaubte.
„Wo ist das Problem? Wir könnten alle was von ihr haben. Wir sind seit zwei Wochen unterwegs. Wir …“
„Wir sind auf der Höhe von Schottland und damit in wenigen Tagen zu Hause. Was seid ihr? Wilde Tiere, oder was? Hau ab, sonst warst du die längste Zeit mit auf Fahrt.“
Er spürte die Empörung, die sich von seinem Bauch aus in alle Glieder ausbreitete. Er hasste Widerworte, und noch mehr hasste er es, wenn einer seiner Männer sich seinen Befehlen widersetzte. Hätte der Erste aus der Mannschaft sich der Schönheit bemächtigt, würden alle zu ihrem vermeintlichen Recht kommen wollen. Das würde zu Tumult und Chaos führen, vielleicht sogar zu Kämpfen unter den eigenen Leuten.
Eskil senkte den Kopf und schnaubte. Thorolf rechnete damit, dass er sein Messer zog, doch der Mann drängte sich nur an ihm vorbei.
„Gib mir die Lampe“, befahl Thorolf mit ruhiger Stimme. Wortlos drückte der andere ihm die Schale in die Hand und trat mit solchem Nachdruck auf die durchgetretenen Stiegen, dass man fürchten musste, sie würden brechen. Doch das Material hielt. Er lauschte an der Tür. Dahinter war es ganz still. Eigentlich war es unmöglich, dass die junge Frau von dem Geschehen nichts mitbekommen hatte. Ob sie furchtsam in einer Ecke kauerte? Oder war sie so erschöpft, dass sie tief und fest schlief? Thorolf hob sacht den Haken aus der Öse, zog die Tür auf und hielt das Licht in den Raum.
Die Frau lag auf der Seite, eine Hand unter die Wange geschoben, und schlief. Ihre Haare fielen in langen lockigen Strähnen über ihre Schulter und die Brust. Das Kleid klebte noch immer feucht an ihrem Körper. Ein wohlgerundetes Gesäß zeichnete sich unter dem Stoff ab, zierliche schlanke Füße lugten unter dem Saum des Kleides hervor. Ihr Mund stand ein winziges Stückchen offen. Ihre Lippen waren voll und schienen weich. Hilflos und verletzlich wirkte sie. Es konnte übel ausgehen, wenn sich die Horde seiner ausgehungerten Männer auf dieses zarte Persönchen stürzte. Vorsichtig schloss er die Tür wieder und blieb nachdenklich in der unbequemen Haltung mit eingezogenem Kopf stehen. Er konnte sich mitsamt seiner Decke oben vor die Luke legen oder gleich die nächste Wache übernehmen.
Doch wenn er seine Runden über das Deck des Schiffes drehte, hatte er den Einstieg nicht beständig im Blick. Sicher schützen konnte er sie nur, wenn er hier unten vor der Tür blieb. Oder eben sich oben vor die Luke hockte, was wohl zu zynischen Bemerkungen und Blicken führen würde. Missgestimmt rieb er sich die Schläfe. Es würde bald hell werden und so lange blieb er jetzt hier unten.

Thorolf erwachte von einem Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch den Einstieg der Luke unter Deck bahnte und ihn mitten ins Gesicht traf. Er wich dem gleißenden Morgenlicht aus und rieb sich die Augen. Von seiner verkrampften Haltung schmerzte ihn jeder Knochen und jeder Muskel. Er stemmte sich in die Höhe und öffnete die Tür zum Verschlag. Die junge Frau war wach. Sie hockte auf ihrem Lager, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und ihr Kinn lag in beiden Händen. Misstrauisch sah sie ihm entgegen.
„Guten Morgen. Gut geschlafen?“, erkundigte sich Thorolf. Diese schreckliche Körperhaltung, ständig mit eingezogenem Kopf, wie ein buckliger Troll, nervte ihn total. Er sehnte sich danach, sich zu voller Größe aufzurichten. Er schlüpfte durch die Tür hindurch und hockte sich ihr gegenüber auf einen Stapel sorgsam gerollter Taue.
„Ich hab dich was gefragt“, setzte er nach, als sie nicht reagierte.
Sie zuckte mit den Schultern und gab noch immer keine Antwort.
„Hast du Hunger?“, fragte er.
Wieder zuckte sie mit den Schultern, wobei sie nun zu Boden blickte.
„Okay. Du willst nicht sprechen. Aber wenigstens deinen Namen kannst du mir doch sagen“, bat er.
„Yasha“, kam es überraschend schnell.
„Yasha, soso. Und weiter?“
„Yasha Asil.“
Thorolf nickte, obgleich sie das kaum sehen konnte. Sie hielt den Blick noch immer zu Boden gerichtet, und das wenige Licht, das in den winzigen Verschlag eindrang, war mehr als trüb.
„Ich bin Thorolf“, teilte er ihr mit und hatte das dumpfe Gefühl, dass er ihr etwas mitteilte, was sie nicht im Geringsten interessierte, denn sie zeigte keine Reaktion. Es ärgerte ihn, doch er entschied, dass sie das nicht wissen musste. Stattdessen stand er auf und hielt ihr eine Hand hin.
„Nein!“, fauchte sie, zog die Beine an den Körper und presste sich gegen die hölzerne Schiffswand.
„Schon gut.“ Thorolf hob beide Hände zum Zeichen dafür, dass er sie nicht anrühren würde. „Ich wollte dich nur mit nach oben nehmen. Du kannst natürlich auch hierbleiben. Ich gehe und besorge dir etwas zu essen.“
Er verließ den Verschlag ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Auf Deck empfingen ihn die Morgensonne und ein klarblauer Himmel. Die Luft war kühl und angenehm. Sacht platschten kleine Wellen gegen das Schiff, das gleichmäßig und aufrecht über den Ozean glitt. Thorolf bemerkte, wie ihn seine Männer musterten, manche mit undurchdringlicher Miene, andere hatten ein anzügliches Grinsen im Gesicht. Eskil kaute auf einem Stück Brotfladen und ignorierte ihn.
Thorolf wandte sich zu den Behältnissen, in denen die Lebensmittel aufbewahrt wurden. Aus einer Kiste entnahm er einen Becher, aus einer anderen holte er Zwieback und getrocknetes Fleisch. Dann wand er sich einem dickbauchigen Fass zu, öffnete den Deckel und schöpfte den Becher voll Mungat. Ohne seine Mannschaft zu beachten, machte er sich auf den Rückweg.
Yasha saß noch immer an die Wand gedrückt, Arme und Beine dicht an den Körper gepresst.
„Hier“, sagte Thorolf und hielt ihr hin, was er mitgebracht hatte.
Yasha musterte ihn misstrauisch, ohne sich zu rühren. Ungehalten legte er Zwieback und Fleisch neben sie, den Becher behielt er in der Hand. Welch ein störrisches Weib! Was hatte er ihr getan, außer sie vor dem Untergang zu retten?
„Meinetwegen kannst du verhungern“, ließ er sie wissen. „Aber ich möchte nichts von den Vorräten verschwenden. Also trink oder ich nehme es wieder mit.“
Unerwartet streckte sie die Hand aus, nahm ihm das Gefäß ab und trank es hastig und in einem Zug aus. Er musterte ihre schlanken Finger, das seidige dunkle Haar, das er zum ersten Mal trocken sah, und ließ den Blick über ihre Figur gleiten. Ihr Kleid war hochgeschlossen, doch der Stoff nicht allzu dick. Er glaubte, die Knospen ihrer vollen Brüste zu erkennen. Yasha leckte sich über die Lippen und in seinen Lenden zuckte es unvermittelt. Blitzartig ging ihm durch den Kopf, die Tür des Verschlages zu schließen. Mit großen dunklen Augen blickte sie zu ihm hoch und reichte ihm den Becher zurück.
„Wenn du mehr willst, musst du mit nach oben kommen“, knurrte er. „Den Laufjungen mache ich nicht für dich.“
Sie nickte, blieb jedoch sitzen und griff nach dem getrockneten Fleisch. Beinahe gierig biss sie hinein. Thorolf setzte sich ihr wieder gegenüber.
„Warum bist du so wütend? War Arngrim dein Mann?“, erkundigte er sich. Vielleicht machte sie ihn für den Verlust der Hersker Hav und ihrer Leute verantwortlich? Doch er war es nicht gewesen, der zuerst angegriffen hat. Der erste Speer, der durch die Nacht geflogen war, war von der Gegenseite gekommen und kurz vor Snorrason in den Planken stecken geblieben.
Heftig schüttelte Yasha den Kopf.
„Nein, nein! Dieser rothaarige Plünderer. Er hat mich geraubt und entführt“, erwiderte sie erbittert.
Thorolf lehnte sich zurück. Immerhin sprach sie jetzt.
„Wo kommst du her?“, wollte er wissen.
Yasha hatte das Fleisch aufgegessen und nahm sich den Zwieback.
„Aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Marokko“, sagte sie.
„Was?“ Überrascht beugte er sich vor. „Und wie kommst du hierher? Ich meine, hier in diese Gegend?“
„Wie wohl?“, fauchte sie wütend. „Dieses Monster hat unser Dorf überfallen und …“ Sie brach ab. Ihre dunklen Augen funkelten und für einen Moment stellte sie das Essen ein. Thorolf stieß einen Pfiff aus. Marokko. Eine unglaubliche Entfernung. Die Hersker Hav musste seit mehreren Monden unterwegs gewesen sein. Manson war offensichtlich nicht normal gewesen, diesen weiten Weg auf sich zu nehmen.
„Sie haben alles mitgenommen, was sie tragen konnten“, fuhr Yasha unvermittelt fort. „Sie haben die Häuser angezündet und jeden niedergemetzelt, der sich ihnen in den Weg gestellt hat. Ich habe versucht, mich zu verstecken, aber es hat überall gebrannt, und ich habe versucht, zu fliehen.“ Sie brach ab.
Er merkte, dass sie zitterte. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper. Den Rest des Zwiebacks hielt sie noch in der Hand. Er sah einen winzigen Krümel des Gebäcks in ihrem Mundwinkel. Es reizte ihn, diesen sacht wegzustreichen, doch er ließ es.
„Weißt du, ob es in deinem Dorf Überlebende gibt?“, erkundigte er sich ruhig.
Yasha wandte den Kopf zur Seite. Durch die offen stehende Tür des Verschlages schob sich das Licht der Morgensonne, hörte man die Wellen des Ozeans sacht gegen die Schiffswände platschen.
„Nein“, stieß sie mit leiser Stimme hervor. „Nein, ich glaube nicht.“
„Das tut mir sehr leid“, brummte Thorolf.
„Was …“ Yasha räusperte sich und setzte neu an. „Was geschieht nun mit mir?“
Er hörte Furcht in ihrer Stimme und betrachtete nachdenklich ihr schmales Gesicht. Erst jetzt, als die Sonne die kleine Kabine erhellte, wurde ihm bewusst, wie sehr sie sich äußerlich von den Frauen unterschied, die er kannte. Die Farbe ihrer Haut war von zartem Braun und erinnerte ihn an soeben geerntete Haselnüsse. Sie schimmerte samtig und hier und da blitzten kleine goldene Reflexe auf ihren Wangen. Ihre vollen Lippen waren ebenmäßig, die dunklen Augen von langen schwarzen Wimpern umrahmt. Die Frauen in seinem Dorf hatten allesamt sehr helle Haut mit Sommersprossen und rote oder blonde Haare. Einige wenige hatten helles braunes Haar. Flüchtig musste er an Una denken und ein winziges unbehagliches Grummeln erwachte in seinem Bauch. Er ignorierte es und zog weitere Vergleiche zu den Frauen der Wikingerstämme. Selbst wenn die meisten schlank waren, so waren sie doch von ganz anderer Statur als Yasha. Yasha erschien ihm irgendwie zerbrechlich, obgleich er vermutete, dass sie ihm, der von beeindruckender Körpergröße war, bis zur Schulter reichte.
In dem Chaos und Gerangel der vergangenen Nacht hatte er auf derlei Dinge nicht wirklich geachtet. Lediglich ihr bleiches Gesicht war ihm aufgefallen, doch das war wohl das Entsetzen gewesen. Sie schlug die Augen nieder, als wollte sie seinem prüfenden Blick entgehen. Ohne dass er verstand warum, löste dieses Verhalten in ihm den Drang aus, sie zu spüren.
Thorolf streckte die Hand aus und strich mit den Fingern über ihre Wange. Ruckartig entzog sie sich ihm. In einer schnellen Bewegung wechselte er den Sitzplatz, hinüber zu ihr, griff nach ihrem Arm und presste seine Lippen auf ihre. Yasha trat und verfehlte ihn, sie wand sich, versuchte, um sich zu schlagen, doch er hielt sie eisern fest. Heftig drehte sie den Kopf weg, sodass sein Mund zu ihrer Wange glitt. Sie zappelte wild und wehrte sich, stumm, aber mit aller Kraft. Ihr widerspenstiges Gebaren heizte sein Verlangen an und sein Geschlecht schwoll an. Er wollte ihre Brüste umfassen, noch lieber wollte er sie bloß legen, die pure Weiblichkeit betrachten, ihre Knospen sehen, mit dem Mund umschließen, mit der Zunge daran spielen und an ihnen saugen bis sie hart wurden. Er knurrte leise und wagte nicht, sie loszulassen. Er legte ein Bein über ihre Oberschenkel, umklammerte ihren Oberkörper und spürte die üppigen Hügel unter dem Stoff. Erneut wollte er sie küssen, als sie plötzlich vorschnellte und ihn in die Unterlippe biss.
„Ah!“, entfuhr es ihm und schon schmeckte er Blut. „Du kleines Biest“, zürnte er und ließ sie nun doch los.
Yasha zittert von Kopf bis Fuß. „Niemand fasst mich an, wenn ich es nicht will!“, keuchte sie. Ihre Wangen glühten und die Hände hielt sie zu Fäusten geballt.
Thorolf fuhr mit dem Handrücken über seine Unterlippe und tastete danach mit den Fingern über die Haut. Sie hatte die Innenseite seiner Lippe verletzt. Er wäre gern wütend auf sie gewesen, doch der kurze Augenblick des Zorns war bereits verflogen. Er rückte ein Stück von ihr ab.
„Wenn du willst, kannst du mit an Deck kommen. Oder den Rest der Reise hier in diesem Verschlag ausharren. Deine Entscheidung.“
Sie reagierte nicht, nur ihre Fäuste lockerten sich.
„Keine Sorge. Niemand wird dich anrühren“, fuhr er fort, und noch während er sprach, fiel ihm ein, dass sie von Eskils Absichten letzte Nacht wohl doch nichts mitbekommen hatte. Misstrauisch sah sie ihn an.
„Ich auch nicht“, knurrte er verärgert.
Behände stand sie auf, schlüpfte durch die niedrige Tür und nahm zügig die ausgetretenen Stufen der Stiege nach oben. Missgelaunt folgte er ihr. Fast schien es, als wollte sie vor ihm fliehen. Nur dass ihr offenbar nicht klar war, dass die Meute der Männer an Bord, die seit Wochen keine Frau mehr gehabt hatten, förmlich danach lechzte, sie zu besitzen.

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